Okkultes Lesen und okkultes Hören
GA 156
26 Dezember 1914, Dornach
Weihnachtsfeier I
[ 1 ] Mit scharfen Zügen wird sich vielen Seelen die Erinnerung gerade an dieses Weihnachtsfest einprägen, denn es ist wohl kaum ein schärferer Gemütskontrast zu denken als der, welcher sich ergibt, wenn wir unsere Seele erheben zu der Stimme, die den Hirten ertönte, darstellend einen ewigen Wahrspruch für alle menschliche Erhebung der nachchristlichen Zeit:
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind
[ 2 ] wenn wir unsere Seelen erheben zu dem «Friede den Menschen auf Erden» und die heutige Tatsache betrachten, dasjenige, was wir ausgebreitet finden über den Horizont eines großen Teiles der gebildeten Welt.
[ 3 ] Gerade um dieses Kontrastes willen wird ein lange in der Erinnerung bleibendes Wahrzeichen für die Menschenherzen der Erde das nun erlebte Weihnachtsfest sein. Können wir doch gewiß, wenn wir dasjenige wahren, was wir unaufhörlich zu wahren haben auf dem Felde unseres geisteswissenschaftlichen Denkens — innere Herzensaufrichtigkeit und innere Seelenwahrhaftigkeit —, können wir doch wahrlich dieses Weihnachtsfest nicht mit denselben Gefühlen begehen, wie wir andere Weihnachtsfeste begangen haben. Denn anregen muß es uns zu tiefem Nachdenken, anregen muß es uns ganz besonders zu dem, was sich uns aus unserer geisteswissenschaftlichen Vertiefung heraus als Idee für die Menschenzukunft ergibt, zu dem, was Menschenherzen zurückführen kann zu Zeiten, die der unsrigen nicht ähnlich sind.
[ 4 ] Wir haben im Laufe der Jahre gar manches in unsere Seele eingeschrieben, das uns hinweisen kann auf die Art von Seelenverfassung, welche solche Zeiten herbeiführte. Was ist es denn, wovon wir fühlen müssen, daß es auch noch der Gegenwart so sehr fehlt? Wenn wir dasjenige, was oftmals das Herz unserer Betrachtungen gebildet hat, uns vor das Seelenauge rufen, dann werden wir sehen: es fehlt in den Tiefen der menschlichen Seele doch noch die Wahrheitserkenntnis davon, was in die Welt gezogen ist an dem Tage, dessen Erinnerung wir in dieser Winterweihenacht jedes Jahr begehen.
[ 5 ] Das ganz Bedeutungsvolle, das ganz Tiefe, das geschehen ist in der Zeit, an die uns diese Winterweihenacht erinnert, es ist wahrhaftig nicht umsonst tief bedeutsam ausgedrückt in dem Sprüche, den die Erdenmenschheit ja auch, man möchte sagen, als den eindringlichsten angesehen hat, eben in dem Sprüche:
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
[ 6 ] Das Einfachste, es ist oftmals für die Menschenherzen das am schwersten Verständliche, und so einfach dieser Spruch uns erklingt, so tun wir doch recht, wenn wir uns immer klarer und klarer machen, daß alle kommenden Zeiten des Erdendaseins fähig sein werden, diesen Spruch gerade immer tiefer und tiefer zu verstehen, sich immer mehr und mehr in seine bedeutsamen Worte hineinzuleben.
[ 7 ] Nicht umsonst ist am populärsten geworden aus der geheimnisvollen Geschichte des Erscheinens des Christus Jesus auf Erden die Erscheinung des in der Weihnachtsweihenacht in das Erdenleben eintretenden Jesuskindes. Haben wir doch damit die Möglichkeit, etwas vor die Menschenseele hinzustellen, das liebevoll aufgenommen wird, auch von dem Herzen des noch kleinsten Kindes, sofern dieses Kind die äußeren Sinneseindrücke, wenn auch vielleicht noch nicht einmal mit Worten, empfangen kann — und das doch zugleich etwas ist, was so tief sich hineinsenkt in diejenigen Seelengründe, wo die Liebe am sanftesten und zugleich am stärksten wärmend den Menschen durchwellt.
[ 8 ] Wahrhaftig, die Erdenmenschheit ist noch nicht viel weiter als bei der kindlichen Auffassung des Christus Jesus-Geheimnisses, und Epoche über Epoche wird noch vergehen müssen, bis die Menschenseele wiederum jene Stärke gewinnt, durch welche sie die ganze Größe des beginnenden Mysteriums von Golgatha in sich aufzunehmen vermag. So sei denn dieses Mal nicht eine Weihnachtsbetrachtung wie in anderen Jahren angestellt, sondern einiges vor Ihre Seelen gebracht, das uns hinweisen kann darauf, wie manches uns noch fehlt von jener Tiefe, die notwendig ist, um das Mysterium von Golgatha so recht in unseren Seelen aufleuchten zu lassen.
[ 9 ] Wir haben gerade im Laufe des letzten Jahres öfter gesprochen davon, wie wir eigentlich auf unserem geisteswissenschaftlichen Boden nicht den Eintritt nur eines Jesuskindes, sondern zweier Jesuskinder zu feiern haben. Und es darf gesagt werden, daß damit, daß sich uns durch geisteswissenschaftliche Betrachtung dieses Geheimnis von den zwei Jesuskindern geoffenbart hat, der schwache Anfang gemacht worden ist zu einem neuen Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Langsam und allmählich nur konnte dieses Mysterium von Golgatha die Menschengemüter ergreifen. Wie es eingezogen ist in diese Menschengemüter, das kann sich vor unsere Seelen hinstellen, wenn wir zum Beispiel einen Blick darauf werfen, daß gewissermaRen dasjenige, was sich die heutige Christenmenschheit erkämpft hat in der Anschauung des Weihnachtskindes, sich durchringen mußte, von Osten nach Westen gehend, durch andere Auffassungen von einem göttlichen Mittler zwischen den höchsten göttlich-geistigen Wesenheiten und der menschlichen Seele.
[ 10 ] Auch darauf haben wir schon öfter den Blick geworfen, daß parallelgehend mit dem Strome christlichen Lebens von Osten nach Westen ein anderer Offenbarungsstrom ging, mehr im Norden, nordwärts vom Schwarzen Meer, der Donau entlang aufwärts bis zum Rhein herüber, bis nach Westeuropa hinein. Jener Dienst, den wir kennen als den Mithrasdienst, er ist verschwunden in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit. Aber in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechung hatte er in Europa ebenso viele Herzen ergriffen wie das Christentum selber, hatte sich tief eingeprägt und sich verbreitet in den Gegenden Mittel- und Osteuropas. Mithras erschien denen, die sich zu ihm bekannten, ebenso hehr und groß als der göttliche Mittler, der heruntergestiegen ist aus geistigen Höhen in das Erdendasein herein, wie den Christen der Christus erschien. Ebenso hören wir, wie das Hereintreten des Mithras in das Erdendasein in der Winterweihenacht des kürzesten Tages gefeiert worden ist; ebenso hören wir, daß er verborgen in einer Höhle geboren worden ist, daß Hirten zuerst seine Offenbarung hörten. Der Sonntag wurde ihm, ebenso wie andere christliche Festtage, geweiht.
[ 11 ] Und wenn wir fragen: Was ist das Charakteristische an dem Herabsteigen dieser Mithrasgestalt?, so müssen wir sagen: So wie der Christus vorgestellt wurde in dem Jesus, so konnte der Mithras nicht vorgestellt werden. Das Bewußtsein war vorhanden, daß, wenn man ihn äußerlich abbildete, eine bildhafte Vorstellung von ihm machte, daß man dann nur eine äußere symbolische Vorstellung habe. Denn der wahre Mithras war nur zu schauen von denen, die hellseherisches Schauen hatten. Zwar wurde er vorgestellt als Mittler zwischen den Geistern der höheren Hierarchien und der Menschenseele; aber nicht so wurde er vorgestellt, daß er sich in einem Menschen verkörpert habe. Vorgestellt wurde er als herabsteigend zur Erde, doch in seiner wahren Wesenhaftigkeit — nicht im Bilde, wo alle ihn sehen konnten, sondern in seiner wahren Wesenhaftigkeit — nur sichtbar für die Initiierten, für diejenigen, die hellseherisches Schauen hatten. Daß diejenige göttlich-geistige Wesenheit, die als Mittler vorzustellen ist zwischen den Geistern der höheren Hierarchien und der Menschenseele, in einem Erdenleibe selber sich verkörpert, diese Vorstellung war im Mithrasdienste noch nicht vorhanden. Denn der Mithrasdienst fußte noch darauf, daß altes primitives Hellsehen bei einer großen Anzahl von Menschen vorhanden war. |
[ 12 ] Wenn wir den Weg, den der Mithrasdienst von Osten nach Westen ging, untersuchen, so finden wir, wie unter den Menschen, die Mithrasdiener wurden, eine große Anzahl von solchen war, die selber schauen konnten in jenen Zwischenzuständen zwischen Schlafen und Wachen, wo die Seele nicht im Träumen, sondern in geistiger Wirklichkeit lebt, das wirkliche Herabsteigen des Mithras von Äon zu Äon, von Etappe zu Etappe, aus den geistigen Welten bis zur Erde hin. Und die andern wurden mitgerissen von diesen Sehern. Zeugnis ablegen konnten viele davon, daß den Menschen ein solcher Mittler, aber ein Mittler zu den geistigen Welten gegeben sei.
[ 13 ] Was man als Mithraskultus hatte, war eben eine äußere, mehr oder weniger bildhafte Darstellung dessen, was die Seher schauten. Was ist es eigentlich, was uns in diesem Mithrasdienst entgegentritt? Wir dürfen nicht glauben — das geht aus unserer ganzen Weltanschauung hervor —, daß von dem Christus erst etwas gewußt wird seit dem Mysterium von Golgatha. Als denjenigen Geist, der kommen wird für die Menschheit, haben ihn die Eingeweihten der Mysterien und deren Schüler auch in den vorchristlichen Zeiten wohl gekannt. Die Eingeweihten haben auf ihn hingewiesen als den hohen Sonnengeist, den sie von den geistigen Höhen herabkommend schauten, der sich der Erde nahte, um in der Erde seine Wohnung aufzuschlagen. Als den Künftigen, als den Kommenden haben sie ihn bezeichnet. Ste haben ihn gewußt im Geiste und haben ihn herabsteigend geschaut.
[ 14 ] Dann trat ein das Mysterium von Golgatha. Wir wissen, was es bedeutet. Wir wissen, daß durch dieses Mysterium von Golgatha der Geist, durch den die Erde ihren Sinn bekommen hat, in einen Menschenleib gezogen ist. Wir wissen, wie seither dieser Geist mit der Erde verbunden ist, und wir wissen auch, wie die Menschheit sich entwickeln soll, um in gar nicht so ferner Zukunft auch wieder im Geiste zu schauen den Christus, der durch das Mysterium von Golgatha sein eigenes Leben mit dem Leben der Erdenmenschheit vereinigt hat. Wir sprechen nichts Uneigentliches aus, wenn wir sagen: Dasjenige, was die alten Eingeweihten an den verschiedenen Orten oder Pflegestätten des Geistigen geschaut haben, das ist seither zu erkennen als durchdringend, durchwellend, durchpulsend, durchwebend das Erdenleben.
[ 15 ] Aber so war es, daß sich immer mehr und mehr verlieren mußte für das hellseherische Erkennen, mit diesem hellseherischen Erkennen selber, das Hinaufschauen in die geistigen Sphären, um den Christus zu schauen, nachdem er heruntergestiegen war auf die Erde zu denjenigen, die da auf der Erde erkennen sollten, daß die Erde nicht nur menschliche Liebe birgt, sondern durchpulst ist von göttlicher Liebe, die sich immer mehr als höchster Schatz der Erdenmenschen offenbaren will. So recht sollten die Menschen empfinden, daß sie in ihrem Erdenhause das große Geschenk der kosmischen Liebe, den Christus, von dem Gotte, den man den Vatergott nennt, empfangen haben; so recht sollten sie ihn kennenlernen als das Wesen, das fortan mit den Taten, mit dem ganzen Sinn der Erdenevolution verbunden sein soll; so recht sollten sie ihn kennenlernen in seinem Leben, von dem ersten Atemzuge als Kind bis zu der größten Tat durch das Mysterium von Golgatha, die Menschenherzen offenbart werden kann.
[ 16 ] Noch war es uns ja möglich, im Laufe der letzten Zeit jene Lücke durch das Fünfte Evangelium auszufüllen, welche in den vier anderen Evangelien geblieben ist. Ja, es ist unserer Zeit beschieden worden, noch genauer, man möchte sagen, jeden Schritt dieses Gotteslebens auf Erden kennen zu lernen. Und weil die Menschen also gleichsam ganz vertraut werden sollten mit dem Christus Jesus als einem ihrer Brüder, als einem solchen, der aus den weiten geistigen Reichen in das enge Erdental gezogen ist aus Liebe zu den Menschen, weil die Menschen ihn so kennenlernen sollten in vertrautester, intimster Erkenntnis, deshalb mußten eine Weile die Erkenntnis- und Liebekräfte des menschlichen Gemütes gesammelt werden, um in rein menschlich-göttlicher Gedrungenheit, möchte ich sagen, anzuschauen dasjenige, was sich abspielte unter den Menschen als der Anfang einer neuen, der christlichen Zeit. Dazu aber mußte die Kraft im Menschen gleichsam ganz hinkonzentriert und hingelenkt werden auf das Leben des Christus Jesus, und mußte abgelenkt werden eine Zeitlang von dem Hinaufblicken zu den geistigen Sphären auf dasjenige, was eingezogen ist in das Kind von Bethlehem, was heruntergestiegen ist aus den kosmischen Höhen.
[ 17 ] Heute aber leben wir in der Zeit, in welcher der Blick sich wieder weiten muß, wenn Menschenfortschritt und Menschenheil wirklich die Erde beherrschen sollen. Weiten muß sich dasjenige, was der Christus in dem Leibe des Jesus von Nazareth war, zu dem, was er ist: zu dem Leben der Erde herabsteigend aus göttlich-geistigen Höhen.
[ 18 ] Man möchte sagen: Der Mithrasdienst war etwas wie eine letzte, starke Erinnerung an den noch nicht zur Erde gekommenen, aber herabsteigenden Christus. Dann aber war es der Menschheit beschieden, den Christus immer inniger in das Gemüt aufzunehmen, so daß das Aufnehmen bis in das kleinste Kind hinein möglich war, aber in der Weise, daß neben diesem, mit diesem zusammen lief ein Abfluten der alten Art, hinaufzuschauen mit hellseherischem Blick zu den Höhen, aus denen Christus herabgestiegen ist, durch deren Anschauung wir erkennen, daß der Christus ein kosmisches Wesen ist, aus dessen Anschauen wir auch nur wissen, welchen Wert er für das enge Erdental hat. Langsam und allmählich flutete ab dieses hellseherische Hinaufschauen in kosmische Weiten, in denen Christus als kosmisches Wesen den Menschen erscheinen kann. Ein starker Anklang noch an das alte Wissen von dem überirdischen Christus war der Mithrasdienst.
[ 19 ] Dann sehen wir, wie gleichsam allmählich abflutet, abnimmt die hellseherische Erkenntnis, wie selbst für diejenigen, die noch hellseherische Erkenntnis im alten Stile haben, ein Abfluten der hellseherischen Fähigkeiten eintritt, und wie mit diesem Abfluten auch die Möglichkeit aufhört, den Christus ganz in seiner wahren Wesenheit zu erkennen. Man erkennt ihn in seiner wahren Wesenheit, wenn man ihn nicht nur in seinem irdischen, menschlichen Wirken, sondern in seiner ganzen himmlischen Glorie erkennt.
[ 20 ] Immer mehr schwand aber die Möglichkeit, Christus neben dem irdischen Dasein in seiner Himmelsglorie zu sehen. Wir sehen, wie das, was im Mithrasdienst noch lebte, schon abgeschwächt erscheint — trotz der hehren Größe, welche die entsprechende Lehre in sich birgt — in demjenigen, dessen Namen wir auch öfter erwähnt haben: in dem Begründer des Manichäismus. Mani weist uns auf den Jesus hin, aber es ist nicht ein solcher Hinweis, wie er bei dem einfachen, primitiven, gläubigen Gemüte ist, weil in diesem Geiste, der das Manichäertum begründete, noch altes Hellsehen war. Es ist aber auch noch nicht dasjenige, was der Gegenwart werden kann in bezug auf die Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Der Christus Jesus ist für Mani ein Wesen, das nicht wirklich irdische menschliche Leiblichkeit angenommen hat, sondern nur in einem Scheinleibe, in einem ätherischen Leibe auf Erden gelebt hat. Wir sehen das Ringen ‚.im Manichäertum zum Begreifen des Mysteriums von Golgatha. Warum findet dieses Ringen statt? Weil es dem Begründer des Manichäertums noch möglich war, zu schauen in geistige Höhen, zu sehen, wie das geistige Wesen, das Christus-Wesen heruntersteigt. Aber es war noch nicht die Möglichkeit vorhanden, wirklich einzusehen, wie in die irdische Welt eindringt dieses geistige Wesen, wie es wirklich in einem menschlichen Leibe Wohnung nimmt. Ein Ringen der Seele war erst notwendig, bevor dieses volle Verständnis möglich war.
[ 21 ] Wir sehen auch wiederum die Lehre der Manichäer sich ausbreiten von Osten nach Westen, eine Lehre, welche auf der einen Seite noch hinblickt zu dem göttlichen Geiste, der herniedersteigt, hinblickt auf alles dasjenige, was die alte Weltanschauung noch hatte: zu schauen nicht nur nach den physischen Wesen, die sich den menschlichen Sinnesaugen bieten, sondern zu den Wesen, die als Sternenwesen durch das Weltenall ziehen. Andererseits durchdrang die Zusammenkettung des menschlichen Schicksals, des menschlichen Lebens mit diesem kosmischen Leben die Seele des Manichäers. Tief wurzelte sich in ihm ein die Frage: Wie ist vereinbar das Böse, das im Menschenleben waltet, mit der Wirkung des guten Gottes? Tief, tief hineingeschaut in das Rätsel des Bösen hat das Manichäertum. Aber dieses Rätsel des Bösen kann uns doch nur in seiner Tiefe vor das Seelenauge treten, wenn wir es im Zusammenhange mit dem Mysterium von Golgatha aufzufassen in der Lage sind, wenn wir das Mysterium von Golgatha durchdringen mit dem Rätsel des Bösen, wie es auch der Manichäismus erstrebte. Daher das Ringen der Überreste alter hellseherischer Erkenntnis mit dem Problem des Bösen, mit dem Rätsel des Bösen im Manichäertum.
[ 22 ] Und wahrhaftig, gerade diejenigen, welche am tiefsten und intensivsten berufen waren, ihre Seelen hinzugeben an das Verständnis des Mysteriums von Golgatha, sie haben gerungen mit dem, was noch hereinleuchtete in die neueren Zeiten von den Überresten der alten hellseherischen Erkenntnis. Wir brauchen nur zu denken an einen großen Lehrer des Abendlandes, den heiligen Augustinus. Bevor er sich durchgerungen hatte zu der Erkenntnis des paulinischen Christentums, war er hingegeben an die Lehre der Manichäer. Einen größeren Eindruck machte es ihm noch, wenn er vernehmen konnte, daß heruntergestiegen war das göttliche Mittlerwesen aus göttlich-geistigen Sphären von Äon zu Äon. Dieses geistige Schauen überleuchtet auch für Augustinus in den ersten Zeiten seines Ringens noch die Erkenntnis, wie in einem fleischlichen Leibe der Christus auf der Erde Wohnung genommen hat, und wie sich mit dem Mysterium von Golgatha das Rätsel des Bösen löst. Ergreifend ist es, zu schauen, wie Augustinus mit Faustus, dem berühmten Bischof der Manichäer, Zwiesprache hält und eigentlich nur dadurch, daß dieser Bischof nicht den nötigen Eindruck auf ihn machen kann, sich wegwendet von dem Manichäertum und sich dann dem paulinischen Christentum zuwendet.
[ 23 ] Dann sehen wir immer mehr abfluten dasjenige, was wir nennen können die Erkenntnis des überirdischen Christus, wie er war vor dem Mysterium von Golgatha; und im Grunde genommen schwindet erst mit dem Heraufkommen der neuen Zeit, des fünften nachatlantischen Zeitraums, vollständig dahin däs, was die Überreste des alten hellseherischen Erkennens waren. Diese alte hellseherische Erkenntnis kannte noch den himmlischen Christus neben dem irdischen Christus. Fühlen konnte man natürlich diesen himmlischen Christus auch noch in den Anfängen des Christentums, aber anschauen, erkennend anschauen, wie er heruntersteigt, das war nur dem alten, hellseherischen Erkennen möglich. Uns muß es tief berühren, wenn wir vernehmen, wie in den ersten Zeiten der Ausbreitung des Christentums diejenigen, die ihre Erkenntnis noch aus dem alten Hellsehertum genommen haben, den Christus sich vergegenwärtigen wollten: wie sie, um den Christus zu erkennen, nicht bloß nach Bethlehem hinblickten, sondern in die Himmelssphären schauten, um zu sehen, wie er von da heruntersteigt, den Menschen das Heil zu bringen.
[ 24 ] Wir wissen, daß neben dem Mithrasdienst, neben dem Manichäertum im Abendlande die Gnosis vorhanden war. Auch diese wollte verbinden, wenigstens soweit sie christliche Gnosis war, das Herabsteigen des Christus aus göttlichen Sphären von Äon zu Äon mit dem Erkennen des irdischen Lebenslaufes des Christus Jesus. Und dann ist es ergreifend, zu sehen, wie das menschliche Gemüt sich immer mehr und mehr konzentrieren will auf die Anschauung des bloß irdischen Lebens des Christus Jesus. Ergreifend ist es, zu sehen, wie dieses einfache menschliche Gemüt, das nicht das alte Hellsehen hat, um das Leben Jesu darzustellen, sich fast fürchtet vor der grandiosen Vorstellung, die man haben mußte für den aus Himmelshöhen herabsteigenden Christus. Ganz betäubt von den Vorstellungen, die noch die Gnosis hatte, sind die ersten Christen. Sie fürchteten sich vor diesen Vorstellungen.
[ 25 ] Bis in unsere Zeit geht bei denen, die zwar im tiefsten Gemüt berührt sind vom Mysterium von Golgatha, aber sich nicht aufschwingen können zu jenem Geist-Erkennen, eine gewisse Furcht, das Gemüt könne in ein Chaos hineinkommen, wenn es sich erhebt in die Zeiten, in denen man sehen kann, was an geistiger Erkenntnis in den Lehren der Gnostiker wohnt. Uns aber berührt das, was noch die Gnostiker sagen konnten über den Himmels-Christus neben dem irdischen Christus, gar sehr. Ich möchte sagen, es wird unser Seelenblick keineswegs stumpfer für das irdische Leben des Christus Jesus, wenn er hinaufgezogen wird jetzt durch neues Hellsehen zu geistigen Höhen, wo der himmlische Christus zu finden ist, und von wo er herabgestiegen ist. Dann berührt es uns so tief, wenn die Gnosis erzählt: «Jesus sprach:
Sieh hin, o Vater,
Wie dies Wesen auf der Erde,
Aller Übel Ziel und Opfer,
Fern von deinem Hauche irrt.
Sieh, das bitt’re Chaos flieht es,
Ratlos, wie’s hindurch soll finden.
Darum sende mich, o Vater!
Siegeltragend steig ich abwärts,
Der Äonen Zahl durchschreit ich,
Jede heilge Kunde deut ich,
Zeige dann der Götter Bildnis.
Und so schenk ich euch
Des heiligen Weges
Tief verborgne Kunde:
«Gnosis> heißt sie nun für euch.»
[ 26 ] Wir fühlen, daß die neue Geisteswissenschaft uns wiederum dahin führen muß, daß wir um das Christus-Ereignis herumweben können in unserer Anschauung die geistige Aura, die aus Gründen, die wir schon oftmals erörtert haben und auf welche wir auch heute wieder hindeuten mußten, für die Menschheit eine Zeitlang verlorengehen mußte. Wir müssen es langsam und allmählich tun. Wir müssen gewissermaßen das, was uns die Geisteswissenschaft zu offenbaren vermag, so zu fassen suchen, daß das menschliche Gemüt, das heute noch weit von der Geisteswissenschaft entfernt ist, es zu fassen vermag.
[ 27 ] Darum wurde versucht, im Grunde genommen die ganze anthroposophische Weisheit von dem Christus-Ereignis, namentlich von der Weihenacht und ihrer Verbindung mit dem menschlichen Gemüt, in einfache Worte zu fassen, die Ihnen auch hier vorgeführt worden sind:
Im Seelenaug’ sich spiegelt
Der Welten Hoffnungslicht,
Dem Geist ergebne Weisheit
Im Menschenherzen spricht:
Des Vaters ew’ge Liebe
Den Sohn der Erde sendet,
Der gnadevoll dem Menschenpfade
Die Himmelshelle spendet.
[ 28 ] Hoffentlich werden Zeiten kommen für die irdische Evolution, in denen mehr, viel mehr und mit deutlicheren Worten gesprochen werden kann über das Geheimnis von Golgatha, mit einfachen Worten für die ganze Welt; in denen ausgesprochen werden kann für die ganze Menschheit dasjenige, was die Geisteswissenschaft der Menschheit auch über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat.
[ 29 ] Wir sehen ja, wie gerade bis zum Ende des vierten, sogar bis zum Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes, das alte hellseherische Erkennen so abflutet, daß die letzten Reste, die den Menschenseelen noch gegeben sind, der Verachtung anheimfallen. Wir sehen dieses erschütternd verkörpert in derjenigen Gestalt, welche in Europa auftritt — viel weiter verbreitet, als man denkt — gerade bei dem Abfluten des vierten nachatlantischen Zeitraumes, in der Gestalt des volkstümlichen Abenteurers — denn ein Abenteurer istergeworden —, der noch tragen kann die zeitgemäßen letzten Reste der hellsehertschen Erkenntnis in demjenigen, den das Volksbuch nennt: «Magister Georgius Sabellicus, Faustus junior, fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, aeromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus.» So lautet der vollständige Titel jenes Faustus, der dann im 16. Jahrhundert als Repräsentant des völlig abklingenden alten Hellsehens dasteht, desjenigen Faust, der noch einen Blick in die geistigen Welten hinein hatte, wenn er auch schon chaotisch war, dieser Blick.
[ 30 ] Dann kommt das herauf mit der neueren Zeit, daß es der Menschenseele nicht mehr gegeben ist, wenn sie sich wie in den alten Zeiten passiv in gewisse. Zustände versetzt, geistig zu schauen, sondern in der sie passiv nur das Sinnliche schauen kann und das, was der Verstand aus dem Sinnlichen kombinieren kann. Die ganze Tragik des letzten geistigen Schauens ist in den einfachen Mitteilungen über den Faustus junior zum Ausdruck gekommen. Im Grunde genommen nennt er sich schon in seinen Titeln so, daß wir erkennen können, er ist gleichsam der letzte Ausläufer derjenigen, die noch hineinschauen konnten in die Sphären, aus denen der Christus heruntergestiegen ist. Er nannte sich Faustus junior mit deutlicher Anspielung auf den alten Faust, den Manichäer Bischof Faustus, den Lehrer des Augustinus, der noch das besaß, nach dem Augustinus sich gesehnt hatte; denn die Schriften des Augustinus waren niemals so sehr verbreitet in Europa als in der Zeit, in der die Sagen von Faustus junior entstanden sind. Und er nannte sich Magus secundus, anspielend auf den Magus primus, der für diejenigen, die hineinschauen in diese Verhältnisse, auch noch dasteht als einer, der mit hellseherischem Blick hinausschaute, hinaufragte zu den Himmelssphären, vor dem sich aber fürchteten diejenigen, die nur anerkennen wollten, nur sich konzentrieren wollten auf das irdische Leben des Christus Jesus. Auf den alten Simon Magus, den Magus primus, weist Faustus damit hin, indem er sich nennt Magus secundus. Aber noch auf einen anderen weist er uns hin, von dem wir aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ja auch wissen, wie sein Blick hinaufgerichtet war in die geistige Welt, um zu schauen in den geistigen Sphären. «In hydra arte secundus» nennt er sich noch, hinweisend auf Pythagoras, der in der damaligen Zeit auf diesem Felde der Kunst der Primus genannt worden ist.
[ 31 ] Wir sehen die letzte verglimmende Abendröte dessen, was altes Hellsehen war, und wir sehen, wie den Menschen schon unverständlich wird dieses alte Hellsehen. Ja, es hat sich wirklich erfüllt das, was uns so ergreifend in der Faust-Sage dargestellt worden ist: wie sich Augustinus sehnt nach dem Faustus senior, und wie er dann mit der Lehre des Faustus senior bekannt wird, wie uns gesagt wird, durch einen alten Mann und Arzt. Ebenso tritt uns, übertragen auf moderne Verhältnisse, Faustus junior entgegen in der Volkssage. Auch der alte Mann erscheint da wieder, der ihn warnt, aber Faustus junior hat seinen Pakt schon geschlossen; seine Erbschaft übergibt er dem Doktor Wagner.
[ 32 ] Und wahrhaftig, wenn wir die Zeiten überblicken und das, was herübergekommen ist als Anschauung von einer geistigen Welt seit dem Herankommen des fünften nachatlantischen Zeitraumes, so müssen wir sagen: Es ist das dem Doktor Wagner übergebene Erbe. Denn es kommt darauf an, wie man ein solches Erbgut verwalten kann. Bei Faust ist es noch ein Hineinschauen in die geistigen Welten; bei Wagner ist es dasjenige, was nur in Pergamenten kramt, ausschaut nach alten Zeiten, und was im Grunde doch ganz richtig charakterisiert ist mit den Worten: daß man gierig nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn man Regenwürmer findet.
[ 33 ] Das ist die matertalistische Weltanschauung unserer neueren Zeit, und es ist kein Wunder, daß in dieser materialistischen Weltanschauung alle Anschauung von dem Himmels-Christus verlorengegangen ist, ja, daß heute noch immer Furcht vorhanden ist vor der Erweiterung des Bildes, auf das sich die Erdenkräfte konzentrieren sollten bis heute. Aber wir wissen auch: die Erdenmenschheit müßte alles Verständnis für dieses Bild wahrhaft verlieren, wenn sie nicht zu weben vermag, durch eine neue, geistige Anschauung, eine neue Aura um das so ergreifende Bild von dem Weihnachtskinde und von seinem Werden durch dreißig und drei Erdenjahre. Die Geisteswissenschaft wird berufen sein — die Seelen, welche sich ernstlich mit Geisteswissenschaft beschäftigen, werden es verspüren, daß sie dazu berufen ist —, den Blick der Menschengemüter wieder zu schärfen neben dem irdischen Christus für den Himmels-Christus. Denn dann wird der Christus erkannt werden für alle künftigen Erdenzeiten so, daß er niemals wieder verlorengehen kann dem Menschenfortschritt und dem Menschenheil.
[ 34 ] Wenn die Weisheit wieder hinaufdringen wird in geistige Höhen, wo in göttlichen Sphären auch das Feuer der Liebe brennt, dann wird die Menschenseele wahrhaftig nicht wieder verlieren all das Wunderbare, all das in tiefste Liebeskräfte Hineindringende, was Menschen gewinnen können durch den Christus Jesus. Aber Unendliches wird dazugewonnen werden. Es wird dazugewonnen werden, was dazugewonnen werden muß, wenn die Menschheitsentwickelung in der entsprechenden Weise weitergehen soll.
[ 35 ] Das aber, was wir heute zu sagen vermögen, es ist wahrhaft so trotzdem sich schon eröffnet haben die neuzeitlichen Quellen einer neuen Geisteserkenntnis —, daß man es gut im Symbolum des Weihnachtsfestes begeht. Wer sich so recht einlebt in das, was heute noch unser geisteswissenschaftliches Erkennen ist, dessen Seele überkommt tiefe, tiefe Demut. Denn nur ahnen dürfen wir, was die Geisteswissenschaft einstmals in der Zukunft für die Menschheit werden soll, denn was wir heute von ihr zu erkennen vermögen, es kann sich nur verhalten zu dem, was einstmals der Menschheit geschenkt werden wird, wenn viele, viele Zeit noch verflossen sein wird, wie das ganz junge Weihnachtskind zu dem erwachsenen Christus Jesus.
[ 36 ] Wir haben wirklich heute in unserer neubeginnenden Geisteswissenschaft erst noch das Kind. Daher ist das Weihnachtsfest so recht unser Fest, und wir verspüren, daß wir gegenüber dem, was als Menschenlicht walten kann in der Erdenentwickelung, heute leben in tiefer, finsterer Winternacht, und daß wir wirklich stehen mit unserem heutigen Wissen vor dem, was sich uns in tiefer Winterfinsternis der Erdenentwickelung offenbart, wie einstmals die Hirten gestanden haben vor dem Christuskinde, das sich ihnen zuerst offenbarte. Gegenüber dem Verständnis von dem Christus Jesus können wir uns heute so recht fühlen wie die damaligen Hirten und so recht bitten die Quellen des geistigen Lebens, die immer mehr und mehr fließen mögen den Menschen, so recht, recht bitten, sie mögen immer mehr und mehr wahrmachen göttliche Offenbarung in den geistigen Höhen, und jenen Frieden geben, den diese Offenbarung den Menschengemütern geben kann, die wirklich guten Willens sind. Wie ein Wahrzeichen erscheint uns dann wohl gerade dieses Weihnachtsfest. Wir wissen noch wenig von dem, was die Welt einstmals als Geisteswissenschaft haben wird. Wir ahnen, was noch kommen mag, wir ahnen es in tiefer Demut. Aber das Wenige, wenn wir es so recht in unser Herz eindringen lassen wollen, ach, wie kommt es uns dann vor!
[ 37 ] Ein Blick über das heutige europäische Erdenrund, meine lieben Freunde: Wie denken die Völker über einander? Wie suchen die Völker jedes bei dem andern die Schuld für dasjenige, was geschieht! Schreibt sich uns die Geist-Erkenntnis wahrhaft ins Gemüt ein, oh, dann werden wir die Schuld verstehen, die da gesucht wird von dem einen Volke bei dem andern, von der einen Nation bei der andern. Wahrhaftig, diese Schuld hat jemand, der recht, recht international ist, der seine Schritte von Nation zu Nation lenkt. Aber man redet von ihm nur in den Kreisen derer, in deren Herzen ein wenig Geisteswissenschaft eingezogen ist. Da reden wir von Ahriman, dem so recht internationalen Wesen, das im Bunde mit Luzifer die wahre Schuld hat. Aber man findet ihn nicht, wenn man immer den Blick hinwendet zu den andern, sondern nur, wenn man die Wege zur Erkenntnis sucht durch Selbsterkenntnis. Da hinunter in die chaotischen Tiefen geht es. Dann fühlen wir ihn, diesen Ahriman. Aber wenn wir ihn recht erkennen und ihn im Zusammenhange erkennen lernen mit dem, was uns das Mysterium von Golgatha sein kann: die Verkündigung der Offenbarung der Weisheit in den Höhen und des Friedens in den Tiefen des Erdentales, dann erst verspüren wir, was das ganze Feuer der Liebe ist, die von dem Mysterium von Golgatha ausstrahlen kann, und die nicht Grenzen kennt, die aufgerichtet sind zwischen Nationen und Völkern.
[ 38 ] Manches steht bereits in dem, was als Geisteswissenschaft schon vor unsere Seelen getreten ist. Aber blicken wir hin auf dasjenige, was sich vor dieser unserer chaotischen Gegenwart schon geoffenbart hat und was jetzt einen so erschütternd traurig-schmerzlichen Ausdruck gefunden hat, dann finden wir, wie so sehr klein jene Seelenwohnung ist, in der heute wohnen muß das neue Verständnis von dem Weihnachtskinde, das zur Erde gekommen ist. War es mit diesem Weihnachtskinde so, daß es den armen Hirten erscheinen mußte, daß es im Stall geboren werden mußte, verborgen vor dem, was damals die Welt beherrschte — ist es nicht mit dem neuen Verständnis dessen, was mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängt, jetzt wieder so? Ist nicht so unendlich weit von diesem Verständnisse dasjenige entfernt, was draußen in der Welt uns heute erscheint, wie entfernt war die Welt im Beginne unserer Zeitrechnung von dem, was sich enthüllte den Hirten, als sie hörten:
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
[ 39 ] Feiern wir, meine lieben Freunde, dieses Weihnachtsfest des erneuerten Christus-Verständnisses in unseren Herzen und in unseren Seelen; fühlen wir uns, wenn wir ein rechtes Weihnachtsfest feiern wollen, gleich jenen Hirten, weit weg von dem, was jetzt die Welt erfüllt. Aber erkennen wir durch das, was uns als Hirten sich offenbart, dasjenige, was damals erkannt werden mußte, erkennen wir die Verheißung einer sicheren Zukunft. Und bauen wir auf in unseren Seelen das Vertrauen zur Erfüllung dieser Verheißung: das Vertrauen dazu, daß dasjenige, was wir heute empfinden wie das Kind, das wir anbeten wollen — das neue Christus-Verständnis ist dieses Kind —, werde wachsen, es werde leben und es werde in nicht zu langer Zeit so heranwachsen, daß sich in ihm verkörpern kann der ätherisch erscheinende Christus, wie sich der Christus verkörpern konnte im fleischlichen Leibe zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Erfüllen wir uns mit dem Lichte, das uns durch das Vertrauen in diese Verheißung bis ins tiefste Seeleninnere erleuchten kann, durchwärmen wir uns mit der Wärme, welche unser Gemüt durchpulsen kann! Wenn wir uns also gegenüber der geistigen Höhe fühlen, in welcher das Licht jener Geisteswelt vor unsere ahnende Seele treten kann, dann allein können wir sicher sein, daß es einmal die Welt erhellen werde.
[ 40 ] Wenn wir also denken, begehen wir — gerade in dieser schweren, schmerzlichen Zeit — ein echtes Weihnachtsfest. Denn nicht nur ist die tiefe, finstere Winternacht der Jahreszeit da; es ist über den Völkerhorizont hin das Ergebnis ahrimanischer Finsternis da, wie sie allmählich heraufgezogen ist seit dem Beginne des fünften nachatlantischen Zeitalters. Wie aber die Christus-Verkündigung zuerst nur den Hirten zukommen konnte und dann die Welt immer mehr und mehr erfüllte, so wird immer mehr und mehr die Welt erfüllen auch das neue Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Und Zeiten werden kommen, die als Lichtzeiten auch für die Menschheit ablösen werden die Zeit der Winterfinsternis, in der wir heute leben.
[ 41 ] Fühlen wir uns also als Hirten gegenüber dem, was auch noch ein Kind ist: gegenüber dem neuen Christus-Verständnis, und fühlen wir, daß wir durchpulsen können, in aller Demut durchpulsen können mit einem neuen Sinn den Spruch, der nicht nur ewig währen soll innerhalb des Fortschrittes der Erdenentwickelung, sondern der auch immer bedeutungsvoller werden soll. Vereinigen wir uns mit dem Gemüte, aber mit erhöhtem Bewußtsein, in dieser Weihnachtszeit in dem so verheißungsvollen Wahrspruch:
Göttliche Offenbarung in geistigen Höhen,
Friede, Friede immer mehr und mehr
Allen Menschenseelen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
