Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener
und zukünftiger Entwicklungsgeheimnisse des Menschen
GA 93
23 Oktober 1905, Berlin
19. Die Beziehung der okkulten Erkenntnisse zum alltäglichen Leben
[ 1 ] Heute möchte ich einiges sagen, was als Fortsetzung mancher Fragen, die in diesen Tagen Ihnen vor die Seele getreten sind, gelten kann. Heute möchte ich manches ausführen, was vielleicht durch Bemerkungen in den vorhergehenden Tagen angeregt sein dürfte. Es ist so viel gesprochen worden über die Beziehungen des Okkultismus zur 'Theosophie, der Esoterik zur Theosophie und so weiter, aber noch nichts von der Beziehung der Theosophie zum alltäglichen Leben. Ich habe schon vor acht Tagen angedeutet, daß ich gerade über dieses 'Thema noch einige Worte sprechen möchte. Und zwar möchte ich heute einmal die Aufmerksamkeit auf weniger hohe Gesichtspunkte hinlenken, sondern davon sprechen, wie die okkulten Erkenntnisse in das Leben des Alltags unmittelbar hineinspielen und wie tatsächlich durch die theosophische Weltanschauung unser Blick nicht bloß über weite Zeiten und Räume hingelenkt wird, sondern wie wir auch durch die Begriffe des Okkultismus über die alltäglichsten Fragen einen ganz anderen Aufschluß gewinnen können, als das ohne solche Begriffe möglich wäre. Wir werden dann schen, wie irrtümlich die Meinung ist, der wir so oft begegnen, nämlich daß der Okkultismus etwas Unpraktisches und dem gewöhnlichen Alltagsleben ungemein Fernstehendes sei.
[ 2 ] Und eine andere Frage werden wir noch berühren. Es ist die Frage: Wie kann derjenige, der es noch nicht dazu gebracht hat - was jedem Menschen in Zukunft aber beschieden sein wird -, Einblicke in die höheren Welten zu tun, wie kann er sich von dem Standpunkte, den jeder Mensch mit einer normalen Bildung einnimmt, die Überzeugung davon verschaffen, daß die theosophischen Lehren Wahrheit sind und die Bestrebungen der ’Theosophie eine wirkliche Berechtigung haben? Die Beweise brauchen durchaus nicht bloß aus der okkulten Beobachtung gewonnen zu sein, ja, sie können gar nicht eher daraus gewonnen werden, bevor sie nicht aus einem anderen Gebiete geholt sind, dem des alltäglichen Lebens. Das bereitet uns vor, uns auch die Überzeugung von den höheren Gebieten des Daseins zu verschaffen. Was sich immer zugetragen hat, das trägt sich auch heute noch zu in unserem alltäglichen Leben.
[ 3 ] Wenn wir den Menschen zurückverfolgen bis in die frühesten Zeiten seines Entstehens, so finden wir, daß er seinen Ursprung aus einer viel feineren, geistigeren Materie genommen hat als die ist, aus der er heute besteht. Der heutige Mensch zeigt uns der Form nach in der Hauptsache drei Körper: den physischen Körper, den Äther- und den Astralkörper. Der Ätherkörper ist eine Art Urbild des physischen Körpers. Der Astralkörper, die aurische Hülle, die den Menschen umgibt und durchdringt, ist dasjenige Gebilde, in welchem sich das Gemütsleben, das Instinkt- und Leidenschaftsleben sowie jeder Gedanke Ausdruck verschafft. Aus dem noch undifferenzierten Astralkörper hat sich im Grunde genommen der ganze Mensch im Laufe der Zeit herausgebildet. Wenn wir genügend weit zurückgehen, bis zu frühen Urepochen der Menschheit, dann finden wir, daß die physische und ätherische Substanz, die den heutigen Menschen durchsetzt, aufgelöst ist in dem ursprünglichen Astralkörper des Menschen, wie ein Samenkorn in der Erde.
[ 4 ] Der heutige Mensch ist sozusagen verdichtet aus der astralen Grundsubstanz. Dieser Vorgang findet heute noch alltäglich statt. Wenn zwei Menschen sich gegenüberstehen, so sind es zunächst die beiden Astralkörper, die sich gegenüberstehen in Liebe oder Haß, Wohlwollen oder Mißfallen, Zorn oder Güte, abstoßend oder anziehend. Das alles sind Erscheinungen, die sich zwischen den Astralkörpern abspielen. Der Verkehr zwischen den Menschen ist ein fortwährender Austausch von Zuständen und Verhältnissen der Astralkörper. Wenn ich einem anderen Menschen gegenüberstehe, dann erfährt mein physischer Körper keine große Veränderung, auch der Ätherkörper nicht, wohl aber der Astralkörper. Wenn ein Mensch zu mir etwas sagt, das haßerfüllt ist, so gehen die haßerfüllten Ströme in meinen Astralkörper ein und verändern denselben. Ich muß dasjenige, was von ihm ausströmt, in meinen eigenen Astralkörper aufnehmen, und dieser bekommt dann ganz andere Eigenschaften, je nachdem mir von dem anderen Liebe, Geduld oder Zorn und Ungeduld zuströmt.
[ 5 ] Zwischen dem Erzieher und dem Kinde spielt sich etwas ganz Ähnliches ab. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Erzieher liebevoll oder ob er ein engherziger Egoist ist. In dem kindlichen Astralkörper haben wir etwas, was anders aussieht als der Astralkörper des Erwachsenen. Der Astralkörper des Kindes ist licht und hell, er zeigt sich uns als etwas Jungfräuliches im Vergleich zu dem Astralkörper, wie er sich im Laufe des Lebens entwickelt. Was ist der Astralkörper des Kindes? Wie eine undifferenzierte Lichtwolke erscheint er, die erst nach und nach gestaltet wird. Es ist noch wenig in ihn eingegraben, was ihn mehr und mehr in sich bestimmt macht, so daß noch alles mögliche aus ihm geboren werden kann. Er wird geformt durch die Vorstellungen, die das Kind aus der Umgebung aufnimmt. Sie gehen in ihn ein und färben ihn und machen ihn anders.
[ 6 ] Je nachdem, was für Vorstellungen das Kind aufnimmt, ob von materialistischen oder idealistischen Gesichtspunkten ausgehend, strömen andere Gebilde in den Astralkörper des Kindes ein und formen ihn. Es tritt dann immer mehr eine Erfüllung der Seele mit solchen Vorstellungen ein. Wenn das Kind lieblos behandelt wird, tritt das Echo dieser Lieblosigkeit im Astralkörper des Kindes in Erscheinung. Er schließt sich dann wie mit einer Haut gegen die Außenwelt ab. Das alles zeigt uns, daß tatsächlich ein fortwährendes Umbilden des Astralkörpers stattfindet und daß der Verkehr mit den Menschen auf dieses Umbilden einen großen Einfluß hat.
[ 7 ] Das Kind hat also noch einen gleichförmigen, aber eine unendliche Fülle von Möglichkeiten enthaltenden Astralkörper. Nehmen Sie den Astralkörper eines Kindes an, der einem idealistischen Erzieher gegenübersteht, der selbst eine harmonische Seele hat und mit Hingabe in die Welt hineinblickt und empfänglich ist für deren Schönheit und Erhabenheit, einem Erzieher, der imstande ist, in sich selbst ein Abbild der Schönheit der Welt zu schaffen. Ein solcher Erzieher wird auch die Eigenschaft entwickeln, auf die Anlagen der kindlichen Seele einzugehen. Er bildet dann im Kinde weiche und empfängliche Gebilde aus und sendet in diese Ströme hinein, die von dem eigenen Astralstoff des Kindes aufgelöst werden. Ein solcher in sich selbst harmonisch gebildeter Erzieher sendet dem Kinde fortwährend harmonische Ströme zu. Wie selbstverständlich fließt dann die Charaktereigenschaft des Erziehers in das Kind über, und damit fließt auch über alle jene Weltharmonie, die er in Form der Schönheit aus der Umgebung entnommen hat. Was er Großes aufnimmt, als edler Mensch und guter Beobachter, das sendet er als Erzieher in die Natur des Kindes und bringt diese dadurch zu harmonischer Entwickelung.
[ 8 ] Nehmen wir dagegen an, der Erzieher stehe dem Kinde als egoistischer, pedantischer Mensch gegenüber, als Mensch mit engen, eigensinnigen Vorstellungen und Begriffen. Diese Eigenschaften rufen in seinem eigenen Astralleibe Gebilde hervor, die ihn wie in einer festen Kruste eingeschlossen erscheinen lassen, ihn zu einem durch und durch festen, schwerbeweglichen Gebilde machen. Dann sendet er Strahlenströme aus, die fest in sich geschlossen sind, so daß es dem Astralkörper des Kindes unmöglich ist, sie aufzulösen. Sie verletzen höchstens wie ein Pfeil den Astralkörper des Kindes, können aber nicht aufgelöst werden und gehen einfach durch denselben hindurch.
[ 9 ] Oder nehmen Sie etwas noch Alltäglicheres an. Zwei Menschen sprechen miteinander. Man kann zwei solche Menschen sehr gut in bezug auf die Wirkungen ihrer Astralkörper aufeinander durch das gegenseitige Aufeinandereinsprechen beobachten.
[ 10 ] In der astralen Substanz, im Astralen bildet sich immer etwas Neues. Ich will Ihnen dies in folgender Weise begreiflich machen. Der Mensch baut durch seine Vorstellungen fortwährend Gebilde in den Astralkörper hinein. Diese zeigen sich in den mannigfaltigsten Formen. Die astrale Substanz, die zwischen den einzelnen Gebilden unbenützt bleibt, nennt man eine intermediäre Astralsubstanz, im Gegensatz zu derjenigen, die sich zu Gebilden gestaltet hat. Diese intermediäre Astralsubstanz ergänzt sich fortwährend aus der Astralsubstanz unserer Umgebung, strömt fortwährend ein und aus, wird fortwährend erneuert. Aber die Gebilde bleiben fest, die der Mensch durch die Art seiner Empfindungen, Gedanken und Willensentschlüsse ausgebildet hat.
[ 11 ] Nehmen wir also an, zwei Menschen stehen vor uns und führen ein gewöhnliches Gespräch miteinander. Der eine von ihnen hat starre, feste Begriffe ausgebildet, die auch sehr feste Gebilde in der Astralsubstanz erzeugt haben. Der andere spricht auf ihn ein und versucht, ihm etwas klarzumachen. Worauf beruht dieses einem anderen etwas klarzumachen? Es beruht darauf, daß er seinen eigenen Begriff in die astrale Substanz des anderen Menschen hineinsendet. Dieser Begriff, dieser Gedanke strömt dann zunächst in die fremde Astralsubstanz hinein. Dort muß er sich erst durch die Zwischensubstanz auflösen und sich entsprechend den bereits vorhandenen Formen wieder erzeugen und umgebildet werden.
[ 12 ] Nehmen wir nun an, der eine versuche dem anderen etwas klarzumachen, zum Beispiel, was sich auf Reinkarnation bezieht. Der andere hat sich aber über Reinkarnation bereits einen festen Begriff gebildet. Nehmen wir an, er sei ein befangener Mensch und habe sich den Begriff gebildet, daß sie etwas Törichtes und Unsinniges sei. Dieser Gedanke hat in seiner Astralsubstanz geschwebt. Nun kommt der Gedanke des ersteren und löst sich in der intermediären Astralsubstanz des anderen auf, müßte sich aber in die bei ihm bereits bestehenden Gedankenformen umbilden können. Das geht aber nicht, weil sein Begriff zu starr, zu fest ist. Er kann den ihm zugesandten Gedanken nicht in seine Gedankenform umbilden, und deshalb versteht er ihn nicht.
[ 13 ] Je mehr sich ein Mensch die Beweglichkeit der Begriffe erhält, so daß diese immer von der sie umgebenden Zwischensubstanz aufgelöst werden können, desto mehr Verständnis wird er dem anderen Menschen entgegenbringen. Davon rührt es her, daß es so schwierig ist, akademisch gebildeten Leuten theosophisches Leben zu vermitteln. Die auf der Universität aufgenommenen Begriffe erzeugen starre, feste, in sich abgeschlossene Gebilde, die nicht leicht auflösbar sind. Mit solchen Gebilden erfüllt, kommt der Akademiker gewöhnlich zum theosophischen Vortrag und ist dann unfähig, theosophisches Leben zu erfassen. Ganz anders würde es sein, wenn er so erzogen wäre, daß er sich bei allen Begriffen sagte: Ja, es könnte möglicherweise auch anders sein, denn wir haben ja nur einen geringen Grad von Erfahrung, und manches, was wir jetzt für richtig halten, wird in der Zukunft noch korrigiert werden müssen. - Würde er das tun, dann wäre die Seele noch aufnahmefähig.
[ 14 ] Nehmen wir noch einen anderen Fall. Ein Mensch steht einem anderen mit Gefühlen der Verehrung gegenüber. Wie nimmt sich für den Beobachter, der mit astralen Sinnen begabt ist, die Verehrung aus? Verehrung heißt, solche Gedanken aussenden, welche sich in die Substanz des fremden Astralkörpers hineinsenken und sie gleichsam aufsaugen. Wenn Sie nämlich einen verehrenden Gedanken haben, so kommt dieser dadurch zum Ausdruck, daß Sie selbst die Verehrung als ausströmende Wärme dem anderen entgegenbringen. Diese von Ihnen ausströmende Wärme hat in der astralen Welt ihr Spiegelbild, das sich in bläulicher Farbe als die Gedankenform der Verehrung und Devotion zeigt. Das warme, verehrende Gefühl erzeugt eine Gedankenform, die bläulichen Charakter trägt.
[ 15 ] Was ist es aber, was bläulich erscheint? Das können Sie erkennen, wenn Sie in den unendlichen finsteren Weltenraum hinausschauen. Er erscheint Ihnen blau infolge der erleuchteten Atmosphäre. Ebenso erscheint Ihnen [im Astralen durch den Gedanken der Verehrung] etwas, was vorher finster ist und nun umleuchtet ist von dem warmen, hellen Gefühl der Verehrung, auch in dieser bläulichen Farbe. Man umschließt einen dunklen Raum mit dem Gefühl der Verehrung, und der dunkle Kern erscheint dann als bläulich, ähnlich wie Ihnen in der Flamme ein blauer Kern erscheint, der vom Licht umzogen ist. So ist es auch mit dem Verehrungsgedanken. Er ist ein von Wärme durchflossener leerer Raum. Sendet man den Gedanken der Verehrung einem anderen entgegen, so bietet man ihm dadurch die Gelegenheit, sein eigenes Wesen in diesen leeren Raum einströmen zu lassen. So spielt sich der Ausgleich zwischen dem Verehrenden und dem Verehrten ab.
[ 16 ] Stehen Sie einem anderen dagegen gegenüber mit dem Gefühle des Neides, dann lebt in Ihnen eine andere Gedankenform, die Sie ihm entgegenbringen. Sie senden dann die rote Gedankenform des Egoismus, der Selbstliebe aus. Diese umschließt ihrerseits wieder eine andere Gedankenform, die voll ist von der Vorstellung des eigenen Selbstes, die vielleicht durch Ehrgeiz erzeugt wurde. Dieser drückt sich nicht in einem leeren Raum, in einem Hohlgebilde aus, sondern in einer ganz erfüllten Form, in die nichts mehr hinein kann. Sie ist rings umschlossen von dem Gefühl der Kälte und hat die entgegengesetzte Gedankenform, nämlich ringsherum einen bläulichen Kreis, in der Mitte einen roten Kern. Die Kälte der blauen Farbe stößt alles zurück, was hinein will, und die eitle rote Gedankenform bleibt wie sie ist. Sie nimmt nichts an. So steht der Neidische, der nicht verehren kann, dem anderen gegenüber.
[ 17 ] Sie sehen, was sich in unserem Astralleibe abspielt, ist nichts anderes als das Ergebnis des Alltagslebens. Was sich im Astralkörper abspielt, kann nur der sehen, der darauf trainiert ist. Aber die Wirkungen dieser Vorgänge im Astralkörper sind im Physischen fortwähend da, und von diesen kann sich jeder durch das Leben überzeugen. Jeder kann folgende Probe machen, indem er sich sagt: Ich lasse es ganz dahingestellt, ob die Mitteilungen des Okkultisten wahr oder falsch sind. Aber ich will sie unbefangen prüfen. Ich kann so leben, als ob diese Mitteilungen auf Richtigkeit beruhten. Ich kann mich dann meinen Mitmenschen gegenüber dementsprechend verhalten, und wenn ich das vorsichtig tue, dann werde ich ja sehen, ob das Leben mir in jedem einzelnen Falle bestätigt, was der Okkultist sagt. Und das Leben wird Ihnen das in jedem Fall bestätigen. Sie werden einen ungeheuren Gewinn davon haben.
[ 18 ] Wer sich das durchdenkt und zum Beispiel sich als Erzieher nicht nur mit seinen pädagogischen Begriffen und Ideen durchdringt, und nicht nur durch das wirkt, was er sagt, sondern auch durch das, was er fühlt, empfindet und denkt, wer sich durchdringt mit dem Bewußtsein, daß zwei Astralkörper aufeinander einwirken und weiß, was bei dem Gegenüberstehen dieser Astralkörper vor sich geht, der weiß auch, daß er die Pflicht hat, sich immer besser und besser zu machen. In dem Grade, wie er besser wird, wirkt er auch besser auf die Anlagen des Kindes ein. Er tötet nicht die Anlagen, sondern holt sie heraus.
[ 19 ] Es bedeutet noch etwas ganz anderes, als nur zu wissen, daß es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit ist, was uns durch die Verehrung eines anderen Menschen, der verehrungswürdig ist, entgegengebracht wird; es bedeutet noch etwas anderes, zu erleben: wenn wir unzählige solcher Gedankenformen, umhüllt von Wärme, anderen Menschen zusenden, so wachsen wir durch die Größe des anderen Menschen. Es ist das noch etwas ganz anderes, als solche Dinge nur äußerlich mit dem Verstande zu erfassen, als nur zu wissen, was sie darstellen. So lernen wir im Okkultismus das Leben mit größerem Ernst erfassen, lernen erkennen, daß das, was nicht handgreiflich ist, was nicht mit Sinnen wahrgenommen werden kann, doch eine Wirklichkeit hat. Wir lernen die ganze Tragweite und Bedeutung unserer seelischen Welt verstehen und würdigen.
[ 20 ] Es mag vielleicht der eine oder andere sagen, das sind ja schematische Umgestaltungen. Nein, das sind sie nicht! Wir müssen ganz anders durchdrungen werden von der Tragweite unserer Taten und von der Verantwortlichkeit, die uns das Leben auferlegt. Das alleralltäglichste Leben ist es, was auf diese Weise vom Okkultismus beeinflußt werden kann. Derjenige, der weiß, was infolge von Gedanken und Gefühlen in der unsichtbaren Welt erfolgt, der bringt es schließlich dahin, daß es ihm ebenso wichtig wird, einem anderen Menschen kein böses Gefühl entgegenzusenden, wie es ihm wichtig ist, ihn nicht mit Flintenkugeln zu traktieren. Er weiß, daß es ebenso schlimm ist für den astralen Menschen, einen Haßgedanken auf ihn zu werfen, wie es für den physischen Menschen schädlich ist, wenn ein Ziegelstein auf ihn geworfen wird.
[ 21 ] Verstehen kann man dies sehr bald; fühlen und erleben werden es diejenigen, welche in solchen Zusammenkünften sich zusammenfinden, wie es die theosophischen sind. Sie bringen dann daraus einen neuen Quell des Lebens mit. Sie können sich sagen, daß es für die anderen eine einfache Wirklichkeit gibt, für uns eine dreifache. Der andere fühlt die Wirklichkeiten nur aus der Sinnenwelt und denkt sich nichts Böses dabei, wenn er sagt: Gedanken sind zollfrei! - Wer aber durch die theosophische Weltanschauung durchgegangen ist, der kann nicht mehr sagen, Gedanken sind zollfrei, sondern der ist überzeugt, daß er dafür verantwortlich ist, was er den anderen Menschen gegenüber denkt und fühlt. Dieses Verantwortungsgefühl tragen Sie als schönste Frucht der theosophischen Weltanschauung in die Welt hinaus. Wenn wir auch noch Anfänger, Probierer sind, so wirken wir doch schon aus der verborgenen, okkulten Welt heraus in die sichtbare hinein. Wir verschönern und verbessern die Welt von den verborgenen Gebieten des Daseins aus.
[ 22 ] Das ist die eine Seite, wie wir das Leben verstehen. Aber es gibt noch andere. Der Mensch lebt nicht allein als Individuum in der Welt, er gehört auch einer Familie, einem Stamm, einem Volk, also einer Gesamtheit an. Er ist eigentlich nur seinem physischen und seinem Ätherkörper nach so abgegrenzt. Ich habe schon gesagt, daß ein Astralkörper fließende Grenzen hat, daß die Zwischensubstanz fortwährend geneigt ist, Strömungen von außen aufzunehmen und sich zu erneuern. Wenn wir aber bedenken, daß wir einem Volk, einem Stamm, einer Familie angehören, dann bekommt die Sache noch einen weiteren Gesichtspunkt.
[ 23 ] Wenn wir den Astralkörper des einzelnen Menschen betrachten, so unterscheidet sich fast jeder von dem Astralkörper des anderen der Grundfärbung nach. Er hat eine gewisse Schattierung, die sich nach außen als Temperament äußert. Das Temperament kommt also in einer gewissen Grundfarbe zum Ausdruck. Der Mensch steht auf diese Weise zu seiner ganzen Umgebung in Beziehung, indem sich der Charakter der Familie, des Stammes oder Volkes, denen er angehört, in der Grundfarbe ausprägt.
[ 24 ] Man kann da als Okkultist interessante Beobachtungen machen, wenn man zum Beispiel eine Stadt wieder besucht, die man vielleicht vor zehn Jahren gesehen hat. Wenn man die jungfräulichen Astralkörper der Kinder betrachtet, so findet man, daß diese außer der persönlichen Grundfarbe noch eine andere Grundfarbe haben. Hat man nun bei dem ersten Besuch diese jungfräulichen Astralkörper der Kinder genau angeschaut und vergleicht sie mit denen jener Kinder, die nach zehn Jahren in der Stadt leben, so findet man, daß sich deren Aussehen verändert hat. Es gibt etwas in der menschlichen Individualität, das so fortschreitet wie die Entwickelung der Stadt, des Stammes oder Volkes. Das kommt davon her, daß die Strömungen von einem Kollektiv-Astralkörper, der mich von außen umgibt, fortwährend mit meinem eigenen in Wechselwirkung steht, der in diesem Kollektiv-Astralkörper lebt. Daher haben wir auch ein Volkstempetament, das sich in dem gemeinsamen Astralkörper des Volkes ausdrückt.
[ 25 ] Jedes Volk und jede andere Gemeinschaft hat einen solchen Astralkörper, und dieser strömt in die Astralkörper der einzelnen Menschen ein. Das ist der Grund, weshalb eine gewisse Disharmonie entstehen kann zwischen den einzelnen Menschen und der Aufgabe des ganzen Volkes. Es gehen nämlich nicht immer alle Entwickelungsanlagen in der Welt den gleichen Gang. Das Umfassendere eilt sehr häufig demjenigen voraus, was weniger umfassend ist.
[ 26 ] Betrachten wir zum Beispiel ein Volk. Ein Volk ist nicht ein beliebig in der Welt zusammengewürfeltes Gebilde, nicht etwas, was durch Zufall erzeugt wurde, sondern jedes Volk hat seine bestimmte Aufgabe im Entwickelungsgang der Menschheit. Wer ein Volk von einem höheren Gesichtspunkt aus betrachtet, der kann sich sagen, daß jedes Volk eine bestimmte Aufgabe hat und daß auch seinem Volke eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen obliegt. Er kann sich sagen: Ich gehöre diesem Volke an, so daß ich mit ihm der gemeinschaftlichen Volksaufgabe dienen muß, und ich kann ihr so dienen, weil in mir eine Astralität lebt, welche dem ganzen Volke angehört. Diese Bestimmung des Volkes ist auf dem Astralplane deutlich ausgedrückt, sie ist ein bestimmter Gedanke, etwas, das auf Planen, die höher sind als der Astralplan, lebt. Um die Gedanken der Weltordnung zu studieren, muß man über den astralen Plan hinaufsteigen zu dem mentalen Plane.
[ 27 ] Die vierte Unterrasse zum Beispiel, aus der unsere Rasse hervorgegangen ist, entwickelte sich aus einem kleinen Kreise von Menschen in Asien und bildete sich zu der hebräisch-griechisch-lateinischen Rasse aus. Diese hatte die Aufgabe, die erste Mission des Christentums vom Völkerstandpunkte aus zu erfüllen. Der Gedanke dieser Rasse war der, das Christentum in seiner ersten Etappe über Europa und die angrenzenden Gebiete zu verbreiten. Das ist ein Völkergedanke.
[ 28 ] In früheren Zeiten galt der umfassende Gedanke von Reinkarnation und Karma. Dann trat ein Umschwung ein und die Menschen wurden in der Vorstellung erzogen, daß das eine physische Leben von Wichtigkeit sei. In der griechischen Kunst tritt das deutlich hervor, indem sie den Sinn für die äußere Form ausgebildet hat. Darin lag die Veredelung des physischen Planes für die äußeren Sinne. In dem römischen Volke kam dann das Recht zur Entwickelung, welches sich unmittelbar auf dem physischen Plan auslebt. Das Christentum endlich durchdringt dieses Recht mit einer Moral, so daß ein einziges Erdenleben eine solche Wichtigkeit erlangt, daß eine ganze Ewigkeit davon abhängig gemacht wird. Das ist ein einseitiger Gedanke, aber er war richtig und notwendig. Die katholischen Völker haben die Mission der Verbreitung des Christentums übernommen und sie nach dem Norden Europas getragen, wodurch die germanischen Völker eine neue Mission empfingen.
[ 29 ] Wir sehen also, daß ein Volksgedanke lebt im ganzen Volke, und jeder einzelne gehört diesem Gedanken zu. Was früher auf dem Gebiete der plastischen Kunst an schönen Formen der Sinnenwelt in der griechischen Kunst ausgebildet worden ist, was als Recht ausgebildet und später zur Moralität vertieft wurde, das haben wir in unserer Zeit zum Nutzen der Bürger herausgebildet zum technischen Leben. Städte wurden gegründet, sie wuchsen und blühten und bildeten so eine eigene Kultur heraus, die Kultur des Bürgertums. Aus dieser ging dann eine Nützlichkeitsmoral hervor, die den Anstoß gab zur Entwickelung einer einseitigen Wissenschaft, die den Höhepunkt in unserer jetzigen Zeit erreicht haben dürfte.
[ 30 ] Hierin können wir das Wirken eines devachanischen Prinzips erkennen. Das ist das Umfassende bei diesen Veränderungen im Laufe der Entwickelung, das uns zeigt, in welcher Weise ein Volksgedanke wirkt. Wie dieser Gedanke zum Ausdruck kommt, das hängt von dem gemeinsamen Astralkörper des Volkes ab, von dem Volkstemperament. Die Kunst zum Beispiel wäre bei einem anderen Volke als dem griechischen in einer ganz anderen Weise zum Ausdruck gekommen.
[ 31 ] Obgleich nun der Volksgedanke in jedem einzelnen lebt, so geht der einzelne doch nicht im Volksgedanken auf. Er bringt daneben noch seine Persönlichkeit zum Ausdruck. Hier zeigt sich uns nun etwas ganz Merkwürdiges und Eigentümliches. Leichter ist es zunächst für den Menschen, sich in die Gedankenwelt seines Volkes, in seine devachanische Bestimmung hineinzufinden, als den Ausgleich zwischen den eigenen Gefühlen und den Gefühlen dieses Volkes zu bewirken. Es ist das nicht so leicht, namentlich für solche, welche schon eine gewisse höhere Bildung und Gesittung errungen haben. Auf den niederen Entwickelungsstufen ist dieser Ausgleich der Gefühle zwischen Mensch und Volk eher möglich, weil da immer eine größere Einordnung des individuellen Empfindens in das allgemeine Volksempfinden stattfindet. Auf je niedrigerer Stufe der einzelne steht, um so stärker kommt das Volksempfinden, der Volksgedanke bei ihm zum Ausdruck, in ähnlicher Weise, wie das Tier ein Abdruck der Tiergattung ist.
[ 32 ] Wenn der Mensch sich aber entwickelt, so hebt er seinen eigenen Astralkörper heraus, er wird differenzierter, bestimmter. Und dann ist es möglich, daß sein Astralkörper diejenige Form der Mentalität aufzunehmen imstande ist, welche über der Stufe der Mentalität seines Volkes liegt. Wenn man das, was von dieser höheren Stufe herunterleuchtet, verstandesmäßig oder gedanklich erfaßt, so kann man leicht die Ideale ergreifen. Manchmal kommt es auch vor, daß die Gefühle des Astralkörpers eines Menschen nicht so weit entwickelt sind wie seine Gedanken. Die Gedanken eines Volkes können so mächtig auf die Gedanken eines einzelnen einwirken, daß sie ihn ergreifen, bevor er sich sonst genügend entwickelt hat.
[ 33 ] Individuen, bei denen dies zutrifft, sind ideale Schwärmer, sind die Märtyrer für den Fortschritt eines Volkes. Sie sind es deshalb, weil sie selbst dem vorauseilen, was ihr sonstiger Astralkörper tatsächlich ist, weil sie ihre ganze edlere Seele dem einen Ideale in selbstloser Weise zuwenden. Wenn solche Menschen dann mit Tod abgehen, dann tritt ihre unentwickelte Astralität mit um so größerer Stärke hervor; dann tritt das, was nicht in dem Ideale des Volkes war, in Wirkung, denn sie haben es in Zukunft nur mit ihrer eigenen Entwickelung zu tun. Wenn ein solcher Mensch, der im Leben ein großer und edler Idealist war, der sich dem Ideale seines Volkes gewidmet hat, gestorben ist, wird er übertönt von dem in ihm noch vorhandenen persönlichen Element. Dann treten die niedrigen Eigenschaften seines Astralkörpers ganz hervor. Nehmen Sie nun an, ein solches Menschenwesen ist zum Märtyrer geworden. Er hat Edles geschaffen, ist aber von seinem Volke mißhandelt worden, wie manchmal solche fortgeschrittenen Naturen mißhandelt werden. Dann wird er gewöhnlich zwar trotzdem während seines Lebens kühn und mutig seinem Ideale nachgehen, nicht nach rechts und nicht nach links schauen. Ist er aber gemartert oder gar getötet worden wegen seines Ideals, dann treten unmittelbar nach seinem ’Tode die Rachegedanken auf. In Kamaloka bleibt dann übrig, was er als Persönliches zurückgedrängt hatte.
[ 34 ] Ein Volk, das auf diese Weise seine Idealisten behandelt, schafft sich schlimme Kräfte in Kamaloka, die auf das Volk zurückwirken. Rußland hat sich solche schlimmen Kräfte geschaffen. Seit Jahren hat es gewisse edle Persönlichkeiten mit der Knute mißhandelt. Die niedrigen Kräfte dieser Persönlichkeiten sind nun in Kamaloka wirksam als Feinde dessen, was in Rußland lebt, als Feinde derer, für die sie sich im Leben geopfert haben. Man konnte sehen, daß solche Märtyrer, die jüngst verstorben waren, jetzt kämpften auf Seite der Japaner gegen ihr eigenes Volk. Dies ist eine Tatsache, welche uns verständlich wird, wenn wir in die tiefer wirkenden Kräfte des Seelenlebens hineinsehen. Die Erscheinungen der Zukunft werden uns klar, wenn wir sie von diesem Standpunkte aus betrachten.
[ 35 ] Wir leben als Mitglieder germanischer Völkerschaften, eingeschlossen im Osten von slawischen, im Westen von englisch-amerikanischen Völkerschaften. Beide, die amerikanischen und die slawischen Völkerschaften sind aufgehende Rassen, welche in der Zukunft ihren Zweck zu erfüllen haben, Rassen, die erst am Anfang ihres Volksgedankens stehen. Der Grundcharakter der slawischen Völker drückt sich aus in der spirituellen Veranlagung. Versuchen Sie die slawische Kultur zu verstehen, und Sie werden finden, daß sie zu einer spirituellen Kultur hinneigt, daß sich da etwas Spirituelles herauflebt. Diese slawischen Völker mußten sich zunächst mit den im Osten liegenden Volksstämmen auseinandersetzen, mit den Chinesen und Japanern. Das sind Überbleibsel früherer Völkerschaften der Atlantier, wie überhaupt alle Mongolen die Überreste der spätatlantischen Kultur sind. Sie haben Astralkörper, welche selbst schon zur Spiritualität neigen. Mit diesen haben sich die slawischen Völker auseinanderzusetzen.
[ 36 ] In Amerika haben wir etwas Ähnliches. Der Materialismus ist da auf die Spitze getrieben und radikal ausgebildet in allen Anschauungen des Volkes. Das führte in der neueren Epoche dazu, den Geist selbst in materieller Weise aufzufassen. Während bei den slawischen Völkern einzelne Persönlichkeiten auftreten, wie Tolstoi, die schön und groß, aus der spirituellen Seele heraus, die Entwickelung anzuregen versuchen, bemüht sich das amerikanische Volk, das Seelische und Geistige in materieller Weise zu fassen. Daher finden wir bei ihm einen stark materiellen Spiritualismus und Spiritismus. Der Geist wird bei ihnen in genau derselben Weise gesucht, wie sie nach physischen Wahrheiten suchen. Aber gerade in der Art des Suchens liegt der Unterschied. Versuchen Sie das Geistige mit Augen zu schauen, so wird es psychisch und diese psychische Seite hat sich in Amerika stark entwickelt.
[ 37 ] Die amerikanischen Völker haben sich mit einem anderen Volkselement auseinanderzusetzen, das von der Atlantis herstammt und mit psychischen Anlagen begabt ist. Dieses Volkselement lebt in den Negervölkern. Die Art und Weise, wie diese beiden Völker zusammenwachsen, ist charakteristisch. Das Psychische hat sich mit dem Psychischen auseinanderzusetzen, das Spirituelle mit dem Spirituellen. So haben wir einen spirituellen Volksgedanken im Osten und einen psychischen im Westen.
[ 38 ] Wir haben Wissenschaft und Kunst auf dem äußeren Plane erlebt, nun soll auch der Geist wieder emporgehoben werden. Das kann auf zweifache Art geschehen: entweder auf die spirituelle oder auf die psychische Weise. Die spirituelle Weise ist Fortschritt, die psychische ist Rückschlag.
[ 39 ] Sie sehen, wie hier die Welt verständlich wird, wenn wir sie von der okkulten Grundlage aus betrachten. Wiederum braucht man nicht zu sagen, wir können uns von diesen Dingen nicht überzeugen. Man nehme nur das, was sich wirklich abspielt. Man wird probeweise zu der Überzeugung geführt werden, wenn man das psychische Weltbild und die psychische Forschung mit dem Weltbilde des Okkultismus vergleicht. Versuchen wir das Weltbild des Okkultismus zu verstehen, dann wird uns auch immer mehr die Erscheinungswelt begreiflich. Eine solche okkult-spirituelle Weltanschauung läßt uns keine Lücke im Begreifen der Welt. Daraus werden wir dann den Glauben an die okkulte Welt gewinnen, von der die Okkultisten berichten und durch diesen erziehen wir in uns ein Element, das uns höher heben wird. Das ist kein blinder Glaube, sondern ein probierender Glaube. Mit jedem Erfahrungszuwachs wird dieser Glaube stärker und berechtigter, immer fester und sicherer. Und wenn der Glaube diese Sicherheit in sich selbst erzeugt hat, erzeugt er auch die Anlage zum Wissen. Immer hat man probiert, bevor man zum Wissen aufgestiegen ist. Wer das Wissen haben will vor dem Forschen, gleicht dem, der die Frucht haben wollte vor dem Samen. Das Wissen soll von uns selbst erworben werden. Wüßten wir schon, so brauchten wir nicht zu forschen. Das, was den Forschern an Gewißheit und Sicherheit fehlt, muß die Gewißheit und Sicherheit des Glaubens ergänzen. So müssen sie zusammenwirken, und so werden sie zuletzt in Einheitlichkeit erzeugen, was uns als Einheitliches entgegentreten muß: die Frucht der Erfahrung, das Wissen.
[ 40 ] Hören wir die Okkultisten und sagen wir dazu weder ja noch nein. Betrachten wir es aber als Grundlage unseres eigenen Lebens und unserer Lebenshaltung; betrachten wir es so, als ob ihre Forschungen brauchbare Leiter für unser Leben wären, dann werden wir finden, daß sie uns Führer sein werden durch das Leben und zuletzt hinleiten zu einem inneren Wissen und einem Leben, das uns durchströmt, dann werden wir finden, daß sie uns Führer von Vertrauen sein werden zur Forschung, zur Befriedigung und zum harmonischen Leben in sich selbst.
