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Kosmologie und menschliche Evolution
Notizen und Ausarbeitungen von Mathilde Scholl
Die Manifestation des Welten-Ich
GA 91

14 September 1906, Landin

20. Der Zusammenhang der Geistigen und der physischen Welt

[ 1 ] Jede einzelne Inkarnation des Menschen ist ein Ausdruck des Ich. Das Ich drängt den Menschen in die Kette der Inkarnationen hinein. Und die Entwicklung in den Inkarnationen dient zur Befestigung des Ich in dem Bewusstsein: «Ich bin.» Mineral, Pflanze und Tier können nicht zu sich sprechen: «Ich bin», können nicht von sich sagen: «Ich bin.» Das kann auf dem physischen Plan nur der Mensch. Mit jeder Inkarnation tritt der Mensch heraus aus dem Meer des Seelenlebens und aus dem Reich des Geistes auf das Festland des physischen Daseins; da taucht er hervor aus dem Verborgenen, weil sein «Ich» sich manifestieren will.

[ 2 ] Wie die ganze Erde eine Manifestation des Welten-Ich, des Gottes-Ich ist, so ist jede einzelne menschliche Inkarnation eine Manifestation des Menschen-Ich. Auch das göttliche Ich hat viele kosmische Inkarnationen durchgemacht und wird noch durch viele hindurchgehen. Zwischen den Inkarnationen des Welten-Ich hat es sich zurückgezogen in sich selbst und verarbeitete in sich die Erfahrungen der kosmischen Manifestation, um daraus den Plan zu einem höheren Ausdruck seiner Wesenheit herauszuarbeiten. So zieht auch das menschliche Ich zwischen den Inkarnationen sich zurück in sich und verarbeitet dort die Erfahrungen, die es in der physischen Inkarnation gemacht hat, um sie in der nächsten Inkarnation vollendeter zum Ausdruck zu bringen. So strömt Kraft auf Kraft aus dem Quell des Ich hervor in den physischen Inkarnationen und strömt in die Welt ein.

[ 3 ] Aus den Wirkungen der ausgeströmten Kräfte sammelt das Ich die Erfahrungen, die es sich in den Zwischenzeiten zwischen den Inkarnationen einverleibt, um sich immer vollkommener ausgestalten zu können. Alles, was die Götter an dem Menschen gestalteten, ehe das Ich in ihn einzog, war eine Vorbereitung zur Aufnahme des Ich. Nachdem das Ich, der Gotteskeim, in den Menschen hineingezogen war als ein Teil des Gotteswillens, des Gotteslebens und des Gottesbewusstseins, da musste dies Ich selbst nach und nach lernen, die Arbeit der Gottheit in die Hand zu nehmen. Während vorher die Gottheit die Kräfte hergab und zusammenwob, die das Ich umgeben und ihm das Mittel in die Hand geben sollten, sich zu manifestieren, musste nun das Ich lernen, selbst seine Wesenheit vermittels dieser ihm von Gott verliehenen Kräfte weiter auszuspinnen. So lebt und webrt das Ich im Innern der Gottheit, und was es lebt und webt, das ist seine eigene Wesenheit, die gestaltet es aus nach dem Plan, der in seinem göttlichen Wesenskern, in dem in ihm schlummernden Gotteskeim ruht. Das Bewusstsein des menschlichen Ich ist eine Widerspiegelung des göttlichen Ich-Bewusstseins. Als das göttliche Bewusstsein sagte: «Ich bin», als das Gotteswort erklang, da ward die Welt, da tauchte sie aus dem Chaos hervor.

[ 4 ] Wenn das Menschenbewusstsein erwacht, wenn der Mensch zu sich «Ich bin» sagt, dann wirkt das wie das Eintauchen eines Magnets in eine Masse, die Eisenteilchen enthält. Dann strömen an das Ich heran alle Kräfte, um es zur Ausgestaltung zu bringen. So wie der Pflanzensamen aus der Umwelt, aus Luft, Licht und Feuchtigkeit alle Kräfte heranzieht, so wie der Menschenkeim vor der Geburt im physischen Dasein aus dem mütterlichen Organismus alle Kräfte heranzieht, um sich auszugestalten, so zieht das Ich alle Kräfte heran aus dem Kosmos, um seine Ausgestaltung zu bewirken, um sich selbst immer mehr zum Ausdruck zu bringen.

[ 5 ] Das Ich ist das Göttliche im Menschen, der Gotteskeim, der in sich alle Wachstumsmöglichkeiten enthält. Es ist göttlich, aber nur ein schlummernder Gotteskeim, solange es nicht von der Umwelt zum Wachstum getrieben wird. In der Umwelt liegt das ganze ausgestaltete höhere Selbst des Menschen; die Umwelt ist die Manifestation der Gottheit; alle kosmischen Kräfte sind Kräfte der Gottheit; und in das einzelne Ich legte die Gottheit die Möglichkeit hinein, alle kosmischen Kräfte durch sich hindurchziehen zu lassen und zu seiner Ausgestaltung zu verwerten. So atmet und lebt das Ich in der Gottheit; so wächst und entwickelt es sich in der Gottheit; so ruht es in der Gottheit, in den Zwischenzuständen zwischen den Inkarnationen; so tritt es aus der Gottheit hervor als Besonderes in jedem physischen Dasein. In jedem physischen Dasein bringt es mehr von den göttlichen Kräften mit; sein physisches Dasein ist die Äußerung dieser göttlichen Kräfte. Im physischen Dasein lernt es, welche göttlichen Kräfte ihm noch fehlen zu seiner Vollendung. Darum taucht es immer wieder hinab in das Meer der Gotteskräfte und sammelt da heraus die ihm noch fehlenden Kräfte, und die, welche es vorher hatte und im physischen Dasein zum Ausdruck brachte und erkannte, die befestigt es mit jedem Zurücktauchen in den göttlichen Urgrund.

[ 6 ] Der Eintritt in jedes Leben ist die Manifestation des Ich; der Tod bezeichnet den Moment, wo das Ich sich aus dem Physischen wieder zurückzieht, um die im Physischen manifestierten Gotteskräfte seiner eigenen Wesenheit einzuverleiben. Bei jedem Hinabtauchen in die Geisteswelt geht zweierlei vor sich: Das Ich empfängt neue Kräfte aus dem Quell der Gottheit, die es zur neuen Manifestation treiben; aber da es diese Kräfte erst im Physischen zum Ausdruck bringen und als seine eigenen erkennen kann, muss es sie bei jedem Hinabtauchen in den Wesenskern dann erst diesem eigenen Wesenskern einverleiben als dauernden Besitz. Darum sind die physischen Inkarnationen von solcher Bedeutung für das Wachstum des Geistesmenschen, des Ich. Ohne die physischen Inkarnationen würde dieses Wachstum nicht vor sich gehen können.

[ 7 ] Es könnte das Ich nicht als besondere Wesenheit aus dem göttlichen Urgrund herauswachsen, wenn es nicht immer wieder ins Physische herausträte, sich manifestierte, das heißt seine von Gott erhaltenen Kräfte zum Ausdruck brächte und übte und als die eigenen erkennen würde. Die Kräfte fließen ihm aus dem Urgrund der Gottheit zu — aber dadurch sind sie noch nicht seine eigenen. Indem der Mensch im physischen Dasein damit schafft und arbeitet, da werden sie seine eigenen, und dann erst kann er sie seinem Wesenskern als etwas Dauerndes einverleiben. Alles, was wir an Kräften haben, ist uns gegeben von Gott; damit uns die Kräfte zu eigen werden, müssen wir damit in der Welt arbeiten. So arbeitet der Mensch einerseits in jeder Inkarnation in der Welt und gestaltet sie um, aber die ganze äußere Umgestaltung der Welt ist andererseits der Boden, auf dem das Ich sich befestigt, denn durch seine Arbeit in der Welt wächst sein Ich, die durch die Arbeit in der Welt in ihm befestigten Gotteskräfte werden seinem Wesenskern einverleibt. So stehen Geisteswelt und physische Welt in innigem Zusammenhang. Das physische Leben ist dasjenige, worin der Geist des Menschen wächst. Darum sollte uns gerade das physische Leben heilig sein. Alles, was wir sind und haben, ist aus der Gottheit, aus dem Geist hervorgegangen; dass wir sind und zu uns «Ich bin» sagen können, dass wir uns eigene Kräfte erwerben können, das wurde uns ermöglicht durch das Leben im Physischen.

[ 8 ] Auch die Gottheit vervielfältigt ihre innere Kraft durch die physische Manifestation. So vervielfältigen wir mit jeder Verkörperung unsere inneren Kräfte. Dass wir uns inkarnieren, das geht aus dem Wollen des innersten Wesenskerns hervor. Das Wesen, welches zu sich Ich sagen will, muss sich inkarnieren. Mineralien, Pflanzen und Tiere können nicht Ich sagen; sie inkarnieren sich nicht als einzelne aus sich selbst gewollte Wesen, sondern als Teile höherer Wesen, die zu sich Ich sagen. Sie sind die Organe höherer Ich-Wesen, wie unsere Sinnesorgane, unsere Bewegungsorgane, unsere Arbeitsorgane nur Teile der Inkarnation sind, die unser Ich zum Ausdruck bringt. Tiergruppen, Pflanzen und Mineralien bringen das Ich höherer Wesen zum Ausdruck.

[ 9 ] So wurzelt das Ich im Geiste der Gottheit; selbstständig herausbilden muss es sich aber in der physischen Hülle der Gottheit. Da gewinnt es die Gotteskräfte, die es durchströmen, für sich, weil es da, an dem Gewande der Gottheit mitarbeitend, sich das Recht erwirbt, von den ihm mitgeteilten Gotteskräften ganz Besitz zu ergreifen. Bis dahin waren sie ihm verliehen und hätten ihm wieder entzogen werden können. Nun aber erarbeitete sich der Mensch im physischen Dasein die Anwartschaft auf einen Teil der Gotteskräfte. Und diese selbst erarbeiteten Gotteskräfte konnte er dem Ich dauernd einverleiben; die können ihm nicht mehr entzogen werden. In diesem Erwerben der Kräfte durch Hingabe der Kräfte an das Ganze, in der Arbeit an der Welt, darin liegt der göttliche Wachstumsplan für alle Weltentwicklung. So wächst die Gottheit; so wächst der Mensch. Gegeben sind uns Kräfte, aber nicht zum untätigen Besitz. Alle Kräfte sollen in unserer Arbeit zum Ausdruck kommen. Und indem wir unsere Kräfte in die Welt hineinarbeiten, da erfüllen sie immer mehr unser ganzes Wesen. Während wir untätig nur Behälter sind, in die die Kräfte einströmen, werden wir tätig zu Kanälen, durch die die Kräfte hindurchströmen. Und in dieser Nutzbarmachung der Gotteskräfte, darin liegt unser eigenes Wachstum. Alles, was wir nach außen weitergeben, das erweitert unser eigenes Sein. Unser Ich wächst in dem Maße, wie wir unsere Kräfte der Umwelt mitteilen. So arbeitet der Mensch seinen Geist in die physische Welt hinein, bis die ganze physische Welt immer mehr der Ausdruck des menschlichen Geistes sein wird. Das ist das Ziel, welches vor uns liegt. Die Vervollkommnung der Welt, die Vervollkommnung unseres eigenen Daseins liegt in unserer Hand. Darum sollen wir nicht fragen: «Schreitet die Welt der Vervollkommnung entgegen?», sondern sagen: «Wir wollen helfen, sie der Vervollkommnung entgegenzuführen.»