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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

26 May 1904

Theosophische Kosmologie: Erster Vortrag

[ 1 ] Der Zyklus über die Grundelemente der Theosophie, den ich vor einiger Zeit angekündigt habe, wird erst später gehalten werden können, wenn vielleicht mehr Zuspruch sein wird. Ich habe diese Vorträge verschoben und mich entschlossen, die Donnerstage der nächsten Zeit damit auszufüllen, daß ich einiges entwickele über die Kosmologie, die Weltentwicklung, das heißt über die Lehre von der Entstehung der Welt und von der Bildung des Menschen innerhalb dieser Welt im theosophischen Sinne.

[ 2 ] Nun bin ich mir wohl bewußt, daß ich damit eines der allerschwierigsten Kapitel der theosophischen Lehre zu behandeln gedenke, und ich kann Ihnen ja wohl mitteilen, daß man in manchen unserer Logen beschlossen hat, dieses Kapitel vorläufig überhaupt nicht zu behandeln, weil es zu schwierig ist. Dennoch habe ich mich dazu entschlossen, weil ich glaube, daß mit den Andeutungen, die zu geben ich in der Lage bin, manchem doch gedient sein könnte. Wenn wir nun eine so schwierige Sache auch nicht gleich ganz durchdringen können, so werden wir doch immerhin Anregungen erhalten können, die uns zu späterer Zeit dazu dienen können, in diese Materie tiefer einzudringen.

[ 3 ] Diejenigen, die schon längere Zeit in der theosophischen Bewegung stehen, werden wissen, daß die Fragen: Wie ist die Welt eigentlich entstanden? Wie hat sie sich allmählich bis zu dem Zeitpunkt heraufentwickelt, in welchem Wesen solcher Art, wie wir es sind, diese Welt bewohnen können? —, daß diese Fragen zu den allerersten gehören, die in der theosophischen Bewegung behandelt worden sind. Nicht nur eines der ersten Bücher, welche im Abendlande aufmerksam gemacht haben auf die uralten Weltanschauungen, die «Entschleierte Isis» von H. P. Blavatsky, hat solche Weltentstehungs- und -entwicklungsfragen behandelt, sondern auch das Buch, dem wir vielleicht den größten Teil unserer ältesten Anhänger verdanken, der «Esoterische Buddhismus» von Sinnett. Wie bildet sich ein Sonnensystem, wie die Planeten und die Sternengruppen? Wie hat unsere Erde sich entwickelt, welche Stufen hat sie durchgemacht und welche können ihr noch bevorstehen? Das sind Fragen, die in aller Breite in diesem «Esoterischen Buddhismus» behandelt werden. Dann erschien Ende der achtziger Jahre die «Geheimlehre» von Blavatsky, und sie behandelt im ersten Bande wieder die Frage: Wie hat sich das Weltsystem entwickelt? — und im zweiten Bande die Frage: Wie hat sich das Menschengeschlecht innerhalb unserer Erde entwickelt?

[ 4 ] Nun brauche ich nur auf einen einzigen Punkt hinzuweisen, um die ganze Schwierigkeit zu zeigen. Wenn Sie den ersten Band der «Geheimlehre» von Blavatsky aufschlagen, so werden Sie finden, daß dort ein gewisser Teil der Behauptungen, die in dem Sinnettschen «Buddhismus» stehen, als irrig bezeichnet und teilweise richtiggestellt werden. Von den theosophischen Schriftstellern waren diese Dinge zum Teil mißverstanden, zum Teil mißverständlich dargestellt worden. Frau Blavatsky hatte diese Anschauungen daher richtigzustellen. Sie sagte, daß in bezug auf die theosophische Kosmologie eine Art babylonischer Sprachverwirrung bestanden habe und daß sich die führenden Persönlichkeiten [der Theosophischen Gesellschaft] in diesen Fragen durchaus nicht gleich ausgekannt hätten.

[ 5 ] Sie alle wissen, daß die Lehren der «Secret Doctrine», der «Geheimlehre», von großen erhabenen Meistern mitgeteilt worden sind, die unserer Durchschnittsentwicklung weit vorausgeschritten sind. Es war ja schon vor der «Secret Doctrine» ein Buch erschienen, in dem Sinnett, der Verfasser des «Esoterischen Buddhismus», eine Reihe von Briefen eines Mahatmas veröffentlicht hat. Wir sehen daraus die Schwierigkeiten, welche dem Verständnis dieser Geheimlehre entgegenstehen, und wir verstehen, wie diejenigen, die, wie Sinnett und Blavatsky, beflissen waren, diese Lehren entgegenzunehmen, geradezu seufzten unter der Schwierigkeit, die Lehren, die ihnen entgegengebracht wurden, zu verstehen. Oh, so sagte ein Lehrer, ihr, die ihr gewohnt seid, zu begreifen mit einem anderen Verstand, ihr könnt das, was wir zu sagen haben, nicht verstehen, obgleich ihr euch die größte Mühe macht, um es euch zum Verständnis zu bringen. — Wenn wir uns diese Aussage vorhalten, dann müssen uns die Schwierigkeiten vor Augen treten. Überall, wo über Kosmologie vorgetragen wurde, sind mißverständliche Ansichten entstanden. Nun, das ist wohl begründet, so daß ich um einige Nachsicht bitten darf, wenn ich nun versuche, einiges zu dieser Lehre beizutragen.

[ 6 ] Nun möchte ich etwas vorausschicken, was die Stellung der theosophischen Kosmologie zu der heutigen Wissenschaft und ihren Methoden klarlegt. Es könnte ja jemand kommen und sagen: Seht die Fortschritte an, die unsere Astronomen gemacht haben; das verdanken wir den Fernrohren, den mathematischen und den photographischen Methoden, die uns zur Kenntnis von fernen Sternen geführt haben. — Die heutige Wissenschaft mit ihren sorgfältigen Methoden scheint — nach ihrer Meinung — einzig und allein Anspruch zu haben, etwas über die Entwicklung des Weltsystems auszumachen. Sie scheint ein Recht darauf zu haben, zu verpönen, was von andrer Seite über die Entwicklung und Entstehung des Weltsystems gesagt wird. Mancher Astronom wird uns einwenden: Was ihr Theosophen uns da sagt von Kosmologie, das sind ja uralte Lehren, die die Chaldäer oder die Vedenpriester gelehrt haben und die zum ältesten Weisheitsbestand des Menschengeschlechts gehören; aber was kann das für eine Bedeutung haben, was vor Jahrtausenden gesagt worden ist, da doch erst seit Kopernikus die Lehre der Astronomie eine einigermaßen sichere Gestalt erhalten hat. — Also, was im ersten Band der «Geheimlehre» von Blavatsky steht, scheint nur dasjenige zu stören, was uns die mit Fernrohren und so weiter bewaffneten Astronomen klarmachen. Aber der Theosoph muß gar nicht in irgendeinen Widerspruch kommen zu dem, was der Astronom behauptet. Das ist nicht nötig, obgleich es Theosophen gibt, die glauben, die heutige Astronomie bekämpfen zu müssen, um für die eigenen Lehren Platz zu bekommen. Ich weiß sehr gut, daß die führenden Geister der theosophischen Bewegung glauben, die Astronomen belehren zu können. Durch ein einfaches Beispiel wollen wir den Standpunkt der Theosophen gegenüber dem der Astronomen beleuchten.

[ 7 ] Nehmen Sie einen Dichter, an dessen Werk wir uns erfreuen und erbauen. Dieser Dichter wird vielleicht in einer anderen Persönlichkeit einen Biographen finden, und dieser Biograph wird versuchen, uns das Seelisch-Geistige, das der Dichter in seinem Innern hat, begreiflich zu machen und zu erklären. Es gibt aber noch eine andere Betrachtungsmöglichkeit, das ist die physiologische, die naturwissenschaftliche. Nehmen wir an, ein Naturforscher studiert den Dichter. Er studiert natürlich nur die für ihn interessanten physiologischen und physiognomischen Verhältnisse des Dichters; er studiert ihn vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus, und was er sehen und mit dem naturwissenschaftlichen Verstande kombinieren kann, das wird er uns von dem Dichter sagen. Wir als Theosophen würden sagen, der Naturforscher beschreibt und erklärt den Dichter vom Standpunkt des physischen Planes. — Dieser Naturforscher wird Ihnen aber kein Sterbenswörtchen sagen über das, was wir die Biographie des Dichters nennen, über sein Seelisch-Geistiges. So haben wir zwei nebeneinanderlaufende Betrachtungsweisen, die aber durchaus nicht miteinander kollidieren müssen. Warum sollte nicht die naturwissenschaftliche Betrachtung stattfinden und daneben die geistig-seelische Betrachtung und jede in ihrer Art gelten? Das ist ja kein Eingriff des einen in das andere.

[ 8 ] So ist es auch mit der naturwissenschaftlichen Kosmologie, mit dem, was uns unsere Astronomen von dem Weltgebäude und von der Entwicklung des Weltsystems sagen. Sie werden das sagen, was sich den äußeren Sinnen erschließen kann. Daneben ist aber auch eine geistig-seelische Betrachtungsweise möglich, und wenn man das Weltgebäude so erfaßt, dann wird man nie mit der Astronomie kollidieren; beide Betrachtungsweisen werden sich im Gegenteil manchmal stützen, denn sie gehen nebeneinander her, sie sind unabhängig voneinander. Als die naturwissenschaftliche Gehirnphysiologie zum Beispiel noch lange nicht so weit war wie heute, waren doch schon Leute da, die Biographien bedeutender Geister lieferten. Der Astronom kann daher nicht einwenden, daß die okkulte Betrachtungsweise überholt und unmöglich sei, weil Kopernikus die Astronomie auf eine andere Basis gestellt hat. Die okkulten Quellen sind ja ganz andere; sie waren schon lange vorher da, bevor das Auge geschult war, den Himmel durch Fernrohre zu betrachten, und bevor die Photographie soweit war, um Sterne zu photographieren. Die kopernikanische Forschung hat etwas ganz anderes zu sagen als die okkulte Forschung; und die eine Kraft in der menschlichen Seele ist von der anderen durchaus nicht abhängig. Die Kraft, die uns über das Geistig-Seelische Aufschluß gibt, geht so weit zurück, daß kein Geschichtsschreiber uns sagen kann, wo eigentlich diese Art der Betrachtung des Weltgebäudes anfängt. Es ist nicht möglich, ausfindig zu machen, wie die führenden Geister zu diesen okkulten Anschauungen gekommen sind.

[ 9 ] Okkulte Schulen hat es auch in Europa schon vor der Begründung der Theosophischen Gesellschaft im Jahre 1875 gegeben. Allerdings wurde damals das Wissen, von dem wir heute in populärer Weise sprechen, nur in engen Zirkeln mitgeteilt. Es war ein strenges Gesetz, das Wissen nicht über den Bereich dieser Schulen hinaus wirken zu lassen. Wenn man eintreten wollte in eine Schule, so mußte man streng an sich arbeiten, bevor einem die ersten Wahrheiten übermittelt wurden. Man ging durchaus von der Ansicht aus, daß der Mensch sich erst reif machen muß zum Empfang dieser Wahrheiten. Es gab in den Schulen viele Grade, durch die man aufstieg, Prüfungsgrade; und wer als nicht reif genug erkannt wurde, mußte sich weiter vorbereiten. Wenn ich Ihnen diese Grade beschreiben wollte, so würde es Ihnen schwindeln vor der Strenge dieses Weges. Die Dinge über die Weltentwicklung wurden zu den allerwichtigsten gezählt, und erst auf den höchsten Stufen wurden sie den Menschen mitgeteilt. Im 17. Jahrhundert, das einen großen Einfluß auf die Kultur hatte, war dieses Wissen in den Händen der Rosenkreuzerbewegung. Diese ging ursprünglich von morgenländisch-orientalischem Wissen aus, und dieses Wissen wurde damals der europäischen Anhängerschaft in den verschiedensten Graden mitgeteilt. Am Ende des 18. und namentlich zum Beginn des 19. Jahrhunderts verschwanden diese okkulten Schulen aus der Kultur Europas und die letzten Rosenkreuzer zogen sich zurück nach dem Orient. Es war das Zeitalter, in welchem die Menschen die Lebensverhältnisse nach dem äußeren Wissen zu ordnen hatten; die Erfindung der Dampfmaschine, die naturwissenschaftliche Erforschung der Zellen und so weiter kamen herauf. Dabei hatte die okkulte Weisheit nichts mitzusprechen, und diejenigen, welche an der höchsten Spitze dieser Weisheit angelangt waren, die Höchstgraduierten, zogen sich zurück nach dem Orient. Es gab zwar auch später noch okkulte Schulen, doch die können uns jetzt wenig interessieren; ich muß sie aber erwähnen, weil Frau Blavatsky und Herr Sinnett, als ste das kosmologische Wissen aus den buddhistisch-tibetanischen Geheimschulen empfingen, dazumal an die Grundquellen gingen.

[ 10 ] Eine lange geistige Entwicklung in Europa hat das europäische Gehirn, das europäische Denkvermögen so weit gebracht, daß für das Erfassen okkulter Wahrheiten Schwierigkeiten bestanden. Nur noch schwer wurden diese Wahrheiten begriffen. Als nun dieses erste Wissen über die theosophische Kosmologie teils durch den «Esoterischen Buddhismus» und teils durch die «Geheimlehre» in die Öffentlichkeit drang, da horchten die Anhänger der okkulten Schulen auf, und es schien ihnen verkehrt zu sein, daß die strenge Regel, nichts hinausdringen zu lassen über die Grenzen ihrer Schulen, gebrochen worden war. Die Anhänger der theosophischen Bewegung aber wußten, daß es notwendig war, etwas davon mitzuteilen. Die Wissenschaft des Westens konnte aber mit dem Gesagten nichts anfangen, denn niemand war imstande zu prüfen, was Frau Blavatsky und Sinnett geschrieben hatten. Namentlich wußte man nichts anzufangen mit jenem herrlichen kosmologischen Lied, das aus den sogenannten Dzyan-Strophen besteht und den beiden Bänden von Frau Blavatskys «Geheimlehre» vorangestellt ist. Diese Strophen, welche uns die Geschichte des Weltalls erzählen, wurden in bezug auf ihre Echtheit angezweifelt; kein Naturforscher konnte damit etwas anfangen; es schien zunächst allem ins Gesicht zu schlagen, was die europäischen Gelehrten wußten. Es gab einen Forscher, einen Orientalisten, den ich aufs höchste verehre, Max Müller, der in energischer Weise sich für die orientalischen Weisheiten einsetzte. Alles, was an orientalischer Weisheit ihm erreichbar war, ist von Max Müller den Europäern zugänglich gemacht worden. Aber weder Max Müller noch andere europäische Forscher wußten mit dem etwas anzufangen, was Frau Blavatsky verkündete. Es war damals nur die Rede,. das sei reine Phantasie, was in der «Geheimlehre» stehe. Die Gelehrten hatten nämlich in den Büchern der Inder nirgends etwas davon gefunden.

[ 11 ] Frau Blavatsky sagte, daß da, wo sie ihre Geheimnisse her habe, noch große Schätze von alter Literatur lägen, daß jedoch das Allerwichtigste über diese Weisheiten vor den Augen der europäischen Gelehrten verborgen gehalten worden sei. Es wurde ja selbst das Wenige, was davon mitgeteilt werden konnte, wegen der europäischen Denkweise nicht einmal verstanden; es fehlten die Kommentare, die den Schlüssel zum Verständnis enthielten. Die.Bücher, die zeigten, wie die einzelnen Sätze aufgefaßt werden sollten, würden in sorgfältigster Weise von den unterrichteten eingeborenen Tibetanern verwahrt, wenigstens sagte das Frau Blavatsky. Aber auch andere Vorgeschrittene behaupten, daß durch diese Literatur auch geschichtlich bezeugt ist, daß es eine Urweisheit gegeben hat, welche in spirituellen, in geistigen Dingen weit erhaben war über alles dasjenige, was heute die Welt weiß. Die orientalischen Weisen sagen, daß diese Urweisheit in denjenigen Büchern gegeben ist, die sie sorgfältig verwahrt haben, und daß diese Urweisheit uns nicht überliefert worden ist von Menschen unseresgleichen, sondern daß sie von Wesen höherer Art herrührt, daß sie herrührt aus göttlichen Quellen. Von einer göttlichen Urweisheit sprechen die Orientalen. Nun sagte aber Max Müller in einer Vorlesung vor seinen Studenten, die Forschung mache es nicht möglich zu behaupten, daß es eine solche Urweisheit gegeben hat. Darauf sagte ein großer brahmanischer Sanskritgelehrter, als ihm dieses Urteil Max Müllers durch Frau Blavatsky zu Ohren gekommen war: Oh, wäre Max Müller ein Brahmane und könnte ich ihn führen zu einer Tempelstätte, da könnte er sich überzeugen, daß es eine uralte göttliche Weisheit gibt.

[ 12 ] Diejenigen Dinge, die Blavatsky durch die Dzyan-Strophen mitteilt, sind zum Teil aus solchen verborgenen und von ihr erschlossenen Quellen mit geschöpft worden. Wenn Frau Blavatsky diese Strophen selbst erfunden hätte, dann stünden wir nur vor einem noch viel höheren Wunder.

[ 13 ] Wir sind aber nicht darauf angewiesen, die okkulten Mitteilungen über die Weltentstehung aus den alten Schriften zu nehmen. Es gibt im Menschen Kräfte, die ihn befähigen, die Wahrheiten selbst zu schauen und zu erforschen, wenn er diese Kräfte in der richtigen Weise ausbildet. Und was man auf diese Weise erfahren kann, das stimmt überein mit dem, was Frau Blavatsky aus dem Fernen Orient herüberbrachte. Es stellte sich heraus, daß auch in Europa die Okkultisten ein Wissen bewahrt haben, das von Generation zu Generation der Lehrer dem Schüler überlieferte und niemals Büchern anvertraut hat. Die Okkultisten konnten daher das, was Blavatsky in der «Geheimlehre» mitgeteilt hat, an ihrem eigenen Wissen prüfen, vor allen Dingen an demjenigen, das sie durch die eigenen Fähigkeiten erworben hatten. Auch derjenige, der auf europäische Weise geschult ist, kann sich dazu aufschwingen, das nachzuprüfen, was in Blavatskys «Geheimlehre» steht. Es ist auch nachgeprüft und bestätigt worden, aber es ist für die europäischen Okkultisten trotzdem schwer, sich damit zurechtzufinden. Nur eines sei erwähnt: Das europäische okkulte Wissen ist in ganz bestimmter Weise von christlichen und kabbalistischen Einflüssen bestimmt worden und hat daher einen einseitigen Charakter angenommen. Wenn man dies aber abrechnet und auf den Grund dieses Wissens zurückgeht, dann ist eine völlige Übereinstimmung mit dem möglich, was uns durch Frau Blavatsky erschlossen worden ist.

[ 14 ] Obwohl also eine Art Prüfung dessen möglich war, was Frau Blavatsky als Kosmologie uns gebracht hat, ist es schwierig, den Gelehrten verständlich zu machen, was damit gemeint ist, wenn aus dem okkulten Wissen heraus über die Weltentstehung gesprochen wird. Es ist natürlich erstaunlich, was die Gelehrten an Entzifferungen der alten Urkunden leisten, wie sie sich abmühen, babylonische Keilschriften und ägyptische Hieroglyphen zu entziffern; aber Max Müller selbst sagt, daß das, was sie aus diesen Inschriften gefunden haben, noch kein Bild über die Weltentstehungsgeschichte gibt. Wir sehen, wie die Gelehrten gewissermaßen an der Schale herumarbeiten, aber nicht zum Kern vordringen. Es soll nichts gesagt werden gegen die große Sorgfalt und die feine Mosaikarbeit der Gelehrten. Ich will nur hinweisen auf die Bücher, die erschienen sind anläßlich des Bibel-Babel-Streites. Das alles sind Mosaikarbeiten; aber die Gelehrten bleiben an der Schale haften. Man fühlt, daß sie keine Ahnung haben von den Wegen, die zum Schlüssel zu diesen Geheimnissen führen. Es ist so, wie wenn einer damit anfängt, ein fremdsprachiges Buch in seine Sprache zu übersetzen. Zunächst ist es unvollkommen. So ist es mit den Übersetzungen alter Schöpfungsmythen durch unsere heutigen Gelehrten. Es sind Verstümmelungen der uralten Weisheitslehren, wie sie uns in den Geheimschulen von Generation zu. Generation mitgeteilt worden sind. Nur diejenigen, welche bis zu einem gewissen Grade der Einweihung gekommen waren, konnten etwas darüber wissen. Am Schluß dieser Vorträge werde ich darauf nochmals zurückkommen.

[ 15 ] Eingeweihte sind es also, die durch eigene Erfahrung zu diesen Dingen kommen können. Sie werden fragen: Was ist eigentlich ein Eingeweihter; es wird in der Theosophie und in okkulten Gesellschaften so viel gesprochen von sogenannten Eingeweihten? — Ein Eingeweihter ist derjenige, der in hohem Grade Kräfte in sich entwickelt hat, die in jedem Menschen schlummern, die von ihm aber entwickelt werden können. Der Eingeweihte hat sie ausgebildet und sie bis zu einem solchen Grade sich angeeignet, daß er verstehen kann, welcher Art im Kosmos, im Weltgebäude die Kräfte sind, die für das in Betracht kommen, was ich auseinandersetzen will. Nun, Sie werden sagen: Es wird uns immer gesagt, daß es solche okkulten Kräfte gibt, die im Menschen schlummern, aber gewiß wird uns das nicht. — Das liegt nur an einem Mißverständnis. Nichts, gar nichts behauptet der Mystiker, der Okkultist, als was jeder Gelehrte auf seinem Felde auch behaupten kann. Denken Sie sich, jemand sagt Ihnen eine mathematische Wahrheit. Wenn Sie selbst niemals Mathematik gelernt haben, dann haben Sie nicht die Kenntnisse, um diese Wahrheit zu prüfen. Kein Mensch wird bestreiten, daß man zu der Beurteilung einer mathematischen Wahrheit die nötigen Fähigkeiten sich erst aneignen muß. Keine Autorität kann entscheiden über eine solche Wahrheit, nur der einzelne, der sie erfahren hat, kann allein darüber urteilen. So kann auch über eine okkulte Wahrheit nur derjenige entscheiden, der. eine solche Wahrheit selbst erfahren, selbst erlebt hat. Unsere heutigen Zeitgenossen verlangen aber von dem Okkultisten, er solle unmittelbar und für jeden Durchschnittsverstand das beweisen, was er zu sagen hat. Man beruft sich dabei auf den Satz: Was wahr ist, muß sich beweisen lassen, und jeder muß es einsehen können. — Der Okkultist behauptet aber nichts anderes, als was jeder andere Gelehrte auf seinem Gebiete auch behauptet, und er verlangt nichts, was nicht jeder Mathematiker auch verlangt.

[ 16 ] Nun kann man fragen: Warum werden heute überhaupt okkulte Wahrheiten vorgetragen? Der Weg, den die bisherigen okkulten Schulen gegangen sind, war ja eben der, das Wissen in engen Kreisen zu bewahren. Diesen Weg gehen die Okkultisten der «Rechten» immer noch. Wer aber Erfahrung hat und die Zeichen unserer Zeit erkennt, der weiß, daß dies heute nicht mehr richtig ist. Und gerade diesem Umstand, daß dies heute nicht mehr richtig ist, verdankt die theosophische Weltbewegung ihre Entstehung. Was in der gegenwärtigen Zeit am meisten ausgebildet ist, das ist der Verstand. Unserem kombinierenden Denken, in Verbindung mit den Sinnen, verdanken wir die Erfolge in der Industrie und in der Technik. Dieser Verstand, diese Intellektualität hat im 19. Jahrhundert ihre größten Triumphe gefeiert. Das äußere, verstandesmäßige Denken ist noch niemals so beherrscht worden wie heute. Wenn ich sagte, daß die orientalischen Weisen eine Urweisheit besaßen, so haben sie diese in einer ganz anderen Form als in der Form des heutigen Denkens besessen. Auch die größten Meister des Orients hatten nicht diesen Scharfsinn des logischen Denkens, diese reine Logizität; sie hatten sie auch nicht nötig. Es war deshalb auch schwierig, sie zu verstehen. Sie hatten Intuition, inneres Schauen. Wahre Intuition wird nicht durch logisches Denken, nicht durch kombinierendes Denken erhalten, sondern eine Wahrheit steht unmittelbar vor dem Geiste des Betreffenden. Er weiß sie. Man braucht sie ihm nicht zu beweisen.

[ 17 ] Jetzt haben die Lehrer der theosophischen Bewegung das Recht, einen gewissen Teil der okkulten Weisheit mitzuteilen. Wir haben das Recht, die Weisheit, die uns übermittelt wurde in der Form der Intuition, einzukleiden in die Gedankenformen des modernen Lebens. Der Gedanke ist eine Kraft wie die Elektrizität, eine Kraft wie die Dampfkraft, wie die Wärmekraft; und wer diese Gedanken aufnimmt, die innerhalb der theosophischen Bewegung vorgetragen werden, wer sich ihnen hingibt und ihnen nicht von vornherein mißtrauisch begegnet, in dem sind diese Gedanken eine Kraft. Die Zuhörer merken es zunächst nicht, der Same geht erst später auf. Kein theosophischer Lehrer verlangt etwas anderes, als daß ihm zugehört wird. Er verlangt nicht blinden Glauben, sondern nur Zuhören. Weder das gläubige Annehmen noch das ungläubige Abweisen ist der richtige Standpunkt. Der Zuhörer soll die Gedanken, die ihm mitgeteilt werden, nur nachdenken, frei von Glauben und Zweifel, frei von Ja und Nein. Er muß sich «neutral» einstellen und «probeweise» die Lehren im Geiste wirken lassen. Wer die theosophischen Gedanken so auf sich wirken läßt, der hat nicht nur Gedanken, sondern es ergießt sich in ihn eine spirituelle Kraft, die auf ihn wirkt und ihn befruchter.

[ 18 ] Weil die westeuropäische Kultur das Denken so weit ausgebildet hat, deshalb finden die Menschen am leichtesten Zugang durch das Denken. Auch die gläubigsten Kirchenchristen können sich heute keine Vorstellung mehr davon machen, in welcher Weise man früher geglaubt hat. Diese Quelle der Überzeugung fließt heute nicht mehr. Wir müssen unsere Gedanken heute ganz anders befruchten. Weil früher das Denken nicht gepflegt worden ist, deshalb konnten die spirituellen Mitteilungen nur in geheimen Schulen gegeben werden. Heute müssen wir uns mit dem Spirituellen an die Kraft des Gedankens wenden, dann entzünden wir die Gedanken so, daß sie in uns leben. Der spirituelle Redner spricht in ganz anderer Weise zu seinen Zuhörern als der gewöhnliche Redner. Er spricht so, daß eine Art spirituelles Fluidum, spirituelle Kräfte von ihm ausströmen. Der Zuhörer soll ohne ausgesprochenes Ja oder Nein einen Gedanken wie etwas ganz Objektives hinnehmen, mit diesem Gedanken leben, über ihn meditieren und ihn auf sich wirken lassen. Dann wird durch den Gedanken Kraft in uns angefacht werden.

[ 19 ] Wir müssen heute die okkulten Wahrheiten über die Weltentstehung und Weltbildung in der Form europäischer Gedanken und moderner Wissenschaftlichkeit verkündigen. In dieser Richtung werden diese Vorträge handeln: von den Zuständen, welche der Bildung unserer Erde vorangegangen sind. Wir werden zurückgeführt in uralte Zeiten, wo sich aus grauestem Dämmerdunkel heraus diejenige Wesenheit gebildet hat, die dann zum Menschen geworden ist. Wir werden auf diejenige Stufe geführt, wo dieser Mensch empfangen worden ist von irdischen Kräften, wo er umgeben worden ist mit irdischer Materie, bis zu dem Punkte, wo er heute steht. Wir werden die vorirdische und die irdische Entwicklung unseres Weltgebäudes kennenlernen und sehen, wie die Theosophie uns einen Ausblick gibt auf die Zukunft, wir werden sehen, wohin unsere Weltentwicklung weitergeht. Alles das wollen wir zeigen, ohne daß wir uns den Vorstellungen der heutigen Astronomen entgegenstellen. Wir werden, wenn wir die in uns schlummernden Kräfte entwickeln, selbst das große Ziel einsehen, dem wir zusteuern: der Erringung kosmologischer Weisheit. Diese kosmologische Weisheit lassen Sie uns in den nächsten Stunden betrachten.