Kosmologie und menschliche Evolution
Notizen und Ausarbeitungen von Mathilde Scholl
Die Manifestation des Welten-Ich
GA 91
10 September 1906, Landin
16. Die Gotteskräfte in der Welt und im Menschen
[ 1 ] Alle Reiche der Natur sind ein Ausdruck der göttlichen Schöpferkraft. Die Ruhe des Mineralreichs verkörpert den göttlichen Gedanken, die Bewegtheit, das Leben des Pflanzenreichs verkörpert die göttliche Liebe, die Kraft des Tierreichs verkörpert den göttlichen Willen.
[ 2 ] Im Menschen individualisierte sich der göttliche Wille in viele Einzelwillen. Das Tier, die Pflanze, das Mineral haben noch keinen Eigenwillen. Es sind höhere Wesen, die dahinterstehen, deren Willen diese Reiche unterworfen sind. - Der menschliche Einzelwille hätte nicht herausgearbeitet werden können, wenn er nicht zunächst als ein solcher sich gezeigt hätte, der von dem Ganzen sich absondert, sich loslöst. Das Mineral hat kein eigenes Leben, es lebt in einem Ganzen, der ganzen mineralischen Welt, Die Pflanze hat kein eigenes Empfinden; sie empfindet nur in der Gesamtheit alles Pflanzlichen; das Tier hat kein eigenes Wollen; es hat seinen Willen in einer höheren, umfassenden Gesamtheit. Erst der Mensch besitzt den eigenen Willen.
[ 3 ] Die erste Hauptaufgabe des Menschen war die Herausbildung eines eigenen Willens. Er besitzt eigenes Leben, eigenes Empfinden und eigenen Willen. Durch den eigenen Willen soll ihm die Weiterentwickelung ermöglicht werden. Während die göttliche Schöpferkraft im Mineral nur ihren Gedanken äußert in der sichtbaren Form, in der Pflanze das Leben in deren sichtbarem Wachstum und der Fortpflanzung, im Tier das Wollen in der Fortbewegung und der Leidenschaft, hat sie den Menschen nicht nur zum Zentrum aller ihrer Äußerungen und Offenbarungen gemacht, sondern ihm noch das Selbstbewusstsein gegeben, in dem sie ganz in den Menschen sich versenkte. Sie gab ihm die Fähigkeit, sie in sich zu erkennen. Der Mensch ist das Wesen, welches sich der göttlichen Kraft bewusst wird und welches lernen soll, diese Schöpferkraft bewusst zu verwenden. Zunächst lernte er nur die Verwendung der göttlichen Schöpferkraft zu seinen eigenen Zwecken, denn er sollte zunächst sich selbst ganz herausbilden, als göttlicher Keim, als werdender Gott. Er verwendete zuerst das göttliche Wollen zur Reproduktion. - Das Empfinden äußerte sich bei ihm in Lust und Unlust, Verlangen und Abscheu, Liebe und Hass, und der göttliche Gedanke äußerte sich bei ihm in seinem Verstande, seiner Denkfähigkeit.
[ 4 ] Wir beobachten also hier das Herabsteigen der göttlichen Schöpferkraft in der Natur vom Denken durch das Empfinden zum Wollen, und das Heransteigen der göttlichen Schöpferkräfte im Menschen vom Wollen durch das Empfinden zum Denken. - So wie nun der Mensch vor uns steht als wollendes, empfindendes, denkendes Wesen mit dem Selbstbewusstsein, so ist er noch der ungeläuterte Mensch, der erst im Keim die höheren Kräfte in sich enthält. - Er muss diese Kräfte allmählich immer mehr der Urkraft gleich machen, durch Klärung, durch Läuterung, durch Befestigung. Während er von der Gottheit zuerst das Wollen, dann das Empfinden, dann das Denken erhielt, geht nun sein Aufstieg in der Weise weiter, dass er zuerst sein Denken läutert und sich ganz zu eigen macht, dass er dann durch das geläuterte Denken auch seine Empfindungen läutert und ganz beherrschen lernt, und weiter durch Denken und Empfinden muss er den Willen läutern und sich ganz zu eigen machen. Erst dann wird er ein freier Mensch.
[ 5 ] Sein Denken muss klar und ruhig werden wie das Mineralreich sein Empfinden muss rein und keusch werden wie das Empfinden des Pflanzenreiches - sein Wollen muss stark werden wie die Kraft des Tierreichs - aber gepaart mit der Ruhe des Mineralreichs und der Keuschheit des Pflanzenreichs - erst dann wird er ganz Mensch. Dann kann er mitwirken in der Ausgestaltung aller kosmischen Kräfte. Jeder Mensch ist eine Blüte am Baume der Gottheit. Aber erst nachdem cr alle Kräfte aus der Gottheit aufgenommen und nachdem er sie durch einen inneren Umwandlungsprozess in sich in Harmonie gebracht hat, erst dann kann er selbst im höheren Sinne produktiv werden, erst dann kann die Blüte zur Frucht werden, aus der später neues Leben hervorsprießen wird. Abbild des Lebens, des Ätherkörpers sein. Er wird dann lebendig, pflanzlich sein. Die Begierde brachte dem Menschen den Tod; die Begierde ist gerade das, was tötet. Die Hingabe bringt ihm das Leben. Sie baut ihm den unsterblichen Leib auf, der aus sich selbst heraus sich nur erzeugt. Die ganze Entwicklung ist eine Entwicklung zum Leben. Entwicklung heißt Leben.
[ 6 ] Alles nun, was in dem Tierreich an Kräften aufgespeichert ist, zeigt uns die Stufe, die notwendig war, um den Menschen ins physische Dasein hineinzuführen. Das Tierreich ist die aufgespeicherte Begierde des Menschen. In dem Maße, wie er seine Begierden überwindet, in dem Maße wirkt er befreiend auf das Tierreich. Die im Tierreich gestaute Kraft, die Leidenschaft, die im Menschen zur selbstbewussten Leidenschaft sich steigerte, muss allmählich durch Läuterung der menschlichen Natur wieder absolviert und dort als Kraft verwendet und in Leben umgewandelt werden. Dann gestaltet er durch die innere Alchemie aus der Leidenschaft des Tierreichs und der Ruhe des Mineralreichs das harmonische Leben des Pflanzenreichs. Aus dem Untätigen und dem Chaotischen kristallisiert er dann heraus in lebendigen Gestalten das Lebendige, Harmonische, Schöne.
[ 7 ] In dem Mineralreich ist verkörpert die Weisheit, der weise Gedanke; in dem Tierreich ist verkörpert die Kraft; in dem Pflanzenreich sollen Kraft und Weisheit vereint aufblühen zur Schönheit.
[ 8 ] Darum musste der Mensch selbst alle diese Reiche zunächst absondern, damit er nachher als Individualität, als freie, kosmische Kraft, aus diesen Reichen, die ihm zugleich Mittel zum Aufstieg, Vorbild und Wirkungsfeld sind, einen schönen Kosmos herausgestalten konnte. Dann wird die Weisheit des Mineralreichs und die Kraft des Tierreichs ganz einziehen in das pflanzliche Leben. Der Mensch ist dann der Baumeister, der diese Kräfte verwendet und sie umformt zu einem schönen, durchgeistigten Weltentempel voller Leben und Harmonie.
