Christus und die menschliche Seele
Über den Sinn des Lebens
Theosophische Moral
Anthroposophie und Christentum
GA 155
28 Mai 1912, Norrköping
Theosophische Moral I
[ 1 ] Wir haben, folgend einem Impulse, der sich mir ergeben hat, und über den vielleicht noch weiter zu sprechen sein dürfte, in diesen Tagen zu betrachten eines der wichtigsten, eines der bedeutendsten Gebiete unserer theosophischen Lebensanschauung. Es ist ja nicht selten, daß uns der Vorwurf gemacht wird, daß wir uns so gerne erheben in der Betrachtung weit entfernt liegender kosmischer Entwickelungen in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen, daß wir uns in die Gebiete geistiger Welten gern erheben, indem wir so entfernte Ereignisse der Vergangenheit und so weit ausblickende Perspektiven der Zukunft allzuoft nur betrachten, und fast außer acht lassen dasjenige Gebiet, welches den Menschen am allernächsten liegen müßte: das Gebiet menschlicher Moral und menschlicher Ethik.
[ 2 ] An dem, was da so oftmals gesagt wird, wenn uns der Vorwurf gemacht wird, daß wir dieses wichtigste Gebiet menschlichen Seelen- und menschlichen sozialen Lebens weniger berührten als jenes eben weiter abliegende Gebiet, an dem ist richtig, daß dieses Gebiet, das Gebiet menschlicher Moral, uns das allerwesentlichste sein muß. Was aber gesagt werden muß gegenüber diesem Vorwurfe, das ist, daß wir uns diesem Gebiete, gerade wenn wir die ganze Bedeutung und Tragweite theosophischen Lebens und theosophischer Gesinnung in uns empfinden, nur in heiligster Scheu nähern dürfen, so daß wir uns bewußt sind, daß, wenn es im richtigen Sinne betrachtet sein will, es den Menschen so nahe berührt als nur irgend möglich und die ernstlichste, die allerwürdigste Vorbereitung erfordert.
[ 3 ] Der Vorwurf, der gegen uns von jener Seite in der eben charakterisierten Art erhoben wird, könnte vielleicht in die folgenden Worte gekleidet werden. Es könnte gesagt werden: Wozu lange Weltbetrachtungen? Wozu Erzählungen über viele Reinkarnationen vieler Wesen, über die komplizierten Verhältnisse des Karma, wenn doch das Allerwichtigste im Leben dasjenige ist, was ein auf der Höhe dieses Lebens angekommener Weiser seinen Bekennern immer und immer wiederholte, als er nach einem reichen Weisheitsleben, schon krank und schwach, sich tragen lassen mußte: Kinder, liebet einander. So sprach bekanntlich der Apostel, der Evangelist Johannes im höchsten Alter, und oft und oft ist es betont worden, daß mit diesen drei Worten: Kinder, liebet einander! der Extrakttiefster sittlicher Lebensweisheit gegeben ist. Und es könnte da mancher sagen: Wozu also alles andere, wenn das Gute, wenn die hehren sittlichen Ideale in einer so einfachen Weise erfüllt werden können, wie es im Sinne dieser Worte des Evangelisten Johannes ist?
[ 4 ] Eines berücksichtigt man nicht, wenn man aus der ganz richtigen, oben angeführten Tatsache die Behauptung herleitet, daß es für die Menschen genügte zu wissen, daß sie einander lieben sollen. Eines berücksichtigt man dabei nicht, nämlich den Umstand, daß derjenige, der so als ein Zeuge angeführt wird für diese Worte, diese eben am Ende eines reichen Weisheitslebens gesprochen hat, am Ende eines Lebens, welches in sich faßte die Niederschrift des tiefsten, bedeutungsvollsten Evangeliums, und daß der, der sie gesprochen hat, diese Worte, erst dann sich das Recht gab sie zu sprechen, nachdem er dieses reiche Weisheitsleben, das zu so großen und gewaltigen Ergebnissen geführt hat, hinter sich hatte. Ja, wer ein Leben wie er hinter sich hat, der darf alles dasjenige, was Menschenseelen fühlen können bei den tiefen Weisheiten, die im Johannes-Evangelium stehen, zusammenfassen in die eben angeführten Worte als seiner Weisheit letzten Schluß, der aus unergründlichen Seelentiefen hineinfließt in die Tiefen auch anderer Herzen und anderer Seelen. Wer aber nicht in einer solchen Lage ist, der muß sich eben das Recht, in so einfacher Weise die höchsten sittlichen Wahrheiten auszusprechen, erst dadurch holen, daß er sich in die Gründe der Weltgeheimnisse vertieft. So trivial der viel wiederholte Satz ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es doch nicht dasselbe, er gilt in ganz besonderem Maße für das eben Angeführte. Wenn irgend jemand, der einfach ablehnen will, etwas über die Weltgeheimnisse zu wissen und von ihnen zu verstehen, sagt: Es ist doch so einfach, das höchste moralische Leben zu charakterisieren, und die Worte gebraucht: Kinder, liebet einander, so ist das eben etwas anderes, als wenn der Evangelist Johannes diese Worte sagt, und noch dazu am Ende eines so reichen Weisheitslebens. Deshalb sollte gerade derjenige, der diese Worte des Evangelisten Johannes versteht, einen ganz anderen Schluß daraus ziehen, als gewöhnlich daraus gezogen wird. Er sollte den Schluß daraus ziehen, daß man zunächst über solch tief bedeutsame Worte zu schweigen hat, und daß man sie erst aussprechen darf, wenn man die nötige Vorbereitung, die nötige Reife dazu sich erworben hat.
[ 5 ] Aber nun, nachdem wir dieses wie eine ganz gewiß manchem doch recht zu Herzen gehende Aussage gemacht haben, wird sich etwas ganz anderes in unserer Seele ergeben, was von einer unendlich tiefgreifenden Bedeutung ist. Der Mensch wird sich sagen: Ja, es mag schon so sein, daß die moralischen Prinzipien in ihrer tiefsten Bedeutung erst am Ende aller Weisheit begriffen werden können, brauchen tut sie der Mensch aber immer. Wie könnte es denn dann in der Welt überhaupt möglich sein, irgendeine moralische Gemeinschaft, ein soziales Werk zu fördern, wenn man warten müßte mit der Erkenntnis der höchsten moralischen Prinzipien bis ans Ende des Weisheitsstrebens. Das Notwendigste für das menschliche Zusammenleben ist die Moral, und nun behauptet da jemand, daß die moralischen Prinzipien erst am Ende des Weisheitsstrebens zu erlangen sind. Da könnte allerdings mancher sagen, daß er verzweifeln möchte an der weisheitsvollen Einrichtung der Welt, wenn das so wäre, wenn das, was man am notwendigsten braucht, erst am Ende des menschlichen Strebens erreicht werden könnte.
[ 6 ] Die Antwort auf das, was hiermit charakterisiert worden ist, geben uns reichlich die Tatsachen des Lebens. Sie brauchen nur zwei Tatsachen des Lebens zusammenzustellen, die Ihnen zweifellos recht gut in der einen oder anderen Form bekannt sind, und Sie werden gleich sehen, daß sowohl das eine richtig sein kann, daß wir zu den höchsten moralischen Prinzipien und ihrem Verständnis erst beim Abschluß des Weisheitsstrebens gelangen, wie auch das andere, daß die Sachen, die eben angedeutet worden sind, moralische und soziale Gemeinschaften und Werke, ohne Moral nicht bestehen können. Sie werden das gleich einsehen, wenn Sie sich zwei Tatsachen vor die Seele rücken, die Ihnen in der einen oder anderen Form ganz gewiß bekannt sind. Oder wer hätte nicht schon gesehen, wie ein intellektuell hoch entwickelter Mensch, vielleicht sogar ein solcher, der nicht bloß äußere Wissenschaftlichkeit mit einem klugen und intellektuellen Erfassen in sich aufgenommen hat, sondern der auch theoretisch und praktisch viel von okkulten und von spirituellen Wahrheiten begriffen hat, gar kein besonders moralischer Mensch ist. Wer hätte nicht schon gesehen, daß kluge, geistig hoch entwickelte Menschen auf moralische Abwege gekommen sind? Und wer hätte die andere Tatsache nicht erlebt, an der wir so unendlich viel lernen können, daß er zum Beispiel eine Kinderfrau kennengelernt hat mit eng begrenztem Horizonte, mit geringer Intellektualitäit und wenigen Erkenntnissen, die nicht etwa ihre eigenen Kinder, sondern, in fremden Diensten stehend, anderer Leute Kinder, eines nach dem anderen, erzog von den ersten Wochen des physischen Daseins an, mitgewirkt hat an deren Erziehung und bis vielleicht zu ihrem Tode alles, was sie hatte, für diese Kinder geopfert hat in einer absolut liebevollen Weise, in der selbstlosesten Hingabe, die sich nur denken läßt. Und wäre irgend jemand an die Frau herangekommen mit moralischen Prinzipien, gewonnen an den allerhöchsten Weisheitsschätzen, wahrscheinlich hätte sie sich gar nicht besonders für diese moralischen Prinzipien interessiert. Wahrscheinlich würde sie sie höchst unverständlich und nutzlos gefunden haben. Aber, was sie moralisch gewirkt hat, das bewirkt mehr als eine bloße Anerkennung, das bewirkt oft in einem solchen Falle, daß wir uns in Ehrfurcht beugen vor dem, was aus dem Herzen ins Leben strömt und unendlich viel Gutes schafft.
[ 7 ] Tatsachen solcher Art beantworten Rätsel des Lebens oft viel klarer als theoretische Auseinandersetzungen, denn wir sagen uns, daß die weisheitsvolle Schöpfung, die weisheitsvolle Evolution nicht gewartet hat, bis die Menschen die moralischen Prinzipien erfunden haben, um moralisches Handeln, moralisches Wirken der Welt mitzuteilen. Deshalb müssen wir sagen: Es ist eben zunächst, wenn wir absehen von den unmoralischen Handlungen, deren Grund wir noch im Laufe dieser Vorträge kennen lernen werden, doch etwas vorhanden, was als ein göttliches Erbteil in der menschlichen Seele liegt, gegeben als ursprüngliche Moralität, die man nennen könnte instinktive Moralität, und die es der Menschheit schon möglich macht zu warten, bis die moralischen Prinzipien ergründet werden können.
[ 8 ] Aber es ist vielleicht ganz unnötig, sich viel Sorge zu machen wegen der Ergründung der moralischen Prinzipien. Könnte man denn nicht vielleicht sagen, daß es am besten sei, wenn die Menschen sich ihren ursprünglichen moralischen Instinkten überlassen und sich nicht verwirren durch theoretische Auseinandersetzungen über die Moral? Daß auch dieses nicht der Fall ist, das sollen gerade diese Vorträge zeigen; sie sollen zeigen, daß wir zum mindesten in demjenigen Menschheitszyklus, in dem wir uns gegenwärtig befinden, theosophische Moral suchen müssen, daß theosophische Moral eine Aufgabe sein muß, welche sich ergibt als eine Frucht unseres gesamten theosophischen Strebens und unserer theosophischen Wissenschaft.
[ 9 ] Ein neuzeitlicher Philosoph, der gewiß auch im Norden nicht unbekannte Schopenhauer, hat neben manchem recht Irrtümlichen, das seine Philosophie enthält, einen sehr richtigen Satz ausgesprochen gerade in bezug auf die Prinzipien der Moral, nämlich: Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer. Recht wahr ist dieser Ausspruch, denn es gibt eigentlich kaum etwas Leichteres, als in einer Weise, die zu den allernächsten Prinzipien des menschlichen Fühlens und Empfindens geht, auszusagen, was der Mensch tun oder lassen soll, damit er ein guter Mensch sei. Zwar beleidigt es sogar manche Seele, wenn behauptet wird, daß das leicht sei. Aber es ist einmal leicht, und derjenige, der das Leben, der die Welt kennt, wird auch nicht bezweifeln, daß wohl kaum über irgend etwas so viel gesprochen worden ist als über die richtigen Grundsätze des sittlichen Handelns. Und insbesondere das eine ist auch wahr, daß man im Grunde genommen die allermeiste Zustimmung bei seinen Mitmenschen findet, wenn man von diesen allgemeinen Grundsätzen sittlichen Handelns spricht. Es tut so wohl, möchte man sagen, den zuhörenden Gemürern und man fühlt so sehr, daß man da unbedingt übereinstimmen kann mit dem, was der Redner sagt, wenn er die allerallgemeinsten Grundsätze moralischen Verhaltens des Menschen vorbringt.
[ 10 ] Aber mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten ist noch keine Moral begründet. Wirklich nicht. Wenn nämlich mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten Moral überhaupt begründet werden könnte, dann gäbe es heute sicherlich keine unmoralischen Handlungen mehr; dann müßte die ganze Menschheit von moralischen Handlungen, man möchte schon sagen, nur so triefen, denn es hat ja jeder ganz zweifellos oft und oft und immer wieder Gelegenheit gehabt, die schönsten moralischen Grundsätze zu hören, insbesondere deshalb zu hören, weil sie so gern gepredigt werden. Aber zu wissen, was man tun soll, was das moralisch Richtige ist, das ist das Allerwenigste auf moralischem Boden. Das Allerwichtigste auf moralischem Boden dagegen ist, daß in uns Impulse leben können, welche durch ihre innere Stärke, ihre innere Gewalt in moralische Handlungen sich umsetzen, welche also nach außen hin moralisch sich ausleben. Das tun bekanntlich moralische Predigten oder die Resultate moralischer Predigten durchaus nicht. Das aber heißt Moral begründen, wenn der Mensch hingeführt wird zu den Quellen, aus denen er jene Impulse nehmen muß, aus denen ihm die Kräfte zuteil werden, die zum moralischen Handeln führen.
[ 11 ] Wie schwer diese Kräfte zu finden sind, das zeigt uns die einfache Tatsache, daß es eigentlich wirklich unzählige Male versucht worden ist, von philosophischer Seite zum Beispiel eine Ethik, eine Moral zu begründen. Wieviel verschiedene Antworten gibt es nicht in der Welt auf die Frage: Was ist das Gute? oder: Was ist die Tugend? Schreiben Sie sich einmal zusammen, was gesagt haben die Philosophen, von Plato und Aristoteles angefangen, durch die Epikuräer, die Stoiker, die Neuplatoniker, die ganze Reihe herauf bis in die neuzeitlichen philosophischen Anschauungen hinein; schreiben Sie sich einmal all das zusammen, was da gesagt worden ist, ich will nur sagen von Plato bis Herbert Spencer, über die Natur und das Wesen des Guten und der Tugend, und Sie werden sehen, wieviel verschiedene Ansätze gemacht worden sind, um zu den Quellen des moralischen Lebens, zu den Quellen der moralischen Impulse vorzudringen.
[ 12 ] Die Vorträge, die ich hier halten will, sollen Ihnen zeigen, daß in der Tat erst die okkulte Vertiefung des Lebens, das Eindringen in die okkulten Geheimnisse des Lebens es möglich macht, nicht bloß zu moralischen Lehren, sondern zu moralischen Impulsen, zu den moralischen Quellen des Lebens vorzudringen.
[ 13 ] Da allerdings zeigt uns ein einziger Blick, daß dies Moralische in der Welt durchaus nicht immer so einfach sich darlebt, als man von einem gewissen bequemen Standpunkte aus glauben möchte. Lassen wir für einige Zeit dasjenige, was man heute unter dem Moralischen anspricht, zunächst außer acht und betrachten wir das Leben der Menschen einmal auf solchen Gebieten, auf denen wir vielleicht für eine moralische Lebensanschauung viel gewinnen können.
[ 14 ] Unter den mancherlei Dingen, die uns der Okkultismus schon gebracht hat, wird die Erkenntnis, daß bei den verschiedenen Völkern in den verschiedenen Erdgebieten die mannigfaltigsten Anschauungen, die mannigfaltigsten Impulse sich geltend gemacht haben, nicht das Geringste sein. Vergleichen wir einmal zwei zunächst weit voneinander abstehende Menschheitsgebiete. Gehen wir zurück in das ehrwürdige Leben des alten Indiens und betrachten wir, wie es sich nach und nach entwickelt hat bis in die neuesten Zeiten herauf; denn Sie wissen ja, für keines der Gebiete des eigentlichen Lebens auf der Erde, die uns bekannt sind, gilt in so hohem Maße wie für Indien die Tatsache, daß dasjenige, was Charakteristikum uralter Zeiten war, sich erhalten hat bis in die neuesten Zeiten herauf. Für kein Gebiet gilt das mehr als für das Leben innerhalb der indischen und einiger anderen asiatischen Kulturen. Bis in die neuesten Zeiten herauf haben sich die Gefühle, die Empfindungen, die Gedanken, die Anschauungen erhalten, die wir schon finden in diesen Volksgebieten in ururalten Zeiten. Das ist das Eindrucksvolle, daß sich in diesen Kulturen erhalten hat ein Abglanz uralter Zeiten, daß, wenn wir das betrachten, was sich bis in unsere Zeit herein erhalten hat, wir sozusagen in die alten Zeiten zugleich hineinschauen.
[ 15 ] Nun kommen wir aber mit konkreten, bestimmten Volksgebieten nicht weit, wenn wir etwa von vornherein nur unseren eigenen moralischen Maßstab anlegen. Deshalb wollen wir heute das, was man über die moralischen Dinge dieser Zeiten sagen könnte, zunächst ausgeschlossen sein lassen und nur fragen: Was hat sich herausgebildet aus diesen charakteristischen Eigentümlichkeiten der uralten, ehrwürdigen indischen Kultur?
[ 16 ] Zunächst finden wir da, aufs höchste verehrt, aufs höchste geheiligt, dasjenige, was man nennen kann die Andacht, die Hingabe an das Geistige. Und um so mehr geheiligt und gewürdigt finden wir diese Hingabe an das Geistige, je mehr der Mensch in der Lage ist, in sich selbst Einkehr zu halten, still in sich zu leben und das Beste, was in ihm ist, abgesehen von aller Wirksamkeit in der äußeren Welt, abgesehen von allem, was der Mensch sein kann auf dem physischen Plane, hinzulenken zu den Urgründen der geistigen Welten. Als höchste Pflicht sehen wir diese andächtige Hinlenkung der Seele zu den Urgründen des Daseins bei denjenigen, welche zur obersten Kaste des indischen Lebens gehört haben oder gehören, bei den Brahminen. Alles, was sie tun, alle ihre Impulse sind hingeordnet nach dieser Andacht; und es gibt nichts, was das sittliche Empfinden und Fühlen dieser Menschen tiefer beeindruckt, als diese Hinlenkung nach dem Göttlich-Geistigen in einer alles Physische vergessenden Andacht, in einer intensiv tiefen Selbstbeobachtung und Selbstentäußerung. Und wie das sittliche Leben dieser Menschen von dem eben Bezeichneten durchdrungen wird, das können Sie aus der anderen Tatsache ersehen, daß diejenigen, welche, namentlich in älteren Zeiten, anderen Kasten angehört haben, es als selbstverständlich ansehen, daß die Kaste der Andacht, die Kaste des religiösen und rituellen Lebens als etwas Ehrwürdiges und Ausgesondertes betrachtet wird. So war das ganze Leben durchzogen von diesen eben charakterisierten Impulsen der Hinlenkung auf das Göttlich-Geistige. Das ganze Leben stand in dem Dienste dieser Hinlenkung, und mit allgemeinen Moralprinzipien, die irgendeine Philosophie begründet, kann man das nicht verstehen, um was es sich hier handelt. Man kann es nicht verstehen aus dem Grunde, weil in den Zeiten, in denen im alten Indien sich diese Dinge entwickelt haben, sie zunächst bei anderen Völkern unmöglich gewesen sind. Diese Impulse brauchten das Temperament, den Grundcharakter gerade dieses Volkes, damit sie sich in dieser Intensität entwickeln konnten. Dann gingen sie im Verlaufe der äußeren Kulturströmung von da aus und verbreiteten sich über die übrige Erde hin. Wenn wir das, was unter dem Göttlich-Geistigen gemeint ist, verstehen wollen, so müssen wir zu dieser Urquelle gehen.
[ 17 ] Und jetzt wenden wir den Blick weg von diesem Volkstum und wenden ihn zu einem anderen. Wenden wir ihn nach dem europäischen Gebiete. Lenken wir den Blick zu den europäischen Völkern in den Zeiten, als noch nicht das Christentum eingedrungen war in die europäische Kultur, als es eben anfing einzudringen. Ihnen allen ist bekannt, daß gleichsam dem Christentum, das von Osten und Süden her nach Europa eindrang, sich entgegenlegte das europäische Volkstum mit ganz bestimmten Impulsen, mit ganz bestimmten inneren Werten und Kräften. Und wer die Geschichte der Einführung des Christentums in Europa, in Mitteleuropa und auch hier im Norden, studiert, namentlich wer sie mit okkulten Mitteln studiert, der weiß, was es auf dem einen oder anderen Gebiete gekostet hat, um mit diesem oder jenem christlichen Impulse den Ausgleich zu finden mit dem, was von Nord- und Mitteleuropa dem Christentum entgegengebracht worden ist.
[ 18 ] Und fragen wir jetzt, wie wir gefragt haben beim indischen Volkstum, welches die hervorragendsten sittlichen Impulse waren, was da von den Völkern, deren Nachkommen die gegenwärtige europäische Bevölkerung namentlich des Nordens, Mitteleuropas und Englands ist, als moralisch Gutes, als moralisches Erbstück entgegengebracht worden ist dem Christentum. Wir brauchen nur eine einzige der Haupttugenden zu nennen, und sogleich wissen wir, daß wir etwas recht Charakteristisches für diese nordische Bevölkerung, für die mitteleuropäische Bevölkerung sagen. Wir brauchen nur das Wort Tapferkeit, Starkmut zu sagen, das Eintreten mit der ganzen persönlichen Menschenkraft, um in der physischen Welt zu verwirklichen, was der Mensch aus seinen innersten Impulsen heraus wollen kann, dann haben wir die allerhauptsächlichsten Tugenden genannt, die entgegengebracht wurden von den Europäern dem Christentum. Und die anderen Tugenden sind im Grunde genommen — wir finden dieses um so mehr, je weiter wir in die alten Zeiten zurückgehen — die Folgen dieser Tugenden.
[ 19 ] Betrachten wir den eigentlichen Starkmut, die eigentliche Tapferkeit nach einigen ihrer Grundeigenschaften, so finden wir, daß sie besteht aus einer inneren Lebensfülle, die ausgeben kann. Das ist es, was uns in alten Zeiten, gerade bei den europäischen Völkern am meisten auffällt. Solch ein Mensch, wie er der alten europäischen Bevölkerung angehört, hat in sich mehr, als er für seinen persönlichen Gebrauch bedarf. Aber er gibt aus das Mehr, weil er den Impuls dazu hat, das auszugeben. Er folgt ganz instinktiv dem Impulse, das, was er zuviel hat, auszugeben. Man möchte sagen: Mit nichts mehr war der alte europäische Norden verschwenderischer als mit seinem moralischen Überfluß, mit seiner Tüchtigkeit, seiner Tauglichkeit, Lebensimpulse in den physischen Plan hinausströmen zu lassen. Es war wirklich so, wie wenn die Menschen der europäischen Urzeit, jeder einzelne, mitbekommen hätte eine ganz bestimmte Fülle von Kraft, die mehr bedeutete, als der Mensch für seinen persönlichen Gebrauch bedurfte, von der er ausströmen hat können, mit der er verschwenderisch hat sein können, die er hat verwenden können zu seinen kriegerischen Taten, zu den Taten jener uralten Tugend, welcher die neuere Zeit unter den Untugenden zu nennenden menschlichen Eigenschaften einen Platz gegeben hat; die er verwendet hat zum Beispiel zu dem, was man bezeichnet hat als Großmut. Handeln aus Großmut, das ist wieder etwas, was so charakteristisch ist für die uralte europäische Bevölkerung, wie charakteristisch ist das Handeln aus Andacht für die uralt indische Bevölkerung.
[ 20 ] Mit Prinzipien, mit theoretischen Moralgrundsätzen hätte man der europäischen Bevölkerung der Urzeiten nicht dienen können, denn sie hätte wenig Verständnis dafür bewiesen. Einem Menschen der europäischen Urzeit moralische Predigten zu halten, das wäre so gewesen, wie wenn man einem Menschen, der das Rechnen nicht liebt, den Rat geben wollte, er solle mit aller Präzision aufschreiben seine Einnahmen und Ausgaben. Wenn er das nicht liebt, dann bedarf es nur des einzigen Umstandes, daß er das Aufschreiben nicht nötig hat, daß er also genug besitzt, um ausgeben zu können. Dann kann er das sorgfältige Rechnungführen vermeiden, wenn er einen unerschöpflichen Quell hat. Es ist ein nicht unerheblicher Umstand, er gilt theoretisch durchaus mit Beziehung auf das, was der Mensch für das Leben wert hält, mit Beziehung auf die persönliche Tüchtigkeit, auf das persönliche Eintreten. Für die Einrichtung der Welt gilt das von den moralischen Gefühlen der alten europäischen Bevölkerungen. Jeder hatte sozusagen sein göttliches Erbstück mitbekommen, fühlte sich voll davon und gab aus, gab aus im Dienste des Stammes, im Dienste der Familie, im Dienste auch größerer Volkszusammenhänge. So wurde gewirkt, so wurde gewirtschaftet, so wurde gearbeitet.
[ 21 ] Nun haben wir hier zwei Menschheitsgebiete bezeichnet, die recht sehr voneinander verschieden sind, denn das Andachtsgefühl, wie es beim Indier zu Hause war, das fehlte der europäischen Bevölkerung absolut. Deshalb war es dem Christentum so schwer, dieses Andachtsgefühl der europäischen Bevölkerung zu bringen. Ganz andere Voraussetzungen waren da.
[ 22 ] Und nun, nachdem wir diese Dinge vor unsere Augen hingestellt haben, fragen wir uns einmal, abgesehen von allen Einwendungen eines moralischen Begriffs, nach dem moralischen Effekt. Da bedarf es nicht vieler Überlegung, um zu wissen, daß dieser moralische Effekt da, wo die beiden Weltanschauungen und Gesinnungsrichtungen in ihrer reinsten Form sich getroffen haben, ein unendlich großer war. Unendliches ist der Welt gegeben worden durch dasjenige, was nur hat errungen werden können dadurch, daß ein Volkstum vorhanden war wie das alte indische, mit der Hinordnung alles Empfindens nach der Andacht, mit der Hinlenkung zum Höchsten. Aber Unendliches ist auch der Welt gegeben worden, das könnte man mit Einzelheiten belegen, durch das, was die Tapferkeit, der Starkmut der europäischen Menschen der älteren vorchristlichen Zeit bewirken sollte. Beide Dinge mußten zusammenwirken, und beide Dinge gaben den moralischen Effekt, von dem wir sehen werden, wie er heute noch fortwirkt und wie er heute nicht nur einem Teile der Menschheit, sondern der ganzen Menschheit von beiden Seiten zugute gekommen ist, wie er lebt in allem, was die Menschheit als Höchstes betrachtet, sowohl der Effekt aus dem Indiertum als auch der Effekt aus dem uralten Germanentum.
[ 23 ] Können wir so ohne weiteres nun sagen, dasjenige, was diesen moralischen Effekt für die Menschheit hat, sei das Gute? Das dürfen wir ohne Zweifel sagen. In beiden Kulturströmungen muß es das Gute sein, und es muß irgendein Ding sein, was wir als das Gute bezeichnen können. Aber wenn wir sagen sollen: Was ist das Gute? so stehen wir wieder vor einer Rätselfrage. Was ist das Gute, das gewirkt hat in dem einen und in dem anderen Falle?
[ 24 ] Ich möchte Ihnen nicht moralische Predigten halten, denn das betrachte ich nicht als meine Aufgabe. Ich betrachte es vielmehr als meine Aufgabe, die Tatsachen Ihnen vorzuführen, welche zu einer theosophischen Moral führen. Daher habe ich Ihnen zunächst zwei Systeme bekannter Tatsachen angeführt, von denen ich nichts anderes zu berücksichtigen bitte, als daß die Tatsache der Andacht und die Tatsache der Starkmut moralische Effekte für die Kulturentwickelung der Menschheit haben.
[ 25 ] Nun wenden wir den Blick zu noch anderen Zeiten. Sie werden, wenn Sie unser gegenwärtiges Leben mit seinen sittlichen Impulsen in Betracht ziehen, sich selbstverständlich sagen: Wir können heute nicht so sein, wenigstens nicht in Europa, wie das reinste Ideal des Indiertums es erfordert, denn man kann nicht europäische Kultur mit indischer Andacht pflegen. Aber ebensowenig wäre es möglich, dasjenige, was heute unsere Kultur ist, mit der alten, aufs höchste zu preisenden Starkmut-Tugend der europäischen Bevölkerung zu erreichen. Und ohne weiteres zeigt sich uns, daß in den Tiefen der moralischen Empfindung der europäischen Bevölkerung noch etwas anderes liegt. Wir müssen also noch etwas anderes aufsuchen, um beantworten zu können die Frage: Was ist das Gute? Was ist die Tugend?
[ 26 ] Ich habe öfter darauf hingewiesen, daß wir zu unterscheiden haben diejenige Epoche, die wir den griechisch-lateinischen, den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum nennen, und diejenige, die wir nennen den fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir gegenwärtig leben. Eigentlich soll das, was ich zu sagen habe in bezug auf das moralische Wesen, die Entstehung des fünften nachatlantischen Kulturzeitraums charakterisieren. Beginnen wir mit einer Sache, die Sie zunächst für anfechtbar halten können, da sie aus der Welt der Dichtung, der Welt der Sage genommen ist. Aber sie ist doch bezeichnend für die Art und Weise, wie neue moralische Impulse wirksam geworden sind, wie sie hineingeflossen sind in die Menschen, als nach und nach die Entwickelung unseres fünften nachatlantischen Kulturzeitraums einsetzte,
[ 27 ] Es gab einen Dichter, der gelebt hat Ende des zwölften und Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Er starb im Jahre 1213 und heißt Hartmann von Aue. Dieser Dichter hat ganz aus der Denkweise und den Tatsachen der damaligen Zeit heraus seine bedeutendste Dichtung geschaffen, und zwar aus der Anschauung heraus, die dazumal im Volke überall gelebt hat: die Dichtung «Der arme Heinrich». Diese Dichtung drückt im eminentesten Sinne aus, wie man in gewissen Kreisen und Volksgebieten dazumal über gewisse moralische Impulse dachte. In dieser Dichtung ist folgendes enthalten: Da lebte der arme Heinrich als ein reicher Ritter, denn ursprünglich war er kein armer Heinrich, sondern ein wohlbestallter Rittersmann, der aber außer acht ließ, daß die sinnenfälligen Dinge des physischen Planes hinfällig, vergänglich sind, der also in den Tag hineinlebte und dadurch sich so schnell als möglich schlimmes Karma schaffte. Daher wird er befallen von dem, was man damals nannte die Miselsucht, eine Art Aussatz, und da er zu den berühmtesten Ärzten der ganzen damaligen Welt geht und keiner ihm helfen kann, so gibt er sein Leben verloren und verkauft seine Güter. Unter die Menschen konnte er mit seiner Krankheit nicht gehen. Er lebte daher abseits von ihnen einsam auf einem Meierhofe, treu gepflegt von einem alten ergebenen Diener, der den Wirtschaftshof führte, und dessen Tochter. Eines Tages wird der Tochter und überhaupt der Familie des ganzen Wirtschaftshofes die Kunde zuteil, daß nur eines helfen kann dem Ritter, der dieses Schicksal hat. Kein Arzt, keine Arznei kann ihm helfen, nur wenn eine reine Jungfrau in Liebe ihr Leben für ihn opfert, sollte eine Gesundung wieder möglich sein. Trotz aller Ermahnungen der Eltern und des Ritters Heinrich selber kommt etwas über die Tochter, das sie glauben macht, daß sie es wäre, die sich opfern müsse. Da begibt sich die Tochter nach Salerno, der berühmtesten medizinischen Schule der damaligen Zeit. Nicht schreckt sie zurück vor dem, was die Ärzte von ihr verlangen. Sie ist bereit, ihr Leben zu opfern. Der Ritter läßt es aber nicht so weit kommen, er verhindert es und zieht mit ihr nach Hause. Aber die Dichtung erzählt uns, daß der Ritter, als er nach Hause kam, wirklich nach und nach gesund zu werden begann und daß er dann mit derjenigen, die seine Erlöserin hat werden wollen, noch lange Zeit lebte und einen glücklichen Lebensabend hatte.
[ 28 ] Ja, Sie können sagen: Zunächst ist das eine Dichtung, und wir brauchen nicht wörtlich an die Tatsachen, die da mitgeteilt sind, zu glauben. Aber die Sache wird schon anders, wenn wir das, was Hartmann von Aue, der mittelalterliche Dichter, dazumal in seinem «Armen Heinrich» gedichtet hat, vergleichen mit etwas, was wirklich geschehen ist, wie wir gut wissen, mit dem Leben eines Ihnen wohlbekannten Menschen und den Taten desselben. Ich meine, wenn wir das, was darstellen hat wollen Hartmann von Aue, vergleichen mit dem Leben des damals in Italien lebenden, im Jahre 1182 geborenen Franz von Assisi.
[ 29 ] Nun lassen wir einmal, um zu charakterisieren, was da, wie konzentriert in der einen Persönlichkeit des Franz von Assisi, an Moralisch-Persönlichem vor sich geht, die Sache so vor unserer Seele vorüberziehen, wie sie sich dem Okkultisten darstellt, selbst wenn wir für närrisch und abergläubisch gehalten werden sollten. Nehmen wir die Dinge ernst, weil sie in jener Übergangszeit auch so ernst gewirkt haben.
[ 30 ] Wir wissen, daß Franz von Assisi der Sohn des italienischen, in Frankreich viel herumreisenden und Geschäfte treibenden Kaufmanns Bernardone und seiner Frau war. Wir wissen auch, daß der Vater des Franz von Assisi ein auf äußerliches Ansehen viel gebender Mensch war. Die Mutter war eine den frommen "Tugenden und feinen Charaktereigenschaften des Herzens zugängliche, andächtige, ihren religiösen Empfindungen lebende Frau. Die Dinge, die nun umspielen in Form von Sagen die Geburt des Franz von Assisi und sein Leben, entsprechen durchaus okkulten Tatsachen. Wenn auch okkulte Tatsachen häufig von der Geschichte in Bilder und Legenden gehüllt werden, so entsprechen diese Legenden aber doch okkulten Tatsachen. So ist es durchaus wahr, daß einer ganzen Anzahl von Personen, bevor Franz von Assisi geboren wurde, wie eine visionäre Offenbarung, wie ein Wissen, eine Erkenntnis zugekommen ist, daß eine wichtige Persönlichkeit werde geboren werden. Herausgehoben ist von der äußeren Geschichte aus der großen Anzahl von Personen, die das geträumt haben, das heißt die in prophetischer Vision gesehen haben, daß eine wichtige Persönlichkeit geboren werden wird, herausgehoben ist da die heilige Hildegard. — Ich betone hier nochmals die Wahrheit der aus den Erforschungen der Akasha-Chronik zu rechtfertigenden Tatsachen. — Sie träumte, daß ihr erschien ein Weib mit einem zerschundenen, blutüberströmten Antlitz und daß dieses Weib zu ihr sagte: Die Vögel haben ihre Nester hier auf der Erde, die Füchse haben ihre Höhlen auf der Erde, ich aber habe in der Gegenwart nichts, nicht einmal einen Stab, auf den ich mich stützen kann. Als Hildegard erwachte von diesem Traume, da wußte sie, daß die wahre Gestalt des Christentums mit dieser Persönlichkeit gemeint ist. Und so träumten noch viele andere Persönlichkeiten. Diese Persönlichkeiten sahen dazumal aus dem, was sie wissen konnten, daß die äußere Einrichtung und Institution der Kirche nicht ein Behälter, eine Hülle für das wirkliche Christentum sein konnte. Das sahen sie ein.
[ 31 ] Ein Pilger, wieder haben wir eine wahre Tatsache vor uns, kehrte einstmals, als der Vater des Franz von Assisi in Handelsgeschäften in Frankreich war, in dem Hause von Donna Pica, der Mutter des Franz von Assisi, ein und sagte ihr direkt: In diesem Hause, wo Überfluß ist, darfst du das Kind, das du erwartest, nicht zur Welt bringen! Du mußt es gebären im Stalle, denn es muß liegen auf Stroh, um seinem Meister nachzufolgen ! Diese Aufforderung ist wirklich an die Mutter des Franz von Assisi ergangen, und es ist keine Legende, sondern Wahrheit, daß die Mutter, weil der Vater auf Geschäftsreisen in Frankreich war, dieses auch ausführen konnte, so daß die Geburt des Franz von Assisi sichtatsächlich im Stalle und auf Stroh vollzogen hat.
[ 32 ] Und auch das andere ist wahr: In den keineswegs so bevölkerten Ort kam, nachdem das Kind einige Zeit alt war, ein sonderbarer Mensch, ein Mann, der niemals vorher gesehen worden war und niemals später in dem Orte wiedergesehen wurde. Er zog wiederholt durch die Straßen und sagte: Ein wichtiger Mensch ist in dieser Stadt geboren worden. In jener Zeit haben die Leute, die noch ein gutes visionäres Leben führen konnten, auch Glocken läuten gehört während der Geburt des Franz von Assisi.
[ 33 ] Eine ganze Reihe von Erscheinungen könnte noch angeführt werden. Wir begnügen uns aber mit diesen, die nur dazu angeführt werden, um zu zeigen, wie bedeutsam alles aus der geistigen Welt heraus konzentriert war gegenüber der Erscheinung einer einzelnen Persönlichkeit der damaligen Zeit. Besonders interessant wird uns das alles, wenn wir noch etwas anderes betrachten. Die Mutter hatte den besonderen Gedanken: Johannes soll das Kind heißen. Daher wurde ihm auch der Name Johannes beigelegt. Erst als der Vater von Frankreich zurückkam, gab er, aus seiner Gesinnung heraus, weil er gute Geschäfte dort gemacht hatte, seinem Sohn den Namen Franziskus. Ursprünglich hieß das Kind aber Johannes.
[ 34 ] Nun brauchen wir nur einzelnes hervorzuheben aus dem Leben dieses sonderbaren Menschen, vor allen Dingen seine Jugendzeit. Was tritt uns in Franz von Assisi für ein Mensch entgegen, wenn wir ihn als Knaben betrachten ? Es tritt uns, wie uns das bei den vielen Völkermischungen nach den Einwanderungen von Norden her nicht aufzufallen braucht, ein Mensch entgegen, der sich ausnimmt wie ein Nachkomme des alten germanischen Rittertums. Tapfer, kriegerisch, von dem Ideale erfüllt, mit den Kriegswaffen Ruhm und Ehre zu erwerben, das war es, was sich wie ein Erbstück bei ihm ergab, was wie eine Rasseneigenschaft in der einzelnen Persönlichkeit des Franz von Assisi vorhanden war. Mehr äußerlich, möchte man sagen, treten bei ihm diejenigen Eigenschaften auf, die in einer mehr seelischen, herzhaften Art im alten Germanentum da waren; denn nichts anderes wurde da Franz von Assisi als das, was man einen Verschwender nennt. Verschwenderisch verfuhr er mit den reichen Gütern des Vaters, des damaligen reichen Handelsherrn. Wohin er ging, die Güter, die Früchte der Arbeit seines Vaters, verschwendete er reichlich. Er hatte alle Hände voll übrig für alle seine Kameraden und seine Spielgenossen. Kein Wunder, daß er bei den kindlichen Kriegszügen von seinen Kameraden immer zum Anführer gewählt wurde und daß er dann so heranwuchs, daß man in ihm etwas sah wie einen richtigen kriegerischen Knaben. Als solcher war er auch in der ganzen Stadt bekannt. Zwischen den Knaben der Ortschaften Assisi und Perugia gab es allerlei Streitigkeiten. Daran nahm er nun auch Anteil, und es ereignete sich, daß er mit seinen Kameraden gefangen genommen und gefangen gehalten wurde. Er war es nun, der nicht nur die Gefangenschaft ritterlich ertrug, sondern auch alle anderen aufmunterte, auszuhalten in ritterlicher Weise, bis sie nach einem Jahre wieder nach Hause gehen konnten. Und als ein im Dienste der Ritterlichkeit notwendiger Kriegszug gegen Neapel unternommen werden sollte, da ereignete es sich, daß diesem jungen Menschen eine Traumvision erschien. Er sah einen großen Palast. Darinnen waren überall Schilder und Waffen. Er sah etwas von einem Gebäude, in welchem überall Stücke von Waffen aufbewahrt waren. Diesen Traum hatte er, der nur allerlei Tuche im Geschäfte und im Hause seines Vaters gesehen hatte. Er sagte sich daher: Das ist die Aufforderung an dich, ein Kriegsmann zu werden! und er entschloß sich daraufhin, sich dem Kriegszuge gegen Neapel anzuschließen. Schon auf dem Hinwege, und noch mehr als er sich dem Kriegszuge angeschlossen hatte, bekam er spirituelle Eindrücke, spirituelle Impressionen. Er hörte etwas wie eine Stimme, die sprach: Nun gehe nicht weiter, du hast das für dich bedeutsame Traumbild falsch gedeutet. Gehe zurück nach Assisi, und du wirst vernehmen, wie du es richtig zu deuten hast.
[ 35 ] Er folgte diesen Worten, ging zurück nach Assisi, und siehe da, er hatte etwas wie ein inneres Zwiegespräch mit einem Wesen, das spirituell zu ihm sprach und ihm sagte: Nicht im äußeren Dienst hast du zu suchen deine Ritterschaft. Du bist bestimmt, alle Kräfte, welche du anwenden kannst, umzugestalten zu Kräften des Seelischen, umzugestalten als Waffen, die du seelisch gebrauchen sollst. Alle Waffen, die dir erschienen sind im Palaste, bedeuten dir seelisch-geistige Waffen des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe. Alle Schilder bedeuten dir die Vernunft, die du anzuwenden hast, um festzustehen gegenüber den Mühsalen eines in Erbarmen, Mitleid und Liebe zugebrachten Lebens. — Nachher folgte eine kurze, wenn auch nicht ungefährliche Krankheit, von der er aber genas. Danach ergab sich für ihn etwas wie eine Rückschau auf das ganze frühere Leben, in der er mehrere Tage lebte. Wie umgeschmiedet war der ganze Rittersmann, der in seinen kühnsten Träumen sich nur danach gesehnt hatte, ein Kriegsheld zu werden, zu einem Manne, der nun alle moralischen Impulse des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe bis in das letzte hinein suchte. Alle Kräfte, die er im Dienste des physischen Planes verwenden wollte, waren umgewandelt zu moralischen Impulsen des inneren Lebens.
[ 36 ] Da sehen wir, wie gewissermaßen in einer einzelnen Persönlichkeit ein moralischer Impuls ausgelöst wird. Es ist nicht bedeutungslos, daß wir gerade einen großen moralischen Impuls betrachten, denn wenn auch der einzelne nicht immer zu den höchsten Höhen der moralischen Impulse sich aufschwingen kann, lernen kann man von ihnen doch nur da, wo die Impulse sich radikal aussprechen und wo wir sie wirken sehen in ihrer größten Macht. Gerade wenn wir unsere Aufmerksamkeit richten auf das Radikale, und das Kleine in dem Lichte betrachten, das uns aus dem Radikalen, dem Großen erscheint, kommen wir zu einer richtigen Anschauung über die moralischen Impulse des Lebens.
[ 37 ] Aber, was ist nun mit Franz von Assisi geschehen? Es ist unnötig, die Kämpfe auseinanderzusetzen, die er mit seinem Vater gehabt hat, als er zu einer ganz anderen Art, zu einer ganz anderen Methode der Verschwendung überging. Die Verschwendung, bei der auch das Haus des Vaters zur Geltung kam, weil es durch diese Verschwendung des Sohnes zur Berühmtheit und zum Ansehen gekommen war, die verstand der Vater noch; nicht aber verstand er, daß der Sohn nach seiner Umwandlung seine besten Kleider von sich warf bis auf das Notwendigste und sie dem gab, der sie brauchte. Er konnte es nicht begreifen, als seinen Sohn die Anwandlung überkam, in der er sich sagte: Merkwürdig, wie wenig geachtet diejenigen sind, durch welche die christlichen Impulse im Abendlande so Großes erhalten haben. Danach pilgerte Franz von Assisi nach Rom und eine große Summe Geldes legte er nieder an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus. Diese Dinge verstand der Vater nicht. Ich brauche nicht zu schildern die Kämpfe, die es da gab, ich brauche nur anzudeuten, daß sich für Franz von Assisi darin zusammengedrängt haben die ganzen moralischen Impulse. Die so zusammengedrängten Impulse hatten dann in Seelisches umgewandelt die Tapferkeit. Sie hatten sich so entwickelt, daß sie eine besondere Verstärkung erfuhren in den Meditationen und ihm erschienen als das Kreuz mit dem Crucifixus daran. In diesen Zuständen fühlte er eine innere, persönliche Beziehung zu dem Kreuze und zu dem Christus, und davon kamen ihm dann die Kräfte, durch die er so ins Unermeßliche steigern konnte die moralischen Impulse, die ihn jetzt durchströmten.
[ 38 ] Eine merkwürdige Verwertung fand er für das, was jetzt in ihm sich entwickelte. In der damaligen Zeit waren nämlich die Schrecken des Aussatzes tatsächlich über viele europäische Länder hereingebrochen. Das äußere Kirchenbekenntnis fand für diese Aussätzigen, die damals so zahlreich waren, eine merkwürdige Art von Heilungsprozeß. Es ließ nämlich der Priester diese Aussätzigen zu sich kommen und sagte dann zu ihnen: Du bist nun einmal mit dieser Krankheit geschlagen in diesem Leben; aber gerade dadurch, daß du jetzt für das Leben verloren bist, bist du für Gott gewonnen, du bist gottgeweiht. Dann aber wurde er hinausgeschickt in von Menschen entfernte Stätten, wo er in der angedeuteten Weise einsam und verlassen sein Leben beschließen mußte.
[ 39 ] Ich will keinen Tadel aussprechen über diese Kur. Man wußte keine andere, keine bessere. Aber Franz von Assisi wußte eine bessere. Und aus diesem Grunde wird es erwähnt, weil es uns aus den unmittelbaren Erfahrungen heraus leiten wird zu den moralischen Quellen. Sie werden schon sehen in den nächsten Tagen, warum wir diese Dinge durchnehmen. Nun, sie führten Franz von Assisi gerade dazu, alle die Aussätzigen überall aufzusuchen, nichts zu scheuen im Umgang mit diesen Leuten. Und tatsächlich, was nichts von all den Mitteln der damaligen Zeit heilen konnte, was notwendig machte, daß man die Leute aus der menschlichen Gesellschaft ausstieß, das heilte in zahlreichen Fällen Franz von Assisi, weil er sich an diese Leute heranmachte, allerdings mit den Kräften, die er hatte in seinen moralischen Impulsen, die ihn vor nichts zurückschrecken ließen, ihm vielmehr den Mut gaben, nicht nur sorgfältig zu reinigen die einzelnen wunden Stellen, die an solchen Menschen vorhanden waren, sondern mit den letzteren zu leben, sie intensiv zu pflegen, ja sie zu küssen und sie zu durchströmen mit seiner Liebe. — Es ist nicht bloß eine Dichtung, wie die Heilung des armen Heinrich durch die Tochter des treuen Dieners: es ist damit ausgedrückt, was in der damaligen Zeit in zahlreichen Fällen geschehen ist durch die historisch wohlbekannte Persönlichkeit des Franz von Assisi. Und legen Sie sich zurecht dasjenige, was da geschehen ist. Geschehen ist, daß in einem Menschen wie Franz von Assisi vorhanden war ein ungeheurer Fonds psychischen Lebens als etwas, was wir gefunden haben in der alten europäischen Bevölkerung als Starkmut und Tapferkeit, die sich umgewandelt haben in GeistigSeelisches und die hinterher geistig-seelisch gewirkt haben. Wie in den alten Zeiten das, was da gewirkt hatte als Großmut und Tapferkeit, zur persönlichen Verschwendung geführt hatte und sich noch bei Franz von Assisi in seiner jugendlichen Verschwendungssucht zeigte, so führte es ihn jetzt dazu, daß er ein Verschwender an moralischen Kräften wurde. Er strotzte von moralischer Kraft, und es ging in der Tat über dasjenige, was er in sich hatte, auf diejenigen, denen er seine Liebe zuwandte.
[ 40 ] Fühlen Sie ganz, daß darin eine Realität ist, eine ebensolche Realität, wie sie in der Luft ist, die wir einatmen und ohne die wir nicht leben können. Eine ebensolche Realität ist es, was durch alle Glieder des Franz von Assisi und von da in alle Herzen strömte, denen er sich widmete, denn Franz von Assisi verschwendete eine Fülle von Kräften, die von ihm ausströmten. Und es ist dieses etwas, was in das ganze, reife Leben von Europa ein- und zusammengeströmt ist, was sich in Seelisches verwandelt hat und so gleichsam gewirkt hat in der Wirklichkeit draußen.
[ 41 ] Versuchen Sie über diese Tatsachen, die vielleicht zunächst scheinbar nichts mit den aktuellen moralischen Fragen zu tun haben, nachzudenken. Versuchen Sie zu erfassen, was in dem liegt, was indische Andacht und nordischer Starkmut ist. Versuchen Sie die Heilwirkung solcher moralischen Kräfte, die von Franz von Assisi angewendet wurden, einmal zu überdenken. Dann werden wir morgen sprechen können über das, was reale moralische Impulse sind, und wir werden sehen, daß es nicht nur Worte, sondern Realitäten sind, die in der Seele schaffen und Moral begründen.
