Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode
GA 157a
14 December 1915, Berlin
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir haben die letzten Betrachtungen hier von einem gewissen Gesichtspunkte her auf das Leben gerichtet, das hinter jenem verläuft, welches für den Menschen in der Alltäglichkeit oder in der gewöhnlichen Wissenschaft abläuft in seinem ihm durch das Erdenwerkzeug, durch das physische Werkzeug vermittelten physischen Bewußtsein. Im Grunde genommen sind ja alle unsere Betrachtungen auf dieses Leben, das unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins verläuft, gewendet. Dennoch versuchen wir, wie das ja in der Geisteswissenschaft sein muß, von den verschiedensten Seiten her diesem Leben nahezukommen.
[ 2 ] Während einem Gewißheit gegeben wird in bezug auf die äußere physisch-sinnliche Wirklichkeit einfach durch das Anschauen — der Mensch sagt: Ich weiß, daß etwas ist, wenn ich es gesehen habe —, wird eine Gewißheit über die geistigen Welten auch für denjenigen, der nicht durch besondere Übungen in sie aufzusteigen vermag, dadurch geschaffen, daß man sie von verschiedenen Seiten her beleuchtet erhält. Durch diese Beleuchtungen von verschiedenen Seiten her, die dann zusammenstimmen, kann eine gewisse Gewißheit erlangt werden.
[ 3 ] Ich habe insbesondere darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch in der Welt nicht nur durch dasjenige darinnensteht, was er so überschaut mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, sondern daß unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins ein Leben des Menschen abläuft, welches nicht vom Bewußtsein umfaßt wird, welches allerdings erkennbar wird, wenn der Mensch, wie man sagt, durch die Pforte der Initiation schreitet, welches aber unbewußt bleibt fur das gewöhnliche Menschenleben. Es geht mit dem Ganzen, das der Mensch ist, vieles in der Welt vor — so habe ich mich ausgedrückt —, und dasjenige, wovon man, indem man durch das Leben im physischen Leibe schreitet, weiß, ist nur ein Teil dessen, was eigentlich mit dem Menschen vorgeht. Und alles Bestreben, mit der geistigen Welt in einen Zusammenhang zu kommen, besteht darin, etwas hineinzuschauen in dieses Leben, das unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins verläuft, das heißt durch eine Erweiterung dieses Bewußtseins die Schwelle zu überschreiten und hineinzuschauen eben in das, worin wir ja in der Wirklichkeit stehen, was wir aber nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein überschauen. Und so sagte ich, daß eine gewisse verschiebbare Schwelle ist zwischen dem gewöhnlichen Bewußtsein und demjenigen, was — und das Wort hat ja für uns eine bestimmte Geltung — «unbewußt-bewußt» für den Menschen verläuft.
[ 4 ] Ich hatte das letzte Mal ein sehr naheliegendes Beispiel angeführt. Der Mensch nimmt sich des Morgens früh etwas vor, das er am Abend ausführen will. Er lebt sozusagen in dem Gedanken, daß er dies am Abend ausführen werde. Mittags passiert irgend etwas, was ihn verhindert, die Sache am Abend auszuführen. Für das gewöhnliche Bewußtsein liegt da vielleicht eines jener Ereignisse vor, die man einen Zufall nennt. Sieht man aber tiefer in das Menschenleben hinein, so entdeckt man in diesem sogenannten Zufall Weisheit, aber eben eine Weisheit, die unter der Schwelle des Bewußtseins liegt. Man kann eigentlich diese Weisheit mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht durchschauen, aber man entdeckt in solchen Fällen sehr häufig, daß, wenn das Hindernis am Mittag nicht eingetreten wäre, der Mensch vielleicht in recht schlimme Lagen gebracht worden wäre dadurch, daß er am Abend das Betreffende unternommen hätte. Ich sagte das letzte Mal, er hätte sich vielleicht am Abend ein Bein gebrochen oder dergleichen. Und sowie man dann den Zusammenhang hat, entdeckt man, daß Weisheit liegt in dem ganzen Verlauf, daß die Seele selbst das Hindernis gesucht, herbeigeführt hat, aber mit Absichten, die unter der Schwelle des Bewutßtseins liegen. Nun, das ist etwas, was ganz hart am gewöhnlichen Bewußtsein noch liegt, aber es weist hinunter in eine Region, der der Mensch angehört, der er angehört mit den verborgenen Teilen seines Wesens, die, nachdem er den physischen Leib abgelegt hat, durch die Pforte des Todes schreiten. Es gehört jenem waltenden Bewußtsein an, von dem wir im Öffentlichen Vortrag gesprochen haben als von einem Zuschauer unserer Willenshandlungen. Dieser Zuschauer ist wirklich immer da. Er lenkt und leitet uns, aber das gewöhnliche Bewußtsein weiß nichts von ihm. Vieles geht da vor, das sich zwischen die Ereignisse, die das gewöhnliche Bewußtsein überschaut, hineinstellt. Und da bereitet sich, wie sich das Lebewesen im Ei vorbereitet, namentlich in alledem, was da zwischen die Ereignisse des Lebens sich hineinstellt, in dem, was unter der Schwelle unseres Bewußtseins vorgeht, dasjenige vor, was wir sein werden, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind.
[ 5 ] Nun müssen wir zusammenklingen lassen etwas, was wir in den letzten Betrachtungen vor unsere Seele geführt haben, mit mancherlei, was uns noch wohlbekannt sein kann aus früheren Betrachtungen. Ich habe oftmals hingewiesen darauf, wie wichtig und wesentlich für den Menschen, insofern er hier im physischen Bewußtsein steckt, das Gedächtnis ist, dieses Gedächtnis, das nicht zerrissen werden darf. Wir müssen bis zu einem gewissen Punkte unseres physischen Erlebens uns zurückerinnern, wenigstens zurückerinnern können, an den Zusammenhang unseres Lebens. Zerreißt dieser Zusammenhang, können wir an bestimmte Ereignisse uns nicht erinnern, so daß wir wenigstens das Bewufßitsein haben, wir waren in der Zeit vorhanden, als diese Ereignisse da waren, so tritt eine bedenkliche Seelenkrankheit ein, auf die ich in den letzten Betrachtungen hier hingewiesen habe. Dieses Erinnern, das gehört zu dem Erleben im physischen Bewußtsein hier. Aber dieses Erinnern ist zugleich in gewissem Sinne ein Schleier, der uns zudeckt diejenigen Ereignisse, die ich jetzt eigentlich meine und die hinter dem gewöhnlichen Bewußtsein stehen, die eben hinter jenem Schleier stehen, der von der fortlaufenden Erinnerung gewoben wird. Bedenken Sie nur einmal: Wir sind zuerst ein Kind; da durchlaufen wir gewisse Bewußtseinszeiten, an die wir uns nicht zurückerinnern. Dann kommt der Zeitpunkt, bis zu dem wir uns immer im späteren Leben zurückerinnern können. Da ist eine geschlossene Erinnerungsreihe, da wissen wir unser Ich bis zu einem Zeitpunkt zurückzuerfassen, der eben im zweiten, dritten, vierten Lebensjahr, bei manchen Menschen auch später, im gewöhnlichen Leben eintritt. Wenn wir so in uns zurückschauen, wenn wir in uns hineinschauen, dann trifft unser seelischer Blick zunächst auf diese Erinnerung, und insofern wir hier ein physischer Mensch sind, leben wir innerlich eigentlich in diesen Erinnerungen. Wir könnten gar nicht von unserem Ich sprechen, wenn wir nicht in diesen Erinnerungen leben würden. Wer sich selbst betrachtet, erkennt dieses. Indem er in sich hineinschaut, schaut er eigentlich in den Umfang seiner Erinnerungen hinein. Er blickt also gleichsam auf das Tableau seiner Erinnerungen. Wenn auch nicht alles in diesen Erinnerungen auftaucht, was wir erlebt haben, so wissen wir, es könnten Erinnerungen auftauchen bis zu dem charakterisierten Zeitpunkte hin, und wir müssen sogar voraussetzen, daß wir mit unserem Ich wirklich bewußt bei all diesen Erinnerungen dabeigewesen sind und Erinnerungen haben behalten können. Wäre das nicht, so wäre der Zusammenhang unseres Ich zerstört und eine Seelenkrankheit eingetreten. Aber hinter dem, was wir da in der Erinnerung bemerken, liegt gerade dasjenige, was mit dem Geistesauge gesehen, mit dem Geistesohr gehört wird. So daß es richtig ist, was ich schon im Öffentlichen Vortrage angeführt habe: Die Kraft, die wir sonst zur Erinnerung brauchen, die verwenden wir, wenn wir in die geistige Welt hineinschauen, eben zum Hineinschauen in die geistige Welt. Das bedingt nicht, daß man sein Gedächtnis verliert, wenn man sich das geistige Schauen erringt, aber es bedingt das, was ich charakterisiert habe im öffentlichen Vortrag, nämlich daß man nicht in derselben Weise erinnerungsmäßig lebt, nicht das, was man geistig erschaut, wirklich immer überblicken kann, sondern daß man es immer wieder und wiederum schauen muß und immer wieder aufs neue schauen muß.
[ 6 ] Ich habe oftmals gesagt: Wenn jemand wirklich aus der geistigen Welt heraus einen Vortrag hält, so kann er ihn nicht aus der Erinnerung heraus halten, wie man über etwas anderes redet, sondern es muß immer aus der geistigen Welt neu geschöpft werden, es muß dasjenige, was im Denken lebt, immer wieder erzeugt werden. Der Geist, die Seele müssen tätig sein, müssen immer wieder neu erzeugen in einem solchen Falle. Wenn der geistig Schauende wirklich in die geistige Welt hineinsieht, so wird ihm dasjenige, was ihm sonst der Schleier der Erinnerung ist, zu einem durchsichtigen Schleier, zu etwas, durch das er hindurchsieht. Er sieht gleichsam durch die Kraft, die ihm sonst die Erinnerung bildet, hindurch und sieht da in die geistige Welt hinein. Wenn man streng und energisch seine Übungen macht, so merkt man, daß, wenn man im gewöhnlichen Leben sein Denken braucht, indem man die Dinge, die Ereignisse der Welt auf sich wirken läßt, daß einen dann der Leib als ein physisches Instrument unterstützt, damit man die Dinge wirklich vorstellen kann; und dann bleibt die Vorstellung, unterstützt durch die Tätigkeit des physischen Leibes, als Erinnerung in uns. Wenn man in die geistige Welt hineinkommt, muß man immer tätig sein, um die Vorstellung immer von neuem hervorzurufen. Eine unausgesetzte Tätigkeit beginnt, wenn man an dem Punkte ankommt, den ich im öffentlichen Vortrag charakterisiert habe, wenn man nun warten kann, bis die Geheimnisse der geistigen Welt sich eröffnen. Aber man muß: mittun! Wie, wenn man etwas zeichnet, man immerzu mittun muß, um etwas durch die Zeichnung auszudrücken, so muß man, indem die geistige Welt sich enthüllt, die Imagination immer tätig miterzeugen. Sie erzeugt sich aus der objektiven Wirklichkeit heraus, aber man muß bei diesem Erzeugen der Vorstellungen dabeisein. Dann kommt man allerdings auf diese Weise zunächst hinein in etwas, was sich fortwährend abspielt mit dem Menschen, mit dem zwiefachen Menschen, den ich auch schon angedeutet habe, der in uns verborgen ist, der da lebt innerhalb unserer physischen Hülle und unter der Schwelle unseres gewöhnlichen physischen Bewußtseins. An diesen Menschen knüpft man an. Da merkt man: Hier in der physischen Welt ist man so verknüpft mit der Welt, daß man auf einem festen Boden steht, so verknüpft, daß man andere Dinge der Außenwelt sieht, sich bewegt zwischen diesen anderen Dingen, daß man in ein gewisses Verhältnis zu Menschen kommt, denen man dieses oder jenes tut, von denen einem das oder jenes angetan wird. In der fortlaufenden Auffassung desjenigen, was wir so entwickeln, liegt dieses Leben, das wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein umfassen. Aber es liegt ein anderes Leben dem zugrunde, eine Gesetzmäßigkeit, die wir mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein nicht überschauen, in die wir aber hineingestellt sind, wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in unserem Ich und Astralleibe sind. Doch da ist unser Bewußtsein so herabgedämpft, daß wir mit den gewöhnlichen Sinnen nicht überschauen können, wie wir in einer Welt des Geistes stehen, die sich abspielt, die fortwährend um uns herum lebt, aber die sich hineinverwebt als ein Unsinnlich-Unsichtbares in das Sinnlich-Sichtbare. Diese Welt müssen wir durchaus eben als eine geistige auffassen, wir müssen sie nicht denken gleichsam als ein Duplikat, als etwas bloß Feineres gegenüber der physisch-sinnlichen Welt, sondern wir müssen sie denken als ein Geistiges.
[ 7 ] Nun habe ich ja öfters darauf aufmerksam gemacht, welches die Gründe sind, daß gerade in unserer Zeit herausgeholt werden muß aus dem Borne aller menschlichen Erkenntnis dasjenige, was sich also, wie wir es treiben, auf die geistige Welt bezieht. Wahrhaftig, nicht nur aus der Tatsache, daß da Geistesforscher auftreten, die über die geistige Welt zu erzählen haben, sondern aus dem ganzen Verlauf unseres Kulturlebens — ich habe von verschiedenen Gesichtspunkten darauf aufmerksam gemacht — ist zu ersehen, daß eine gewisse Sehnsucht der Menschen besteht, diese verborgene Seite des menschlichen Lebens wirklich an die Seelen herankommen zu lassen, etwas von diesen verborgenen Seiten des Lebens zu wissen. Ich habe ja auch schon Erscheinungen im wissenschaftlichen und im sonstigen Leben angeführt, die zeigen, wie diese Sehnsucht lebt in der Gegenwart.
[ 8 ] Ich möchte heute in unsere Betrachtung ein ganz besonderes Beispiel einfügen, aus dem wir ersehen können, daß es schon Menschen gibt in unserer Zeit, die gewissermaßen rühren an diese Geheimnisse des Daseins, die etwas ahnen und wissen von diesen Geheimnissen des Daseins, die aber eben nicht wollen, aus Gründen, die ich nachher auch charakterisieren will, in der Weise eingehen auf diese Geheimnisse des Daseins, wie wir das durch unsere Geisteswissenschaft versuchen. Wenn man diese Dinge so bespricht, daß man sie gewissermaßen so ein wenig in der Schwebe läßt, daß man den Leuten auch die Türe offen läßt: Nun, ihr braucht ja die Sache nicht zu glauben, ihr braucht nicht darüber zu denken, daß das eine wirkliche Welt ist! — dann kommt man mit diesen Dingen leichter an die Menschen heran. Und davon gibt es in unserer Zeit viele Beispiele. Ich habe sie angeführt. Ich will heute ein besonderes Beispiel noch anführen, gerade in bezug auf dieses Kapitel. Ich will einfügen in diese Betrachtung einige Bemerkungen über eine wirklich außerordentlich bedeutsame Novelle aus der deutschen Literatur der jüngsten Vergangenheit, ich möchte sagen, über eine Perle der deutschen Novellistik. In dieser Novelle, sie heißt «Hofrat Eysenhardt», die wirklich eine der besten Novellen ist, die wir innerhalb der neueren deutschen Literatur haben, wird in einer ganz außerordentlich wunderbaren Weise eine, nur eine einzige Persönlichkeit charakterisiert, nämlich der Hofrat Eysenhardt selber. Dieser Hofrat Eysenhardt, der in Wien lebt — es wird sehr genau angegeben, wann er geboren ist: «Dr. Franz Ritter von Eysenhardt war einige Jahre vor dem Ausbruch der Revolution von 1848 zu Wien geboren» — wird Jurist, später Vorsitzender des Landesgerichts; er wird einer der bedeutendsten Juristen seines Landes. Er ist gefürchtet bei denjenigen Menschen, die irgend etwas mit dem Gericht zu tun haben. Er ist beliebt bei denjenigen Menschen, die seine Vorgesetzten sind, denn er ist ein ganz ausgezeichneter Kriminalist. Er hat eine Dialektik, die imstande ist, jeden zu verurteilen, könnte man sagen, der nur irgendwie in seine Fangarme kommt. Er bringt jeden in ein Kreuzfeuer in den Verhören, und er weiß mit einer gewissen Anteillosigkeit am menschlichen Leben sein — man kann in diesem Falle sagen sein «Objekt» — zu peinigen, so daß es sich verstrickt in alle möglichen Fallen, die ihm eben gelegt werden. Dabei ist der Hofrat Eysenhardt, so äußerlich im Leben, ein ganz merkwürdiger Mensch. Er hat nicht viel Begabung, sein Menschlich-Seelisches an andere Menschen anzuschließen. Er ist für das menschliche Leben eine Art Einsiedler. Er gibt sehr viel darauf, in einer gewissen Weise korrekt und tadellos im äußeren Leben dazustehen. Er ist kurz angebunden jedem Untergebenen gegenüber. Er ist freundlich nicht nur, sondern tief höflich jedem Vorgesetzten gegenüber. Ja, ich könnte Ihnen noch viele Eigenschaften anführen; er ist das Muster eines Hofrates. Nun wollen wir nicht auf diese sonstigen Eigenschaften eingehen — diese sind zum Beispiel wunderbar geschildert im Spiegel einer Erzählung eines seiner Untergebenen in der Novelle —, wir wollen aber gleich hinweisen darauf, daß er einmal ausersehen war, einen bedeutungsvollen Prozeß zu führen gegen einen merkwürdigen Menschen, der Markus Freund heißt. Dieser Markus Freund hatte für ähnliche Vergehen geringerer Art als dasjenige, dessen er jetzt angeklagt war, schon Vorstrafen auf sich. Es stellte sich aber für den Untersuchungsrichter, der die Voruntersuchung machte, diesmal gar nicht die Möglichkeit heraus, es zu einer Verurteilung zu bringen. Aber der Hofrat Eysenhardt brachte es zu einer Verurteilung. Und in einem Schriftstück, das dann der Hofrat selber verfaßte, zu einem Zweck, den ich Ihnen gleich nennen werde, schildert er dann selber die Art und Weise, wie sich jener Markus Freund benommen hat während oder namentlich nach der Verurteilung. Also, ich will nur die Stelle lesen, wie sich der Markus Freund bei der Verurteilung benommen hatte:
[ 9 ] «Sonst hatte dieser Mann, der überhaupt den für seine Rasse so charakteristischen Familiensinn besaß, eine ganz besondere Zärtlichkeit für eine jüngst geborene Enkelin, von der mit den Zellengenossen zu sprechen er nicht müde ward. Er konnte seine Freilassung, auf welche, obwohl schwerste Verdachtmomente gegen ihn vorlagen, er mit Sicherheit zu rechnen sich den Anschein gab, kaum erwarten, um das Kind wiederzusehen. Markus Freund leugnete hartnäckig und wußte in den Verhören vor dem Untersuchungsrichter jeden der ihn belastenden schwerwiegenden Umstände mit wahrhaft verblüffendem Scharfsinn so aufzuklären, daß der Untersuchungsrichter, ein sonst sehr tüchtiger, wenn auch über Gebühr weichherziger Mann, von Markus Freunds Unschuld vollkommen überzeugt war, als die Schlußverhandlung begann, deren Vorsitz die Person führte, auf welche diese Information sich bezieht.» — Der Hofrat Eysenhardt schreibt das selber, er schreibt in der dritten Person von sich. — «Obwohl Markus Freund auch in der Schlußverhandlung das Äußerste an Scharfsinn leistete und sein Verteidiger eine sehr schöne und rührende, von den Zeitungen nach Gebühr gepriesene Rede hielt, war der Ausgang des Prozesses doch dem vom Untersuchungsrichter und vielleicht vom Angeklagten selbst erwarteten genau entgegengesetzt. Herr Markus Freund wurde von den Geschworenen einstimmig schuldig gesprochen und, da mehrere Vorstrafen und andere erschwerende Umstände vorlagen, zum höchsten Strafsatz von zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt. Besagte Person» — also die besagte Person ist dieser Hofrat Eysenhardt selber, — «darf ohne Unbescheidenheit diesen Ausgang als einen der größten Triumphe ihrer vieljährigen kriminalistischen Praxis bezeichnen. Denn sicherlich hätten sich die Geschworenen durch die wahrhaft blendenden Sophismen des Markus Freund zu seinen Gunsten einnehmen lassen, obwohl die Volksstimmung damals Menschen seiner Rasse nicht eben günstig war, wenn nicht der Vorsitzende durch seine dem Angeklagten noch überlegene und doch der Fassungskraft der Geschworenen volkstümlich angepaßte Dialektik diese Sophismen in ein Nichts aufzulösen verstanden hätte. Die Wirkung der Verkündigung des Urteils auf den Angeklagten war eine derartige» — das erzählt also immer der Hofrat selber —, «daß gestählte und an solche Auftritte gewöhnte Nerven dazu gehörten, um sich dadurch nicht erschüttern und vielleicht an der Wahrheit und Gerechtigkeit des gefällten Urteils irre machen zu lassen. Zuerst stammelte Markus Freund einige unverständliche, wahrscheinlich hebräische Worte. Dann richtete der anscheinend kaum mittelgroße, gebeugte Mann sich auf, daß er wie groß aussah, die Lider, die seine Augen sonst fast zudeckten, hoben sich empor und ließen das von roten Äderchen durchzogene Weiß der rollenden Augäpfel sehen. Und aus dem verzerrten Munde zischte und geiferte in größter Schnelligkeit eine Reihe gegen den Vorsitzenden gerichteter Verwünschungen und Drohungen hervor, die in dem widerlichen Jargon, in welchem sie hervorgestoßen wurden, hier zu wiederholen, mit der Würde der Justiz kaum im Einklang stünde. Nur der erste Satz: ‹Herr Präsident, Sie wissen so gut wie ich selbst, daß ich unschuldig bin...› sei erwähnt und der letzte: ‹Es wird Ihnen heimgezahlt werden. Aug’ um Auge wird’s Ihnen heimgezahlt werden, warten Sie nur!› Was dazwischen lag, war überaus phantastischen Inhaltes und schien, wofern es überhaupt einen Sinn hatte, darauf hinauszulaufen, er, Markus Freund, habe den hohen Herrn Präsidenten bis auf die Nieren mit seinem Auge geprüft und gefunden, daß der hohe Herr Präsident, wenn er es auch jetzt noch nicht ahne, von einerlei Art sei wie er, der zertretene, aber diesmal unschuldige Markus Freund. Die Justizsoldaten taten alsbald ihre Pflicht, bändigten den Rasenden, dem der Präsident auf der Stelle wegen seines Exzesses die verdiente Disziplinarstrafe zuerkannte. Während die Soldaten, jeder einen der beiden fuchtelnden Arme festhaltend, den Verurteilten wegführten, schlug sein Wüten in Weinen und Schluchzen um. Noch auf dem Korridor vernahm man sein hohles Gewimmer: «Meine arme, arme Kleine, du wirst den Großpapa nie mehr sehen" Die Herren Geschworenen waren durch diesen Vorfall ganz konsterniert und frugen durch ihren Obmann beim Präsidenten an, ob es nicht möglich sei, die Verhandlung sogleich wieder aufzunehmen. Sie hatten, bei mangelnder Gesetzeskenntnis, eben nicht genugsam Erfahrung, um zu wissen, daß derlei Ausbrüche häufiger bei sehr verstockten schuldigen Verbrechern vorkommen als bei unschuldig Verurteilten, die jedoch viel seltener sind als die romanhafte Phantasie des Publikums sich einbildet. Minder entschuldbar dürfte es sein, daß der oben erwähnte weichherzige Untersuchungsrichter, welcher der Schlußverhandlung nebst ihrem widerwärtigen Nachspiel beigewohnt hatte, zum Vorsitzenden beim Hinausgehen, leise den Kopf schüttelnd, die Worte zu sprechen sich herausnahm: «Herr Hofrat, ich beneide Sie nicht um Ihr Talent.»
[ 10 ] Nun war also der Markus Freund eingesperrt worden, und der Hofrat lebte zunächst weiter. Aber wie er weiterlebte und was nun geschah, das erzählt er nun auch in seiner Auseinandersetzung. Lange Zeit also, müssen wir uns vorstellen, ziemlich lange Zeit ist verflossen, und der Gefangene war festgesetzt worden. Nun geschah das Folgende:
[ 11 ] «Ganz so wie die in Rede stehende Person» — also das ist der Hofrat selber, der das weiter erzählt — «in jenem Augenblicke ihn gesehen hatte, als er jene Fluche und Drohungen mit vor Wut entstelltem Gesicht gegen sie ausstieß, ganz so stand, als sie in der Nacht vom 18. auf den 19.März um zwei Uhr plötzlich unmotiviert aufwachte, der längst vergessene Markus Freund vor ihren Gedanken.»
[ 12 ] Also der Hofrat wacht in der Nacht vom 18. auf den 19. März um zwei Uhr nachts plötzlich auf und hat den Eindruck, im Gedanken stunde ihm der Markus Freund vor der Seele.
[ 13 ] «Und während besagte Person im Starrkrampf regungslos dalag, rekapitulierte ihre Phantasie blitzschnell das oben ausführlich Erzählte. Sie war sich dabei nicht deutlich bewußt, ob sie in den dazwischenliegenden Jahren niemals oder immer an diese Ereignisse gedacht hatte. Beides erschien ihr richtig in jenem Moment, da das Entsetzen ihr die Denkkraft lahmte.»
[ 14 ] Also, er wacht auf, Hofrat Eysenhardt, mitten aus dem Schlafe heraus, muß an den Markus Freund denken, muß sich rekapitulieren dasjenige, was sich abgespielt hat, weiß nicht, ob er öfter oder gar nicht an die Sache gedacht hatte.
[ 15 ] «Während gedachte Person so mit klopfenden Pulsen lag, und ihre alsbald auftauchende Absicht, das Licht auf dem Nachttisch anzuzünden, nicht auszuführen vermochte» — also er konnte die Hände nicht bewegen —, «war ihr, als poche etwas ganz leise an die Zimmertüre, oder vielmehr, es war mehr ein zaghaftes Scharren, als ob ein Hündchen um Einlaß bettele. Unwillkürlich stieß gedachte Person die Frage hervor: Wer ist da? Weder erfolgte eine Antwort, noch öffnete sich die Türe, aber gedachte Person hatte doch die deutliche Empfindung, als sei etwas hereingeschlüpft, und ein schwaches Knistern ging durch die Parketten, quer durch das Zimmer von der Türe zum Bett, als ob dieses unsichtbare Etwas näher käme und endlich dicht bei gedachter Person stehen bliebe. Wenigstens hatte diese das nicht genauer beschreibbare Gefühl fremder Anwesenheit, und zwar nicht etwa ein allgemeines, nicht bestimmt individualisiertes, sondern ihr war, als müsse das Etwas, das neben ihrem Bette stand, eben jener Markus Freund sein, dessen plötzlich aufzuckendes Erinnerungsbild sie soeben aus tiefem Schlafe aufgerissen hatte. Sie hatte sogar die Empfindung, als beuge sich das unsichtbare Etwas über ihr Gesicht. Sei es nun, daß gedachte Person inzwischen, ohne sich dessen bewußt zu sein, wieder einzuschlafen begonnen hatte und schon träumte, wobei bekanntlich nicht selten die Menschen, von denen man träumt, ineinander, ja sogar mit dem Traumenden selbst verschwimmen, sei es, daß gewisse überspannte Ideen Schopenhauers über die geheime Identität aller Individuen als Nachwirkung der Abendlektüre der letzten Tage sich in ihr regten, jedenfalls zuckte gedachter Person der sinnlose Gedanke durch den Kopf, daß sie selbst und jener Markus Freund im Grunde doch der nämliche Mensch sei, und wie zur Bestätigung dieser unsinnigen, jeder Logik widersprechenden Annahme wiederholte sie, ob nur rein innerlich oder hörbar und mit Bewegung ihrer Sprechorgane, weiß sie nicht, die oben zitierten Flüche und Drohungen jenes Markus Freund, so weit wie sie ihr noch erinnerlich waren, und zwar mit dem Entsetzen erregenden Gefühl, daß jene Flüche eben jetzt einzutreffen begonnen hätten. Falls gedachte Person, was nicht unmöglich ist, geschlafen und geträumt haben sollte, wachte sie unter diesem fürchterlichen Eindruck wieder auf und zündete das Licht an. Die Taschenuhr auf dem Nachtkästchen zeigte zehn Minuten nach zwei Uhr. Im Zimmer war alles wie sonst, obwohl Möbel, Wände und Bilder gedachter Person wie fremd erschienen und sie einiger Zeit und eines Trunkes Wasser bedurfte, um sich wieder einigermaßen in dem sie umgebenden Raum und in sich selbst zurechtzufinden.»
[ 16 ] Also das erzählt er. Er erzählt: Zuerst im Gedanken hat er den Markus Freund vor sich. Dann hat er diese — sagen wir, diese Vision. Nun ließ aber das, so erzählt er weiter, einigen Eindruck in ihm zurück, einen Eindruck, der ihn zunächst veranlaßte, den Hofrat Eysenhardt, etwas bebend in das Landesgericht zu gehen und sich vorzunehmen, sich die Akten, die sich auf den Markus Freund beziehen sollten, noch einmal geben zu lassen. Er kam nie recht dazu. Aber es geschah etwas anderes. Hofrat Eysenhardt ist eigentlich immer ein ganz freigeistig gesinnter Mensch gewesen. Er erzählt nur, daß ihm dies passiert ist. Wir werden gleich sehen, warum er das erzählt. Ja, er findet es sogar etwas lächerlich und unwurdig, daß er etwas darauf gegeben hat:
[ 17 ] «Umsonst hielt sich gedachte Person das Unwürdige und Lächerliche ihres Betragens vor. Ihre vormals eiserne Willenskraft war und blieb in dieser Hinsicht wie gelähmt. Sie reichte kaum mehr aus, um die inneren Martern, die sie mit sich herumtrug, den Kollegen und Untergebenen wenigstens einigermaßen zu verhehlen. Eines Vormittags glaubte gedachte Person aus einer Gruppe von richterlichen Funktionären, die in einem dunklen Korridor in lebhaftem Gespräch beisammenstanden, im Vorbeigehen den Namen «Markus Freund; zu vernehmen.»
[ 18 ] Also, er war eines Tages in das Landesgericht gegangen — er hatte sich eigentlich nie getraut, diese Akten wieder vorzunehmen —, und er hört, daß im Korridor einige Leute sprechen, und im Vorbeigehen hört er den Namen Markus Freund.
[ 19 ] «Da dieser Mensch und dieser Name ihr allmählig zur Zwangsidee geworden war, die ihr nirgends und niemals Ruhe ließ}, hielt sie eine Selbsttäuschung für nicht ausgeschlossen» — also er glaubt sogar, er höre durch eine Selbsttäuschung den Namen Markus Freund —, «blieb stehen und fragte: «Von wem sprechen die Herren?» «Von Markus Freund, von Ihrem Markus Freund, Herr Hofrat, entsinnen Sie sich nicht mehr? antwortete einer der Herren, der zufällig der weichherzige Untersuchungsrichter war, welcher damals jene übereilte Äußerung getan hatte. «Von Markus Freund? Was ist mit ihm?» Gedachter Person stand der Atem still. «Nun, gestorben ist er; Gott sei Dank, jetzt ist er erlöst, der arme Teufel, antwortete der Weichherzige. «Gestorben? Wann?» «Vor drei oder vier Wochen ungefähr, sagte der Gefragte. «Hier, Landesgerichtsrat N. muß es ja wissen.» «In der Nacht vom 18. auf den 19. März dieses Jahres um zwei Uhr, sagte der Landesgerichtsrat.»
[ 20 ] Also, es wird uns erzählt: Hofrat Eysenhardt hatte den Markus Freund verurteilt. Er war längst eingesperrt. In der Nacht vom 18. auf den 19. März wacht er auf, hat ihn in Gedanken zuerst vor sich, hat dann die Vision seines Eintretens, bekommt eine heillose Angst, will sich die Akten geben lassen, läßt aber Wochen darüber vergehen. Endlich erlauscht er ein Gespräch, wodurch er erfährt, daß Markus Freund in derselben Minute gestorben ist, wo ihm erscheint, zuerst wie sich einschleichend wie ein Pudelchen, der verstorbene Markus Freund. Nun, um das Ganze zu verstehen, muß man zu dem schon Gesagten hinzunehmen den Schluß der Novelle. Denn der Schluß der Novelle zeigt, daß nun der Hofrat durch die Verhältnisse getrieben wird, und zwar durch Verhältnisse, von denen man gar nicht voraussetzen sollte, daß er dazu getrieben werden könnte —, daß er dazu getrieben wird, gerade als Vorsitzender eines ganz besonders wichtigen Spionageprozesses, in Zusammenhang zu kommen mit Persönlichkeiten, in welchem Zusammenhange er, durch einen dunklen Instinkt geleitet, genau das Verbrechen begeht, wegen dessen er Markus Freund verurteilt hat. Er hatte also, als er durch seine Leidenschaftlichkeit später in dieses Verbrechen hereingerissen, dieses Verbrechen hinter sich hatte, Gelegenheit, sich jetzt in ganz besonderer Weise zu erinnern an dasjenige, was der Markus Freund gesprochen hat nach seiner Verurteilung: «Es wird Ihnen heimgezahlt werden, Auge um Auge, warten Sie nur. Auge um Auge wird es Ihnen heimgezahlt werden!»
[ 21 ] Der Hofrat hatte also unter der Schwelle des Bewußtseins etwas erlebt, was zusammenhängt in der genugsam angedeuteten Weise mit seinen Handlungen in der vorhergehenden Zeit, was aber auch in einer merkwürdig geheimnisvollen Weise zusammenhängt mit der Erfüllung desjenigen, was der Verstorbene ihm angedroht hat. Ja, es hängt in einer noch tieferen Weise zusammen. Derjenige, der die Novelle geschrieben hat, schreibt in der Ichform, so, als ob ihm mancherlei erzählt worden wäre von diesem Hofrat Eysenhardt, und er erzählt, wie er ein Gespräch gehabt hat mit einem Untergebenen — es wurde das schon früher in dieser Novelle vorgeführt. Dieser Untergebene ist ein merkwürdig scharfsinniger, philosophisch angelegter Mensch, er sagt: Dieser Hofrat ist gerade deshalb so begabt, auf den Grund der Dinge zu gehen, weil er zu all diesen Dingen selber viel Anlage hat; und da dringt er am allertiefsten, wozu er seine besonderen Anlagen hat. Das wird in der Novelle erzählt. Nun ist interessant, daß ja der Gedanke auftaucht im Hofrat, in dieser Nacht um zwei Uhr, vom 18. auf den 19. März: Du bist so etwas wie eine Einheit mit diesem Markus Freund. Diese Einheit, dieses Zusammenstecken der Bewußtseine, das kommt ihm da vor die Seele, er hat einen Durchblick auf einen Zusammenhang, der unter der Schwelle des gewöhnlichen Lebens liegt. Der wird ihm eröffnet. Er wird ihm selbstverständlich nicht eröffnet, wie er jedem eröffnet wird, aber er wird ihm eröffnet.
[ 22 ] Nun ist interessant, daß der Dichter dieser Novelle alle Bausteine zusammengetragen hat, um die Handlung verständlich zu machen. Und da müssen wir denn auch noch vor unsere Seele stellen dasjenige, was der Dichter anführt als vorangehend dieser Vision in der Nacht, die der Hofrat hatte. Der Hofrat war eigentlich ein robuster Mann. Wie gesagt, viele Eigenschaften ließen sich anführen, die ihn zeigen würden als einen zwar sich nicht seelisch ins Leben hineinfindenden Menschen, aber als einen Menschen, der mit einer gewissen Brutalität seinen Weg geht, und dem lag auch eine gewisse innere Gesundheit zugrunde. Nur wie durch ein äußeres Symptom wurde der Mann, der nie an sich irre geworden war, der immer von sich überzeugt war, an sich irre. Er entdeckte nämlich, daß ein Zahn locker geworden war und daß er ihn einfach mit den Fingern herausnehmen konnte. Da ging ihm der Gedanke durch den Kopf: Jetzt geht es abwärts mit dem Leben; jetzt fängt etwas an, abzubauen. Und der Gedanke ging ihm durch den Kopf: So verlierst du also Stück für Stück von deinem Organismus. Aber das wäre nicht das Schlimme gewesen, sondern das Schlimme war, daß er von diesem Augenblicke an — er merkte das nur nicht so — spintisierte über seinen eigenen Abbau, wie er nun wiederum in seinem eigenen Brief schreibt, wo er sich wie eine dritte Person beschreibt —, das Schlimme war, daß sein Gedächtnis zurückging. Und weil ihm sein Gedächtnis eine solche Hilfe war bei allen Berufsarbeiten, die er in solcher Weise ausüben mußte und ausgeübt hatte, so bekam er eine gewisse Angst vor dem Leben. Und er merkte wirklich, wie er sich an gewisse Dinge nicht mehr erinnern konnte, an die er früher sich so leicht erinnert hatte, wie er früher alles so beisammen hatte.
[ 23 ] Denken Sie, wie interessant es ist, daß der Novellist zusammenbringt diese Möglichkeit, ein ganz partielles Hellsehen zu haben, mit dem Herabgehen des Gedächtnisses! Dann wird das Gedächtnis wieder besser. Und dann kommt er dazu, dieses aufzuschreiben. Und er erinnert sich: Du warst so. Als Freigeist kann er nichts anderes denken, als daß das ganz krankhafte Erscheinungen seien. Na, und da denkt er sich: Ich bin ja eigentlich vor der Gefahr, verrückt zu werden. Das liegt ja natürlich in der Natur des Freigeistes. Und er schämt sich, da jemand um Rat zu fragen. Deshalb will er seine Stellung dazu benützen, um in der dritten Person zu schreiben und es dann als ein Dokument, bei dem man nicht weiß, wer es ist, irgendeinem Irrenarzt vorzulegen, der ihm ein Urteil über diese gedachte Person gibt. Auf diese Weise will er herausbekommen, was der Irrenarzt denkt. Und dadurch kommt es heraus; dieses Dokument benützt der Novellist, um über das Seelenleben dieses Menschen etwas mitzuteilen.
[ 24 ] Sie sehen, wir haben hier ein sehr schönes künstlerisches Produkt, das im Grunde wirklich auf solche Elemente hinweist, von denen man sprechen muß in der Geisteswissenschaft, gerade auf diejenigen Elemente, auf die man aus dem Zusammenhang zwischen dem Gedächtnis, zwischen der Erinnerungsfähigkeit und diesem Hineinschauen in die geistigen Welten, zu sprechen kommt. Sehr schön macht das der Novellist, daß er das Gedächtnis herabgestimmt sein läßt in dem Augenblick, wo dann einige Fetzen, möchte man sagen, über diese geheimnisvollen Zusammenhänge hervorkommen für den Betreffenden. Und merkwürdig, sehr merkwürdig ist die ganze Erzählung, indem sie Stück für Stück so verfaßt ist, daß man sieht, der Autor sagt sich: Es gibt solche Zusammenhänge hinter dem Leben. Aber er kleidet es in novellistische Form. Die Novelle ist sehr feinsinnig geschrieben, wie sie nur ein philosophischer Geist schreiben kann. Sie ist geschrieben von dem langjährigen Direktor des Hamburger Schauspielhauses, der dann Direktor des Wiener Burgtheaters wurde, Alfred Freiherr von Berger. Die Novelle gehört tatsächlich nicht nur zu dem weitaus Besten, was Berger geschrieben hat, sondern sie gehört wirklich zu den Perlen der deutschen novellistischen Literatur. Das sage ich selbstverständlich nicht aus dem Grunde, weil diese Novelle ein Thema enthält, das uns naheliegt, sondern aus dem Grunde, weil wirklich nur ein feinsinniger Mensch eine so feinsinnige Beobachtung haben kann in einer scheinbar abnormen Sache. Rein vom künstlerischen Gesichtspunkte aus meine ich dasjenige, was ich über den Wert der Novelle sage. Diese Novelle ist wirklich so geschrieben, daß jeder, der sie liest, das Bewußtsein hat: Der Mann schreibt eine Novelle, aber er möchte eigentlich lieber eine Biographie des Hofrates Eysenhardt schreiben, denn er schreibt wirklich so, daß man nie ein anderes Gefühl bekommt, wenn man diese wunderbar realistische Schilderung liest, als daß der gute Berger einen Mann kennenlernte, der wirklich einen solchen Verlauf seines Lebens hatte. Nun muß man sagen: Wie nahe liegt einem Menschen, wie diesem Alfred Freiherr von Berger, wie nahe liegt es ihm, an die geistige Welt heranzutreten, durch Geisteswissenschaft wirklich diese Zusammenhänge kennenzulernen! Wie unendlich bedeutungsvoll müßte es für diesen Berger gewesen sein, die Geisteswissenschaft so kennenzulernen, daß er sich zum Beispiel hätte sagen können: Dieser Hofrat, indem er den Markus Freund wie durchleuchtet und in diesem Falle unschuldig verurteilt hat, wie wird er nun zu leben haben in der Zeit, die unmittelbar folgt auf das Durchgehen durch die Pforte des Todes, in dem, was wir das Kamaloka immer genannt haben? Ich habe gesagt: Da muß der Mensch leben in der Wirkung seiner Taten, in dem, was die Taten für eine Bedeutung haben in dem anderen, in bezug auf welchen sie ausgeführt werden. Was der Hofrat bei der Gerichtsverhandiung getan hat, daran hat er gewiß seine ungeheure Befriedigung gehabt, gerade an seiner großen Dialektik. Er hat seine große Befriedigung gehabt, die sich ja ausdrückte in dem Satze, daß er sagte: Er könne sich zum Verdienst anrechnen, gegen die Sophismen des Angeklagten aufgekommen zu sein und zugleich eine Sprache gesprochen zu haben, die die Geschworenen zur Verurteilung gebracht hat, trotzdem sie gleich hinterher die Gerichtsverhandlung wieder aufgenommen hätten, als sie die Wirkung des Urteilsspruches auf den Angeklagten sahen. Das ist das eine, von seiten des Hofrates angesehen. Von seiten des Markus Freund angesehen liegt die Sache so, daß wir sagen müssen: Wir sehen die Wirkung des Urteilsspruches auf ihn. In dem muß ja — in dem, was Wirkung auf die Seele des Markus Freund war —, der Hofrat im Kamaloka leben. Und ein Spiegelbild, ein Bild hiervon, eröffnet sich eben in dem Augenblick, wo Markus Freund durch die Pforte des Todes schreitet. So eröffnet sich ihm dieses Bild, daß er jetzt sieht: Er ist identisch, er ist eins mit diesem Markus Freund; er sieht sich in diesen Markus Freund hinein, er fühlt sich in ihn hinein. Wir sehen: einen Vorgeschmack des Kamaloka hat der Hofrat. Er hat ihn so stark, daß er nicht nur dasjenige, was da vorgegangen ist, jetzt erlebt, sondern daß sich in ihm nun weiter etwas anspinnt, was mit der ganzen Sache zusammenhängt, unter der Schwelle seines Bewußtseins. Jeder einzelne Zug ist da von Bedeutung. Ich sagte Ihnen, er hat das Gedächtnis eine Weile verloren gehabt, da hat sich ihm dieser Fetzen der geistigen Welt enthüllt. Aber jetzt kommt eine Zeit, wo er neuerdings mit einer großen natürlichen Gedächtniskraft ausgestattet ist; das Gedächtnis ist bei ihm wieder hergestellt, während er diesen Spionageprozeß führt. Aber gerade im Verlauf dieses Spionageprozesses wird er zu dem gleichen Verbrechen getrieben, wegen dem er den Markus Freund verurteilte durch seine Dialektik. Die Kraft, die früher aus dem Gedächtnis hervorging, hat sich verwandelt in die Kraft der Instinkte, und er wird jetzt getrieben. Er sieht jetzt nicht den Zusammenhang, der sich wiederum unter der Schwelle des Bewußtseins abspielt zwischen dem, was er jetzt tut, und demjenigen, was er Markus Freund zugeschrieben hat. Das führt dazu, daß der Hofrat Eysenhardt, als er sieht, was ihm passiert ist, dann gerade an dem Abend, der vorangeht der Schlußverhandlung des Prozesses, in dem er seinen höchsten Triumph feiern sollte, in sein Büro geht:
«In seinem Büro angekommen, dessen Schlüssel er bei sich trug, zündete Eysenhardt die zwei Kerzen auf dem Schreibtisch an, wusch sich vorerst Hände, Gesicht und Haar, dann vertauschte er seinen Zivilanzug mit seiner Amtsuniform und ging längere Zeit auf und ab. Hierauf öffnete er die oberste Seitenlade seines Schreibtisches und entnahm ihr nebst einem Päckchen Patronen einen neuen Revolver, den er wahrscheinlich in der ärgsten Zeit seiner Nervenzerrüttung gekauft hatte. Er lud sorgfältig alle Kammern, dann holte er aus dem Papierschrank einen Bogen Amtspapier und schrieb:
Im Namen seiner Majestät des Kaisers!
Ich habe ein schweres Verbrechen begangen und fühle mich unwürdig, fürderhin mein Amt auszuüben und überhaupt weiter zu leben. Ich habe selbst die härteste Strafe über mich verhängt und werde sie in der nachsten Minute mit eigener Hand an mir vollstrek ken. m Eysenhardt
Wien, am 10. Juni 1901.
Schrift und Unterschrift verriet keine Spur auch nur leisesten Zitterns.»
[ 25 ] Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden.
[ 26 ] Es ist ein ganz merkwürdiger Zusammenhang in der Novelle geschildert, und wir müssen sagen, daf3 der Verfasser ganz geeignet gewesen wäre, einzusehen, welcher Zusammenhang besteht zwischen dem, was sich hier im gewöhnlichen Bewußtsein abspielt, und demjenigen, was unter der Schwelle des Bewußtseins vorgeht, das heißt die geistigen Ereignisse zu sehen, in die der Mensch hineinverstrickt ist. Nicht wahr, von außen sieht man eben nur das, was in der physischen Welt geschehen ist: daß der Hofrat den Markus Freund verurteilt hat und so weiter. Wäre das nicht passiert gerade in dem Alter, in dem der Hofrat also brüchig werden konnte und das Gedächtnis verlor, so hätte er nicht diesen Fetzen der geistigen Welt gesehen. Er hätte sich ihm nicht erschlossen. Da wäre alles unterbewußt geblieben. Gerade eine solche Novelle wird ja sozusagen von dem Gesichtspunkte aus in die Welt geschickt: Ja, es gibt etwas hinter dem Leben, und es drängt sich in besonderen Fällen sehr klar auf. Aber will man den Menschen in konkreter Weise davon sprechen, dann ist ihnen das unangenehm. An solche Realität wirklich heranzutreten, ist ihnen unangenehm. Also erzählt man es ihnen als Novelle, da brauchen sie nicht daran zu glauben, da können sie sich dabei amüsieren; dann geht es.
[ 27 ] Dasjenige, meine lieben Freunde, was die Menschen abhält von der geistigen Welt, das ist nun auch etwas, was sie nicht kennen. Nach zwei Richtungen hin geht ja sozusagen der Weg in die geistige Welt hinein. Nach der einen Richtung hin, indem wir, ich möchte sagen, den Schleier der Natur durchstoßen und aufsuchen dasjenige, was hinter den Erscheinungen der äußeren Natur liegt. Und nach der anderen Seite, indem wir den Schleier des eigenen Seelenlebens durchstoßen und suchen, was hinter dem eigenen Seelenleben liegt. Die gewöhnlichen Philosophien, die suchen gewiß auch hinter die Gründe des Daseins zu kommen, suchen die Weltenrätsel zu lösen. Aber, wie machen sie das? Nun, sie beobachten die Natur entweder unmittelbar oder durch Experimente, und dann denken sie nach. Aber indem man diese Begriffe, die man sich durch dieses Wissen aus der Natur erworben hat, durcheinanderpuddelt, und immer wieder und wiederum durcheinanderpuddelt, und bald so, bald so verschränkt, kommt man zwar zu einer Philosophie, aber zu nichts, was mit der wahren Wirklichkeit draußen zusammenhängt. Durch Nachdenken desjenigen, was sich einem darbietet, Kommt man nie hinter den Schleier des Daseins. Ich habe es im öffentlichen Vortrag dargestellt: Dasjenige, was unsere ewigen Kräfte sind, das ist tätig, indem es uns erst das Werkzeug herstellt, und mit dem Werkzeug kommen wir zu dem, was uns das bloße Bewußtsein gibt. Ja, aber wenn wir uns so das gewöhnliche Bewußtsein bilden, so müssen wir das Werkzeug benützen. Wenn wir dann in die Erfahrung des gewöhnlichen Bewußtseins eintreten, da ist alles schon fertig, was die ewigen Kräfte in uns machen. Nicht durch Nachdenken kommen wir hinter die Geheimnisse der Natur, sondern auf eine ganz andere Weise. Wenn wir durch Meditation, wie ich es im öffentlichen Vortrag beschrieben habe, dahin kommen, daß wir uns im Denken erstarken und daß uns dann wie durch Gnade entgegenkommt die Offenbarung der geistigen Welt, dann schauen wir ganz anders die Natur an. O, ganz anders! Und auch das Menschenleben schauen wir ganz anders an. Dann treten wir vor diese Natur auch hin, und irgendeinen Vorgang oder ein Ding oder ein Ereignis, das uns entgegentritt, das fassen wir auf. Aber wir haben zugleich das Bewußtsein: Bevor du eigentlich die Rose angeschaut hast, ist schon etwas geschehen. Du siehst ja erst die Vorstellung, die Wahrnehmung, aber die Wahrnehmung hat sich erst gebildet. Darin steckt das Geistige, in dem Wahrnehmen; darin steckt die Erinnerung, die Erinnerung an ein Vordenken. Darin liegt das Geheimnis, auf das man kommt durch die Geistesforschung.
[ 28 ] Nicht wahr, der Philosoph schaut die Rose an; dann philosophiert er durch Nachdenken. Derjenige, der hinter das Geheimnis der Rose kommen will, darf nicht nachdenken; da geschieht doch nichts. Sondern er schaut die Rose an und wird sich bewußt: Bevor sie ihm überhaupt zum sinnlichen Bewußtsein kommt, hat sich schon ein Prozeß abgespielt. Das erscheint ihm wie eine — ja, wie eine Erinnerung, die dem Anschauen vorangegangen ist. Dieses, daß sich uns etwas wie Erinnerung ergibt, wovon wir wissen: Das hast du getan, bevor du die sinnliche Anschauung gehabt hast —, das in bezug auf die äußere Natur Vordenken, das unbewußt bleibt und das dann heraufgeholt wird wie eine Erinnerung: das ist es, worauf es ankommt. Durch kein Nachdenken kommt man hinter die Geheimnisse der Natur, sondern durch Vordenken. Ebensowenig kommt man hinter die Geheimnisse desjenigen, was Inhalt der Seele ist, anders, als daß man zu jenem Zuschauer, von dem ich gesprochen habe, wirklich hinkommt. Sehen Sie, das sind die Wege, durch die wir heute in die geistige Welt hineindringen können.
[ 29 ] Wenn Sie sich erinnern, daß in der Novelle dem Hofrat Eysenhardt gerade ein Fetzen der geistigen Welt zur Anschauung kommt, nachdem er den Abbau an sich wahrgenommen hat, so werden Sie darin eine eigentümliche Illustrierung finden desjenigen, was ich vorgetragen habe: Wenn man durch die Übung des Denkens dahin kommt, daß das Denken so weit erkraftet ist, daß man die geistige Welt sehen kann, dann kommt man zunächst auch in den Abbau hinein, in dasjenige, was mit dem Tode zusammenhängt. Die Mystiker aller Zeiten haben es ausgedrückt dadurch, daß sie sagten: «An die Pforte des Todes herankommen», das heißt an alles dasjenige, was sich im Menschenleben als Abbauendes darstellt. Und so kommen wir also darauf, wenn wir wirklich die Meditation bis zu dem Punkte getrieben haben, daß wir das Initiations-Ereignis erlangt haben: Du stehst an der Pforte des Todes; du weißt, da ist an dir etwas, was seit deiner Geburt oder Empfängnis an dir waltet, das sich dann zusammensummiert und zur Erscheinung des Todes, zur Wegnehmung des physischen Leibes wird. Da sagt man sich: Aber das alles, was zum Tode führt, es ist herausgegangen aus der geistigen Welt. Was aus der geistigen Welt herausgegangen ist, es hat sich vereinigt mit dem, was durch die Vererbungssubstanz gekommen ist. Wir sehen den Menschen hier in der physischen Welt stehen und sagen uns: Was uns in seinem Antlitz entgegentritt, was uns durch seine Worte spricht, alles, was er als physischer Mensch tut, es ist der Ausdruck desjenigen, was sich durch seinen letzten Tod und durch seine letzte Geburt vorbereitet hat in der geistigen Welt. Da lebt sein Seelisches drinnen. Aber wir können aus dem ganzen Sinn der Auseinandersetzung entnehmen: Das, was von der Menschenseele lebt zwischen Tod und neuer Geburt, das zieht die Kräfte an aus der geistigen Welt, um in dieser Inkarnation zwischen Geburt und Tod an dem Menschen zu bilden, etwas zu bilden, was eben der Mensch ist. Und dann ist das wirklich so — wenn Sie sich erinnern, wie ich das im öffentlichen Vortrag dargestellt habe —: Indem in der Meditation im Denken der Wille erkraftet wird, kann erlebt werden, wie sich der Keim entwickelt, der nun wiederum durch die Pforte des Todes geht und sich vorbereitet in der geistigen Welt zu einer weiteren Inkarnation, so daß im Menschen dieser ewige Bildungsprozeß ist: Aus der geistigen Welt kommt heraus das Seelisch-Geistige, bildet sich diesen Menschen hier. In diesem Menschen entsteht, anfangs wie ein Punkt, dasjenige, was nun hier im Leben als der Keim entsteht, der wiederum durch die Pforte des Todes geht, um gleichsam die Entwickelung fortzusetzen. So daß, wenn wir den Menschen hier haben, das sich wirklich so zeigt: Wie er vor uns steht, so ist er aus der geistigen Welt heraus als Mensch geschaffen. Mit dem, was die Eltern geben können, vereinigte sich das, was aus der geistigen Welt heraus kam. Solange er in der geistigen Welt war, war er inmitten der geistigen Mächte, so wie er hier inmitten der Naturkräfte ist im physischen Leibe. Er war inmitten der geistigen Mächte, mit denen zusammen er sich vorbereitete auf diese Inkarnation. Es ist wirklich so, wenn wir den Menschen vor uns sehen in einer Inkarnation, wie ich es im zweiten Mysteriendrama, in «Die Prüfung der Seele» dargestellt habe: Ganze Götterwelten wirken, um den Menschen darzustellen; zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wirken geistige Kräfte, um den Menschen in das Dasein hineinzustellen. Dieser Mensch hier ist das Ziel gewisser geistiger Kräfte, die zwischen Tod und neuer Geburt wirken.
[ 30 ] Sehen Sie, das hat eine gewisse wissenschaftliche Richtung, aber eine geisteswissenschaftliche Richtung, immer gewußt und zum Ausdruck gebracht. Immer wieder und wiederum hat zum Beispiel ein bedeutender Mensch dies, was ich eben jetzt dargestellt habe, zum Ausdruck gebracht, indem er sagte: «Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes» Er wollte sagen: Während wir in der geistigen Welt drinnen sind, mit der göttlichen Welt verwoben sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, bereiten wir uns zu unserer Leiblichkeit vor. Die ist das Ende der Wege Gottes. Er hat nur nicht dazufügen können den andern Satz: In der Leiblichkeit bereitet sich ein neuer Anfang vor, der dann wiederum durch den Tod hindurchgeht und zu einer neuen Inkarnation führt. Dieser Ausspruch: «Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes», bildet gewissermaßen sogar das Leitmotiv aller Werke, die ein sehr bedeutender Mensch vor jetzt fast hundert Jahren geschrieben hat, der immer wiederum darauf aufmerksam gemacht hat, daß das menschliche Wissen, die menschliche Erkenntnis Wege nehmen muß, um diese geistigen Zusammenhänge zu erkennen: Christoph Oetinger. Auch Oetinger wollte in seiner Art die Theosophie darstellen. Richard Rothe hat schöne Worte am Schluß der Vorrede zu einem Buche über Oetinger geschrieben. Er wollte zum Ausdruck bringen, daß in älteren Zeiten die Menschen spirituelle Wege gesucht haben, aber in ihrer Art, und daß die Zeit kommen werde und nicht mehr ferne liege, in welcher mit vollem wissenschaftlichem Bewußtsein ergriffen wird dasjenige, was man eigentlich immer gesucht hat. Rothe sagt: «Was die Theosophie eigentlich will, das ist bei den älteren Theosophen oft schwer zu erkennen. Und was die Hauptsache ist, wenn sie nur erst einmal eigentliche Wissenschaft geworden ist und also auch deutlich bestimmte Resultate abgesetzt hat, so werden diese schon nach und nach in die allgemeine Überzeugung übergehen... Doch dies ruht im Schoße der Zukunft, der wir nicht vorgreifen wollen.» So Richard Rothe, der Heidelberger Professor, über den Theosophen Christoph Oetinger, im November 1847.
[ 31 ] Dasjenige, was gesucht wird durch die Geisteswissenschaft, hat es immer gegeben, nur in anderer Weise. Heute obliegt es dem Menschen, auf die Art es zu suchen, wie es eben in unserer Zeit gesucht werden muß. Und oft habe ich es ausgeführt: Das naturwissenschaftliche Denken ist heute an einen Punkt gekommen, wo aus der naturwissenschaftlichen Gesinnung gerade eine wissenschaftliche Form gesucht werden muß für dasjenige, was als Wissenschaft in der Theosophie aller Zeiten lebte. Und wenn nun Rothe als Herausgeber Oetingers sagt, daß dasjenige, was er meint, so anzusprechen ist: «Doch dies ruht im Schoße der Zukunft» — dasjenige, was im Jahre 1847 Zukunft war, es ist heute unbedingt zur Gegenwart erreift. Wir stehen heute vor einer Zeit, wo wir nachweisen können denn es war nur ein Beispiel, das ich heute vorgebracht habe mit der Novelle «Hofrat Eysenhardt» von Alfred von Berger —, daß die Menschenseelen wirklich reif sind, heranzukommen an die geistigen Wahrheiten, und daß sie nur nicht den Mut haben, wirklich diese geistigen Wahrheiten zu ergreifen.
[ 32 ] Nach zwei Seiten hin, sagte ich, führt der Weg in die geistigen Welten hinein, indem hinter den Schleier der Natur geschaut wird. Warum schreiten die Menschen so schwer hinein, auch diejenigen, die sich angewöhnt haben, wissenschaftlich zu denken, und nur das wissenschaftliche Denken zu einer innerlichen Handhabe erheben müßten in der geschilderten Weise? Warum? Sie sagen, daß der Mensch Erkenntnisgrenzen hat: Ignorabimus! Und warum wollen sie nicht in die geistige Welt? Ja, das liegt eben schon hinter der Schwelle des Bewußtseins. Innerhalb des Bewußtseins führt man sogenannte logische Gründe dafür an, daß man nicht in die geistige Welt hineinkönne, logische Gründe, wie sie hinlänglich bekannt sind. Unter diesen logischen Gründen liegt erst der wahre innere Grund: die Furcht vor der geistigen Welt. Die kommt nicht in das Bewußtsein herauf, aber die Furcht vor der geistigen Welt hält die Menschen ab, die unbewußte, unterbewußte Furcht. Würde man sich nur mit dem Dasein der unbewußten Furcht bekannt machen, und wie das alles, was man sich einredet, nur eine Maske ist für dasjenige, was in Wahrheit Furcht ist, man würde sehr vieles erkennen. Das ist das eine. Das andere ist: Sobald man in die geistige Welt hineinkommt, wird man erfaßt, so wie man selber die Gedanken erfaßt, von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Man wird gleichsam ein Gedanke in der geistigen Welt. Dagegen sträubt sich innerlich das Seelische. Es fürchtet sich davor, hingenommen zu werden von der geistigen Welt. Wiederum eine Art Furcht, eine Art ohnmächtiger Furcht davor, sich ergreifen zu lassen von der geistigen Welt, so wie man, wenn man durch die Geburt hineinkommt in die physische Welt, ergriffen wird von den physischen Kräften. Furcht nach außen und Scheu vor einer gewissen Ohnmacht im Ergriffenwerden von der geistigen Welt — das ist es, was die Menschen zurückhält von der geistigen Welt. Das ist es, warum sie, wie dieser Berger in seiner Novelle, manchmal so plätschern wollen in den Wellen der geistigen Welt, aber wollen, daß das, ich möchte sagen, unverbindlich sei, und nicht den Mut haben, wirklich heranzukommen an das Ergreifen der geistigen Welten, was wahrhaftig durch die Ihnen oftmals geschilderten inneren Experimente geschehen kann, wie das Ergreifen der Naturgeheimnisse durch die äußeren Experimente geschehen kann.
[ 33 ] Wenn Sie zu dem, was ich gesagt habe, hinzunehmen dasjenige, was ich ausgeführt habe in einem der öffentlichen Vorträge über den Zusammenhang zwischen den genialischen Kräften, die auftreten im Leben, und zwischen den frühen Toden, die dadurch herbeigeführt werden, daß dem Menschen sein Leib genommen wird — ich sagte, durch eine Kugel oder auf andere Weise, zum Beispiel auf dem Schlachtfelde —, wenn Sie sich erinnern an dasjenige, was ich ausgeführt habe, daß, wenn Erfindungskräfte, geniale Kräfte im Menschen auftreten, diese die Wirkung sind jener Vorgänge, die geschehen, wenn dem Menschen sein physischer Leib abgenommen wird, dann haben Sie da auch etwas, was unter der Schwelle des Bewußtseins bleibt. Aber es liegt in dem Mut, in der ganzen Art und Weise, wie der Mensch sich für eine große Zeiterscheinung aufopfert, ein instinktiver Ausdruck für etwas, was unter der Schwelle des Bewußtseins liegt und so den Menschen nicht in seiner vollen Art zum Bewußtsein kommen kann. In unserer Zeit jedoch besteht der Impuls in der Menschheitsentwickelung, daß dasjenige, was unter der Schwelle des Bewußtseins liegt, bis zu einem gewissen Grade hinaufgetragen wird in dieses Bewußtsein, so daß der Mensch davon wissen könne. Und in diesem Sinne meine ich es immer, wenn ich darauf hinweise, daf3 gerade auch in den großen Ereignissen unserer Zeit, in all dem, was sich oberhalb [der Schwelle] des Bewußtseins abspielt, bedeutsame unterbewußte Vorgänge liegen und daß niemals erschöpft sein wird durch dasjenige, was der äußere Geschichtsforscher von diesen gegenwärtigen Ereignissen erfassen kann, was diese Ereignisse in den großen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung hineinstellt. Mehr als jemals ist das Unterbewußte beteiligt an demjenigen, was in unserer Gegenwart geschieht. Und deshalb darf gerade der Geistesforscher darauf hinweisen, wie eine künftige Zeit, um im richtigen Lichte des Weltzusammenhanges unsere bedeutsamen geschichtlichen gegenwärtigen Ereignisse zu schauen, auf den geistigen Untergrund hinweisen wird. Auch von diesem Gesichtspunkte aus stellt sich uns immer wieder und wiederum vor die Seele, was wir zum Schlusse der Betrachtung immer wieder gesagt haben:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht—
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
