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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmologie und menschliche Evolution
Notizen und Ausarbeitungen von Mathilde Scholl
Die Manifestation des Welten-Ich
GA 91

23 August 1906, Landin

6. Über Die Vierte Dimension II

[ 1 ] Platon nennt die Erscheinungen in der physischen Welt die Schattenbilder der höheren Welt. Um dies zu verstehen, müssen wir die Vorstellungen der physischen Welt, des Raumes, vergeistigen. Das Bild der ersten Dimension ist die Linie. Sie ist aber auch das Bild der vierten Dimension, der Zeit. Auch die Zeit geht unaufhaltsam weiter in einer Richtung. Moment reiht sich an Moment, wie Punkt an Punkt in der Linie. Wenn nun zwei Wesen in dieser vierten Dimension, in der Zeit sich begegnen, dann entsteht die fünfte Dimension, die Empfindung. Was sich nur im Raum begegnet, empfindet nicht. Zwei Steine, die wir nebeneinander legen, empfinden nicht. Zwei Wesen, die in der Zeit leben, dagegen, empfinden, wenn sie sich in dieser vierten Dimension begegnen.

[ 2 ] Dieses Sich-Begegnen in der Zeit wird dargestellt durch zwei sich kreuzende Linien, die dadurch eine Stauung darstellen. Die Empfindung ist eine Stauung in der Zeit, die durch das Begegnen zweier Wesen in der Zeit hervorgerufen wird. Dies ist also die seelische Bedeutung des zweidimensionalen Bildes, der Fläche, des Quadrats. Wir können auch sagen, gerade so, wie die erste Dimension ins Quadrat erhoben die zweite bildet, so ergibt die vierte Dimension, die Zeit, ins Quadrat erhoben die fünfte, die Empfindung. Eine jede Dimension wird dadurch ins Quadrat erhoben, dass eine andere senkrecht dagegen trifft. Bei der zweiten Dimension entsteht durch ein weiteres Kreuzen mit einer andern Strömung die dritte. Das Quadrat wandelt sich um in den Würfel. Darin erblicken wir zugleich die erste Dimension in die Kubikzahl erhoben.

[ 3 ] Nehmen wir die Linie an als \(3\), so wäre dann das Quadrat \(3^2 = 9\), und es wäre deren Kubus \(3^3 = 27\). Also verhält sich die erste Dimension zur zweiten wie eine Zahl zu ihrem Quadrat und zur dritten wie eine Zahl zu ihrer Kubikzahl. Wie nun bei der dritten Dimension eine Stauung aus dem Begegnen zweier zweidimensionaler Dinge entsteht, so können wir auch beobachten, dass durch das Begegnen zweier in der fünften Dimension lebender Wesen, zweier Wesen, die Empfindung haben, wenn diese Empfindungen sich kreuzen, Selbstbewusstsein entsteht. Zwei von verschiedenen Wesen ausgehende, sich stauende Empfindungen erzeugen Selbstbewusstsein. Das Bild in der physischen Welt ist hierfür der Kubus. Die auffallendsten Stauungsmomente in der Empfindung, wodurch das Wachstum des Selbstbewusstseins hervorgerufen wird, sind Liebe und Hass, Sympathie und Antipathie. Der Mensch hätte nie gelernt, sich als ein Selbst zu empfinden, wenn er nicht in seinem Empfinden auf das Empfinden anderer Selbste gestoßen wäre. Sonst hätte er nur ein Ganzes empfinden können. Er hätte sich nie der einzelnen Wesen bewusst werden können, auch nicht seiner selbst. Mit dem ObjektivWerden, mit dem Heraustreten der Einzeldinge wurde es ihm ermöglicht, sich auf sich selbst zu besinnen. So wie in der physischen Welt jedes Ding erst objektiv erscheint, wenn es in die dritte Dimension eintritt, so wird in der Seelenwelt erst dann Selbstbewusstsein möglich, wenn sich auch dort Stauungen in der fünften Dimension, der Empfindung, bilden, die das Selbstbewusstsein hervorgehen lassen. Also auch hier wird die vierte Dimension, die Zeit, ins Quadrat erhoben die fünfte, das Empfinden, in den Kubus erhoben die sechste, das Selbstbewusstsein. Der Kubus ist das Bild des selbstbewussten Menschen.

[ 4 ] Aber in noch höhere Dimensionen muss sich der Mensch erheben. Eine Äußerung des Selbstbewusstseins ist das Denken. Das Denken kann ein verworrenes oder ein klares sein. Was man gewöhnlich «Denken» nennt, das alltägliche Wiederholen des Erfahrenen in der Sinnen- und Seelenwelt, Menschengedanken nachdenken, wiederholen, das ist kein wirkliches Denken, kein reines Denken. Es ist mit Empfindungen, mit Antipathie und Sympathie gemischt, verworren, chaotisch. Denken ist erst das Sich-in-die-Umwelt-Vertiefen, das Sich-Hineinversenken in die Umwelt, in die großen Weltgedanken, in die in der Welt verkörperten Gedanken. Dazu gehört zunächst ein empfindungsfreies Konzentrieren auf einen Weltgedanken, das Einschlagen einer bestimmten Denkrichtung, ohne abzuschweifen rechts und links, das Verweilen auf einem Punkt, der allerdings dann durch das Versenken zur Linie wird. Dieses Eindringen, diese selbstlose Hingabe an einen Weltgedanken, die ist dasselbe im Geistigen wie die Zeit im Seelischen und die Linie im Physischen. Es ist ein unbegrenztes Sich-Fortbewegen in einer Richtung.

[ 5 ] Durch das Vereinigen zweier Gedanken entsteht ein geistiges Bild; der eine Gedanke muss mit dem andern sich kreuzen; dadurch entsteht ein Bild, so wie aus dem Kreuzen zweier in der Zeit lebender Wesen die Empfindung und aus der Stauung zweier Linien die Fläche entsteht. Ein Bild, welches im Geiste entsteht, das imaginative Denken, ist der ins Quadrat erhobene, konzentrierte reine Gedanke. Diese Imaginationen entstehen dadurch, dass der Mensch aus seinem Selbstbewusstsein heraus im Gedanken, dem reinen Gedanken, aufsteigt oder eindringt in einen Weltgedanken, eine Weltenwahrheit; der Gedanke aber, der ihm entgegenkommt und in ihm das Bild hervorruft, in dem er mit seinem Gedanken sich kreuzt, das ist der Gedanke des Geistwesens selbst, das ihn ausgesandt hat; das ist die Begegnung des Menschen mit einem höheren geistigen Wesen, die Vereinigung mit dem Geist der Welt. Dadurch entsteht in ihm die Fähigkeit des imaginativen Denkens. Da lebt er in der achten Dimension, während das reine Denken die siebente Dimension ist. Das Bild für die achte Dimension ist dasselbe wie für das Empfinden, das Quadrat.

[ 6 ] Wenn nun der Mensch sich in dem imaginativen Denken betätigen kann, und Bilder in der Geisteswelt erzeugen kann, die Bilder des Weltenlebens, dann strömt das Weltenleben selbst in diese Bilder ein; es tritt wieder ein Zusammentreffen zweier Strömungen ein, der Strömung des imaginativen Denkens, das vom Menschen ausgeht, und der Strömung des Weltenlebens selbst. Es entsteht aus dem Bild eine Gestalt, ein geistiges Wesen. Der Mensch wird eins mit dem Weltenleben und dadurch schöpferisch. Das vollbringt er in der neunten Dimension, die Gestalten hervorbringend ist. Da ist der Mensch mit dem Schöpferwort begabt, welches Lebendiges hervorbringt. Das ist der geistige Kubus der menschlichen Wesenheit, so wie das Selbstbewusstsein der seelische Kubus ist. Im Selbstbewusstsein gestaltet der Mensch sich selbst als etwas Besonderes, als ein abgeschlossenes Wesen; in der neunten Dimension, in dem Schöpferwort, gestaltet er aus sich heraus neue Wesen, Die zehnte Dimension erreicht er, wenn er diesen aus sich gestalteten Wesen bleibendes Dasein verleiht. Dann ist er ein Planetengeist geworden, der aus sich selbst heraus bleibende Gestalten formt. Diese zehnte Dimension ist die Kugel, die alle andern Dimensionen umschließt. Da ist der Würfel umgewandelt in die Kugel, das Quadrat in den Kreis, die Stauung ist wieder Leben geworden. Demnach ist das Quadrat im Kreis das Bild der zehnten Dimension, oder auch die Linie im Kreis, denn von der Linie ging alles aus, und im Kreis ist sie zur Vollendung geführt. Die Zahl Zehn oder der Kreis mit der Linie ist also das Bild der ganzen Schöpfung. Und jede neue Schöpfung beginnt mit der Linie, die zum Kreis sich ausgestaltet. Wir können also die zehn Dimensionen so darstellen: