Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Kosmologie und menschliche Evolution
Mensch, Natur und Kosmos
GA 91

27 August 1905, Berlin

20. Auge Und Ohr

[ 1 ] Wir wollen als Beispiel ein Organ betrachten, welches uns zeigen kann, wie nach zwei Seiten hin ein Wesen abhängig sein kann. Im Grunde kann man auch ein menschliches Organ bis zu einem gewissen Grade als selbstständig betrachten — zum Beispiel das Auge. Es ist edler als der ganze Mensch, es ist weiter gediehen. Das Auge ruht als ein rundlicher Körper in der Augenhöhle drinnen. Wenn wir es herausnehmen und einen Schnitt führen könnten, würden wir Folgendes sehen: Vorne ist die Wandung des Auges durchsichtig; durch die Pupille kann das Licht in das Auge hineindringen. [Dahinter] ist die Linse aus lebendigem Material, da drinnen wird das Licht gebrochen; es geht durch die Flüssigkeit hindurch, die es ausfüllt, und an der hinteren Wand entsteht ein kleines Bildchen. So weit ist das Auge ein physikalischer Apparat; dasselbe geschieht in jedem fotografischen Apparat.

[ 2 ] So weit ist das Auge physischer Körper, Sthula Sharira. Es geht bis zur Erzeugung des Bildes. Aber es würde dieses Bild niemals mein Bild sein, wenn das Auge nur physischer Körper wäre. Dazu muss das Auge in gewisser Verbindung stehen mit dem betreffenden Menschen, es muss ein Teil seines Organismus sein, es muss leben. Das wird dadurch bewirkt, dass das Auge vom Körper aus fortwährend im Leben unterhalten wird. Der Blutkreislauf versorgt das Auge mit Blut, im Innern ist das Auge tapeziert mit kleinen Blutgefäßen, bekleidet mit der Aderhaut. Durch sie ist es ein Teil des Körpers, es lebt, wird als Glied des lebenden Körpers unterhalten durch die Aderhaut. Das ist das niedere Ich des Auges.

[ 3 ] Von dem Bilde würden wir aber [noch] nichts wissen, das Auge ist nur lebend. Es muss in den Dienst eines Höheren treten, das ist die Netzhaut, eine feine Nervenhaut, die mit dem Gehirn in Verbindung steht. Das Bild wird in Bewusstsein verwandelt und zum Gehirn geführt. Das Auge gibt sich selbst auf, einem höheren Ich hin. Es wächst also aus einer Grundlage heraus, bekommt Form und gibt, was es schafft, einem höheren Wesen. So ist das bei jeglichem Wesen, auch beim Menschen. Wie das Auge im Menschen wurzelt, so wurzelt der ganze Mensch in der physischen Erde und bezieht daraus seine Unterhaltsmittel. Und wie das Auge einen physischen Körper hat, hat ihn auch der Mensch und gibt sich seinerseits einem Höheren hin. In der ganzen Welt ist das Gleiche zu finden; man sieht, wie alles zusammenhängt.

[ 4 ] Nun handelt es sich darum, dass wir genau uns bewusst werden, dass ein Wesen ein physischer Körper sein kann in Sonderheit, ohne Zusammenhang mit einem anderen; dass er aber nicht ein lebendes Wesen sein kann ohne Zusammenhang mit anderen. Daher reden wir auch von einem allgemeinen Brahma und nicht von einem besonderen.

[ 5 ] So wie wir das Auge betrachtet haben, ist es beim gegenwärtigen Menschen. So war es aber nicht immer. Bei niederen Tieren können wir eine Art Augenpunkt betrachten, der drückt sich heraus, sucht erst zum Dasein zu kommen; darin liegt die Begierde. Bevor das Auge ein so selbstloses Organ wurde, war in ihm die Begierde zu entwickeln, sein Kamisches, die Begierde, zum Licht zu kommen. Betrachten wir dieses Auge, so sehen wir:

[ 6 ] Erstens: das Physische, das sich bildet.

[ 7 ] Zweitens: eine Art von Kraft, dass das Auge entsteht gerade an diesem Punkte.

[ 8 ] Drittens: die Begierde, zum Licht zu kommen.

[ 9 ] Es ist genau wie beim Menschen: Physischer Körper, Ätherkörper und Astralkörper. Die Begierde muss vorhanden sein, ist aber schon beim Auge der Selbstlosigkeit gewichen, hat sich hingegeben höheren Zwecken. Durch die Begierde rief es sich ins Dasein, und später entstand statt der Begierde die Hingabe. So ist der Astralkörper, er hat die Bedeutung, ins Dasein zu rufen, zu schaffen, und wenn der Mensch da ist, muss er sich in Hingabe verwandeln. Der ganze Mensch muss so weit kommen wie das Auge, anstelle der Begierde muss Hingabe treten.

[ 10 ] [Wenn Sie sich noch einmal hinwenden zu dieser Betrachtung, werden Sie sich fragen: Ja,] was nimmt eigentlich das Auge wahr? Damit es wahrnehmen kann, muss erst ein Bild des Gegenstandes geschaffen werden. Zwischen dem, was wahrnimmt, und dem Gegenstande selbst schiebt sich ein Bild hinein, sodass man unterscheiden muss: Gegenstand, Bild und Wahrnehmung.

[ 11 ] Wollen wir jetzt das Ohr betrachten. Ein oberflächlicher Betrachter könnte glauben, es sei dasselbe, doch ist das nicht der Fall. Das Ohr hat zunächst einen äußeren Gehörgang. Daran liegt das Trommelfell, es schließt das Ohr nach innen ab. Danach beginnt das eigentliche Gehörorgan. Es hat die kleinen Knörpelchen und die drei Bögen; diese sind ausgekleidet mit einem Netzwerk, das in [den Gehirnnerv] übergeht. Es sind eine Menge kleiner Fasern im Ohr, von denen jede auf einen bestimmten Ton gestimmt ist. Wenn ein Ton von außen kommt, zum Beispiel «, so fängt das Fäserchen an zu schwingen, welches auf gestimmt ist, die anderen nicht. Sie haben im Ohr etwas wie ein richtiges Klavier, das Corti’sche Organ.

[ 12 ] Der Unterschied zwischen Sehen und Hören ist folgender: Beim Sehen wird ein Bild gemacht vom Gegenstande; das fällt beim Hören ganz weg, man nimmt direkt den Gegenstand wahr. Man tritt also in viel intimere Beziehung mit dem, was geschieht in der Welt. Das Ohr ist also weiter als das Auge, es ist viel mehr in dem Gegenstand aufgegangen, es schiebt sich kein Bild vor. Auch das Auge wird das Bild ausschalten, auf einer viel höheren Stufe, und dann wird das Auge nicht bloß Bilder, sondern direkt Gegenstände wahrnehmen. Dann aber werden es höhere, feinere Gegenstände sein als diejenigen, welche das Ohr wahrnimmt{[, ätherische Gegenstände.

[ 13 ] Ich habe gesagt,] der Mensch ist gleichsam die umgewandelte Pflanze, das Haupt ist die Wurzel, die fest in der Erde wurzelt. Am Ohr als dem fortgeschrittensten Organ müsste sich zeigen, wie es herausgewachsen ist aus den Gegenständen und wie es wieder hineinwächst. Die drei Bögen stehen nicht beliebig, sondern in drei verschiedenen Richtungen. Wenn irgendeiner dieser Kanäle schadhaft ist, fängt der Mensch an zu taumeln, er kann nicht senkrecht stehen; sodass der Mensch seine Orientierung den drei Bögen verdankt. Sie sind senkrecht in drei Richtungen des Raumes gestellt, und nur dadurch kann sich der Mensch orientieren.

[ 14 ] Was hält den Menschen an die Erde? Die Schwerkraft. Solange die Erde selbst den Menschen aufrecht richtete, brauchte er keine besonderen Schwerkraftsorgane. Da die Erde den Menschen entlassen hat, hat er gerade im Ohr, dem fortgeschrittensten Organ, die Organe, um sich im Sinne der Schwerkraft aufzurichten. Sodass wir zwei Sinne im Ohr haben: den Schweresinn oder Gravitations-, Orientierungssinn, das ist der tiefere, niedere Sinn, und den höheren, den Gehörsinn.

[ 15 ] Wir können also sehen, wie kompliziert alles im Leben ist. Im Auge, wenn das Bild ausgeschaltet sein wird, werden wir auch zwei Sinne haben. Das ist etwas, was in die Entwicklung einen Blick perspektivisch tun lässt.