Kosmologie und menschliche Evolution
Notizen und Ausarbeitungen von Mathilde Scholl
Die Manifestation des Welten-Ich
GA 91
25 September 1906, Landin
32. Prâna (Die Lebenskraft), Das Feuer
[ 1 ] Das Feuer entsteht im Physischen durch Reibung zweier verschiedener Substanzen von verschiedenen Härtegraden. Durch die härtere Substanz werden feine Teilchen der weniger harten Substanz abgerieben, und durch diese Einwirkung entsteht zuerst Wärme und dann Feuer; die einzelnen Teilchen der feinen Substanz lösen sich auf und werden zum Funken, zur Flamme; unterhalten wird diese Flamme durch das Hinzuströmen des Sauerstoffs der Luft und durch eine Substanz, welche in ihr verbrennt. - Wenn wir in dieser Weise Feuer entstehen sehen, so erscheint es uns als etwas Neues, was durch eine äußere Wirkung geschaffen wurde.
[ 2 ] Das ist aber eine Täuschung: Der Mensch kann nichts in die physische Welt bringen, was nicht schon da ist, er kann nur mitwirken, das schon Vorhandene zum Vorschein zu rufen. So ist die ganze Verrichtung, die der Mensch vornimmt beim Entzünden des Feuers, nur eine Befreiung des Feuers aus seiner Fessel. Das Feuer ist immer da und ist überall. Es ist nur durch die verschiedenen Erscheinungsformen gefesselt, gedämpft. Wir haben nur die Form zu zerstören, damit das Feuer zum Vorschein kommt - entweder als Wärme oder als Flamme. Durch alle Arbeit in der Welt in der physischen Substanz entsteht Reibung und dadurch auch eine gewisse Zerstörung der Substanz, Loslösung von Substanzteilchen, und dadurch entstehen Wärmeerscheinungen. Bei jeder mechanischen Wirkung, bei allem Wachstum sind Wärmeerscheinungen.
[ 3 ] Die Unterhaltung des Feuers durch den Sauerstoff ist dasselbe wie die Unterhaltung des Lebens in uns durch die Luft, wie die Unterhaltung des Geistes in uns durch den Geist draußen in der Welt - Verwandtes strebt zu Verwandtem. Feuer ist befreites Leben, es strebt zu dem Leben-Erhalter, dem Sauerstoff; es ist befreiter Geist, der in den Weltengeist zurückstrebt. Wir erkennen aber, dass das Feuer in allem ist, was auf der Erde da ist, im Lebendigen und Unlebendigen. Nur ist es durch die Formen gefesselt und gedämpft. Befreien wir es von der Form, so tritt es hervor in verschiedenen Erscheinungen, als Wärme, als Licht, als Oxidierung, als irgendwelche chemische Verwandlung in den Substanzen. Auch die Verwesung ist ein langsamer Verbrennungsprozess, wobei Lichterscheinungen zu beobachten sind. Verwesende Substanz zu leuchten (Irrlichter auf dem Torfmoor).
[ 4 ] Die Verwesung ist eine langsame Befreiung des Feuers aus den Fesseln der Gestalt, der /unleserlich] Form.
[ 5 ] In dem Lebendigen erkennen wir das Feuer selbst nicht, aber wohl die Wirkung des Feuers in dem Umwandeln der Formen, in dem Wachstum. Es ist die unversiegbare Lebenskraft (Prâna) des Urlebens, welche alles Lebende belebt und lebendig erhält. Es ist nur in dem Lebendigen so gedämpft, dass dort das Gleichgewicht gehalten wird zwischen dem Ausdruck des Todes und des Lebens. - Das Lebendige, die Gestaltenwelt, ist die Welt, in der Leben und Tod im Gleichgewicht sind. In der Geisteswelt, die scheinbar ganz ohne Leben ist, ist nur der Ausdruck der Form vorherrschend; sie ist der negative Pol des Lebens, der im Mineralischen besonders stark zutage tritt. Aber der positive Pol ist dahinter verborgen.
[ 6 ] Alles Mineralische enthält auch das Feuer, und es kann durch Auseinandertreten der mineralischen Substanzen befreit werden - ein Prozess der sich täglich vor unseren Augen abspielt. Gerade in der Welt, wo das Leben am stärksten gefesselt ist, tritt es auch, wenn es befreit wird, am mächtigsten auf. Das ist die natürliche Reaktion zu dem vorher gefesselten Zustande. Dort wirkt es dann, wenn es befreit wird, als Feuer, als die Macht, welche verheerend und zerstörend wirken kann, wenn es entfesselt wird. Vorher schlummerte sie unter den Fesseln der Form, und nun, wenn sie befreit ist, tritt sie hervor mit ihrer ganzen Gewalt.
[ 7 ] Warum verehrten die Menschen mit Recht das Feuer? Weil es das Leben selbst ist, was dort sichtbar wird für das physische Auge. Das zwang die Menschen zur Verehrung, war es doch das Leben der Gottheit selbst, welches sie erkannten, das was ihnen allen Leben gab, alles am Leben erhielt, aber auch alles zerstören konnte. Dann trat auch Moses die Gottheit entgegen im feurigen Dornbusch. Im Feuer erkannte er den lebendigen Gott. Darin ist auch Christus, der das Leben der Welt ist, zugleich das Feuer im Physischen, weil das Feuer der stärkste Ausdruck des Lebens ist, welches aus der physischen Fessel sich befreit.
[ 8 ] Darum wurde den Menschen das Feuer gegeben zur Bearbeitung der physischen Welt, weil das Feuer die Macht ist, die die Substanz überwindet. Feuersöhne waren die Menschen, die es lernten, die feste Form zu überwinden. Und Diener des Feuers, des Weltenlebens sind alle die, welche die Fesseln alles Irdischen abzustreifen wissen und sich in das Reich des Lebens erheben. Da wird in ihnen auch die Kraft frei, die von Anfang an in ihnen schlummerte und zurück zur Urkraft strebt, aus der sie hervorgeht.
[ 9 ] Alles Leben, alle Entwicklung ist Befreiung von Kräften, die von dem einen Leben ausgestrahlt sind. - Das eine Leben, welches in der Welt sich in der Erscheinung offenbart, hat sich immer mehr verhüllt in der Erscheinungswelt, aber es ist immer da, es ist überall. Und der Mensch hat die Aufgabe, dieses Leben wieder hervorzulocken aus allem, was um ihn ist. Er hat aus der Mineralwelt das Feuer hervorzulocken und die Mineralwelt mit Hilfe des Feuers so zu bearbeiten, dass die ganze mineralische Welt ein vollkommener Ausdruck dieser lebendigen Macht wird. Dann wird das Leben in der Mineralwelt erlöst sein und es kann dann alles [verborgene] Leben aus der Mineralwelt übergehen in das Weltenleben, in das Reich des Lebendigen, das Pflanzenreich. So wie jetzt durch einen Verbrennungsprozess die Pflanze sich aufbaut, wie der Mensch durch einen Verbrennungsprozess sich aufbaut, so wird dann alles durch das Feuer so belebt sein, wie alles Pflanzliche es jetzt ist. Auch das Lebendigerhalten des Pflanzen-, Tier- und Menschenreiches ist eine Art Verbrennungsprozess. Dass alles Lebendige nahezu ganz durch das mineralische Feuer verzehrt wird, liegt daran, dass dort die negative Wirkung des Lebens, die Gestaltung selbst, die Form vorherrscht, während die positive Wirkung, das Leben selbst, die Gestaltungskraft, zurücktritt. Sobald die Gestaltungskraft stärker wird als die Form, da tritt das ein, was uns als Tod, Absterben erscheint, eine Erhöhung von Verbrennungsprozessen, in Wirklichkeit die Befreiung des Lebens, des inneren Feuers aus der Fessel der Form. Tritt nun der positive Pol ganz zurück hinter die Form, da herrscht die Form vor, und die Welt geht da ins Mineralische über. - Das Mineralische ist Vorherrschen der Formseite des Lebens. Das Pflanzliche ist das Gleichgewicht zwischen Form und Lebensseite, ebenso das Tierische und Menschliche.
[ 10 ] Die Auflösung der Formen ist das Vorherrschen des Lebens, welches sich von der Form befreit. Darum konnte Christus als das Leben die Form überwinden, er konnte leben ohne die Form, ohne den physischen Körper.
[ 11 ] Wenn wir es vermögen, auch in uns das Leben zu befreien, welches immer da ist und nur hinter der Form zurücktritt, so können wir uns mit dem Leben verbinden. Wir wachsen dann über die Form hinaus. Alle Weiterentwicklung des Menschen besteht in einer Befreiung des in ihm schlummernden Prâna, des Feuers (Kundalini), der Lebenskraft (Christus). Erhalten wird das Feuer durch den Janusstoff der Luft; so wird unser Seelenfeuer erhalten durch das Einatmen des göttlichen Lebens. Wie das Verbrennen eine Vereinigung des verborgenen Feuers mit dem Weltenfeuer bedeutet, so geht auch in uns ein Verbrennungsprozess und dadurch eine Läuterung vor sich durch Vereinigung des Lebens in uns mit dem Leben der Welt.
[ 12 ] Dem Auge des Sehers ist das Leben als Feuer, als Flamme, als Lichterscheinung in allem, was in der Welt ist, erkennbar. Jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier oder auch der Mensch sind für ihn Lichterscheinungen. Je weiter der Mensch fortschreitet, desto heller leuchtet es, desto mehr kommt das innere Feuer zum Ausdruck. — Die ganze innere Entwicklung des Menschen verwandelt ihn immer mehr in eine strahlende Lichterscheinung. Das ist der Ausdruck seines inneren Lebens.
[ 13 ] Im Feuer äußert sich also die stärkste Lebenskraft, da wo sie von der stärksten Fessel, dem Physisch-Mineralischen, befreit.
[ 14 ] Wir müssen uns in den Dienst des Feuers stellen, um selbst unsere innere Befreiung herbeizuführen. Der Weg zur Freiheit ist eine innere Verbrennung und dadurch Befreiung des göttlichen Lebens in uns.
[ 15 ] Es entwickeln sich nacheinander
Leben — Mineralreich
Zahl — Pflanzenreich
Licht — Tierreich
Wärme — Menschenreich.
[ 16 ] Das Mineralreich ist zuerst vollendet - dann tritt das Leben zuerst heraus als das Selbst, das Ich. - Dann tritt es heraus in Pflanzen und als Zahl, Offenbarung. - Dann tritt es heraus im Tierreich als Licht, Weisheit. - Dann tritt es heraus im Menschenreich selbst als Wärme; Liebe.
