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Eine okkulte Physiologie
GA 128

26 März 1911, Prague

Sechster Vortrag

[ 1 ] Aus den letzten Vorträgen konnten wir ersehen, daß der Mensch als physische Organisation sich gewissermaßen durch seine Haut nach außen abgrenzt. Wenn wir den menschlichen Organismus ganz in dem Sinne auffassen, wie wir das nach den bisherigen Erörterungen tun müssen, dann ist es notwendig, daß wir uns sagen: Es ist der menschliche Organismus mit seinen verschiedenen Kraftsystemen selber, der sich in der Haut nach außen einen bestimmten Abschluß gibt. Mit anderen Worten: Uns muß klar sein, daß im menschlichen Organismus ein solches Gesamtsystem von Kräften ist, welche sich durch ihr Zusammenwirken so bestimmen, daß sie sich genau den Formumriß geben, der durch die Haut als äußere Begrenzung der Menschengestalt zum Vorschein kommt. So müssen wir eigentlich sagen, daß für den Lebensprozeß des Menschen die interessante Tatsache vorliegt, daß uns in der äußeren Formbegrenzung ein gleichsam bildhafter Ausdruck gegeben ist für die gesamte Wirksamkeit der Kraftsysteme im Organismus. Wenn nun in der Haut selber ein solcher Ausdruck des Organismus gegeben werden soll, so müssen wir voraussetzen, daß innerhalb der Haut eigentlich in einer gewissen Weise der ganze Mensch irgendwie zu finden sein muß. Denn, wenn der Mensch, so wie er ist, so gebildet sein soll, daß die äußere Haut als Formbegrenzung das ausdrückt, was er ist, so muß in der Haut alles das gefunden werden können, was im Menschen zur Gesamtorganisation gehört. Und in der Tat, wenn wir auf dasjenige eingehen, was zur Gesamtorganisation des Menschen gehört, so können wir finden, wie sehr eigentlich dasjenige innerhalb der Haut vorhanden ist, was in den Kraftsystemen des Gesamtorganismus veranlagt ist.

[ 2 ] Da haben wir zunächst gesehen, daß der Gesamtmensch, wie er uns als Erdenmensch entgegentritt, das Werkzeug seines Ich in seinem Blutsystem hat, so daß der Mensch dadurch Mensch ist, daß er in sich ein Ich birgt, und dieses Ich sich bis zum physischen System herunter einen Ausdruck, ein Werkzeug schaffen kann im Blut. Ist nun unsere Körperoberfläche, unsere Formbegrenzung ein wesentliches Glied unserer Gesamtorganisation, so müssen wir sagen: Diese Gesamtorganisation muß durch das Blut bis in die Haut hinein wirken, damit in der Haut ein Ausdruck der ganzen menschlichen Wesenheit, insofern sie physisch ist, vorhanden sein kann. Betrachten wir die Haut, wie sie sich, aus mehreren Schichten bestehend, über die ganze Oberfläche des Leibes spannt, so finden wir, daß in der Tat in diese Haut feine Blutgefäße hineingehen. Durch diese feinen Blutgefäße kann das Ich seine Kräfte senden und sich bis in die Haut hinein einen Ausdruck der menschlichen Wesenheit schaffen. Wir wissen ferner, daß für alles, was wir als Bewußtsein zu bezeichnen haben, das Nervensystem das physische Werkzeug ist. Wenn nun die Körperoberflächenbegrenzung ein Ausdruck der Gesamtorganisation des Menschen ist, so müssen auch die Nerven bis in die Haut hinein sich erstrecken, damit das menschliche Bewußtsein bis in dieses Organ gehen kann. Wir sehen daher neben den feinen Blutgefäßen innerhalb der Hautschichten die mannigfaltigsten Nervenendungen verlaufen, die man ja gewöhnlich — obwohl nicht mit vollem Recht - die Tastkörperchen nennt, weil man annimmt, daß der Mensch mit Hilfe dieser Tastkörperchen die äußere Welt durch den Tastsiinn wahrnimmt, so wie er durch Augen und Ohren Licht und Schall wahrnimmt. Es ist das aber nicht eigentlich der Fall. Genauer betrachtet ist dieser Tastsinn der Ausdruck verschiedener Sinnestätigkeiten, zum Beispiel Wärmesinn und andere. Wir werden noch sehen, wie die Sache liegt. Wir finden also in der Haut dasjenige, was Ausdruck oder körperliches Organ des menschlichen Ich ist: das Blut. Wir sehen aber auch dasjenige, was Ausdruck des menschlichen Bewußtseins ist: das Nervensystem, das seine Ausläufer bis in die Haut hineinerstreckt.

[ 3 ] Nun müssen wir uns umsehen nach dem Ausdruck dessen, was wir überhaupt betrachten können als das wesentliche Instrument des Lebensprozesses. Wir haben schon im letzten Vortrage auf dieses Instrument des Lebensprozesses aufmerksam gemacht bei der Besprechung der Absonderung. In der Absonderung, bei der, wie wir gesehen haben, gleichsam eine Art von Hemmnis auftritt, haben wir insofern den Ausdruck des Lebensprozesses zu sehen, als ein lebendiges Wesen, das in der Welt existieren will, notwendig hat, sich nach außen abzuschließen. Das kann nur dadurch geschehen, daß es in sich selber ein Hemmnis erlebt. Dieses Erleben eines Hemmnisses in sich selber wird vermittelt durch Absonderungsorgane, die man im weitesten Umfange als Drüsen bezeichnen kann. Drüsen sind Absonderungsorgane, und das Hemmnis tritt dadurch ein, daß sie den an sie herandrängenden Nahrungsstoffen sozusagen inneren Widerstand entgegensetzen. Wir müssen also voraussetzen, daß solche Absonderungsorgane, ebenso wie wir sie sonst im Organismus verteilt haben, auch der Haut angehören. Und sie gehören der Haut an; denn wir finden auch in der Haut Absonderungsorgane, Drüsen der verschiedensten Art, Schweißdrüsen, Talgdrüsen, welche dieses Absonderungsgeschäft — also einen Lebensprozeß — innerhalb der Haut betreiben.

[ 4 ] Und wenn wir endlich nach dem fragen, was unterhalb des Lebensprozesses liegt, so werden wir da dasjenige finden, was wir nennen können den reinen Stoffprozeß, das Überleiten der Stoffe von einem Organ zum anderen. Ich möchte Sie jetzt an dieser Stelle bitten, genau zu unterscheiden zwischen einem solchen Absonderungsprozeß, der ein inneres Hemmnis schafft, der den Lebensprozessen angehört, und denjenigen Prozessen, die rein stoffliche Umlagerungen bewirken, also bloßes Transportieren der Stoffe von einem Orte zum anderen. Denn das ist nicht dasselbe. Für eine materialistische Anschauung könnte es so aussehen, aber für eine lebensvolle Erfassung der Wirklichkeit ist es nicht so. Wir haben es im menschlichen Organismus nicht bloß zu tun mit einer bloßen Transportierung der Stoffe. Allerdings findet überall ein Hinleiten der Stoffe, der Ernährungsprodukte, zu den einzelnen Organen statt. Aber in dem Augenblick, wo die Nahrungsstoffe aufgenommen werden, haben wir es mit einem Lebensprozesse zu tun, mit Absonderungsprozessen, die zugleich innere Hemmnisse schaffen. Es ist notwendig, dies zu unterscheiden von dem Prozeß der bloßen Stoffumlagerung. Wir steigen von dem Lebensprozeß hinunter zu den Prozessen des eigentlichen Physischen, wenn wir sagen, es sieht sich so an, wie wenn die aufgenommenen Nahrungsstoffe in die verschiedensten Teile des physischen Leibes transportiert würden. Es ist aber eine lebendige Tätigkeit, gleichsam ein Sichgewahrwerden des Organismus in seinem eigenen Innern, in dem durch die Absonderungsorgane innere Hemmnisse geschaffen werden.

[ 5 ] Mit den Lebensvorgängen findet zugleich ein Transport der Stoffe statt, und das ist in der Haut ebenso wie in den anderen Teilen des Organismus. Durch die Haut werden die Abfälle der Nahrungsstoffe ausgeschieden, abgesondert, nach außen getragen durch den Prozeß der Schweißabsonderung, des Schwitzens, so daß auch hier ein rein physisches Transportieren der Stoffe vorhanden ist.

[ 6 ] Damit haben wir im wesentlichen charakterisiert, daß in dem äußeren Organ der Haut sich finden sowohl das Blutsystem als Ausdruck des Ich als auch das Nervensystem als Ausdruck des Bewußtseins. Ich will jetzt nach und nach dazu überleiten, daß wir ein Recht haben, alle Bewußtseinserscheinungen zusammenzufassen mit dem Ausdruck «Astralleib», daß wir also das Nervensystem bezeichnen können als einen Ausdruck des Astralleibes, das Drüsensystem als einen Ausdruck des Äther- oder Lebensleibes und daß wir den eigentlichen Ernährungs-Umlagerungsprozeß bezeichnen können als einen Ausdruck des physischen Leibes. Insofern sind alle einzelnen Gliederungen der menschlichen Organisation in dem Hautsystem, durch das sich der Mensch nach außen abschließt, tatsächlich vorhanden. Nun müssen wir allerdings berücksichtigen, daß alle Gliederungen der menschlichen Organisation, Blutsystem, Nervensystem, Ernährungssystem und so weiter, in ihren gegenseitigen Beziehungen ein Ganzes ausmachen und daß wir gleichsam, indem wir diese vier Systeme der menschlichen Organisation betrachten und sie am physischen Leibe uns vor Augen führen, den menschlichen Organismus von zwei Seiten vor uns haben. Wir haben ihn tatsächlich von zwei Seiten, und zwar zunächst so, daß wir sagen können: Der menschliche Organismus hat innerhalb des Erdendaseins nur einen Sinn, wenn er als Gesamtorganismus das Werkzeug unseres Ich ist. Das kann er aber nur sein, wenn das nächste Werkzeug, dessen sich das menschliche Ich bedienen kann, das Blutsystem, inihm vorhanden ist. Nun ist aber das Blutsystem nur möglich, wenn ihm die anderen Systeme in ihrer Bildung vorangehen. Das Blut ist nicht nur im Sinne des Dichterwortes «ein ganz besonderer Saft», sondern es ist leicht einzusehen, daß es so, wie es ist, überhaupt nicht existieren kann, ohne daß es sich einlagert dem ganzen übrigen Organismus des Menschen; es ist nötig, daß es in seiner Existenz vorbereitet ist durch den ganzen übrigen menschlichen Organismus. Das Blut, so wie der Mensch es hat, kann nirgends vorkommen als im menschlichen Organismus. Wir dürfen durchaus nicht das, was für das Blut des Menschen gesagt worden ist, ohne weiteres auf ein anderes Lebewesen der Erde übertragen. Ich werde vielleicht später noch Gelegenheit haben, über das Verhältnis von menschlichem Blut zu tierischem Blut zu sprechen. Das wird eine sehr wichtige Betrachtung sein, weil die äußere Wissenschaft auf diesen Unterschied wenig Rücksicht nimmt. Heute wollen wir nur hinweisen auf das Blut als Ausdruck des menschlichen Ich. Ist einmal der ganze übrige Organismus des Menschen aufgebaut, so ist er erst fähig, Blut zu tragen, den Blutkreislauf in sich aufzunehmen, erst dann kann er in sich das Instrument haben, welches als Werkzeug unserem Ich dient. Dazu muß aber der Gesamtorganismus des Menschen erst aufgebaut sein.

[ 7 ] Sie wissen, daß es auch andere Wesenheiten neben dem Menschen auf der Erde gibt, die in einer gewissen Verwandtschaft mit dem Menschen augenscheinlich stehen, die aber nicht in der Lage sind, ein menschliches Ich zum Ausdruck zu bringen. Bei diesen ist offenbar dasjenige, was in den entsprechenden Systemen der menschlichen Anlage ähnlich sieht, doch anders aufgebaut als beim Menschen. In allen diesen Systemen, die dem Blutsystem vorausgehen, muß schon die Möglichkeit veranlagt sein, das Blut aufnehmen zu können. Das heißt, wir müssen erst ein solches Nervensystem haben, welches ein Blutsystem im Sinne des menschlichen Blutsystems aufnehmen kann; wir müssen ein solches Drüsensystem haben und ebenso ein solches Ernährungssystem, die vorgebildet sein müssen für die Aufnahme eines menschlichen Blutsystems. Das bedeutet, es muß zum Beispiel schon auf der Seite des menschlichen Organismus, die wir bezeichnet haben als den eigentlichen Ausdruck des physischen Leibes des Menschen, beim Ernährungssystem, das Ich veranlagt sein. Es muß gleichsam der Prozeß der Bildung des Ernährungssystems durch den Organismus so gelenkt und geleitet sein, daß zuletzt das Blut sich in den richtigen Bahnen bewegen kann. Was heißt das?

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[ 8 ] Das bedeutet, daß der Blutkreislauf in seiner Gestaltung, in der ganzen Art seiner Regsamkeit, bedingt ist durch die Ich-Wesenheit des Menschen. Denken wir uns den Blutkreislauf in dieser ovalen Linie völlig schematisch angedeutet (siehe Zeichnung), so müssen wir sagen, es muß ja der Blutkreislauf von dem übrigen Organismus aufgenommen werden, das heißt, alle Organsysteme müssen so angeordnet sein, daß der Blutkreislauf sich eingliedern kann. Wir könnten das ganze Gewebe unserer Blutgefäße — sei es am Kopfe oder an einem anderen Teil unseres Organismus — nicht so haben, wie es ist, wenn nicht überall dahin, wo das Blut kreisen soll, die entsprechenden Dinge geleitet werden, die da sein müssen. Das heißt, die Kraftsysteme müssen im menschlichen Organismus, vom Ernährungssystem angefangen, so wirken, daß sie an die betreffenden Orte das notwendige Ernährungsmaterial hintragen und es zugleich so gestalten, so vorbilden, daß an diesen Orten das Blut genau die Form seines Verlaufs einhalten kann, deren es bedarf, um ein Ausdruck des Ich werden zu können. Es muß daher in alle Impulse unseres Ernährungsapparates, also des untersten Systems unseres Organismus, schon dasjenige hineingelegt sein, was den Menschen zu einem IchWesen macht. Die ganze Form, die der Mensch zuletzt in seiner physischen Vollendung zeigt, muß schon hineingegliedert sein in die Organsysteme bis in das hinein, was die verschiedenen Ernährungsprozesse des Menschen sind. Da sehen wir von dem Blute hinunter in die den Blutkreislauf vorbereitenden Organsysteme zu den Prozessen, die weitab von unserem Ich im Dunkel unseres Organismus sich abspielen. Während das Blut der Ausdruck unserer Ich-Tätigkeit ist, also Ausdruck des Bewußtesten ist, was wir haben, sind wir nicht fähig, hinunterzusehen in die unbekannten Tiefen des physischen Leibes. Wir wissen nicht, wie die Stoffe hingeleitet, hingetragen werden zu den einzelnen Orten unseres Organismus, wo sie verwendet werden müssen, um ihn aufzubauen und zu formen, damit er Werkzeug unseres Ich sein kann. Das zeigt uns, daß schon von Anfang an bei der Ernährung alle Gesetze im Organismus des Menschen liegen, die zuletzt zur Gestaltung des Blutkreislaufes führen.

[ 9 ] Das Blut als solches stellt sich uns nun dar als das beweglichste, als das regsamste aller unserer Systeme. Und wir wissen ja, wenn wir auch nur in geringem Maße irgendwie eingreifen in die Blutbahn, so nimmt das Blut sogleich andere Wege. Wir brauchen uns nur an irgendeiner Stelle zu stechen, so nimmt das Blut gleich einen anderen Weg als sonst. Das ist unendlich wichtig zu berücksichtigen, denn daraus können wir ersehen, daß das Blut das bestimmbarste Element im menschlichen Leibe ist. Es hat seine gute Unterlage an den anderen Örgansystemen, aber es ist zugleich das aller bestimmbarste, das die wenigste innere Stetigkeit hat. Das Blut kann ungeheuer bestimmt werden durch die Erlebnisse des bewußten Ich. Ich will dabei nicht eingehen auf die phantastischen Theorien, die von seiten der äußeren Wissenschaft über das Erröten oder Erbleichen bei Scham- oder Angstgefühlen aufgestellt werden, ich will nur hinweisen auf die rein äußere Tatsache, daß solchen Erlebnissen wie Furcht oder Angst und Schamgefühl Ich-Erlebnisse zugrunde liegen, die in ihrer Wirkung auf das Blut erkennbar sind. Beim Furcht- und Angstgefühl ist es so, daß wir uns gleichsam schützen wollen vor irgend etwas, von dem wir glauben, daß es gegen uns wirkt; wir zucken da gleichsam mit unserem Ich zurück. Beim Schamgefühl ist es so, daß wir uns am liebsten verstecken möchten, uns sozusagen hinter das Blut zurückziehen, unser Ich auslöschen möchten. Beide Male - ich will dabei nur auf die äußeren Tatsachen eingehen — folgt das Blut materiell, als äußeres materielles Werkzeug dem, was das Ich in sich erlebt. Beim Furchtund Angstgefühl, wo der Mensch sich so stark in sich zurückziehen möchte vor etwas, von dem er sich bedroht fühlt, da wird er bleich; das Blut zieht sich zurück von der Oberfläche zum Zentrum, nach innen. Wenn sich der Mensch beim Schamgefühl verstecken möchte, sich auslöschen möchte, wenn er am liebsten nicht wäre und irgendwo hineinschlüpfen möchte, da drängt sich das Blut unter dem Eindrucke dessen, was das Ich erlebt, bis zur Peripherie des Organismus, und der Mensch wird rot. So sehen wir, daß das Blut das am leichtesten bestimmbare System im menschlichen Organismus ist und den Erlebnissen des Ich am schnellsten folgen kann.

[ 10 ] Je weiter wir hinunterrücken in unseren Organsystemen, desto weniger folgen die Anordnungen der Systeme unserem Ich, desto weniger sind sie geneigt, sich den Erlebnissen des Ich anzupassen. Was das Nervensystem anbelangt, so wissen wir, daß es angeordnet ist in bestimmten Nervenbahnen und daß diese in ihrem Verlauf etwas verhältnismäßig Festes darstellen. Während das Blut regsam ist und je nach den inneren Erlebnissen des Ich von einem Körperteil zum anderen bis in die Peripherie geführt werden kann, ist es bei den Nerven so, daß den Nervenbahnen entlang diejenigen Kräfte verlaufen, welche wir als «Bewußtseinskräfte» zusammenfassen können, und daß diese nicht die Nervenmaterie von einem Orte zum anderen tragen können, wie das mit dem Blut in seinen Bahnen möglich ist. Das Nervensystem ist also schon weniger bestimmbar als das Blut; und noch weniger bestimmbar ist das Drüsensystem, das uns die Drüsen zeigt für ganz bestimmte Verrichtungen an ganz bestimmten Orten des Organismus. Wenn eine Drüse durch irgend etwas tätig gemacht werden soll zu einem bestimmten Zwecke, so kann sie nicht erregt werden durch einen Strang ähnlich dem Nervenstrang, sonmuß diese Drüse an dem Orte, wo sie eben ist, erregt werden. Es ist also das Drüsensystem noch weniger bestimmbar, wir müssen die Drüsen da erregen, wo sie sind. Während wir die Nerventätigkeit den Nervensträngen entlang leiten können — wir haben da noch Verbindungsfasern, welche die einzelnen Nervenknoten miteinander verbinden -, kann die Drüse nur an dem Ort zu einer Tätigkeit erregt werden, wo sie ist. Noch mehr aber ist dieser gleichsam Verfestigungsprozeß, dieser Prozeß des inneren Bestimmtseins, des NichtBestimmbarseins ausgesprochen in alle dem, was zum Ernährungssystem gehört, durch das der Mensch sich direkt die Stoffe eingliedert, um ein physisch-sinnliches Wesen zu sein. Dennoch muß in der Eigenart dieser Stoffeingliederung eine völlige Vorbereitung für das Werkzeug des Ich gegeben sein.

[ 11 ] Betrachten wir nun einmal den menschlichen Organismus in bezug auf sein unterstes System, das Ernährungssystem im umfassendsten Sinne, durch das die Stoffe nach allen Gliedern des Organismus transportiert werden, so muß die Anordnung dieser Stoffe so geschehen, daß die Formung, der äußere Aufbau des Menschen so vor sich gehen kann, daß zuletzt der Ausdruck des Ich im menschlichen Organismus möglich ist. Dazu ist vieles notwendig. Nicht nur, daß die Ernährungsstoffe in der verschiedensten Weise transportiert und an die verschiedensten Orte des Organismus gelagert werden, sondern auch, daß alle möglichen Vorkehrungen getroffen werden, um die äußere Form des menschlichen Organismus zu bedingen.

[ 12 ] Nun ist es wichtig, daß wir uns folgendes klarmachen. In dem, was wir die Haut genannt haben, sind zwar alle Systeme des menschlichen Organismus vertreten, bis zum untersten System, dem Ernährungssystem, und wir konnten sagen: In die Haut wird alles ergossen, was im eminentesten Sinne zum physischen System des Menschen gehört. Aber Sie können sich leicht denken, daß diese Haut — trotzdem sie alle diese Systeme in sich hat — für sich einen großen Fehler hat, so paradox das auch klingt. Sie hat zwar so wie sie am Menschen ist, die Form des menschlichen Organismus, diese Form würde sie aber durch sich selber nicht haben; durch sich selber würde sie nicht in der Lage sein, dem Menschen seine charakteristische Formbegrenzung zu geben. Ohne Unterstützung würde die Haut in sich selber zusammensinken; da würde der Mensch sich nicht aufrecht halten können. Daraus sehen wir, daß nicht bloß diejenigen Ernährungsprozesse stattfinden müssen, welche die Haut erhalten, sondern es müssen auch die mannigfaltigsten anderen Prozesse stattfinden und zusammenwirken, welche die Gesamtform des Menschenorganismus bilden. Da wird es uns nicht schwer sein zu begreifen, daß wir auch als solche umgewandelten Ernährungsprozesse diejenigen Prozesse anzusehen haben, die vor sich gehen in den Knorpeln und in den Knochen. Was sind das für Prozesse?

[ 13 ] Wenn das Material unserer Nahrungsstoffe bis zu einem Knorpel oder Knochen geleitet wird, so ist im Grunde genommen auch nur physisches Material dahin transportiert. Was wir zuletzt im Knorpel oder Knochen finden, ist ja nichts anderes als die umgewandelten Nahrungsstoffe; aber sie sind in anderer Art umgewandelt als zum Beispiel in der Haut. Daher können wir sagen: Wir haben in der Haut zwar die umgewandelten Nahrungsstoffe zu sehen, die sich in der äußersten Formumgrenzung unseres Leibes ablagern. In der Art aber, wie im Knochen das Ernährungsmaterial abgelagert wird, haben wir einen solchen Ernährungsprozeß zu sehen, wo das Material sich rundet zur menschlichen Form. Es ist also ein umgekehrter Ernährungsprozeß wie derjenige in der menschlichen Haut. Nun wird es uns gar nicht mehr schwierig sein, gleichsam nach dem Muster der Betrachtungen, die wir für das Nervensystem angestellt haben, uns auch diesen gesamten Ernährungsprozeß, das Transportierungssystem der Nahrungsmittel zu denken.

[ 14 ] Wenn wir die Haut anschauen und auf die Ernährungsstoffe sehen, welche sie zustande bringen, diesen äußeren Abschluß, der dem Menschen die Oberfläche gibt, aber niemals selber die menschliche Form hervorbringen könnte, so wird es uns klar sein, daß die Hauternährung die jüngste Art der Ernährung ist im Menschenorganismus; und wir erkennen, daß wir in der Art, wie die Knochen ernährt werden, einen analogen Prozeß zu sehen haben, der in einem ähnlichen Verhältnis zur Hauternährung steht, wie wir den Prozeß der Gehirnbildung in ein Verhältnis setzen konnten zum Prozeß der Rückenmarksbildung. Wir werden dasselbe Recht haben zu sagen: Dasjenige, was wir zunächst äußerlich im Hauternährungsprozeß auftreten sehen, können wir auf einer späteren, das heißt hier höheren Stufe umgewandelt sehen in der festen Form der Knochenbildung. - Es weist uns eine solche Betrachtung des menschlichen Organismus darauf hin, daß unser Knochensystem früher als weiche Substanz bestanden hat und sich erst im Laufe der Entwickelung verfestigt hat. Das kann auch durch die äußere Wissenschaft nachgewiesen werden, die uns lehren kann, wie gewisse Gebilde, die später deutlich Knochen sind, im kindlichen Alter noch weich, knorpelhaft auftreten und daß erst nach und nach aus einer weicheren, knorpelmäßigen Masse durch Einlagerung von Ernährungsmaterial sich die Knochenmasse bildet. Da haben wir ein Hinüberführen von einer weichen in eine festere Substanz, wie es auch beim einzelnen Menschen sich vollzieht. Wir haben also im Knorpel eine Vorstufe des Knochens zu sehen und können sagen, daß uns die ganze Einlagerung des Knochensystems in den Organismus als etwas erscheint, was sozusagen ein letztes Resultat derjenigen Prozesse darstellt, die uns in der Hauternährung vor Augen treten. Es werden also zuerst in einfachster Weise die Ernährungsstoffe umgewandelt zu einer weichen, biegsamen Substanz, und dann, wenn dies vorbereitet ist, kann der Ernährungsprozeß sich abspielen, durch den gewisse Teile sich erst verhärten zu Knochenmaterie, damit zuletzt die Form des menschlichen Gesamtorganismus zum Vorschein kommt. Die Art, wie uns die Knochen entgegentreten, gibt uns Anlaß zu sagen: Über die Knochenbildung hinaus haben wir eigentlich dann kein weiteres Fortschreiten der Ernährungsprozesse zur Verfestigung, soweit der Mensch der gegenwärtigen Entwickelungsstufe in Betracht kommt. Während wir auf der einen Seite im Blut die bestimmbarste, wandlungsfähigste Substanz im Menschen haben, können wir andererseits in der Knochensubstanz dasjenige erblicken, was völlig unbestimmbar ist, was bis zu einem letzten Punkte sich verhärtet, verfestigt hat, über den hinaus es keine weitere Umwandlung mehr gibt; sie hat es bis zur starrsten Form gebracht. Wenn wir nun die früheren Betrachtungen fortsetzen, dann müssen wir sagen: Das Blut ist das bestimmbarste Werkzeug des Ich im Menschen, die Nerven sind es schon weniger, die Drüsen noch weniger, und im Knochensystem haben wir das, was am letzten Punkte seiner Evolution angelangt ist, was ein letztes Umwandlungsprodukt darstellt in bezug auf die Bestimmbarkeit durch das Ich. Deshalb geschieht alles, was zur Formung des Knochensystems gehört, in der Weise, daß zuletzt die Knochen Träger und Stütze eines weicheren Organismus sein können, in welchem Lebens- und Ernährungsvorgänge so ablaufen, daß das Blut in seinen Bahnen in der rechten Weise verlaufen kann, damit das menschliche Ich in ihm ein Werkzeug haben kann.

[ 15 ] Ich möchte wissen, wer nicht mit höchster Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt würde, wenn er hiineinblickt in den menschlichen Organismus und sich vorzustellen versucht: Im Knochensystem habe ich dasjenige vor mir, was die meisten Verwandlungen, die meisten Stufen durchgemacht haben muß, was von den untersten Stufen aufgestiegen ist durch viele, viele Epochen hindurch bis zum heutigen Knochensystem; es ist zuletzt so gestaltet worden, daß es der feste Träger, die feste Stütze des Ich sein kann. Wenn man gewahr wird, wie bis in die Bildungen der einzelnen Knochen hinein die Tendenz des Ich wirkt, wer könnte da nicht mit tiefster Bewunderung erfüllt werden gegenüber diesem Bau des menschlichen Organismus.

[ 16 ] Sehen wir diesen Menschen an, so haben wir zwei Pole des physischen Daseins gegeben, einmal im Blutsystem, das das bestimmbarste Werkzeug des Ich ist, und dann im Knochensystem, das in äußerer Form und innerer Struktur am meisten fest ist, am unbestimmbarsten, am wenigsten wandlungsfähig, das in der Unbestimmbarkeit am weitesten vorgeschritten ist. Wir dürfen daher sagen: Im Knochensystem hat die physische Organisation des Menschen vorläufig ihren letzten Ausdruck, ihren Abschluß gefunden, während sie in dem Blutsystem in einem gewissen Sinne einen neuen Anfang genommen hat. Schauen wir auf unser Knochensystem hin, so können wir sagen: Wir verehren in diesem Knochensystem einen letzten Abschluß der menschlichen physischen Organisation. — Und schauen wir auf unser Blutsystem, so können wir sagen: Wir sehen in ihm einen Anfang, etwas, das erst anfangen konnte, nachdem alle anderen Systeme vorangegangen sind. -— Vom Knochensystem können wir sagen: Eine gewisse erste Anlage, die ersten Kräfte zur Bildung des Knochensystems mußten schon vorhanden gewesen sein, bevor Drüsen- und Nervensystem im Organismus zur Entwickelung kamen, denn diese mußten durch das Knochensystem ihre entsprechenden Orte angewiesen erhalten. Das älteste der Kraftsysteme des menschlichen Organismus haben wir im Knochensystem in uns.

[ 17 ] Wenn wir nun das Blutsystem und das Knochensystem als zwei Pole bezeichnet haben, so wollten wir damit bildlich ausdrücken, daß in ihnen gleichsam die beiden äußersten Enden der menschlichen Organisation zu sehen sind. Im Blutsystem haben wir das beweglichste Element vor uns, das so regsam ist, daß es jeder Regung unseres Ich folgt. Und im Knochensystem haben wir dasjenige, was fast ganz dem Einfluß unseres Ich entzogen ist, wo wir nicht mehr hinunterreichen mit unserem Ich; dennoch aber liegt in seiner Form schon die ganze Organisation des Ich darinnen. Es stehen damit schon rein äußerlich betrachtet Blutsystem und Knochensystem im Menschen wie ein Anfang und ein Abschluß einander gegenüber. Und wenn wir so unser Blutsystem anschauen, das fortwährend allen Regungen des Ich folgt, so sagen wir uns: Im regsamen Blut drückt sich uns so recht das menschliche Leben aus. - Wenn wir auf unser Knochensystem schauen, sagen wir uns: Es symbolisiert alles das, was sich unserem Leben entzieht und dem Organismus nur als Stütze dient. — Unser pulsierendes Blut ist unser Leben; unser Knochensystem ist dasjenige, was sich dem unmittelbaren Leben schon entzogen hat - weil es ein so alter Herr ist -, was sich schon ausgeschaltet hat und nur noch als Stütze dienen will, nur noch Form geben will. Während wir in unserem Blute am meisten organisch leben, sind wir im Grunde genommen in unserem Knochensystem schon gestorben. Und ich bitte Sie, diesen Ausspruch wie ein Leitmotiv für die folgenden Vorträge zu betrachten, denn es werden sich wichtige physiologische Dinge daraus ergeben. Während wir in unserem Blute leben, sind wir in unserem Knochensystem eigentlich schon gestorben. Unser Knochensystem ist wie ein Gerüst, es ist das am wenigsten Lebendige, es ist nur das uns stützende Gerüst in uns.

[ 18 ] Wir haben schon am Anfang dieser Vortragsreihe im Menschen eine Zweiheit gesehen; jetzt tritt uns diese Zweiheit noch einmal in einer anderen Weise entgegen. Auf der einen Seite das Regsamste, Lebendigste im Blut, auf der anderen Seite etwas wie ein sich der organischen Regsamkeit am meisten Entziehendes, den Tod eigentlich schon in sich Tragendes im Knochensystem. Unser Knochensystem hat einen gewissen Abschluß schon erhalten - in seiner Ausformung wenigstens, wenn es auch nachher noch wächst - bis zu der Lebenszeit des Menschen, wo die Ich-Erlebnisse beginnen regsam zu werden. Bis zum Zahnwechsel im siebten Lebensjahr hat das Knochensystem sich im wesentlichen seine Form gegeben. Gerade in der Zeit also findet die Hauptentwickelung unseres Knochensystems statt, wo wir selber noch der Regsamkeit unseres Ich in hohem Maße entzogen sind. In dieser Zeit, wo das Knochensystem sich aufbaut aus den dunklen Untergründen und Kräften unseres Organismus heraus, können auch die meisten Fehler in der Ernährung gemacht werden. Gerade in diesen ersten sieben Lebensjahren können in der Ernährung des Kindes besonders folgenschwere Fehler gemacht werden, die sich auf das Knochensystem übel auswirken, zum Beispiel in rachitischen Erkrankungen, die namentlich davon herrühren, daß die Ernährungsprozesse in diesen Jahren nicht in der richtigen Weise geleitet werden, zum Beispiel wenn man der Naschhaftigkeit der Kinder nachgibt und ihnen alles mögliche gibt, wonach sie Verlangen tragen. So sehen wir das, was dem Ich entzogen ist, in unser Knochensystem hineinwirken.

[ 19 ] Ganz anders ist es beim Blutsystem, welches regsam folgt unserem einzelmenschlichen Leben und mehr als alles andere abhängig ist von den Prozessen unseres inneren Erlebens. Es ist nur eine Art von Kurzsichtigkeit seitens der äußeren Wissenschaft, zu glauben, daß von den inneren Erlebnissen das Nervensystem mehr abhängig wäre als das Blutsystem. Ich will nur darauf hinweisen, daß wir die ein fachste Art der Beeinflussung des Blutsystems durch die Ich-Erlebnisse in der Scham und in der Furcht haben, wo eine Umlagerung des Blutes stattfindet, die deutlich ausdrückt die Ich-Erlebnisse in dem Werkzeuge des Ich, dem Blut. Sie können sich also denken, wenn sich schon vorübergehende Prozesse so ausdrücken, wie sich dann dauernde oder gewohnheitsmäßige Erlebnisse des Ich ausdrücken müssen in dem erregsamen Elemente des Blutes. Es gibt keine Leidenschaft, keinen Trieb oder Affekt, ob wir sie gewohnheitsmäßig haben oder ob sie explosionsartig zum Ausdruck kommen, die nicht als innere Erlebnisse übertragen werden auf das Blut als Instrument des Ich. Alle ungesunden Elemente des Ich-Erlebens kommen im Blutsystem zum Ausdruck.

[ 20 ] Und überall, wo wir irgend etwas verstehen wollen, was im Blutsystem vorgeht, da ist es wichtig, nicht bloß zu fragen nach dem Ernährungsprozeß, sondern vielmehr nach den seelischen Prozessen zu suchen, insofern sie Ich-Erlebnisse sind, wie Stimmungen, dauernde Leidenschaften, Affekte und so weiter. Nur eine matenialistische Gesinnung wird bei Störungen im Blutsystem das Hauptaugenmerk auf die Ernährung lenken; denn die Bluternährung baut sich auf auf die Ernährung des physischen $ystems, des Drüsensystems, des Nervensystems und so weiter, und im Grunde genommen sind die Nahrungsstoffe schon sehr filtriert, wenn sie an das Blut herankommen. Wenn daher das Blut von dieser Seite her beeinträchtigt werden soll, muß schon eine ganz wesentliche Erkrankung des Organismus aufgetreten sein; dagegen wirken alle seelischen, alle Ich-Prozesse in unmittelbarer Weise auf das Blut zurück.

[ 21 ] So entzieht sich unser Knochensystem am meisten den Vorgängen unseres Ich, und so fügt sich unser Blutsystem am allermeisten den Vorgängen unseres Ich. Ja, dieses Knochensystem ist am allerwenigsten veranlagt, dem Ich zu folgen, man möchte sagen, es ist ganz unabhängig vom Ich, aber doch ist es für das Ich organisiert.

[ 22 ] Nur ein kleiner Teil des Knochensystems macht von der Unbestimmbarkeit durch das Ich eine Ausnahme und zeigt eine individuelle Prägung, nämlich die Schädelknochen, besonders der obere Teil des Schädels. Diese Tatsache hat zu verschiedenem Unfug Veranlassung gegeben.

[ 23 ] Sie wissen, daß es eine Phrenologie, eine Schädelknochenuntersuchung, gibt. Diese hat nach und nach, trotzdem sie von materialistischer Seite als Aberglaube angesehen wird, nach den allgemeinen Gepflogenheiten unserer Zeit eine materialistische Nuance angenommen. Wenn wir grob charakterisieren wollen, können wir sagen: Im allgemeinen wird Phrenologie so beschrieben, daß in den Formen unserer Schädelbildung der Ausdruck gesucht wird für die innere Beschaffenheit unseres Ich, indem gleichsam allgemeine Gesichtspunkte aufgestellt werden und erklärt wird, der eine Höcker bedeute dies, der andere das und so weiter. Da will man die menschlichen Eigenschaften auffinden an den verschiedenen Höckern, die sich an unserem Schädel zeigen. In dem Knochensystem des Schädels wird also von der Phrenologie gesucht eine Art plastischer Ausdruck für unser Ich. Nun ist das aber, wenn es so getrieben wird, auch wenn scheinbar geistige Ausdrücke im Bau der einzelnen Knochen gesucht werden, doch ein Unfug. Denn wer wirklich ein feiner Beobachter ist, der weiß, daß kein einziger menschlicher Schädel dem anderen gleicht und daß man niemals Erhöhungen oder Vertiefungen angeben könnte, die für diese oder jene Eigenschaft allgemein typisch sind, sondern daß ein jeder Schädel sich unterscheidet von dem anderen, so daß wir bei jedem Menschenschädel andere Formen vor uns haben.

[ 24 ] Nun haben wir gesagt, daß sich unserem Ich, dem das Blut in seiner Regsamkeit am meisten folgt, der Knochenbau entzieht, ihm am wenigsten folgt. Es ist merkwürdig, daß uns dennoch die Bildung des Schädels und der Gesichtsknochen dem Ich entsprechend gestaltet erscheinen, während der Knochenbau mehr allgemein typisch erscheint. Wer den Schädelbau betrachtet, der weiß: So wahr der Mensch selber individuell ist, so wahr ist auch sein Schädelbau individuell.

[ 25 ] Wie kommt es, daß diese wunderbare Konfiguration des Schädels von Anfang an der einzelnen menschlichen Individualität entsprechend angelegt ist, wenn doch das Ich keinen Einfluß auf den Knochenbau hat? Woher kommt es, daß der Schädel, der sich so entwikkeln muß, wie die anderen Knochen auch, anders ist bei jedem Menschen? Woher kommt das? Das kommt einfach aus demselben Grunde, aus dem die individuellen Eigenschaften des Menschen sich überhaupt entwickeln, nämlich daher, daß das individuelle menschliche Gesamtleben nicht nur verläuft von der Geburt bis zum Tode, sondern verläuft in vielen Inkarnationen. Während unser Ich also in der gegenwärtigen Inkarnation keinen Einfluß hat auf den Schädelbau, hat es durch die Erlebnisse seiner vorangegangenen Inkarnation die Kräfte entwickelt, die in der Zeit zwischen dem Tode und der nächsten Geburt die Konfiguration des Schädelbaues, die Schädelform, in dieser Inkarnation bestimmen. Wie das Ich in der vorherigen Inkarnation war, das bestimmt die Schädelform in der jetzigen Inkarnation, so daß wir in dem Bau unseres Schädels einen äußeren plastischen Ausdruck haben für die Art und Weise, wie wir, jeder einzelne, als Individualität, in der vorhergehenden Inkarnation gelebt und gewirkt haben. Während alle anderen Knochen bei uns etwas Allgemein-Menschliches ausdrücken, drückt der Schädel in seiner äußeren Form das aus, was wir waren und was wir getan haben in der vorigen Inkarnation.

[ 26 ] Das äußerst regsame Element des Blutes kann also bestimmt werden vom Ich in dieser Inkarnation. Unsere Knochen aber haben sich in dieser Inkarnation dem Einfluß des Ich schon ganz entzogen, bis auf den letzten Rest, den Schädelknochen, der aber dem Ich auch nicht mehr in dieser Inkarnation folgen kann. Der Schädelknochen, der aus der Weiche der Keimessubstanz heraus sich entwickelt hat, wo das Ich noch gestaltend einwirken konnte, gibt einen Ausdruck dafür, wie wir in der vorherigen Inkarnation waren. Eine allgemeine Phrenologie gibt es nicht. Wenn wir Phrenologie überhaupt in Betracht ziehen wollen, so darf sie keine schematisierende Wissenschaft sein, sondern sie sollte auf eine künstlerische Art und Weise die plastischen Eigentümlichkeiten des Schädelbaues betrachten. Wir müssen unseren Schädelbau beurteilen wie ein Kunstwerk. Wir müssen allerdings in dem Schädelbau etwas Individuelles sehen, aber etwas Individuelles, das ein Ausdruck der Geschichte des Ich ist in einer vorhergehenden Inkarnation. So sehen wir, daß selbst diese Form des Knochenbaus, wie sie uns im Schädelbau entgegenrritt, dem Ich soweit entzogen ist, daß es in der gegenwärtigen Inkarnation darauf keinen Einfluß mehr hat. Aber es hat noch Einfluß darauf beim Durchgang zwischen Tod und neuer Geburt, wo es in gewissem Sinne die Kräfte wieder aufnimmt, die sich ihm im vergangenen Leben schon entzogen hatten und welche unter seinem Einfluß für das nächste Leben das Knochensystem und besonders den Schädel aufbauen.

[ 27 ] Wenn daher von der Wiederverkörperungsidee gesprochen und gesagt wird, das sei eine Sache, die sich im allgemeinen der Beurteilung durch unsere Vernunft entziehe, da müsse man eben das glauben, was der Geistesforscher sagt -, so ist das nicht richtig. Man kann darauf erwidern: Ihr könnt euch handgreiflich davon überzeugen, daß das menschliche Ich in einer vorhergehenden Inkarnation dagewesen sein muß; im menschlichen Schädel hat man handgreiflich den Beweis vor sich, wie der Mensch in der vorhergehenden Inkarnation war. Wer das nicht zugibt, wer darin etwas Paradoxes sieht, daß man aus der Art, wie etwas äußerlich geformt ist, schließen muß auf etwas früher Lebendiges, das aus seinem früheren Leben heraus das Äußere geformt hat, der hat auch kein Recht, sonstwie auf ein früher Lebendiges zu schließen, wenn ihm irgendwo eine plastische Gestalt entgegentritt. Wer nicht den Schluß zugibt als einen streng logischen, daß in der individuellen Schädelform, die wir haben, sich die Konfiguration des Ich aus früheren Inkarnationen ausdrückt, der hat auch kein Recht, wenn er zum Beispiel irgendwo auf der Erde eine leere Muschel findet, aus der äußeren Form dieser Muschel schließen zu wollen, daß da einmal ein Lebewesen drin war. Wer aus der toten Muschel schließen will auf ein Lebewesen, das einmal da drinnen war und die Muschel geformt hat, der darf den logisch ganz gleichwertigen Schluß nicht abweisen, daß in der individuellen Ausgestaltung unseres Schädels der unmittelbare Beweis gegeben ist für das Hereinwirken eines früheren Lebens in dieses Leben.

[ 28 ] So sehen Sie, daß wir hier eines der Tore haben, durch die wir physiologisch hineinleuchten können in die Reinkarnationsidee. Solche Tore gibt es viele; man muß sich nur Zeit lassen. Wenn man geduldig ist und wartet, dann wird man die Stellen finden, wo die Beweise erbracht werden können und wie sie zu erbringen sind. Und wer leugnen wollte, daß in dem, was jetzt gesagt worden ist, Logik liegt, der müßte auch die gesamte Paläontologie leugnen, denn sie beruht auf denselben Schlußfolgerungen. So sehen wir, wie wir durch Eindringen in die Formen des menschlichen Organismus diesen auf seine geistigen Grundlagen zurückführen können.