Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Weltwesen und Ichheit
GA 169

18 Juli 1916, Berlin

7. Der Weg zur Imagination

[ 1 ] Wenn wir die um uns liegende Wirklichkeit zunächst so betrachten, wie sie dem menschlichen Sinne und dem menschlichen Verstande erscheint, so haben wir um uns etwas, was wir etwa nennen können, vergleichsweise, bildweise — so wollen wir uns heute zunächst ausdrücken —, ein großes Weltgebäude. Wir machen uns Begriffe, Ideen, Vorstellungen von dem, wie es ist, wie seine Vorgänge sind, und kommen mit dem, was in diesem Weltengebäude geschieht, auch mit seinen Einzelheiten, so in Berührung, daß wir gewisse Sympathien und Antipathien gegen dieses oder jenes entwickeln, was sich dann in unserem Gefühlsleben auslebt. Wir tun selbst aus unseren Willensimpulsen heraus dies oder jenes und greifen so ein in das Getriebe, das da herrscht in diesem Weltengebäude.

[ 2 ] Wenn man so vom Weltengebäude spricht, hat man zunächst die Vorstellung, es sei dieses Weltengebäude aus einzelnen Teilen aufgebaut, und man betrachtet ja dann die einzelnen Teile und wiederum die Teile der Teile, bis der Naturbetrachter zu dem, was er die kleinsten Teile nennt, zu dem Molekül, zu den Atomen kommt, von denen ich Ihnen ja sagte, daß sie niemand wirklich wahrgenommen hat, daß sie eine Hypothese sind, aber eine in gewissem Sinne berechtigte Hypothese, wenn man nur weiß, daß es sich um eine Hypothese handelt. Kurz, man betrachtet das, was man vergleichsweise Weltgebäude nennen kann, ja mit einem gewissen Rechte als zusammengesetzt aus Teilen, aus Gliedern, und bildet sich dann keine weitere Vorstellung über diese Glieder, und das ist zunächst gut so. Denn diejenigen Menschen, die über das Atom noch besonders phantasieren, etwa gar sprechen von einem Leben des Atoms oder von noch ärgeren Phantastereien über das Atom, diese Menschen sprechen von dem Nichts des Nichts; denn schon das Atom selber ist eine Hypothese. Also eine Hypothese noch auf Hypothesen aufbauen, das heißt natürlich Kartengebäude machen, ja nicht einmal Kartengebäude, denn bei denen hat man wenigstens noch die Karten, während man bei den Spekulationen über das Atom gar nichts mehr hat. Aus einer aus der Geisteswissenschaft heraus zu gewinnenden Einsicht sollte man vielmehr zugeben, daß, sobald man über diese Betrachtung hinauskommen will, die das uns zunächst umgebende Weltengebäude so ansieht, wie ich es eben angedeutet habe, man zu einer anderen Anschauungsweise kommen muß, die sich gegenüber unserer alltäglichen Anschauungsweise, die ja auch die der gewöhnlichen Wissenschaft ist, so verhält, wie diese gewöhnliche, alltägliche Anschauungsweise sich zum Traumleben verhält. Der Mensch träumt in Bildern, und er kann eine ganze Welt in seinen Bildern haben. Dann wacht er auf. Er weiß: nicht durch eine Theorie — denn man kann durch keine Theorie den Traum von der sogenannten «alltäglichen Wirklichkeit» unterscheiden —, sondern durch das Leben. Jetzt steht er nicht mehr den Bildern des Traumes gegenüber, sondern solchen Wirklichkeiten, die ihn stoßen und drängen und drükken. Das weiß er durch das unmittelbare Leben. Und wiederum ist es so, daß wir aufwachen können aus diesen ja nur vergleichsweise, aber doch «Lebenstraum» zu nennenden Erlebnissen des Alltags, und dann erst eine höhere Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Geistes vor uns haben. Und wiederum nur durch das Leben kann man diese höhere Geistwirklichkeit unterscheiden von der Wirklichkeit des Alltags, wie man die Wirklichkeit des Alltags nur durch das Leben unterscheiden kann von dem Traum und seinen Bildern. Aber wenn man eintritt in die Welt, die uns die Geisteswissenschaft ja beschreibt, die uns die Geisteswissenschaft zum Begreifen bringt, dann — man kann sich ja verschiedene Vorstellungen bilden, welche vergleichsweise andeuten, wie die Geistwirklichkeit zu der gewöhnlichen Wirklichkeit ist, aber ich will heute ein besonderes Bild gebrauchen —, dann erscheint alles folgendermaßen: Stellen wir uns vor, daß wir ein Haus betrachten, das aus einzelnen Ziegelsteinen zusammengestellt ist. Gewiß, wenn wir das Haus betrachten, so haben wir es zunächst aus einzelnen Ziegelsteinen zusammengesetzt. Beim Haus können wir nicht weiter gehen als bis zu den einzelnen Ziegelsteinen zunächst. Aber nehmen wir an, das Haus wäre nicht aus gewöhnlichen Ziegelsteinen zusammengesetzt, sondern jeder Ziegelstein wäre selber ein außerordentlich kunstvoller Bau, und man würde, wenn man den gewöhnlichen Blick auf das Haus richtet, eben nur die Ziegelsteine sehen, parallelepipedartig, wie man sie eben sieht, aber man würde nichts ahnen davon, daß ein jeder Ziegelstein sozusagen wiederum ein kleines Kunstwerk ist. So ist es in bezug auf das Weltengebäude. Wir brauchen nur eine Einzelheit aus dem Weltengebäude herauszunehmen, diejenige Einzelheit, die zunächst die komplizierteste ist, sagen wir den Menschen. Denken Sie, der Mensch tritt uns selber wiederum, weil er ein Teil des Weltengebäudes ist, aus Teilen zusammengesetzt entgegen: Kopf, Gliedmaßen, Sinnesorgane und so weiter. Denken Sie, wie wir im Laufe der Zeit uns bemüht haben, jeden einzelnen Teil wiederum aus der geistigen Welt heraus zu verstehen. Erinnern Sie sich nur, wie wir erst kürzlich gesagt haben: Dasjenige, was der Mensch als Kopf hat, weist uns zurück auf seine frühere Erdeninkarnation; dasjenige, was er jetzt als Leib hat, gehört dieser Erdeninkarnation an und trägt in sich die Anlage zum Kopfe für die nächste Erdeninkarnation. Wie unser Kopf geformt ist, das weist uns zurück auf frühere Inkarnationen.

[ 3 ] Erinnern Sie sich an etwas anderes. Erinnern Sie sich daran, daß wir erst kürzlich von zwölf Sinnen gesprochen haben, und diese zwölf Sinne, die der Mensch in sich trägt, in Zusammenhang gebracht haben mit den zwölf Kräften, die den zwölf Sternbildern des Tierkreises entsprechen. Wir tragen, sagten wir, in uns mikrokosmisch den Makrokosmos mit seinen zunächst aus den zwölf Sternbildern wirkenden Kräften. Jede dieser Kräfte ist anders, anders die Kräfte des Widders, anders die Kräfte des Stiers, anders die Kräfte der Zwillinge und so weiter, wie anders ist die Wahrnehmungsfähigkeit des Auges, anders die Wahrnehmungsfähigkeit des Ohres und so weiter. Zwölf Sinne entsprechen den zwölf Sternbildern des Tierkreises. Aber sie entsprechen ihnen nicht bloß. Wir wissen ja, daß die Anlage zu den menschlichen Sinnesorganen schon auf dem alten Saturn gelegt worden ist, sich weiter gebildet hat während der Sonnen-, während der Mondenzeit bis in unsere Erdenzeit herein. Erst während unserer Erdenzeit ist der Mensch mit seinen Sinnen ein so abgeschlossenes Wesen geworden, wie er uns entgegentritt. Er war viel offener dem großen Kosmos gegenüber in früheren Zeiten, während der Mond-, der Sonnen- und der Saturnzeit. Während dieser drei der Erdenzeit vorangehenden Zeiten wirkten wirklich herein in unsere menschliche Wesenheit die Kräfte der zwölf Zeichen des Tierkreises. Während sich die Anlage unserer Sinne bildete, wirkten auf sie die Kräfte des Tierkreises. Es ist nicht bloß ein Entsprechen, sondern es ist ein Aufsuchen derjenigen Kräfte, die unsere Sinne in uns eingebaut haben, wenn wir von dieser Entsprechung der Sinne mit den Tierkreisbildern sprechen. Wir sprechen nicht in einer oberflächlichen Weise von irgendeinem Entsprechen des Ich-Sinnes mit dem Widder und der anderen Sinne mit diesem oder jenem Tierkreiszeichen, sondern sprechen deshalb so, weil die Sinne des Menschen während der früheren Vorgänge unseres Erdenplaneten noch nicht so ausgebildet waren, daß sie in seinem Organismus saßen und die Außenwelt aufnahmen. Sie wurden erst eingebaut von den zwölf Kräften her in seinen Organismus. Wir sind aus dem Makrokosmos heraus aufgebaut, studieren also, indem wir die menschlichen Sinnesorgane studieren, weltumspannende Kräfte, die in uns gewirkt haben durch Jahrmillionen und aber Jahrmillionen, und deren Ergebnisse solch wunderbare Teile des menschlichen Organismus sind wie die Augen oder die Ohren. Es ist wirklich so, daß wir die Teile auf ihren geistigen Inhalt hin studieren, wie wenn wir jeden Ziegel studieren müßten bei einem Hause, das wir betrachten auf seinen kunstvollen Aufbau hin.

[ 4 ] Ich könnte noch ein anderes Bild bringen: Nehmen wir einmal an, wir hätten vor uns irgendeinen Aufbau, kunstvoll geschichtet aus Papierrollen. Nun können wir zunächst beschreiben, was wir da kunstvoll aus Papierrollen geschichtet haben: Einige Rollen stehen, die anderen sind schief zusammengerollt und das, kunstvoll zusammengestellt, gibt irgendeinen Aufbau. Aber denken Sie sich, wir hätten nicht bloß Papierrollen aufgeschichtet, sondern in jede Papierrolle wäre hineingemalt ein wunderbares Gemälde. Das würden wir gar nicht sehen, wenn wir die Rollen, die zusammengerollt sind und auf der Innenseite die Gemälde haben, ins Auge fassen. Und dennoch sind sie drinnen! Und bevor der Aufbau hat geschehen können, mußten die Malereien hineingemalt sein. Nehmen Sie aber an, es wäre die Sache so, daß wir nicht den kunstvollen Aufbau aus den Papierrollen schichteten, sondern daß der sich selbst schichten müßte. Sie können sich natürlich nicht vorstellen, daß er sich selbst schichtet, da haben Sie ganz recht, kein Mensch kann sich das vorstellen; aber nehmen wir an, dadurch, daß die Gemälde auf alle Rollen gemalt sind, läge in ihnen die Kraft, daß sich die Rollen selber schichteten: Dann haben Sie hier ein Bild von unserem wirklichen Weltengebäude! Die Gemälde, die auf den Rollen sind, kann ich vergleichen mit all dem, was während der Saturn-, der Sonnen- und Mondenzeit geschehen ist, was da hineingeheimnist ist in jeden einzelnen Teil unseres Weltengebäudes. Aber es sind keine toten Gemälde, es sind lebendige Kräfte, die dasjenige, was auf der Erde sein soll, was auf unserem physischen Plan sein soll, aufbauen, und wir holen heraus dasjenige, was kunstvoll verborgen ist in dem, was gewissermaßen aus einzelnen Rollen des Weltengebäudes vor uns aufgeschichtet ist, und was beschrieben wird von der äußeren Wissenschaft, was uns gegenübersteht im äußeren Leben. Wenn Sie aber dieses Bild zu Ende denken — ich habe lange nachgesonnen, ein Bild, das möglichst entspricht dem Sachverhalt, zu finden; es ist das Bild von diesen Rollen, die lebendige, tätige Bilder haben —, dann werden Sie finden, daß kein menschliches Auge, das der Aufschichtung entgegenschaut, zunächst eine Ahnung haben kann von den Bildern, die da drinnen sind. Wenn der Aufbau recht kunstgemäß ist, werden wir etwas recht Kunstgemäßes als Beschreibung des Aufbaues bekommen, aber nichts wird in der Beschreibung stehen von den Gemälden, die drinnen sind.

[ 5 ] Sehen Sie, so ist es mit der äußeren Wissenschaft. Sie beschreibt diesen kunstvollen Aufbau, sie läßt aber ganz außer acht dasjenige, was als Gemälde auf jeder einzelnen Rolle steht. Aber wenn Sie den Vergleich zu Ende denken, müssen Sie noch etwas ganz anderes ins Auge fassen: Gibt es denn in all jener Tätigkeit, welche diesen kunstvollen Aufbau der Rollen beschreibt, eine Möglichkeit, auch nur zu ahnen, geschweige denn wirklich etwas zu beschreiben von dem, was auf den einzelnen Rollen steht, wenn eben die Rollen zusammengerollt sind und das Gebäude aufbauen? Das gibt es gar nicht! In diesem Sinne müssen Sie sich auch klar sein, daß die gewöhnliche Wissenschaft zunächst gar nicht darauf kommen kann, daß unserem Weltengebäude dieses Geistige zugrunde liegt. Daher kann in einer geraden Fortsetzung desjenigen, was man sich aneignet in der gewöhnlichen Wissenschaft, nicht das Verständnis für die Geisteswissenschaft liegen, sondern es muß etwas hinzukommen, etwas, was im Grunde genommen gar nichts zu tun hat mit der gewöhnlichen Wissenschaft. Denn denken Sie einmal, Sie haben diese aufgeschichteten Rollen vor sich. Jemand kann sie sehr gut beschreiben, er wird noch wunderbare Schönheiten finden, etwa daß manche Rollen mehr schief, manche weniger schief gelegt sind, manche zu einer Rundung gebaut sind und so weiter, er wird all das hübsch beschreiben. Aber um darauf zu kommen, daß auf jeder Rolle inwendig ein Gemälde ist, dazu ist notwendig, daß er eine Rolle herausnimmt und sie aufrollt. Es hat gar nichts zu tun mit der Beschreibung des geschichteten Gebäudes. Es muß also etwas Besonderes hinzukommen zu der menschlichen Seele, wenn die Seele aus der gewöhnlichen wissenschaftlichen Weltanschauungsweise, wie wir sie heute haben, hineinkommen will in eine geisteswissenschaftliche Betrachtung, es muß die Seele von etwas Besonderem ergriffen werden. Das ist dasjenige, was heute so schwer verständlich ist für die äußere, im Materialismus lebende Kultur, was aber wieder begriffen werden muß, wie es begriffen worden ist in den verschiedensten Kulturperioden, in denen man noch eine geistige Weltanschauung als die physische Weltanschauung durchdringend hatte. Ältere Zeiten waren sich immer klar darüber, daß dasjenige, was man von dem geistigen Inhalte der Welt wissen soll, beruht auf einem besonderen Erfangenwerden der Seele von der Geistigkeit. Daher haben sie nicht bloß von Wissenschaftlichkeit, sondern von Initiationen und dergleichen gesprochen, und mit Recht davon gesprochen. Seien wir uns nur klar darüber, daß diese Anschauung die richtige ist.

[ 6 ] Ich will Ihnen noch einen Vergleich bringen, der Ihnen, wenn Sie ihn zu Ende denken, die Sache ganz klar machen kann. Es ist ein Vergleich, der sogar aus alten Traditionen der Geisteswissenschaft genommen ist. Sehen Sie, man spricht in der Geisteswissenschaft mit Recht von einem «okkulten Lesen der Welt». Das, was die gewöhnliche Wissenschaft tut, ist nicht «Lesen der Welt». Wenn Sie dasjenige, was auf einer Seite eines Buches oder eines Schriftstückes geschrieben steht, nehmen, und Sie können nicht lesen und haben auch nie etwas davon gehört, daß es so etwas gibt wie Lesen, — nun, nehmen Sie an, es stünde auf der Seite meinetwillen eine Szene aus Goethes «Faust» —, so bleibt Ihnen das natürlich ganz unbekannt, was da enthalten ist auf dieser Seite; aber Sie können die Schriftzüge beschreiben, Sie können beschreiben: Da oben ist etwas, das hat einen Haken, dann ist ein gerader Strich nach unten, dann ist ein Querstrich. Sie können die einzelnen Buchstaben beschreiben, können auch beschreiben, wie die einzelnen Buchstaben zusammengestellt sind. Das wird eine Beschreibung geben. Solch eine Beschreibung der äußeren physischen Wirklichkeit ist zum Beispiel die Naturwissenschaft heute, ist auch die Geschichte, wie wir sie heute haben, aber alles solches Beschreiben gibt kein Lesen.

[ 7 ] Nun können Sie sich fragen: Lernt heute irgend jemand in der Welt lesen dadurch, daß er sich über eine Seite setzt, keine Ahnung hat, wie man liest, und nun darauf kommen will durch die Formen der Buchstaben, was da drauf steht? Nicht wahr, so lernt doch heute niemand lesen! Das Lesen wird uns übermittelt in unserer Kindheit. Wir lernen es nicht, indem wir die Buchstabenform beschreiben lernen, sondern wir lernen es dadurch, daß uns etwas Geistiges übermittelt wird, daß wir geistig angeregt werden zum Lesen. So war es auch immer bei alledem, was man die niederen und höheren Grade der Initiation nennt. Nicht darauf beruhte sie, daß die Seelen angelernt wurden zu beschreiben, was außer ihnen ist, sondern zu lesen in dem, was außer ihnen ist, den Sinn der Welt zu enträtseln. Daher hat man wirklich mit Recht dasjenige, was als Geistiges in der Welt enthalten ist, «Wort» genannt, weil die Welt gelesen sein will, wenn man sie geistig verstehen will. Und das Lesen lernt man nicht dadurch, daß man die Formen der Buchstaben lernt, sondern dadurch, daf$ man eine geistige Anregung empfängt.

[ 8 ] Das ist so hauptsächlich, was ich immer erreichen will durch die Darstellung, die innerhalb unserer Kreise gepflogen wird. Wenn Sie sich an mancherlei erinnern, was so durch unsere Vorträge hindurchgeht, so werden Sie immer sehen, daß ich versuche, möglichst Bilder zu gebrauchen. Ich gebrauche auch heute wiederum Bilder, und man kann ins Geistige nur hineinführen durch Bilder. Und sobald man die Bilder gar zu sehr in Begriffe preßt, die eigentlich nur taugen für den physischen Plan, so enthalten sie nicht mehr dasjenige, was sie eigentlich enthalten sollen. Der heutige Mensch aber kommt dadurch in eine Art von Verwirrung hinein, weil er dasjenige, was in Bildern gegeben ist, nicht so auffassen kann, daß es ihm eine reale Wirklichkeit gibt. Er denkt das Bild selber gleich ganz materialistisch. Sobald wir in etwas primitivere Kulturen gehen, sehen wir, daß die Menschen unsere heutigen Begriffe gar nicht gehabt haben, sondern überhaupt in Bildern gedacht haben, und ihre Wirklichkeiten durch Bilder ausgedrückt haben. Wenn Sie die orientalischen Kulturen Asiens nehmen, die etwas Atavistisches, von früher her Gebliebenes sind, so werden Sie heute noch überall finden: Wenn die Leute etwas besonders Tiefes bedeutsam ausdrücken wollen, dann sprechen sie in Bildern, wobei diese Bilder aber durchaus Wirklichkeitswert haben. Nehmen wir ein Beispiel, in dem das Bild eigentlich unmittelbaren Wirklichkeitswert hat, man möchte sagen, groben Wirklichkeitswert hat. Und dennoch wird der Europäer den Asiaten, der ältere, atavistische Vorstellungen bewahrt über die Wirklichkeit, doch außerordentlich schwer verstehen; er wird ihn zu grob verstehen.

[ 9 ] In einer wunderschönen asiatischen Novelle wird folgendes erzählt: Es hatte einmal ein Ehepaar eine Tochter. Die Tochter wuchs heran, wurde nach der Hauptstadt in die Schule gegeben, weil sie besondere Fähigkeiten zeigte, kam aus der Schule zurück und heiratete einen Bekannten ihres Vaters, einen Kaufmann. Sie bekam einen Knaben und starb, da der Knabe vier Jahre alt war. Am Tage nach der Beerdigung der Mutter sagte das Kind plötzlich: «Die Mutter ist über die Treppe hinaufgegangen nach dem oberen Stock, da oben wird sie sein.» Nun, die ganze Familie ging die Treppe hinauf. Man muß sich natürlich hineindenken in die Seele des Orientalen, um das Folgende zu verstehen. Denn trotzdem ich etwas erzähle, was unmittelbar, hart an die Wirklichkeit anstößt, so würde ein Europäer das ganz anders erleben. Nehmen wir an, ein europäisches vierjähriges Kind würde sagen, die Mutter, die gestern begraben worden ist, sei die Treppe hinaufgegangen; wenn nun die anderen Leute mit einer Kerze die Treppe hinaufsteigen und in einem unbewohnten Stock nachschauen würden, so würden sie natürlich dort nichts finden. Man würde die Sache natürlich in Abrede stellen. Also man muß sich da in die asiatische Seele hineinfühlen können. Die Leute gingen also hinauf mit dem Lichte und fanden die Mutter wirklich dort stehen, einen Schatten, der vor einer Kommode stand, und starr in die Kommode hineinblickte. Die Schubladen der Kommode waren geschlossen, und die Leute sagten sich — aus ihren Vorstellungen heraus mit Recht —: Da muß in der Kommode etwas sein, was die Seele beirrt. Sie räumten die Kommode aus und trugen die Gegenstände, die darin waren, nach dem Tempel, damit sie dort aufbewahrt würden. Dadurch sind sie ja, nicht wahr, der Welt entrückt. So, glaubten sie, würde die Seele jetzt nicht mehr kommen, denn sie wußten: Das soll ja nicht sein; es kann eine solche Seele nur kommen, wenn sie noch durch irgend etwas gebunden ist. — Aber sie kam doch! Jeden Abend, wenn man wieder nachschaute, war sie da. Da ging man zu einem weisen Tempelhüter, der kam dann, sagte, er müßte ungestört sein, und sprach seine Sutras. Und als die «Stunde der Ratte» kam — so heißt im Orient die Zeit von 12 bis 2 —, da war wiederum die Frau da, schaute starr nach einem Punkte der Kommode. Da fragte er, ob etwas da sei. Sie gab ihm in der Gebärde zu verstehen, daß wohl etwas da sei. Er machte die erste Lade auf- es war nichts drinnen, die zweite Lade — nichts drinnen, die dritte Lade, die vierte Lade — nichts drinnen! Da kam er darauf, auch das Papier zu heben, mit dem die Laden ausgelegt waren. Da fand er zwischen dem letzten Papier und dem Boden der Lade einen Brief. Er versprach, daß von diesem Briefe niemand etwas erfahren solle, daß er ihn im Tempel verbrennen werde. Das hat er getan; dann kam sie nicht wieder.

[ 10 ] Nun, diese orientalische Erzählung stimmt mit allem Wirklichen überein, drückt das Wirkliche aus. Würde man innerhalb europäischer Begriffe versuchen, die Sache darzustellen, so würde das sehr schwer gehen. Und anderseits hat der Europäer heute noch zu stark eine Grobheit in seinen Vorstellungen. Er denkt, wenn etwas eine Wirklichkeit ist, so muß sie jeder sehen. Der Europäer hat überhaupt nur die zwei Unterscheidungen: Entweder sieht jeder eine Sache, dann ist es eine Wirklichkeit, oder es sieht sie nicht jeder, dann ist es subjektiv, dann ist es nichts Objektives. Nun hat aber dieser Unterschied zwischen «subjektiv» und «objektiv» gar keine Bedeutung, sobald man in die geistige Welt hineinkommit, er hat nur eine Bedeutung für die physische Welt. Es ist gar nicht so, daß man sagen könnte, das, was die anderen nicht sehen, müsse nicht objektiv sein.

[ 11 ] Nun können Sie sagen, solche Dinge gibt es in Europa auch. Ja, das gibt es hier auch, aber der Europäer ist froh, wenn er sagen kann: Es ist eben eine Dichtung, und daran braucht man nicht zu glauben. Deshalb ist es ja so viel leichter, in Dichtungen die geistige Welt zum Ausdruck zu bringen, weil man dann nicht den Anspruch macht, daß die Leute es glauben. Und dann sind sie schon befriedigt, wenn man das, was man da sagt, nur nicht zu glauben braucht. Der Einwand aber, daß es sich um eine Novelle handelt, der gilt nicht, denn da muß man wirklich in Betracht ziehen, daß der Europäer den Asiaten sehr wenig verstehen kann, wenn er solche Dinge ausspricht. Das, was der Europäer seine Novellen, seine Kunst nennt, das ist für den Asiaten ein höchst überflüssiges Spiel, es ist für ihn nichts. Darüber macht er sich eigentlich nur lustig, daß man Dinge erzählen soll, die es gar nicht gibt. Das versteht der wirkliche Asiate nicht. Er erzählt in seinen sogenannten Kunstwerken nur das, was es wirklich gibt, allerdings in der geistigen Welt etwa gibt. Das ist ein tiefer Unterschied zwischen der europäischen und der asiatischen Weltauffassung. Daß wir in Europa Novellen schreiben, in denen wir Dinge erzählen, die es gar nicht gibt, das ist eine höchst überflüssige Beschäftigung nach Ansicht des Orientalen. Unsere ganze Kunst ist eigentlich nach wirklich orientalischer Vorstellung eine ziemlich überflüssige Beschäftigung. Und dasjenige, was wir von asiatischer Kunst haben, das müssen wir durchaus so auffassen, daß es noch als Imaginationen geistiger Wirklichkeit gedacht ist, sonst verstehen wir gar nicht, was von jener Seite herüberkommt. Wir Europäer rächen uns ja auch dadurch, daß wir die asiatischen Erzählungen nicht nach asiatischem, sondern nach europäischem Maße messen und sagen: Es ist eben eine schwungvolle Dichtung, eine schwungvolle Phantasie; das schweift aus, das ist eine fruchtbare orientalische Phantasie!

[ 12 ] So muß man überhaupt vielfach in Bildern reden, und auf diese Art der Darstellung kommt es an. Und so wird man nach und nach wiederum verstehen müssen, daß man vielfach in Bildern reden muß. Gewiß, wenn wir heute bloß in Bildern sprechen würden, so würde das gegen die europäische Kultur sein, das können wir nicht machen. Aber wir können gewissermaßen übergehen lassen das gewöhnliche Denken, das eigentlich doch nur für den physischen Plan bestimmt ist, in das Denken über die geistige Welt, und dann ins Bildhafte, in jenes Denken, das unter dem Impuls der geistigen Welt entsteht. So ist es auch aufzufassen, wenn ich zum Beispiel versuche zu sagen: Der Naturforscher zeichnet ein Weltenbild, und wenn er glaubt, daß dieses Weltenbild auch anschaulich ist, so macht er den Fehler, den jemand machen würde, der behauptet, er könnte ein Bild malen, aus dem ihm der Gemalte entgegenkäme und im Zimmer auf und ab geht. Ich falle in der Darstellung — in diesem letzten Buch «Vom Menschenrätsel» können Sie das sehen — aus der gewöhnlichen Darstellung, aus der logischen Darstellung in die bildliche Darstellung hinein. Das muß überhaupt, soll Geisteswissenschaft sich wirklich einleben im Abendlande, darstellender Stil werden. Und darauf beruht ungeheuer viel, daß dies gerade verstanden wird. Eine philosophische Abhandlung, die dasselbe besagen wollte heute, die würde unzähliges Logische aufführen, die künstlichsten Begriffe drechseln, aber sie würde sich in dem bewegen, was heute dem Sterben entgegengeht, was nicht mehr lebendig ist, und was nur darauf berechnet ist, die äußere Schichtung aus den Rollen zu verstehen, nicht dasjenige, was auf der Innenseite einer jeden Rolle als Gemälde lebt. Bedeutsam werden alle diese Dinge erst, wenn wir es eben im Leben anwenden, denn dadurch lernen wir das Leben verstehen. Das, was man im gewöhnlichen Sinne logische Beweise nennt, das muß sich selber erst verlebendigen, wenn man das Geisteswissenschaftliche lebendig verstehen will.

[ 13 ] Nehmen wir einen Fall: Es gibt heute musikalische Menschen, es gibt unmusikalische Menschen. Nun weiß jeder, es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem musikalischen und einem unmusikalischen Menschen. Für eine gewisse Betrachtungsweise kann man sogar sagen, ein musikalischer Mensch ist ein ganz anderes Wesen als ein unmusikalischer Mensch, wenn man die Seele betrachtet. Das soll nicht eine Kritik der unmusikalischen Menschen sein, sondern nur eine Konstatierung einer gewissen Tatsache. Das ist also eine Lebenserfahrung, die wir machen, wenn wir durch das Leben gehen. Wir treffen im Leben musikalische und unmusikalische Menschen an. Das ist das eine. Derjenige, der nun das Leben etwas näher betrachtet, wird vielleicht nicht gleich zu dem in Shakespeare stehenden Ausspruch kommen: «Der Mann, der nicht Musik in sich hat, taugt zu Verrat und Mord und Tücke; traut keinem solchen.» — Es mag nicht gleich, wie gesagt, dieses Ergebnis da sein, aber ein gewisser Unterschied auch in bezug auf die übrige Konfiguration der Seele ist zwischen musikalischen und unmusikalischen Menschen.

[ 14 ] Nun möchte man doch verstehen, wie es kommt, daß musikalische und unmusikalische Menschen unter uns herumgehen. Wenn Sie sich in der die Naturwissenschaft nachahmenden Seelenwissenschaft umsehen, glaube ich nicht, daß Sie viel finden werden, was aufhellen könnte, warum eine gewisse Sorte von Menschen musikalisch, eine andere unmusikalisch ist. Und so ist es auch recht, denn würde diese der Naturwissenschaft nachgeahmte Seelenwissenschaft Erklärungen abgeben über den Grund, warum der eine Mensch musikalisch ist, der andere unmusikalisch, würde sie gerade auf solche Feinheiten eingehen, so würde sie etwas Rechtes zustande bringen!

[ 15 ] Nun aber finden wir einen anderen Unterschied zwischen Menschen. Wir finden Menschen, welche gewissermaßen durch das Leben gehen und nicht recht berührt werden von dem, was um sie herum vorgeht, während andere Menschen durch das Leben gehen und eine so offene Seele haben, daß sie stark berührt werden von dem, was um sie herum vorgeht, stark über das eine Freude, über das andere Leid, über das eine Fröhlichkeit, über das andere Traurigkeit empfinden. Diese Unterschiede gibt es auch. Stumpflinge und gewissermaßen mit aller Welt mitfühlende Menschen gibt es. Es gibt Menschen, welche nur in ein Zimmer hineinzugehen brauchen, in dem nicht allzu viele Menschen sind, und die nach ganz kurzer Zeit einen gewissen Kontakt mit ihren Mitmenschen haben dadurch, daß sie fühlen, was die anderen fühlen, rasch, durch unsagbare, wie man sagt, Imponderabilien. Es gibt andere, die mit vielen Menschen in Berührung kommen, aber eigentlich keinen einzigen kennenlernen, weil sie diese Gabe nicht haben, von der ich eben gesprochen habe. Sie beurteilen eben jeden anderen Menschen danach, wie sie selber sind, und wenn er nicht so ist, wie sie selber sind, dann ist er eben doch eigentlich mehr oder weniger ein schlechter Mensch. Aber es gibt andere Menschen, die gehen auf jeden einzelnen Menschen ein, leben mit, was der andere lebt. Sie sind in der Regel auch solche Menschen, die mit jedem Tier mitleben können, mit jedem Käfer, mit jedem Spatzen, und die fröhlich werden können mit dem einen, was da vorgeht, und traurig werden können mit dem anderen. Geben Sie acht, wie oft das vorkommt im Leben, besonders in einem gewissen Lebensalter, daß sich ein junger Mensch über alles mögliche freut, bald himmelhoch jauchzt, bald zu Tode betrübt ist, der andere aber sagt: Du bist ein dummer Kerl, das ist doch im Grunde alles gleich! — Diese zwei Sorten von Menschen gibt es auch. Natürlich sind die beiden Eigenschaften mehr oder weniger ausgebildet, brauchen gar nicht einmal stark zutage zu treten, aber sie können sehr gut angedeutet sein.

[ 16 ] Nun kommt der Geistesforscher und versucht, über die Welt in seinem Sinne nachzudenken, und kommt darauf: Musikalische Menschen sind diejenigen, die in einem vorigen Leben leicht den Übergang fanden von Fröhlichkeit zu Traurigkeit, von Traurigkeit zu Fröhlichkeit, die mit allem mitgehen konnten. Das verlegte sich in das Innere, und dadurch entstand im Innern jene rhythmische Übergangsfähigkeit, die die musikalische Seele gibt. Dagegen werden Menschen, die in früheren Leben an den äußeren Ereignissen stumpflich vorbeigegangen sind, nicht musikalisch. Dabei kann man ja selbstverständlich sonst ausgezeichnete Eigenschaften haben, kann meinetwillen Weltreformator sein, große Wirkungen in der Weltgeschichte hervorrufen. Es gibt eine Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannte Persönlichkeit, welche in Rom war in der Zeit, als dort die größten Maler gemalt haben, in der Zeit, aus der die Malerei Michelangelos, Raffaels hervorgegangen ist, eine Persönlichkeit, die damals in Rom nichts anderes gesehen hat, als daß alles unmoralisch ist. Es war auch unmoralisch, Rom. Er ist daran vorbeigegangen, neben dem anderen, das nicht unmoralisch war, zum Beispiel der Kunst Michelangelos, Raffaels. Es war eine sehr bedeutende Persönlichkeit, die Großes getan hat, ein Reformator, Sie kennen sie alle. Man kann also durchaus nicht sagen, daß das hier in dem Sinne einer bösartigen Kritik gemeint wäre. Aber das Unmusikalischsein beruht doch darauf, daß man nicht lebendige Eindrücke bekommen hat in einer vorhergehenden Inkarnation von dem, was eben manchen Seelen lebendige Eindrücke geben kann. Denken Sie, wie nun das Leben durchsichtig wird, wenn man mit solchen Erkenntnissen an das Leben herantreten kann, wie verständlich einem die Menschen werden können! Und wenn man das festhält, daß aus der Geisteswissenschaft in unsere Seelen mehr die Sehnsucht einfließt, nach Bildern zu charakterisieren, dann bekommt das keinen üblen Beigeschmack.

[ 17 ] Selbstverständlich, wenn alles in Begriffen sich auslebte, und es etwa dazu führen würde, daß Geisteswissenschaft nun an jeden Menschen zergliedernd heranginge und studierte: Was ist mit dem in seiner vorhergehenden Inkarnation wohl gewesen, was war der? — dann müßte man sich hüten vor der Geisteswissenschaft. Dann würde man sich ja sozusagen nicht mehr getrauen, unter die Leute zu gehen, wenn man wüßte, daß man da so analysiert wird. Das würde aber nur dann der Fall sein, wenn man mit solchen groben Begriffen arbeitete. Wenn man aber im Bilde bleibt, ergreift das Bild das Gefühl, und man kommt zu einem gefühlsmäßigen Verstehen der anderen Menschen, zu einem Verstehen, das man sich nicht in Begriffe zu verwandeln braucht. In Begriffe wandelt man es sich nur um, wenn man es als allgemeine Wahrheit ausdrückt. Es ist gut, so wie ich jetzt gesprochen habe, von dem Beweglichen der Seele in einer vorhergehenden Inkarnation und dem Musikalischen in einer nachfolgenden Inkarnation zu sprechen, aber es würde abgeschmackt sein, wenn ich einem Menschen, der musikalisch ist, gegenübertreten würde, und ihn nun beschreiben würde, wie er in der vorhergehenden Inkarnation war, weil er jetzt musikalisch ist. Aus dem einzelnen heraus kommen diese Wahrheiten, aber es handelt sich nicht darum, sie auf das einzelne hin anzuwenden. Das ist etwas, was aber im tiefsten Sinne wirklich verstanden werden muß.

[ 18 ] Bei solchen Wahrheiten wird es noch verstanden, aber wenn es etwas weiter geht, dann kann sehr leicht dasjenige, was zur Aufklärung der Menschheit bestimmt ist, zu Unfug führen. Denken Sie doch nur einmal, wie leicht es vorkommt, immer wieder und wiederum vorkommt: Man spricht im allgemeinen über die Reinkarnation. Nun habe ich einmal über die Beziehung zwischen Reinkarnation und Selbsterkenntnis in einem unserer Zweige gesprochen. Es ist gut, auf dieses Thema auch zu achten, und ich habe zum Beispiel in diesem Zweig dazumal gesagt, als ich von Reinkarnation und Selbsterkenntnis gesprochen habe: Es ist gut, wenn man gewisse Begriffe, die man aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann, in seiner Selbsterkenntnis zu verwirklichen versucht. Ich habe zum Beispiel den einen Begriff angegeben, daß wir, wenn wir geboren werden, im Beginne unseres Lebens durch unser Karma oftmals mit Menschen zusammengeführt werden, mit denen wir zusammen waren in einer früheren Inkarnation so in der Mitte des Lebens, in den dreißiger Jahren, daß wir also nicht mit denselben Menschen gleich zusammen sind, mit denen wir damals in der früheren Inkarnation zusammen waren. Nun, so habe ich einzelne Regeln angeführt, Sie können das in Vorträgen auch finden, wie man Reinkarnation auf Selbsterkenntnis anwenden kann. Ja, wozu hat das dazumal geführt? Es hat dazu geführt, daß etwas Bestimmtes geschehen ist. Es zeigte sich in der nächsten Zeit, daß eine ganze Anzahl von Menschen einen förmlichen «Klub der Reinkarnierten» gegründet haben. Es war wirklich so, daß eine Clique von jedem einzelnen angegeben hat, was er im vorhergehenden Leben oder in allen vorhergehenden Leben war. Selbstverständlich waren alle ungeheuer hervorragende Gestalten der Menschheitsentwickelung, das ist ja schon fast selbstverständlich, und sie hatten auch Beziehungen zueinander.

[ 19 ] Das fraß lange. Natürlich ist das ein furchtbares, ein schreckliches Zeug, denn das verstößt ja in der Regel gegen etwas, was ich auch betont habe: Soll jemand wirklich etwas wissen über seine vorhergehende Inkarnation, so ist es in der Gegenwart nicht so, daß man es von innen heraus fassen kann, sondern man wird von außen herein aufmerksam gemacht durch irgendein äußeres Ereignis oder von jemand anderem. Heute ist es in der Regel falsch, wenn einer von innen heraus schöpft und sich diktiert: Ich bin dieses oder jenes. Wenn jemand etwas wissen soll, wird es ihm von außen gesagt. Da hätten diejenigen, die damals jenen Klub der Reinkarnierten begründet hatten, lange warten können, bis es ihnen gesagt worden wäre. Dennoch waren sie alle bedeutende Persönlichkeiten, die bedeutendsten der Menschheitsentwickelung! Und als die Sache ruchbar wurde, wie man sagt, und man die Leute fragte: Woher rührt denn das? da wurde gesagt: Ja, das mußten wir doch tun! Sie haben dazumal den Vortrag gehalten, daß man die Selbsterkenntnis im Sinne der Reinkarnation pflegen soll, und von da ab haben wir uns alle damit beschäftigt, nachzudenken, was wir im vorhergehenden Leben waren, und welche Beziehungen wir zueinander gehabt haben!

[ 20 ] Wir fragen nun: Gegen was sündigen wir in einem solchen Falle eigentlich? — Wir sündigen wirklich gegen jene Ehrfurcht, die wir haben sollen vor den großen geistigen Wahrheiten, jene Ehrfurcht, die darin besteht, daß wir in richtigem Maße «im Bilde» bleiben können; denn aus dem Bild herauszugehen, das kommt nur dann vor, wenn es notwendig ist. Das ist schon bei der Geisteswissenschaft notwendig, daß wir gewissermaßen Ehrfurcht entwickeln, und daß wir wissen, daß dieses Spintisieren, dieses In-den-Begriff-Hereinbringen immer vom Übel ist. So nachdenken über die geisteswissenschaftlichen Angelegenheiten, wie man nachdenkt über die Angelegenheiten des physischen Planes, das ist immer vom Übel. Es ist, sobald man diese Ehrfurcht sich aneignet, auch wirklich so, daß man gewisse moralische Eigenschaften entwickelt, welche sich nicht entwickeln können, wenn man nicht die Dinge in der rechten Weise in der Seele trägt. Geisteswissenschaft muß in diesem Sinne auch zur moralischen Erhöhung der neueren Kultur führen.

[ 21 ] Wir Europäer sagen mit Recht: Dadurch, daß wir imstande sind, in unserem Geistesleben das Christus-Mysterium zu sehen, dadurch haben wir etwas voraus vor allen, zum Beispiel auch asiatischen, orientalischen Kulturen. Die haben in dem, was sie über den Geist wissen, das Christus-Wesen nicht drinnen. Ein Japaner, ein Chinese, ein Hindu, ein Perser, hat nicht das Christus-Wesen in seinem Denken über die geistigen Weltenzusammenhänge, und deshalb nennen wir mit Recht diese asiatische Weltanschauung eine atavistische, von früher hergekommene. Sie können, wie zum Beispiel die VedantaPhilosophie, ungeheuer hoch sein im Welterfassen; daß sie das Christus-Mysterium nicht begreifen können, macht sie aber doch zu atavistischen Vorstellungen, denn tief einzudringen in gewisse Zusammenhänge ist noch kein Zeichen von einer besonderen geistigen Höhe. Ich habe zum Beispiel jemanden gekannt, der lange Zeit in unseren Reihen war, übrigens auch zu dem Klub der Reinkarnierten gehört hat, wie mir eben einfällt, und der ausgezeichnete Theorien herausgebracht hat über gewisse Zusammenhänge des atlantischen Lebens. Die allgemeinen großen Gesichtspunkte fortsetzend, die zum Beispiel in meiner Schrift über die Atlantis stehen, kam die betreffende Persönlichkeit zu sehr interessanten Ergebnissen, die wahr waren; und dennoch stand diese Persönlichkeit so wenig in unserer Sache drinnen, daß sie sich von unserer Bewegung einfach trennte, als es ihr aus äußeren Gründen paßte. Es gehört unter Umständen nur eine ganz bestimmte Formung des ätherischen Leibes dazu, um in gewisse übersinnliche Gebiete hineinzuschauen. Soll aber Geisteswissenschaft lebendig in unsere Kultur hineinfließen, dann muß sie den ganzen Menschen so ergreifen, daß er mit den tiefsten Impulsen dieser Geisteswissenschaft zusammenwächst. Und dann wird diese Geisteswissenschaft gerade das hervorbringen, was unserer in den Materialismus hinein sich entwickelnden Kultur fehlt.

[ 22 ] Also wir sagen mit Recht: Wir haben das Christus-Mysterium vor den asiatischen Kulturen voraus. Aber was sagen denn die Asiaten? Ich erzähle Ihnen nun nicht irgend etwas Ausgedachtes, sondern das, was die einsichtsvolleren Asiaten wirklich sagen. Die sagen: Schön, ihr habt das Christus-Mysterium vor uns voraus; das ist etwas, was wir nicht haben, dadurch steht ihr nach eurer Ansicht auf einer höheren Stufe der Kultur. Aber nun sagt ihr zum Beispiel auch: «An den Früchten soll man sie erkennen.» Nun schreibt eure Religion vor, daß alle Menschen einander lieben sollen, aber wenn wir euer Leben anschauen, so ist das nicht danach. Ihr schickt uns Missionare nach Asien, die erzählen uns alles Großartige; aber wenn wir nach Europa kommen, da leben die Menschen gar nicht so, wie das sein müßte, wenn das alles ganz wahr wäre, was da erzählt wird! — So sagen die Asiaten. Denken Sie nach, ob sie so ganz unrecht haben! Bei einem Religionskongreß, wo Vertreter aller Religionen sprechen sollten, wurde gerade dieser Fall besprochen, und da antworteten die asiatischen Vertreter dasselbe, was ich jetzt gesagt habe. Sie sagten: Ihr schickt uns Missionare, das ist gewiß alles sehr schön. Aber ihr habt das Christentum ja nun seit zweitausend Jahren; wir können nicht bemerken, daß die moralische Entwickelung dadurch so ungemein über die unsrige hinausgegangen ist!

[ 23 ] Aber das hat seine gute Begründung, meine lieben Freunde. Sehen Sie, der Asiate lebt viel mehr in der Gruppenseele, er lebt viel weniger als Individualität. Ihm ist das, was Moral ist, gewissermaßen auch eingeboren, gruppenseelenhaft eingeboren, und der Europäer muß gerade dadurch, daß er das Ich entwickelt, heraustreten aus der Gruppenseele, muß sich selbst überlassen sein. Dadurch muß der Egoismus in einer gewissen Weise hochkommen. Der Egoismus ist schon einmal die notwendige Begleiterscheinung des Individualismus, und nur nach und nach können sich die Menschen wiederum zusammenfinden, indem sie das Christentum in höherem Sinne verstehen. Aber vieles hat selbst bei den Besten, die darüber nachdachten, gerade mit Bezug auf das Christentum, entgegengewirkt einem wirklichen Verständnis der Folgen des Mysteriums von Golgatha. Es ist gewiß ungeheuer «tief», meine lieben Freunde, wenn jemand sagt, wir müßten den Christus in unserem eigenen Inneren erleben. Sehen Sie, es gibt, ich möchte sagen, eine symbolische Theosophie. Sie wissen, wie ich immer gegen diese symbolische Theosophie rede, die immer alles symbolisch zu erklären versucht. Sogar die Auferstehung des Christus wird als ein bloßer innerer Vorgang erklärt, während sie in Wahrheit ein historischer Vorgang ist. Es ist wirklich der Christus auferstanden in der Welt, aber manche Theosophen finden sich leichter mit der Sache ab, wenn sie das bloß für einen inneren Prozeß erklären. Sie wissen ja, das war die besondere Kunst des verstorbenen Franz Hartmann, der in jedem Vortrag mehrmals alles, was die Theosophie ist, den Leuten dadurch beigebracht hat, daß er gesagt hat: Man muß sich selbst in seinem Innern erfassen, den Gott in sich selber erfassen und so weiter. Nun werden Sie, wenn Sie die Evangelien richtig verstehen, keinen Anhalt dafür finden, daß in den Evangelien so etwas vertreten wäre, daß man nur von innen heraus den Christus erleben soll. Gewiß, es gibt sehr viele theosophische Symboliker, die deuten verschiedene Stellen um, aber in Wahrheit ist alles in den Evangelien so, daß das große Evangelienwort wahr ist: «Wo zwei in meinem Namen vereint sind, bin ich mitten unter ihnen.» Der Christus ist eine soziale Erscheinung. Der Christus ist als eine Wirklichkeit durch das Mysterium von Golgatha gegangen, und er ist als eine Wirklichkeit da, und er gehört nicht dem einzelnen Menschen, sondern dem menschlichen Zusammenleben. Es kommt auf dasjenige an, was er tut. Solche Dinge kann man auch manchmal im Bilde besser verstehen als mit abstrakten Begriffen.

[ 24 ] Wir waren neulich einmal zusammen mit einem Freunde, der kurz da war aus dem Felde, jetzt schon wieder nicht da ist — ich erzähle ein ganz jüngst vorgekommenes Ereignis, das aber wirklich festgehalten zu werden verdient. — Dieser Freund hatte die Liebenswürdigkeit, eine Autodroschke zu holen, und als er damit kam, sagte er: «Ich habe mich jetzt im Herfahren mit dem Kutscher unterhalten.» Es war überhaupt ein merkwürdiger Kutscher, denn als wir dann mit ihm gefahren waren und ausstiegen, machte er den Schlag auf und nahm zwei Traktätchen heraus: «Friedensbote», die überreichte er uns, nachdem wir ihn abgelohnt hatten. Er machte zugleich für die geistige Weltanschauung Propaganda! Nun erzählte dieser Freund, er hätte mit diesem Kutscher, der, seit es Autodroschken gibt, Autodroschke fährt, gesprochen, und der hätte ihm gesagt: «Es kommt alles darauf an, daß die Menschen den Christus finden. Auf den Christus kommt es an!» — Also da hat er sich vom nächsten Droschkenstand die Autodroschke geholt und kam gleich mit dem Kutscher in ein Gespräch, der ihm sagte: «Wenn Sie den Christus finden, den Sie jetzt nicht haben, dann geht die Welt vorwärts.» Nun, der Droschkerikutscher hat dann noch verschiedenes andere erzählt. Er sagte: «Sehen Sie, mit dem Christus ist das nämlich so: Denken Sie sich einmal, ich bin ein sehr, sehr ordentlicher Mann, ein Mustermann, und ich habe Kinder, die sind alle Nichtsnutze. Bin ich dadurch weniger der ordentliche Mustermensch, daß ich Kinder habe, die zu nichts nutze sind? Die kennen mich alle, glauben mich alle zu kennen, sind aber alle Nichtsnutze. So stelle ich mir den Christus vor. Er gehört allen, er ist als solcher für sich die einzige Gestalt, aber die anderen brauchen ihn deshalb noch nicht alle wirklich zu verstehen.»

[ 25 ] Denken Sie, welch wunderbares Bild sich dieser Droschkenkutscher gemacht hat von diesem besonderen Leben dieses Christus, diesem abgesonderten Leben! Er ist also wirklich darauf gekommen, daß der Christus etwas ist, was unter uns lebt, mit uns lebt, was allen zusammen gehört, keinem einzelnen gehört; denn als die einzelnen sah er seine Buben an, die alle Nichtsnutze sind, die alle nichts taugen, die alle erst sich zum Verständnis hindurchringen müssen. Hätte dieser Droschkenkutscher, der diese wirklich außerordentlich bedeutsame Bildidee gefunden hat, das philosophisch zum Ausdruck bringen sollen, es würde nichts geworden sein; aber das Bild entspricht wunderbar dem, was eigentlich verstanden werden soll. Nun genügt natürlich solch ein abstraktes Bild nicht, das kann ein einzelner haben, aber mit dem kann man nicht unsere Kultur beeinflussen. Aber ich wollte nur hinweisen darauf, wie wirklich das einfachste Gemüt auf ein richtiges Bild kommen kann, und wie die Dinge wirklich ins Bild hineinmünden sollten. Das habe ich gerade ganz besonders zu erreichen versucht in dem Stil, in der Art der Darstellung bei diesem neuesten Buche, das einen außertheosophischen Stoff behandelt, so daß dieses Buch durch die Art der Darstellung «theosophisch» ist, wenn man den Ausdruck gebrauchen will.

[ 26 ] Das ist es, daß wir gewissermaßen unsere Lehre immer mehr und mehr zwischen den Zeilen verstehen müssen, wenn wir das richtig auffassen wollen, daß unsere Lehre Leben werden muß, Leben jedes einzelnen. Und das ist dasjenige, was einem ja so furchtbar schwer auf der Seele liegt: daß es so schwierig zu erreichen ist, die Dinge ins Leben einzuführen.

[ 27 ] Sehen Sie, derjenige, der mit diesen Dingen verbunden ist, der muß sich denken, namentlich wenn er das wirklich kennt, was in der äußeren rationalistischen Kultur heute lebt, daß das, was durch die Geisteswissenschaft pulsiert, Leben in allen einzelnen Kulturzweigen werden muß. Es soll das Denken beeinflussen, es soll die Gefühle beeinflussen, den Willen durchdringen; dann erfüllt es erst seine Aufgabe. Dazu gehört aber einige wirkliche innere Kraft, mit der Sache sich verbunden fühlen zu können. Und schwer ist es, daß das so unendlich langsam geht, daß die Menschen sich so recht verbunden fühlen mit den Impulsen, die in der Geisteswissenschaft liegen. Da macht man wirklich Erfahrungen, die zeigen, wie die Menschen gerade vorbeigehen an dem, was sie ins Auge fassen sollten. Ich will einen besonderen Fall nehmen: Jemand war einmal bei uns Mitglied, ein ungeheuer gelehrter Herr, aber seine Gelehrsamkeit befriedigte ihn nicht, er war tief unglücklich trotz seiner Gelehrsamkeit, die die orientalischen Sprachen umfaßte und das, was man durch diese orientalischen Sprachen und Kulturen in sich aufnehmen kann, die vorderasiatische Kultur. Nun, so jemand kommt dann und will einen Rat haben. Mein Rat muß in einem solchen Falle dahin gehen, zu zeigen, wie durch die Erfassung der Geisteswissenschaft Geist in eine solche Wissenschaft, in die orientalische Philosophie hineinkommt. Ich versuche also, ihm anzugeben, wie er dasjenige, was ja an gelehrtem Material vorhanden ist, durchdringen soll mit dem, was die Geisteswissenschaft gibt. Die Sachen blieben aber zwei nebeneinander bestehende Dinge. Auf der einen Seite betrieb er seine Orientalia, wie sie eben auf den Universitäten betrieben werden, auf der anderen Seite die Geisteswissenschaft. Sie kamen nicht zusammen, er konnte nicht das eine mit dem anderen durchdringen. Denken Sie nun, wie fruchtbar es wäre, wenn jemand, der so viel weiß — und er wußte wirklich ungeheuer viel —, auftreten würde — er brauchte ja gar nicht einmal merken zu lassen, daß er theosophisch denkt, wenn schon einmal die Menschen ihn deshalb schief ansehen würden — und er nun diese Wissenschaft nehmen und durchdringen würde mit dem Theosophischen. Dann könnte er das sogar an der Universität vortragen! Der Mann hätte ganz gut die Kultur, die am Euphrat und Tigris lebt und noch etwas weiter nach Westen herüber — da und in der Ägyptologie war er besonders zu Hause — durchdringen können mit der Geisteswissenschaft und etwas Außerordentliches leisten, jedenfalls etwas, was befruchtender wirken würde als dasjenige, was jetzt als Popularisiertes so die landläufigen Schreiber zustande bringen. Neulich trat gerade wiederum solch ein Schreiber auf in einem jetzt viel gelesenen Tagesblatt, schrieb, anknüpfend an eine sphinxartige Gestalt, die beim Bau der Bagdadbahn gefunden worden ist, über diese Gegend dort, — na, wenn der auch Arthur Bonus heißt, wahrhaftig, der ist kein «Guter»! Das ist was Schreckliches!

[ 28 ] Dies schwebt schon als Ideal vor, meine lieben Freunde, so das Denken tragen zu lassen von dem, was die Geisteswissenschaft gibt. Aber so soll es auch im Leben sein, im gewöhnlichen Leben von Mensch zu Mensch, im gewöhnlichen Leben mit dem oder jenem. Überall kann man die Dinge hineintragen. Wäre das nicht gedacht, bestünde dieses Ideal nicht, dann könnte ja Geisteswissenschaft nicht in Wirklichkeit fruchtbar werden. Aber überall liegen die Aufforderungen dazu. Denken Sie einmal, es gibt ausgezeichnete Historiker, welche beschreiben, sagen wir, die Geschichte Englands zur Zeit Jakobs I., und es gibt ausgezeichnete Historiker, welche das Leben des Jesuiten Suarez beschreiben. Sie wissen, wenn ich über den Jesuitismus spreche, muß ich mich vorsichtig ausdrücken, da darf ich nicht viel Gutes — also ich meine, was so mißverstanden werden kann — zum Ausdruck bringen. Es ist schon so: Von diesem Suarez wissen die meisten Menschen nichts anderes, als daß er in einem besonderen Kapitel den Königsmord sehr ausdrücklich gelehrt haben soll. Aber das ist nicht wahr. Man weiß ja überhaupt sehr häufig dasjenige, was nicht wahr ist, und dasjenige, was wahr ist, das weiß man sehr häufig weniger gut. Nun gibt es jetzt ausgezeichnete Bücher über diesen Suarez, und man kann schon auch diese zumeist von Jesuiten geschriebenen Bücher über Suarez, den Nachfolger des Ignaz von Loyola, lesen und verstehen, und braucht deshalb weder jemals Jesuit zu werden noch gewesen zu sein, noch sich sagen lassen zu müssen, daß man Jesuit gewesen sei. Die Dinge liegen da, und verbindet man sie, dann kann man eine der größten Fragen der neueren Geschichte dadurch lösen. Diese beiden Gestalten, Jakob I. auf der einen Seite und Suarez, der Jesuitenphilosoph, auf der anderen Seite, sind zwei gewaltige Gegensätze! Ich möchte sagen, während bei Jakob I. eine neuere Entwickelung sich eingeleitet hat, die sehr ahrimanisch war, bei Suarez eine andere, die sehr luziferisch war, hat ihr Zusammenwirken, und namentlich ihr gegenseitiger Kampf, vieles von dem ausgemacht, was in der neueren Zeit lebt und webt. Da kommt man aber auf geheimnisvolle Zusammenhänge. Und ich meine diese Dinge nun nicht so, daß ich etwa Vorwürfe machen möchte. Man kommt zum Beispiel darauf, daß direkt von Suarez abstammt ungeheuer vieles von dem, was man heute historischen Materialismus nennt, Marxismus, sozialdemokratische Weltauffassung. Bitte sagen Sie jetzt nicht: Der hat gesagt, die Sozialdemokraten seien Jesuiten! — Aber die Sache ist doch in einer gewissen Weise sehr gut begründet, während dem manche der Gegenpartei Angehörige, also dem Sozialdemokratischen widerstrebende Leute, eben auch wiederum zurückgehen auf dasjenige, was inauguriert worden ist durch Jakob I.

[ 29 ] Ich habe Sie da hingewiesen auf etwas, was vielfach in den Gedanken der Menschen lebt. Man findet namentlich auch in okkulten Gemeinschaften zwei Hauptströmungen, und aus denen geht wiederum das hervor, was nicht okkult ist. Diese zwei Hauptströmungen bringen zwei ganz typisch einander gegenüberstehende Gestalten hervor: Jakob I. von England, mit einer in ihm lebenden Inituerten-Seele ganz außerordentlicher Art, und Suarez. Nun lesen Sie die Biographie von Suarez. Ja, Sie verstehen sie nicht, wenn Sie nicht Geisteswissenschaft wirklich erfaßt haben. Suarez gehörte zu den Menschen, die zunächst schlechte Schüler waren, nichts lernten. Mit denen ist ja nach dem heutigen materialistischen Urteil in der Welt überhaupt nichts anzufangen, obwohl man sehr leicht nachweisen könnte, daß große Genies der Welt nichts gelernt haben als Schulknaben. Aber er gehörte zu den schlechten Schülern, war auch auf der Hochschule noch nicht, was man so einen gescheiten Menschen nennt, aber dann kam es plötzlich, und jede Biographie erzählt dieses plötzliche Kommen. Es erwacht plötzlich eine genialische Gabe, und er schreibt diese ja allerdings in weiteren Kreisen nicht bekannten, aber außerordentlich bedeutsamen Bücher, die eben der Suarez geschrieben hat. Es kam plötzlich, geweckt durch manches, was ich Ihnen ja angedeutet habe in dem Vortrage, in dem die Übungen der Jesuiten geschildert worden sind, die auch Suarez auf sich angewandt hat, durch die er etwas geweckt hat, was ihm die Möglichkeit gab, besondere Geisteskräfte zu entwickeln. Also man kann bei Suarez’ Biographie nachweisen, so wie man bei Jakob I. genau nachweisen kann, wie er — man kann das nicht so sagen, aber es ist das im guten Sinne angewandt «umschnappt», das heißt aus dem Ungeistigen ins Geistige hineinkommt. Diese Seele, die später etwas Besonderes leistet, wird in einem besonderen Moment des Lebens eben geboren. Das entwickelt sich nicht in gerader Linie, sondern durch einen Ruck entwickelt es sich, wenn es das Karma gibt, oder es entwickelt sich dadurch, daß eben der Betreffende einen Einfluß bekommt, der sich vergleichen läßt mit dem, wodurch man lesen lernt im Elementaren: nicht durch eine Schilderung der Buchstabenformen, sondern dadurch, daß man einen Impuls bekommt, daß man die Buchstaben verstehen lernt.

[ 30 ] Also Sie sehen wiederum, wie Geisteswissenschaft die Anleitung sein könnte, diese geschichtlichen Zusammenhänge zu verstehen, daß sich das Leben uns so gestaltet, daß dieses Leben ganz anders würde. Und das habe ich ja so vielfach angedeutet. Und nimmt jemand Geisteswissenschaft lebendig auf, so ist es schon so, daß er sich anders stellen lernt zum Leben, daß ihm anderes einfällt zu tun, als ihm sonst einfallen würde. Man kann sich schwer vorstellen, wenn einer Geisteswissenschaft lebendig aufnimmt, daß er zu der kuriosen Idee kommt, er wäre, sagen wir, die wiederverkörperte Maria Magdalena. Das fällt ihm gar nicht ein, sondern er wird auf andere Seeleninhalte seinen Seelenblick richten.

[ 31 ] Wie gesagt, es ist schwer, heute zuzuschauen, wie langsam gerade die Entwickelung geht nach der Richtung hin, von der ich eben gesprochen habe, die ich andeutete. Man nimmt Geisteswissenschaft wirklich viel zu theoretisch, will sie zu sehr nur genießen. Und sie muß ganz lebendig betrachtet werden. Und heute, wo wir zusammen sind, bevor wir uns für eine Zeitlang jetzt trennen müssen, wo der Sommer beginnt und wir wohl jetzt nach Dornach müssen, möchte ich schon gerade noch kurz auf einige wichtige Punkte nach dieser Richtung hinweisen. Ich glaube doch, daß wir solche Dinge bedenken müssen.

[ 32 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, wenn die Sache so geworden wäre, wie vor jetzt vierzehn Jahren, als wir hier die geisteswissenschaftliche Strömung begründeten, mancher es sich gedacht hat, der von älteren Traditionen herkam, dann hätten wir eine Sekte bekommen. Denn auf Sektenbildung war das Ganze angelegt. Auf Sektenbildung war auch alles dasjenige angelegt, was da von England herübergebracht worden ist. Und vielfach haben sich die Leute gerade wohl gefühlt, wenn sie so recht abgeschlossen in kleinen Zirkeln waren. Da konnten sie sagen: Die anderen Menschen da draußen sind alle Toren. — Es gab ja so wenig Kontrolle darüber. Aber das konnte so nicht gehen. Geisteswissenschaft mußte mit unserer gesamten Kultur rechnen. Und das werden Sie ja gesehen haben: Es wurde immer mit dieser Kultur gerechnet, es wurde namentlich der Öffentlichkeit gegenüber dasjenige hervorgehoben, was — gewiß mögen die Leute noch so viel dagegen haben, aber dennoch — hineingehen kann in jetzige europäische Köpfe. Nun will ich ja nicht kritisieren, das wäre auch eine ganz alberne Sache, aber es wird doch immer mehr und mehr notwendig sein, daß man gerade dies verstehen lernt, daß wirklich diese Bewegung keine Sektenbewegung werden darf, und gar nicht den Charakter einer Sektenbewegung tragen darf, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen soll. Dadurch, daß mit der allgemeinen Kultur gerechnet wird, kommt mancherlei zustande. Die Leute draußen schreiben, wenn sie überhaupt über unsere Bewegung schreiben, zumeist Unsinn, nicht wahr? Sie sagen, das schadet nichts, im tieferen Sinne. Es schadet außerordentlich! Und deshalb muß man sich dagegen wehren, und man muß alles tun dagegen. Es muß alles geschehen, daß nach und nach die Welt nicht nur Unsinn schreibt, sondern Besseres schreibt, selbstverständlich. Aber im geistigen Sinne schadet etwas anderes noch mehr. Es schadet, wenn in einer unrichtigen Weise dasjenige, was für das Verständnis des zusammengehörigen Kreises gemeint ist, so weit in die Öffentlichkeit hinausgetragen wird, daß man jetzt Zyklen bereits bei Antiquaren kaufen kann. Gewiß, es mag das in einer gewissen Weise nicht hintangehalten werden können, aber es geschieht — nicht gerade, daß man die Zyklen bei Antiquaren kaufen kann, aber was gleichwertig ist — immer wieder und wiederum. Da sind von einem Menschen — von dem mir jüngst jemand, der längere Zeit mit ihm gearbeitet hat, gesagt hat, er schreibe selber nichts, er gehöre einer etwas fraglichen Clique an, die habe Herrschaft über ihn und dann setze er sich hin und schreibe darauf los — mannigfaltige Broschüren über unsere Geisteswissenschaft geschrieben worden, sogar bis zu dicken Büchern. Darinnen sind nicht nur Zitate aus meinen gedruckten, in der Öffentlichkeit erschienenen Büchern, sondern aus Zyklen sind ganz weite Stellen zitiert. Also nicht nur, daß man die Dinge beim Antiquar kaufen kann, sondern jeder, der ein blödsinniges Buch heute schreiben will, ist immerhin imstande, sich die Zyklen heute zu verschaffen. Natürlich verschafft er sich dann zwei, drei Zyklen, schreibt Stellen, die, aus dem Zusammenhang herausgerissen, ganz absurd klingen, ab, und kann ein Buch daraus machen.

[ 33 ] Das sind die Schwierigkeiten, die daraus resultieren, daß wir auf der einen Seite der Öffentlichkeit gegenüberstehen und auf der anderen Seite die Gesellschaft sind. Aber wir müssen diese Schwierigkeit verstehen lernen, dann wird sie schon leichter behoben. Ich will, wie gesagt, nicht kritisieren, das hat ja gar keinen Zweck, sondern ich will charakterisieren; ich will zeigen, worinnen Schwierigkeiten liegen, man braucht nur auf sie zu achten. Selbstverständlich werden in der nächsten Zeit noch viel schändlichere Sachen gegen unsere Geisteswissenschaft geschehen, als schon geschehen sind. Das mag alles gewiß so sein, das kann man nicht so im Handumdrehen anders machen; aber die Bedingungen dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung zu studieren, das ist doch, ich möchte sagen, recht notwendig, und nicht vorbeizugehen so, wie wenn man es gerade darauf angelegt hätte, im nächsten Leben ganz unmusikalisch zu sein, an demjenigen, was einen fröhlich machen kann und was einen ärgern kann in der Art und Weise, wie unsere geisteswissenschaftliche Bewegung von der Welt beurteilt wird.

[ 34 ] Sehen Sie, derjenige, der nur egoistisch denkt — wie gesagt, da soll gar keine Kritik darinnen liegen, ich will nur beschreiben —, der denkt heute, die Geisteswissenschaft weiß über gewisse naturgemäße Zusammenhänge mehr zu sagen als die äußere Wissenschaft, und da wenden sich Leute immer wiederum an mich mit der Bitte um ärztlichen Rat, trotzdem ich immer wieder betone, daß ich nur Lehrer, Pfleger der Geisteswissenschaft sein und nicht etwa als Arzt dienen will. Nun kann man ja gewiß einen freundschaftlichen Rat haben wollen, und den zu verweigern, wäre auch absurd. Wenn jemand kommt, um einen freundschaftlichen Rat zu haben, warum soll er verweigert werden, wenn er sich auf naturwissenschaftliche Dinge bezieht, obwohl ich nach alledem, was geschehen ist, bitte, daß mich niemand fragt um irgend etwas Gesundheitliches, der nicht einen Arzt hat. Wer nur egoistisch denkt, der denkt nicht daran, daß das schon einmal nicht gestattet ist heute, und daß man in Kollision kommt mit der äußeren Welt und daß das unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung schadet. Man muß sich bemühen, daß die Dinge besser werden, man muß sich überall dafür einsetzen, daß es nicht bloß eine abgestempelte Medizin gibt, die auf rein materialistischen Grundlagen beruht. Das kann man tun, aber man kann nicht nur in egoistischer Weise denken: Was tut mir gut? —, wenn daraus eine Beeinträchtigung desjenigen hervorgeht, was unsere Bewegung sein muß. Gewiß können sich nun geisteswissenschaftliche Ratschläge herausbilden, es wäre absurd, wenn sich die nicht herausbilden sollten. Es wäre trostlos, wenn man nicht jemandem über das eine oder das andere, woran er leidet, etwas sagen könnte, aber kann man es denn, wenn folgendes vorkommt — ich erzähle Ihnen wiederum eine Tatsache —: Jemand ist krank, noch dazu in einer Stadt, in der unmittelbar vorher von mir gesagt worden ist, um solche Dinge zu vermeiden, daß ich es ausdrücklich ablehne, daß sich Leute in Krankheitsfällen an mich wenden. Offiziell ist das gesagt worden. Nun ist jemand krank, kommt in ein Sanatorium und bleibt da eine Zeitlang. Fin langjähriges Mitglied von uns, das ganz, ich möchte sagen, in den intimsten Sachen immer darinnengestanden hat, schreibt an jenes Sanatorium: Der betreffende Kranke kann jetzt aus dem Sanatorium schon herauskommen, denn Dr. Steiner hat diesen und jenen Rat gegeben. — Er schreibt das an die Ärztin, so daß die Ärztin dann zu dem betreffenden Mitglied kommt und sagt: «Da sagt ihr immer, Theosophie will nur Theosophie sein, will nicht hereinpfuschen in alle möglichen Dinge; da habt ihr’s wieder!» Ja, meine lieben Freunde, daß diese Dinge vorkommen, das muß man studieren. Wenn man nicht achtet darauf, so ist das nicht zum Heile unserer Bewegung. Das ist ein Fall, aber in den verschiedensten Nuancen, in den verschiedensten Schattierungen kommen diese Dinge immer wieder und wiederum vor. Und es kommt das Eigentümliche in unserer Bewegung zustande — und das ist schon notwendig, daß ich es auch nun bespreche —, daß sich das, was das Gute unserer Bewegung ist, weniger rasch zeigt, das neue Gute, dagegen zeigen sich wirklich Neuheiten in unserer Bewegung, die im Grunde noch nie da waren und die beweisen: Unsere Bewegung ist schon etwas Neues; aber es sind sonderbare Neuheiten.

[ 35 ] Zum Beispiel: Nehmen wir also an, ich würde dies oder jenes in meinen gedruckten Büchern haben; wenn keine Zyklen in unrechte Hände gegeben würden, so würden die Leute draußen diese Bücher widerlegen. Das mögen sie tun; sie würden aber ihr Urteil vorbringen. Es würde keinem Menschen draußen in der Welt einfallen, der nicht zu unserer Gesellschaft gehört, das abzuschreiben, was in meinen Büchern steht, um mit diesen Sätzen zu beweisen, daß ich ein schlechter Kerl bin. Das würde draußen niemand tun, sondern er würde seine eigenen Urteile abgeben. Aber in unserer Gesellschaft kommt etwas ganz Neues vor. In unserer Gesellschaft tritt das zum Beispiel auf, daß jemand die ganze Lehre annimmt von A bis Z, wie man sagt, alles gutheißt, aber mit dieser Lehre mich widerlegt! So können Sie jetzt in einem noch nicht veröffentlichten Elaborat das Folgende lesen.

[ 36 ] Sie erinnern sich, daß ich einmal in einer älteren Auflage des Buches, das jetzt «Die Rätsel der Philosophie» heißt — früher hieß es «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» — , erklärt habe, wie Le Verrier auf den Neptun gekommen ist bloß auf Grund der Uranus-Berechnungen, bevor Neptun noch gesehen worden ist. Neptun ist auf der hiesigen Sternwarte entdeckt worden, aber man wußte, daß er da ist, schon früher auf Grund der bloßen Berechnung. Ich habe das gesagt, um zu zeigen, wie aus der Berechnung heraus etwas folgen kann. Also ich habe zeigen wollen, daß man aus Gedanken Tatsachen vorher wissen kann. Da hat denn neulich jemand geschrieben, er hätte diese sehr einleuchtende Sache nun auch angewendet, nur auf einem anderen Gebiet: Er hätte gefunden, daß in unserer Bewegung etwas nicht in Ordnung sei, daß Störungen sind, so wie Le Verrier sie bei dem Uranus gefunden hat. Wenn man die allgemeinen Gravitationsgesetze nimmt, und der Uranus sich nicht so bewegt, wie es der Rechnung entspricht, muß er von etwas gestört werden! $o wären Störungen in unserer Bewegung. — Er stellt also die Hypothese auf, es ist etwas Störendes da, etwas, was alles stört. Da kam er darauf — wie Le Verrier auf den Neptun —, daß das Böse in mir ist, was die Sache stört! Und dann, ebenso wie hier der Astronom auf der Sternwarte das Fernrohr an den Ort gerichtet hat, so richtete er sein geistiges Fernrohr auf mich und fand das Böse!

[ 37 ] Es ist ein besonderer Fall, wo bis auf meine Charakteristik hin die Methode, die ich gegeben habe, angewendet wird, wo man mit sich selbst widerlegt wird. Innerhalb des Kreises, innerhalb dessen der Betreffende steht, wurde neulich ein Brief geschrieben — nicht von ihm, sondern aus dem Kreise —, darin steht, ich hätte gar keinen Anspruch darauf, daß das nicht so geschähe, denn ich hätte ja selber immer gesagt, Geisteswissenschaft wäre ein Allgemeingut, und es wäre ganz falsch, zu denken, daß die Geisteswissenschaft von dem Geistesforscher ausgehe. Nun ja, wenn die Sachen so konfus werden, kann man sie auch nicht anders als konfus erklären, selbstverständlich. Das ist aber wirklich eine Neuheit, die innerhalb unserer Gesellschaft auftritt. Draußen, wo das Alte noch herrscht, da widerlegt man irgend jemanden mit den eigenen Gedanken. Innerhalb unseres Kreises aber erstehen uns Leute, die nun nicht ihre eigenen Gedanken nehmen, sondern dasjenige, was sie in den Zyklen lesen, und gebrauchen dieses gegen mich. Sie können zum Beispiel gerade in dem Brief, von dem ich jetzt gesprochen habe, überall Zitate aus der «Geheimwissenschaft» und so weiter finden. Da wird überall gesagt: Das soll man nachlesen, das soll man nachlesen, dann werde man schon finden, was ich eigentlich für ein böser, schlechter Mensch bin. Aber nicht etwa so, daß man behaupten würde, daß die Sachen schlecht sind! Nein, weil die Sachen gut sind. Mit diesen Sachen selbst wird das eben bewiesen! Das ist eine Neuheit, die bei uns auftritt, die auf der Theorie beruht, daß die Lehre angenommen werden kann, und daß man diese Lehre gerade benutzen kann, um den zu verleumden, der versucht, diese Lehre zu popularisieren. Das ist wirklich eine Neuheit! Es kommen die merkwürdigsten Neuheiten vor unter uns. Das ist nur, nicht wahr, ein krasser Fall, den ich Ihnen da erzähle; im kleinen kommt es mehr oder weniger sehr, sehr häufig vor, immer wieder und wiederum. Mucksen wir uns nur solch einer Sache gegenüber, dann kommen die Drohungen! Neulich konnte man in einem Brief lesen, daß nächstens in allen Schaufenstern und in allen Zeitschriften Artikel und Broschüren erscheinen werden, und dann wurden Titel angeführt, die direkte Drohungen waren. Mucksen wir uns, wie gesagt, nur, dann kommt’s so! Das ist eine Neuheit, das tritt in unserer Bewegung ganz neu auf, das war noch nicht da. Es ist schon notwendig, daß man darauf achtet.

[ 38 ] Nun entstehen aber, ich möchte sagen, Schwierigkeiten unter der Hand. Denn man weiß voraus, was zuweilen kommen muß. Sagen Sie einmal, soll man solch eine Sache, wie ich sie jetzt besprochen habe, wirklich gar nicht besprechen, soll man immer darüber schweigen? Das könnte man gewiß. Aber da die Mitglieder selber nicht versuchen, auf diese Dinge zu kommen, so würde man ja in unserem Kreise niemals darauf kommen. Also muß man es sagen. Und sagt man es ja, was kommt heraus? Nächstens können Sie wahrscheinlich wiederum irgendwo einen Brief lesen — ich stelle es zunächst als Hypothese auf-, worin gesagt wird: Der redet vor einer großen Anzahl von Mitgliedern über einen Privatbrief, den er erhalten hat! — Und das aus dem einfachen Grunde, weil es ganz gewiß Menschen gibt, die irgendwo sofort da oder dort erzählen, was ich heute abend gesprochen habe. Das kommt doch immer wieder vor. Bespricht man es nicht, so ist es vom Übel; bespricht man es, so feuert man dasjenige, was fortwährend getan wird, an. Man weiß es voraus, was getan wird.

[ 39 ] Die Dinge müssen studiert werden. Ich will gar nicht Kritik üben, ich will nur darauf hinweisen, daß schon einmal in einer Bewegung, wo die Geisteswissenschaft lebt, das heißt okkulte Dinge pulsieren, daß da schon einmal Schwierigkeiten entstehen. Aber sie müssen beachtet werden. Wenn sie nicht beachtet werden, gehen sie immer weiter und weiter. Gewiß, man muß darauf gefaßt sein, daß die Angriffe immer schärfer und schärfer werden. Wären wir eine Sekte geblieben, dann wäre das nicht so. Aber die Sache hat werden sollen, wie sie eben geworden ist, und daher ist das so. Aber manches ist begreiflich, was von draußen herein geschieht, obwohl manches, was von draußen herein geschieht, sehr deutlich nachweisbar ist in seinem Ursprung von innen heraus. Heute erst wurde uns mitgeteilt, daß wir in Dornach Eurythmie treiben, die darinnen besteht, daß getanzt wird bis zur Bewußtlosigkeit wie bei den Derwischen, und noch manche andere Dinge. Und es heißt, daß das Mitglieder berichtet haben! Mitglieder haben berichtet, daß wir tanzen bis zur Bewußtlosigkeit! Erzählt haben es ganz fernstehende Leute einem Mitgliede, aber diese fernstehenden Leute haben erzählt, daß sie es von Mitgliedern, deren Name auch angegeben war, gehört haben.

[ 40 ] Das sind die Schwierigkeiten, die durch die Zusammenkoppelung der Geisteswissenschaft mit der Gesellschaft entstehen, und die wir studieren müssen. Es ist unmöglich, daß wir achtlos an diesen Dingen vorbeigehen, wenn wir in entsprechender Weise weiterkommen müssen, wenn wir es nicht bis zur Auflösung und bis zur vollständigen Annihilierung der Gesellschaft bringen wollen. Wirklich, der Geisteswissenschaft als solcher schadet es nichts, aber dem, was Geisteswissenschaft auch sein muß, schadet es doch, wenn da oder dort jemand kommt — verzeihen Sie, daß ich Äußerlichkeiten erzähle und sagt: Mich interessiert vieles, was ich gelesen habe, aber da war ich oftmals an einem Pensionstisch, und da hat eine Dame geschwätzt über Theosophie und alles mögliche erzählt. Ja, da kann ich nicht Mitglied werden, wenn solches Zeug geschwätzt wird, wenn das Theosophie sein soll! — Das ist nicht ein Fall, das kommt immer wieder und wiederum vor in dieser oder anderer Weise.

[ 41 ] Es kann mißverstanden werden, wenn ich diese Dinge am Schlusse einer ernsten Betrachtung heute besprochen habe. Aber es ist schon durchaus notwendig, daß Sie diese Dinge wissen, daß Sie auf diese Dinge achten, meine lieben Freunde! Denn die Gesellschaft muß für die Geisteswissenschaft eine Trägerin sein, eine Hilfe sein. Sie kann sich aber sehr leicht so entwickeln, daß sie gegen dasjenige wirkt, was die Geisteswissenschaft der Weltenentwickelung bringen soll. Man kann natürlich in jedem einzelnen Falle gut begreifen, daß manche Schäden gar nicht hintanzuhalten sind, aber sie treten, dessen können wir sicher sein, in einer anderen Weise auf, wenn man sie beachtet, und wenn man versucht, wirklich, ich möchte sagen, eine gewisse Linie, eine gewisse Richtung bei sich selber einzuhalten. Es ist ja manchmal so außerordentlich schwierig, aber es ist schon notwendig, daß man manchmal auch in einer gewissen Richtung hart wird. Dann wird man solche Neuheiten, wie ich sie geschildert habe, richtig bewerten. Sie sind wirklich Neuheiten! Es kommt sonst nicht vor, daß man jemanden mit sich selbst widerlegt; denn die Tatsache ist so absurd, so töricht an sich, daß man eines Menschen Lehre annimmt, um ihn selbst zu widerlegen. Natürlich kann man, wenn einer Unsinn behauptet, den Unsinn gegen ihn selber wenden; aber das ist es ja nicht, sondern das ist eben das Neue, daß es so gemacht wird, daß man die Lehre annimmt und einen damit widerlegt.

[ 42 ] Diese Dinge sind wirklich im kleinen sehr, sehr verbreitet. Und nicht ferne von ihnen steht ein anderes Übel, das ich zum Schlusse auch noch besprechen will: Wirklich, es kommt kaum irgendwo so oft wie gerade in unserer Bewegung vor, daß irgend jemand etwas macht, das man ja verurteilen kann, verurteilen muß. Nun nimmt der eine oder der andere Partei. Wenn es sich darum handelt, daß irgend jemand gegen die leitenden Persönlichkeiten unserer Gesellschaft oder gegen langjährige Mitglieder, oder gegen das, was man jetzt schon fast unglückseligerweise noch den Vorstand nennen muß, etwas vorbringt, was unbegründet ist, was vielleicht sogar ausgedacht ist, woran man sehr leicht sehen kann, daß manchmal ja diese oder jene Motive dahinter sind: Man wird sehr selten finden, daß jemand versucht zu erkennen, inwiefern doch dieser unglückselige Vorstand recht haben könnte, sondern es wird Partei ergriffen für denjenigen, der unrecht hat. Das ist sogar die Regel bei uns: Partei wird genommen für denjenigen, der unrecht hat, und Briefe werden geschrieben, daß diejenigen, die angegriffen sind, doch etwas tun sollten, damit Freundschaft gehalten werden kann, damit die Sache wiederum ins Gleis kommt, man müsse doch Liebe entwickeln! Wenn einer so recht eine lieblose Handlung begeht gegen einen anderen, so schreibt man nicht dem, der sie begangen hat, sondern demjenigen, den sie betroffen hat: Entfalte doch Liebe; es ist doch so lieblos, wenn du nicht irgend etwas tust, daß die Sache wieder in Ordnung kommt! — Es fällt einem gar nicht ein, vom anderen, der unrecht hat, die Sache zu verlangen! Das sind solche Eigentümlichkeiten, die wirklich gerade bei uns auftreten.

[ 43 ] Von anderen Dingen gar nicht zu sprechen; aber es kann ja natürlich sein, daß auch von diesen einmal gesprochen werden muß. Heute, wo wir zunächst das ernste Thema besprechen wollten, da wir ja in einer ernsten Zeit leben, und unsere Bewegung in den Ernst der Zeit auch ernst eingreifen muß, mußte schon auch einmal auf mancherlei Dinge in dieser Art hingewiesen werden. Es ist notwendig, daß darauf geachtet wird, denn es geschehen schon Dinge, die so sind, daß man sie eigentlich nicht glauben kann, wenn man sie erzählt. Dennoch hat man fortwährend mit derartigem zu tun. Es sollte niemand mißverstehen, daß diese Dinge einmal vorgebracht worden sind; aber vielleicht könnte doch darüber ein bißchen nachgedacht werden.

[ 44 ] Der Absicht nach soll ja die Pause dieses Jahr nicht so lang sein, wie sie sonst gewesen ist. Es wird ja wiederum im Herbste sein können, daß wir uns sehen, nur ist es Ja Jetzt am besten, nichts Bestimmtes zu sagen in dieser Zeit der Unbestimmrheiten und der Hindernisse. Und so bitte ich Sie, dasjenige, wovon ich gerade versuchte, es in dieser Winterszeit vor unsere Seele zu malen, dazu zu benutzen, um in dieser Sommerszeit die Seele damit leben zu lassen, das Durchgenommene in einer Art von Meditation in der Seele immer wieder und wiederum aufleben zu lassen und etwas nachzudenken über die Grundbedingungen des Einlebens unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung in die allgemeine Menschenkultur.

[ 45 ] Noch hätte ich zu sagen, daß die lieben Freunde, die in so hingebungsvoller Art unseren Kinderhort pflegen, leiten und für ihn sorgen, ein wenig in Sorge sind, daß er gewissermaßen ein bißchen, ich will nicht sagen in Vergessenheit, aber in so etwas ähnliches wie Vergessenheit kommen könnte. Es werden ja eine Art Ferien sein, aber er wird sich ja wiederum einrichten müssen, und es wird dann notwendig sein, daß man wiederum etwas Geld hat, und es wird notwendig sein namentlich, daß liebe Freunde sich finden, die helfen — natürlich nur solche, die helfen können. Aber es wird doch vielleicht Damen geben, die mitkochen und sonstiges leisten können. Das ist notwendig. Es ist ja wirklich das Ergebnis nach dem Urteil derjenigen, die etwas davon wissen können, weil sie gepflegt haben, ein sehr gutes. Die Kinder haben etwas gewonnen. Es ist aus den Kindern etwas gemacht worden. Daher würde ich schon bitten, daß die Damen, die sich dieser Aufgabe späterhin wieder unterziehen könnten, dies als eine Art von Liebespflicht übernehmen, nur muß man dann wirklich, wenn man es übernimmt, dabei bleiben. Wenn man es nicht so übernehmen kann, daß man in gewissem Sinne dabeibleiben kann, so muß man es halt nicht übernehmen. Es geht zum Beispiel nicht, daß jemand, der versprochen hat, um fünf Uhr im Kinderhort zu sein, nachmittags eine Absagekarte schreibt; dann hat man niemanden. So läßt sich das nicht machen, das muß man mindestens einen Tag vorher wissen. So bitte ich denn diejenigen Freunde, welche mitarbeiten können, sich bei unserer lieben Frau Dannenberg, die mit anderen zusammen so viel für den Kinderhort gesorgt hat, ins Einvernehmen zu setzen, damit, wenn der Winter kommt, er wirklich betrieben werden kann.

[ 46 ] Und so wollen wir denn nun auseinandergehen, meine lieben Freunde, mit dem Bewußtsein, daß, wenn wir alle uns es angelegen sein lassen, wir doch manches tun können, daß dasjenige, was wir ernst meinen, auch in ernsten Zügen sich der Zeit einverleibt. In einer Zeit leben wir, in der Menschen weit größere Opfer bringen, als jemals in so kurzer Zeit in so großer Zahl gebracht worden sind. In einer schweren, leidvollen Zeit leben wir. Sei dieses Schwere, Leidvolle der Zeit, sei das doch auch ein wenig eine Aufforderung: Wenn es auch schwer ist, das Geistige der Menschheitsentwickelung einzuverleiben, es muß doch geschehen, und wieviel oder wie wenig wir als einzelner nur tun können, tun wir es! Versuchen wir zu verstehen die rechte Art, wie wir es tun können, dann wird es wirklich dasjenige bringen, was nicht von selber kommen kann, was durch Menschen geschehen muß, wenn auch aus geistigen Welten die Hilfen kommen werden. Und so seien wir denn auch in solchen Gedanken, wenn wir vielleicht räumlich eine Zeitlang weniger zusammen sind, beieinander. Diejenigen, die im Geiste zusammen sind, sind immer beieinander. Sie trennt nicht Raum, sie trennt nicht Zeit, und am wenigsten vielleicht eine mehr oder weniger kurze Zeit. Bleiben wir vereint in den Gedanken, die auch wiederum ein wenig zu durchdringen versuchten dasjenige, was in der letzten Zeit von hier aus versucht wurde, zu Ihren Seelen zu sprechen.

[ 47 ] Wir müssen so schwer wie möglich gerade die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängenden Wahrheiten nehmen. Verstehen wir, daß wir in der Einsamkeit der Seele sein müssen und oftmals sein müssen und immer wieder sein müssen, wenn wir das eine oder das andere verstehen wollen. Aber verstehen wir auch, daß wir zur Menschheit gehören und daß derjenige, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, das, was er aus geistigen Höhen auf die Erde getragen hat, für die Menschheit auf die Erde getragen hat, für menschliches Zusammenwirken, für menschliches Miteinanderarbeiten, und daß er gesagt hat: «Wenn zwei in meinem Namen vereint sind, so bin ich mitten unter ihnen.» Wir können uns vorbereiten für dasjenige, was der Christus der Welt durch uns sein soll, durch dasjenige, was wir in der Einsamkeit durchleben. Aber den Christus haben wir unter uns doch nur, wenn wir versuchen, dasjenige, was wir in der Einsamkeit erstreben, auch in die Welt hinauszutragen. Wir werden es aber nur hinaustragen, wenn wir erst verstanden haben, welches die Bedingungen des Hinaustragens sind. Blicken wir auf diese Bedingungen hin! Machen wir die Augen auf und haben wir vor allen Dingen den Mut, uns zu gestehen: Dies eine oder das andere ist so, und es muß so oder so angegriffen werden.

[ 48 ] Wenn ich über den Christus hier spreche, so spreche ich so, daß ich weiß: Er hilft, weil er eine lebendig wirkende Wesenheit ist. Fühlen wir ihn zwischen uns, er wird helfen! Aber wir müssen seine Sprache lernen, und seine Sprache ist heute die Sprache der Geisteswissenschaft. So ist es für heute. Und wir müssen den Mut haben, diese Geisteswissenschaft, soweit wir können, vor uns selbst und vor anderen zu vertreten.

[ 49 ] Denken wir darüber in dieser Sommerszeit, und lassen wir das unsere Meditation sein, bis wir uns hier wieder zusammenfinden.