Das Rätsel des Menschen
Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte
GA 170
26 August 1916, Dornach
Elfter Vortrag
[ 1 ] Ich werde heute, morgen und übermorgen drei zusammenhängende Vorträge halten — heute einiges bemerken, das zur Grundlage dienen kann von gewissen Ausblicken in das Verhältnis des Menschen zum ganzen Universum, zum Leben überhaupt.
[ 2 ] Wenn wir die menschliche Seele so betrachten, wie sie sich uns in ihrer Entwickelung zeigt hier in ihrem Leben innerhalb des physischen Leibes zwischen Geburt und Tod, so kann uns unter anderem auch auffallen, daß, um dieses Erdenleben zwischen Geburt und Tod zu vollenden, die Seele sich zwei Eigenschaften, man könnte sagen zwei Kräftekomplexe aneignen muß. Auf solche Dinge haben wir ja schon öfter aufmerksam gemacht.
[ 3 ] Was auf der einen Seite angeeignet werden muß, ist das Gedächtnis. Denken Sie einmal, es würde das Gedächtnis nicht zu unseren Erdeneigenschaften gehören! Sie brauchen sich nur einmal zu überlegen, wie es anders wäre mit unserem Seelenleben, wenn wir nicht zurückschauen könnten in unsere verflossenen Tage und heraufholen könnten aus gewissermaßen unbestimmten Tiefen dasjenige, was wir seit einem gewissen Zeitmomente nach unserer Geburt erlebt haben. Der Zusammenhang der Erlebnisse ist sogar notwendig dafür, daß wir unser IchBewußtsein in der entsprechenden Weise haben können. Öfter habe ich darauf aufmerksam gemacht. Nun wissen Sie aber alle, daß dieses Gedächtnis erst eintritt in einem gewissen Zeitpunkte unseres Erdenlebens und daß es vorher nicht vorhanden ist, so daß unsere Erlebnisse, bevor der Zeitpunkt eintritt, bis zu dem wir uns zurückerinnern, der Vergessenheit anheimfallen. Wir können also sagen: Von einem bestimmten Zeitpunkte unseres physischen Erdenlebens an wird unser Seelenleben im Verhältnisse zum Körperleben so, daß wir gedächtnismäßig, erinnerungsmäßig unsere Erlebnisse immer in uns gegenwärtig haben können, im weiteren oder im engeren Umfange.
[ 4 ] Dieses Gedächtnis kann sich nur ausbilden unter dem Einflusse unseres Erdenlebens und es gehört zu den Aufgaben unseres Erdenlebens, daß wir das Gedächtnis ausbilden. Während der langen Zeitenentwikkelung, da wir Mondenwesen waren, haben wir es in einer solchen Weise nicht gehabt. Erst dadurch, daß unserem Wesen eingegliedert worden ist der Erdenorganismus mit seinen Kräften aus dem mineralischen Reiche, kann sich das Gedächtnis entwickeln. Es ist in seiner Entwickelung wesentlich ein Ergebnis der Wechselwirkung des menschlichen Seelenwesens mit dem physischen Erdenleib. In der geistigen Welt braucht man das Gedächtnis so, wie wir es im physischen Erdenleibe jetzt entwickeln, eben erst von der Erdenzeit an. Man hat es bis zur Erdenzeit aus dem Grunde nicht gebraucht, weil man zum Beispiel in der Kraft jenes traumhaften Hellsehens, welche dem Menschen eigen war in der alten Mondenzeit, etwas anderes hatte, was gewissermaßen die Stelle des heutigen Gedächtnisses vertreten konnte. Denken Sie sich einmal: Wenn jedesmal, da Sie etwas erleben, das Erlebnis aufgeschrieben würde irgendwo an einem Orte, der Ihnen zugänglich bleibt, das nächste Erlebnis wieder und so fort, so könnten Sie ja einfach immer den Blick werfen auf den Ort,wo das Erlebnis aufgeschrieben ist. Sie würden nach außen schauen können, weil das Erlebnis in der Außenwelt aufgeschrieben wäre. Und so ist es in der Tat für die Art des Erlebens, die der Mensch durchgemacht hat noch während der alten Mondenzeit. In einem gewissen fein-ätherischen Substantiellen wurde gewissermaßen eingraviert das, was durch das Traumbewußtsein, jenes alte traumhafte Hellseherbewußtsein erlebt wurde. Alles, was der Mensch noch erlebte so, daß er es aufnahm in sein traumhaftes Hellseherbewußtsein, wurde eingeschrieben in die Weltensubstanz. Und diejenige Betätigung der menschlichen Seele, die man vergleichen könnte mit dem heutigen Gedächtnis, ist so, daß man immer den hellseherisch-traumhaften Blick hinwendete gewissermaßen zu der Eingravierung in die fein-ätherische Weltensubstanz. Wie man heute Gegenstände der Außenwelt erblickt, so sah man als Mondenmensch die eigenen Erlebnisse, die ihreSpuren zurückgelassen hatten. Man brauchte sich gleichsam nur umzusehen nach dem, wie man sich durchgelebt hatte durch die Weltensubstanz, und man fand eingeschrieben in die Weltensubstanz dasjenige, was Gegenstand jenes alten traumhaftimaginativen Bewußtseins war.
[ 5 ] Es war dies also ein ganz anderes Zusammenleben mit der Welt als das jetzige. Sie brauchen sich nur vorzustellen, daß alles, was jemals jetzt bei Ihnen Gedanke wird, hinter Ihnen wie ein Kometenschweif nachzöge, so daß es wiederum von Ihnen gedacht werden könnte, dann hätten Sie ins gegenwärtige Gedankenleben herein übertragen das, was während des alten traumhaften Bewußtseins wirklich da war. Dieser Zustand mußte aufhören aus dem Grunde, weil der Mensch individuell werden, eine Individualität darstellen sollte. Das kann er aber nur, wenn das, was er in seiner Seele durchlebt, sein seelisches Eigentum bleibt, wenn es sich nicht unmittelbar eingraviert in die Weltensubstanz, sondern nur in seine eigene feine Ätherindividualität, in seine Äthersubstantialität. Solange der Mensch nun auf der Erde lebt, gerät sein Ätherleib immer, wenn er sein Bewußtsein im Wachzustande entwickelt, in Mitbewegung. Und diese Mitbewegung findet ihre Grenzen an der Form des physischen Leibes. Sie kann gewissermaßen nicht hinaus über die Hautgrenze. Und so bleibt während des ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod die feine Äthersubstantialität, in der sich mitbewegen die Gedanken, die Vorstellungen, die Gefühls- und Willenserlebnisse, gewissermaßen zusammengerollt innerhalb des physischen Leibes. Und wenn der physische Leib im Tode abgelegt wird, dann rollt sich das Ganze, wie wir es öfter beschrieben haben, auf und wird jetzt der Weltensubstantialität mitgeteilt, so daß wir jetzt, nach dem Tode, beginnen zurückzuschauen auf das, was eingraviert worden ist in unsere Ätherindividualität, die jetzt, nach dem Tode, aufgeht in die Weltenäthersubstantialität.
[ 6 ] Ähnlich wie es sich in der angedeuteten Weise in bezug auf das Gedächtnis verhält, das also durch die Widerstandskraft des physischen Leibes entwickelt wird, verhält es sich auch mit dem, was nun wiederum wichtig ist für unser Erdenleben, damit wir uns das Rechte innerhalb desselben aneignen.
[ 7 ] Was wir uns außer dem Gedächtnisse aneignen müssen während unseres Erdenlebens, sind: Gewohnheiten. Auch Gewohnheiten, wie wir sie haben während des Erdenlebens, hatten wir in derselben Art während unseres Mondenlebens noch nicht. Weder Gedächtnis in der heutigen Erdenform, noch die Fähigkeit, Gewohnheiten uns anzueignen, hatten wir während des Mondenlebens. Sie werden ja finden, wenn Sie die Entwickelung des Menschen von Kindheit auf betrachten, wie man das Gewohnheitsmäßige sich erst nach und nach aneignet dadurch, daß gewisse Handlungen wiederholt werden und immer wiederum wiederholt werden. Dadurch, daß wir während der Erziehung Anleitung dazu bekommen, werden die Handlungen gewohnheitsmäßige. Und wir vollführen sie, während wir sie uns zuerst aneignen mußten, dann, wenn sie uns Gewohnheiten geworden sind, mehr seelisch-mechanisch.
[ 8 ] In der rechten Weise während der Erdenzeit Gewohnheiten zu entwickeln, ist gerade für die Ich-Entfaltung notwendig. Was hatten wir denn an Stelle der Gewohnheiten, während wir Wesen der alten Mondenzeit waren? Da hatten wir jedesmal, wenn wir irgend etwas verrichten sollten, wenn irgend etwas durch uns geschehen sollte, den unmittelbaren Einfluß irgendeiner Wesenheit aus der höheren geistigen Welt. Da waren wir immer verhalten zu dem, was wir taten, durch Impulse, die in uns hineinschickten die Wesen der höheren Welt. Da brauchten wir keine Gewohnheiten, denn was wir tun sollten, taten gewissermaßen durch uns die Wesen der höheren Welt. Wir waren viel mehr ein Glied im ganzen Organismus der Hierarchien, als das jetzt während der Erdenzeit der Fall ist.
[ 9 ] Wir würden niemals die Kraft der Freiheit haben entwickeln können, wenn wir in dieser Lage geblieben wären, daß für alle Einzelheiten unseres Handelns Impulse höherer geistiger Wesenheiten hätten in Kraft treten müssen. Nur dadurch, daß wir gewissermaßen entlassen werden aus der Sphäre der Wesen der geistigen Welten und in die Lage kommen, wenn wir wiederholt etwas getan haben, es zur Gewohnheit zu machen, so daß es dann von uns selbst kommt, nur dadurch wird die Anlage zur Freiheit in uns gelegt. Wirklich, auch mit der Aneignung des Gewohnheitsmäßigen ist innig verknüpft das Erreichen einer Freiheitsmöglichkeit für den Menschen.
[ 10 ] Wenn wir durch die Geburt hereintreten in das physische Dasein, so kommen wir aus einer Welt, in der wir uns auch noch während der Erdenzeit gewissermaßen in einer ähnlichen Lage befinden wie während der Mondenzeit, als wir unter dem starken Einflusse der höheren geistigen Impulse waren da oben in der geistigen Welt, die wir durchzumachen hatten, bevor wir durch die Geburt ins Erdendasein herunterstiegen. Da sind es immer höhere geistige Wesenheiten, die uns zu dem anleiten, was wir zu verrichten haben, um unser Erdendasein aus der geistigen Welt heraus vorzubereiten, so daß es karmagemäß ablaufen kann. Und mit dem Eingehen in den physischen Leib werden wir entrissen dieser Welt, in der es keine Gewohnheiten gibt, sondern nur fortwährende Impulse der höheren geistigen Wesenheiten. Wir haben gewissermaßen, wenn wir ins physische Dasein hereintreten, noch einen Nachklang dieser Lage, in der wir waren in der geistigen Welt. Und dieser Nachklang drückt sich dadurch aus, daß wir als Kinder so ziemlich bis zu unserem siebenten Jahre uns weniger nach Gewohnheiten richten, sondern mehr unter dem Einflusse der Nachahmung stehen. Wir machen das nach, was uns vorgemacht wird, und wir machen anfangs eigentlich unter dem unmittelbaren Einflusse des Vormachens die Dinge nach. Das ist ein Nachklang der Art, wie es notwendig war für uns in der geistigen Welt. In der geistigen Welt war es für uns notwendig, zu jeder einzelnen Betätigung den Impuls zu erhalten. Daher überliefern wir uns als Kinder zunächst den unmittelbaren Impulsen, ahmen nach. Und erst im Laufe der Zeit tritt, ebenso wie die Fähigkeit, Gewohnheitsmäßiges auszuleben, die Selbständigkeit, die selbständige Betätigung innerhalb unseres Seelenlebens auf.
[ 11 ] Gedächtnis und Gewohnheitsmäßiges sind wichtige Ingredienzien unseres Seelenlebens, sind bedeutsam und sind gewissermaßen Metamorphosen, Umgestaltungen von ganz andersartigen Tatsachen in der geistigen Welt. Gedächtnis ist eine Umgestaltung der Entstehung von bleibenden Spuren der imaginativen Traumerlebnisse; Gewohnheit entsteht durch ein Sich-Entreißen gegenüber den Impulsen höherer geistiger Wesenheiten.
[ 12 ] Wenn man so etwas betrachtet, wie wir das eben jetzt getan haben, dann bekommt man durch Überlegen solcher Dinge einen gewissen Begriff, den man braucht, von der ganz andersartigen Beschaffenheit der Welt, die jenseits der Schwelle liegt, gegenüber der Welt, die diesseits der Schwelle liegt. Denn das muß immer wieder und wiederum betont werden: Jenseits der Schwelle ist doch alles anders. Wenn wir uns auch bemühen, durch eine gewisse Anwendung der Worte, die im Gebrauche sind für die physische Welt, die geistige Welt zu charakterisieren, so müssen wir uns doch immer wieder und wiederum klarmachen, daß wir adäquate, richtige Vorstellungen von der geistigen Welt doch nur dadurch erhalten, daß wir uns schon bequemen, nach und nach diese Vorstellungen über die geistige Welt möglichst anders zu gestalten, als es die Vorstellungen über die physische Welt sind.
[ 13 ] Zu gleicher Zeit aber bekommen wir durch eine solche Betrachtung, wie die eben angestellte, einen Einblick in die Wichtigkeit und in das Wesentliche unseres physischen Erdendaseins. Es ist ein völliger Unsinn, wenn geglaubt wird, das physische Erdendasein sei etwas, das der Mensch gering schätzen darf. Ich habe von verschiedenen Gesichtspunkten her schon auf diesen Irrtum aufmerksam gemacht. Das physische Erdendasein hat ebenso seine Aufgabe in der Gesamtentwickelung der Menschheit wie alle anderen Phasen der menschlichen Entwickelung. Daß wir mit unserer seelischen Entwickelung einen physischen Leib haben und durch diesen physischen Leib gewisse Erdenerlebnisse unter dem Einflusse des Gedächtnisses und des Gewohnheitsmäßigen durchmachen, das gibt uns bleibende, ewige Errungenschaften. Nach und nach, durch die wiederholten Erdenleben, eignen wir uns diese Errungenschaften an. Daher müssen wir auch immer wieder und wiederum, wenn wir die Zeit durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, gewissermaßen zurückkehren zu dem vom Monde her Gewohnten, müssen gewissermaßen die Kraft des Gedächtnisses abgeben — was wir ja gleich nach dem Tode tun — und der Weltensubstantialität dasjenige übergeben, was wir während des Erdenlebens nur in uns selbst eingraviert haben. Und wir müssen uns wiederum übergeben den Impulsen der höheren geistigen Wesenheiten, damit wir dann im irdischen Leibe diese Fähigkeiten, Impulsen höherer geistiger Wesenheiten zu folgen, umwandeln in Gewohnheitsmäßiges.
[ 14 ] Hier ist aber auch eine Stelle, wo ich aufmerksam machen darf wiederum auf etwas, was ich schon öfter gesagt habe, was man aber im Grunde genommen nicht genug betonen kann, weil es sehr, sehr wichtig ist. Gedächtnis und Gewohnheitsmäßiges eignen wir uns an während des Erdenlebens. Betrachten wir zunächst einmal das Gedächtnis. Dieses wird uns, wenn wir es so betrachten, wie wir es eben getan haben, wie eine naturgemäße Errungenschaft des Erdendaseins erscheinen. Sie wissen ja auch, der Mensch mag noch so schwach sein in bezug auf sein Gedächtnis, er wird immer die Kraft, die Fähigkeit des Gedächtnisses entwickeln. Denken wir uns einmal, es würde nichts anderes geschehen zur Entwickelung unseres Gedächtnisses als das, was völlig natürlich ist, was gerade ganz recht ist, um es so zu entwickeln, so wie es sich entwickeln soll durch den Einfluß des vom Mineralischen durchsetzten physischen Erdenorganismus, dann würden wir dieses Gedächtnis anders entwickeln, als wir es eigentlich gewöhnlich entwickeln. Wir tun sonst noch viel mehr, und Sie wissen alle, daß wir viel mehr tun. Man könnte vielleicht besser sagen, daß viel mehr mit uns zur Entwickelung dieses Gedächtnisses getan wird. Wir lernen auswendig. Wir werden von einem gewissen Zeitpunkte unserer Kindheitsentwickelung an gehalten, auswendig zu lernen, zu memorieren. Da ist ein Unterschied, ob wir uns unser Gedächtnis nur so aneignen, wie es gewissermaßen von selber kommt, oder ob wir gehalten werden, mehr zu tun, als von selber kommt. Wenn wir ein Gedicht recht oft lesen, wenn es uns recht oft vorgesagt wird, behalten wir es zuletzt. Aber damit begnügt sich ja unsere Erziehung heute nicht, sondern wir werden angehalten, das Gedicht zu memorieren. Wir werden sogar bestraft, wenn wir es nicht memoriert haben, wenn uns dies geboten war. So ist es insbesondere in dem heutigen Entwickelungszyklus der Menschheit.
[ 15 ] Ich bitte, mich jetzt wirklich nicht mißzuverstehen! Es sollte niemand sein, der etwa sagt, ich hätte heute gegen das Memorieren gedonnert und gesagt, es müsse abgeschafft werden. Das sage ich nicht! Unsere Zeit ist schon so, daß gewisse Dinge memoriert werden müssen, weil unser Entwickelungszyklus eben eine ganz bestimmte Art der Ausbildung unseres Gedächtnisses darstellt.
[ 16 ] Aber was geschieht denn mit unserer Seele, wenn also durch Memorieren der naturgemäßen Aneignung von Gedächtnisstoff zu Hilfe gekommen wird? In diesem Falle wird Luzifer angerufen. Und es ist richtig die luziferische Kraft, die angerufen wird, um also dem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen. Noch einmal betone ich: Sagen Sie jetzt nicht: Oh, Luzifer, vor dem muß man sich hüten! Also schaffen wir von jetzt ab alles Auswendiglernen für unsere Kinder ab! — Das eben ist die schlechte Eigenart, die sich manche aneignen, daß sie immer wieder und wiederum glauben, vor Luzifer und Ahriman müsse man sich hüten, müsse alles tun, damit ja nicht Luzifer und Ahriman an uns herankommen. — Dann kommen sie erst recht heran, wenn man sich hütet! Mit luziferischen und ahrimanischen Kräften muß gerechnet werden in der Weltenentwickelung. Sie müssen der Weltenentwickelung einverleibt werden, und es handelt sich nur darum, daß dies in der rechten Weise geschieht.
[ 17 ] Betrachten wir den speziellen Fall: Warum muß denn eine luziferische Kraft in dieser Art beim Gedächtnisse angerufen werden? In einer der heutigen Menschheit gar nicht mehr bewußten Art hatte das Gedächtnis in alten, aber gar nicht weit zurückliegenden Zeiten der Menschheitsentwickelung eine ganz andere Stärke als heute. Wir brauchen verhältnismäßig lange, um uns eine längere Dichtung anzueignen. So lange brauchten die alten Griechen nicht, Eine große Zahl der alten Griechen kannte von Anfang bis zum Ende die homerischen Gesänge. Aber sie memorierten nicht in der Weise, wie wir heute auswendig lernen. Es war eben die gedächtnismäßige Kraft dieser Zeit anders ausgebildet. Was geschah denn eigentlich dazumal in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum? Es geschah gewissermaßen eine Wiederholung desjenigen, was in noch stärkerem Maße im atlantischen Zeitraum selbst geschehen ist, und was ich schon dargestellt habe in den Aufsätzen, die über die atlantische Entwickelung handeln. Das, was vom Mond noch herübergekommen war wie eine Kraft, die fähig macht, wie einen Kometenschweif die traumhaften imaginativen Erlebnisse nachzuziehen, diese Kraft ging gewissermaßen von einer solchen äußeren, im Wechselverkehre mit der Welt sich abspielenden Kraft in das Innere über. Durch dieses Übergehen in das Innere entwickelte sich beim atlantischen Menschen das Gedächtnis wie ein erstes Aufleuchten an etwas, was ihm die Welt dazumal wie von selber gab. Und während der atlantischen Zeit brauchte sich wahrhaftig der Mensch nicht sehr anzustrengen, um das Gedächtnis zu entwickeln, denn es war wie ein Hereinfließen desjenigen, was eine Kraft im äußeren Verkehr mit der Welt war, in das Innere des Menschen. Und dieses wiederholte sich für den vierten nachatlantischen Zeitraum. Im Innern war gewissermaßen eine Wiederholung da desjenigen, was früher, ohne daß der Mensch etwas dazu tat, sich im Wechselverkehre mit der Welt abspielte.
[ 18 ] Indem der Mensch nun eingetreten ist in den fünften nachatlantischen Zeitraum, muß er immer mehr und mehr Anstrengung verwenden, um die Gedächtniskraft zu seiner eigenen zu machen. Damit sie beizutragen hat zu seiner Individualisierung und zu seiner Freiheit, dazu muß dasjenige, was wie von selbst kam während der atlantischen Zeit und in der Wiederholung im vierten nachatlantischen Zeitraum, angeeignet werden. Immer, wenn später etwas angeeignet wird, was eigentlich einer früheren Kraft entspricht, wenn also dem Gedächtnis zu Hilfe gekommen wird mit Kräften, die früher naturgemäß waren, so haben wir es mit einer luziferischen Wirkung zu tun. Indem wir künstlich dasjenige hereintragen in unsere Zeit, was naturgemäß war in der Griechenzeit, das selbstverständliche Sich-Aneignen des Gedächtnisses, wird es zum Luziferischen. Dadurch aber, daß Sie dieses Luziferische so vor Ihre Seele treten lassen, verspüren Sie die Rolle, die Luzifer in der Menschheitsentwickelung hat. Sie müssen sie verspüren, wenn die Dinge so geschildert werden. Ihm waren gewissermaßen noch Grenzen gesetzt in der griechisch-lateinischen Zeit. Er war noch an seinem Platze. Jetzt ist er nicht mehr in derselben Weise an seinem Platze. Jetzt muß der Mensch, um das Gedächtnis weiter auszubilden, ein Bündnis mit ihm eingehen. Der Mensch muß aus einer Selbsttätigkeit heraus für sein Gedächtnis das tun, was ohne sein Zutun mit ihm geschah noch während der griechisch-lateinischen Zeit. Aber dadurch wird das, was während der griechisch-lateinischen Zeit mit ihm geschah, heute zu einer luziferischen Tat.
[ 19 ] In dem Augenblicke aber, in dem also eine luziferische Tätigkeit auftritt, kommt gewissermaßen auch die andere Seite der Waage in Tätigkeit: das Ahrimanische. Und während wir auf der einen Seite memorieren, also Luzifer zu Hilfe rufen für das Gedächtnismäßige, hat die Menschheit immer mehr und mehr die andere, die ahrimanische Unterstützung des Gedächtnisses entwickelt, das Aufschreiben. Denn ich habe öfter schon angedeutet: Dies ist eine richtige Empfindung der Menschen des Mittelalters noch gewesen, daß sie insbesondere die Druckkunst als eine «schwarze Kunst» empfunden haben.
[ 20 ] Aber dieses ganze Zu-Hilfe-Kommen dem Gedächtnisse von außen ist etwas Ahrimanisches. Ich sage wieder nicht, daß es richtig ist, alles Ahrimanische zu fliehen, obwohl gerade auf diesem Gebiete vielleicht innerhalb unseres Kreises zu viel getan wird in der Anrufung von Ahriman. Man liebt ihn gerade allzusehr!
[ 21 ] Aber das ist ja eben die Aufgabe des Menschen, daß er Gleichgewichtslage entwickelt, daß er nicht glaubt, er könne so ohne weiteres Luzifer und Ahriman entgehen! Sondern seine Aufgabe ist, kühn und mutig und kraftvoll sich zu gestehen, daß beide Wesensarten zur Weltenentwickelung nötig sind, und daß er in seiner Entwickelung die Kräfte, die von ahrimanischer und luziferischer Seite kommen, für seine eigene Betätigung zu gebrauchen hat, daß er aber das Gleichgewicht zwischen Ahriman und Luzifer herzustellen hat auf den verschiedensten Gebieten. Die Waage müssen sie sich halten, Ahriman und Luzifer, und so müssen wir unsere Betätigung anlegen, daß sie sich die Waage halten können. Aus diesem Grunde mußten auch während der Erdenentwickelung das luziferische und das ahrimanische Element eingreifen. Und aus den letzten Betrachtungen wissen wir ja, daß als das bedeutsame Symbolum für das Eingreifen des luziferischen Elementes dasjenige anzusehen ist, das da steht im Beginne des Alten Testamentes, wo hereingreifen luziferische Kräfte in die Erdenentwickelung auf dem Umwege durch das Weib, und wo auf dem Umwege durch das Weib der Mann verführt wird. In diesem Symbolum wird uns das Hereingreifen des luziferischen Elementes, das wir versetzen in die lemurische Zeit, in der Bibel symbolisiert.
[ 22 ] Dann folgte daraufhin während der atlantischen Zeit das Eingreifen des ahrimanischen Elementes in die Erdenentwickelung. Und so wie es brauchte der menschlichen Erkenntnisse während des vierten nachatlantischen Zeitraumes, um bis zum Bibelverständnis des luziferischen Symbolums zu kommen, so brauchte es des fünften nachatlantischen Zeitraumes, um gewissermaßen das Gegensymbolum — ich habe dies schon früher erwähnt — in einer heute noch zwar unzureichenden, aber schon hinlänglich angedeuteten Art vor die Menschenseele zu führen. Die Faustgestalt hat Ahriman an ihrer Seite, wie Eva Luzifer; wie Luzifer unmittelbar an das Weib herantritt, so Ahriman an den Mann, Faust. Und so, wie der Mann, Adam, auf dem Umweg durch Eva verführt wird, so wird das Weib, Gretchen, auf dem Umwege durch den Mann, Faust, belogen. Denn der Verführung Gretchens liegt das Belogenwerden zugrunde, weil Ahriman im Spiele ist, den wir gegenüber dem Verführergeiste Luzifer als den Lügengeist bezeichnen können. Das ist eine von den Bezeichnungen, die wir anwenden können: Luzifer der Verführer, Ahriman der Lügner.
[ 23 ] Es gibt vieles in der Welt, welches rein zu dem Zwecke da ist, um den Menschen zu bewahren vor der luziferischen Verführung. Regeln, Anleitungen, moralische Impulse, die beschrieben werden, gibt es, um den Menschen zu behüten vor der luziferischen Verführung, Einrichtungen innerhalb der Menschheitsentwickelung und so weiter. Weniger ausgebildet, kann man sagen, ist heute noch dasjenige, wodurch sich der Mensch in der richtigen Art hüten kann vor dem ahrimanischen Fall, vor dem Fall in die Unwahrhaftigkeit.
[ 24 ] Alles, was Luziferisches im Menschen ist, hat mit Leidenschaftlichem, Emotionellem zu tun. Dagegen alles, was als Ahrimanisches sich geltend macht innerhalb der menschlichen Entwickelung, hat mit Unwahrem, mit Lügenhaftem zu tun. Und in unserer heutigen Zeit ist es notwendig, daß der Mensch nicht nur gewappnet ist gegen luziferische Anfechtungen, sondern auch, daß er beginnt, gegen die ahrimanischen Anfechtungen sich zu wappnen.
[ 25 ] Dieses ist gewissermaßen an Impulsen in der Faustdichtung doch enthalten, wie der Mensch bis in das Mißverständnis der Worte hinein dem Ahriman verfallen kann. Wie Faust durch verschiedene ahrimanische Gefahren durchgegangen ist, das stellt uns Goethe in der Faustdichtung schön dar. Es sind zwar bunt durcheinander gemischt Luzifer und Ahriman, aber aus den heute und schon früher angedeuteten Gründen hat Goethe für seine Faust-Dichtung mit Recht den Ahriman gewählt und nicht den Luzifer. In dem, was Sie im ersten und im zweiten Teil erfahren, ist schon viel Ahrimanisches, bis zu jenem Punkte, wo es in das Mißverstehen der Worte hineinspielt. Von einem Graben, meint Faust am Schlusse des zweiten Teils, werde geredet; von einem Grab ist die Rede! Graben — und Grab! Bis in das Mißverstehen der Worte tönt der Impuls des Ahriman hinein. Das hat Goethe in außerordentlich feinsinniger Weise gemacht, daß er überall da, wo er in mehr instinktiver als bewußter Weise, richtige ahrimanische Impulse hat, das Unwahre, das im Leben Schiefstehende klar und scharf in die FaustDichtung hineinverweben kann. Das einzusehen ist außerordentlich wichtig.
[ 26 ] Wie nun gewissermaßen Gedächtnis und Gewohnheitsmäßiges Metamorphosen, Umwandlungen von Betätigungsweisen in der geistigen Welt sind, so ist auch das, was wir uns im weiteren für die geistige Welt angeeignet haben, wiederum Umwandlung von dem, was wir uns hier in der physischen Welt aneignen, was wir hier ausprägen. Betrachten wir etwas, was gewissermaßen zuerst in der physischen Welt auftritt. Gedächtnis und Gewohnheitsmäßiges haben wir ja charakterisiert als Umwandlungsprodukte, als Metamorphosen von GeistErlebnissen der früheren Zeit. Was aber zuerst in der physischen Welt auftritt, das ist zum Beispiel das Verhältnis unseres Vorstellens zu den äußeren Gegenständen. Die Gegenstände sind um uns herum. Wir machen uns in unseren Vorstellungen Abbilder. Und das Zusammenstimmen der Abbilder, die wir uns in unseren Vorstellungen machen, mit den Gegenständen, nennen wir die physische Wahrheit, die Wahrheit des physischen Plans. Etwas ist nicht wahr auf dem physischen Plan, was wir als Vorstellung so ausdrücken, daß es nicht sein richtiges Vorbild auf dem physischen Plan hat. Wenn wir von physischer Wahrheit reden, so besteht diese durchaus darinnen, daß das, was wir uns vorstellen, mit der Tatsache des physischen Planes übereinstimmt. Daß ein solches Wahrheitsverhalten eintreten kann, dazu ist überhaupt notwendig, daß wir in einem physischen Leibe leben und durch ihn äußere Dinge ansehen. Es wäre ein völliger Unsinn zu glauben, daß ein solches Wahrheitsverhalten auf dem alten Monde schon hätte stattfinden können. Das ist eine Errungenschaft während des Erdenlebens. Und dadurch, daß wir den physischen Erdenleib uns aneignen, tritt überhaupt zuerst diese Übereinstimmung der Vorstellungen mit den äußeren Gegenständen ein. Damit ist aber Ahriman sein Wirkungsfeld angewiesen. Wie ist es ihm angewiesen?
[ 27 ] Gerade an so etwas, wie es jetzt gesagt wird, verspüren Sie, wie die Wechselverhältnisse zwischen der geistigen und der physischen Welt sind. Ahriman hat seine gute Aufgabe in der geistigen Welt und soll auch gewisse Wirkungen in die physische Welt hereinsenden. Aber er darf nicht hereinkommen in die physische Welt! Denn das Gebiet muß ihm entzogen sein, das bewirkt, daß unsere Vorstellungen, die wir uns im physischen Leib aneignen, mit äußeren Gegenständen übereinstimmen. Wenn er Tätigkeiten, die er noch für die Mondenzeit hatte, herein in das Erdenleben bringt, so stört er das Übereinstimmen unserer Vorstellungen mit den äußeren Gegenständen. Da muß er sozusagen wenn ich mich symbolisch ausdrücken darf — die Finger weglassen davon, wie der Mensch seine Vorstellungen übereinstimmend macht mit dem, was als äußere Gegenstände oder als äußere Tatsachen vorhanden ist. Aber er tut es nicht, Ahriman, er tut es wahrhaftig nicht! Denn täte er es, ließe er die Finger weg, dann würde in der Welt nicht gelogen!
[ 28 ] Nun weiß ich nicht, ob man zu beweisen braucht, daß in der Welt doch gelogen wird. Wenn aber in der Welt gelogen wird, so ist das ein Beweis dafür, daß Ahriman sich in einer ihm nicht gebührenden Weise betätigt in der physischen Welt. Diese Betätigung Ahrimans in der physischen Welt gehört nun zu demjenigen, was der Mensch überwinden muß. Sie könnten allerdings leicht sagen: Es ist vieles Schöne in der Welt, aber manches ist doch auch stümperhaft; ein ganz vollkommener Herrgott hätte vermocht, die Menschen so zu schaffen, daß sie gar nicht verfallen würden darauf, zu lügen. Dieser Herrgott hätte dem Ahriman gesagt: In der physischen Welt hast du nichts zu suchen! — Nun hat aber dieser Herrgott nicht vermocht, diesen Ahriman von der physischen Welt abzuhalten, also ist der Herrgott doch nicht so vollkommen! So könnte man sagen. — Und es gibt ja nicht nur Ahriman, der sogar ein gewisses Wohlgefühl darinnen hat, das Schlechte auf der Erde anzuerkennen in dem Sinne, wie wir es heute wieder von ihm gehört haben, sondern auch Philosophen, die aus den schlechten Eigenschaften der Menschen einen Pessimismus herleiten. Es hat pessimistische Philosophen im neunzehnten Jahrhundert gegeben, ja es gibt sogar solche, welche nicht nur einen Pessimismus, sondern einen «Miserabilismus» vertreten. Das ist durchaus auch eine Weltanschauung, die es gibt! Julius Bahnsen vertritt nicht nur einen Pessimismus, sondern einen «Miserabilismus».
[ 29 ] Warum ist denn Ahriman eigentlich zugelassen worden für die physische Welt? Ich habe Ihnen an einem Beispiel in einer der letzten Betrachtungen gezeigt: er ist stark zugelassen worden. Nicht wahr, es wurde ein Vorgang verabredet, der sich genau so abspielte, wie ich es Ihnen geschildert habe: nicht etwa gewöhnliche Beobachter, sondern dreißig juristische Studenten und junge Juristen — also Menschen, die sich dazu vorbereiten sollen, später menschliche Handlungen zu beurteilen — waren Zuschauer bei diesem Vorgang, der also fest vorgeschrieben war, wo man alles einzelne, das geschieht, wußte. Wenn nun nach einem solchen Vorgang diese dreißig Leute gefragt werden und sechsundzwanzig ihn falsch schildern und nur vier richtig, und zwar auch die vier nicht ganz, sondern nur annähernd, dann sehen Sie daraus, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Herstellen der richtigen Beziehung zwischen der menschlichen Vorstellung und der äußeren physischen Tatsache. Dreißig Menschen können vor einem Vorgang sitzen, der programmäßig sich abspielt, wie man ihn vorher stipuliert hat, und sechsundzwanzig davon schildern ihn ganz falsch! Da sehen Sie Ahriman in seiner Wirksamkeit! Da sehen Sie, wie er da ist! Aber wenn er nicht da wäre? Wir wären ja gewiß Lämmer in einer gewissen Beziehung, denn der Impuls, nie etwas anderes als Vorstellung zu bilden als dasjenige, was wir als Tatsache vor uns haben, würde in uns sein, und wir würden stets durch unsere Sprache nur dasjenige durchgehen lassen, was wir als Tatsache beobachtet haben. Aber wir würden es müssen! Von Freiheit wäre nicht die Rede! Wir würden es müssen, es könnte niemals anders sein, und wir könnten niemals freie Wesen werden. Um als freie Wesen die Wahrheit zu sagen, müssen wir die Fähigkeit haben zu lügen, müssen uns aneignen die Kraft, gewissermaßen jedesmal den Ahriman in uns zu besiegen. Er muß da sein, daß er «reizt und wirkt» und «als Teufelschafft». Da verspüren Sie,wie er da sein muß, der Ahriman, und wie das Fehlerhafte nur darinnen besteht, daß man ihm so unmittelbar folgt und nicht ihn betrachtet als denjenigen, der reizt und wirkt und als Teufel schafft, und der überwunden wird. Das Fliehen, von dem manche sprechen, das Mit-langemGesichte-Sagen: Ist das aber nicht vielleicht etwas Ahrimanisches? Darauf darf ich mich nicht einlassen! — so wie es in vielen Fällen gemeint ist, bedeutet nichts anderes als ein bequemes Hinwenden zu Luzifer in Unfreiheit.
[ 30 ] Kennenlernen, wo überall die Impulse sind, die überwunden werden müssen, darauf kommt es an. Wir brauchen gewissermaßen Ahriman auf der einen Seite, Luzifer auf der anderen Seite, um das Gleichgewicht zwischen ihnen zu bewirken.
[ 31 ] Ich wollte dieses heute als vorläufige Betrachtung vorausschicken, weil es zugrunde gelegt werden muß gewissen Ausblicken, die sich uns für ein geisteswissenschaftliches Welt- und Lebensanschauen morgen und übermorgen eröffnen sollen.
