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Die geistige Vereinigung der Menschheit
durch den Christus-Impuls
GA 165

7 Januar 1916, Dornach

Wandlungen des menschlichen Empfindungs- und Gedankenelementes von der vierten zur fünften Kulturepoche II

[ 1 ] Ich habe gestern versucht, Sie durch gewissermaßen bildliche Darstellungen aufmerksam zu machen auf den großen Unterschied in der Seelenverfassung der Menschen innerhalb des vierten und des fünften nachatlantischen Zeitraumes, in welch letzterem wir selber leben. Dies ist ein Unterschied, auf den man in der Tat gerade heute, in unserer Gegenwart, nicht geneigt ist, viel Aufmerksamkeit zu wenden. Machen wir uns nur einmal klar, was ein Durchschnittsmensch der Gegenwart, der «gescheit» ist, das heißt, die herrschenden Grundbegriffe der Gegenwart aufgenommen hat, etwa über das gestern Angedeutete zu sagen hat. Er wird ungefähr das Folgende zu sagen haben: Das ist recht schön und gut, was da der alte Grieche über die Folge der Geschlechter von Tantalus bis zu Iphigenia in seiner Phantasie ausmalte, und das ist alles recht schön und gut, wodurch da Iphigenia gewissermaßen in eine Aura von waltendem Schicksal gestellt wird. Aber das ist doch alles eben Phantasie. — Es ist der Standpunkt, der heute ziemlich allgemein von den gescheiten Menschen eingenommen wird. Koridan, den wir eben im Pfälzischen Hirtenspiel erlebt haben, sagt vom Anfang an nicht so, aber Mops sagt so: «s’ ist ja alles nur Phantasie!» Aber es ist ungefähr diesen Dingen gegenüber der heutige Mops-(pardon!)-standpunkt.

[ 2 ] Nun müssen wir nur einmal unser ganzes Augenmerk darauf lenken, welch ungeheuer überzeugende Kraft für die Gegenwartsmenschen dieser Standpunkt hat, wie unmöglich sich der Gegenwartsmensch denken könnte, daß etwa mitten in unsere Reihen herein jemand treten könnte, der- statt die Auskunft zu geben gegenüber einer solchen Persönlichkeit, «erbliche Belastung», wie ich es Ihnen gestern zitiert habe -—, etwas ähnliches aufstellen könnte wie den Iphigenia-Tantalus-Mythos. Und wenn er es aufstellen würde, so würde natürlich jeder sagen: Dichtung! In der Dichtung steht alles frei, aber mit der Wahrheit, mit der wirklichen Erkenntnis hat eine solche Dichtung ganz und gar nichts zu tun. — Und im Grunde genommen ist das der Standpunkt, den man gegenwärtig der ganzen Kunst gegenüber einnimmt. Die gegenwärtige Menschheit steht ganz und gar auf dem Standpunkt: Wahrheit kann nur erreicht werden durch Begriffe, durch Theorien, durch solche Begriffe, durch solche Theorien, die von der äußeren physischen Wirklichkeit genommen sind, und alles andere ist eben, es mag noch so schön sein, Dichtung. Man kann sich in der Gegenwart nicht denken, daß irgendein anderer Standpunkt berechtigt oder auch nur möglich sein könnte, daß jemand einen andern Standpunkt einnehmen könnte, ohne eigentlich hirnverbrannt zu sein. Man denke sich doch nur einmal, daß jemand auch nur die Anforderung stellen würde — ich wage das hier auszusprechen, aber ich bin mir wohl bewußt, daß es nur unter uns möglich ist, dies auszusprechen -, nehmen wir an, es würde sich jemand einfallen lassen zu sagen: In medizinischen Hörsälen sollte weniger von erblicher Belastung und dergleichen gesprochen werden, sondern man sollte die Dinge in einem Kleide geben, wie es einem griechischen Mythos ähnlich ist. Wenn der Betreffende das so sagen würde, als ob er gemeint hätte, man sollte es ernst nehmen, er mache nicht einen schlechten Scherz, so würde das Geringste sein können, was die gegenwärtige Kultur mit ihm vollbringt, daß sie ihn in ein Sanatorium schickt. Es ist ja kaum etwas anderes denkbar, nicht wahr! So festgewurzelt ist in der Gegenwart die Überzeugung, daß ein anderer Gesichtspunkt gar nicht möglich ist als der: Wahrheit kann nur auf die Weise gefunden werden, welche die gegenwärtig offiziell anerkannte ist, und alles, was die Menschen früher durch ihre Seele gesucht haben, das war halt Kindlichkeit, das war Mythos, das war Dichtung, das war keine Wahrheit. Aber dafür, daß wir es endlich «so herrlich weit» gebracht haben, können wir auch gewiß sein — so denkt der Mensch der Gegenwart -, daß nun die Seelen in allen künftigen Erdenzeiten nie etwas anderes als Wahrheitsbegriff empfinden werden als das, was gerade angedeutet worden ist. Man kann davon ganz überzeugt sein: Wenn es einmal gelingen würde, die Luftschiffahrt zur Ätherschiffahrt umzugestalten, und der Äther im Sinne der heutigen Physiker wirklich im Weltenall vorhanden wäre, und man einen Ballon ausgestalten würde, der einige unserer gescheiten Erdenbewohner, die niemals so töricht gewesen sind, in eine geisteswissenschaftliche Gesellschaft einzutreten, nach dem Mars bringen würde, und auf dem Mars würde man etwa andere Anschauungen von irgendeiner Wesensart her verraten als diejenige, die eben angedeutet worden ist, so würde man sagen: Selbstverständlich, diese Marsleute dichten halt! Die haben noch keinen Begriff bekommen, wie man erkennt, auf welche Weise wirklich Wahrheit gefunden werden kann. Daß ein anderer Gesichtspunkt möglich sein könnte, das kann unter Umständen in der Gegenwart einmal auch von einem Menschen ernst genommen werden, der nicht auf dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft steht; aber dann steht ihm unter Umständen, wenn er wirklich ernsthaftig über Weltanschauung empfinden kann, ein schlimmes Schicksal bevor. Einer war es, Nietzsche, der versucht hat, einen andern Maßstab anzulegen und der im Sinne seines Buches «Jenseits von Gut und Böse» die Wahrheit sogar gescholten hat. Er meinte aber die Wahrheit, welche die Gegenwart allein anerkennt, und da wollte er einen andern Standpunkt geltend machen, nämlich den Standpunkt des Lebens, den Standpunkt des Lebens der Seele vor allen Dingen. Zur Geisteswissenschaft konnte er nicht kommen, und so hat er eben diesen Gesichtspunkt mit seiner seelischen Gesundheit bezahlen müssen. Ein anderer Standpunkt wäre nämlich zum Beispiel der, daß man fragte: Wie wirken auf die menschliche Seele solche Begriffe, wie sie im griechischen Mythos verarbeitet sind? Und wie wirken auf die menschliche Seele solche Begriffe, wie sie die Gegenwart verarbeitet hat nach dem Typus «erbliche Belastung»? Wie wirken diese Begriffe auf die menschliche Seele, auf das ganze Leben der menschlichen Seele? Wie wirken sie? Und da ist doch ein gewaltiger Unterschied. Der Mensch kann eine Anzahl von Generationen wie diejenigen von Tantalus bis zu Iphigenie so zusammenfassen, sei es, indem er es originell tut [wie Nietzsche], sei es, daß er an eine solche Zusammenfassung glauben kann als an etwas Wirkliches: wer solche Vorstellungen, solche mit derartigen Vorstellungen verknüpfte Empfindungen in seiner Seele beleben kann, der bringt ein belebendes Element in das ganze Seelenleben. Derjenige aber, der nur mit solchen Begriffen arbeitet, wie der ist von der erblichen Belastung, der bringt in das Seelenleben ein ertötendes Element, ein ausdörrendes Element. Und dieses ausdörrende Element wird nach und nach unter dem Einfluß der einseitigen physikalischen, biologischen und so weiter Erkenntnis bewirkt werden, ein ausdörrendes, ein ertötendes Element. Niemals wird diese physikalische, chemische, biologische Wissenschaft in der Gegenwart etwas hervorbringen können, das beitragen kann zur inneren Erfüllung des Lebens der Seele.

[ 3 ] Wer beobachten will, kann das schon an den äußerlichen Dingen beobachten. Machen Sie eine kleine Probe. Kaufen Sie sich das Büchelchen «Naturphilosophie» von Ostwald — das man in der ReclamBibliothek haben kann - und versuchen Sie einmal mit diesem Büchelchen zurechtzukommen, wenn Sie Nahrung für Ihre Seele fordern! Überzeugen Sie sich, wie dort dasjenige, was ein ausgezeichneter Chemiker über allerlei Naturzusammenhänge zu sagen hat, auf vielen Seiten abgehandelt ist, wie aber dasjenige, was der Seele dienen soll, auf ein paar Seiten zusammengedrängt ist und in solchen Abstraktionen aufmarschiert, daß es unmöglich etwas anderes als Ausdörrung der Seele bewirken kann! Und die Entwickelungslinie geht nicht etwa dahin, daß diese biologischen, physikalischen, chemischen Richtungen für die Zukunft etwas Seelenerfüllendes versprechen würden. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Sondern im Gegenteil, gerade je weiter die einzelnen Wissenschaften fortschreiten werden, desto weniger werden sie irgend etwas bieten können, was einer seelischen Nahrung nur ähnlich sehen könnte. Und wenn einmal die Zeit kommen wird, wo der Zusammenhang der einzelnen Seelen mit den alten religiösen Vorstellungen durch die moderne Naturwissenschaft vollständig vertilgt sein wird, dann würde die Seele gar keine Nahrung mehr haben, dann würden die Seelen der Erwachsenen — vielleicht würde man den Kindern längere Zeit noch allerlei vorpredigen, was man selber nicht glaubt —, dann würden die Seelen der Erwachsenen ihren Tag eben damit hinbringen, daß sie beginnen mit dem Frühstück, zwischen dessen einzelnen Löffeln sie die Zeitung schlürfen. Nun wird in den Zeitungen immer weniger von den ideellen Gütern der Menschheit stehen, sondern immer mehr und mehr von anderem. Dann werden die Leute an ihr Tagewerk gehen, werden diejenigen Obliegenheiten vollbringen, welche für die materielle Versorgung der Menschheit nötig sind. Dann werden sie mittagessen, werden abends etwas ähnliches tun, und wenn es Menschen gibt, welche Zeit haben, werden sie im Spiel oder dergleichen ihre Zeit totschlagen, weil sie nicht ausgefüllt werden kann mit irgendwelchen Gedanken, die einen realen Wert besitzen über eine geistige Welt. Ja, was sie dann abends tun werden? Man wird vielleicht noch gelten lassen, daß sich die Leute Theaterstücke anschauen oder dergleichen, an die sie doch nicht glauben. Manche werden ein Buch lesen, vielleicht über solche Dinge, die in den «kindlichen» Menschheitszeiten, die ja schön waren, aber doch hervorgebracht worden sind wie Raffaelsche oder Michelangelosche Bilder. Und man kann sich ganz klar darüber sein: Recht schön ist das, aber mit Wirklichkeitswerten hat das alles nichts zu tun.

[ 4 ] Man täusche sich nicht darüber, daß die Zeit entgegensteuert dem Ausdörrenden, dem Ertötenden des seelischen Lebens. Wenn wir nun gerade dasjenige, was uns das gestern Ausgeführte lehren kann, ins Auge fassen, so finden wir, daß darin schon eine ungeheure Trostlosigkeit steckt. Denn worin besteht der Sinn des Heraufkommens aus der vierten nachatlantischen Zeit über unsere fünfte nachatlantische Zeit? Dieser Sinn besteht darin, daß in der vierten nachatlantischen Zeit, in der alten griechischen Zeit zum Beispiel, die Menschen nicht so isoliert waren mit ihren Seelen wie heute, daß sie noch ein inneres Zusammenhängen der Seelen hatten, aber dieses innere Zusammenhängen der Seelen auch noch wahrnahmen in gewissen letzten Resten von Visionen, von Eingebungen der Diana, wie sie damals aufgefaßt worden sind, von Eingebungen der Diana, der Artemis, von dem, was aus den unterbewußten Seelengründen herauftaucht. Das erschien den Menschen auch wirklich in Bildern. Über menschliche Zusammenhänge, kann man sagen, über das soziale Leben hatten die Menschen noch letzte Reste von seelischen, visionären Bildern, und nach denen richteten sie sich. Es ist ganz unsinnig, zu glauben, daß die Griechen in derselben Weise etwas ausgedichter hätten, wie wir in der Gegenwart die Dinge ausdichten. Es ist ganz unsinnig, das zu glauben. Wenn die Griechen den Trojazug unternahmen und sich also für einen Zug nach Troja rüsteten, so würde es für sie ganz unmöglich gewesen sein, aus irgendwelchen Gründen heraus, die so mit dem Verstande erworben werden oder mit dem Empfinden belebt werden wie heute, zu einer solchen Unternehmung zu schreiten. Ganz undenkbar wäre das für die Griechen gewesen. Sie wußten, wenn sie so etwas zu unternehmen hatten, daß sie sich in einen größeren Menschheits- und Weltzusammenhang hineinstellen, und daß dasjenige, was da vor ihrer Seele leben müsse, nichts sein könne, was mit den gewöhnlichen, auf dem physischen Plan spielenden Empfindungen etwas zu tun haben dürfe. Sie schauten die tieferen Gründe und brachten sie in imaginativen Anschauungen zur Geltung. Gewiß sagten sie: es war ein Wettstreit zwischen den drei Göttinnen Aphrodite, Hera, Athene, und Paris sollte den Preis dieses Wettstreites erhalten, Helena. Es war ein Bild, aber in dem Bilde fühlte und empfand der Grieche große, geistige Zusammenhänge, die durch die Welt gingen.

[ 5 ] Der Gegenwartsmensch stellt sich vielleicht überhaupt vor, daß die Griechen aus ähnlichen Motiven heraus, wie man es in der Gegenwart tut, den trojanischen Krieg unternommen hätten, und sich dann jemand hingesetzt und zur dichterischen Erklärung des trojanischen Krieges den ganzen Mythos ersonnen habe. Das ist wiederum eine äußerliche Vorstellung der Gegenwart. Der Mythos war geschaut, er war die imaginative Vorstellung für die tieferliegenden Kräfte, die da walteten. Nun könnte ich selbstverständlich, wenn das nicht zu weit abführen würde von der gegenwärtigen Aufgabe, auseinandersetzen, wie die Helena der Repräsentant war, die Imagination war für das ganze Verhältnis Griechenlands zu Vorderasien, wie der ganze Wettstreit der drei Göttinnen zeigte, was der Impuls des griechischen Seelenlebens war, und wie das griechische Seelenleben sich heraufarbeiten mußte zu demjenigen, was es später in der Welt vorgestellt hat. Aber wie gesagt, die Betrachtung dieses Mythos würde uns zu weit abbringen von unserer jetzigen Aufgabe.

[ 6 ] Das wollen wir ins Auge fassen, daß da noch Reste eines visionären, nach der Wahrheit in Bildern gehenden Hellsehens lebten, und daß die Dichtung nicht so war, wie sie heute ist, wo sie hingestellt wird als etwas, was ersonnen wird, sondern daß sie etwas visionär Erlebtes war, das sich dann in äußeren Formen auslebte, dem aber nicht eine trockene, pedantische, rein theoretische Wissenschaft gegenüberstand, die auf ihre Wahrheitsbegriffe stolz gewesen wäre, wie die gegenwärtige theoretische Wissenschaft ist. Zusammenhänge schaute man also noch an zwischen den Menschen. Dies hat sich vollständig verloren. Es mußte sich verlieren, weil der Individualismus heraufkommen mußte. Die Menschen wären niemals zu jenem Individualismus gekommen, für den der große Erzieher die Kultur des fünften nachatlantischen Zeitraumes sein muß, und der sich allmählich während dieses fünften nachatlantischen Zeitraumes entwickeln wird. Die Menschen mußten das alte Hellsehen auch in den letzten Resten verlieren, um ganz losgerissen zu sein — jeder einzelne für sich - von dem, was noch wahrgenommen werden kann von den Zusammenhängen. Der Mensch mußte mit seinem seelischen Erleben sozusagen eingeengt werden in seine einzelnen Daseinsformen auf dem physischen Plan. Eingeengt mußte er werden. Das konnte nur so geschehen, daß er alles dasjenige verlor, was ihn über seinen eigenen Leib hinausführte, daß er ganz eingeschlossen wurde in seinen eigenen Leib. Haben Sie von dem, was Sie mit andern Menschen verbindet, eine Vision, so haben Sie Wahrnehmung des sozialen Lebens. Das sollte der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes nicht mehr haben. Er wurde ganz darauf angewiesen, was er innerhalb seiner Haut erleben kann. Und so entstand denn der individualistische Begriff des Menschen auf seiner ersten Stufe, auf der, man kann sagen, brutalsten Stufe, auf der er in einer gewissen Weise noch immer steht.

[ 7 ] Wenn der Mensch heute fühlen will, was er eigentlich ist, so denkt er zunächst — auch wenn er noch so schöne andere Theorien hat - an dasjenige, was er innerhalb seines Leibes, innerhalb seiner Haut ist, wirklich innerhalb seiner Haut. Es ist schwierig, gerade darüber eine deutliche Vorstellung hervorzurufen, weil es wahr ist und in der Gegenwart gar nicht geglaubt wird, weil die Menschen sich gerne allerlei Idealismus vormachen, um sich darüber hinwegzutäuschen, daß sie im Grunde genommen nur an sich glauben, insoferne sie in ihrer eigenen Haut eingeschlossen sind. Dieser Übergang mußte aber stattfinden. Aus dem Grunde mußte er stattfinden, weil der Mensch nach und nach einsehen muß, wie er sich das, was innerhalb seiner Haut ist, in gewissem Sinne und innerhalb gewisser Grenzen aus seinem Karma heraus selber zubereitet. Dasjenige, was das griechische Schicksal war, hatte sich der Mensch nicht selber zubereitet, das verband ihn mit seiner Generationenreihe. Was der Mensch der Zukunft als Karma empfinden wird, wird ihn in bewußter Weise mit den andern Menschen verbinden. Der Mensch wird sein Karma bewußt als etwas Wirkliches empfinden müssen. Das wird dem heutigen Menschen, wie Sie sich durch eine leichte Erwägung vorstellen können, noch unendlich schwer, das Karma als etwas Bewußtes zu empfinden. Als eine Theorie läßt man es gelten, aber als ein Bewußtes das Karma empfinden, das wird den heutigen Menschen wahrhaftig noch recht, recht schwer. Denn ich habe ja einmal gesagt: Nehmen wir an, wir bekommen von jemandem eine Ohrfeige. Gewiß, äußerlich, insoferne wir in unserem Leib eingeschlossen und Wesen zwischen Geburt und Tod sind, müssen wir uns dagegen wehren. Aber darüber muß der höhere Standpunkt geltend gemacht werden: Wer hat dir denn die Ohrfeige gegeben? Wer hat den, der dir die Ohrfeige gegeben hat, hingestellt, auf daß er dir die Ohrfeige gibt? Er stünde nicht da, wenn da» ihn nicht hingestellt hättest durch die Art und Weise, wie du durch das Karma mit ihm verbunden bist. — Denken Sie, wie heillos schwierig das für den Gegenwartsmenschen zu denken ist! Christen glauben ja, die Gegenwartsmenschen zu sein, aber sie werden dem noch wahrhaftig wenig nachfolgen, der ihnen den Rat gibt: Wenn dir einer einen Streich auf die linke Wange gibt, so reiche ihm die rechte hin - in Gedanken, äußerlich wird es ja nicht gehen. Und diesen Unterschied zwischen dem Innerlich und dem Außerlich machen die Menschen noch nicht. Es wird ihnen ganz heillos schwierig, irgendwie im Karma zu leben.

[ 8 ] Und dennoch, wenn wir uns so hereinleben von unserer Embryonalzeit durch die Geburt, durch die erste Kindheit in unser Leben, dann ist dasjenige, was mitgestaltet an unserem Leib, unser Karma. Wir haben zwischen unserem letzten Tod und unserer jetzigen Geburt durchlebt und haben es uns sogar angelegen sein lassen zu durchleben, wie wir das Karma zu erfahren haben, und was wir uns für einen Körper zu geben haben, damit er sein Karma ausleben kann. Wir wirken so, knetend, möchte ich sagen, durch die Seelenkräfte auf unseren Leib. Wir wirken sogar lokalisierend, indem wir uns an den Ort der Welt hinstellen, wo wir unser Karma ausleben können. Wir wirken also mit jenem Bewußtsein, das wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt haben, unser persönliches Schicksal aus.

[ 9 ] Das ist die der griechischen Schicksalsidee ganz entgegengesetzte Idee. Aber um zu dieser Idee als einer lebendigen kommen zu können, muß der Mensch durchgehen durch den Individualismus, muß er sich zunächst als ein Individuum, ich möchte sagen, in ganz brutaler Weise erfassen. Und auf diesem Wege, sich als ein Individuum zu erfassen, ist der Mensch. Aber er hat, ich möchte sagen, etwas in den Kauf nehmen müssen, richtig in den Kauf nehmen müssen dafür, daß er die Empfindung ausleben mußte: Ich bin innerhalb meiner Haut und meines Fleisches eingeschlossen. Er hat etwas in den Kauf nehmen müssen, der Mensch. Das ist: daß er zum Sklaven, Seelensklaven dieser Leiblichkeit wurde. Er ließ sich versklaven von der Leiblichkeit, und der Leib wurde zunächst der Herr über ein neues, geglaubtes Schicksal. Eine Iphigenie empfand in dem Alter, von dem ich gestern gesprochen habe -— jeder einzelne Satz in der gestrigen Darstellung ist richtig: ich habe ungefähr angegeben, wieviel Jahre ihr noch bis zum zwanzigsten Lebensjahr fehlten —, eine Iphigenie, die Visionen hatte bis zu Tantalus hinauf, welche Visionen man heute deutet als Reminiszenzen, durch Vererbung bewirkt, eine solche Iphigenie ist so unmittelbar in unserer heutigen Zeit nicht mehr möglich; eine solche Iphigenie, die vor allen Dingen dasjenige, was in der Generation lebt, bis zu Tantalus hinauf lebt, moralisch, ethisch faßt: «Vernimm! Ich bin aus Tantalus Geschlecht!», das ist heute nicht möglich. Denn heute tritt der Arzt neben sie hin und erklärt ihr: Erbliche Belastung! Solchen und solchen Zustand hat dein Vater, hat deine Mutter gehabt, dein Großvater, deine Großmutter und so weiter, erbliche Belastung! Und davon kommt das alles! — Damit ist aber ausgesprochen, daß die heutige Seele keuchend dahinlebt unter dem Joche der Körperlichkeit, auch in der Anschauung, in der Empfindung keuchend.

[ 10 ] Im Grunde, meine lieben Freunde, können wir dieses Keuchen unter der Körperlichkeit sehen, wenn wir darauf hinblicken, was aus den Menschen geworden ist unter einer gewissen Weltanschauungsrichtung des 19. Jahrhunderts. Man richtete den Blick nur auf das Leibliche und bekam, weil man den Blick nur auf das Leibliche richtete, die Abstammung des Menschen rein aus der Tierwelt. Auch wissenschaftlich keucht der Mensch unter dem, womit ihn seine Leiblichkeit verbindet. Und kaum wird es leicht möglich sein, die Menschen aufmerksam zu machen auf dasjenige, was da zugrunde liegt. Denn es können die Leute kommen, wenn man sie auf alles das aufmerksam macht, und können sagen: Glaubst du denn, die berechtigten Seiten des Darwinismus widerlegen zu können? Das ist doch alles gut bewiesen! -- Gewiß ist es gut bewiesen, ganz wohl ist es gut bewiesen, aber darum handelt es sich nicht, sondern darum handelt es sich, daß die Wahrheitsempfindung eine andere geworden ist. Im Sinne dieses anders gewordenen Wahrheitsempfindens kann man die ganzen Dinge streng beweisen, selbstverständlich. Man muß schon gegenwartsfremd sein, wenn man nicht empfinden kann, worum es sich da eigentlich handelt.

[ 11 ] Das alles hat aber seine praktischen Folgen! Mit einer ungeheuren Vehemenz steuert die äußere Kultur darauf hin, die Dinge, die gedacht werden, auch in das praktische Leben umzusetzen und innerhalb des praktischen Lebens überhaupt nicht mehr gelten zu lassen Impulse des Geistig-Seelischen. Und wie nahe ist man heute schon daran, solche Dinge geltend zu machen, zum Beispiel für die Pädagogik oder die Didaktik, für die Erziehung! Wie nahe ist man heute schon daran, solche Dinge für die Erziehung der kleinen Kinder geltend zu machen! Denken Sie aber, wenn es einmal dahin kommen wird, daß man nicht nur diejenigen Dinge fordern wird, welche man heute fordert dem kleinen Kinde gegenüber, sondern noch ganz andere Dinge, wenn es einmal dahin kommen wird, daß es allen Eltern zur Pflicht gemacht wird, ein Kind, das ein bestimmtes Alter erreicht hat - was dann durch wissenschaftlich-statistische Daten festgestellt sein wird -, von einem materialistischen Arzt auf seine vererbten Eigenschaften hin untersuchen zu lassen. Man wird mittlerweile aber das Schulwesen in verschiedene Kategorien eingeteilt haben, und nach der ärztlichen Untersuchung des materialistischen Arztes wird man dann die Kinder je nach ihrer «erblichen Belastung» in diese oder jene Schule stecken müssen, vielleicht auch schon in diesen oder jenen Kindergarten.

[ 12 ] Heute staunen die Menschen noch, wenn jemand von einer solchen Perspektive spricht. Aber gerade das ist das Schlimme, wenn man staunt. Man sollte gar nicht staunen über diese Dinge, denn wenn diejenige Form des Darwinismus, die heute theoretisch vertreten wird, wahr wäre, dann müßte es so gemacht werden. Das ist die Hauptsache: dann wäre das das einzige Mittel, und gewissenlos wäre es von den Menschen, wenn sie es nicht so machten. Es könnte etwa die Kleinigkeit passieren, die geringfügige Kleinigkeit, daß, sagen wir, einmal jemand, was weiß ich auf welche Art, den Arzt etwas beschwindelt hätte, und ein Arzt hätte ein Zeugnis ausgestellt, das nach der Ansicht anderer, die aber nicht offiziell dazu bestimmt sind, nicht richtig ist; während man das Kind in Abteilung zwei hätte bringen sollen, wo gewisse «erbliche Belastungen» vorhanden sind, hat man das Kind vielleicht in Abteilung fünf gebracht, wo nach dem ärztlichen Zeugnis die künftigen Genies sind, und dann könnte sich herausstellen, daß das Kind dann gescheiter geworden ist als derjenige, der es untersucht hat! Aber das könnte dann nur durch einen «Irrtum» geschehen. Daß so etwas möglich wäre, das würde ja wenig verschlagen, nicht wahr!

[ 13 ] Das soll Ihnen nur einen Impuls geben, eine Anschauung darüber zu gewinnen,nach welcher Tendenz hin jene Richtung geht, die heute vielfach noch bloß theoretisch ist. Heute sind es nur die Fettaugen auf der Suppe, aber diese Fettaugen auf der Suppe werden immer mächtiger werden. Da wird immer mehr und mehr materialistisches Fett hineingegeben werden, und dann wird zuletzt der ganze Teller von diesem materialistischen Fett voll sein, und die Menschheit würde es auszulöffeln haben. Hier ist aber gerade der Punkt, wo die Menschen durch eine Weltanschauung dahin werden kommen müssen, die großen Gefahren, die in dem Praktischwerden der gegenwärtigen Theorien liegen, zu überwinden. Wenn einmal dasjenige, was in unserer Geisteswissenschaft ist, in einer großen Anzahl von Seelen innere seelische Lebendigkeit hat, dann wird man dem Menschen, bei dem die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten innere seelische Lebendigkeit erlangt haben, nichts von allerlei «erblicher Belastung» vorreden können, sondern er wird sagen: Mögt ihr mir noch so viel nachweisen, was da meinem Vater, meiner Mutter, meinem Großvater, meiner Großmutter und so weiter gefehlt hat, ich weiß, daß ich außer dem, was ich in meinen Vererbungsimpulsen trage, noch jene Seele habe, die mit diesen Vererbungsimpulsen nichts zu tun hat, weil in der Zeit, als die vererbende, die vorhergehende Generation da war, diese Seele in der geistigen Welt zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt war. Diese Kräfte trage ich ebenso in mir, und ich werde einmal sehen, ob ich die «erbliche Belastung» nicht besiegen werde! — Gewiß, solange man an die Vererbungstheorie glaubt, und solange nicht die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in Fleisch und Blut übergehen, so lange wird man die Vererbung nicht besiegen können. Besiegen wird man sie erst können, wenn die geisteswissenschaftlichen Begriffe wirklich lebendig werden in den Seelen und in Fleisch und Blut übergehen. Dazu aber muß noch vieles andere geschehen.

[ 14 ] Gewiß, man kann glauben, daß die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten für diejenigen, die sie durchschauen werden, allmählich eine immer größere Überzeugungskraft gewinnen, aber manches andere wird doch hinzutreten müssen. Ich bin deshalb heute von der Einfügung eines Apergus über die Kunst ausgegangen. Bedenken Sie, wie weit sich das, was man heute die Wahrheit nennt, von Kunst und Dichtung entfernt hat seit der griechischen Zeit, wie im fünften nachatlantischen Zeitraum eine Kluft zwischen dem entstand, was die Menschen Wahrheit nennen und dem, was sie Kunst nennen. Aber das hat viel damit zu tun, wie das gegenwärtige Geschlecht, die gegenwärtige Menschheit sich überhaupt zur Kunst gestellt hat. Und da ist es wirklich nicht ohne Wert, wenn Sie einmal Umschau halten, wie die Menschen heute überhaupt zur Kunst stehen. Es gibt eine Kunst, bei der — weil sie vorzugsweise ihre Bedeutung für den fünften nachatlantischen Zeitraum und seine Folge hat — eben nicht gerade weltgeschichtliche Fehler gemacht werden können, nicht gerade, sage ich, gemacht werden können; bei der die Menschen auch heute gezwungen sind, auf das Künstlerische zu sehen: das ist die Musik. Einzig und allein in der Musik sind die Menschen heute geneigt, das Künstlerische anzuerkennen, weil sie durch die Natur der Musik gezwungen sind, die Musik nicht als eine Abbildung der äußeren Wirklichkeit anzusehen. Denn man kann nur in den alleräußersten Ausläufern des Musikalischen das Künstlerische verkennen. Wenn jemand nur da oder dort horchen würde, ob die Musik nachahmt ein Wellenrauschen oder ein Windessäuseln oder dergleichen, so würde man wissen, daß das, was da nachahmt das Wellenrauschen oder das Windessäuseln oder ähnliches, Nebensache ist in der Musik; daß es da auf ganz anderes ankommt, auf innere Gestaltung, die in Wirklichkeit nicht irgendwie äußerlich auf dem physischen Plan beobachtet werden kann. So ist die Musik durch ihre innere Natur davor geschützt, zu stark heruntergezogen zu werden in die Neigungen der fünften nachatlantischen Zeit.

[ 15 ] Weniger Anlagen hat die Gegenwart schon für die Poesie. Da treten diejenigen Dinge auf, welche vom Künstlerischen in das Nichtkünstlerische führen, und in mancher Betätigung der Poesie treten diese Dinge ganz besonders auf. Wie viele Leute werden heute noch eine wirkliche Empfindung für das Künstlerische in der Poesie haben, so wie man ein Empfinden für das Künstlerische in der Musik haben muß? Die meisten Menschen fragen, wenn ihnen irgend etwas entgegentritt: Stimmt das mit dem oder jenem Vorbilde in der Wirklichkeit draußen? Ja, wir haben eine ganze Kunst des Naturalismus, die alles Poetische nur mehr nach der Übereinstimmung mit der äußeren, physischen Wirklichkeit beurteilt, während es bei der Poesie Nebensache ist, ob irgend etwas mit der äußeren, physischen Wirklichkeit übereinstimmt. Es hat für eine Dichtung genau ebensowenig Wert, ob eine Persönlichkeit darin im äußeren, physischen Sinne wahrheitsgetreu gezeichnet ist, oder ob eine musikalische Leistung Windesbrausen oder Meereswellenspiel nachnahmt. So daß man sagen kann, das gegenwärtige Geschlecht ist für die Poesie schon weniger veranlagt als für die Musik. In Wahrheit kommt es nicht darauf an, ob ich in vier Strophen irgend etwas, was mit der oder jener Wirklichkeit stimmt, schildere, sondern darauf, wie die zweite Strophe aus der ersten, wie die dritte aus den zwei ersten entsteht und so weiter; bei einem Sonett kommt es nicht darauf an, dies oder jenes auszudrücken, sondern, wie verschlingen sich: vier, vier, drei, drei Zeilen; die vier Zeilen, wie verschlingen sich diese? Was leben darin für innere Impulse - ähnlich den Melodien oder dem Harmonischen, aber eben übertragen auf das Gebiet des Vorstellungslebens, auf das Gebiet des Lautes? — Dafür ist sogar recht wenig Empfinden vor handen.

[ 16 ] Eine Frau, eine sehr geistreiche Frau überreichte mir einmal eine Novelle - es ist lange her, etwa dreißig Jahre — und sagte, ich möchte diese Novelle lesen und ihr mein Urteil sagen. Diese Novelle war so geartet — man hatte es mit einer sehr geistreichen Frau zu tun -, daß etwas erzählt war, wie man eben ein äußeres Ereignis erzählt, so daß ich mich genötigt fand zu sagen: Die ganze Sache erfordert, daß Sie vor allen Dingen eine Gliederung vornehmen, daß Sie gewissermaßen drei novellistische Strophen herausarbeiten, eine erste novellistische Strophe - ich meine jetzt im bildlichen Sinne -, eine zweite, eine dritte, und daß da ein inneres Gefüge, eine innere Struktur künstlerischer Art hineinrage. — Sie hätten nur sehen sollen, wie mich die betreffende Dame angeschaut hat — so etwas zu verlangen! Was — sagte sie —, drei Strophen soll ich machen? - so ironisierte sie meinen Ratschlag.

[ 17 ] Dann die nächste Kunst, für die das gegenwärtige Geschlecht noch weniger Veranlagung hat, das ist die Malerei. Von der Malerei, wie sie sich herauslebt aus Form und Farbe, wie sie das Künstlerische sehen muß und nicht darauf zu sehen hat: Wie ist dasjenige, was da abgebildet ist, dem oder jenem äußerlich physisch ähnlich? Es kann auch in der physischen Ähnlichkeit das Künstlerische liegen, zum Beispiel beim Porträtieren oder bei ähnlichem, aber dann kommt es auf ganz anderes an als auf das Abbildliche. Da kommt es darauf an, daß gerade durch die Art und Weise der Behandlung dieses Künstlerische herauskommt. Und davon ist in der Menschheit gegenwärtig furchtbar wenig vorhanden. Was die Menschen in der Malerei heute zuerst beurteilen, das ist durchaus damit zu vergleichen, wenn man in der Musik die Ähnlichkeit einer Melodieform oder dergleichen mit irgend etwas AußerlichNatürlichem beurteilen will.

[ 18 ] Allerdings, der Herabstieg von der Musik zur Poesie wird auch noch in anderer Weise bemerkt, ist in der Gegenwart auch noch in anderer Weise bemerklich. Für ein musikalisches Genie mag sich jemand halten, aber lernen muß er doch etwas, doch die poetischen Genies betrachten es heute schon als etwas ganz Schreckliches, wenn sie etwas für das feinere Technische gelernt haben sollen. Und fast ist eine ähnliche Neigung schon mit Bezug auf das Malerische oder dergleichen vorhanden.

[ 19 ] Noch weiter geht man aber allerdings herab in bezug auf das Verständnis der Gegenwart, wenn man sich zur Skulptur wendet. Da kommt schon fast gar nichts anderes mehr in Betracht, wenn die Menschen urteilen, als dasjenige, was etwa herauskäme, wenn eine Tonfolge gehört würde und man suchte die ganze Nacht über, welcher Naturerscheinung sie ähnlich wäre. Die meisten Urteile, die über die Plastik, die über die Skulptur gefällt werden, sind eigentlich von dieser Art, und gerade an der Skulptur kann man erst sehen, daß wiederum ein Verständnis für die Skulptur eintreten wird, wenn Geisteswissenschaft in der menschlichen Persönlichkeit lebendig gesucht werden kann. Erinnern Sie sich an manches, was ich hier vorgebracht habe — und gerade absichtlich hier vorbringen mußte — über die Art und Weise des Sich-Einfühlens in den Raum oben und unten, rechts und links, vorne und rückwärts —, erinnern Sie sich an alle diese Auseinandersetzungen. Erinnern Sie sich an jene Auseinandersetzungen, die ich über die linke und rechte Seite des Menschen gemacht habe und gedenken Sie, wie sehr das ausgebildet werden kann, dieses Erleben des Atherleibes des Menschen, der die physischen Formen erst gestaltet, ein Erleben, das der Grieche instinktiv hatte, das dem fünften nachatlantischen Zeitraum verlorengegangen ist, das wieder erstehen muß. Man kann schon sagen: Die Zeit muß kommen, wo die Skulptur so erfaßt werden wird, daß all das weggelassen wird, was heute die Leute zu ihrem Urteil drängt, und daß all das aufgenommen wird, wozu gegenwärtig die Menschen sich nur in bezug auf die Musik bequemen.

[ 20 ] Von der Architektur gar nicht zu sprechen! Denn wenn in der Gegenwart die Menschen nicht gezwungen wären, ihre Stühle irgendwo im Zimmer hinzustellen mit dem Tisch, und da eine Hülle drum zu machen, und wenn sie nicht gezwungen wären, irgendwie hineinzugehen in die Zimmer und hinauszuschauen ins Freie, dann würden sie heute überhaupt keine Formen finden, die irgendwie eine architektonische Ausgestaltung bedeuten. Denn was tun schon Architekten? Sie studieren Renaissanceformen, klassische Formen, das heißt, sie ahmen nach, weil man doch nicht überall bloße Würfelformen oder polyedrische oder ähnliche Schachteln hinstellen kann, Kästen hinstellen kann. Daß die Architektur wieder Formen wird gebären können, das wird ganz davon abhängen, daß die Menschen neuerlich lernen zu empfinden, wie sich das Weltschöpferische in die Formen hineinergießt. Denn das mußte verlorengehen in der Zeit des Individualismus. Und so ist es schon notwendig, es wieder zu beleben; notwendig, daß zu dem, was wiederum Leben in die Vorstellungen der menschlichen Seele bringen soll, auch die Auffassung des Künstlerischen hinzutritt, daß das Künstlerische wesentlich mitwirkt. Deshalb ist es gut, daß eine Anzahl unserer lieben Freunde nicht bloß theoretische Vorträge über die Kunst innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen gehört haben, sondern auch tatkräftig mitgewirkt haben an dem Schaffen von gewissen Formen und sonstigem Künstlerischem, wenn auch das, was da entsteheh kann, erst ein Anfang für etwas Zukünftiges ist.

[ 21 ] Ich möchte sagen, die letzte Zufluchtsstätte, welche sich die Weltanschauungsleute der Gegenwart gewählt haben, das ist das, was sie nennen: die von der äußeren Erfahrung belehrte Vernunft. Mit dieser von der äußeren Erfahrung belehrten Vernunft haben die Menschen nun die gegenwärtige Weltanschauung des Materialismus gezimmert, und immer mehr und mehr sollen die rein mechanischen und biologischen, physikalischen, chemischen Begriffe auch für die Weltanschauung maßgebend werden, und man hat keine Neigung, einzugehen auf den Lebendigkeitswert der Begriffe, auf die Art und Weise, wie sie die Seele beleben können. Ich habe es ausdrücklich betont, daß die großen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung von unserer Geisteswissenschaft anerkannt werden müssen, daß wir uns nicht dadurch bloßstellen und blamieren sollen, daß wir immerfort gegen die naturwissenschaftlichen Fortschritte wettern. Man wettert auch nur so lange dagegen, solange man sie nicht kennt. Wenn man sie kennenlernt, bekommt man schon einen imponierenden Eindruck. Und das sollten wir uns wirklich gesagt sein lassen, daß wir nicht sollten schimpfen auf die Naturwissenschaft, weil wir zur Geisteswissenschaft gehören, wenn wir von keiner einzigen Naturwissenschaft einen irgendwie gearteten Begriff haben. Aber wir wollen noch einmal den Blick auf dasjenige wenden, was an Weltanschauungswerten in der gegenwärtigen Wissenschaft ist, oder vielmehr auf die Art und Weise, wie die gegenwärtigen wissenschaftlichen Begriffe gerade die bedeutenden Weltanschauungswerte werden können. Wir leben heute in einer schweren, in einer bedrückenden Zeit. Wir sehen, wie unendlich bedrückend der Tod über weite Flächen schreitet. Wir sehen, wie Leid und Schmerzen sich ausbreiten, ein Bild, das jede Seele heute vor sich hinstellen sollte. Gerade in unserer heutigen Zeit ist es so bedrückend, wenn die Seelen die Blicke ablenken von den großen Weltereignissen und sich so sehr mit ihren eigenen, persönlichen Angelegenheiten befassen. Von diesem Gesichtspunkte aus, meine lieben Freunde, hat es mir zum Beispiel im verlaufenen Jahre so unendlichen Schmerz bereitet, daß so viel Persönliches gerade in unseren Reihen zutage getreten ist in einer Zeit, wo die großen Menschheitsinteressen so intensiv an unsere Seele herantreten könnten. Aber ich will von dem und jenem gar nicht sprechen, ich will nur einmal darauf aufmerksam machen.

[ 22 ] Wie stehen einem solchen übermächtigen Zeitereignisse dieMenschen der Gegenwart gegenüber? Da kann es die einen geben, die sagen: Tritt uns denn nicht die Vergänglichkeit des Physischen gerade in dieser Zeit, wo wir Tausende und Tausende Tode über die Erde hingehen sehen, so sehr vor Augen, daß die Menschen in sich beleben müssen alles dasjenige, was in ihnen an Vorstellungen von den ewigen Kräften der Menschenseele erstehen kann? Sind denn nicht gerade diese Ereignisse geeignet, die menschlichen Gedanken hinzuleiten zu den ewigen Kräften der Menschenseele? Und so könnte man sich denken, daß vielleicht jemand, der schon sehr geneigt war, sich ganz Ahriman, das heißt, dem Materialismus zu ergeben, gerade durch die Gewalt der gegenwärtigen Eindrücke von der Nichtigkeit des Vergänglichen, von dem Hinwelken des Vergänglichen gemahnt würde, die Blicke zum Ewigen hinzuwenden. Denkbar wäre das. Sehen wir aber manches, was in der Wirklichkeit zutage tritt, nehmen wir einen der ausgezeichnetsten naturwissenschaftlichen Weltanschauungsmenschen der Gegenwart, nehmen wir Ernst Haeckel. Welches ist der ungefähre Inhalt der «Ewigkeitsgedanken» Ernst Haeckels? Er sagt: Man sieht in der Gegenwart, wie unzählige Menschen durch den Tod gehen, wie ein unerklärliches Schicksal in das physische Erdenleben des Menschen hereinbricht — ich drücke es jetzt mit unseren Worten aus, Sieht man daraus nicht, wie wertlos jeder Gedanke an die Ewigkeit der Menschenseele ist, wenn man sieht, daß die Menschen so hingemäht werden können? Ist das nicht ein Beweis dafür, daß die naturwissenschaftliche Weltanschauung recht hat, wenn sie sagt: Nichts von einem Sinn ragt über das bloße PhysischLeibliche hinaus? Ist das, was wir jetzt erleben, nicht ein Beweis dafür, daß die unrecht haben, die von einer Ewigkeit der Menschenseele reden?

[ 23 ] Man kann nicht sagen, daß derjenige, der von den jetzigen Begriffen aus durch die gegenwärtigen Zeitereignisse auf Ewigkeitskräfte in der Menschenseele aufmerksam gemacht würde, logischer wäre als jener, der sagt: Wir sehen doch die Menschen hinsterben durch das, was ich nur Zufall nennen kann! Wie soll man glauben, daß wirklich Sinn in der menschlichen Entwickelung ist oder Ewigkeitswerte da sind! — Man kann nicht sagen, daß der eine logischer oder unlogischer ist von der Gegenwart aus. Sie können nicht die einen Gedanken logisch, die andern unlogisch finden, wenn Sie gerade mit der Logik ernsthaft zu Rate gehen. Denn wer so streitet, erinnert an dasjenige, was in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Errungenschaften liegt. Man kann diese wirklich unendlich bewundern. Man kann sagen: Wozu hat es diese chemische, wozu hat es die mechanische Wissenschaft gebracht! Sie hat es vielleicht dazu gebracht, ganz Wunderbares zu leisten, wenn es sich darum handelt, dies oder jenes zum menschlichen Fortschritt herbeizuführen, aber sie hat ihre wunderbaren Errungenschaften ebenso dazu benutzt, um sehr geistvoll greuliche Mordinstrumente zu schaffen. Das eine ist dieser Wissenschaft ganz genau ebenso möglich wie das andere. Diese Wissenschaft kann ganz neutral sein. Sie kann das wunderbarste Instrument herstellen zur Erforschung der Geheimnisse der Natur, und durch dieselben Errungenschaften die greulichsten Mordinstrumente! Und so ist diese Wissenschaft überhaupt. Sie kann beweisen aus den erschütternden Ereignissen heraus, daß die Menschenseelen nicht aufgehen könnten in der Vergänglichkeit, und: daß gerade diese Ereignisse beweisen — das kann sie ebenso gut nachweisen! —, daß diese Seele der Menschen etwas Vergängliches ist. Diese Wissenschaftsbegriffe sind ganz neutral.

[ 24 ] Es muß etwas Positives kommen, es muß die Botschaft, die Kundschaft, die Offenbarung von den geistigen Welten kommen, und diese geistigen Welten müssen durch ihre innere Kraft wirken! Sie wissen, dasjenige, was durch diese Offenbarungen kommt, wird nicht im Widerspruch, sondern im vollen Einklange gerade mit den naturwissenschaftlichen Errungenschaften stehen, aber es kann nicht aus ihnen heraus kommen. Deshalb behaupten diejenigen etwas ganz Unsinniges, die glauben, daß sich jemals die naturwissenschaftlichen Begriffe zu einer befriedigenden Weltanschauung heranentwickeln werden. Zu den naturwissenschaftlichen Begriffen hinzu muß die geistige Forschung kommen, und darin liegt der Weg, wie man aus den großen Gefahren der Gegenwart herauskommen kann. Der Blick muß darauf hingelenkt werden, daß die abschüssige Bahn diejenige ist, die gerade mit dem allergrößten Fortschritte verbunden ist, und daß die aufwärtssteigende Bahn diejenige ist, die aus der Offenbarung des geistigen Lebens kommen muß. Allein und einzig in diesem Tatbestand der Weltereignisse müssen wir schon radikal sein. Das ist es, worauf es ankommt. Nur Geisteswissenschaft wird in der Lage sein, wiederum etwas über tieferliegende Geheimnisse zu sprechen.

[ 25 ] Wahrhaftig, meine lieben Freunde, das ist nicht leicht, daß die Anschauung von dem Karma in die Seelen einzieht. Das wird erst geschehen, wenn eine größere Anzahl von Menschen in der Lage ist, die Eingeengtheit von solchen Begriffen, wie «erbliche Belastung», die Ungültigkeit und Unfruchtbarkeit solcher Begriffe einzusehen und hinzuschauen auf dasjenige, was in den Seelen lebt. Dann, wenn die Menschen kommen und ein Kind sehen werden, von dem der physische Arzt sagt: Das lebt sich so und so aus, aber da ist nichts zu helfen, denn der Vater war so, die Mutter war so, der Großvater war so, die Großmutter so und so weiter, da muß man resignieren —, wenn das der physische Arzt sagt, dann müssen die Menschen ein Empfinden dafür haben, daß auch das wahr sein kann, daß darin eine Seele ist, die zu ganz anderem sich vorbereitet hat, als was der physische Arzt glaubt nach der Vererbung, zu ganz etwas anderem zwischen ihrem letzten Tod und der neuen Geburt, und daß vor allen Dingen das nicht brach liegen darf, sondern überhaupt diese Kräfte entwickelt werden müssen. Stimmen in der Welt müssen die geistigen Erkenntnisse werden, und als gewissenlos wird man es empfinden können, wenn man den Blick nicht hinwendet auf dasjenige, was geistig-seelisch ist. Einsehen wird man müssen, daß diese geistigen Eigenschaften, wenn man während der Erziehung den Blick nicht darauf hinwendet, eben latent bleiben. Denn in einem gewissen Lebensalter ist die Körperlichkeit schon zum Ausdruck gebracht, da kann der Geist nicht mehr durch, und dann bleibt es für die betreffende Inkarnation brach liegen, was man hätte bemerken müssen.

[ 26 ] Hier gewinnt Geisteswissenschaft praktische Bedeutung. Das möchte man, daß diese praktische Bedeutung eingesehen werde. Das sind die Dinge, die ich im Zusammenhang mit dem Gestrigen noch vor Ihre Seele heute bringen wollte.