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Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159

13 Juni 1915, Elberfeld

12. Geisteswissenschaft als Gesinnung der Ätherleib als Abspiegelung des Weltenalls

[ 1 ] Wir stehen in der Gegenwart innerhalb einer Ära von Ereignissen, welche alle Empfindungen der Menschenseele in tiefstem, in bedeutungsvollstem Sinne aufrufen müssen. Wir stehen inmitten von Ereignissen, welche dasjenige, was unserer Geisteswissenschaft immer als ein Rätsel aufgegeben ist — den Tod — viele, viele Male in verhältnismäßig kurzer Zeit über die Erde hinziehen lassen. Wir stehen in einer Zeit, welche Leid und Schmerzen verbreitet über unzählige Seelen, und in einer Zeit, von der wir hoffen wollen, daß sie in ihrem Schoße bedeutungsvolle Kräfte für die Entfaltung der zukünftigen Entwickelung der Menschheit trägt. Wenn so vieles aus Schmerz und Leid geboren werden muß, und wenn uns gerade Geisteswissenschaft lehrt, daß vieles aus Schmerz und Leid geboren werden muß, so werden gerade geisteswissenschaftliche Betrachtungen auch in dieser schicksaltragenden Zeit geeignet sein können, manche Kraft der Zuversicht, manche Kraft der Hoffnung in uns anzuregen. Und so seien denn heute einige Betrachtungen vor Ihren Seelen entwickelt, die zwar nicht direkt, aber doch indirekt mit dem zusammenhängen, was an Empfindungen und Gefühlen in unserer schmerz- und sturmbewegten Zeit in uns hervorgerufen werden kann.

[ 2 ] Was wir so vielfältig in unserer Gegenwart sich ereignen sehen und fühlen, es ist, daß Menschen den physischen Plan verlassen in verhältnismäßig frühem Alter ihres physischen Daseins. Gerade das ist ja das Eigentümliche solcher Ereignisse, wie die jetzigen es sind, daß sie jugendliche Leben vom physischen Plan abberufen. Wir wissen, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geht, seinen physischen Leib den Elementen der Erde zu übergeben hat, daß er, indem er durch die Pforte des Todes tritt, zuerst noch vereint ist mit seinem Ätherleib, seinem Astralleib und seinem Ich. Wir wissen, daß nach verhältnismäßig kurzer Zeit dieser Ätherleib von dem Menschen getrennt wird, und daß dann der Mensch seine weitere Wanderung, die er durchzumachen hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in dem Ich und dem Astralleib durchmacht, vereint mit denjenigen Gliedern seiner geistigen Natur, die er sich erst in der geistigen Welt aneignen kann; daß aber dann für seine weitere Wanderung in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt der Ätherleib sich von der menschlichen Individualität trennt und seinen eigenen Weg durchmacht. Nun muß es uns auffallen, daß bei einem jugendlichen Sterben dieser Ätherleib in einer ganz andern Verfassung sein muß als beim Sterben eines Menschen, der eine normale Altersstufe erlangt hat. Wir wissen, wie die äußere Naturwissenschaft davon spricht, daß Kräfte sich zwar verwandeln können, daß sie aber nicht verlorengehen können. Für die äußere Welt des physischen Daseins erkennt die Naturwissenschaft diese Wahrheit durchaus an, daß Kräfte niemals verlorengehen, sich nur verwandeln. Für die geistige Welt muß Geisteswissenschaft lehren, dieses auch anzuerkennen. Wenn ein Ätherleib sich loslöst von einem Menschen, der im jugendlichen Alter durch die Pforte des Todes gegangen ist, so ist das ein solcher Ätherleib, der noch durch viele Jahrzehnte das Leben dieses Menschen auf dem physischen Plan hätte versorgen können. Ein Ätherleib muß ja so eingerichtet sein, daß er alle diejenigen Lebenskräfte hergeben kann, die der Mensch bis ins höchste Alter in Anspruch nehmen muß. Wenn der Mensch, sagen wir, im fünfundzwanzigsten, sechsundzwanzigsten, dreißigsten Lebensjahr durch die Pforte des Todes geht, geht sein Ätherleib weg von ihm, aber dieser Ätherleib hat noch Kräfte, durch die er vielleicht bis ins sechzigste, siebzigste, achtzigste Jahr hinein das physische Leben des Menschen hätte erhalten können. Diese Kräfte sind im Ätherleib, diese Kräfte gehen nicht verloren. Und es muß uns — gerade in einer solchen Zeit wie die jetzige, wo so viele solcher Ätherleiber den geistigen Welten gewissermaßen anvertraut werden — die Frage beschäftigen: Was geschieht mit den Ätherleibern derjenigen Menschen, die in frühem Jugendalter durch die Pforte des Todes gegangen sind? — Es wird gut sein, wenn wir, um uns recht gründlich eine solche Frage zu beantworten, uns damit bekanntmachen, welchen Weg eigentlich der Ätherleib eines Menschen durchmacht, während der Mensch das Leben zwischen Geburt und Tod durchläuft.

[ 3 ] Der äußere physische Leib des Menschen wird immer älter. Beim Ätherleib ist dies nicht der Fall. So schwierig zu begreifen es scheinen mag, beim Ätherleib ist das ganz und gar nicht der Fall, daß er immer älter wird, sondern der Ätherleib wird in demselben Maße, wie der physische Leib älter wird, immer jünger und jünger, und er erreicht eine gewisse, man könnte sagen, kindliche Stufe des ätherischen Daseins in der Zeit, in welcher der Mensch im normalen Lebensalter durch die Pforte des Todes geht. So daß wir uns sagen müssen: Wenn wir durch die Geburt unser physisches Erdendasein antreten, dann ist dasjenige, was sich als Ätherleib mit unserem physischen Leib vereinigt hat — wir können vergleichsweise sagen — eigentlich alt und wird während des Lebens immer jünger und erreicht seine kindliche Stufe dann, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Wir könnten also auch sagen: Wenn nun ein Mensch im jugendlichen Alter stirbt, wird sein Ätherleib nicht jung genug, sondern er behält eine gewisse Stufe des Alters. — Was heißt das aber in Wahrheit? Was das heißt, darüber kann uns ein Beispiel belehren, das eine Anzahl von Ihnen schon kennen, das ich aber doch wiederum hier erwähnen muß, ein konkretes Beispiel aus der letzten Zeit, das von einer Anzahl von Freunden erlebt werden konnte.

[ 4 ] Dieses konkrete Beispiel bezieht sich eigentlich auf ein ganz junges Kind, das kleine Söhnlein eines Mitgliedes von uns. Es war gerade an einem Vortragsabend in Dornach, als wir nach dem Vortrag erfahren mußten, daß ein Knabe von sieben Jahren, der Sohn unseres Freundes Faiß, abgängig sei. Und es war bald klar, daß ein großes Unglück geschehen sein müsse. Es war nämlich am Spätnachmittag in die Nähe des Dornacher Baues ein Möbelwagen gekommen, kurioserweise in eine Gegend, in welche vielleicht recht lange vorher, wenn überhaupt je, kein Möbelwagen gefahren ist, und nachher wohl auch nicht. Dieser Möbelwagen war an einer bestimmten Stelle umgefallen. Gegen Abend war das geschehen, weiter war nichts bemerkt worden; der Knabe war aber abgängig. Und als dann, mit andern vereint, unsere Freunde zwischen zehn und zwölf Uhr abends alle Anstrengung machten, um den Möbelwagen zu heben, der von den Leuten, denen er gehörte, nicht mehr aufgehoben worden war — sie hatten es sich für den nächsten Tag erspart, weil der Wagen sehr ungünstig gefallen und sehr schwer war —, als es gelungen war, ihn zu heben, da stellte sich heraus, daß in der Tat das Kind, der kleine Theodor Faifß, gerade in dem Augenblick vorbeigegangen war, als der Möbelwagen umfiel, und daß der Wagen auf das Kind gefallen war. Nun war dieses Kind es war nur sieben Jahre alt geworden — ein außerordentlich liebes Kind, ein Kind, das außerordentlich schöne Eigenschaften hatte.

[ 5 ] Ich möchte, um eine solche Tatsache in das Licht unserer Geisteswissenschaft zu rücken, an eine logische Erwägung erinnern, die ich öfters in unserem Kreise angestellt habe. Ich habe öfters gesagt, wie man Ursache und Wirkung durch äußerliches Denken, durch ungeschultes Denken verwechseln kann, und daß solche Verwechslungen von Ursache und Wirkung wirklich außerordentlich häufig vorkommen. Durch ein Beispiel versuchte ich das zu veranschaulichen, ein Beispiel, das nur ein Vergleich sein soll. Man nehme an, man sehe in der Ferne einen Menschen am Rande eines Baches gehen. Man sieht, wie er hineinfällt in den Bach, man bemüht sich, in die Nähe zu kommen, und man sieht, wie gerade an der Stelle, wo der Mensch ins Wasser fiel, ein Stein liegt. Man versucht, den Menschen herauszuziehen aus dem Bach: er ist tot. Was liegt näher, als zu sagen: Der Mensch ist über den Stein gestolpert und in den Bach gefallen und ist dann ertrunken. Das braucht aber gar nicht so zu sein, sondern hier wird vielleicht die einfache physische Untersuchung uns lehren können, daß in dem Augenblick, wo der Mensch gerade diese Stelle betrat, ohne daß sein Schicksal irgend etwas mit dem Stein oder sonst etwas zu tun hatte, der Herzschlag ihn getroffen hat, und daß er infolgedessen in das Wasser gefallen ist — so daß der Herzschlag die Ursache des Hereinfallens in das Wasser war —, während man, wenn man sich keine Mühe gibt, auf die Sache zu kommen, sagen würde, das Hereinfallen ins Wasser sei die Ursache des Todes. Man würde also gerade das Umgekehrte von dem annehmen, was das Richtige ist.

[ 6 ] Schwieriger schon ist eine solche Sache mit Bezug auf das Verhältnis von Ursache und Wirkung einzusehen, wenn man es mit Dingen zu tun hat, die mit der geistigen Welt zusammenhängen. So muß man sagen: In einem solchen Falle wie in dem Falle dieses Kindes, das wirklich durch so außerordentliche Umstände — die noch durch manches andere außerordentlich waren — seinen Tod findet, hat man von einem höheren Gesichtspunkte aus nicht daran zu denken, daß nun dieses geschehen sei: daß der Möbelwagen gekommen und umgefallen und das Kind zufällig unter den Wagen geraten ist; daß also der Wagen die Ursache für den Tod des Kindes sei. Vielmehr wird man in einem solchen Falle geisteswissenschaftlich in einer richtigen Weise denken, daß des Kindes Karma abgelaufen war, und daß im Grunde der Wagen an jene Stelle hingefahren ist, weil das Kind seinen Tod finden sollte; daß also der Wagen nur die äußeren Bedingungen herbeigeführt hat, um den Tod, der im Karma vorgezeichnet war, dem Kinde zu geben. Trivial könnte man sagen: Dasjenige, was des Kindes höheres Selbst ist, das durch die Pforte des Todes gehen wollte, habe sich die ganze Situation, die ganzen Geschehnisse, so bestellt. Gewiß wird es für den Menschen, der im Sinne unserer Zeit denkt, etwas ganz Wahnwitziges haben, von einer solchen Idee zu hören. Geisteswissenschaft muß uns eben zeigen, wie manches, was die materialistisch gesinnten Menschen der Gegenwart als wahnwitzig ansehen, gerade der Wahrheit entspricht.

[ 7 ] Was bedeutungsvoll ist, ist aber, daß nunmehr gerade in diesem Falle der Ätherleib eines siebenjährigen Kindes sich losgetrennt hat von der Individualität des Kindes, von dem, was dann in Verbindung mit Ich und Astralleib weiter durch die geistigen Welten geht. Es soll jetzt nicht meine Aufgabe sein, davon zu sprechen, welches der weitere Lebensfortgang dieser Individualität des kleinen Theodor Faiß ist, sondern meine Aufgabe ist es vielmehr, aufmerksam zu machen darauf, daß der Ätherleib ja in diesem Falle ein solcher war, der nur sieben Jahre das physische Leben mit Lebenskräften versorgt hat; aber Kräfte hat er in sich gehabt, um ein ganzes langes Leben zwischen Geburt und Tod mit Lebenskräften zu versorgen. Diese Kräfte, die bleiben im Ätherleib. Und das Bedeutungsvolle ist, daß derjenige, der seit jenem Tode des kleinen Theodor Faiß in irgendeiner geistigen Beziehung mit dem Bau zu tun hatte, den wir in Dornach der Geisteswissenschaft errichten sollen, nunmehr wissen kann, was aus dem Ätherleib des kleinen Theodor Faiß geworden ist. Bei diesem Bau ist ja so mancherlei zu leisten. Wir werden gleich noch einiges von dem sprechen, was heute in bezug auf Inspirationen aus der geistigen Welt herunterzuholen ist. Man braucht helfende Kräfte, wenn all dasjenige, was daraus der geistigen Welt geholt werden soll, wirklich herunterkommen soll. Und da zeigt sich, daß in der Tat seit dem Tode des kleinen Theodor Faiß von dem vergrößerten Ätherleib dieses Kindes — bis in weitem Umkreis — unser Dornacher Bau wie von einer Aura eingehüllt ist. Es ist möglich, wirklich zu bestimmen, wie weit diese Einhüllung geht

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[ 8 ] Wenn Sie den Dornacher Bau sehen werden — diejenigen, die ihn schon gesehen haben, wissen es —, es ist ein Doppelrundbau (siehe Zeichnung). Hier haben wir ein Heizhaus, in einer besonderen Art nach Grundsätzen der Geisteswissenschaft angelegt, und hier haben wir dann ein anderes Haus angelegt, wo die Glasfenster für den Bau geschliffen werden. Nur nebenbei will ich erwähnen, daß etwa hier das sogenannte «Haus Hansi» ist — das ist das Haus, in dem wir wohnen. Nun ist es merkwürdig, daß bis hier, gegen den Wald hinauf, dann gerade an dem Heizhaus vorbei, mitten durchschneidend diesen Bau, wo die Fenster geschliffen werden, und hier an diesem Haus vorbei, Haus Hansi, dieses nicht einschließend, diese Aura des kleinen Theodor Faiß einhüllt den ganzen Bau. So daß man in der Tat, wenn man den Bau betritt, diese Ätheraura betritt.

[ 9 ] Worauf ich öfter aufmerksam machte, das ist, daß sich ja der Ätherleib vergrößert, wenn er vom physischen Leibe frei wird. Daher braucht es uns nicht zu erstaunen, daß uns dieser Ätherleib in einer solchen Vergrößerung erscheint. Und in diesem Ätherleib sind die Vermittlerkräfte, durch die man gewisse Eindrücke aus der geistigen Welt findet, die man braucht, um sie in den Formen und der künstlerischen Ausgestaltung des Baues zu verwenden. Und derjenige, der für den Bau zu arbeiten hat, weiß, was er dieser Ätheraura verdankt. Niemals werde ich anstehen zu bekennen, daß die Arbeit seit dem Tode dieses kleinen Theodor Faiß mir dadurch möglich gemacht ist, daß Vermittlerkräfte für die Inspirationen in diesem über dem Bau ausgebreiteten Ätherleibe des Knaben gegeben sind. Es wäre viel leichter, eine solche Sache gar nicht zu erwähnen. Man könnte ja prunken damit, daß man solche Vermittlerkräfte nicht brauche. Aber es handelt sich nicht um solche Dinge, sondern darum, die Wahrheit zu erkennen.

[ 10 ] Wenn wir diese eben geschilderten Tatsachen uns vor die Augen führen, dann bekommen wir einen Eindruck davon, wie es mit einem Ätherleib ist, der sich von einem Menschenleben trennen muß, wenn dieses Leben in jugendlichem Alter mit dem Tode abgeschlossen wird. Nun ist es wichtig, zu berücksichtigen, daß uns eines Menschen Ätherleib nicht bloß etwa wie ein nebelartiges Gebilde bleibt, in das der physische Leib eingebettet ist. Erkennen wir ja auch einen physischen Menschenleib nicht dadurch, daß wir ihn bloß wie eine Masse von Muskeln und Knochen und so weiter beschreiben, sondern dadurch, daß wir ihn erkennen, wie er gewissermaßen wie eine Art Tempel der Gottheit, wie ein Mikrokosmos dasteht. Was am physischen Leibe ist, erkennen wir nur dann im rechten Sinne, wenn wir uns bewußt werden, daß die Formen, in die er geprägt ist, wirklich aus dem ganzen Weltenall herausgenommen sind, daß der Mensch ein Wundergebilde ist mit Bezug auf seinen physischen Leib. Wer die Gefühle empfinden kann, welche ausgesprochen sind in dem ersten Gespräch des zweiten Mysteriendramas «Prüfung der Seele», wird sich eine Vorstellung machen können davon, wie ein einzelner Mensch in bezug auf seinen physischen Leib durch alle möglichen Hierarchien in dieses sein physisches Dasein gestellt ist; wie eine ganze Götterwelt es als ihr Ziel ansieht, diesen Menschen in das physische Dasein hineinzustellen. Nun lernen wir so recht kennen, welche Bedeutung dieser physische Leib hat, wenn wir die Beobachtung der hellsichtigen Erkenntnis ein wenig ins Auge fassen.

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[ 11 ] Das hellsichtige Erkennen ist ja das Erkennen, das dadurch zustande kommt, daß der Mensch sein Geistig-Seelisches aus seinem Physisch-Leiblichen herauszieht und daß er dann bewußt und wahrnehmend werden kann außerhalb seines Leibes im Geistig-Seelischen. Und es ist im Grunde in bezug auf alles Äußere kein Unterschied zwischen dem Menschen, der hellsichtig wahrnehmend ist, und dem schlafenden Menschen, der auch sein Geistig-Seelisches aus dem Physisch-Leiblichen herausgezogen hat. Dadurch, daß das hellsichtige Bewußtsein außerhalb des physischen Leibes wahrnehmen kann, kann es sich aber eine Vorstellung davon machen, was mit dem Menschen geschieht, wenn er im schlafenden Zustand ist. Zur Erleichterung nur sei diese schematische Zeichnung gemacht. Nehmen wir an, dieses sei das Physisch-Leibliche und dieses das Geistig-Seelische beim schlafenden Menschen. Beim wachenden Menschen ist natürlich das GeistigSeelische im Physisch-Leiblichen darinnen; wir stellen uns also einmal den Menschen in seinem schlafenden Zustand vor. Da liegt der physische Leib und der Ätherleib im Bette, sie enthalten nicht den Astralleib und das Ich, wie sie diese im Wachen enthalten. Aber man möchte sagen, dasjenige, was der Astralleib und das Ich im physischen Leibe während des Wachens vollbringen, wird nicht ganz eingestellt im Schlafe. Für all dasjenige, was der Mensch zunächst wahrnehmen kann, ist ja der im Bette liegende Mensch wie entseelt daliegend. Für das hellsichtige Bewußtsein ist dieser physische Mensch und dieser Ätherleib, der im Bette liegt, aber nicht wie entseelt daliegend. Der Hellseher muß etwas ganz anderes sagen von diesem schlafenden physischen und Äthermenschen. Er muß sagen: Während des ganzen Tages ist die Gegend der Erde, auf welcher jetzt die Menschen schlafen, von der Sonne beschienen worden. Jetzt ist Nacht. Ich rede von den normalen Verhältnissen, wenn man in der Nacht schläft und bei Tage wacht, nicht von den heutigen großstädtischen oder größtstädtischen Verhältnissen. Finsternis breitet sich über die Gegend aus, über welche bei Tag die Sonne geschienen hat. Merkwürdig, da merkt man: die Erde als Wesen beginnt zu denken und die Organe, durch welche die Erde denkt, das sind diese schlafenden Menschenleiber.

[ 12 ] Wie die Menschen selbst durch ihr Gehirn denken, so denkt die Erde durch diese schlafenden Menschenleiber. Immer nimmt sie bei Tage wahr — und das Wahrnehmen besteht in dem Von-der-Sonne-Beschienenwerden aus dem Weltenraum heraus, das ist Wahrnehmung der Erde — und in der Nacht verarbeitet sie in Gedanken das, was sie wahrgenommen hat. Die Erde denkt, sagt der Hellseher, und sie denkt dadurch, daß sie sich der schlafenden Menschen bedient. Jeder schlafende Mensch wird gewissermaßen ein Gehirnmolekül der Erde. Es ist unser physischer Leib so eingerichtet, daß er, wenn wir ihn selbst nicht gebrauchen, dazu dienen kann, daß die Erde durch ihn zu denken vermag.

[ 13 ] Aber so wie die Erde durch den physischen Leib denkt, so imaginiert sie — Sie wissen ja, was imaginative Erkenntnis ist —, so imaginiert sie alles dasjenige, was auf der Erde selbst nicht irdisch ist, was zu der Erde gehört aus dem ganzen Kosmos. Das imaginiert sie im Ätherleib. Im schlafenden physischen Leib des Menschen erkennt man Gehirnteile der Erde, und im Ätherleib des Menschen, wenn er schläft, erkennt man ein Imaginieren desjenigen Weltenalls, das zunächst zur Erde gehört. Da spielt in wunderbaren Bildern in den Ätherleib all das herein, was aus der Ätherwelt der Erde als Kräfte zufließen muß, damit die Geschehnisse dieser Erde sich abspielen können. So wahr der Mensch als physischer Mensch zur Erde gehört, so wahr gehört er als Äthermensch den Himmeln an. Und nur deshalb können wir unseren physischen Leib für uns selbst als Denkorgan gebrauchen, weil er zum Denken geschaffen ist, weil ihn sozusagen die Erde während des Wachens abgibt. Auch nur deshalb können wir unseren Ätherleib so gebrauchen, daß er uns die Lebenskräfte gibt, weil uns ihn die Himmel abgeben während des Wachens, und weil die Kräfte der Imagination der Himmel während des Wachens in uns in Lebenskräfte verwandelt werden. So daß wir von unserem Ätherleib nicht bloß wie von einem Nebelgebilde sprechen wollen, sondern davon, daß er in sich ein die Himmel spiegelndes, mikrokosmisches Gebilde ist.

[ 14 ] Als besonders vollkommenes Gebilde wird uns unser Ätherleib bei unserer Geburt übergeben. Bei unserer Geburt ist unser Ätherleib so, daß er innerlich erglitzert und erglänzt von lauter Imaginationen, die aus dem großen Weltenall zu ihm kommen. Er ist eine herrliche Abspiegelung des Weltenalls. Und dasjenige, was sich der Mensch erwerben kann während seines Lebens an Erziehung, an Wissen, an Willens- und Gemütskräften, indem er alt wird zwischen Geburt und Tod, das wird aus diesem Ätherleib herausgeholt. Die kosmischen Himmelskräfte übergeben uns das, was sie uns zu übergeben haben, während des Lebens zwischen Geburt und Tod. Deshalb sind wir als Äthermenschen wiederum jung, wenn wir ein ganz normales Leben zwischen Geburt und Tod durchlaufen haben, weil wir dann alles aus diesem Ätherleib herausgesogen haben. Geht aber ein solcher Ätherleib durch die Pforte des Todes, der einem jugendlichen Leibe angehört, dann ist noch viel, viel unverbrauchtes Himmelslicht in ihm. Daher wird er zu einem Vermittler solcher Kräfte, wie ich erzählt habe. Ganz abgesehen davon, was aus der Individualität einer solchen Menschenseele wird, wie die, von der vorher die Rede war, wird aus dem Ätherleib etwas wie eine Gabe der Himmel, eine Gabe der geistigen Welten. Daher kann dieser Ätherleib in dem geschilderten Sinne inspirierend wirken.

[ 15 ] Es würde viel zu weit führen, von dem eigentümlichen Karma zu sprechen, das eine solche Menschenseele hat, die in der Lage ist, eben ein solches Opfer zu bringen. Denn das kann nicht künstlich herbeigeführt werden, sondern es muß mit dem ganzen Karma eines solchen Menschen zusammenhängen, der ein Opfer zu bringen hat, der irgend etwas zu tun hat, das im geistigen Weltenprozeß der Menschheit eine Rolle zu spielen berufen ist, wie es ja gewollt wird für diesen unseren Dornacher Bau, der unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen umschließen soll.

[ 16 ] Nun aber bedenken Sie, daß wir einer Zeit entgegengehen, in welcher viele, viele solche Ätherleiber, wenn auch nicht aus solch jugendlichem Menschenalter heraus, aber doch aus jugendlichem Menschenleben heraus, in der geistigen Atmosphäre sein werden. Diejenigen, die auf den blutigen Schlachtfeldern durch die Pforte des Todes gegangen sind, sie gehen ja alle in einer andern Weise durch die Pforte des Todes als derjenige, der in seinem Bette oder durch einen gewöhnlichen Unglücksfall durch die Pforte des Todes geht. Sie gehen in einer gewissen Weise so durch die Pforte des Todes, daß sie mit ihrem Tode rechnen, wenn auch mehr oder weniger im Unterbewußten — der Astralleib rechnet in einer gewissen Weise mit dem Tode. Und von einem Opfer bei diesem Tode kann man ja immer sprechen. Alle die Ätherleiber, die auf diese Weise von jugendlichen Menschen in die geistige Welt hinaufgehen, werden unverbrauchte Kräfte haben. Und eine Periode der Menschheitsentwickelung steht vor uns, in welcher Menschenseelen bewußt hinaufschauen können in die geistige Welt und sich sagen können: Eine Zeit ist vergangen, die viele, viele unverbrauchte Ätherleiber in die geistige Welt hinaufgeschickt hat. Und in diesen unverbrauchten Ätherleibern sind Kräfte enthalten, Kräfte, von denen wit geisteswissenschaftlich schon heute sagen können, welche Bedeutung sie für die Entwickelung der Menschheit haben werden.

[ 17 ] Wenn man so etwas erörtert, muß man ausdrücklich daraufaufmerksam machen, daß das, was zu sagen ist über diese Sache, nicht etwa von jedem Kriege, der in der Entwickelung der Menschen auf Erden stattgefunden hat, gilt. Was geistig geschieht und durch die Geisteswissenschaft betrachtet werden soll, liegt nicht so einfach, wie es sich die Naturwissenschaft macht. Andere Kriege der früheren Zeiten erforderten, daß eben anders über sie gesprochen werde. Dasjenige, was ich zu sagen habe, gilt von den gegenwärtigen schicksaltragenden Zeiten. Denken Sie einmal das Folgende: Bei verschiedenen Anlässen, bei verschiedenen Gelegenheiten hat betont werden müssen, daß es nicht einer Willkür entspringt, wenn wir heute Geisteswissenschaft treiben, sondern daß es wirklich im Entwickelungsprozeß der Menschheit liegt, daß die Menschen allmählich bekanntwerden mit der Geisteswissenschaft. Wir wissen ja, wie eine jede Epoche der Erdenentwickelung der Menschheit eine bestimmte Aufgabe hat. Aus verschiedenen Zyklen können wir das entnehmen. Und erkennen können wir, daß das Heil der künftigen, der nächstkünftigen Entwickelung der Menschheit nur erblühen kann, wenn wirklich das, was durch die Geisteswissenschaft geoffenbart werden kann, geistiges Eigentum einer größeren und immer größeren Anzahl von Seelen werde.

[ 18 ] Aber nun bedenken Sie einmal, die Sie ja zum größten Teil wohl alle von einem herzlichen Enthusiasmus für die Geisteswissenschaft getragen sein werden, bedenken Sie, welche Schwierigkeiten obwalten mit Bezug auf die Ausbreitung der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in der Gegenwart. Bedenken Sie, wie die Menschen draußen in der Welt diesen geisteswissenschaftlichen Wahrheiten widerstreben. Bedenken Sie, wie diese Wahrheiten verlästert werden, wie die Menschen sie als wahnsinnig, als verdreht, als verrückt, als Phantasterei ansehen. Es könnten ja wirklich eindringliche Beispiele gesagt werden, aber alle Beispiele würden doch nur ein kleiner Teil dessen sein, was im Grunde jeder empfinden kann, wenn er für Geisteswissenschaft begeistert ist und sich der Welt gegenüber sieht, von der er so gerne hätte, daß sie die Geisteswissenschaft aufnehmen würde — und die sie heute so wenig aufnimmt. Der Geisteswissenschafter selbst darf sich nun das Folgende sagen: Dasjenige, was mit den bloßen Erdenkräften der Menschheit erreicht werden soll, erscheint mit Bezug auf das, was Geisteswissenschaft für eine Aufgabe hat, schwach, recht schwach zu sein. Aber da werden in einer nächstkünftigen Epoche die unverbrauchten Ätherleiber derjenigen sein, die Seele und Leben durch die Pforte des Todes auf den Feldern der Ereignisse in unserer Zeit haben tragen müssen, und die ätherischen Leiber mit ihren unverbrauchten Kräften, sie werden inspirierende Kräfte, helfende Kräfte in der nächstkünftigen Zeit sein können. Und wir brauchen uns nur — jetzt nicht verstandesgemäß theoretisch, aber herzlich gemütvoll — die Gesinnung anzueignen, hinaufzusehen zu den himmlischen Ätherleibern derer, die in frühem Jugendleben durch die Pforte des Todes in unserer schicksaltragenden Zeit gegangen sind, und brauchen gewissermaßen nur in betender Stimmung unsere Seelen hinaufzuwenden zu diesen Ätherleibern, und diejenigen, welche von Geisteswissenschaft begeistert sind, brauchen nur ihre Seelen hinaufzuwenden zu diesen Kräften — und sie werden Hilfe haben von diesen Ätherleibern. So daß, wenn inbrünstiges geistiges Zusammenleben mit diesen Ätherleibern durch echtes Durchdrungensein mit geisteswissenschaftlicher Gesinnung möglich sein wird, unter den mancherlei Früchten, die im Schoße unserer schicksalschweren Zeit sind, auch diese zu finden sein werden, daß in die Seelen der geisteswissenschaftlich begeisterten Menschen der Zukunft dasjenige einströmen wird, was in den Kräften der jugendlich hingeopferten Ätherleiber unserer schicksalbewegten Zeit liegt. Durch die Seelen derer, die im physischen Leibe in der nächsten Zukunft leben, werden strömen können, wenn diese Seelen von der echten Gesinnung durchzogen sind, die Kräfte der also hingeopferten Ätherleiber. Und himmlische Kräfte, das heißt, Kräfte der geistigen Welt werden das sein! Und ganz andere Kräfte werden dann walten können in der Welt, um dasjenige, was in diese Welt kommen muß — geisteswissenschaftliche Gesinnung —, dieser Welt bringen zu können. Und wir müssen nur die Möglichkeit finden, uns zu dem, was jetzt geschieht, im Sinne der eben gegebenen Auseinandersetzung zu bekennen, dann werden diese schicksaltragenden Tage auch für denjenigen, der in der Geisteswissenschaft drinnensteht, eine tiefe, tiefe Bedeutung haben.

[ 19 ] Herrlich, haben wir gesagt, sind die imaginativen Gebilde, die im Ätherleibe des Menschen sind. Und doch sind sie anders, als sie wären, wenn sie nicht durch einen Ätherleib des Menschen gegangen wären. Aber auch auf diesem Felde gilt der Satz: Aus nichts wird nichts! — Das ist nicht ein absoluter Satz, aber auf diesem Felde gilt er. Dasjenige was durch eine Menschenseele, wenn sie durch die Geburt in das physische Dasein tritt, als Ätherleib hinzukommt, das versammelt also Kräfte der geistigen Welt, die während des physischen Lebens verbraucht werden. Diese Kräfte sind nicht aus dem Nichts, sie sind da in der geistigen Welt. Gewiß, man kann sie auch in der geistigen Welt finden, aber wenn man sie unmittelbar aus der geistigen Welt finden will, so ist es schwierig. Man muß viel größere Machtmittel aufwenden. Wenn sie aber einmal dutch einen physischen Menschen gegangen sind, der dann früh gestorben ist, und sich einem darstellen gleichsam mit dem, was sie in dem Durchgang durch den Menschen in sich haben, so ist es leichter, ihre Hilfe zu gebrauchen. Alle die Kräfte, die in diesem jungen Ätherleibe des kleinen Theodor Faiß sind, gewiß, sie wären auch sonst in der geistigen Welt, aber es wäre eine geistige Herkulesaufgabe, sie sonst herbeizuziehen. Dadurch, daß sie auf dem Umweg durch den Knaben herbeigekommen sind, ist das Sich-inspirieren-Lassen durch sie wesentlich erleichtert, ist anders geworden. Denken Sie dann, welch ungeheuer große Bedeutung für die ganze Fortentwickelung der Menschheit es hat, daß dieser Menschheit in der nächstkünftigen Zeit eine so große Menge von Ätherleibern mit noch unverbrauchten Kräften gegeben sein wird! Aber durch den Umstand, durch die Tatsache, daß diese, ich möchte immer wieder sagen, himmlischen Kräfte durch Menschen gegangen sind, befreiten sich diese Kräfte gewissermaßen aus den Gesetzen, innerhalb derer sie im Kosmos draußen stehen. Es ist unmöglich, daß im Kosmos diese Kräfte in einem üblen Sinne verwendet werden, die eben unmittelbar aus dem Kosmos geholt werden. Nehmen wir einmal an, alle die Menschen, die jetzt durch die kriegerischen Ereignisse oder durch andere Verhältnisse durch die Pforte des Todes gehen, sie würden, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, nicht eine solche Summe von Ätherleibern liefern. Es würden natürlich alle diese Kräfte auch im Kosmos sein; dann würden sie aber von den Menschen nicht verwendet werden können, weil es zu schwierig wäre, sie zu verwenden. Auch deshalb würden sie nicht verwendet werden können, weil sie aufgebraucht würden in den Leben von den Menschen, die ihr normales Alter erreichten. Das ist ganz bedeutungsvoll, daß diese himmlischen Kräfte durch Menschenleiber durchgegangen sind. Dadurch werden sie gewissermaßen frei von dem gewöhnlichen Fortgang der Entwickelung. Und diese Freiheit macht, daß diese Kräfte allerdings auch verwendet werden können in anderer Weise als zum Heile der Menschheit.

[ 20 ] Sie können auch in anderer Weise verwendet werden. Das Menschenleben muß sich im Lichte der Freiheit entwickeln. Nehmen wir einmal an, es würde Ahriman wirklich gelingen, den Gedanken der Menschen und die Vernunft der Menschen soweit zu verdunkeln, daß sie alle Geisteswissenschaft ablehnen würden. Dann würden diese Ätherleiber doch da sein, aber es wären keine geisteswissenschaftlich begeisterten Seelen da, die diese Kräfte in den Dienst des Erdenfortschrittes stellen. Da würden dann Luzifer oder Ahriman eingreifen können und würden entweder in die Welt hinein, die sich Luzifer, oder in die Welt hinein, die sich Ahriman aufbaut, diese Kräfte verwenden können. Bedenken Sie, daß etwas ungeheuer Bedeutungsvolles damit ausgesprochen ist! Ausgesprochen ist damit, daß es gewissermaßen in die Hand der Menschen gelegt ist, in welcher Weise die Kräfte, die durch Opfertode der Welt verliehen worden sind, dem Erdenprozeß einverleibt werden. Daß sie die Möglichkeit haben, das durch die Geisteswissenschaft Angefachte zu inspirieren, das wird diese Kräfte dem Fortschritt der Erdenentwickelung dienstbar machen. Sonst aber könnte es sein — wenn der Materialismus alle Geister ergreifen würde, oder wenn Nationalismus sich in einer rein leidenschaftlichen Weise ausbreiten würde —, daß Luzifer oder Ahriman diese Kräfte in ihren Dienst stellen würden; dann würde der Erdenfortschritt von diesen Kräften nichts haben können. Da geht einem, wenn man diese Zusammenhänge bedenkt, die ganze tiefe Bedeutung der Geisteswissenschaft für die menschliche Erdenentwickelung erst auf. Da lernt man erst sich sagen: Wie notwendig ist es, damit Opferkräfte im rechten Sinne in der Entwickelung verwertet werden, wie notwendig ist es, daß einzelne Menschen, die dazu imstande sind, ergriffen werden von dem, was als Gesinnung aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann! — Und zu etwas ungeheuer Heiligem wird diese Geisteswissenschaft, wenn man sie im Zusammenhange betrachtet mit dem geistigen Werdegang, wie er sich ausdrückt auch in unseren schicksaltragenden Tagen. Die Gesinnung, die uns aus der Geisteswissenschaft werden kann, wird dadurch zu etwas Gebetartigem, das sich zusammenfassen läßt in die Worte: Laß uns nur recht, o Weltengeist, durchdrungen sein von dieser geisteswissenschaftlichen Gesinnung, damit wir nicht verfehlen, das, was sein kann zu der Erde Heil und der Erde Fortschritt, Luzifer und Ahriman im rechten Sinne abzutrotzen!

[ 21 ] Unser Bau, er soll wie ein Wahrzeichen für dasjenige dienen, was Geisteswissenschaft der Menschheit als Gesinnung werden soll. Daher ist er so eingerichtet, daß in seinen Formen künstlerisch zum Ausdruck kommt, was Geisteswissenschaft aus sich heraus geben kann. Ich müßte vieles sprechen, wenn ich Ihnen dasjenige, was in jede Einzelheit dieses Baues hineingelegt ist, auseinandersetzen wollte. Das alles werden Sie erfahren, wenn Sie im Laufe der Jahre den Bau besuchen werden, und die Dinge, die sich darin abspielen sollen, mitmachen werden. Nur von einem will ich heute sprechen im Zusammenhang mit dem, was ich eben auseinandergesetzt habe.

[ 22 ] An einer bedeutungsvollen Stelle des Baues, da wo er gegen Osten hin sich wendet, wird sich eine bildhauerische Gruppe befinden. In dieser bildhauerischen Gruppe soll insbesondere zum Ausdruck gebracht werden dasjenige, wovon das Bewußtsein unserer Zeit sich im rechten Maße durchdringen muß. Diese Gruppe wird, ganz abgesehen von dem, was dazukommen wird, im wesentlichen aus drei Figuren bestehen. Drei Wesenheiten werden in dieser Gruppe zum Ausdruck kommen. Es wird eine Art Felsen da sein. Dieser Felsen hat einen Vorsprung nach vorne, und in diesem Vorsprung ist eine Höhle. Auf dem Felsenvorsprung steht die Hauptfigur. Diese Hauptfigur, man wird sie nennen können, wie man will, aber man wird in ihr zu sehen haben den Repräsentanten des Erdenmenschen im höchsten Sinne des Wortes. Und will man in demjenigen Menschen, der drei Jahre seines Erdenlebens in sich die Christus-Wesenheit getragen hat, das Ideal des Erdenmenschen sehen, so wird man in dieser Hauptfigur auch den Christus sehen können. Aber das darf nicht so geschehen, daß man etwa vor diese Gruppe tritt mit dem Bewußtsein, das soll der Christus sein, sondern alles muß künstlerisch gefühlt werden. Das heißt, es darf nicht äußerlich symbolisch gedeutet werden, sondern alles muß aus den Formen selbst folgen.

[ 23 ] Hier oben ist eine zweite Wesenheit. Diese Wesenheit hat hier ein menschenähnliches, ich kann nur sagen menschenähnliches Haupt. Das Haupt ist wirklich so, daß man sagen kann, ein menschliches Haupt erinnert an dieses Haupt. Denn dieser Kopf ist so gebildet, daß "mächtig ausgebildet ist die Schädelpartie, namentlich die Stirnpartie. Während beim Menschen diese Teile da oben verhältnismäßig unbeweglich sind, ist bei diesem Wesen alles beweglich. Alles ist seelischer Ausdruck. So wie der Mensch seine Hände bewegen kann mit den Fingern, aber nicht diese Partie hier, so kann diese Wesenheit hier oben alles bewegen. Und man sieht es der bildhauerischen Arbeit an, daß da oben alles beweglich ist. Sehr zurücktretend ist bei dieser Wesenheit die untere Partie des Gesichtes. Man möchte sagen, es wölbt sich die mächtige Schädelbildung über das zurücktretende Gesicht. Ich kann nur einzelne Teile besprechen, denn es ist jeder einzelne Strich an dieser Figur von einer großen Bedeutung. Dann ist aber das Eigentümliche, daß eine Verbindung zwischen dem, was beim Menschen zum Kehlkopf verkümmert ist, und dem Ohr bei dieser Gestalt besteht. Das, was als Kehlkopfläppchen darin ist, wölbt sich herauf und bildet den unteren Teil der Ohren. Der obere Teil wird durch die Stirnpartie gebildet. Auf der andern Seite schließen sich zwei an Vogelflügel erinnernde Gebilde an, zwischen denen dann ein Leib ausgebreitet ist, der so ist, wie wenn es ein umgestaltetes menschliches Antlitz im ganzen wäre. Flügel und Kehlkopf und Ohr sind in einem gebildet, so daß man erkennen wird: mit den Flügeln lebt das Wesen in der Sphärenharmonie drinnen, schwingt sich durch den Raum, durch die Wellen der Sphärenharmonie, und das lokalisiert sich im Ohr. Bei dem Menschen ist das alles verkümmert. Dadurch nun, daß der Menschheitsrepräsentant die linke Hand hier hinaufhebt, werden dieser Gestalt auf dem Felsen die Flügel gebrochen, und dadurch stürzt sie vom Felsen herunter. — Sie ahnen: mit dieser Gestalt, die da vom Felsen herunterstürzt, mit ihren gebrochenen Flügeln, ist Luzifer gemeint.

[ 24 ] Hier unten, in der Höhle darin, befindet sich eine andere Gestalt. Sie hat nicht vogelähnliche Flügel, sondern sie hat fledermausähnliche Flügel, eine Art von drachen- oder wurmähnlichem Körper und ein Haupt, an das wiederum das menschliche Haupt erinnert. Aber alles das, was an Luzifer mächtige Stirnbildung ist, tritt an dieser unteren Gestalt ganz zurück, ist verkümmert. Die unteren Partien gegen den Mund zu, die sind mächtig ausgebildet bei dieser Gestalt. Und diese Gestalt ist umwickelt von dem, was in der Erde an Gold ist. Das Gold der Erde wird zu Fesseln, welche diese Gestalt dadrinnen anfesseln. Diese Gestalt krümmt sich unter der Wirkung, die von der heruntergehenden Hand des Menschheitsrepräsentanten, des Christus, ausgeht. Diese Gestalt da unten ist Ahriman, ist der durch das Gold der Erde gefesselte Ahriman.

[ 25 ] Mit dem, was ich jetzt eben gesagt habe, ist gewissermaßen die Idee des Ganzen gegeben. Aber mit dieser Idee hat man nur hingedeutet auf dasjenige, worum es sich handelt. Niemals wird es sich bei uns darum handeln, die Unart der alten Theosophen, die immer mit Symbolen gearbeitet haben, auch hier zu treiben, sondern es wird sich darum handeln, daß alles wirklich ins Künstlerische umgewandelt wird, was von der Geisteswissenschaft aus zu dem menschlichen Gefühl hintreibt. Daher darf man nicht sagen: diese Gestalten drücken das oder jenes aus —, sondern sie müssen durch dasjenige, was sie künstlerisch sind, durch das, was man in ihnen sieht, das sein, was das Verhältnis des Menschen, oder auch des Christus, zu Luzifer und Ahriman darstellt. Daher kann dies auch nicht mit den alten künstlerischen Mitteln zum Ausdruck kommen. Jede Fingerbewegung an den Händen, die Art und Weise wie die Hände gebildet werden, wird bedeutungsvoll sein, denn darin wird sich etwas Bedeutungsvolles ausdrücken müssen. Man könnte zunächst die Idee haben, daß der Christus die linke Hand hinaufhebt und durch das, was er will, ließe er Kräfte ausströmen, welche dem Luzifer die Flügel brechen, so daß dieser herunterfällt. Und durch die rechte heruntergesenkte Hand würden wieder Kräfte ausgeströmt, durch welche Ahriman gefesselt wird. Man hätte etwas ganz Falsches vorgestellt, wenn man sich dieses vorgestellt hätte.

[ 26 ] Um das ganz Bedeutungsvolle, was in diesem liegt, auszuführen, möchte ich an etwas erinnern, was wirklich zu dem Größten gehört, was die Kunst bisher hervorgebracht hat: «Das jüngste Gericht» von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Da sieht man den Christus, wie er die Guten nach dem Himmel, die Bösen nach der Hölle fördert. Man sieht es dem Christus an, wie er die einen nach der guten Welt, die andern nach der schlimmen Welt fördert. Dieser Christus, wie er da dargestellt ist, ist fortan nicht der Christus, den wir erst in seiner wahren Wesenheit durch die Geisteswissenschaft begreifen sollen. Der Christus, der der wahre Christus ist, verdammt nicht, lobt nicht, indem er Zorn, oder indem er gewöhnliche Liebe anwendet, sondern durch das, was er ist, wirkt er. Luzifer werden nicht die Flügel gebrochen, sondern er bricht sie sich durch seine Seelenverfassung, indem er in die Nähe des Christus kommt. Und Ahriman, er fesselt sich selbst durch das, was in seiner Seele geschieht, indem er in die Nähe des Christus kommt. Daher muß die hinaufgehaltene und die hinuntergehaltene Hand alles, was nicht rein seiendes Mitgefühl mit der Welt ist, nicht haben. Der Luzifer dort oben, der kann nicht ertragen, seinerseits nicht ertragen, daß die Hand des Christus in seine Nähe kommt. Und durch das, was er dadurch in sich erlebt, bricht er sich die Flügel, nicht bricht der Christus sie ihm, er bricht sie sich selbst. Und ebenso ist es bei Ahriman. Michelangelo hat noch nicht verstanden, einen Christus zu bilden, wie er wirklich ist. Die Christus-Wesenheit ist so bedeutsam, das Verständnis derChristusWesenheit ist so schwierig, daß dies nur im Laufe der Zeit erreicht werden kann. Der Christus, der durch das, was er ist, die Wesen dazu bringt, daß sie sich selbst verdammen oder erlösen, der wird erst verstanden werden. Der Christus auf dem Bilde des Michelangelo hat noch etwas Luziferisch-Ahrimanisches, weil er durch seinen Zorn die Bösen in die Hölle, die Guten in den Himmel führt: da ist er engagiert mit seinen Leidenschaften. Der Christus hier steht unpersönlich da, und die Wesen verurteilen sich selbst, die in seine Nähe kommen.

[ 27 ] Sie sehen daraus, daß die Stellung des Menschen in der Welt, in der luziferische und ahrimanische Kräfte enthalten sind, an einer bedeutungsvollen Stelle unseres Baues zum Ausdruck kommen muß; daß Wesen ausgedrückt werden müssen, die nur in der geistigen Welt gefunden werden können. Aller Naturalismus der Kunst, alles das, wozu die Kunst gestrebt hat gerade in den letzten Zeiten, in denen die Menschen vom Materialismus ergriffen wurden, all das muß gerade überwunden werden durch diese Kunst, die hier gepflegt ist. Und etwas so völlig Neues muß, auch künstlerisch, durch Geisteswissenschaft in die Welt eintreten, daß überwunden wird auch ein Größtes, das bisher möglich war: die Christus-Gestalt des Michelangelo, in dem « Jüngsten Gericht».

[ 28 ] Man darf solche Sachen aussprechen, wenn man auf der andern Seite wiederum all das betont, was nicht vergessen werden darf: daß selbstverständlich für all das unser Bau nur ein primitiver Anfang sein kann. Alles ist unvollkommen, alles ist elementar, alles ist nur ein Anfang, aber es soll der Anfang schon etwas völlig Neues sein. Daß alles unvollkommen ist, das kann selbstverständlich gewußt werden, aber hingewiesen werden muß auf etwas, was als Impuls in das ganze Menschenleben hineinkommen soll.

[ 29 ] Bedenken Sie nun, wie nahe es liegt, gleichgültig vorüberzugehen an einer Gabe des kosmischen Daseins, die da besteht in den unverbrauchten Menschen-Ätherleiberkräften. Bedenken Sie, wie diese Ätherleiberkräfte eine Beute Luzifers und Ahrimans werden könnten, wenn der Mensch nicht die Möglichkeit fände, sie in das Heil der Erdenentwickelung hineinzustellen. Da haben wir ein ungeheures Geheimnis unserer Erdenmenschheitsentwickelung berührt: das Geheimnis von der Beziehung des Christus-Impulses zu dem LuziferImpuls, zu dem Ahriman-Impuls. Und diese Beziehung des ChristusImpulses zu dem Luzifer-Impuls und dem Ahriman-Impuls wird immer mehr und mehr in der nächsten Zukunft durch die Menschheit verstanden werden können. Luzifer-Kräfte und Ahriman-Kräfte durchwalten die Welt, und der Mensch muß durch sein ChristusBewußtsein werden wie ein Wesen, das wie in einem Boote sitzt, das zwar immer in den Stürmen, die Luzifer und Ahriman erregen, schaukeln muß, das aber seinen Weg findet durch dasMeer, dessen lebendige Substanz aus Luzifer und Ahriman besteht, durch das aber der Mensch sein Christus-Boot dennoch hindurchtreibt.

[ 30 ] Nicht darum kommen wir in unseren Zweigen zusammen, daß wir dieses oder jenes theoretisch lernen, was uns Geisteswissenschaft enthüllen kann, sondern darum kommen wir zusammen, daß alles, was in unseren Seelen lebt, erfüllt wird von einer Gesinnung, die aus dieser Geisteswissenschaft erfließen kann. Nicht was wir denken aus der Geisteswissenschaft, sondern wie wir es denken, empfinden, fühlen und wollen, darauf kommt es an. Und ob das Kleinste oder das Größte, was wir in der Erdenentwickelung der Menschheit beobachten können, vor unser Seelenauge tritt, überall kann uns vor Augen treten, wie es für den Menschen der Zukunft notwendig ist, sich gerade mit dem bekanntzumachen, was die Dreiheit Christus, Luzifer, Ahriman bedeutet. Nicht hat sehen können Michelangelo, nicht haben sehen können die Zeiten, die bisher vergangen sind, in der richtigen Weise, wie diese Dreiheit in der Welt dasteht. Aber man wird auch den Christus in seiner Wesenheit erst richtig erkennen, wenn man ihn sieht in seinem Verhältnis zu dem, was in der Welt wirkt wie der Nord- und Südpol: Luzifer und Ahriman.

[ 31 ] Mancherlei über diese Dinge wird für diejenigen, die dann dabei sein können, noch in den nächsten Tagen von uns zu besprechen sein. Heute hatte ich auf Ihre Seelen dasjenige legen wollen, was uns die geisteswissenschaftliche Gesinnung so wichtig auch für bedeutungsvolle Dinge erscheinen läßt, die sich in der geistigen Welt in der nächsten Zukunft dem zeigen können, der das, was physisch geschieht, auch geistig zu durchschauen vermag.

[ 32 ] O man möchte zu den die Erde und die Menschheit schützenden guten Göttern und Geistern flehen, daß sie Kraft den Menschen geben, damit eintreten kann dasjenige, was geschehen muß zum Heile der Menschheit!

[ 33 ] Da oben werden sie sein, die unverbrauchten Ätherkräfte der jugendlich durch den Tod gegangenen Menschen. Aber Menschenherzen und Menschenseelen werden hier auf Erden sein müssen, die so hinaufschauen zu diesen Kräften, daß diese Kräfte durch sie in die richtige Entwickelungsrichtung hineingebracht werden können. Nicht nur darauf kommt es an, daß da oben die Kräfte sind, die auch eine Beute Luzifers und Ahrimans werden könnten, sondern darauf kommt es an, daß unten in physischen Leibern Menschenseelen sind, die ihre andächtige Stimmung zu diesen Opfer-Ätherleibern hinaufsenden. Davon wird es abhängen, in welchem Sinne in die Menschheitsentwickelung die Kräfte einfließen, die geschaffen werden auf den Feldern, auf denen das Blut rinnt, auf denen Opfer gebracht werden, auf denen Schmerzen gelitten werden.

[ 34 ] Das ungefähr zeichnet den Anteil, der an dem künftigen Gang der Menschheitsentwickelung aus Geisteswissenschaft werden kann, wenn das, was nur von Geisteswissenschaft erkannt werden kann, wirklich von einer Anzahl von Menschen ergriffen wird.

[ 35 ] Was aus den gegenwärtigen schicksaltragenden Tagen werden kann, ich möchte es zum Schluß noch einmal in einigen pragmatischen Worten vor Ihren Seelen aussprechen:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Denken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.