Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Geheimnis des Todes
Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister
GA 159

17 Juni 1915, Düsseldorf

14. Erfahrungen des Menschen nach dem Durchgang durch die Todespforte

[ 1 ] Es ist öfter gesagt worden im Zusammenhang mit mancher geisteswissenschaftlichen Betrachtung, daß es sich innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung und ihrer Bestrebungen vor allen Dingen nicht nur darum handelt, theoretisch aufzunehmen diejenigen Begriffe und Ideen, die man sich durch Geisteswissenschaft aneignen kann, sondern daß die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse eingehen sollten in die innersten Bewegungen, die innersten Impulse unseres seelischen Lebens. Gewiß, wir müssen ausgehen von den Ergebnissen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse, und solche Erkenntnisse kann man sich nur aneignen, wenn man sie eben studiert, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Aber Geisteswissenschaft soll nicht so aufgenommen werden wie eine andere Wissenschaft, so daß man bloß hinterher weiß, man habe dieses oder jenes gehört, dieses oder jenes sei wahr in bezug auf das eine oder andre in der Welt, sondern Geisteswissenschaft soll so auf unsere Seele wirken, daß diese Seele anders werde in diesem oder jenem Empfindungsgebiet, daß sie anders werde durch die Aufnahme desjenigen, was aus der Geisteswissenschaft herausfließen kann. Die Begriffe, Ideen und Vorstellungen, die wir durch Geisteswissenschaft aufnehmen, sollen unsere Seele im Innersten aufrütteln, sollen sich vereinigen mit unserem Empfinden, so daß wir durch Geisteswissenschaft lernen, die Welt nicht nur anders anzuschauen, sondern auch anders zu empfinden als ohne sie. In gewisse Lebenslagen sich ganz anders hineinzufinden, als dies ohne Geisteswissenschaft möglich ist, das sollte eigentlich der Geisteswissenschafter. Und wenn er das kann, dann hat er im Grunde genommen erst das erreicht, was aus der Geisteswissenschaft uns erfließen soll.

[ 2 ] Wir leben heute in einer schweren Zeit, in welcher uns ja etwas von der wichtigsten Frage der Geisteswissenschaft, der Frage des Todes in so unzähligen Fällen vor Augen, vor die Seelen, vor die Herzen tritt, dem einen näher, dem andern ganz nahe. Der Geisteswissenschafter sollte auch in dieser schweren Zeit Geisteswissenschaft gefühlsmäßig bewähren können. Er sollte anders zu den Ereignissen der Zeit stehen können, auch dann, wenn sie ihn noch so nahe berühren, als der andere. Trost wird gewiß der eine, Aufmunterung wird der andere brauchen; aber das sollen beide auch in der Geisteswissenschaft finden. Dann erst, wenn dies der Fall sein kann, haben wir Geisteswissenschaft in dem, was sie sein will, im richtigen Sinne verstanden.

[ 3 ] Wir müssen durch die Vorstellungen der Geisteswissenschaft schon dadurch eine gewisse Erschütterung in unserer Seele erfahren, daß wir über manche Dinge ganz anders fühlen lernen, als wir ohne Geisteswissenschaft über irgend etwas in der Welt fühlen können. Nehmen Sie vieles von dem zusammen, was über das Rätsel des Todes innerhalb unserer Geisteswissenschaft schon gesagt worden ist, so werden Sie verstehen können, was ich auch heute nicht nur wiederholend, sondern manches anfügend an manche frühere Betrachtung, ausführen möchte. Wir müssen über den Tod nicht nur anders denken lernen, sondern wir müssen über den Tod anders fühlen lernen. Denn das Rätsel des Todes hängt in der Tat mit den tiefsten Welträtseln zusammen. Seien wir uns nur ganz klar darüber, daß wir all dasjenige, wodurch wir uns in der physischen Welt Wahrnehmungen und Kenntnisse verschaffen, wodurch wir von der äußeren Welt etwas erfahren, ablegen, wenn wir durch die Pforte des Todes treten. Wir verschaffen uns in der physischen Welt durch unsere Sinne Eindrücke über die Welt. Diese Sinne legen wir ab, wenn wir in die geistige Welt eintreten. Wir haben dann die Sinne nicht mehr. Das schon muß uns ein Beweis dafür sein, daß wir uns, wenn wir über die übersinnliche Welt denken, bemühen müssen, anders zu denken, als wir zu denken gelernt haben durch unsere Sinne.

[ 4 ] Gewiß, wir haben eine Art von Anhaltspunkt, indem auch in das gewöhnliche Leben, das wir zwischen Geburt und Tod verbringen, etwas Analoges, etwas Ähnliches von den Erlebnissen in der geistigen Welt hineinragt. Das sind die in das gewöhnliche Leben hereinragenden Traumerlebnisse. Die Traumerlebnisse werden uns nicht durch unsere Sinne; mit den Traumerlebnissen haben unsere Sinne wirklich nichts zu tun. Dennoch sind sie in Bildern bestehend, die manchmal an das Leben durch die Sinne erinnern. Wir haben in diesen Traumbildern, wenn auch einen schwachen Abglanz, so doch eben einen Abglanz von der Art, wie uns das geistige Dasein als imaginative Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt entgegentritt. Imaginative Wahrnehmungen haben wir allerdings nach dem Tode; in Bildern taucht das Erleben auf. Nur wenn Sie in der sinnlichen Welt zum Beispiel eine rote Farbe sehen und den Gedanken hegen müssen: Was ist hinter dieser roten Farbe? — dann werden Sie sich sagen: Da ist etwas, was den Raum erfüllt, etwas Materielles ist dahinter. — Die rote Farbe erscheint Ihnen auch in der geistigen Welt, aber dahinter ist nicht ein Materielles, nicht etwas, was im gewöhnlichen Sinne einen materiellen Eindruck ausüben würde. Hinter dem Roten ist ein geistig-seelisches Wesen; hinter dem Roten ist dasselbe, was Sie als Ihre Welt fühlen in Ihrem Seelischen. Man möchte sagen: Von dem Sinneseindruck der Farbe steigen wir äußerlich im Physischen hinunter zu der materiellen Welt, von den Imaginationen steigen wir hinauf immer mehr und mehr in geistige Regionen in der geistigen Welt. Und dessen müssen wir uns nun klar sein — es ist das besonders stark erwähnt worden in der neuen Auflage der «Theosophie» —, daß auch diese Imaginationen uns nicht so entgegentreten wie die Sinneseindrücke der physischen Welt. Sie sind dort gewiß da, diese Imaginationen, aber sie treten als Erlebnisse auf: Das Rot, das Blau sind dort Erlebnisse. Man kann diese Imaginationen mit Recht rot oder blau nennen, aber sie sind doch eben etwas anderes als die Sinneseindrücke der physischen Welt. Sie sind viel innerlicher, wir sind viel innerlicher mit ihnen verbunden. Außerhalb der roten Farbe der Rose sind Sie selbst; in der roten Farbe der geistigen Welt fühlen Sie sich darinnnen, Sie sind mit der roten Farbe verbunden. Indem Sie in der geistigen Welt ein Rotes wahrnehmen, entwickelt sich ein Wille, ein stark wirksamer Wille eines geistigen Wesens. Und dieser Wille strahlt, und das, was’er strahlt, ist rot. Aber Sie fühlen sich in dem Willen darin, und dieses Darinsein, dieses Darinfühlen, dieses Erlebnis bezeichnen Sie dann selbstverständlich als rot. Ich möchte sagen, die physische Farbe ist wie das gefrorene geistige Erlebnis, wie das erstarrte geistige Erlebnis. Und so müssen wir uns auf vielen Gebieten die Möglichkeit aneignen, etwas anderes zu denken, unseren Vorstellungen andere Werte und Bedeutungen zu geben, wenn wir uns wirklich erheben wollen zu einem Begreifen der geistigen Welt.

[ 5 ] Dann müssen wir uns klar sein, daß oben in der geistigen Welt dasjenige, was wir Imaginationen nennen, im Verhältnis zu den geistigen Wesen, deren Ausdruck zum Beispiel die Farben sind, auch nicht so ist wie das Verhältnis einer Farbe zu einem sinnlichen Wesen. Die Rose ist rot, das ist eine Eigenschaft der Rose. Aber wenn ein Geist in die Nähe kommt und wir nach dem, was jetzt gesagt worden ist, das Bewußtsein haben müssen: Der Geist strahlt rot —, so bedeutet das Rot nicht in ähnlicher Weise eine Eigenschaft des Geistes, wie das Rot der Rose eine Eigenschaft bedeutet; sondern dieses Rot ist mehr eine Art Offenbarung des Inneren des Geistes, es ist mehr ein Schriftzeichen, das der Geist hinsetzt in die geistige Welt. Und man muß erst durchschauen durch die Imaginationen. Die Tätigkeit, die man da entwickelt, ist in der physischen Welt nur mit ihrem ahrimanischen Abbild zu vergleichen, nämlich mit dem Lesen. Die rote Farbe an der Rose schauen wir an und wissen: Rot ist eine Eigenschaft der Rose. Das Rot in der geistigen Welt schauen wir nicht bloß an, sondern wir deuten es, aber nicht spintisierend — davor muß ich immer wiederum warnen —, sondern unsere Seele findet schon von selbst, daß damit etwas gegeben ist wie ein Laut, ein Buchstabe, wie etwas, was entziffert, gelesen werden soll, wodurch man erst erkennt, was gemeint ist. Der Geist meint etwas, wenn er sich als rot oder blau oder grün, oder wenn er sich als Cis oder Gis offenbart. Der Geist meint etwas damit; man fängt an, mit dem Geist zu sprechen, man fängt an, seine Schrift zu lesen. Darauf beruht die äußere Kultur, daß solche Dinge, die in der geistigen Welt ihre tiefe Weisheit haben, dann auch in die äußere Welt herausverpflanzt werden. Wir sprechen mit Recht von einem okkulten Lesen, denn derjenige, der sich das hellsichtige Bewußtsein aneignet, der in die geistige Welt eintritt, der die Imaginationen überschaut und in ihnen liest, schaut durch sie auf den Grund der Seelen, die da leben in der geistigen Welt, nicht bloß durch Farben, sondern auch durch andere Eindrücke, solche Eindrücke, die an Sinneseindrücke erinnern, und solche, die neu hinzukommen in der Geistigkeit.

[ 6 ] Diese Tätigkeit, die eine rein seelisch-geistige Tätigkeit ist, untersteht gewissermaßen der Regierung der richtig fortschreitenden geistigen Wesenheiten. Hier in der physischen Welt schafft Ahriman ein Abbild gerade von dem, was ich jetzt charakterisiert habe. Von diesem okkulten Lesen ist das äußere Lesen von Schriftzeichen in der physischen Welt ein ahrimanisches Abbild. Denn alles Lesen in der physischen Welt durch Zeichen, die künstlich ausgebildet worden sind, ist eine ahrimanische "Tätigkeit. Gar nicht mit Unrecht ist die Erfindung der Buchdruckerkunst als eine ahrimanische Kunst empfunden worden, als eine «schwarze Kunst», wie man sie genannt hat. Man darf eben nicht glauben, daß man durch irgendwelche Verrichtungen aus den Klauen von Luzifer und Ahriman kommen könne. Luzifer und Ahriman müssen in der äußeren Kultur darinnen sein. Es handelt sich nur darum, daß man den Gleichgewichtspunkt findet, den Weg findet, wenn das Leben nach der luziferischen und ahrimanischen Seite fortwährend ausschlägt. Wollte jemand gar nicht von Ahriman berührt werden, so müßte er niemals lesen lernen. Aber darum handelt es sich nicht, daß wir Ahriman und Luzifer fliehen, sondern darum handelt es sich, daß wir in das richtige Verhältnis zu ihnen kommen; daß wir, trotzdem sie als Kräfte um uns herum da sind, uns in der richtigen Weise zu ihnen stellen können. Wenn wir wissen, wir folgen dem, was wir so oft als den Christus-Impuls, der in uns lebt, geschildert haben, und wenn wir uns die geistigen Empfindungen aneignen, die uns in jedem Augenblicke unseres Lebens den Willen auferlegen, dem Christus zu folgen, dann können wir auch lesen. Dann können wir erfahren — und wir werden es schon, wenn es nach unserem Karma für uns recht ist —, daß Ahriman auch das Lesen eingerichtet hat, und wir werden diese ahrimanische Kunst im rechten Lichte sehen. Wenn wir das nicht erfahren, dann deklamieren wir in Worten von der ahrimanischen Kultur, von dem Fortschritt, von der Glorie der ahrimanischen Kultur, zum Beispiel des Lesens.

[ 7 ] Aber alle diese Dinge legen auch Pflichten auf, und darum handelt es sich, daß solche Pflichten auch eingehalten werden. Gerade in unserer jetzigen Zeit kann vieles angeführt werden, um dieses oder jenes zu verteidigen oder anzuklagen. Wahrhaftig, wir haben das, was wir eine flutende Kriegsliteratur nennen können. Jeder Tag bringt nicht nur Broschüren, sondern auch Bücher und so weiter. Da können Sie oft auch lesen: Dieses Land hat so und so viele Analphabeten, in diesem Land können so und so viele lesen und schreiben, und dergleichen. Sich dies ohne weiteres zu eigen zu machen, würde nicht dem gemäß sein, was der in der Geisteswissenschaft Bewanderte aus seiner Verantwortlichkeit heraus zu sagen hat. Würde ich zum Beispiel unter demjenigen, was ich mit Bezug auf unsere Zeit anzuführen habe, alles besonders Schlimme bei einem Volke andeuten wollen, und um das anzudeuten, sagen, bei dem Volke sind so und so viele, die nicht lesen und so und so viele, die nicht schreiben können, so würde ich nicht in der richtigen Weise geisteswissenschaftlich sprechen. Da müssen immer nur Dinge angeführt werden, die man verantworten kann gegenüber den okkulten Pflichten. Daraus sehen Sie ich wollte das nur als Beispiel anführen —, daß Geisteswissenschaft in diesem tieferen Sinne auch wirklich in das Leben übergehen muß und Pflichten auferlegt. Und wenn der Geistesforscher solche Dinge sagt, die die andern auch sagen, werden Sie immer verfolgen können, daß sie in ganz anderem Zusammenhang gesagt werden, und das ist es, worauf es ankommt. Daher wird selbstverständlich manches demjenigen, der nicht mit Geisteswissenschaft bekannt ist, dann, wenn es in der Geisteswissenschaft gesagt ist, oft ganz sonderbar vorkommen, weil er gewöhnt ist, andere Vorstellungen zu haben, und manchmal sich sagen müssen: Diese Geisteswissenschaft nennt ja das Schwarze weiß, und das Weiße schwarz! — Und das ist ja wirklich manchmal notwendig, denn wenn man mit den gewöhnlichen Vorstellungen und Begriffen, die man sich in der physischen Welt aneignet, in die geistige Welt aufsteigt, so ist es wirklich so, daß manche Begriffe gründlich geändert werden müssen.

[ 8 ] Nehmen wir von diesem Gesichtspunkte aus einen der wichtigsten, rätselhaftesten Begriffe, die wir uns aneignen müssen aus den Eindrücken der physischen Welt heraus, den Begriff des Todes. In der physischen Welt sieht der Mensch den Tod ja immer nur von der einen Seite, von der Seite, daß er das menschliche Leben sich entwickeln sieht bis zu dem Punkte hin, wo der Mensch stirbt, das heißt, wo der physische Leib zunächst von den höheren Gliedern der Menschennatur wegfällt und dann innerhalb der physischen Welt seine Auflösung findet. Man kann wirklich sagen, das, was da der Mensch über den Tod sieht innerhalb der physischen Welt, heißt: den Tod von der einen Seite anschauen. Von der andern Seite aber den Tod anschauen heißt, ihn wirklich in einem entgegengesetzten Lichte sehen, heißt, ihn gründlich anders sehen.

[ 9 ] Wenn wir durch die Geburt in das physische Leben eintreten, machen wir zunächst etwas durch, was wir so erleben, daß der Höhepunkt des physischen Bewußtseins bei uns noch nicht völlig erreicht ist. Sie wissen ja, an die ersten Jahre unseres Erlebens erinnern wir uns mit dem gewöhnlichen physischen Bewußtsein nicht zurück. Niemand kann sich mit dem gewöhnlichen physischen Bewußtsein an seine Geburt erinnern. Wenigstens wird kein Mensch in der Welt auftreten, der behaupten wird, er könne sich nach seinem physischen Bewußtsein erinnern, wie er geboren worden ist. Wir können sagen: Das ist eine Einrichtung des physischen Bewußtseins, daß vergessen werden muß die Geburt des Menschen. Sie wird vergessen, auch noch die ersten Lebensjahre werden vergessen. Wenn wir im physischen Leben zwischen Geburt und Tod auf unser Leben zurückblicken, erinnern wir uns bis zu einem gewissen Punkte. Dann bricht das Erinnern ab. Der Punkt, wo es abbricht, ist nicht unsere physische Geburt, sondern es geht ein Erleben voraus. Kein Mensch kann aus Erfahrung wissen, daß er geboten ist. Er kann es nur schließen. Daraus schließen wir es, daß wir geboren sind — und nur daraus —, daß nach uns Menschen geboren werden, deren Geburt wir wahrnehmen. Wenn der Naturforscher behauptet, er wolle nur zugeben, was gesehen werden kann, so könnte nach diesem Grundsatz, wenn er logisch sein will, niemand seine Geburt behaupten, denn unmöglich ist es, anders als hellsichtig seine eigene Geburt wahrzunehmen; man kann nur auf sie schließen.

[ 10 ] Genau das Entgegengesetzte findet nun statt mit Bezug auf den Tod. Das ganze Leben hindurch zwischen Tod und neuer Geburt steht dem Menschen als der lebendigste, als der hellste Eindruck der Moment des Todes, den er vorher durchgemacht hat, vor dem Seelenauge. Aber glauben Sie nicht, daß Sie daraus etwa schließen dürfen, es wäre dies ein schmerzlicher Eindruck. Da würden Sie glauben, daß der Tote auf das zurückschaut, was Sie in der physischen Welt vom Tode sehen, den Zerfall, den Untergang. Er sieht den Tod aber von der andern Seite; er sieht in dem Tod etwas, was man als das Allerschönste auch in der geistigen Welt bezeichnen muß. Denn es gibt in dem, was der Mensch zunächst normalerweise in der geistigen Welt erleben kann, nichts Schöneres als den Anblick des Todes. Diesen Sieg des Geistes über das Materielle, dieses Aufleuchten des geistigen Lichtes der Seele aus der dunklen Finsternis des Materiellen zu schauen, das ist das Größte, das Bedeutsamste, das geschaut werden kann auf der andern Seite des Lebens, die der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchmacht.

[ 11 ] Wenn der Mensch den Ätherleib zwischen Tod und neuer Geburt ablegt und allmählich sein Bewußtsein voll gebildet hat, was ja nicht sehr lange Zeit nach dem Tode geschieht, dann ist es so, daß er nicht so zu sich steht, wie er hier in der physischen Welt zu sich steht. Wenn der Mensch hier in der physischen Welt schläft, ist er seiner unbewußt, und wenn er aufwacht, so wird er sich dessen bewußt, daß er jetzt weiß: Ich habe ein Selbst, ein Ich in mir. Nach dem Tode in der geistigen Welt ist das etwas anderes — da ist sein Selbstbewußtsein auf einer höheren Stufe —, es ist dann nicht genau so. Ich werde gleich davon sprechen, wie es ist. Aber es gibt dort auch etwas wie ein SichBesinnen auf das Ich, das Selbst. Geradeso wie man sich des Morgens beim Aufwachen auf das Selbst besinnen muß, so ist es in der geistigen Welt auch. Aber dieses Sich-Besinnen ist ein Zurückblicken zu dem Moment des Todes. Immer ist es so, als wenn wir, um unser Ich wahrzunehmen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, uns sagten: Du bist wirklich gestorben, also bist du Ich, bist du ein Ich!

[ 12 ] Das ist das Bedeutungsvollste: Man blickt zurück auf den Sieg des Geistes über den Leib, man blickt zurück auf den Moment des Todes, der das Schönste der geistigen Welt ist, das erlebt werden kann. Und in diesem Zurückblicken wird man seines Selbstes in der geistigen Welt gewahr. Das ist immer, man kann nicht sagen, wie ein Aufwachen — da würde man auch die Begriffe einseitig prägen —, es ist die Besinnung auf sich, zu seinem Tode zurückzublicken. Daher ist es so wichtig, daß der Mensch die Möglichkeit hat, mit vollem nachtodlichem Bewußtsein — einem Bewußtsein, das nach dem Tode eintritt — wirklich zurückzublicken auf den Moment des Todes, damit er nicht in irgendeiner Weise bloß träumt, was er da schaut, sondern voll verstehen kann, was er schaut; das ist ungeheuer wichtig. Und dazu können wir uns allerdings schon während des Lebens dadurch vorbereiten, daß wir versuchen, Selbsterkenntnis zu üben. Namentlich ist das von unserer Zeit ab der Menschheit notwendig, Selbsterkenntnis zu üben. Im Grunde ist alle Geisteswissenschaft dazu da, um dem Menschen diejenige Selbsterkenntnis zu geben, die ihm notwendig ist. Denn Geisteswissenschaft ist eigentlich eine Einführung in des Menschen erweitertes Selbst, jenes Selbst, durch das man im Grunde der ganzen Welt angehört. Ich sagte, das Bewußtsein ist nach dem Tode etwas anderes als hier in der physischen Welt. Wenn ich Ihnen das ganz graphisch darstellen möchte, wie das Bewußtsein nach dem Tode ist, so könnte ich das in folgender Weise tun.

[ 13 ] Nehmen Sie an, hier hätten wir ein Auge, und hier hätten wir einen Gegenstand. Wodurch erlangen wir das Bewußtsein, daß da ein Gegenstand außer uns ist? Nun, dadurch, daß der Gegenstand einen Eindruck auf unser Auge macht. Der Gegenstand macht einen Eindruck auf unser Auge, und wir lernen etwas von dem Gegenstand wissen. Der Gegenstand ist draußen in der Welt, er macht einen Eindruck auf unsere Sinne, und wir nehmen die Vorstellung, die wir uns von dem Gegenstand bilden können, in uns herein, in unsere Seele herein. Der Gegenstand ist außer uns. Die Vorstellung, die wir uns dann bilden, hat er uns dann überliefert. Anders ist es nun in der geistigen Welt. Und weil ich es graphisch nicht anders darstellen kann, möchte ich das, was ich immer Seelenauge nenne, Ihnen auch, trotzdem es strenggenommen unrichtig ist, als Seelenauge zeichnen. Dieses Seelenauge, das der Mensch nach dem Tode hat, ist nun so veranlagt, daß der Mensch nach dem Tode zum Beispiel einen Engel oder eine andere Menschenseele, die auch in der geistigen Welt ist, nicht so sieht, wie er eine Blume in der physischen Welt sieht, sondern dieses Seelenauge ist so veranlagt — lassen wir zunächst eine Menschenseele außer Betracht, sehen wir nur auf eine Wesenheit der höheren Hierarchie —, daß es, wenn hier eine Engelwesenheit ist, eine Erzengelwesenheit, als Auge nun nicht das Bewußtsein hat: Ich sehe da außer mir dieses Engelwesen —, sondern: Ich werde von dem Engelwesen gesehen, das sieht mich. — Es ist gerade das Umgekehrte der physischen Welt. So leben wir uns in die geistige Welt hinein, daß wir das Bewußtsein bekommen gegenüber den Wesen der höheren Hierarchien, daß wir von ihnen gewußt werden, daß sie uns denken. Wir fühlen uns in ihnen darin eingebettet, wir fühlen uns erkenntnisgemäß ergriffen von den Engeln, Erzengeln, Geistern der Persönlichkeit, wie Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich sich von uns ergriffen fühlen.

AltName

[ 14 ] Nur in bezug auf Menschenseelen ist es so, daß wir sowohl von ihnen gesehen werden können, so daß wir das Gefühl haben, sie sehen uns, wie wir auch das Gefühl haben, das, was unser Schauen ist, geht in sie hinüber. Es ist ein Sehen bei uns und bei den Menschenseelen. Allen andern Wesen der höheren Hierarchien gegenüber haben wir das Gefühl, wir werden von ihnen wahrgenommen, gedacht, vorgestellt; und indem wir von ihnen wahrgenommen, gedacht, vorgestellt werden, sind wir in der geistigen Welt darin. Und das ist dann so: Nehmen wir an, wir wandeln als Seele in der geistigen Welt umher, wie wir in der physischen Welt herumwandeln. Dann ist es so, daß wir überall das Gefühl haben, in Beziehung zu treten zu den Wesenheiten der höheren Hierarchien, wie wir hier in der physischen Welt das Gefühl haben, in Beziehung zu treten zum Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich. Nur brauchen wir immer wieder die Besinnung, daß wir ein Selbst haben. Dann blicken wir auf unseren Tod hin und sagen uns: Das bist du! — Das ist ein fortdauerndes Bewußtsein, ein fortdauernder Inhalt des Bewußtseins.

[ 15 ] Das heute Gesagte kommt zu den verschiedenen Vorstellungen dazu, die Sie aus Zyklen und Büchern aufnehmen können. Es ist mehr seelisch gesprochen als dasjenige, was zum Beispiel in dem Buche «Theosophie» mehr der äußeren Anschauung nach gesprochen ist. Aber erst dadurch, daß man so etwas seelisch anschaut, kommt man so recht hinein in die Empfindungen, die man diesen Dingen gegenüber und überhaupt der geistigen Welt gegenüber haben muß.

[ 16 ] Selbsterkenntnis ist daher dasjenige, was uns fördert, was uns stark macht für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es konnte mir dieses neuerdings wiederum mit besonderer Lebhaftigkeit gegenübertreten, als ich die Aufgabe hatte, nach dem Hingang von Freunden unserer Sache einige Male bei der Einäscherung zu sprechen. Da stellte sich immer die Notwendigkeit heraus, irgend etwas zu sprechen, das innig zusammenhängt mit dem Charakter, mit dem Selbst dessen, der durch die Pforte des Todes gegangen ist. Warum kam dieses Inspirative oder Intuitive, den Toten etwas nachzurufen, was mit ihrem Wesen zusammenhängt? Das zeigt sich durch das Leben der Betreffenden nach dem Tode. Es kommt ihnen zu Hilfe, was die Kräfte ihrer Selbsterkenntnis stärkt. Indem man von diesen Eigenschaften, die sie in sich selbst fühlen, unmittelbar nach dem Tode, wo ihr Bewußtsein noch nicht erwacht war, sprach, konnte man ihnen gleichsam zufließen lassen etwas von der Kraft, die sie brauchen, um allmählich die Möglichkeit auszubilden, hinzuschauen auf den Moment des Todes, wo ihre ganze Wesenheit konzentriert erscheint, wie sie sich entwickelt hat zwischen Geburt und Tod. Man kommt also den Toten zu Hilfe, wenn man ihnen gerade nach dem Tode etwas zufließen läßt, was sie an Eigenschaften, an Erlebnisse und so weiter erinnert, welche die ihrigen waren. Man befördert dadurch die Kraft der Selbsterkenntnis. Und wenn man hellsichtig die Möglichkeit hat, sich hineinzuversetzen in die Seele eines solchen Toten, dann verspürt man in seiner Seele den Drang, gerade in dieser Zeit etwas zu hören über die Art, wie er war, über das oder jenes, was er durchgemacht hat, oder was seine Haupteigenschaften sind. Sie können begreifen: Wie hier auf Erden das Leben des einen Menschen nicht dem Leben des andern gleicht, sondern wie alle Menschen Leben haben, die voneinander verschieden sind, so ist es auch bei denen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind. Nicht ein Seelenleben gleicht dem andern zwischen Tod und neuer Geburt. Ich möchte sagen: Jedes Seelenleben, das man da beobachten kann, ist wiederum eine neue Offenbarung, und immer kann man nur einzelne besondere Eigenschaften herausheben. Ich möchte heute und dann auch übermorgen in Köln über solche Dinge sprechen. Ich möchte von einem konkreten Fall als Beispiel sprechen.

[ 17 ] Wir haben in Dornach vor einiger Zeit ein Mitglied den physischen Plan verlassen sehen, das zu ziemlich hohen Jahren gekommen war. Ein Mitglied, das sein Leben jedenfalls in emsiger Arbeit, fürsorglicher Arbeit verbracht hat, aber in den letzten Jahren, seit längerer Zeit schon mit tiefster Seele mit unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung verbunden war und sie ganz ausprägte im eigenen Herzen, in der eigenen Seele. So daß man sagen kann: diese Persönlichkeit war so weit gekommen, daß sie in den letzten Zeiten ihres physischen Daseins ganz eins war mit unserer Weltanschauung, dem Empfinden, dem Fühlen nach ganz eins war. Nun wissen Sie, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, zuerst seinen physischen Leib ablegt, dann noch eine Weile den Ätherleib an sich trägt und dann auch den Ätherleib ablegt. Und dann kommt eine Zeit, wo der Mensch erst nach und nach das Bewußtsein erringen muß, welches ihm dann zwischen dem Tode und einer neuen Geburt eigen sein muß. Unmittelbar nach dem Tode ist der Mensch in seinem Ätherleibe. Da erlebt er, wir wissen das, einen vollen Rückblick auf sein Leben als ein großes Lebenstableau. In dieser Zeit treten auch in seiner Seele, ich möchte sagen, wie mit einem Schlage, ganz besonders die kraftvollen Impulse auf, so daß manches, was gerade in dieser Beziehung bedeutungsvoll ist, nach dem Tode noch ganz anders auftreten kann als während des Lebens. Während des Lebens ist der Mensch ja vielfach gefesselt durch die Grenzen, die ihm sein physischer Leib setzt. Unmittelbar nach dem Tode hat man die Schwere, das Drückende, Feste, das die Deutlichkeit mancher Seelenimpulse Abschwächende des Physischen überwunden. Man hat noch den Ätherleib an sich und daher die Erinnerung an das Leben nicht verloren. Es ist eine ganz imaginative Welt, die erstens die Bilder des vergangenen Lebens enthält, dann aber die besonders starken Impulse enthält. Wenn nun eine Seele während des Lebens so ganz mächtig die Impulse der Geisteswissenschaft aufgenommen hat, wenn diese Seele diese Impulse bis zum innersten Fühlen und Empfinden hereingebracht hat in sich, dann kann sie diese Eindrücke nach dem Tode auch in einer ganz andern Weise entfalten, da sie den elastischen, fügsamen Ätherleib zur Verfügung hat, der dann nicht mehr gefesselt ist an dasjenige, was der physische Leib zuläßt. Das konnte man besonders bei jener Persönlichkeit sehen, von der ich jetzt eben gesprochen habe, die ganz kurz nach dem Tode, nachdem es eben gelungen war, sich ganz in ihre Seele zu versetzen, aus dieser Seele herausfließen ließ dasjenige, was aus den geisteswissenschaftlichen Impulsen in ihr gelebt hat. Sie hätte das während des physischen Lebens selbstverständlich nicht in solche Worte geprägt. Weil aber der ätherische Leib noch da war, konnte sie es in physische Worte kleiden. Sie war noch nicht heraus aus dem elastischen Ätherleib, da prägte sich dasjenige, was sie durch Geisteswissenschaft aufgenommen hatte, so aus, daß es zum Ausdruck ihrer Seele wurde. Und ich hatte dann die Notwendigkeit, daß ich ein paar Tage darauf bei der Einäscherung der betreffenden Persönlichkeit gerade diese Worte zu sprechen hatte, die aus ihrem Wesen herausklangen, die also ihr gehörten, nicht mir:

In Weltenweiten will ich tragen
Mein fühlend Herz, daß warm es werde
Im Feuer heil’gen Kräftewirkens;

In Weltgedanken will ich weben
Das eigne Denken, daß klar es werde
Im Licht des ew’gen Werde-Lebens;

In Seelengründe will ich tauchen
Ergeb’nes Sinnen, daß stark es werde
Für Menschenwirkens wahre Ziele;

In Gottes Ruhe streb’ ich so
Mit Lebenskämpfen und mit Sorgen,
Mein Selbst zum höhern Selbst bereitend;

Nach arbeitfreud’gem Frieden trachtend,
Erahnend Welten-Sein im Eigensein,
Möcht ich die Menschenpflicht erfüllen;

Erwartend leben darf ich dann
Entgegen meinem Schicksalssterne,
Der mir im Geistgebiet den Ort erteilt.

[ 18 ] Man kann sagen, da ist in Worte, die die Empfindung nach dem Tode ausdrücken, gelegt dasjenige, was die Seele durch Geisteswissenschaft geworden ist. Dann kam die Zeit, die ja jeder nach dem Tode mehr oder weniger durchzumachen hat, die man nur uneigentlich eine Schlafenszeit nennt, denn wenn man den Ätherleib abgelegt hat, so ist man eigentlich gleich ganz darinnen in der geistigen Welt, nur ist man geblendet von der Fülle der geistigen Welt. Man kann das nicht alles überschauen, man muß erst seine Kraft, die man mitgebracht hat, anpassen der geistigen Welt; man muß sich herabstimmen. Man sieht zuviel nach dem Tode; das Bewußtsein ist da, man muß es erst herabstimmen bis zu den Kräften, die man erworben hat. Dann fängt man an, sich orientieren zu können und wirklich zu leben in der geistigen Welt. Es ist eigentlich nicht ganz richtig gesprochen, wenn man sagt, man wache nach einiger Zeit zum Bewußtsein auf, sondern man muß sagen, man habe zuviel Bewußtsein und müsse es herabstimmen bis zu dem Grade, den man ertragen kann. Das ist dann das Aufwachen. Die Seele, von der ich Ihnen eben gesprochen habe, kam daher in dieses — wenn der Ätherleib abgelegt ist — Nichtertragen-Können des Geisteslichtes. Aber sie hatte viel Kraft in sich; Sie sehen es den Worten an, die ich gelesen habe, und daß diese Kraft allmählich ganz durchdrungen worden war von dem, was aus dem menschlichen Fühlen und Wollen Geisteswissenschaft machen kann. Daher kam es, daß diese Wesenheit, diese Seele einige Zeit nach dem Tode zu einem Bewußtsein kam, das ihr erträglich war. Natürlich wäre viel zu schildern über die Zeit, die dann beginnt für eine Seele, wenn man alles schildern wollte, was da eine solche Seele erlebt. Man schildert ja immer nur Teile; und es gehört selbstverständlich, indem wir innerhalb unserer Bewegung stehen, gerade zu dem Bedeutsamsten, das an den Seelen zu beobachten, was diese Seelen mit unserer Bewegung verbindet. Man kann an dem lernen, was überhaupt Menschenseelen nach dem Tode mit der ganzen Welt verbindet; aber man kann am besten an solchen Seelen das beobachten, was das Leben der Seele nach dem Tode ist, besonders dann, wenn sie einem so nahegetreten ist wie diese Seele, von der ich jetzt hier spreche, Und so kam es denn, daß zuerst beobachtet werden konnte gerade bei dieser Seele, wie sie zum sich orientierenden Bewußtsein kam, an der Teilnahme an unseren Versammlungen, wirklich an der Teilnahme an unseren Versammlungen. Und voll ausgeprägt war diese Teilnahme bei einem Dornacher Osterfest dieses Jahres, an jenem Osterfest, wo versucht worden ist, besonders die Tiefe des Gedankens des Osterfestes unseren lieben Freunden dort in Dornach auseinanderzusetzen. Da war diese Seele anwesend. Sie nahm teil; wie sie früher mit inniger Wärme teilgenommen hatte, so nahm sie jetzt als Seele teil. Und sie wollte sich aussprechen, wie mancher ja auch im physischen Leibe das Bedürfnis hat, sich nachher über dasjenige auszusprechen, was er aufgenommen hat. Sie wollte sich aussprechen, und es ist das Eigentümliche, daß sie wiederum in solche Worte prägte, weil dadurch die Möglichkeit ist, sich zu verständigen, daß sie wiederum in solche Worte prägte, wie sie nun lebt und lebt gerade in bezug auf das, was sie miterlebt hatte bei diesem unserem Ostervortrag. Und da kam denn etwas wie eine Ergänzung des damals nach dem Tode Durchgekommenen. Diese Ergänzung, die jetzt aus dem Bewußtsein herauskam, ist folgende:

In Menschenseelen will ich lenken
Das Geistgefühl, daß willig es
Das Österwort in Herzen wecke;

Mit Menschengeistern will ich denken
Die Seelenwärme, daß kräftig sie
Den Auferstandnen fühlen können;

[ 19 ] Man sieht, sie will mit denjenigen, mit denen sie verbunden war in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, weiter arbeiten. Sie will sich ihnen widmen, daß sie das Osterwort im Herzen erweckt bekommen, wie es ja durch den Ostervortrag versucht wurde, daß dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft den Auferstandenen nennen, in der richtigen Weise erfühlt werden könne. Aber ganz besonders bedeutsam war etwas, was herauskam in den folgenden drei Zeilen. Das ist ganz besonders schön, und tief ergreifend.

[ 20 ] Ich hatte gerade in jenen Ostervorträgen und in manchen andern Vorträgen, die damals gehalten worden sind, mich bemüht, wieder und wiederum, was ich schon öfters getan habe, darauf aufmerksam zu machen, was die Geisteswissenschaft für eine Bedeutung hat nicht nur hier für das Erdenleben, sondern für die ganze Welt. Derjenige, der durch die Pforte des Todes tritt, kann von alledem auch das als Miterlebnis haben und erfahren, was hier in der Geisteswissenschaft getrieben wird. Deshalb rate ich so vielen, wenn sie liebe Tote, durch die Pforte des Todes Gegangene haben, ihnen vorzulesen oder zu erzählen von den geisteswissenschaftlichen Lehren, denn was in geisteswissenschaftliche Worte geprägt ist, hat nicht nur Bedeutung für die im physischen Leibe lebenden Seelen, sondern es hat volle Bedeutung auch für die Seelen, die entkörpert sind. Es kommt ihnen zu wie geistige Lebensluft, wie geistiges Lebenswasser, oder man könnte auch sagen, sie vernehmen Licht durch uns hier unten. Dieses Licht ist für uns ja zunächst, man möchte sagen, symbolisch, denn wir hören Worte und nehmen sie als Gedanken in unsere Seele auf; die Toten sehen es aber wirklich als Geisteslicht.

[ 21 ] Nun ist es sehr bedeutsam, daß gerade diese Seele, die das oft gehört hat, förmlich sagen wollte: Ich habe das verstanden, und es ist wirklich so! — Denn ihre Worte in dieser Beziehung sind:

Es leuchtet hell dem Todesscheine
Des Geisteswissens Erdenflamme...

[ 22 ] Es ist Tatbestand für die Seele. Sie will sagen: Das, was ihr sprecht unten, es ist heraufleuchtend wie eine Flamme. — Und sie drückte das aus, indem sie sagte «Erdenflamme»: «Es leuchtet hell dem Todesscheine...» Warum sagt sie «Todesscheine»? Wenn Sie nachdenken, werden Sie es herausfinden. Sie sagte, weil sie immer gehört hat, daß wir die Welt Maja nennen: Auf der Erde ist sie im Schein der Sinne; jetzt ist sie auch in einem Scheine, durch den sie das Wesen erst zu schauen hat:

Es leuchtet hell dem Todesscheine
Des Geisteswissens Erdenflamme; —

[ 23 ] und etwas, was sie nun auch bekräftigt:

Das Selbst wird Welten-Aug’ und Ohr.

[ 24 ] Weltenohr meint sie. Sie meint, das ganze Selbst wird jetzt wie ein mächtiges Sinnesorgan, wird zum Wahrnehmungsorgan für die ganze Welt. Es ist eine schöne Art und Weise, durch welche der Tote zeigt, wie er bewußt wird, daß wahr wird dasjenige, was Geisteswissenschaft sagt. Für diese Seele ist es charakteristisch, daß sie sich sogleich nach dem Tode aussprechen will und sagen will: Ja, jetzt bin ich so weit, daß dasjenige, was ich auf Erden gelernt habe, sich mir als das Richtige darstellt.

[ 25 ] Mir selbst waren diese Worte von einer gewissen Wichtigkeit, weil sie nach einiger Zeit, vielleicht ein paar Wochen später, aus der geistigen Welt heraus gekommen sind von jener Seele, von der ich gesprochen habe, nachdem kurz vorher, ein paar Wochen vorher, ein anderes mich befriedigendes Ereignis auftrat.

[ 26 ] Freunde von unserer Bewegung verloren im jetzigen Kriege einen noch ziemlich jungen Sohn, der freiwillig in den Krieg eingetreten war. Der junge Mann fiel. Er war, man möchte sagen, halb nahegetreten der Geisteswissenschaft in der letzten Erdenzeit, die er durchgemacht hat. Er war erst siebzehn, achtzehn Jahre alt. Nun war er hingegangen, war gefallen. Nach einiger Zeit konnte geschaut werden, wie die Seele dieses jungen Mannes — und bei vielen Seelen, die jetzt im Kriege durch die Pforte des Todes gegangen sind, ist das der Fall, daß sie verhältnismäßig rasch zum Bewußtsein kommen —, es konnte also bei dieser Seele gesehen werden, wie er sich seinen Eltern näherte, wie er wirklich herankam an seine Eltern. Und es war so — es konnte richtig gehört werden —, wie wenn er ihnen sagte: Nun möchte ich es euch auch wirklich begreiflich machen, daß dasjenige, was ich in eurem Hause oftmals gehört habe von Geisteswissenschaft, von Geisteslicht und geistigen Wesen, mir klarwerden kann, daß es wahr ist, daß es mir hilft, was ich da gehört habe.

[ 27 ] Ich erwähne das nicht deshalb, weil es etwas Besonderes sein soll, sondern weil es gerade zeigt, wie der Zusammenhang ist zwischen dem irdischen Leben und dem geistigen Leben. Eine Merkwürdigkeit will ich dabei doch erwähnen. Nach einem Vortrag, den ich dann in einem unserer Zweige hielt — ich hatte damals die Worte aufgeschrieben, die durchgekommen waren —, ging ich zu den betreffenden Eltern des jungen Mannes und erzählte ihnen dieses und bezeichnete ihnen auch die Nacht, in welcher sich das zugetragen hat, daß der junge Mann sich seinen Eltern genähert und dieses gleichsam zu den Seelen der Eltern gesprochen hat. Und da sagte der Vater: Das ist ganz merkwürdig, ich habe sehr selten Träume. Diese Nacht, diese selbe Nacht aber habe ich von meinem Jungen geträumt, daß er mir erschienen ist und daß er mir etwas sagen wollte; ich habe es aber nicht verstanden.

[ 28 ] Es wird heute noch außerhalb unserer geistigen Bewegung Stehende sonderbar berühren, wenn ihnen diese Dinge erzählt werden; wir behalten sie daher möglichst unter uns. Aber uns selbst muß es ja wichtig sein, auch auf diese Dinge konkret einzugehen, denn aus diesen einzelnen Bausteinen der Erfahrungen aus der geistigen Welt setzt sich doch unser Wissen zusammen. Und erst dann bekommen wir ein konkretes Bild, wenn wir uns nicht so sehr bloß darauf beschränken wollen, schöne Theorien über die geistige Welt zu vernehmen, sondern wenn wir es wiederum bis zu solcher Lebendigkeit der Geisteswissenschaft in unseren Seelen bringen können, daß wir es ertragen, daß von der geistigen Welt wirklich so gesprochen wird, wie vernünftige Menschen eben von dem sprechen, was sie in der sinnlichen Welt erleben. Nur dadurch wird im richtigen Sinne Geisteswissenschaft ganz lebendig in uns, und das soll sie werden, ganz lebendig soll sie in uns werden, daß wir ein Leben — nicht nur eine Lehre, eine Erkenntnis —, daß wir ein Leben durch sie gewinnen; daß sie uns überbrückt die Kluft, die sonst durch den Materialismus, der sich außerhalb der Geisteswissenschaft allein ausbreiten kann und immer größer und größer werden muß, daß sie uns überbrücke diese Kluft zwischen dem Physisch-Sinnlichen, das wir durchmachen zwischen Geburt und Tod, und dem Geistigen, in dem wir leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, auf daß wir lernen, wirklich nach und nach Bürger auch der geistigen Welt zu werden. Das ist das, worauf es ankommt, daß wir lernen zu empfinden: Derjenige, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, hat nur eine andere Lebensform angenommen und steht unserem Fühlen nach dem Tode so gegenüber, wie jemand, der eben durch die Ereignisse des Lebens in ein fernes Land hat ziehen müssen, in das wir ihm erst später nachfolgen können; so daß wir nichts zu ertragen haben als eine Zeit der Trennung. Aber dieses muß lebendig empfunden werden und lebendig gefühlt werden durch die Geisteswissenschaft. Und lassen Sie es nur darauf ankommen, aus einzelnen konkreten Tatsachen ein Bild zu machen, Sie werden schon sehen, daß diese Tatsachen auch für denjenigen, der nicht hineinschaut in die geistige Welt, so zusammenstimmen, sich so tragen, daß der Glaube, den man hat, bevor man hineinschaut in die geistige Welt, wirklich kein blinder Glaube, kein Autoritätsglaube ist, sondern ein Glaube, der getragen ist von dem Gefühl, das tiefer ist als kritisches Wissen, von dem der Menschenseele eingeborenen ursprünglichen Wahrheitsgefühl.

[ 29 ] Wir leben einmal in einer Zeit, in der uns die äußeren schicksaltragenden Ereignisse andeuten, wie das Menschenleben vertieft werden sollte. Viel besser wäre es, wenn die Menschen, statt zu diskutieren darüber, wer Schuld an diesem Kriege hat, wer dieses oder jenes tut, wenn sie diese kriegerischen Ereignisse betrachten würden als eine Mahnung, die Seelen mehr zu vertiefen, als es bis nun von der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Menschen geschehen ist. Ich sagte, indem ich wichtigste Dinge vor Ihren Herzen besprach: In bezug auf manches müssen wir durch die Geisteswissenschaft lernen, die Vorstellungen, die Begriffe, die wir haben, umzuformen, umzuändern. Zu diesen Begriffen können wir nun — das sei heute unserer Betrachtung noch angefügt, die wir über einen freilich so bedeutsamen Gegenstand wie über den Tod gepflogen haben —, zu diesen Vorstellungen können wir auch die Vorstellung des Krieges rechnen. Man wird recht haben, auch vom geisteswissenschaftlichen Sinne aus, den Krieg wie eine Krankheit der Entwickelung zu betrachten. Gewiß ist er eine Krankheit, aber denken Sie nur einmal daran, daß Sie einer Krankheit auch nicht Recht tun, wenn Sie sie, so wie sie ist, aburteilen. Das, worauf es bei einer Krankheit ankommt, ist auch vielfach dasjenige, was im Menschenleibe der Krankheit vorangegangen ist: Die Unordentlichkeit, die Disharmonie sind vorangegangen. Dann kommt die Krankheit, die oftmals dazu da ist, um gerade dem entgegenzuarbeiten, was unordentlich war im Leibe. Sogar wenn der Mensch vor dem Tode eine Krankheit durchmacht, ist es so. Er trägt in sich Disharmonien, die es ihm unmöglich machen, unmittelbar in die geistige Welt einzutreten. Vielleicht würde ihm die geistige Welt zu lange im Nebel sein, oder andere Hemmnisse würden da sein, weil in ihm Disharmonien sind, die eben so nicht in die geistige Welt hineingetragen werden können. Darum befällt ihn eine Krankheit vor dem Tode. Die macht erst seine Seele so weit von der Disharmonie frei, daß er in die geistige Welt eintreten kann.

[ 30 ] Und ist es eine Krankheit, die zur Genesung führt, dann ist diese Krankheit dazu da, um dasjenige, was der Krankheit vorangegangen ist, was durch das Karma früherer Leben, vielleicht von Jahrtausenden und Jahrtausenden bedingt wurde, auszugleichen. Man wird zum Beispiel gar nicht gut tun, wenn man sagt: Das Kind hat die Masern; hätte es doch diese Masern nicht bekommen! — Man kann nicht wissen, was alles über das Kind gekommen wäre, wenn es die Masern nicht gekriegt hätte. Denn darin kam das heraus, was immer tief in dem Kinde saß und seinen Ausgleich suchte.

[ 31 ] So ist es auch gut, den Krieg zu betrachten, und das Übel nicht so sehr in dem zu sehen, was jetzt in Blut und Eisen durchgemacht werden muß, sondern auch das zu schauen, was sich seit langen, langen Zeiten abgespielt hat in den Kulturströmungen. Tiefer hineinzuschauen in die Zusammenhänge, das müssen die Menschen lernen! Nach diesem Kriege wird eine Zeit kommen, wo die Menschen anfangen werden, gerade über diesen Krieg nachzudenken. Da werden sie darauf kommen, wie viele hohle Worte geredet worden sind, wenn man gesagt hat: Dieser hat die Schuld, jener hat die Schuld. — Und etwas wird gerade, wenn auch vielleicht erst ziemlich lange nach dem Kriege, kommen. Da werden die Leute etwas ganz anderes sagen als heute. Da wird es Menschen ‚geben, die werden sagen: Ach, wenn man wirklich so Geschichte studiert, wie man sie bisher studiert hat, findet man zwar in diesen Diplomatenakten dieses, in jenen Diplomatenakten jenes; da und dort ist das oder jenes aufgezeichnet worden. Aber wenn man so verfährt, wie die Geschichte das alles bisher behandelte, und alles, wie man so sagt, «objektiv beurteilen» will, dann bekommt man es nie heraus, warum dieser Krieg entstanden ist. Dann wird man gewahr werden, daß es nötig ist, über die äußeren Ursachen hinweg auf die tieferen Gründe, die dann Geisteswissenschaft zu erklären haben wird, zu schauen. Es können ja heute leider über diese Dinge nur Andeutungen gegeben werden. Man wird finden, daß an mancherlei Stellen gerade bei diesem Kriegsausbruch dieses oder jenes geschehen ist, wo die bedeutsamste Rolle nicht das Bewußtsein gespielt hat, sondern irgend etwas Unbewußtes, unter der Schwelle der äußeren Ereignisse Liegendes heraufgespielt hat; so daß gar nicht erschöpft werden diejenigen Dinge, die der Historiker gewöhnt ist anzuschauen als dasjenige, was maßgebend ist für die Ursächlichkeit, die vorliegt. Gerade bei diesem Beispiel wird man lernen: Geschichte, wie wir sie bisher gewöhnt sind, erklärt uns gar nichts. Es wird eine Mahnung sein, auf tiefere Gründe einzugehen.

[ 32 ] Und wie ich fast bei jedem der Vorträge, die ich in der letzten Zeit gehalten habe, am Schlusse eine Art Mahnung an unsere Seelen richten mußte, so möchte ich es auch heute wieder tun.

[ 33 ] Es geht eine gewisse Verantwortlichkeit für die Seelen einfach aus der Tatsache hervor, daß man der geisteswissenschaftlichen Weltauffassung nahegetreten ist. Man muß fähig werden, durch die geisteswissenschaftliche Weltauffassung wenigstens die Gedanken zu haben, daß jene oberflächlichen Urteile, die heute gerade deswegen, weil der Materialismus alle Welt beherrscht, eigentlich überall gefällt werden, nicht auch unsere Urteile werden sollen als Bekenner der Geisteswissenschaft. Das, was heute in der Welt spielt, ist ja wirklich ein oberflächlicher Haß von Nation zu Nation. Ich habe vielfach darüber in unseren Zweigvorträgen gesprochen. Uns braucht er nicht in derselben Weise zu erfüllen, aber wir brauchen deshalb auch nicht ungerecht zu werden. Denn von der alten Theosophischen Gesellschaft können wir lernen, recht ungerecht zu werden! Die haben ihren Leuten mit Bezug auf die Religionen eingeprägt: Alle Religionen sind gleich. — Das ist ungefähr so, wie wenn man den Menschen einprägen möchte: Auf dem Tische stehen Speisezusätze: Pfeffer, Salz, Zucker, Paprika; nun, alles ist Speisezusatz, man soll dem einen nicht vor dem andern den Vorzug geben. Also, habe ich hier Kaffee, nun, so tue ich etwas Pfeffer hinein, das ist ja alles ganz gleich! Dieselbe Logik liegt darin, wenn man davon spricht, daß derselbe Wahrheitskern allen Religionen zugrunde liegt. Es erspart einem allerdings diese Logik, die große wunderbare Weltenentwickelung in ihren Einzelheiten zu studieren, denn man kommt ja aus mit dem Satz: Ein Wahrheitskern liegt allem zugrunde. Aber in bezug darauf haben wir uns längst von den oberflächlichsten Urteilen frei gemacht. So kann uns dasjenige, was wir mit Recht anerkennen, mit liebevollem Verständnis einzugehen auf jede nationale Eigentümlichkeit, nicht verhindern zu sehen, wo wir mit unserem Herzen zu stehen haben aus der Erkenntnis heraus. Es wird nicht möglich sein, daß in dieser Beziehung alle Freunde übereinstimmen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß unsere Seelen sich bemühen, über den Standpunkt der äußeren Welt hinwegzukommen und einzugehen auf die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Volksseelen. — Dann werden wir schon sehen, daß uns die Bekennerschaft zu unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in mancher Beziehung eine gewisse Verantwortlichkeit auferlegt, die Verantwortlichkeit zu einer aus der Geisteswissenschaft möglichen Gründlichkeit und einem tieferen Eingehen auf die Dinge.

[ 34 ] Da erfährt man dann manchmal schmerzliche Dinge. Man erfährt, daß die große Mahnung, die gerade jetzt dasteht durch unsere schicksalschweren Ereignisse, nicht vor allen Seelen so dasteht, daß sie sich verpflichtet fühlen, ihre Herzen wirklich tiefer, gründlicher hinzutragen in dasjenige, was geschieht, als die oberflächlichen Urteile dessen, was wir ja gerade überwinden wollen, des äußeren Materialismus. In dieser Beziehung möchte man wünschen und ersehnen, daß die Seelen, die innerhalb unserer Bewegung sind, gewissermaßen eine Schar bilden, die auch den heute uns tief bewegenden Fragen gegenüber eine gewisse Gründlichkeit einnehmen. Und es ist in bezug auf vieles Gründlichkeit notwendig. Man glaubt gar nicht, was alles in unserer Zeit möglich ist.

[ 35 ] Oh, ich könnte vieles, vieles erzählen von dem, was jenem, der heute wirklich mit Menschenliebe die Zeit verfolgt, das Herz blutig machen kann. Es wird heute ja vieles, manchmal mit dem besten Willen, aus einer ungesunden, von Ahriman befangenen Weltanschauung heraus, an Ansichten und Gedanken verbreitet. Aber gerade der überflutenden Kriegsliteratur gegenüber müssen wir uns vielfach in tiefere Gedanken über die Aufgaben der Kulturentwickelung versenken. Solches wird ja gerade in unseren Vorträgen jetzt versucht dadurch, daß auf die wirkliche Stellung der einzelnen Völker hingedeutet wird. Denn es handelt sich wirklich vielfach um eine Verteidigung der Gründlichkeit gegen die Oberflächlichkeit. Man konnte zum Beispiel gerade in den letzten Wochen etwas sehr Merkwürdiges erfahren. Aus begreiflichen Gründen möchte ich hier nicht den Titel eines Buches nennen, das im Auslande erschienen ist, sogar in deutscher Sprache, und von dem behauptet wird, daß es von einem Deutschen geschrieben worden sein soll. Ausdrücklich möchte ich betonen, daß man sich dazu aufschwingen kann, jeden beliebigen Standpunkt zu verstehen. Man kann vielleicht den allerdeutschfeindlichsten Standpunkt verstehen, wenn ihn dieser oder jener vertritt. Man wird ihn zu verstehen suchen, man braucht ihn ja nicht zu teilen, aber man kann ihn vielleicht verstehen. Aber dieses Buch, das ich meine, hat Merkmale, denen gegenüber es nicht darauf ankommt, daß es einen gründlich deutschfeindlichen Standpunkt einnimmt, der auf jeder Zeile Geifer ist gegenüber dem Deutschtum und dem deutschen Wesen. Daß es giftig geschrieben ist, selbst das könnte man verstehen. Aber dennoch wird niemand kommen dürfen und sagen: Wenn ein Deutscher über das Buch so spricht, das können wir begreifen, denn er redet abfällig vom Deutschtum. — Es kommt aber auf etwas anderes an. Das Buch ist so geschrieben, daß jemand, der ein wenig Gefühl hat für innere Sachlichkeit und innere Gründlichkeit, der ein wenig Bildung hat, finden muß: Es ist die schauerlichste Nachbildung der schlimmsten Hintertreppenliteratur. — Ganz abgesehen von dem Standpunkt, steht es literarisch so tief, daß derjenige, der in dem Buch etwas findet, zeigt, daß er literarisch ein Hintertreppenwerk, ein zusammengeschustertes, mit Unkenntnis, ich möchte sagen, zur offenbarsten Schau getragenen Unkenntnis hingeschriebenes Werk als etwas hinnimmt, das man ernst nehmen kann. Also nicht auf den Standpunkt kommt es an; sondern aus der Art, wie es geschrieben ist, so wie kein Mensch, der denken gelernt hat — auch formal schon —, schreiben würde, sieht man, daß man es mit einer ganz minderwertigen Buchmacherei zu tun hat. Dennoch habe ich auch schon Urteile hören müssen, daß dieses Buch, dessen Titel ich aus besonderen Gründen hier nicht nenne, ernst genommen wird. Wenn solche Dinge vorkommen, dann ist es eben gerade an uns, wirklich nicht zurückzuscheuen, sich ein Urteil zu bilden auf Grund einer gewissen Allseitigkeit. Wenn jemand vielleicht auch mit gewissen Sätzen, die in jenem Buche ausgesprochen sind, inhaltlich einverstanden sein möchte, so braucht er doch nicht ein solches Buch ernst zu nehmen, schon aus dem Grunde nicht, weil das Buch ein schauerliches Machwerk ist, und weil man doch nicht ein schauerliches Machwerk ernst nimmt, weil man nicht wünschen kann, daß selbst das Wahre in schauerlicher Weise im schlimmsten Affekte und in ungebildeter Art ausgesprochen werde. Ich wollte solch ein Beispiel nur charakterisieren aus dem Grunde, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, daß es auf vielerlei ankommt, wenn der Geisteswissenschafter versucht, sich ein Urteil über die Welt zu bilden.

[ 36 ] Wenn es wirklich möglich wäre, ein Buch für gut zu halten, auch wenn es stilistisch ein Schauerbuch ist, dann bezeugt man dadurch, daß man zu wenig lebendig gemacht hat das geisteswissenschaftliche Fühlen in seinem Herzen, in seiner Seele. Gewiß nicht, um irgendwie etwas anderes auszudrücken, als aufmerksam zu machen auf die Art und Weise, wie Geisteswissenschaft wirklich in einschneidendstem Sinne unser Fühlen und Denken lebendig durchdringen muß, werden auch auf diesem Gebiet konkrete Beispiele angeführt. Und es ist schon notwendig, daß solche konkrete Impulse in unseren Seelen gesucht werden. Ich muß gestehen, was einen bisher ganz besonders befriedigen durfte, wenn man durch Deutschland reiste, das war, daß selbst nach großen Siegen furchtbarer Jubel nicht zu bemerken war. Man merkte etwas davon, daß in jeder Seele zugleich der Schmerz über die ungeheuren Verluste war. Ich glaube, es ist so. Nicht bloß eitler Siegesjubel darf ertönen. Denn diese unsere schicksalschweren, schicksaltragenden Tage, sie fordern nicht nur ungeheure Opfer, sondern sie reißen ungeheuer viele Wunden, auch geistige Wunden, wenn man das Verhalten vieler Menschen ins Auge faßt. Und deshalb ist es schon notwendig, daß wir uns zuweilen erinnern, gerade wenn wir Wichtiges aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft betrachten, welche Verantwortung unseren Seelen auferlegt wird und wie wir herbeisehnen müssen Zeiten, in denen sich wirklich begegnen können die Wirkungen der jungen, unverbrauchten Ätherleiber und der Seelen, die noch unten in den Leibern der Menschen sind und hinaufsenden können die Empfindungen und Fähigkeiten der Seele,

[ 37 ] Es wird eine Zeit kommen, nach diesem Kriege, wo die unverbrauchten Ätherleiber derer wirken werden, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und die Kräfte entwickelt haben aus den Opfern, die sie gebracht haben und die sie nun hinuntersenden könnten zur Spiritualisierung der Menschheit. Aber unten werden Seelen sein müssen, die das empfangen können, die in lebendigem Glauben aufschauen werden zu demjenigen, was von den frühzeitig durch den Tod Gegangenen hinaufgegangen ist in die geistige Welt, um herunterzustrahlen die Kräfte zur Spiritualisierung der Menschheit.

[ 38 ] Da möchte ich, daß es uns vor die Augen trete im Sinne der Worte, die ich am Schlusse dieser Betrachtung auch wieder sprechen möchte:

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Denken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.