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Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen
GA 129

24 August 1911, München

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Wie können wir dasjenige charakterisieren, was Gegenstand der Betrachtungen dieser Tage in diesen Vorträgen war? Wir können sagen, wir versuchten das, was wir durch die Geisteswissenschaft oder Geheimwissenschaft in unserer Gegenwart empfangen können, in den grandiosen Bildern der altgriechischen Mythologie als eine alte Weisheit wiederzufinden. Und wir haben ja gesehen, in welch hohem Maße die Dinge, die wir heute auf andere Art erkennen, ungezwungen und wie selbstverständlich in dieser griechischen Mythologie zu finden sind. Die gewohnten Vorstellungen von dieser griechischen Mythologie müssen allerdings sehr ins Wanken kommen wegen ihrer Oberflächlichkeit, wenn man so etwas gewahr wird; insbesondere aber dann, wenn man die Entdekkung macht, daß selbst die tiefsten und bedeutungsvollsten, selbst heute noch nicht gehobenen Wissensprinzipien schon in dieser griechischen Mythologie bildhaft zum Ausdruck gekommen sind.

[ 2 ] Tiefer noch als alles dasjenige, was sich an den, sagen wir, oberen Götterkreis der Griechen knüpft, an Zeus, Poseidon, Pluto, Apollo, Mars und so weiter, bedeutungsvoller als alles dieses empfanden die Griechen das, was sie mit einer gewissen Anknüpfung an die Gestalt des Dionysos in ihren Mysterien verbargen. Denn während mehr oder weniger alles das, was sich anknüpfte an die oberen Götter, in die exoterischen Vorstellungen der Außenwelt hineingelegt war, verbarg man das, was sich an die Gestalt des Dionysos knüpfte, in die Heiligkeit der Mysterien, und man überlieferte es nur jenen Menschen, welche eine gründliche Vorbereitung durchgemacht hatten. Was war denn der Gegensatz zwischen dem, was die Griechen empfanden durch die Vorstellungen über die oberen Götter, und dem, was in die Heiligkeit der Mysterien hineinverlegt war? Was lag da eigentlich für ein Gegensatz zugrunde? In die Vorstellungen der oberen Götter, des Zeus, Pluto, Poseidon, Apollo, Mars und so weiter wurde hineingelegt alles das, was man gewahr werden kann durch einen tieferen Blick in die Weltenwunder, in das, was sich abspielt um den Menschen herum, und durch die Gesetze dessen, was sich so abspielt. In das aber, was an die Figur des Dionysos sich anknüpfte, wurde hineingelegt auch noch ein wesentlich anderes: dasjenige, was die tiefsten Schicksale der nach Erkenntnis und Erlangung des Eintrittes in die übersinnlichen Welten strebenden Menschenseele bedeutete. In die Schicksale der erkennenden und in den Tiefen lebenden Menschenseele mit all ihren Prüfungen, die sie auf diesem Wege durchzumachen hat, wurde hineingeleuchtet durch die Mysterien, die in einer gewissen Beziehung an den Namen des Dionysos anknüpfen. Und wenn wir überhaupt ein Verständnis von der Gestalt des Dionysos und von seiner Beziehung zu den Seelenprüfungen erlangen wollen, werden wir heute schon ein wenig eingehen müssen auf das, was vom Standpunkte der heutigen Geisteswissenschaft zunächst über die erkennende Menschenseele zu sagen ist,

[ 3 ] Es könnte scheinen, daß der heutige Mensch im Übermaße Gelegenheit hat, sich über die Frage zu unterrichten, was denn eigentlich Erkennen der Welt ist. Denn wir haben ja - so sagt man - in allen Ländern eine ausgebreitete Philosophie, und man erwartet von dieser Philosophie, daß sie die Frage beantwortet, wie Erkenntnis zustande komme. Allein vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft ist die Philosophie in der Antwort auf diese Frage, wie Erkenntnis zustande kommt, noch nicht besonders weit gediehen, und Sie können sich auch leicht denken, warum das so sein muß. Solange die Philosophie der äußeren exoterischen Welt sich sträuben wird, das anzuerkennen, was die Wahrheit über den Menschen ist: die Zusammensetzung des Menschen aus physischem Leibe, Ätherleib, Astralleib und Ich -, so lange kann diese äußere Philosophie zu keinem irgendwie erheblichen Erkenntnisbegriffe kommen. Denn Erkenntnis ist gebunden an die gesamte Wesenheit des Menschen, und die Frage nach Erkenntnis muß immer zur Antwort bloß leere Phrasen herausrufen, wie sie ja in unserer gegenwärtigen Philosophie so heimisch sind, wenn auf die wirkliche reale Wesenheit des Menschen, auf seine viergliedrige Natur, keine Rücksicht genommen wird.

[ 4 ] Ich kann natürlich an diesem Orte und wegen der Beschränktheit der Zeit auf diese Dinge nur hinweisen, kann daher nur von einer gewissen Seite her über die Natur und das Wesen der menschlichen Erkenntnis einige Worte zu Ihnen sprechen. Aber wir werden uns verstehen, wenn wir zunächst ausgehen von der Frage: Wodurch verschafft sich denn der Mensch Erkenntnis, ganz gleichgültig, was die Erkenntnis bedeuten mag? Wodurch erlangen wir Erkenntnis? - Nun, nicht wahr, Sie wissen alle, der Mensch könnte niemals Erkenntnis erlangen, wenn er nicht denken würde, wenn er in seiner Seele nicht so etwas vollziehen würde wie Vorstellungs- oder Denkarbeit. Erkenntnis kommt nicht von selber. Der Mensch muß im Innern arbeiten, muß Vorstellungen ablaufen lassen in seiner Seele, wenn er erkennen will, und wir müssen als Bekenner der Geisteswissenschaft uns fragen: Wo in der Menschennatur spielen sich nun jene Vorgänge ab, welche wir mit dem Vorstellen bezeichnen, das zu der Erkenntnis führt?

[ 5 ] Der materialistische Erkenntnistraum unserer Zeit, die philosophische Phantastik unserer Zeit glauben, daß Erkenntnis dadurch zustande kommt, daß eine Gehirnarbeit verrichtet wird. Gewiß wird bei der Erkenntnis eine Gehirnarbeit verrichtet, aber wenn wir ins Auge fassen, daß zunächst die Hauptsache bei der Erkenntnis die innere Arbeit der Seele im Vorstellungsleben ist, dann müssen wir die Frage aufwerfen: Hat dieses Vorstellungsleben in seinem Inhalte, wohlgemerkt ich sage Inhalt, irgend etwas zu tun mit der Arbeit, die im Gehirn verrichtet wird? - Das Gehirn ist ein Teil des physischen Leibes, und alles das, was Vorstellungsleben seinem Inhalte nach ist, was unsere die Erkenntnis herbeiführende Vorstellungsarbeit der Seele ist, alles das geht nicht bis zum physischen Leib, alles das vollzieht sich in den drei höheren Gliedern der menschlichen Wesenheit, von dem Ich durch den Astralleib zum Ätherleib herunter. Und Sie werden in allen Elementen des Vorstellungslebens dem Inhalte nach nichts darin finden, was irgendwie im äußeren physischen Gehirn vor sich gehen würde. Wenn wir also bloß von dem Vorstellungsinhalt, von der Vorstellungsarbeit sprechen, so müssen wir diese lediglich in die drei höheren übersinnlichen Glieder der menschlichen Wesenheit verlegen, und dann können wir uns fragen: Was hat denn nun das Gehirn mit dem zu tun, was da übersinnlich sich abspielt in der menschlichen Wesenheit? - Die triviale Wahrheit gibt es allerdings, auf die sich die heutigen Philosophen und Psychologen berufen, daß, während wir erkennen, Vorgänge im Gehirn stattfinden. Gewiß, diese triviale Wahrheit ist richtig, kann und soll gar nicht abgeleugnet werden. Aber von der Vorstellung selbst lebt nichts im Gehirn. Welche Bedeutung hat das Gehirn, hat überhaupt die äußere leibliche Organisation für die Erkenntnis, sagen wir zunächst nur für das Vorstellungsleben?

[ 6 ] Da ich eben kurz sein muß, so kann ich sie nur durch ein Bild andeuten. Gerade dieselbe Bedeutung hat die Arbeit des Gehirns zu dem, was eigentlich vorgeht in unserer Seele, wenn wir vorstellen, denken, wie der Spiegel für den Menschen, der sich darin sieht. Wenn Sie mit Ihrer Persönlichkeit durch den Raum gehen, da sehen Sie sich nicht zunächst. Wenn Sie einem Spiegel entgegengehen, da sehen Sie das, was Sie sind, wie Sie aussehen. Derjenige, der nun behaupten wollte, das Gehirn denke, es ginge die Vorstellungsarbeit im Gehirn vor sich, der redet gerade so gescheit wie der, der einem Spiegel entgegengeht und sagt: Ich, ich bin nicht da, wo ich gehe; das bin nicht ich; ich muß einmal da hereingreifen - in den Spiegel -, da drinnen stecke ich. - Da würde er sich bald davon überzeugen, daß er im Spiegel gar nicht darin steckt, daß der Spiegel allerdings der Veranlasser ist, daß das, was außerhalb des Spiegels ist, sich sieht. Und so ist es überhaupt mit aller physischen Leibesorganisation. Das, was da durch die Arbeit des Gehirns erscheint, das ist innere übersinnliche Tätigkeit der drei höheren Glieder der menschlichen Organisation. Daß diese für den Menschen selber erscheinen kann, dazu ist der Spiegel des Gehirns notwendig, so daß wir das, was wir übersinnlich sind, wahrnehmen durch den Spiegel des Gehirns. Und es ist lediglich eine Folge der gegenwärtigen menschlichen Organisation, daß das so sein muß. Der Mensch würde seine Gedanken zwar denken, aber er könnte nichts wissen von ihnen als gegenwärtiger Erdenmensch, wenn er nicht den spiegelnden Leibesorganismus, zunächst das Gehirn hätte. Aber alles das, was die modernen Physiologen und zum Teil die Psychologen tun, um das Denken zu erkennen, ist eben gerade so gescheit, als wenn ein Mensch im Spiegel darin seiner Wirklichkeit nach sich suchen würde. Das alles, was ich Ihnen hier mit ein paar Worten gesagt habe, das kann man heute auch schon vollständig erkenntnistheoretisch begründen, kann es streng wissenschaftlich aufbauen. Eine andere Frage ist diejenige, ob man natürlich mit einer solchen Sache irgendwie verstanden werden kann. Die Erfahrungen sprechen heute noch dagegen. Man kann diese Dinge heute in einer noch so strengen Weise auch Philosophen auseinandersetzen, sie werden kein Sterbenswörtchen davon verstehen, weil sie auf diese Dinge eben nicht eingehen wollen, ich sage ausdrücklich: wollen. Denn es ist heute noch in der äußeren exoterischen Welt gar kein Wille vorhanden, auf die ernsthaftesten Fragen des menschlichen Erkenntnisvermögens wirklich einzugehen.

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[ 7 ] Wollen wir in einer richtigen Weise uns ein schematisches Bild von dem menschlichen Erkenntnisprozesse machen, so müssen wir sagen — nehmen wir das als das Schema der äußeren physischen menschlichen Leibesorganisation -: In alledem, was äußere physische Leibesorganisation ist, geht gar nichts vor von dem, was Denken, was Erkennen ist, sondern das geht in dem anschließenden Ätherleib, Astralleib und so weiter vor. Da drinnen sitzen die Gedanken, die ich hier schematisch mit diesen Kreisen anzeichne. Und diese Gedanken gehen nicht etwa in das Gehirn hinein — das zu denken wäre ein völliger Unsinn -, sondern sie werden gespiegelt durch die Tätigkeit des Gehirns und wiederum zurückgeworfen in den Ätherleib, den Astralleib und das Ich, und die Spiegelbilder, die wir selbst erst erzeugen und die uns sichtbar werden durch das Gehirn, die sehen wir, wenn wir als Erdenmenschen gewahr werden, was wir eigentlich treiben in unserem Seelenleben. Da drinnen im Gehirn ist gar nichts von einem Gedanken. So wenig ist im Gehirn etwas von einem Gedanken, wie hinter dem Spiegel etwas von Ihnen ist, wenn Sie sich darin sehen. Aber das Gehirn ist ein sehr komplizierter Spiegel. Der Spiegel, in dem wir uns da draußen sehen, ist einfach, das Gehirn aber ist ein ungeheuer komplizierter Spiegel, und es muß eine komplizierte Tätigkeit stattfinden, damit das Gehirn das Werkzeug werden kann, um nicht unsere Gedanken zu erzeugen, sondern sie zurückzuspiegeln. Mit anderen Worten, bevor überhaupt von einem Erdenmenschen ein Gedanke zustande kommen konnte, mußte eine Vorbereitung geschehen. Und wir wissen, daß dies geschehen ist durch die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit und daß schließlich der heutige physische Leib, also auch das Gehirn, ein Ergebnis der Arbeit vieler geistigen Hierarchien ist. So daß wir sagen können: Mit dem Beginne der Erdenentwickelung war der Mensch auf der Erde so gestaltet, daß er sein physisches Gehirn ausbilden konnte, daß es werden konnte der spiegelnde Apparat für das, was der Mensch eigentlich ist und was erst in der Umgebung dieser physischen Leibesorganisation vorhanden war.

[ 8 ] So sagen wir heute, und so kann es unter Umständen eine anthroposophische Zuhörerschaft schon verstehen. Im Grunde genommen ist dieser Erkenntnisprozeß sogar recht leicht zu verstehen. Das, was wir heute in dieser Art verstehen können, das empfand der alte Grieche, das fühlte er, und aus dem Grunde sagte er sich: Hier in dieser physischen Leibesorganisation ist, ohne daß der Mensch natürlich ein unmittelbares Bewußtsein davon hat, etwas ungeheuer Bedeutungsvolles verborgen. Diese physische Leibesorganisation ist zwar aus der Erde genommen, da sie aus Stoffen und Kräften der Erde besteht, aber es ist etwas hineingeheimnißt, was zurückspiegeln kann das ganze menschliche Seelenleben. - Das, was da von der Erde heraus, also wiederum makrokosmisch, an dem Aufbau des Gehirnes beteiligt ist, das nannte der alte Grieche, wenn er sein Gefühl auf den Mikrokosmos, auf den Menschen anwendete, das dionysische Prinzip, so daß in uns der Dionysos dahin wirkt, unsere Leibesorganisation zum Spiegel unseres Geisteslebens zu machen.

[ 9 ] Nun können wir, wenn wir anknüpfen an diese, ich möchte sagen, rein theoretische Auseinandersetzung, die leiseste erste Seelenprüfung daran erfahren; sie ist die leiseste Seelenprüfung, und da der heutige Mensch nicht gerade in der allerfeinsten Weise organisiert ist, so geht er an ihr zumeist vorbei. Es muß schon gröber kommen mit diesen Prüfungen, wenn der heutige Mensch sie empfinden soll. Erst dann, wenn man in gewisser Weise enthusiasmiert ist für die Erkenntnis, wenn man Erkenntnis als Lebensfrage betrachtet, dann fühlt man das, was gesagt werden soll, eben doch als erste große Seelenprüfung. Sie tritt dann ein, wenn man sich aus einer solchen Erkenntnis heraus etwa das Folgende sagen muß: Da tönt uns herüber aus uralten Zeiten das große Weisheitswort: «Erkenne dich selbst!» - Selbsterkenntnis als Angelpunkt aller anderen wahren Erkenntnis leuchtet uns als ein hohes Ideal vor, das heißt, wir versuchen anzustreben, indem wir überhaupt zu einer Erkenntnis kommen wollen, zuerst uns selbst zu erkennen, das zu erkennen, was wir sind. Nun verläuft aber all unser Erkennen im Vorstellungsleben. Das Vorstellungsleben, das wir vor uns haben, das uns auch alle äußeren Dinge wiedergibt, dieses Vorstellungsleben erfahren wir als Spiegelbild. Es dringt überhaupt gar nicht ein in das, was wir zunächst als physische Leibesorganisation sind, es wird uns zurückgeworfen, und ebensowenig wie der Mensch sehen kann, was hinter dem Spiegel ist, ebensowenig kann der Mensch in seine physische Wesenheit hineinschauen. Er dringt auch nicht ein, weil sein Seelenleben ganz ausgefüllt ist vom Vorstellungsleben. Man muß sich sagen: Es ist also dann überhaupt unmöglich, sich selbst kennenzulernen, man kann gar nichts anderes kennenlernen als sein Vorstellungsleben, was uns erst zum spiegelnden Apparat gemacht hat. Unmöglich können wir da eindringen, denn wir können nur bis an die Grenze kommen; da wird das ganze Seelenleben zurückgeworfen, so wie im Spiegel das Bild des Menschen zurückgeworfen wird. — Werden wir so aufgefordert durch ein unbestimmtes Gefühl, uns selbst zu erkennen, so müssen wir uns gestehen: Wir können uns gar nicht selbst erkennen, es ist uns unmöglich, uns selbst zu erkennen.

[ 10 ] Das, was ich jetzt gesagt habe, ist für die meisten Menschen der Gegenwart eine Abstraktion, weil sie eben nicht einen Enthusiasmus der Erkenntnis haben, weil sie nicht die Leidenschaft entwikkeln können, die sich abspielen muß, wenn wir die Seele hingestellt sehen vor die Notwendigkeit dessen, was sie eigentlich haben muß. Aber denken Sie sich das als Gefühl ausgebildet, dann haben Sie die Seele vor eine harte Prüfung gestellt, vor die Prüfung: Du mußt etwas erreichen, was du gar nicht erreichen kannst! Geisteswissenschaftlich ausgedrückt, würde das heißen: Alle äußere Erkenntnis, alles das, was der Mensch exoterisch erreichen kann, führt überhaupt zu keiner Selbsterkenntnis. — Daraus ginge hervor das Bestreben, auf einem ganz anderen Wege als auf dem der gewöhnlichen Erkenntnis zu dem vorzudringen, was die Arbeit des Dionysos in uns ist, zu unserer eigenen Wesenheit. Und das sollte in den Mysterien geschehen. Mit anderen Worten: in den Mysterien wurde den Menschen etwas überliefert, was mit dem gewöhnlichen Seelenleben, das sich nur spiegelt an unserer Leibesorganisation, überhaupt nichts zu tun hat. Die Mysterien durften den Menschen nicht auf das exoterische Wissen beschränken, denn dadurch hätten sie ihn nie in sich selbst hineinführen können. Wer also bloß das äußere exoterische Wissen zugeben will, der müßte konsequenterweise sagen: Die Mysterien müssen überhaupt ein Humbug gewesen sein, denn sie haben nur einen Sinn, wenn etwas ganz anderes angestrebt wird als das äußere Wissen, um zum Dionysos zu kommen. — Wir haben in den Mysterien also eine gewisse Art von Vorgängen zu suchen, welche in ganz anderer Weise an den Menschen herantreten als alles das, was im exoterischen Leben äußerlich an den Menschen herantreten kann. Da stehen wir dann unmittelbar vor der Frage: Gibt es überhaupt ein Mittel, hinunterzusteigen in das, was sonst nur der spiegelnde Apparat ist?

[ 11 ] Ich möchte zuerst bei Kleinstem anfangen, meine lieben Freunde. Schon wenn man den allerersten Schritt macht in der Darstellung der höheren geistigen Wahrheiten, die zu der Wirklichkeit und nicht zu der äußeren Maja, zu der Illusion gehen, ist man gezwungen, in einer ganz anderen Weise sich zu verhalten, als man sich verhält bei der Darstellung des äußeren wissenschaftlichen oder sonstigen äußeren Lebens. Deshalb wird man auch so schwer verstanden. Die Menschen streben heute danach, alles in Fesseln hineinzubringen, Goethe würde sagen, in spanische Stiefel hineinzuschnüren, welche einmal für die äußere Wissenschaft geformt und gemacht sind, und was nicht so auftritt, gilt nicht als wissenschaftlich. Aber mit solchem Wissen kann man gerade nicht in das Wesen der Dinge eindringen. Daher sehen Sie, daß schon in den Vorträgen, die hier über Geisteswissenschaft gehalten werden, ein anderer Sul, eine andere Darstellungsweise eingehalten wird als in der gewöhnlichen äußeren Wissenschaft, daß die Dinge so charakterisiert werden, daß man sie von verschiedenen Seiten her beleuchtet, daß man in einer gewissen Weise die Sprache wiederum ernst nimmt. Und wenn man die Sprache ernst nimmt, so kommt man zu etwas, was man den Genius der Sprache nennen könnte. Bei einer anderen Gelegenheit habe ich das hier in diesen Vorträgen schon gesagt, und nicht umsonst gebrauchte ich in dem zweiten RosenkreuzerMysterium, in der «Prüfung der Seele», für eine ursprüngliche Tätigkeit der Welten-Schöpfer das Wort «dichten» oder in der «Pforte der Einweihung» für Ahriman das Wort «er schafft in dichtem Lichte». Derjenige, der nach unseren heutigen Gewohnheiten solche Worte beurteilt, wird glauben, das sind halt Worte, wie andere Worte auch. Nein! Das sind Worte, welche auf den ursprünglichen Sprachgenius wieder zurückgehen, die aus der Sprache dasjenige herausholen, was noch nicht durch das menschliche bewußte IchVorstellungsleben durchgegangen ist. Und die Sprache hat vieles von dem.

[ 12 ] Ich habe in meiner neuesten Schrift, die jetzt morgen oder übermorgen hier aufliegen wird, aufmerksam gemacht, was für ein schönes Wort noch in der alten deutschen Sprache für das vorhanden war, was man im abstrakten mit «geboren werden» bezeichnet. Wenn heute ein Mensch auf die Welt kommt, sagt man, er ist geboren worden. In der alten deutschen Sprache hatte man noch ein anderes bezeichnendes Wort dafür. Man war sich nämlich als Mensch nicht bewußt, was da eigentlich vorgeht bei der Geburt, aber der Sprachgenius, an dem Dionysos einen Anteil hat und bis zu dem das Vorstellungsleben, das sich sonst nur reflektiert, herunterreicht, wußte: wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, dann wirken in ihm zunächst in den ersten Zeiten zwischen Tod und einer neuen Geburt diejenigen Kräfte, die er sich aus dem vorigen Leben mitgenommen hat und die ihn im vorigen Leben haben alt werden lassen. Bevor wir sterben, werden wir alt, und die Kräfte, die uns alt werden lassen, die nehmen wir mit hinüber. In den ersten Zeiten unseres Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wirken diese Kräfte, welche uns alt werden lassen, weiter. Dann aber beginnt in der zweiten Hälfte jenes Lebens zwischen Tod und neuer Geburt eine ganz andere Art von Kräften. Da greifen diejenigen Kräfte ein, die uns wiederum so formen, daß wir als kleines Kind zur Welt kommen, daß wir jung zur Welt kommen. Auf dieses Mysterium deutete die mittelalterliche Sprache hin, wenn sie nicht bloß das abstrakte Wort «geboren werden» nahm, sondern wenn gesagt wurde im Mittelalter «der Mensch ist jung geworden!» Ein ungeheuer bezeichnendes, bedeutsames Wort, «der Mensch ist jung geworden!» Im zweiten Teil von Goethes «Faust» treffen wir dieses Wort «im Nebellande jung geworden». Nebelland ist ein Ausdruck für das mittelalterliche Deutschland. Im Nebellande jung geworden heißt nichts anderes, als in Deutschland geboren worden sein, aber es liegt in diesem Worte das Bewußtsein des Sprachgenius, also einer höheren Wesenheit, als der Mensch es ist, die mitschöpferisch war an der menschlichen Organisation. Daß man von Dichtung in der deutschen Sprache spricht, dem liegt das Bewußtsein zugrunde, daß der Dichter den Sinn, der sonst ausgebreitet liegt in der Welt, zusammendichtet, daß er dasjenige, was sonst draußen in der Welt verbreitet ist, kondensiert. Es wird einmal eine Sprachwissenschaft geben, die nicht so trocken und nüchtern sein wird wie die heutige, weil sie auf den lebendigen Sprachgenius eingehen wird, der heute noch unterhalb dessen liegt, was bei den Ich-Menschen der Gegenwart das bewußte Vorstellungsleben ist. Aus diesem Sprachgenius muß manches herausgeholt werden, wenn man die Dinge der geistigen Welt charakterisieren will, die ja auch hinter demjenigen liegen, was das gewöhnliche Bewußtsein umfaßt.

[ 13 ] So muß ein anderer Sprachstil, ein anderer Stil der Darstellung auftreten, wenn geistige Dinge charakterisiert werden sollen. Daher das Befremdliche, das da auftritt in mancherlei Charakteristik der höheren Welten, welches notwendigerweise auftreten muß. Also schon wenn wir nur anfangen, die Dinge der geistigen Welt zu besprechen, dann kommen wir dabei zu etwas, was eigentlich zurückgehen müßte hinter das, was der Mensch in seinem Bewußtsein hat. Es muß aus den unterbewußten Seelengründen heraufgeholt werden. Dabei ist für den heutigen Menschen, der das tut, tatsächlich etwas notwendig, was sich ja recht kleinlich ausnimmt, was aber doch wichtig ist. Will man nämlich im wahren Sinn Dinge der Geisteswissenschaft charakterisieren, dann muß man zuerst auf die gewöhnlichen gangbaren Mittel des sprachlichen Ausdrucks verzichten. Man muß vielleicht so weit gehen, daß man sagt: Wenn du auf diese Mittel des gewöhnlichen Ausdrucks im Sprachgebrauch verzichtest, dann werden dich die Professoren und sonstige gescheite Leute einen Menschen nennen, der seine Sprache überhaupt nicht in der richtigen Weise beherrscht. Die werden allerlei zu tadeln finden, die werden deine Ausdrucksweise unklar finden, die werden allerlei mäkeln an der Art und Weise, wie in der Geisteswissenschaft ausgedrückt wird. - Das aber muß man schon bewußt hinnehmen, denn das muß so sein. Dem muß man kühn ins Auge schauen, daß man vielleicht für einen Dummkopf gehalten wird, weil man darauf verzichtet, in der gewöhnlichen äußeren Ausdrucksweise das sogenannte logisch Vollkommene, das in höherer Beziehung ein logisch höchst Unvollkommenes ist, zum Mittel seines Ausdrucks zu machen.

[ 14 ] Was ich Ihnen so im Kleinlichen, nicht einmal bloß im Kleinen angedeutet habe, das war für den Mysterienschüler im griechischen Altertum und ist heute noch für den Mysterienschüler notwendig. Er muß sich gerade, um zu seinem vollen Selbst zu kommen, um zu seiner inneren Wesenheit hinunterzudringen, die sich sonst nur spiegelt an der äußeren Leibesorganisation, entäußern der gewöhnlichen äußeren bewußten Art des Wissens. Oberflächliche Menschen könnten jetzt natürlich gleich sagen: Du verlangst aber doch, daß der Mensch seinen gesunden Menschenverstand immer behält und alles auch in bezug auf die höheren Welten nach dem gesunden Menschenverstand beurteilt -, jetzt aber sagst du: Der Mensch soll sich der gewöhnlichen äußeren bewußten Art des Wissens entäußern. — Das ist ein scheinbarer Widerspruch. In Wirklichkeit ist es möglich, durchaus möglich, mit allem gesunden Menschenverstand die Dinge der höheren geistigen Welten zu prüfen und dennoch sich der äußeren Form des bewußten Wissens, das wir gewohnt sind von der äußeren Welt her, zu enthalten. Dabei stehen wir aber wiederum vor einer starken Prüfung unserer Seele. Worin besteht diese Prüfung unserer Seele?

[ 15 ] Wie das heutige Leben nun einmal ist, ist die Seele gewohnt, in denjenigen Formen zu denken und den gesunden Menschenverstand anzuwenden, die im gewöhnlichen Vorstellungsleben an der äußeren Welt geschult sind. Daran ist die Seele gewöhnt. Und nun stellen wir uns einmal irgendeinen Professor, irgendeinen Gelehrten der äußeren Wissenschaft vor, der in diesen Formen des äußeren Wissens ganz außerordentlich gut denken kann. Da können Menschen kommen und sagen: Da willst du nun diesem Professor etwas begreiflich machen, der ganz gewiß wissenschaftlich im heutigen Sinne denken kann; wenn der dich nicht versteht, so mußt du etwas gesagt haben, was überhaupt nicht zu verstehen ist. — Es soll gar nicht geleugnet werden, daß dieser Professor den gesunden Menschenverstand hat für die Dinge der gewöhnlichen äußeren Welt. Dasjenige aber, was in unserm Falle erzählt wird, sind die Dinge der geistigen Welt, und er muß nicht mit jenem Teile seiner Seele zuhören, der den Menschenverstand anwendet auf die gewöhnlichen Dinge der äußeren Welt, sondern mit einem ganz anderen Teil seiner Seele. Und es ist nicht gesagt, daß einem der gesunde Menschenverstand folgen muß, wenn man andere Dinge begreifen will, als es die Dinge sind, die der äußeren Welt angehören und für die man den gesunden Menschenverstand wohl hat; man kann ihn haben für die gewöhnlichen Dinge der äußeren Welt, kann aber völlig von ihm verlassen werden bei Dingen, die der geistigen Welt angehören. Was verlangt wird, wenn man eindringen will in die geistigen Welten, ist nicht die Kritik der geisteswissenschaftlichen Dinge mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes, sondern daß wir unseren gesunden Menschenverstand mit hinaufnehmen, daß wir ihn nicht verlieren auf dem Wege von der äußeren Wissenschaft in die innere, in die Geisteswissenschaft. Wichtig ist, daß die Seele stark genug ist, nicht das Schicksal zu erleben, das so zahlreiche Menschen heute erleben und das man so charakterisieren kann: Wenn solche Menschen, die wirklich, sobald es sich um die äußere Wissenschaft handelt, wahre Musterbilder von Logikern sind, von Geisteswissenschaft hören, dann müssen sie den Weg machen von dem, was ihnen erzählt wird von äußeren Dingen, zu dem, was den geistigen Welten angehört. Auf diesem Wege aber verlieren sie gewöhnlich den gesunden Menschenverstand und bilden sich dann ein, weil sie ihn am Ausgangspunkte des Weges gehabt haben, sie hätten ihn auch später noch. — Es wäre eine böse Täuschung, wenn man glauben wollte, daß man deshalb nicht mit dem gesunden Menschenverstand herandringen könnte an die Dinge der geistigen Welt. Man darf diesen gesunden Menschenverstand unterwegs nur nicht verlieren.

[ 16 ] In einem viel höheren Sinn war dasjenige, was ich Ihnen jetzt im Kleinlichen vorgelegt habe, für die Mysten Griechenlands notwendig. Notwendig ist es auch für die Mysten der heutigen Zeit. Sie müssen ablegen alles dasjenige, was das gewöhnliche Bewußtsein hat, dennoch aber aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein mittragen den gesunden Menschenverstand und dann von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus mit dem Werkzeug dieses gesunden Menschenverstandes urteilen. Ohne die Resignation auf das gewöhnliche Bewußtsein ist kein Myste möglich. Dessen muß er sich entäußern, was dienlich ist in der gewöhnlichen äußeren Welt. Und die Prüfung der Seele, die schon hier auftritt, besteht darin, daß man auf diesem Wege von der äußeren gewöhnlichen Welt zur geistigen Welt nicht den gesunden Menschenverstand verliert und dann das für Unsinn hält, was sich als Tieferes ergibt, wenn man den gesunden Menschenverstand behalten hat. So war es auch notwendig für die griechischen Mysten, alles dasjenige, was sie in der äußeren exoterischen Welt erleben konnten, abzulegen und in eine ganz andere Seelenverfassung sich zu begeben, und das ist auch heute noch für den Mysten in Wahrheit notwendig. Daher nehmen die Dinge der äußeren Welt, wenn sie in das Gebiet der Mystik eintreten, zuweilen ganz andere Namen an, und es hat eine tiefe Bedeutung, wenn in dem Rosenkreuzer-Drama «Die Prüfung der Seele» gesagt wird von Benedictus, daß sich in seiner Sprache manche Dinge dem Namen nach wandeln, so wandeln, daß sie sogar die entgegengesetzte Bezeichnung annehmen können. Was Capesius Unglück nennt, muß Benedictus Glück nennen. So wie unser Leben nach dem Tode zunächst rückläufig sich abspielt, daß wir die Dinge zurückerleben, so müssen sich die Namen fast in ihr Gegenteil wandeln, wenn wir in wahrem Sinn von den höheren Welten sprechen. Da können Sie ermessen, welch eine ganz andere Welt es war, die die alten Griechen als den Inhalt ihrer heiligen Mysterien anerkannten.

[ 17 ] Und was war in diesem Mysteriensinn selbst der Dionysos innerhalb der Mysterien? Wenn Sie das Büchelchen lesen, das in den nächsten Tagen erscheinen wird, so werden Sie darin sehen, daß es zu allen Zeiten große Lehrer der Menschheit gibt, die unsichtbar bleiben, die sich nur dem hellseherischen Bewußtsein offenbaren. Sie werden daraus sehen, daß es eine Wahrheit war, wenn die alten Ägypter den Griechen, die sie fragten, wer ihre Lehrer seien, antworteten, daß sie, die alten Ägypter, von den Göttern belehrt worden seien. Das war so gemeint, daß die hellsichtigen Menschen inspiriert wurden von den nicht auf die Erde herabsteigenden Lehrern, die im Ätherraum erschienen und sie belehrten. Ich sage Ihnen nicht irgendeine Träumerei, Phantasterei, sondern etwas, was völlig der Wahrheit entspricht. Wenn die Mysten des alten Griechenlands, die eingeführt wurden in die Mysterien, ihre richtige Vorbereitung durchgemacht hatten, so daß sie nicht in einer leichten, oberflächlichen Art solche Dinge fühlten —- wie heute mit abstrakten Worten gesprochen wird -, wenn sie hineingeführt wurden in die heiligen Mysterien, dann waren sie in der Tat in einer Lage, etwas anderes zu sehen, als das gewöhnliche Bewußtsein sieht. Dann waren sie in der Lage, innerhalb der Mysterien den Lehrer zu sehen, der nicht mit physischen Augen gesehen werden kann, der nur dem inspirierten Bewußtsein sichtbar werden konnte. Die physischen Vorsteher der Mysterien, die mit physischen Augen gesehen werden konnten, das waren nicht die Wichtigen. Die Wichtigen waren diejenigen, die in den Mysterien dem hellseherischen Bewußtsein sichtbar wurden. Und in den Mysterien, auf die es uns in diesen Vorträgen ankommt, in den Dionysischen Mysterien, war der größte Lehrer der genügend vorbereiteten Mysten des alten Griechenlands tatsächlich der junge Dionysos selber, jene Gestalt, von der ich schon gesagt habe, daß sie eine reale Gestalt war, die, von Silenen und Faunen gefolgt, den Zug von Europa nach Asien und wieder zurück gemacht hat. Diese Gestalt war auch der wahre Lehrer der Mysten der Dionysischen Mysterien. Dionysos erschien als eine Äthergestalt in diesen heiligen Mysterien, und von ihm konnte man jetzt Dinge wahrnehmen, die nicht bloß als Spiegelbilder geschaut werden im gewöhnlichen Bewußtsein, sondern die unmittelbar heraussprudelten aus der inneren Wesenheit des Dionysos.

[ 18 ] Weil aber der Dionysos in uns selber ist, so sah der Mensch sein eigenes Selbst in dem Dionysos und lernte sich erkennen - nicht etwa dadurch, daß er in sich hineinbrütete, wie es aus Unkenntnis der realen Tatsachen heute so oft anempfohlen wird, sondern für die griechischen Mysten war der Weg zur Selbsterkenntnis gerade der, aus sich herauszugehen. Nicht in sich hineinzubrüten und bloß die Spiegelbilder des gewöhnlichen Seelenlebens zu erblicken war der Weg, sondern dasjenige zu schauen, was sie selber waren, in das sie aber gewöhnlich nicht untertauchen konnten, nämlich den großen Lehrer. Diesen großen Lehrer, der noch nicht sichtbar war, wenn der Schüler in die Mysterien eintrat, schauten die Mysten als ihre eigene Wesenheit. Draußen in der Welt, wo ihn die exoterischen Menschen nicht anders kannten denn als Dionysos, da machte er auch als physischer, im Fleische inkarnierter Mensch den Zug von Europa nach Asien und wieder zurück, da war er ein auf dem physischen Plan stehender, wirklicher Mensch. In den Mysterien erschien er in seiner Geistgestalt, die aber durchaus in gewisser Beziehung ähnlich war der wirklichen menschlichen Leiblichkeit, wie sie heute als Leiblichkeit des Ich-Menschen vor uns steht. Das ist das Wesentliche, das wir wohl ins Auge fassen müssen, daß draußen in der Welt in seinen Zügen der Dionysos als ein im Fleische inkarnierter Mensch herumging. In den Mysterien aber, um die Mysten zum höheren Bewußtsein zu erziehen, da erschien der Dionysos in seiner Geistesgestalt.

[ 19 ] Es ist in einer gewissen Beziehung auch heute noch so. Wenn da draußen in der Welt in ihrem Menschengewand die heutigen Führer der Menschheit herumgehen, dann werden sie in der äußeren exoterischen Welt nicht erkannt. Und reden wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft von den Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, dann würden sich die Menschen oftmals wundern, in welcher einfachen, schlichten Menschlichkeit durch alle Länder diese Meister der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen kommen. Sie sind vorhanden auf dem physischen Plan. Die wichtigsten Lehren aber erteilen sie nicht auf dem physischen Plan, sondern sie erteilen sie auf dem Geistplan. Und derjenige, der sie hören will, um Lehren von ihnen zu empfangen, der muß nicht nur den Zugang haben zu ihrem physischen, fleischlichen Leibe, sondern er muß Zugang haben zu ihrer Geistgestalt. Das ist in gewisser Beziehung heute noch immer der alten Dionysischen Mystik ähnlich.

[ 20 ] So gehört es wiederum zu den Prüfungen der Seele, daß wir das Wort «Erkenne dich selbst» dadurch befolgen müssen, daß wir in gewisser Beziehung aus uns herausgehen. Aber es war mit den Dionysischen Mysterien noch eine andere Prüfung der Seele verknüpft. Ich sagte, die Mysten lernten kennen den Dionysos als eine Geistgestalt; sie wurden sogar unterrichtet von ihm in den Mysterien; sie lernten ihn erkennen als eine Geistgestalt, die ganz und gar beherrscht war von dem Wesentlichsten und Wichtigsten in der menschlichen eigenen Natur, die das auf der Erde feststehende menschliche Selbst darstellt. Wenn die griechischen Mysten ihren hellseherischen Blick hin richteten auf diese Gestalt des Dionysos, dann erschien ihnen dieser Dionysos namentlich in seiner Geistgestalt als eine schöne erhabene Gestalt, welche das Menschentum äußerlich in herrlicher Weise darstellte. Nehmen wir einmal an, ein solcher Myste wäre da herausgegangen aus den Mysterienstätten, nachdem er den Dionysos darin gesehen hatte als eine schöne erhabene Menschengestalt. Ich bemerke ausdrücklich, daß der Dionysos auch damals noch geistiger Lehrer war, als der reale Mensch Dionysos, von dem ich erzählt habe, daß er den Zug von Europa nach Asien und wieder zurück gemacht habe, schon gestorben war. In den Mysterien blieb der jüngere Dionysos noch lange Zeit Lehrer. Wenn aber ein solcher Myste herausgegangen wäre aus den Mysterienstätten und draußen in der exoterischen Welt den wirklichen, fleischlich inkarnierten Dionysos gesehen hätte, jenen Menschen, zu dem der höhere Mensch gehörte, den er in den Mysterien gesehen hatte, dann hätte er keinen schönen Menschen gesehen. Gerade wie heute der Mensch, der in den Mysterien steht, nicht hoffen darf, dieselbe Gestalt, die er in der geistigen Welt in hoher Schönheit vor sich sieht, in eben solch hehrer Schönheit auf dem physischen Plan zu sehen, wie er sich klar sein muß, daß die physische Verkörperung der Geistgestalt, die ihm in den Mysterien entgegentritt, vielfach eine Maja, eine Illusion ist und die hehre Schönheit der Geistgestalt verhüllt, dadurch, daß sie in der physischen Welt in gewisser Weise häßlich ist: so war es auch in bezug auf Dionysos. Und was uns als das äußere Bild des Dionysos überliefert wird, der uns als eine nicht so vollkommene Göttergestalt dargestellt wird wie der Zeus, ist tatsächlich das Bild des äußeren, im Fleische verkörperten Dionysos. Der Dionysos der Mysterien war der schöne Mensch; der äußere, im Fleische verkörperte Dionysos wäre damit nicht zu vergleichen gewesen. Daher müssen wir die Gestalt des Dionysos nicht unter den schönsten Menschentypen der alten Zeit suchen. So stellt sie uns auch nicht die Sage vor, und namentlich diejenigen, die zum Gefolge des Dionysos gehören, müssen wir uns so vorstellen, daß sie in einer gewissen Beziehung als Satyrn, als Silenen verhäßlicht die äußere Menschengestalt vorstellen.

[ 21 ] Ja, wir finden sogar etwas höchst Merkwürdiges in der griechischen Mythologie. Uns wird gesagt, was wiederum wahr ist, daß der Lehrer des Dionysos selber ein recht häßlicher Mensch war. Diesen Menschen, der der Lehrer des Dionysos selber war, lernten auch die Mysten der Dionysischen Mysterien kennen: Silen! Silen wird uns aber als eine weise Individualität geschildert. Wir brauchen uns nur zu erinnern daran, daß eine große Anzahl von Weisheitsaussprüchen dem Silen in den Mund gelegt wird, Weisheitsaussprüche, die vielfach darauf hindeuten, wie wertlos das gewöhnliche Leben des Menschen genannt werden muß, wenn es nur in seiner Äußerlichkeit aufgefaßt wird, in seiner Maja, in seiner Illusion. Da wird uns erzählt ein Wort, das auf Nietzsche einen großen Eindruck gemacht hat, daß der König Midas den Lehrer des Dionysos, Silen, gefragt habe, was das Beste für die Menschen sei. Da sagte der weise Silen das bedeutungsvolle, schwerverständliche Wort: Oh, ihr Eintagsgeschlecht, es wäre das Beste für euch, nicht geboren zu sein, oder, da ihr schon geboren seid, so wäre das Zweitbeste für euch, bald zu sterben! -— Das muß richtig verstanden werden, dieses Wort. Es will andeuten das Verhältnis zwischen der geistigen Realität der übersinnlichen Welt und der äußeren Maja, der großen Illusion oder Täuschung.

[ 22 ] So haben wir, wenn wir sie als physische Menschengestalten ins Auge fassen, im Grunde genommen wenig schöne Menschengestalten in diesen erhabenen Wesenheiten vor uns, oder wenigstens Menschengestalten, welche in anderem Sinne schön zu nennen sind als diejenigen, welche das spätere Griechentum mit der idealen Schönheit bezeichnete. Wir können in gewisser Beziehung den Dionysos noch idealisieren gegenüber dem, wie er als äußerer Mensch war. Wenn wir die Gestalt des Dionysos, die er im Physischen hatte, vergleichen wollen mit derjenigen, durch die er im hehren Glanze in den Mysterien selbst dem Geiste nach erschien, so können wir das noch tun. Wir brauchen uns ihn nicht häßlich vorzustellen. Aber wir würden einen Fehler machen, wenn wir den Lehrer und Meister dieses Dionysos, den alten Silen, uns anders vorstellen würden als mit häßlicher, aufgestülpter Stumpfnase und mit spitzigen Ohren und gar nicht schön. Dieser Silen, dieser Lehrer des Dionysos, der also letzten Endes übermitteln sollte den Menschen die uralte Weisheit, zugerichtet für das menschliche IchBewußtsein, eine Weisheit, die aus dem tieferen Selbst des Menschen hervorkam, war noch näher verwandt mit allem Natürlichen, über das der Mensch mit seiner gegenwärtigen Leibesgestalt im wesentlichen hinausgeschritten ist. Der alte Grieche stellte sich vor, daß der Mensch zu seiner gegenwärtigen Schönheit in bezug auf seine äußere Maja aus einer alten häßlichen Menschengestalt hervorgegangen ist und daß der Typus jener Individualität, die in Silen, dem Lehrer des Dionysos, verkörpert war, gar kein schöner Mensch war.

[ 23 ] Nun stellen Sie sich vor, was Ihnen als Schüler der Geisteswissenschaft nicht schwer werden wird, daß wir sowohl in dem jüngeren Dionysos selber wie in seinem Lehrer, dem weisen Silen, Individualitäten vor uns haben, die nach allem, was ich bis jetzt ausgeführt habe, unendlich wichtig waren für die Heranerziehung des gegenwärtigen menschlichen Ich-Bewußtseins. Wenn wir uns also fragen nach den Individualitäten, welche - wenn wir uns richtig verstehen im Sinne der Geisteswissenschaft - sowohl für unser wie aber auch für das griechische Bewußtsein in der geistigen Umwelt waren oder sind und welche wichtig sind für alles das, was der Mensch geworden ist - wenn wir uns nach diesen Individualitäten umsehen, so finden wir diese zwei, den Dionysos und den weisen Silen. Diese Individualitäten sind da in uralten vorhistorischen Zeiten, in die keine Geschichte, kein Epos zurückreicht, von denen aber allerdings die spätere Geschichte der Griechen und die Epen, namentlich die Sagen und Mythen, erzählen. In diesen Zeiten lebten sowohl der weise Silen wie auch Dionysos in physischen Leibern verkörpert und taten äußere physische Taten, starben, indem ihre Körper sterben mußten. Die Individualitäten blieben erhalten.

[ 24 ] Nun wissen wir ja: im Verlaufe der Menschheit geschieht so manches, was für den, der sich nur abstrakte Vorstellungen macht, ganz staunenswert ist, besonders in bezug auf Inkarnationen der menschlichen oder andersgearteten Wesenheiten. Manchmal sieht für den äußeren Blick eine spätere Inkarnation, trotzdem sie aufwärtsgeschritten ist, vielleicht unvollkommener aus als eine frühere. Eine schwache Vorstellung konnte ich nur aus geistigen Realitäten im zweiten Rosenkreuzer-Drama geben in den Inkarnationen des «Mönches» im Mittelalter und der «Maria» der neueren Zeit. So ist es auch in der Geschichte, daß den abstrakt Denkenden manchmal Verwunderung überkommen muß, wenn er zwei aufeinanderfolgende Inkarnationen oder wenigstens zusammengehörige Inkarnationen betrachtet. Der jüngere Dionysos, der, wie ich Ihnen sagte, im wesentlichen seine Seele ausfließen ließ in die äußere Kultur, sie aber doch in einer bestimmten Zeit wieder zusammenfassen konnte als Seele in einem einzelnen menschlichen physischen Leibe, wurde wiedergeboren, inkarniert unter den Menschen, aber so, daß er nicht seine alte Gestalt behielt, sondern hinzufügte zu seiner äußeren physischen Gestalt etwas von dem, was seine Geistgestalt ausmachte in den Dionysischen Mysterien. Der jüngere Dionysos wurde wiedergeboren in geschichtlicher Zeit in einem menschlichen Leib, und auch sein Lehrer, der weise Silen, wurde wiedergeboren. Und daß diese Gestalten wiedergeboren worden sind, davon hatte die Mystik des alten Griechenlands ihr deutliches Bewußtsein. Davon hatten auch die Künstler des alten Griechenlands, die angeregt und inspiriert wurden von den Mysten, ihr deutliches Bewußtsein. Nach und nach müssen in der Geisteswissenschaft, die nicht bei der Phrase stehenbleiben, sondern zur Wirklichkeit übergehen will, solche Dinge auch gesagt werden, die da wahr sind für die aufeinanderfolgende Entwickelung der Menschheit. Der alte weise Lehrer des Dionysos, Silen, wurde wiedergeboren, und es war dieser weise Silen in seiner Wiederverkörperung keine andere Persönlichkeit als die des Sokrates. Sokrates ist der wiederverkörperte alte Silen, der wiedergeborene Lehrer des Dionysos. Und der wiederverkörperte Dionysos selber, jene Persönlichkeit, in welcher die Seele des Dionysos lebte, das war Plato. Und man merkt erst den tieferen Sinn der griechischen Geschichte, wenn man eingeht auf das, was zwar nicht die Überlieferer der äußeren Geschichte Griechenlands wissen, was aber die Mysten wußten und von Generation zu Generation bis heute überliefert haben, was auch in der Akasha-Chronik gefunden werden kann. Die Geisteswissenschaft kann es wieder verkünden, daß Griechenland in seiner alten Zeit die Lehrer der Menschheit enthielt, die es hinüberschickte nach Asien in dem Zuge, den der Dionysos führte, dessen Lehrer der weise Silen war, und daß, in einer Art, wie es für die spätere Zeit angemessen war, erneuert wurde alles das, was Dionysos und der weise Silen für Griechenland werden konnten, in Sokrates und Plato. Gerade in derjenigen Zeit, in welcher in den Mysterien selber der Verfall eintrat, in welcher keine Mysten mehr da waren, die in den heiligen Mysterien hellseherisch noch schauen konnten den jüngeren Dionysos, trat dieser selbe jüngere Dionysos als der Schüler des weisen Silen, des Sokrates, in der Gestalt des Plato als der zweite große Lehrer Griechenlands, als der wahre Nachfolger des Dionysos auf.

[ 25 ] Dann erkennt man erst im Sinne der alten griechischen Mystik selber den Sinn der griechischen Geisteskultur, wenn man weiß, daß die alte Dionysische Kultur ihr Wiederaufleben in Plato gefunden hat. Und wir bewundern noch in einem ganz anderen Sinn den Platonismus, wir stehen zu ihm in seiner wahren Gestalt, wenn wir wissen, daß in Plato die Seele des jüngeren Dionysos war.