Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode
GA 157a
21 December 1915, Berlin
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Wir wollen heute damit beginnen, ein nordisches Gedicht vorzutragen, das wir ja vor einiger Zeit schon einmal auch in diesem Zweige vorgebracht haben. Es ist der ganze Inhalt dieser Dichtung zusammenhängend mit der Weihnacht und der sich an sie anschließenden Zeit. Das Gedicht handelt von dem sagenhaften Olaf Åsteson und enthält die Tatsache, daß jener Olaf Åsteson, eine sagenhafte Persönlichkeit, die dreizehn Tage, die sich anschließen an Weihnacht und mit dem Erscheinungstage Christi endigen, in einer ganz besonderen Weise zugebracht hat. Und wir werden damit erinnert daran, wie innerhalb der Volkssagenwelt die Anschauung lebt von früher in der Menschheit vorhandenem primitivem Hellsehen. Der Inhalt ist ja im wesentlichen der, daß Olaf Åsteson in der Weihnachtsnacht an die Kirchentüre kommt, daß er dann in eine Art schlafähnlichen Zustand kommt und nun in den sogenannten dreizehn Nächten die Geheimnisse der geistigen Welt durchlebt in seiner Art, wie er sie durchleben kann als ein einfaches primitives Naturkind.
[ 2 ] Wir wissen, daß diese Tage, in denen gewissermaßen von außen die äußerste physische Finsternis auf der Erde waltet, wo das geringste Sprossen und Sprießen der Vegetation stattfindet, wo gewissermaßen äußerlich alles stillesteht im physischen Dasein der Erde, daß da die Erdseele aufwacht, daf3 sie da gerade als Erdseele ihren vollen Wachzustand hat. Wenn nun die Menschenseele zusammenfließt in ihrem geistigen Wesenskern mit dem, was da der Geist der Erde durchlebt, dann kann der Menschenseele, wenn sie in sich noch die primitiven Naturzustände hat, aufgehen ein Schauen der geistigen Welt, das sich die Menschheit wird allmählich wieder erringen müssen durch ihr Hineinstreben in diese geistige Welt. Und so sehen wir denn, wie dieser Olaf Åsteson durchlebt im Grunde dasjenige, was wir wiederum herausholen aus der geistigen Welt. Denn ob dieser Brooksvalin, und wir Kamaloka oder Seelenwelt und geistige Welt sagen, ob wir andere Bilder gebrauchen, als in der Sage von Olaf Åsteson gebraucht werden, darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß wir einsehen, daß die Menschheit ausgegangen ist in ihrer Seelenentwickelung von einem ursprünglichen, primitiven Hellsehen, von einem Verbundensein mit der geistigen Welt, daß dieses aber verlorengehen mußte, damit sich die Menschheit jenes Denken, jenes bewußte Darinnenstehen in der Welt aneignen konnte, durch das sie durchgehen muß, aus dem heraus sie aber nun wiederum entwickeln muß ein höheres Anschauen der geistigen Welt. Ich möchte sagen, dieselbe geistige Welt ist es, die das primitive Hellsehen verlassen hat, in die das entwickelte Schauen sich wiederum hineinlebt. Aber der Mensch hat einen Zustand durchgemacht, durch den er sich anders in diese geistige Welt hineinlebt.
[ 3 ] Nun ist es wichtig, eine Empfindung davon zu entwickeln, daß wirklich mit der Verwandlung des Erdenzustandes im Laufe des Jahres verknüpft ist ein inneres geistig-seelisches Werden der geistig-seelischen Wesenheit, die mit der Erde so verbunden ist, wie die Seele des Menschen verbunden ist mit der physischen Wesenheit des Menschen. Und wer die Erde für dasjenige hält, für das sie die Geologen ausgeben, wofür sie die sonstigen Naturwissenschaften heute in ihrer materialistischen Gesinnung gerne ausgeben möchten, der kennt von der Erde so viel, als irgendein Mensch von einem anderen Menschen kennt, von dem man ihm ein Modell in Papiermaché gibt, ohne daß dieses angefüllt ist mit demjenigen, was die Seele eben in die äußere Natur des Menschen hineingießt. Wirklich nur ein Papiermaché-Abdruck ist dasjenige, was uns die äußere Naturwissenschaft von der Erde gibt. Und wer sich nicht bewußt zu sein vermag, daß zwischen dem Winter- und dem Sommerzustande der Erde ein seelischer Unterschied ist, der ist wie einer, der nicht einen Unterschied zwischen Wachen und Schlafen sieht. Die großen Wesenheiten der Natur, in denen wir darinnenleben, die machen ebenso geistige Verwandiungszustände durch wie der Mensch selber, der ein mikrokosmischer Abdruck des großen Makrokosmos ist. Und darauf beruht es auch, daß wirklich das Miterleben, auch das geistige Miterleben mit der Natur, eine gewisse Bedeutung hat. Und derjenige, der aufbringen kann ein Bewußtsein davon, daß gerade in diesen dreizehn Nächten mit der Erdseele etwas vorgeht, das man mitmachen kann, der wird einen der Wege haben, durch den man sich immer mehr und mehr in die geistigen Welten hineinleben kann.
[ 4 ] Das Gefühl für dieses Miterleben desjenigen, was im großen Weltendasein gelebt wird, das ist der heutigen Menschheit verlorengegangen. Es kennt der Mensch kaum viel mehr noch von dem Unterschied zwischen Winter und Sommer, als daß man im Winter die Lampe früher anstecken muß als im Sommer, daß es im Winter kalt ist und im Sommer warm. Daß in früheren Zeiten wirklich die Menschen ein Miterleben gehabt haben mit der Natur, das sich darin ausdrückte, daß sie erzählten, wenn auch in bildlicher Weise, von Wesenheiten, die, wahrend die Schneeflocken fallen, durch das Land ziehen, die, während der Sturm braust, durch die Gegend gehen. In seinem tiefsten Sinne versteht das der heutige materialistische Sinn des Menschen nicht mehr. Im tiefsten Sinne kann der Mensch wiederum zusammenwachsen damit, wenn er seinen Blick richtet auf dasjenige, was noch alte Sagen erzählen, insbesondere so tiefe Sagen, wie die Olaf-Åsteson-Sage ist, die in so schöner Weise veranschaulicht, wie ein einfacher, primitiver Mensch hineinwächst bei physischer Bewußtlosigkeit in das helle Licht der geistigen Anschauung. Wir wollen diese Sage jetzt einmal vor unsere Seele ziehen lassen, die Sage, die gelebt hat in älteren Jahrhunderten, die verlorengegangen ist und die aus den Volkserinnerungen wieder aufgezeichnet worden ist. Es ist eine der schönsten Sagen des Nordens, weil sie in wunderbarer Art von tiefen Weltgeheimnissen spricht, insofern es Weltgeheimnisse sind, durch welche die Menschenseele mit der Weltseele zusammenhängt.
[ 5 ] (Es folgte die Rezitation von: «Das Traumlied vom Olaf Åsteson», siehe Seite 173)
[ 6 ] Da wir heute noch zusammensein können, meine lieben Freunde, so dürfen wir vielleicht einiges besprechen, das dem einen oder anderen nützlich sein kann, wenn er mancherlei von dem überblickt, was wir im Laufe der Jahre uns geisteswissenschaftlich erworben haben.
[ 7 ] Wir wissen ja — es ist in den öffentlichen Vorträgen in der letzten Zeit auch betont worden —, daß zugrunde liegt demjenigen, was als das Äußere des Menschen für äußere Sinne sichtbar ist, ein geistiger Wesenskern des Menschen, der gewissermaßen aus zwei Gliedern sich zusammensetzt. Das eine Glied haben wir kennengelernt als dasjenige, was vor das geistige Auge tritt, wenn dieses geistige Auge die Erfahrung macht, die man gewöhnlich bezeichnet als «vor die Pforte des Todes treten»; das andere Glied des Innenlebens tritt vor die menschliche Seele, wenn der Mensch gewahr wird, wie zu all seinen Willenserlebnissen ein innerer Zuschauer da ist, ein Zuschauer, der eben immer vorhanden ist. So daß wir sagen können: Das menschliche Denken, wenn wir es vertiefen durch die Meditation, zeigt, daß im Menschen innerhalb seines eigentlichen geistigen Wesenskernes immer etwas vorhanden ist, was in bezug auf den äußeren physischen Leib mitwirkt an dem Abbau des menschlichen Organismus, an jenem Abbau, der zuletzt in den Tod ausläuft. Wir wissen aus diesen Betrachtungen, die da angestellt worden sind, daß die eigentliche Kraft des Denkens nicht liegt in etwas Aufbauendem, sondern in etwas gewissermaßen Abbauendem. Dadurch, daß wir sterben können, daß wir unseren Organismus im Laufe des Lebens zwischen Geburt und Tod so entwickeln, daß er sich auflösen kann, verteilen kann in die Weltenelemente, sind wir in der Lage, uns das Organ zu schaffen, durch das wir die edelste Blüte des physischen Menschendaseins entwickeln, das Denken. Aber im Innern des menschlichen Lebens, dieses Lebens zwischen Geburt und Tod, ist wie eine Art Lebenskeim für die Zukunft, wie ein Lebenskeim, der besonders geeignet ist, durch die Pforte des Todes zu schreiten, dasjenige vorhanden, was in der Willensströmung sich entwickelt und eben als der charakterisierte Zuschauer beobachtet werden kann.
[ 8 ] Wie gesagt, es muß immer wieder und wiederum wiederholt werden, daß dasjenige, was da das geistige Schauen vor die Seele des Menschen bringt, nicht etwas ist, was sich erst durch das geistige Schauen entwickelt, sondern was immer vorhanden ist, immer da ist, und was die Menschen, in unserem gegenwärtigen Zeitalter namentlich, nur nicht sehen sollen; man darf schon sagen: nicht sehen sollen. Denn die Entwickelung des geistigen Lebens hat namentlich in den letzten Jahrzehnten einen solchen Fortgang genommen, daß}, wer sich so recht überläßt demjenigen, was man heute im materialistischen Zeitalter das «geistige Leben» nennt, sich gerade einen Schleier breitet über dasjenige, was im Innern des Menschen lebt. Diejenigen Begriffe und Ideen werden in unserem gegenwärtigen Zeitalter am meisten entwickelt, die am stärksten verbergen dasjenige, was geistig im Menschen vorhanden ist. Wir dürfen schon einmal, um uns in der rechten Weise zu stärken für unsere besondere Aufgabe, insofern wir in der Geisteswissenschaft stehen, gerade in bedeutungsvoller Jahreszeit auf die ganz besonders finstere Seite des heutigen Geisteslebens hinweisen, die ja auch vorhanden sein muß, wie die Finsternis in der äußeren Natur vorhanden sein muß, aber die man eben wahrnehmen muß, deren Dasein man sich zum Bewußtsein bringen muß. Wir durchleben gewissermaßen eine finstere Kulturzeit in bezug auf das geistige Leben. Wir haben nicht notwendig, immer wiederum darauf aufmerksam zu machen, daf3 wir die großen Errungenschaften, auf welche die Menschheit dieses finsteren Zeitalters so stolz ist, wohl zu würdigen wissen; aber dabei bleibt doch in bezug auf die geistigen Angelegenheiten die Sache bestehen, daß die Begriffe und Ideen, die in unserer Zeit geschaffen werden, gerade für diejenigen, die sich am eifrigsten in diese Begriffe hineinversetzen, am meisten verhüllen dasjenige, was in der Seele des Menschen lebt. Und so darf denn auch das Folgende erwähnt werden:
[ 9 ] Besonders stolz ist unser Zeitalter auf sein klares Denken, das es sich angeeignet haben will durch die bedeutsame wissenschaftliche Schulung. Besonders stolz, sage ich, ist unser Zeitalter. Allerdings nicht so stolz, daß das etwa zur Folge hätte, daß jetzt alle Menschen recht viel denken wollten. Nein, das hat es nicht im Gefolge, sondern es hat im Gefolge, daß die Menschen sagen: Nun ja, in unserem Zeitalter, da muß man viel denken, wenn man etwas wissen will über die geistige Welt. Selber darüber etwas zu denken ist jedoch schwer. Aber die Theologen, die tun das, die denken darüber nach! Also, da unser Zeitalter ein sehr fortgeschrittenes ist, das ja erhaben ist über das finstere Zeitalter des Autoritätsglaubens, so muß man hinhören auf diejenigen, die über geistige Dinge denken können, auf die Theologen. Und fortgeschritten ist unser Zeitalter in bezug auf die Rechtsbegriffe, die Begriffe, was recht und unrecht ist, was gut und böse ist. Unser Zeitalter ist das Zeitalter des Denkens. Aber, daß diese Vorstellung so weit hinaus ist über den Autoritätsglauben, das hat nicht dazu geführt, daß jeder sich dem unterziehen will, tiefer nachzudenken über Recht oder Unrecht, sondern darüber denken die Juristen. Und weil wir schon einmal über das Zeitalter des Autoritätsglaubens hinaus sind, muß man es den aufgeklärten Juristen überlassen, zu denken über das, was gut und böse, was recht und unrecht ist. Und in bezug auf körperliche Verhältnisse, auf körperliche Heilungen: Weil man da erst recht nicht weiß, was zuträglich oder unzuträglich sein könnte in diesem Zeitalter, das so frei sein will von Autoritätsglauben, geht man zu den Ärzten. Das könnte auf allen Gebieten ausgeführt werden. Gerade viele Anlagen hat ja unser Zeitalter nicht, zu verzweifeln etwa wie Faust, in der Art:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor...
[ 10 ] Es befolgt davon nur das eine, daß es eigentlich nichts von dem wissen will, woran der Faust irregeworden ist, aber um so mehr wissen will, wovon andere alles klar wissen auf den verschiedensten Gebieten, wo man über Wohl und Wehe des Menschen entscheiden will.
[ 11 ] Auf unser Denken ist unser Zeitalter so ungeheuer stolz, so stolz, daß diejenigen, die es dahin gebracht haben, sagen wir, gar einmal etwas Philosophisches zu lesen in ihrem Leben — nun, ich will mich nicht so weit versteigen, daß sie Kant gelesen haben, sondern vielleicht irgendeinen Auszug aus Kant —, sich klar darüber sind, daß derjenige, der irgend etwas im Sinne der Geisteswissenschaft über die geistigen Welten behauptet, sich versündigt gegen das unwiderruflich Festgestellte des Kantianismus. Wird doch oft gesagt, es habe das ganze neunzehnte Jahrhundert gearbeitet, dieses menschliche Denken zu entwickeln, dieses menschliche Denken in kritischer Weise zu untersuchen. Und «kritische Denker» nennen sich heute viele, die nur ein wenig von diesen Dingen vernommen haben. So gibt es zum Beispiel heute Menschen, die sagen, der Mensch habe Grenzen der Erkenntnis, weil er ja die äußere Welt durch seine Sinne wahrnehme; aber die Sinne könnten doch nur dasjenige geben, was sie eben in sich erzeugen, also nehme der Mensch die Welt wahr, wie sie auf seine Sinne wirkt, und könne daher nicht hinter die Dinge der Welt kommen, denn er könne die Grenze seiner Sinne niemals überschreiten: Bilder nur der Wirklichkeit könne der Mensch bekommen! Und viele sagen ja gerade aus der Tiefe ihrer Philosophie heraus, die Menschenseele habe nur Bilder der Welt, und daher könne sie niemals zum «Ding an sich» in irgendeiner Weise kommen, man könne dasjenige, was wir durch unsere Sinne haben, durch unsere Augen, Ohren und so weiter, nur mit Spiegelbildern vergleichen. — Gewiß, wenn ein Spiegel da ist und Bilder entwirft, das Bild eines Menschen, das Bild eines zweiten Menschen, und wir schauen die Bilder an, so haben wir eine Bilderwelt. Nun kommen die Philosophen und sagen: So wie der Mensch, der einen zweiten Menschen nicht direkt ansieht, sondern im Spiegelbild, eine Bilderwelt hat, wie der nicht das «Ding an sich» der Menschen ansieht, sondern die Bilder, so hat man eigentlich von der ganzen äußeren Welt nur die Bilder. Indem die Licht- und Farbenstrahlen in unser Auge, die Luftwellen in unser Ohr fallen: Bilder, alles Bilder! — Das hat das kritische Zeitalter ergeben, daß der Mensch in seiner Seele nur Bilder entwirft und daher niemals durch die Bilder hindurch an das «Ding an sich» kommen kann. Unendlicher Scharfsinn — im Ernste sage ich das jetzt — ist von philosophischer Seite im neunzehnten Jahrhundert aufgebracht worden, um zu beweisen, daß der Mensch nur Bilder hat und nicht an das «Ding an sich» kommen kann. Woher rührt denn eigentlich diese kritische Resignation, dieses Daraufbestehen, daß es zu, wie man sagt, «Erkenntnisgrenzen» führt, wenn man also die Bildernatur unseres Anschauens enthüllt? Das rührt davon her, weil in vieler Beziehung das Denken unserer Zeit, in unserem aufgeklärten Zeitalter, ein verwahrlostes Denken geworden ist, ein kurzsinniges Denken, ein Denken, das in der pedantischsten Weise sich einen Begriff aufwirft und nicht über diesen Begriff hinauskommen kann, diesen Begriff wie einen hölzernen Hampelmann sich vorhält, und das, was dieser hölzerne Hampelmann nicht gibt, nicht mehr finden kann. Es ist ja, man kann sagen, fast unglaublich, wie sehr das Denken in unserer Zeit sich verhärtet, sich verholzt hat.
[ 12 ] Ich will Ihnen die ganze Geschichte mit dieser Bildnatur unserer Weltanschauung und dem, was das sogenannte kritische Denken, das fortgeschrittene Denken, gemacht hat, einmal gerade aus dem Vergleich mit dem Spiegelbild klarmachen. Das ist nämlich ganz richtig, wovon die Leute ausgehen, daß die Welt, so wie sie der Mensch hier im Sinnendasein hat, nur dadurch da ist, daß sie Eindruck auf ihn macht, Bilder in seiner Seele entwirft, und es ist gut, daß die Menschheit durch die kritische Philosophie, durch den Kantianismus, auf die Sache gekommen ist. Wir können also durchaus sagen: Die Bilder, die wir haben von der Außenwelt, sind so, daß wir sie vergleichen können mit den Spiegelbildern: Da haben wir einen Spiegel, zwei Menschen stehen davor, wir schauen aber nicht die Menschen an, sondern die Bilder. So haben wir Bilder von der Welt durch das, was unsere Seele als Bilder von der Welt entwirft, wir haben Bilder, die wir vergleichen mit zwei Menschen, deren Spiegelabbild wir anschauen. Aber nur jemand, der nie Menschen gesehen hätte, nur Bilder, der würde philosophieren können: «Ich kenne nichts von den Menschen, sondern nur die toten Spiegelbilder.» So schließen aber die kritischen Philosophen. Sie bleiben dabei stehen. Sie wurden sich sogleich in sich selbst widerlegt finden, wenn sie von ihrem Hampelmann des Denkens ein klein wenig weiterkommen könnten, aus dem toten Denken in das lebendige Denken. Denn wenn ich vor dem Spiegel stehe, und da stehen zwei Menschen im Spiegel drinnen, und ich sehe, daß der eine Mensch dem andern eine ordentliche Ohrfeige herunterhaut, so daß der andere sogar blutet, dann würde ich ein Tor sein, wenn ich sagte: Das eine Spiegelbild hat das andere geschlagen. — Da sehe ich nicht mehr bloß das Spiegelbild, sondern durch das Bild sehe ich reale Vorgänge. Ich habe nichts als das Bild, aber ich sehe einen höchst realen Vorgang durch das Spiegelbild hindurch. Und ein Narr wäre ich, wenn ich glaubte, das wäre nur im Spiegelbild vorgegangen. Das heißt, die kritische Philosophie faßt den einen Gedanken: Wir haben es mit Bildern zu tun —, aber nicht mehr den andern Gedanken, daß diese Bilder etwas zum Ausdruck bringen, daß darinnen etwas lebt. Und wenn man diese Bilder erfaßt in lebendiger Art, dann gibt das mehr als die Bilder, dann weist es hin auf das, was das «Ding an sich» ist, was die reale Außenwelt ist.
[ 13 ] Kann man da noch sagen, daß die Leute denken können, die solch eine «kritische» Philosophie geben? Das Denken ist, in einem gewissen hohen Grade, ein verwahrlostes in unserer Zeit. Es ist wirklich ein verwahrlostes. Aber man ist bei dem Kritizismus des Denkens stehengeblieben. Ich habe öfter erwähnt, daß dieser Kritizismus, diese kritische Philosophie in unserer Kultur sogar vorgeschritten ist und daß ein Mann in ehrlichem Streben — «ehrenwerte Männer» sind sie alle, ehrlich ist das Streben durchaus — zu einer «Kritik der Sprache» gekommen ist: Fritz Mauthner hat eine «Kritik der Sprache» geschrieben, drei dicke Bände, und noch ein philosophisches Wörterbuch von diesem Standpunkte aus, das zwei noch viel dickere Bände hat. Und eine ganze journalistische Leithammelei ist hinter dem Journalisten Fritz Mauthner her und hält das selbstverständlich für ein großes Werk. Und in unserer Zeit, in der ja der Autoritätsglaube «keine Bedeutung» hat, halten sehr viele, die gerade auf jenem Parteistandpunkte stehen — wie die Zeitungen, deren Journalist Fritz Mauthner war — das für ein bedeutendes Werk; denn «es gibt ja heute keinen Autoritätsglauben».
[ 14 ] Nun, sehen Sie, Mauthner kommt dazu, zu erklären, daß der Mensch sich Substantive bildet, Adjektive bildet, aber die bedeuten alle nichts Wirkliches. In der äußeren Welt erlebe man nicht, was die Worte bedeuten. Man lebe sich so hinein in die Worte, daß man eigentlich nicht seine Gedanken und Seelenbilder habe, sondern eigentlich nur Worte, Worte, Worte. — Der Mensch finde sich in die Sprache hinein, die Sprache gebe den Wortvorrat. Und weil er gewöhnt sei, sich an die Sprache zu halten, komme der Mensch nur zu den Zeichen der Dinge, die im Worte gegeben sind. — Das soll nun etwas ganz Bedeutsames sein. Und wenn man die drei Bände von Mauthner durchliest — wenn Sie einmal etwas angestellt haben, was Ihre Seele sich selber vorwirft, meine lieben Freunde, dann ist es eine gute Strafe für Sie, wenn Sie sich dazu verurteilen, wenigstens die Hälfte dieser Bände zu lesen —, dann findet man, daß ihr Verfasser im höchsten Grade davon überzeugt ist — ja, man kann es nicht anders ausdrücken —, gescheiter zu sein als die gescheitesten anderen Leute des Zeitalters. Immer ist ja der, der gerade an seinem Buche sitzt, gescheiter als die anderen, selbstverständlich!
[ 15 ] So ist Fritz Mauthner endlich dahintergekommen, wie der Mensch immer nur Zeichen hat. Er ist sogar zu noch mehr gekommen. Sehen Sie, er ist dazu gekommen, folgendes zu sagen: Der Mensch hat Augen, Ohren, einen Gefühlssinn — nun, eine Anzahl von Sinnen hat halt der Mensch. Ja, aber der Mensch könnte zum Beispiel, so meint Fritz Mauthner, nicht nur Augen und Ohren und Gefühlssinn und Geruchssinn haben, sondern noch ganz andere Sinne. Er könnte zum Beispiel noch einen Sinn außer dem Auge haben. Dann würde er, so wie er durch die Augen Bilder wahrnimmt, mit den anderen Sinnen ganz anders die Welt wahrnehmen. Also würde es noch vieles geben, was es für den jetzigen Menschen nicht gibt. Und jetzt fühlt sich der kritische Denker sogar ein wenig mystisch beseelt und sagt: Der unermeßliche Reichtum der Welt, der wird uns also nur durch unsere Sinne gegeben. Und er nennt diese Sinne «Zufallssinne», weil er meint, es sei ein weithistorischer Zufall, daß wir just diese Sinne haben. Hätten wir andere Sinne, so wurde die Welt anders ausschauen. Also tut man am besten, zu sagen, wir haben Zufallssinne. Also eine Zufallswelt! Aber die Welt ist unermeßlich. — Es klingt schön! Einer derjenigen, die hinter Fritz Mauthner herlaufen, hat eine Broschüre geschrieben: «Skepsis und Mystik.» In dieser Broschüre wird ganz besonders darauf aufmerksam gemacht, wie man nun aus der Tiefe seiner Seele heraus ja sogar Mystiker werden dürfe, wenn man nicht mehr an dasjenige glaube, was die Zufallssinne geben können. Da finden wir einen schönen Satz; auf Seite 12 des Buches, da heißt es:
[ 16 ] «Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unserer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unseren alten Wortvorrat fest, da wir nichts anderes haben, womit wir es halten können. Die Welt strömt aber weiter, auch unsere Sprache strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen der Sprachgeschichte, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.»
[ 17 ] Auch eine Weltanschauung! Was will sie? Sie sagt: Die Welt ist unermeßlich, aber wir haben so eine Anzahl Zufallssinne, da strömt die Welt ein. Was machen wir mit dem, was da einströmt? Was machen wir damit, nach dem Zufallsgerede dieses Herrn? Wir erinnern uns an das, was die Herren Gedächtnis nennen, hängen das an, kleben das an, an die Worte, die wir aus der Sprache übermittelt erhalten haben, und die Sprache strömt ihrerseits wiederum weiter. Wir reden also über dasjenige in den Wortzeichen, was uns durch die Zufallssinne von dem unermeßlichen Weltendasein hereingeströmt ist. — Ein scharfsinniges Denken! Ich sage das wiederum im Ernst, meine lieben Freunde: es ist ein scharfsinniges Denken. Man muß in unserer Zeit immerhin ein gescheiter Mensch sein, um so etwas zu denken. Und man kann schon sagen von diesen Leuten, nicht nur sind sie ehrliche Leute — ehrenwert sind sie alle —, sondern: sie sind bedeutende Denker. Aber sie sind verstrickt mit dem Denken, das das Denken unseres Zeitalters ist, und sie haben keinen Willen, aus diesem Denken herauszukommen.
[ 18 ] Ich habe mir eine Art «Weihnachtstrauer» — Freude kann man nicht sagen, es ist eine Weihnachtstrauer geworden — dadurch gemacht, daß ich wiederum aus diesem Zusammenhang heraus einzelne dieser Sachen anschauen mußte, und ich habe mir einen Gedanken aufgeschrieben, der ganz genau nach dem Muster dieses Denkers geformt ist, der da das beschrieben hat, was ich eben vorgelesen habe. Schauen wir es uns noch einmal an:
[ 19 ] «Die Welt strömt auf uns zu, mit den paar armseligen Löchern unserer Zufallssinne nehmen wir auf, was wir fassen können, und kleben es an unseren alten Wortvorrat fest, da wir nichts anderes haben, womit wir es halten können. Die Welt strömt aber weiter, auch unsere Sprache strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen der Sprachgeschichte, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.»
[ 20 ] Ich habe den Gedanken auf einen anderen Gegenstand angewendet, genau denselben Gedanken, dieselbe Gedankenform; da ergibt sich das Folgende: «Goethes Genialität strömt auf das Papier, mit den paar armseligen Formen seiner Zufallsbuchstaben nimmt das Papier auf, was es fassen kann, und läßt sich aufdrucken, was es aufnehmen kann nach dem alten Buchstabenvorrat, da nichts anderes da ist, wodurch ihm etwas aufgedruckt werden kann. Goethes Genialität strömt aber auch weiter, auch der Schriftausdruck auf dem Papier strömt weiter, nur nicht in derselben Richtung, sondern nach den Zufällen, in denen sich Buchstaben gruppieren können, für die sich Gesetze nicht aufstellen lassen.» — Es ist ganz genau derselbe Gedanke, ich habe bei jedem Wort genau achtgegeben, es ist derselbe Gedanke! Wenn jemand behauptet: Die unermeßliche Welt strömt auf uns zu, wir nehmen sie auf mit den paar Zufallssinnen, wie wir es eben können, kleben sie an unseren Wortvorrat an; die Welt strömt weiter, die Sprache strömt in einer anderen Richtung, nach den Zufällen der Sprachgeschichte, und so verfließe das menschliche Erkennen — so ist das eben genau derselbe Gedanke, wie wenn jemand sagt: Goethes Genialität fließt durch die 23 Zufallsbuchstaben, weil das Papier eben nur dadurch die Sache aufnehmen kann; aber Goethes Genialität ist doch niemals dadrinnen, sie ist unermeßlich! Die Zufallsbuchstaben können das nicht aufnehmen, sie strömen weiter. Dasjenige, was da auf dem Papier ist, strömt auch weiter und gruppiert sich nun nach den Bildungen, in denen sich die Buchstaben gruppieren können und deren Gesetze man nicht erkennen kann. — Wenn nun die sehr gescheiten Herren schließen aus solchen Voraussetzungen: Also ist dasjenige, was wir in die Welt hereinbekommen, eben das Ergebnis von Zufallssinnen, und man kann nicht kommen auf dasjenige, was eigentlich der Welt im Innersten zugrunde liegt, dann ist das genau so, wie wenn jemand darüber nachdenkt, wie eigentlich jemals ein Mensch das aufnehmen kann, was eigentlich in Goethes Genialität gelebt hat. Denn es ist doch klar: Es ist ja nichts da von dieser Genialität als die Gruppierung von 23 Zufallsbuchstaben; es ist nichts anderes da! Genau denselben Gedanken haben diese Herren, sie werden es nur nicht gewahr. Und so viel Wert es hat, wenn jemand sagt: Nichts, nichts, nichts kann jemals ein Mensch wissen von Goethes Genialität, denn siehst du denn nicht, daß nichts von ihr auf dich fließen kann? Du kannst ja nichts anderes haben, als was die verschiedene Gruppierung von 23 Zufallszeichen gibt — so viel Sinn dieses hätte, so viel Sinn hat das Gerede, das diese Herren vollbringen über Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit des Welt-Erkennens. Genau so viel Sinn hat dieses ganze Denken — nicht das Denken der Tröpfe, sondern das Denken derjenigen, die heute wirklich die gescheiten Menschen sind, die nur nicht hinauswollen aus dem Denken unseres Zeitalters.
[ 21 ] Die Sache hat aber wirklich noch eine andere Seite. Wir müssen uns klar sein darüber: Dieses Denken, das uns da an einem solchen Beispiel entgegentritt, wo es Grenzen der Erkenntnis feststellt, dieses Denken ist unser Denken im gegenwärtigen Zeitalter. Dieses Denken herrscht heute, es lebt überall. Und ob Sie heute dieses oder jenes noch so tief scheinende philosophische Buch lesen, das oftmals große Welträtsel lösen — oder verhüllen — will, oder ob Sie in der Zeitung lesen, überall regiert dieses Denken. Die Art und Weise dieses Denkens regiert. Sie regiert auch die Welt. Sie schlürft der Mensch heute mit seinem Morgenkaffee ein — nicht gerade heute allerdings, weil Meinungen heute in den Zeitungen nicht stehen dürfen, aber sonst, wenn Meinungen in den Zeitungen stehen dürfen. Er schlürft sie ein, es erscheinen ja mehr und mehr Tageszeitungen, in denen Meinungen drinnenstehen. Aber auch im ganzen Gewebe unseres sozialen Zusammenlebens lebt diese Art des Denkens. Ich habe es an der philosophischen Entwickelung klarzulegen versucht, dieses Denken, aber man könnte es klarlegen in den Gedanken, die sich die Menschen machen über alle möglichen Lebensverhältnisse: in allem, worüber die Menschen nachdenken, lebt dieses Denken heute. Und daß es lebt, das ist die Ursache davon, daß die Menschen nicht den Willen entwickeln können, das wirklich zu empfinden, was zum Beispiel Geisteswissenschaft geben will. Denn unverständlich ist es nicht für ein Denken, das ein wirkliches Denken ist. Aber selbstverständlich muß dasjenige, was Geisteswissenschaft geben kann, immer unverständlich bleiben für Menschen, die, sagen wir also, nach dem Schnitt von Fritz Mauthner konstruiert sind. Aber nach diesem Schnitt ist eben die Mehrzahl der Menschen heute konstruiert. Dieses Denken lebt in unserer zeitgenössischen Wissenschaft wirklich ganz und gar drinnen. Damit wird nichts gesagt gegen die Bedeutung und die großen Errungenschaften dieser Wissenschaft; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, wie das Seelische in unserer Zeit, in unserer ganzen Kultur lebt. Unserer Zeit fehlt ganz und gar die Möglichkeit, mit ihren Gedanken beweglich zu sein, wirklich zu folgen dem, dem man eben folgen muß, wenn diese Gedanken begreifen sollen dasjenige, was die Geisteswissenschaft mitzuteilen hat.
[ 22 ] Nun können wir uns aber fragen: Wie kommt es denn, daß zum Beispiel ein solches Buch geschrieben werden kann wie das, was ich hier vor mir habe: «Skepsis und Mystik» von Gustav Landauer, ein Buch, das von Selbstgefälligkeit nur so trieft. Man trieft selber, wenn man es gelesen hat, möchte ich sagen, von der ganzen Stimmung der Selbstgefälligkeit, die da drinnen ist, wie man trieft, wenn man Mauthners «Sprachkritik» gelesen hat oder Artikel aus dem «Philosophischen Wörterbuch». Wie kommt denn das? Wie es kommt, das erfährt man nicht, wenn man das Denken verfolgt. Ich kann mir sehr gescheite Menschen denken, die solch ein Buch in die Hand bekommen, es durchlesen und sagen: Das ist ein grundgescheiter Mensch! Sie haben recht, und Mauthner ist auch ein gescheiter Mensch. Daran liegt es nicht, denn Gescheitheit drückt sich ja dadurch aus, daß man in einer gewissen logischen Weise die Begriffe, die man sich bilden kann, eben bildet, auseinanderquasselt, und wieder bildet in irgendeiner Weise. Daran liegt es nicht. Man kann auf diesem oder jenem Gebiet eine große Gescheitheit haben, eine ganz richtige Gescheitheit, aber wenn man in das Leben hereinkommt, das getragen wird von dem Bewußtsein geistiger Erkenntnis, dann entwickelt sich mit jedem Schritt ein gewisses Verhältnis zur Welt so, daß man das Gefühl hat: Du mußt immer weiter und weiter. Mit jedem Tag mußt du deine Begriffe vervollkommnen. Zu dem Glauben mußt du dich entwickeln, daß du mit deinen Begriffen immer weiterkommen kannst. Bei dem, der ein solches Buch geschrieben hat, hat man das Gefühl, daß er in dieser Weise gescheit ist: Der 21. Dezember 1915. Ich bin gescheit und ich habe mir durch meine Gescheitheit etwas ganz Bestimmtes errungen. Das schreibe ich jetzt in ein Buch hinein. Das, was ich jetzt bin, das schreibe ich in ein Buch, denn ich bin gescheit am 21. Dezember 1915! Das Buch wird dann fertig werden und gibt meine Gescheitheit wieder! — Dieses Gefühl hat man, wenn man ein wirklich Erkennender ist, nie. Sondern man hat das Gefühl eines fortwährenden Werdens, einer fortwährenden Notwendigkeit, alle Begriffe zu läutern, hinaufzuentwickeln. Und in der Regel hat man dann nicht das Gefühl: Am 21. Dezember 1915, da bin ich gescheit; jetzt schreibe ich ein Buch, das meine Gescheitheit eingegeben hat; das wird dann fertig sein nach Monaten oder Jahren — sondern hat man ein Buch geschrieben, blickt man wahrhaftig nicht zurück auf die Gescheitheit, die man hatte, als man anfing, das Buch zu schreiben, sondern man hat durch das Buch das Gefühl bekommen: Wie wenig hast du eigentlich mit der Sache geleistet und wie nötig hast du gerade, durch das, was du da hingeschrieben hast, dich weiter zu entwickeln. Dieses Sich-auf-den-Weg-der-Erkenntnis-Begeben, dieses stetige innere Arbeiten, das kennt das materialistische Zeitalter fast gar nicht mehr, es glaubt es vielfach zu kennen, es kennt es aber nicht mehr wirklich. Und, sehen Sie, der tiefste Grund ist der, den man eben in die Worte fassen kann: Diese Leute sind so unbändig eitel. Ich sagte: es trieft solch ein Buch, es trieft eigentlich von Eitelkeit. Gescheit ist das Buch, aber ungeheuer eitel. Jenes Selbstbescheiden, jene Demut, die sich einem solchen Erkenntniswege ergibt, wie eben dargelegt, sie fehlen da ganz. Sie sind überhaupt nicht da, wenn man sich am 21.Dezember 1915 die Gescheitheit bedingungslos zuspricht. Sie kann nicht da sein, diese Demut.
[ 23 ] Nun werden Sie sagen: Ja, die Leute wären doch dumm, wenn sie sich für gescheit halten würden. — Mit dem Oberbewußttsein tun sie es auch nicht, aber im Unterbewußtsein tun sie es doch. Sie lernen eben nie unterscheiden zwischen dem, was als Wahres sich belebt im Unterbewußtsein, und dem, was sie sich im Oberbewußtsein vormachen. Und so ist es die luziferische Natur des Menschen, die eigentlich die heutige Menschheit dazu treibt, klug sein zu wollen, auf einem bestimmten Standpunkt der Klugheit zu stehen und von da aus alle Dinge überschauen zu können, über alle Dinge etwa urteilen zu können. Aber wenn man diesen Luzifer in sich trägt, dann wird man, indem man mit diesem Luzifer die äußere Welt überschaut, zu Ahriman hingeführt und sieht diese äußere Welt für unser Zeitalter ganz selbstverständlich materialistisch. Dann, wenn man mit Luzifer im Leibe beginnt die Welt anzuschauen, dann trifft man, wenn man sie anschaut, Ahriman. Denn die beiden suchen einander in dem menschlichen Umgang mit dieser Welt. Daher kommt ein solches Denken, das so grundeitel ist, nicht einmal dazu, sich das Folgende überlegen zu können: Wenn ich ein Wort gebrauche, hat man selbstverständlich nur ein Zeichen für dasjenige, was das Wort bedeutet. — Mauthner hat die grandiose Entdeckung gemacht, daft es Substantive nicht gibt. Es gibt keine! Sie sind keine Wirklichkeit, selbstverständlich nicht! Nicht wahr, wir fassen gewisse Erscheinungen, die wir einen Moment erstarrt denken, auf, und nennen die mit einem Substantiv. Gewiß, Substantive sind keine Wirklichkeit; Adjektive auch nicht. Ganz selbstverständlich nicht. Das ist alles wahr. Aber wenn ich nun ein Substantiv und Adjektiv zusammenfasse, wenn ich die Sprache in Fluß bringe, dann drückt sie Realität, Wirklichkeiten aus. Dann geht das Bild innerhalb der Bildnatur, in dem, daß es eben Bild ist, über sich selber hinaus. Alle einzelnen Worte sind keine Wirklichkeit, aber wir sprechen ja nicht in einzelnen Worten, sondern wir sprechen ja in Wortzusammenhängen. Und in ihnen haben wir ein unmittelbares Drinnenstehen in der Wirklichkeit. Drei Bände mußten heute geschrieben werden, und ein zweibändiges Wörterbuch noch dazu, um den Menschen alle diese Dinge mit Gedanken unendlicher Gescheitheit vorzutragen, die einfach hinwegsehen darüber, daß, weil einzelne Worte nur Zeichen sind, die Verbindung nicht etwas bloß Bezeichnendes ist, sondern in der Realität drinnensteht. Unendliche Weisheit, unendliche Gescheitheit wird heute aufgebracht, um die allergrößten Torheiten zu «beweisen», wie man sagt.
[ 24 ] Daß nun schließlich in einer Kritik der Sprache, selbst in einer Kritik des Denkens, Torheiten sich darleben, das wäre ja nicht besonders schlimm. Aber dasselbe Denken, das sich in diesen Torheiten auslebt, in diesen sehr klugen, sehr gescheiten Torheiten, das lebt in allem übrigen Denken, das die gegenwärtige Menschheit hat. Und wenn wir die Aufgabe, die innerhalb unserer geistigen Bewegung steckt, ergreifen wollen, so gehört wirklich dazu, sich bewußt zu werden, daß diejenigen, die Geisteswissenschafter sein wollen, dahin kommen, ihr Zeitalter in der richtigen Weise zu sehen, wirklich sich zu ihrem Zeitalter in der richtigen Weise zu stellen. So daß wirklich, ich möchte sagen, zu dem Praktischen unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsströmung es schon einmal dazugehört, daß wir versuchen, über das Denken, das sich so charakterisiert, wie wir es heute gesehen haben, hinauszukommen, nicht mitzugehen mit diesem Denken, sondern daß wir versuchen, das Denken wiederum einmal anders zu nehmen. Wir werden geradezu kinderleicht, meine lieben Freunde, zum Verständnis der Geisteswissenschaft kommen, wenn wir nur diejenigen Hindernisse aus dem Wege räumen, die durch das erstarrte, das versteinte Denken in das geistige Kulturleben der Gegenwart hereingekommen sind. Allem gegenüber sollten wir daher jenen Autoritätsglauben, der heute unter der Maske der Autoritätsfreiheit auftritt, gründlich einmal in unserer eigenen Seele beseitigen. Das gehört zu dem praktischen Drinnenleben in unserer Geisteswissenschaft. Und es wird immer notwendiger werden, daß es wenigstens einzelne Menschen gibt, die den Tatbestand, den man also, wie ich heute tat, charakterisieren kann, wirklich durchschauen, und nicht nur durchschauen, sondern ihn auf Schritt und Tritt im Leben ernst nehmen. Darauf kommt es an. Man braucht ja das nicht äußerlich zur Schau zu tragen, aber es ist vieles getan, wenn es einmal eine Anzahl von Menschen gibt, die also, wie es folgt aus diesen Auseinandersetzungen, sich gerade auf ihren Posten im Leben so hinzustellen wissen.
[ 25 ] Wir können an einem bestimmten Gebiete sehen, wie geradezu, ich möchte sagen, kategorisch unser Zeitalter verlangt, daß wir wiederum zu einer Belebung des Denkens kommen. Stellen wir nur kurz etwas vor unsere Seelen hin, was wir oftmals ausführlich vor diese Seelen hingestellt haben: Im Beginne unserer Zeitrechnung ging diejenige Wesenheit, die wir oft charakterisiert haben, die Christus-Wesenheit, durch das Leben eines menschlichen Organismus hindurch und vereinigte sich mit der Erdenaura. Dadurch wurde der Erde, nachdem sie ihren Sinn durch die luziferische Verführung verloren hatte, in ihrer Weiterentwickelung eigentlich erst der rechte Sinn gegeben. Das Ereignis von Golgatha hat sich abgespielt. Sehernaturen, die aber zum größten Teil Sehernaturen im alten Stile waren, haben als Evangelisten dieses Ereignis aufgezeichnet. Paulus, dem auf eine andere Art die Sehernatur aufgegangen ist — wir haben auch das charakterisiert —, Paulus, der durch dasjenige, was man das Ereignis von Damaskus nennt, geistig den Christus geschaut hat, den er so lange geleugnet hatte, als er nur auf dem physischen Plan von ihm hörte, er hat das Mysterium von Golgatha aufgezeichnet. Aus diesen Aufzeichnungen heraus haben eine Anzahl von Menschen die Verbindung ihrer Seele mit diesem Christus-Ereignis gefunden. Durch diese Verbindung mit dem Christus-Ereignis bei einzelnen Menschen breitete sich das Christentum aus. Zuerst war es unterirdisch vorhanden, so daß wirklich das Bild immer wieder vor unsere Seele treten kann: Im alten Rom, unten unter der Erde, halten Christen, diejenigen, die schon das Mysterium von Golgatha mit der Seele begriffen haben, ihren Gottesdienst ab. Droben geht dasjenige vor, was auf der Höhe der Zeit steht, was der eigentliche Inhalt der Zeitkultur ist. Einige Jahrhunderte vergehen. Dasjenige, was unten in den Katakomben vor sich gegangen ist, verborgen, verachtet, das erfülit die Welt. Und dasjenige, was Zeitinhalt war, die alte römische Geisteskultur, verschwindet. Das Christentum breitet sich aus. Aber die Zeit ist heute herangekommen, wo die Menschen angefangen haben zu denken, wo sie gescheit geworden sind, wo sie autoritätsfrei geworden sind. Denker sind aufgetreten, die die Evangelien geprüft haben: ehrliche Denker, gescheite Denker. «Ehrenwerte Männer» sind sie alle. Sie sind dahintergekommen, daß} keine historischen Zeugnisse in den Evangelien vorliegen. Sie haben diese Evangelien durch Jahrzehnte hindurch mit ernster kritischer Arbeit durchstudiert. Sie sind darauf gekommen, daß in den Evangelien keine wirklichen geschichtlichen Zeugnisse vorliegen, daß der Christus Jesus jemals gelebt hat. Nichts ist einzuwenden gegen die kritische Arbeit. Fleißig ist sie. Wer sie kennt, weiß von ihrem Fleiße; wer sie kennt, weiß von ihrer Gescheitheit. Man hat keinen Grund, sie leichten Herzens zu verachten, diese kritische Weisheit. Aber was liegt denn eigentlich in Wirklichkeit vor? Das liegt vor, daß} die Menschen gar nicht sehen, worauf es im Grunde ankommt. So bequem hat es der Christus Jesus den Menschen nicht machen wollen, daß hinterher Historiker auftreten können, die so bequem das Dasein des Christus auf der Erde nachweisen können, wie das Dasein Friedrichs des Großen nachzuweisen ist. So bequem hat es der Christus den Menschen nicht machen wollen — auch nicht machen sollen. So wahr es ist, daß diese kritische Arbeit über die Evangelien gescheit und fleißig ist, so wahr ist es auch, daß eben auf diese Weise gar nicht das Dasein des Christus bewiesen werden soll, denn das wäre ein materialistischer Beweis. Bei allem, was man auf äußere Weise beweist, ist Ahriman mit im Spiel. Aber Ahriman soll nie bei dem Christus-Beweise im Spiele sein, daher gibt es keine historischen Beweise. Daher wird die Menschheit erkennen müssen: Der Christus muß, trotzdem er auf der Erde gelebt hat, durch inneres Erkennen gefunden werden, nicht durch historische Urkunden. Das Christus-Ereignis muß an den Menschen kommen auf geistige Weise, da darf sich nichts von materialistischem Wahrheitsforschen hineinmischen. Es darf sich nichts Materialistisches hineinmischen.
[ 26 ] Das wichtigste Ereignis für die Erdenentwickelung wird niemals auf materialistische Weise bewiesen werden können, gleichsam weil durch die Weltgeschichte den Menschen gesagt werden soll: Eure materialistischen Beweise, dasjenige, was ihr überhaupt in dem materialistischen Zeitalter noch als Beweise gelten lassen wollt, das gilt nur für dasjenige, was im Felde der Materie vorhanden ist. Für das Geistige sollt und dürft ihr keine materialistischen Beweise haben. Da dürfen sogar diejenigen recht haben, die auch die historischen Urkunden zerfasern. Gerade mit Bezug auf das Christus-Ereignis muß in unserem Zeitalter verstanden werden, daß man zu dem Christus nur hinkommen kann auf geistige Art. Niemals wird man ihn in Wirklichkeit auf äußere Art finden. Man kann es sich sagen lassen, daß er existiert, aber wirklich finden kann man den Christus nur auf geistige Art. Das ist wichtig zu bedenken, daß in dem Christus-Ereignis ein Ereignis da ist, über das alle diejenigen im Mißverständnis leben müssen, die keine geistige Erkenntnis zulassen wollen.
[ 27 ] Es ist merkwürdig: Wenn man das ausspricht, was ich jetzt ausgesprochen habe, daß der Christus auf geistige Weise erkannt werden kann — auch dasjenige, was historisch ist, auf geistige Weise erkannt werden kann —, dann zerbrechen sich gewisse Leute darüber den Kopf, daß das ja eigentlich gar nicht möglich sei, und wenn es einer sage, so könne es nicht wahr sein! — Ich habe das wiederholt ausgesprochen. Nun, unsere verehrten anthroposophischen Mitglieder sind noch so, daß sie da oder dort an ungehörigem Orte manches durchsickern lassen, weil sie das noch immer nicht im Herzen tragen und nicht in die rechte Gesinnung gießen, was sie im Herzen haben. Da drang es zu einem Manne durch, an den es in einer besonderen Form herangebracht wurde, ich hätte einmal gesagt — es ist dies zwar eine persönliche Bemerkung, aber vielleicht darf ja einmal eine persönliche Bemerkung gemacht werden —: Persönlich sei ich gar nicht von der Bibel ausgegangen mit Bezug auf meine Jugendentwickelung, sondern ich sei von der Naturwissenschaft ausgegangen, und ich betrachte es als von besonderer Wichtigkeit, daß ich diesen Geistesgang genommen habe und eigentlich von der inneren Wahrheit desjenigen, was in der Bibel steht, überzeugt war, bevor ich sie gelesen hatte; daß ich klar war darüber, als ich dann äußerlich die Bibel gelesen habe, daß ich also in mir die Probe gemacht habe, daß man auf geistige Weise den Inhalt der Bibel finden könne, bevor man ihn nachträglich auf äußerliche Weise findet.
[ 28 ] Es hat dies persönlichen Charakter, aber es kann zur Illustration dienen. Nun, das kam in ungeziemender Weise an einen Mann heran, der nicht verstehen kann, daß es so etwas gibt, denn er ist, verzeihen Sie, Theologe. Er konnte das nicht verstehen. Da wollte er in einem Vortrage seinen Zuhörern die Sache klarmachen, und er tat es auf folgende Weise: Er las in einem Buch, daß ich einmal Ministrantendienste geleistet habe. Ministranten, das sind also Meßknaben, Knaben, die bei der Messe Handreichungen machen. Da sagte er sich: Wer das getan hat, der kann ja unmöglich gar nicht die Bibel kennengelernt haben. Steiner übersieht eben, daß er da ja genau die Bibel kennengelernt hat. Später kamen ihm diese Sachen dann nur von dem Bibelkennen her. — Ja, diese Sache hat aber Häkchen, man kann sagen Haken. Erstens ist die ganze Geschichte nicht wahr, aber das geniert ja heute die Leute nicht, etwas als tatsächlich zu behaupten, was nicht wahr ist. Zweitens lernt man ja als Ministrant bei der Messe niemals die Bibel, sondern das Meßbuch; das hat nichts zu tun mit der Bibel. Aber das Wichtige ist, daß man eben berücksichtigt: Dieser Mann kann sich gar nicht vorstellen, daß es ein geistiges Verhältnis gibt. Er kann sich nur vorstellen, daß man mit den Buchstaben, und häangend an Buchstaben, zu dem Geistigen hinkommt. Es ist sehr wichtig, daß wir solche Dinge wissen, aber praktisch wissen. Denn nicht eher wird unsere geistige Bewegung gedeihen können, bis wir wirklich, nicht bloß äußerlich, sondern bis ins Innerste unseres seelischen Markes hinein, den Mut finden, für all das einzutreten, was mit dem ganzen Sinne und der Bedeutung unserer Weltanschauung zusammenhängt. Und man kann sagen, mit Bezug auf dieses Verbundensein mit der geistigen Welt ist wirklich ein Tiefstand eingetreten, gerade in unserem Zeitalter. Am wenigsten fühlen sich heute gerade diejenigen Menschen, die sich für die aufgeklärtesten halten, mit der geistigen Welt verbunden. Das soll nicht als Vorwurf oder als Kritik gesagt werden, sondern das soll als Tatsache verzeichnet sein. Daher wird es ganz besonders in unserer Zeit auch wichtig sein, ein inneres Verständnis für solche bedeutsamen Weltsymbole zu beleben, wie sie uns entgegentreten in alledem — es sind ja reale Symbole, keine bloßen Symbole —, was zum Beispiel das Weihnachtsmysterium umgibt. Denn dieses Weihnachtsmysterium, das kann tief, tief sich verbinden mit der menschlichen Natur, ohne daß es sich durch den Buchstaben, durch das Lernen verbindet. Da müssen wir allerdings dann das Weihnachtsmysterium in jeder Lebenslage lebendig machen können, insbesondere in unserer eigenen Seele lebendig machen können.
[ 29 ] Wir schauen hin, indem wir das Weihnachtsmysterium vor unserer Seele erwecken, und sagen uns: Es erinnert uns die Weihenacht an das Herabsteigen des Christus Jesus auf den Erdenplan, an die Wiedergeburt desjenigen in dem Menschen, was verlorengegangen ist durch die luziferische Versuchung. Diese Wiedergeburt geschieht in verschiedenen Stufen. Eine Stufe davon ist diejenige, innerhalb der wir stehen. Wiedergeboren soll werden dasjenige, was zur Weiterentwickelung verlorengehen mußte, wiedergeboren soll werden das Sich-Vereinigefühlen des menschlichen Herzens mit der geistigen Welt; es soll geboren werden der Christus in uns — das ist nur ein anderes Wort dafür. Gerade das, was wir wollen, was wir immer anstreben, das hängt innig zusammen mit diesem Weihnachtsmysterium. Und wir sollen schon dieses Weihnachtsmysterium nicht bloß so ansehen, daß wir an einem oder an zwei Tagen des Jahres unseren Weihnachtsbaum aufstellen und ihn anschauen und da allerlei Erbauliches in uns aufnehmen, sondern wir sollen es sehen, wie es wirklich durch unser ganzes Dasein hindurch uns erscheinen kann in allem, was uns umgibt.
[ 30 ] Wie ein Symbolum möchte ich zum Schlusse etwas hinstellen, was ein bedeutender, lang verstorbener Dichter gerade aus Empfindungen von Weihnachten heraus geschrieben hat.
[ 31 ] «Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht, und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier, in den meisten Gegenden wird schon die Mitternachtsstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen, beleuchteten Fenstern emporragt.»
[ 32 ] Was das Christfest für die Kinder ist, beschreibt er weiter. Dann beschreibt er, wie in einem abgelegenen alten Dorfe ein Schuster lebt, der sich eine Frau holt aus dem benachbarten Dorfe, nicht aus dem eigenen Dorfe, wie die Kinder dieses Schusterpaares Weihnachten kennenlernen, eben wie Kinder es kennenlernen: eigentlich nur dadurch, daß man ihnen sagt, der Heilige Christ hat ihnen diese oder jene Geschenke gebracht. Und wenn sie genügend müde sind von den Geschenken, so legen sie sich an diesem Tage besonders ermüdet zu Bett und hören dann nicht die Mitternachtsglocke. Die Kinder haben also noch nicht die Mitternachtsglocken gehört.
[ 33 ] Die Kinder besuchen öfters das Nachbardorf. Als sie so weit herangewachsen sind, daß sie alleine gehen können, besuchen sie die Großmutter im Nachbardorf. Die Großmutter hat die Kinder ganz besonders gern, wie es ja öfter vorkommt, daß die Großeltern die Kinder noch lieber haben als Vater und Mutter. Daher sieht die Großmutter die Kinder sehr gerne bei sich gerade da, als sie schon zu schwach ist, auszugehen. An einem Weihnachtsabend, der sich als schöner Weihnachtsabend ankündet, werden die Kinder zur Großmutter geschickt. Die Kinder gehen hinüber am Vormittag, nachmittags sollten sie zurückkehren, wie das ja auf dem Lande möglich ist, von Dorf zu Dorf, um dann eben am Abend zu Hause den Christbaum zu finden. Aber der Tag läßt sich anders an, als er veranlagt war. Die Kinder kommen in einen furchtbaren Schneesturm hinein. Sie irren über die Berge. Sie kommen vom Wege ab, kommen in eine ganz unwegsame Gegend, in einen furchtbaren Schneesturm.
[ 34 ] Es wird sehr schön beschrieben, was da die Kinder durchmachen; wie sie ein Naturgeschehnis vor sich haben in der Nacht. Es wird wünschenswert sein, daß ich Ihnen diese Stelle vorlese, denn man kann sie nicht so schön nacherzählen, wie sie da geschildert wird; es kommt eigentlich auf jedes Wort an. Die Kinder sind gerade auf eine Eisfläche gekommen. Im Gletscher sind sie drinnen. Sie hören hinter sich das Krachen der Gletscher in der Nacht. Sie können sich denken, was das fur einen Eindruck auf die Kinder macht. — Da fließt die Erzählung weiter:
[ 35 ] «Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zuruckzogen und erblaßten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün, sachte und lebendig unter die Sterne floß. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floß helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanften Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur: nach und nach wurde er schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde, und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.»
[ 36 ] Die Kinder saßen so die Nacht durch. Sie hörten nichts von einem Glockenklange von unten. Sie haben nur Schnee und Eis um sich, und die Sterne und die nächtliche Erscheinung über sich, im Gebirge, von der sie bis dahin nichts gehört hatten. — Die Nacht vergeht. Man war besorgt um die Kinder. Das ganze Dorf wurde ausgeschickt, die Kinder zu suchen. Man fand die Kinder und brachte sie nach Hause. Ich will alles übrige übergehen, will nur sagen, daß die Kinder fast erstarrt waren vor Kälte, daß sie ins Bett gebracht wurden, und es wurde ihnen gesagt, daß sie ihre Weihnachtsgeschenke bekommen würden. Die Mutter ging zu den Kindern hinein. Das wird so erzählt:
[ 37 ] «Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und Freunde sich in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: «Mutter, ich hab’ heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.»
[ 38 ] Es ist eine wunderschöne Darstellung. Die Kinder waren aufgewachsen ohne irgendeine Belehrung über das Weihnachtsfest; sie mußten die Weihenacht gerade in einer so furchtbaren Situation zubringen, oben auf den Bergen, in Schnee und Eis, nur die Sterne über sich, und diese Naturerscheinung. Sie werden aufgefunden, nach Haus gebracht, und das Mädchen sagt: «Mutter, ich habe heute nacht den heiligen Christ gesehen!» — Gesehen! Gesehen! Sie hat ihn gesehen! — so sagt sie.
[ 39 ] Es ist schon ein tiefer Sinn darin, wenn gesagt wird — was wir ja auch im Zusammenhang unserer Geisteswissenschaft schon oft betont haben —, daß wir den Christus nicht nur da finden können, wo wir ihn finden in der Entwickelung der Erdenzeit, historisch hineingestellt im Beginn unserer Zeitrechnung, da wo der Kultus ihn uns zeigt, sondern daß wir ihn finden können überall, gerade wenn wir in den ernstesten Augenblicken des Lebens der Welt gegenübergestellt sind! Wir können den Christus schon finden. Und auch wir, ich möchte sagen, wir Geistesschüler können ihn finden, wenn wir nur genügend davon überzeugt sind, daß ja all unser Streben darauf hingehen muß, daß ein Geistiges wieder in der Menschheitsentwikkelung geboren werde und daß dieses Geistige, das da durch besondere Betätigung der menschlichen Seelen und Herzen geboren werden muß, daß das auf Grundlage desjenigen geschehe, was der Erdenentwickelung geboren ist dadurch, daß das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat. Das ist etwas, was wir aufnehmen wollen in dieser Zeit. Können Sie, meine lieben Freunde, in den Tagen, von denen wir heute gesprochen haben und die jetzt nahen, ein richtiges inneres Gefühl finden von dem Werden und Weben des äußeren Erdendaseins, in seiner Ähnlichkeit mit dem Schlafen und Wachen des Menschen, können Sie ein tieferes Miterfühlen des äußeren Geschehens erleben, dann werden Sie immer mehr und mehr die Wahrheit des Wortes empfinden: «Der Christus ist da» Wie er selbst gesagt hat: «Ich bleibe bei euch, bis an das Ende der Erdenzeiten!»
[ 40 ] Und er ist immer zu finden, wenn man ihn nur sucht. Das soll der Gedanke sein, der uns stärkt, der uns kräftigt gerade an dem in unserem Sinne gehaltenen Weihnachtsfest. Nehmen wir ihn auf, diesen Gedanken, und versuchen wir, mit diesem Gedanken dasjenige zu finden, was wir ja als den eigentlichen Gehalt, die eigentliche Tiefe unseres geisteswissenschaftlichen Strebens ansehen müssen. Verwenden wir damit unsere Zeit, gerade eine so gestärkte Seele dazu, um uns im richtigen Sinne zu dieser Zeit zu stellen, wie wir es jetzt wiederum machen wollen, indem wir von der allgemeinen Betrachtung, die wir über die geistige Welt angestellt haben, mit dem Gefühl, das uns aus dieser Betrachtung werden kann, unsere Seele stärkend, nun hinblicken zu den Geistern derjenigen, die auf den großen Feldern der Ereignisse stehen:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe,
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle,
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 41 ] Und für diejenigen, die schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe,
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle,
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 42 ] Und der Geist, an den wir uns gerade erinnern wollten in diesen Tagen, der Geist, dessen Wesen wir in unser eigenes Wesen in Demut und Hingebung aufnehmen wollen, der Geist, von dem uns veranschaulicht wird, wie er sich für sein Erdendasein bestimmt hat durch das Weihnachts-Weihefest, der Geist, der dann durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sei mit Euch und Euren schweren Pflichten.
