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Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten
Das Karma des Materialismus
GA 176

17 Juli 1917, Berlin

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Wir wollen jetzt nach und nach Vorstellungen bewerten, die wir in unseren letzten Betrachtungen gewonnen haben. Im ganzen werde ich Ihnen zu sprechen haben in dieser und den folgenden Betrachtungen von dem Wesen des Wahren, von dem Wesen des Guten, auf das ich schon in den verflossenen Ausführungen hingedeutet habe. Aber heute werden wir gewissermaßen episodisch etwas aus diesen Zusammenhängen heraus, die wir durchgeführt haben, zu betrachten haben, das der Zeitgeschichte sehr bemerkenswert sein muß. Zunächst haben Sie aus den letzten Vorträgen, die ich hier gehalten habe, gesehen, daß man sich sehr wohl ganz bestimmte Begriffe und Vorstellungen machen kann über den Zusammenhang unseres gegenwärtigen Erdenlebens mit dem früheren Erdenleben und mit demjenigen Erdenleben, das auf das unsrige, auf das jetzige folgen wird. Ich habe Ihnen ja dargestellt, daß in unserem Wollen, sofern wir das Ich selber in unserem Wollen wahrnehmen, wie herüberwirkt unser letztes Erdenleben. Und insofern wir uns den Gedanken des Ich bilden, ist dieser Gedanke mit allem, was er enthalten kann, so fein gewoben, daß er hinüberwirkt, wie wir wissen, in das nächste Erdenleben — wie ich Ihnen gesagt habe —, wie der Keim, der jetzt in einer Pflanze ist in diesem Jahr, hinüberwirkt für das Leben der Pflanze im nächsten Jahr. Also gewissermaßen den Keim zum nächsten Erdenleben haben wir in allem zu suchen, das wir an Gedanken weben, so aber, daß das Gewebe im Mittelpunkt die IchVorstellung, den Ich-Gedanken hat. Daraus ersehen Sie, daß wir, indem wir in unser Erdenleben eintreten, gewissermaßen mit all den Vorbedingungen hereinkommen, die uns vom vorigen Erdenleben kommen; aber auch selbstverständlich mit alledem, was aus uns gemacht wird in der Zeit, in der das vorige Erdenleben gewissermaßen verarbeitet wird zwischen dem Tode und der neuen Geburt, also derjenigen Geburt, durch die wir in das jetzige Erdenleben eingetreten sind. Das ist die eine Gruppe, möchte ich sagen, der Vorstellungen, die wir gewonnen haben.

[ 2 ] Jetzt nehmen Sie mit einem großen Sprung eine andere Gruppe, eine Gruppe von Vorstellungen, die wir gewonnen haben über den Verlauf des Menschenlebens auf der Erde, eine Betrachtung, die gegipfelt hat in dem, wir dürfen uns sagen, wunderbaren Geheimnis von dem Gesamtlebensalter der Menschheit in der Gegenwart. Wir haben ja ausgeführt, daß die Menschen, als die atlantische Katastrophe vorüber war, in das erste nachatlantische Zeitalter, in die altindische Zeit eintraten, daß da die Menschen als ganzes Geschlecht ein Alter von der Mitte der fünfziger Jahre, 56 Jahre hatten und so weiter. Und wir haben auch des genaueren ausgeführt, was das zu bedeuten hat. Das hat zu bedeuten, daß in der damaligen Zeit die Menschen entwickelungsfähig blieben, so wie wir jetzt nur in der Kindheit entwickelungsfähig sind, bis in das 56. Jahr hinein, welches sie also durchmachten, wie wir den Parallelismus durchmachen zwischen der seelisch-geistigen und der physisch-leiblichen Entwickelung in der Kindheit, wo mit dem Sichentwickeln, Sichentfalten unseres Leibes, mit unserem Wachsen, mit unserer ganzen Entwickelung die seelisch-geistige Entwickelung zusammenhängt. So also wie wir da einen Parallelismus zwischen der seelisch-geistigen und der physisch-leiblichen Entwickelung durchmachen, dann aber aufhören, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben — wir haben ja angeführt welches —, diesen Zusammenhang zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Leiblichen als etwas Wirkliches in uns zu tragen. Das Seelisch-Geistige wird dann unabhängiger, und wir können uns durch das, was von selbst kommt, nicht weiter entwickeln. Wir können so vor allen Dingen nicht die Mitte des Menschenlebens, das 35. Lebensjahr in Abhängigkeit vom Leibe durchmachen; der Leib gibt dann nichts mehr her. Wir erleben also gar nicht in uns selber den Rubikon, der da überschritten wird, und vor allen Dingen dasjenige nicht, was in dieser ersten nachatlantischen Periode erlebt worden ist: wir erleben nicht den ganzen Abstieg, das Zusammensinken, das Sklerotisieren, das Verkalken des Leibes und damit das Freiwerden des Geistes, ohne daß man etwas dazu tut, wie durch Naturentwickelung. Das leben wir nicht mit. Aber dazumal lebte man es mit. Wir wissen dann, daß dieses Lebensalter der Gesamtmenschheit hinunterstieg; die Menschen wurden 55, 54, 53, 50 und so weiter Jahre alt, bis sie am Ende der ersten Epoche nur entwickelungsfähig blieben bis zum 49. Lebensjahr. Dann, in der urpersischen Zeit, machte das Menschengeschlecht die Lebensjahre vom 49. bis 42. Jahr durch, in der dritten, der ägyptisch-chaldäischen Periode, vom 42. bis zum 35. Jahre, in der griechisch-lateinischen vom 35. bis 28. Jahre. So daß also die Griechen und die Römer entwickelungsfähig blieben bis in die Zeit, die eben begrenzt wird vom 28. bis 35. Lebensjahr. Und wir haben uns da vor die Seele geführt das große, ich möchte sagen, das ganz unglaublich große Geheimnis, daß, als die Menschheit heruntergegangen ist auf 33 Jahre, ihr entgegenlebte der Christus Jesus, daß gerade in das von oben heruntergehende 33. Lebensjahr das Mysterium von Golgatha hereinfällt: der dreiunddreißigjährige Christus Jesus. Das ist etwas so Wunderbares, daß man eigentlich gar nicht Worte findet, um das auszudrücken, was die Seele da empfinden kann, wenn sie diese geheimnisvolle Wahrheit voll in sich auszuleben vermag.

[ 3 ] Dann geht das Lebensalter der Menschheit herunter; wir leben, wie Sie wissen, seit dem fünfzehnten Jahrhundert im fünften Zeitalter. Es hat begonnen damit, daß die Menschheit 28 Jahre alt wurde, daß sie jetzt als solche 27 Jahre alt ist, das heißt, daß wir bis zu unserem 27. Jahr noch in irgendeiner Weise abhängig sind mit dem SeelischGeistigen vom Physisch-Leiblichen, daß wir aber dann durch die Tatsachen, die uns umgeben, selbst nicht gewissermaßen durch Naturentwickelung weiterkommen, sondern, wenn wir dann weiterkommen sollen, dann müssen wir einen inneren Seelenimpuls zu diesem Weiterkommen haben, und der kann heute, wie ich es des weiteren ausgeführt habe, nur aus der geistigen Erkenntnis kommen, aus dem Erfühlen und Erleben desjenigen, was man über die geistigen Vorgänge wissen kann, und was in sachgemäßer Weise nur durch den Christus-Impuls kommt. So daß es einfach richtig ist, daß heute ein Mensch — und wenn er hundert Jahre alt werden würde —, wenn er sich nur dem überläßt, was Natur und Sozialität hergeben, was die Welt von selbst aus einem macht, unter diesen Einflüssen nicht älter wird als 27 Jahre. Und wenn er hundert Jahre alt wird, er bleibt eben dann stehen und ist angewiesen auf dasjenige in seiner weiteren Entwickelung, was er in die Seele hineinimpulsiert, ohne daß es von selbst, durch das Mitmachen der Leibesentwickelung kommen kann. So werden also die heutigen Menschen gewissermaßen von selbst 27 Jahre alt; und das ist das Charakteristische für die heutige Kulturentwickelung. Man versteht diese heutige Kulturentwickelung nur, namentlich in ihrem Zusammenhang mit früheren Kulturstufen, wenn man diese Tatsache, die die Geisteswissenschaft zu konstatieren vermag, sich wirklich vor die Seele schreibt.

[ 4 ] Es hängt dieses zusammen mit gewissen Dingen der ersten Gruppe von geisteswissenschaftlichen Wahrheiten, die wir heute wiederholentlich vor unsere Seele geführt haben. Wir machen eine gewisse Entwickelung durch in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In dieser Entwickelung wirken, wie Sie aus meinen Betrachtungen das letzte Mal ersehen haben, namentlich die Willensimpulse der vorhergehenden Inkarnation. Was wir da durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, was wir also gewissermaßen mitgebracht haben in dieses Leben hinein, das leben wir jetzt in diesem Leben aus. Nun ist das Eigentümliche vorliegend, daß für einen Menschen der Gegenwart die Wechselwirkung zwischen dem astralischen Leibe und dem Ich, also dem eigentlich Seelischen und Geistigen, und dem Ätherleibe eben stockt mit dem 27. Jahr. Wir werden in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so zubereitet, daß wir unseren neuen Ätherleib konstituieren, organisieren können, daß in diesen Ätherleib und über diesen Ätherleib auch in den physischen Leib hineinwirken können das Ich und der astralische Leib. Für einen Menschen im Anfang der griechisch-lateinischen Zeit, also etwa für die Zeit des Jahres 747 vor dem Mysterium von Golgatha, da war es so, daß dieses Stoppen, diese Zeit, wo der Astralleib nicht mehr belebend auf den Ätherleib wirken kann, das 35. Lebensjahr war. Um die Zeit des Mysteriums von Golgatha war es das 33. Lebensjahr. Jetzt ist es das 27. Lebensjahr. So daß also ein Mensch, der sich ganz demjenigen überläßt, was heute die Natur selbst hergibt und von außen, von der Sozialität in uns einströmt, bis zum 27. Jahr infolge der Entwickelung, die er durchgemacht hat vor seiner Geburt, beziehungsweise vor seiner Empfängnis, den Ätherleib so beweglich hält, daß der Astralleib, der mit diesem Ätherleib in Wechselwirkung ist, immer diesen Ätherleib zu neuen Begriffen, zu neuen Vorstellungen, zu neuen Empfindungen beleben kann. Wir können von selbst durch dasjenige, was uns zukommt bis zum 27. Jahr, unsere Vorstellungen über die Welt, unsere Ideale bereichern. Alles das hört mit dem 27. Lebensjahr auf, von selbst zu kommen. Das muß dann, wenn es überhaupt fortdauern soll, durch die inneren Impulse angeregt werden.

[ 5 ] Mit dieser für den Gegenwartsmenschen verhältnismäßig frühen Einstellung der Wechselwirkung zwischen Astralleib und Ätherleib und dadurch auch mit dem physischen Leibe, mit diesem verhältnismäßig frühen Stoppen, hängen viele Zustände, die die Seele des gegenwärtigen Menschen durchmacht, zusammen, viele Unbefriedigtheiten. In früher Jugend haben wir, in den untersten Regionen namentlich, eine rege Wechselwirkung zwischen unserem Seelischen, also dem astralischen Leibe und unserem Ätherleibe. Dann stoppt das, und wir können eigentlich, wenn wir nicht so, wie ich das letzte Mal es beschrieben habe, unsere Vorstellungen, unsere Begriffe beleben, nur schattenhafte Begriffe in uns aufnehmen. Denn, würden diese Begriffe voll lebendig sein, dann würden sie uns fortwährend lähmen. Sie würden dann so sein, wie wenn der Keim fortwährend eine Pflanze sein wollte und sich zur ganzen Pflanze auswachsen wollte. Unsere Vorstellungen und Begriffe können das nicht. Sie müssen Keime bleiben für das nächste Erdenleben, für die nächste Inkarnation. Wir wollen da, wenn wir dies nicht in unsere Erziehung, in unsere Selbstzucht aufnehmen, eigentlich immer mehr haben, als uns das Leben geben kann. Und an diesem «mehr haben wollen, als das Leben geben kann» kranken heute verhältnismäßig viele Menschen. Das Leben kann uns, wenn wir unseren Vorstellungen und unseren Empfindungen nicht durch innere Impulse solche Anregungen geben, wie ich es das letzte Mal beschrieben habe, nur solche Begriffe geben, die erst in der nächsten Inkarnation zur Reife kommen, die also schattenhaft in der gegenwärtigen Inkarnation sind. Das verspüren wir. Würden wir das recht durchschauen, daß wir den Keim für die nächste Inkarnation ausbilden, würden wir also unser Leben in einen größeren Zusammenhang hineinstellen, dann würden wir zu einer viel größeren Lebensbefriedigtheit kommen. Das ist aber notwendig, und das hängt zusammen mit etwas, was seit Pascal,und erneuert durch Lessing, immer wiederum betont worden ist. Wir suchen Wahrheit und wir fühlen: in der Wahrheit sind wir in gewissem Sinne befriedigt. Aber Lessing hat den Satz, den vor ihm schon Pascal in einer viel ausführlicheren Weise ausgesprochen hat, in schöner paradigmatischer Weise ausgesprochen, indem er sagte: Wenn Gott in der einen Hand die volle Wahrheit hätte, in der anderen Hand das Streben nach Wahrheit, so würde er das Streben nach Wahrheit wählen. — Hinter dem steckt sehr viel. Hinter dem steckt nämlich das, daß wir eigentlich inkarniert in einem Menschenleibe immer ein Gefühl haben müssen, daß wir niemals die volle Wahrheit haben. Denn wir können im Menschenleibe nur das von der Wahrheit haben — denn die Wahrheit lebt ja in Begriffen, in Vorstellungen, die vom Ich durchzogen sind —, was Keim für die folgende Inkarnation ist. Es muß also das, was als Wahrheit in uns lebt, so leben, daß es in Beweglichkeit ist, im Streben sich befindet. Bevor wir in diese Inkarnation eingetreten sind, haben wir uns unseren Ätherleib so zubereitet, daß er die Wahrheit enthielt. Aber unsere Inkarnation besteht gerade darin, daß sie die volle Wahrheit ablähmt bis zur Kopie, bis zu einem Bilde der Wahrheit, und dieses Bild ist Keim für die nächste Inkarnation.

[ 6 ] Wenn wir uns so hineinstellen als einzelner Mensch in die ganze Menschheit, dann kann erst Befriedigung in unsere Seele einziehen. In der Praxis kommt sie nicht, ohne daß wir solche lebendigen Begriffe entwickeln, wie ich das letzte Mal vorgeführt habe, ohne daß wir gewissermaßen Begriffe, die nicht an der Oberfläche des Lebens liegen, in uns eigentlich aufnehmen, die uns weit auseinanderliegende Zusammenhänge des Lebens offenbaren. Zur Befriedigung wird in der Gegenwart kein Mensch kommen, der nicht ein lebendiges Interesse an seiner Umwelt hat, aber ein solches Interesse, das nach dem Geiste und den geistigen Zusammenhängen der Umwelt sucht. Wer nur in sich hineinbrüten will, findet in sich nichts anderes als das, was uns heute bis zum 27. Jahr beschert werden kann gemäß unserer Entwickelung zwischen dem vorigen Tode und dieser Geburt. Dadurch ist dieses Zeitalter auch dasjenige, das der Freiheit entgegenstreben muß, weil der Mensch aus sich selbst heraus dasjenige finden muß, was seine Seele mit der Umwelt zusammenwachsen läßt, was ihn Interesse finden läßt für diese Umwelt, aber Interesse, das nicht bloß durch die Sinne kommt, sondern auf die Weise aus weiten Zusammenhängen kommt, wie ich es das letzte Mal dargestellt habe.

[ 7 ] In diesen Dingen liegt viel — und wir werden das nächste Mal noch von diesem Vielen reden —, viel von dem, was uns aufklären kann in unserer Stellung zu der Wahrheit in der Gegenwart, und auch von dem, was uns aufklären kann über unsere Stellung zu dem Guten, dem Sittlich-Guten, dem Ethischen in der Gegenwart. Heute soll uns mehr etwas interessieren, das uns über mancherlei aufklären kann, das gerade aus diesen Wahrheiten heraus für ein Verständnis unserer unmittelbaren Gegenwart folgen kann.

[ 8 ] Der Geisteswissenschafter muß es ja eigentlich mit seinen Wahrheiten ganz anders machen als der Naturwissenschafter. Durch die Betrachtungen von Jahren her haben Sie gesehen, daß der Geisteswissenschafter durch Imagination, Inspiration, Intuition zu seinen Wahrheiten kommt, das heißt, daß er sich durch diejenigen Erkenntnisse betätigt, die über die unmittelbare Sinneswelt hinausführen — sich führen läßt in das Gebiet der geistigen Welt, welches über dasjenige hinausgeht, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, wovon aber dieses Sinnlich-Wahrnehmbare als von seinem geistigen Untergrunde überall beherrscht, regiert wird. Also die Geisteswissenschaft muß ihre Wahrheiten holen aus den geistigen Regionen, die dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich sind. Solche Wahrheiten wie diese von der Verjüngung des Menschengeschlechtes, von dem Zurückgehen der Lebensalter, wie ich sie Ihnen entwickelt habe, vom 56. bis zum 27. Jahr, das wir als Menschen der Gegenwart erreichen können, wenn wir uns nicht selbst weiterbringen, solche Wahrheiten, die man nicht auf dem Wege der gewöhnlichen Ethnographie, der gewöhnlichen Anthropologie findet, die muß man aus der geistigen Welt herausholen. Eine bloß geschichtliche Betrachtung der Hergänge seit der atlantischen Katastrophe nach der Methode, wie die Naturwissenschaft vorgeht, würde natürlich diese Zusammenhänge nicht ergeben können. Also aus dem Geiste muß man diese Dinge herholen. Daher — das werden Sie begreiflich finden — wird auch gerade bezüglich der Außenwelt, also der Natur- und Geschichtswelt, der Welt der natürlichen Vorgänge und der Welt der sozialen Vorgänge, der Geisteswissenschafter mit seinen Wahrheiten sich etwas anders verhalten müssen als der Naturwissenschafter. Wie geht denn der Naturwissenschafter eigentlich vor? Nun, er hat die Naturtatsachen, die Naturerscheinungen vor sich, danach bildet er sich seine Begriffe und Vorstellungen. Der Begriff, die Vorstellung ist das zweite. Das Gesetz ist das, wozu er kommt. Er geht also von der Tatsache zu dem Gesetz. Das Sinneswahrnehmen steht in der Mitte. Die Tatsachen nehmen wir wahr. Dann bilden wir uns die Vorstellung, das Naturgesetz und so weiter.

[ 9 ] Der Geistesforscher wird es ja in einer ähnlichen Weise mit Bezug auf die geistige Welt machen müssen; da ist die Forschung eigentlich nicht verschieden, aber in bezug auf das äußere Sinnliche werden sich doch Unterschiede ergeben. Man weiß ja zunächst die Tatsachen, indem man sie in der geistigen Welt ergreift. Will man also die Bedeutung dieser geistigen Tatsachen in der äußeren Sinneswelt suchen, so muß man die äußeren Lebenstatsachen hinterher suchen. Man hat zuerst das Geistige gegeben, dann sucht man dazu jene Sinnestatsache oder Lebenstatsache, welche durch dasjenige erklärt wird, was man im Geiste ergriffen hat. Aus dem Geiste heraus erklärt man das, was aus dem Leben geistig erklärt werden sollte. Das ist für manchen ungeheuer schwierig zu verstehen, daß man mit Bezug auf das Geistige zuerst das Gesetz haben muß, und dann weist einen das Gesetz auf die Tatsache. Die Tatsache liefert gewissermaßen eine Bestätigung des Gesetzes. Ältere Geistesforscher haben das immer dadurch ausgesprochen, daß sie gesagt haben — wenn ich diesen schulmäßigen Ausdruck, der ja nichts zur Sache tut, Ihnen vorführen soll —: Die äußere Naturbetrachtung geht induktiv vor, von der Tatsache zum Begriff, die Geisteswissenschaft muß deduktiv vorgehen, vom Begriff zur Tatsache. Nehmen wir von diesem Gesichtspunkte aus ein Beispiel, das uns ja heute in der Gegenwart ganz besonders naheliegen muß.

[ 10 ] Wir haben aus der geistigen Erkenntnis heraus gefunden, daß die Menschheit in der Gegenwart im allgemeinen durch das, was Natur und Sozialität durch sich selber hergeben, 27 Jahre alt wird. Der typische Mensch der Gegenwart also, der sich fern hält von geisteserkennerischen Impulsen, der typische Mensch der Gegenwart entwickelt sich bis zum 27. Lebensjahr. Ist er ein großer, ein bedeutender Mensch, ein Mensch, in dem viel von Leben sprudelt und wirkt, so wird er sich stark bis zum 27. Jahr entwickeln, das heißt, er wird alles dasjenige, was man heute als Mensch einfach dadurch entwickeln kann, daß man physisch 27 Jahre alt wird, alles dasjenige wird er, mit Bezug auf Denkkraft, mit Bezug auf Impulsivität des Wirkens in der Zeit, werden. Solchen Willen wird er entwickeln, wie man ihn dadurch entwickelt, daß die Muskeln bis zum 27. Jahr heranwachsen, die Nerven sich ausbilden und so weiter. Und dann, wenn er außerdem empfänglich ist für das, was die Sozialität, das Menschenleben hergibt, dann wird er sich bis zum 27. Jahr so entwickeln eine Summe von Ideen, von Idealen, was für soziale Reformen man alles machen wolle. Die leben bis zum 27. Jahre, damit wird er bis zum 27. Jahr, wenn ich so sagen darf, vollgepfropft sein; dann stoppt es, dann bleibt ihm das, dann wird er das von da ab ins Leben überführen wollen. Und er mag nun 100 Jahre alt werden — und ist er ein großer Mann, dann wird er tief Einschneidendes, Bedeutungsvolles ausführen —, aber er wird 27 Jahre alte Ideen, Impulse ins Leben einführen. Er wird also gerade so recht ein Repräsentant der Gegenwart sein, er wird ein Mensch sein, von dem man sagen kann: Das ist einer, den die Gegenwart hervorbringen mußte wie ihr eigenes Produkt, der aber ablehnt, mit der Fortentwickelung der Menschheit zu gehen, wenn er keine inneren GeistImpulse aufnimmt, die inneren Geist-Impulse, die einen wiederum hinausführen über das 27. Jahr, wo man, wie mit den Jahren, so auch mit der Seele weiterlebt. Es müssen geistige Impulse aufgenommen werden. Die wird ein solcher Mensch nicht aufnehmen können, und sie also auch nicht in die Gegenwart hineintragen können. Er wird nichts von dem in die Gegenwart hineintragen können, was den Keim enthält für eine zukünftige Entwickelung der Menschheit. Er wird just dasjenige hineintragen, was unmittelbar charakteristisch ist für die Gegenwart. Und wenn er ein recht großer Mann ist — man kann auch ein großer Mann sein, selbstverständlich, indem man siebenundzwanzigjährig bleibt —, dann wird er das in die Gegenwart hineintragen, was dieser Gegenwart auf einem bestimmten Gebiet voll entspricht, was gerade zu ihr paßt, was aber keine Keime für die Zukunft enthält. Das wird er hineintragen.

[ 11 ] Wie könnten wir uns denn einen solchen Menschen vorstellen in der Gegenwart, solch einen typischen Menschen? Wie könnten wir uns ihn vorstellen? Sehen Sie, jetzt machen wir den Weg von der geistigen Erfassung einer Vorstellung herunter in die Wirklichkeit; jetzt steigen wir herunter. Wir suchen gleichsam auf, wo das in der Wirklichkeit da ist. Jetzt wollen wir einmal suchen, wo der Mensch stehen könnte, wo er sein könnte, wo er uns gewissermaßen sinnlich im sozialen Leben entgegentreten könnte. Das könnte in der Gegenwart, nach den Verhältnissen der Gegenwart sein. Wie müßte denn ein solcher Mensch sich in die Gegenwart hineinstellen? So müßte er sich in die Gegenwart hineinstellen, daß erstens selbstverständlich das 27. Jahr ein springender Punkt in seinem Leben ist, ein besonders hervorragender Punkt, aber ein solcher Punkt, daß er gewissermaßen vom 27. Jahre ab hineingestellt ist ins Leben so, daß er just das Siebenundzwanzigjährige ins Leben überführen kann, nichts mehr und nichts weniger, daß alles so veranlagt ist in seiner sozialen Lebensstellung, daß er das ausführen kann, daß aber nicht die Mängel des Nicht-weiter-Kommens allzu stark gleich hervortreten. Er müßte also gewissermaßen Gelegenheit haben, auf fruchtbare Art stehen bleiben zu können beim 27. Jahr. Denn würde er 27 Jahre alt sein mit seinen Ideen und Impulsen und nachher nichts Besonderes bedeuten in der sozialen Welt — nun, so würde er 28, 29 Jahre alt werden, und er hätte gleichsam etwas Totes in sich. Würde er dann mit 30, 31 Jahren zu besonderen sozialen Verhältnissen kommen, so würde er dann das, was inzwischen tot geworden, was versumpft ist, hineintragen ins 28., 30., 31. Jahr, er würde nicht voll das 27. Jahr hineintragen, er würde nicht voll ein Repräsentant unserer Zeit sein. Ja, innerhalb unserer gegenwärtigen Verhältnisse könnten wir uns also denken, daß da, wo jetzt vielgerühmte normale Verhältnisse für das Leben der Gegenwart existieren, also in demokratisch regierten Staaten, solch ein Mann mit 27 Jahren ins Parlament gewählt wird, denn da hat er vollständig die Gelegenheit, nunmehr in ein soziales Verhältnis hineinzukommen, welches gewissermaßen einen Abschluß bedeutet. Denn, tritt er als bedeutender Mann mit 27 Jahren ins Parlament ein, und betätigt er sich, so engagiert er sich gewissermaßen für das Leben: so nimmt man ihn; er kann nicht in verschiedener Weise umsatteln, er hat sich festgelegt. Er wird also wirklich vom 27. Jahr ab das ins Leben tragen, was er bis dahin in sich entwickelt hat. Wird er dann später- wovon die Vor- und Nachteile die Mitteleuropäer jetzt kennenlernen wollen — aus dem Parlament zur Ministerschaft berufen, so wird das kein so wichtiger Abschnitt sein, als der, wo er ins Parlament gekommen ist, sondern er wird als Minister das realisieren, was er ins Parlament getragen hat, wenn er gerade mit 27 Jahren hereingekommen ist. So daß Sie also sagen können: Der typischste Mensch der Gegenwart mit Bezug auf sozialpolitisches Leben wäre ein Mensch, der mit 27 Jahren in ein Parlament gewählt worden ist, und zwar in ein demokratisches Parlament, welches einem solchen Menschen auch die Gelegenheit gibt, seine siebenundzwanzigjährigen Impulse in der Sozialität auszuleben.

[ 12 ] Aber noch andere Anforderungen werden wir vielleicht stellen müssen an einen solchen Repräsentanten. In unserer Zeit herrschen über die freie Entwickelung des Menschen — diejenige Entwickelung, wo das zur Entfaltung kommt, was die Natur selbst hergibt — beeinträchtigende Formen. Wenn einer regelrecht Gymnasiast wird, dann geht es schon schief mit dem, was die Natur von selbst hergeben soll. Wenn er noch gar irgendeine Fakultät in der heutigen normalen Weise durchlebt, dann geht es noch schiefer, dann wird er in eine einseitige Richtung hineingedrängt. Wir wollen aber einen Repräsentanten ansehen, einen Menschen, der das hineinbringt in die Siebenundzwanzigjährigkeit, was von selber kommt, der eine möglichst ungehinderte, nicht durch die Norm der Gegenwart behinderte Jugendentwickelung bis zum 27. Jahr durchmachte. So daß der Geisteswissenschafter, wenn er einen Menschen, der so recht die Gegenwart mit all ihrer Siebenundzwanzigjährigkeit und mit dem Willen, es ganz abzulehnen, heranzukommen an etwas, was Entwickelung für die Zukunft in sich aufnimmt, suchen wollte, er sich einen Menschen suchen würde, der alle diese Eigenschaften hat und diese Lebensverhältnisse durchmacht, die ich aus der Geisteswissenschaft heraus selber — nennen Sie es meinetwillen: konstruiert habe —, der Geisteswissenschafter wird sagen deduziert habe. Und wenn ein solcher in der Gegenwart da sein würde, so würde uns das Dasein eines solchen Menschen ungeheuer viel erklären, denn wir würden begreifen, daß dieser Mensch da ist, um die Siebenundzwanzigjährigkeit der Menschheit einmal so recht vorzuleben, zur vollen Tatsache zu machen, daß die Menschen an irgendeiner Stelle gewissermaßen stoppen sollen bei 27 Jahren, in grober Weise ablähmen sollen die Keime für die Zukunft.

[ 13 ] Nun, gibt es einen solchen Menschen, der just die Eigenschaft und Lebensjährigkeit an sich trägt, die ihn zum typischen Repräsentanten der Gegenwart machen? Ja, einen solchen Menschen gibt es, und das ist Lloyd George. Für ihn stimmt alles, was ich Ihnen aus der geisteswissenschaftlichen Betrachtung hier deduziert habe. Betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte aus jetzt, nachdem Sie gewissermaßen den Weg nicht durch äußere Betrachtung, sondern von oben, vom Geiste herunter gemacht haben, betrachten Sie jetzt das Leben dieses Lloyd George: 1863 geboren, früh verwaist — Sie kennen ja ungefähr dieses Leben —, zu seinem Oheim gekommen, der Schuster und Prediger war in Wales, keltischen Geblütes, also mit lebhafter innerer Regsamkeit gerade in den Jugendjahren. Seinen Oheim, den Schuster, der Prediger war, fortwährend vor sich, selber nach dem Ideal des Predigers hinstrebend, aber nicht Prediger werden könnend, also nicht einmal durch diese Schablone und Normen eingeengt, weil diese Sekte, zu der der Oheim gehörte, keinen honorierten Pfarrer halten darf, da muß jeder ein Handwerk ausüben und das Predigen frei betreiben. Der Junge wird ein glühender Verehrer der Unabhängigkeit. Er hat nicht so viel, daß ihm immer Schuhe gekauft werden könnten, er läuft barfuß herum, macht alle Stadien des armen Kerls durch und wächst so heran, indem er nicht regelrecht zur Schule geht, nicht eine regelrechte Bildung auf. nimmt, sondern das, was das Leben von selber gibt, an sich herankommen läßt, auch nicht im regelrechten Sinne nunmehr eine Advokatenlaufbahn durchmacht, sondern als Sechzehnjähriger einfach in eine Advokaten-Amtsstube eintritt, sich da durch sein gesundes Urteil hervortut und mit 27 Jahren Sollizitator wird. Also nicht auf dem Wege der akademischen Bildung, sondern aus der Lebenspraxis, aus dem, was das Leben dem Menschen der Gegenwart selber hergibt; so wächst er heran, vom Leben geschult. Vom Leben auch mit allen Impulsen gegen jegliches Privilegium, das Geburt oder Stellung verleiht, ausgestattet. Mit einer gewissen Wut den Hut ziehend vor dem vorgesetzten Gutsbesitzer der Gegend, dem er jeden Tag ein paarmal begegnen muß.

[ 14 ] Und was geschieht? Im Jahre 1890 — 1863 ist Lloyd George geboren, 1890 ist er 27 Jahre alt — wird er dadurch, daß ein Mitglied des Parlamentes stirbt, als Gegenkandidat gegen den Mann, auf den er eine Wut hat, weil er ihn täglich grüßen mußte, aufgestellt, weil er sich ausgezeichnet hat durch eine Reihe eindringlicher Reden, die wie Feuer den Menschen in die Seele zogen, welche dahin wirkten, daß Wales sich freimachen muß aus der englischen Umklammerung, daß die Nationalität der Kelten ein neues Aufleben erfahren muß, daß die Kirche vor allen Dingen niemals mit dem Staate in einem organisatorischen Konnex stehen darf, sondern frei gegenüber dem Staate stehen muß. Weil er sich so ausgezeichnet hatte, erringt er sich mit einer geringen Majorität den Parlamentssitz 1890, mit 27 Jahren! Das Leben hat ihn gelehrt aus unmittelbarer Anschauung, was für seine Gegenwart notwendig war. Das trägt er ins Parlament hinein. Zwei Monate schaut sich der Siebenundzwanzigjährige alles an, redet kein Wort. Aber mit seinen Augen, die stets eine etwas konvergierende Achsenstellung nehmen und dann funkeln können, mit der Hand hinter dem Ohr, um möglichst genau zuzuhören, hört er zwei Monate alles das an, was die Situation bietet. Und von da ab beginnt er ein gefürchteter Redner des Parlaments zu sein. Leute, die vorher eigentlich mit einer gewissen Gleichgültigkeit, mit englischer Gelassenheit auf ihren Opponenten geschaut haben, wie Churchill oder Chamberlain, wurden wütend, wenn ihnen Lloyd George als Opponent entgegentrat, denn er war als Ungelehrter, als Unakademiker, von einer eindringlichen Dialektik und von einer sarkastischen Art, jeden zurückzuweisen, auch wenn der Betreffende noch so hoch in seinem Ansehen stand. Gladstone stand er am nächsten, dennoch hatte selbst Gladstone von Lloyd George mancherlei auszuhalten durch seinen Sarkasmus, durch das Treffende, das Zielsichere der Dialektik, mit der Lloyd George bei jeder Gelegenheit aufzutreten verstand. Hier zeigt sich das Merk würdige eines durch das Leben belehrten Menschen: die Vielseitigkeit. Menschen, die nicht durch das Leben belehrt worden sind, werden einseitig, wissen nur über das oder jenes Bescheid. Lloyd George wußte über alles Bescheid und sprach so, daß selbst die angesehensten Leute, die er angriff, in Wut kamen, aufgeregt wurden, während sie früher in englischer Gelassenheit dasaßen.

[ 15 ] Es ist also gerade interessant, den großen Mann als Repräsentanten der Gegenwart zu sehen, den zu studieren, der mit dem siebenundzwanzigjährigen Charakter das Keltentum verbindet, also diesen siebenundzwanzigjährigen Charakter mit der ganzen Kraft des Keltentums auslebt. Am angesehensten sind die Reden geworden, in denen er in beißender Art den Burenkrieg zurückwies, die ganze Schändlichkeit, wie er es immer nannte, die ganze Niederträchtigkeit des südafrikanischen Krieges, die er in immer neuen und neuen Worten dem Parlament vor die Seele rückte. Und unerschrocken, keltisch unerschrocken, trat er auf, so daß er einmal nach einer Rede mit einem Knüppel so auf den Kopf geschlagen wurde, daß er zu Boden sank. Ein andermal mußte ihm ein Polizeimann seine Uniform geben, daß er durch eine Hintertüre gebracht werden konnte, weil man sagte, der Lloyd George würde über einen Gegenstand reden, und man sich davor fürchtete. Ein Mensch, wie er tatsächlich innerhalb der englischen Verhältnisse, wie sie damals in den neunziger Jahren waren, vorher nicht da war! Ein scharfer Kritiker bis ins zwanzigste Jahrhundert herein. Selbstverständlich unter reaktionären Regierungen nur ein Kritiker. Aber als im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das erste liberale Ministerium Campbell-Bannerman kam, da sagte man sich: Ja, es wäre schon alles schön, liberal zu regieren, aber was machen mit Lloyd George? Was macht man in einem solchen Falle — Mitteleuropa will sich ja jetzt von solchen Dingen eine genauere Kenntnis erwerben, wie Sie vielleicht gehört haben —, was macht man in einem solchen Falle in demokratischen Ländern? Man holt den Betreffenden auch ins Ministerium hinein, indem man ihm ein Portefeuille gibt, von dem man glaubt, er verstehe nichts davon. Das machte das Ministerium Campbell-Bannerman mit Lloyd George. Man gab Lloyd George, just ihm, der niemals Gelegenheit hatte, mit Handel sich zu beschäftigen, das Handelsportefeuille. Nun hatte Lloyd George das Handelsportefeuille von 1905 an inne. Lloyd George war ein selbstgemachter Mann, ein Mann, den das Leben gemacht hat, nicht ein Akademiker. Was war die Folge davon? Er wurde einer der ausgezeichnetsten Handelsminister, die England gehabt hat.

[ 16 ] Nach verhältnismäßig kurzen Studien, zu denen auch Reisen nach Hamburg, Antwerpen, Spanien gehörten, um da die Handelsverhältnisse zu studieren, ging er daran, ein Patentgesetz zu machen, das ein Segen für das Land ist. Ebenso gelang ihm ein Gesetz zur Regulierung des Hafens von London, ein Gesetz, an dem sich viele Handelsminister vor ihm schon verblutet hatten. Das brachte er so zustande, daß man damit zufrieden war. Ihm gelang auch, die Beilegung einer damals sehr akut gewordenen Eisenbahnkrisis zu bewirken. Kurz, er hat sich als Handelsminister ganz außerordentlich bewährt. Und es kam die Ablösung des liberalen Ministeriums Campbell-Bannerman durch Asquith-Grey. Lloyd George mußte man selbstverständlich im Ministerium haben! Aber man hatte sich ja jetzt schon überzeugt: Lloyd George ist ein Mensch, der alles kann. So richtig der Repräsentant der Zeit, also gibt man ihm auch den wichtigsten Posten: man macht ihn zum Schatzkanzler. Also Lloyd George war nun Schatzkanzler.

[ 17 ] Nun denken Sie sich: mit aller Siebenundzwanzigjährigkeit, die er behielt, mit allen Emotionen des Keltentums, mit allen Emotionen, die er aufgenommen hat, indem er immer als barfüßiger Junge den Gutsherrn grüßen mußte — der allerdings nachher mit geringer Majorität durchgefallen ist —, mit allen Emotionen gegen alles, was Privilegium und dergleichen heißt — denn er alterte nicht, er blieb das, was er bis zum 27. Jahr gewesen war —, mit all dem wurde jetzt Lloyd George Schatzkanzler. Bis dahin hatte man in England geradezu ein Zaubermittel für alles finanzielle Wesen: das war dasjenige, was man die Tarifgesetzgebung nannte. Steuergesetzgebung war eigentlich Tarifgesetzgebung, und diese bestand darin, daß alles dasjenige, was privilegiert war, möglichst wenig besteuert wurde, und daß durch die ganze Tarifgesetzgebung der Pauperismus im eminentesten Maße gefördert wurde. Man kann sagen, wenn man irgendwo eine Schule suchen will für jene Methode, zu schimpfen, die jetzt gewisse englische Zeitungen gegen die Deutschen betreiben, wenn man irgendwo eine Schule suchen will, die durchgemacht wurde, so war es dazumal, als Lloyd George zuerst mit seinem ganz neuen Budget-Entwurf, den er machte, hervortrat. Dazumal machten die englischen Journalisten eine Schule durch, indem sie Lloyd George und sein unmögliches Budget beschimpften. Alles mögliche wurde ihm vorgeworfen, was nur eben jetzt auf dem Gebiete eine Steigerung hat, das ich Ihnen eben angedeutet habe. Und die heftigste Opposition fand der Mann im Parlamente selbst, wo er immer so saß, daß sich seine Lippen allmählich zu einem gewissen Sarkasmus zu ziehen verstanden, dauernd, aber immer weiter mit der Hand hinter dem Ohr und mit den etwas zusammengehenden, aber strahlenden Augen, mit absoluter Ruhe und Sicherheit. Denn dieser Mann hatte als Mensch sich in die Gegenwart hineingestellt. Es hat vor ihm auch Finanzminister gegeben, Budgetfabrikanten, die haben Budgets fabriziert, die diesen oder jenen Namen tragen, aber das Budget des Lloyd George war so individuell, daß man es in England einfach Lloyd-George-Budget hieß. So sehr war dieser Mann herausgewachsen aus der Gegenwart und so sehr stellte er sich repräsentativ hinein. Und nichts gab es für ihn an Schule als nur das Leben. Alles das, was man sammeln kann aus den Steuer-Erfahrungen von Amerika, von Frankreich, von Deutschland, das hat er zusammengesammelt und versucht, es zu verwerten. Also auch selbst in seinem Studium, in seinem am Leben sich vollziehenden Studium, nicht hinter Büchern, sondern hinter dem, was die Sozietät in der Gegenwart selber hergibt, bleibend. Sehr interessant, wirklich, ganz merkwürdig! Aber nun denken Sie, so fühlt sich der Mann in seiner Gegenwart drinnen, daß er eines Jahres, als er den Budget-Abschluß vorzulegen hatte, ein gewisses Defizit hatte. Niemals hatte man früher sich zu einem Defizit anders verhalten, als indem man die Deckung aufgenommen hat, also einen Posten für die Deckung aufgenommen hat. Lloyd George hat gesagt: Ja, es ist ein Defizit da, aber wir lassen es, wir setzen nichts dafür ein, denn durch dasjenige, was ich getan habe, werden die verschiedenen Zweige, denen das zugute gekommen ist, so prosperieren, daß wir einfach durch diese Prosperierung der verschiedenen Lebenszweige das Defizit zur rechten Zeit gedeckt haben werden. Also dieser Mann wußte auch mit dem Leben zu leben. Er glaubte auch an das Leben, weil er sich mit dem Leben verankert fühlte. Und was die Hauptsache ist: Mancher glaubt an das Leben, aber er hört auf zu glauben, wenn die Sache beginnt schief zu gehen. Und die Sache, die ich eben angeführt habe, die ging schief. Das Defizit wurde stehen gelassen, ein Deckungsposten nicht aufgenommen, es ging schief. Es prosperierte eben nicht so, wie er rein aus Vertrauen gesagt hatte. Aber er blieb ruhig, er war fest verankert in dem Leben der Gegenwart. Und was geschah? Drei seiner größten, seiner geldschwersten Feinde starben. Sie waren seine mächtigsten Gegner, weil er das Steuergesetz so ausgebildet hatte, daß man ihn einen Dieb an der englischen Lordschaft nannte; das war so einer der Ausdrücke, die man ihm an den Kopf geworfen hat. Na, also drei seiner mächtigsten Feinde starben. Aber er hatte vorher schon die Erbschaftssteuer so hoch geschraubt, daß — nennen Sie es jetzt einen Zufall — von der Hinterlassenschaft seiner mächtigsten Feinde so viel abgeführt werden mußte, daß das Defizit gedeckt war.

[ 18 ] Es war merkwürdig, wie sich gewissermaßen nach und nach das Blatt wendete, wie man nach und nach anfing, den Lloyd George zu loben. Allerdings, der Mensch lebt ja wirklich durch die Art, wie sich sein Verhältnis zur Natur in ihm selbst und zur Umgebung gestaltet, und man kann sich nichts denken, was besser zusammenpaßt, als der siebenundzwanzigjährig Bleibende und die siebenundzwanzigjährige Menschheit. Wenn man so zusammenstimmt, wenn man 28, 29 Jahre und so weiter geworden ist, und also sein Budget 1909 vorgelegt hat — da war er ja natürlich eigentlich schon älter; er war aber nach den Theorien, die ich aufgestellt habe, weiter 27 Jahre alt —, wenn man so zusammenstimmt mit dem, was in der Menschheit einen umgibt, und die Kraft hat, dieses Zusammenstimmen zu durchleben, dann bekommt man eben auch die Kraft, die sich ausleben kann. Und so kam es immer wieder und wiederum vor, daß — weil ja selbstverständlich Lloyd George, der auf allen Gebieten, auf die er Einfluß hatte, Neuerungen einführte, die sich alle in der Richtung bewegten, den Pauperismus zu bekämpfen, gewisse Dinge zu bekämpfen, die wirklich soziale Schäden schlimmster Art in England waren —, daß er da angefeindet wurde. Zuweilen mußte er zehn Stunden lang Reden anhören und immer wieder und wiederum eingreifen; die stärksten Männer des Parlaments verloren, wenn sie ein Monokel hatten, ihr Monokel aus den Augen, so schimpften sie. Lloyd George blieb ruhig, antwortete zehn Stunden lang, wenn es sein mußte, mit seiner dialektischen Schlagfertigkeit, mit seinem Sarkasmus überall treffend. Und so hatte er denn auf diese Weise Gesetze durchgebracht, die tief, tief einschneidend sind ins soziale Leben: ein Altersversorgungsgesetz und ähnliche Gesetze, Gesetze, die in hygienischer Weise wirkten, die gegen die Trunksucht in nützlicher Weise wirkten. Also der Mann stellte sich als Repräsentant der Gegenwart allen Nicht-Repräsentativen, ich möchte sagen, allein mit seinen Schultern entgegen.

[ 19 ] Nun müssen wir, wenn wir die Sache vollständig verstehen wollen, dazu eine andere Grundwahrheit nehmen. Wir müssen uns ja klarwerden darüber, daß wir als besonders in der Entwickelung liegend haben in der ersten, der urindischen Zeit für die Menschheit den Ätherleib, dann in der urpersischen den Empfindungsleib, in der ägyptisch-chaldäischen die Empfindungsseele, in der griechisch-lateinischen Zeit die Verstandes- oder Gemütsseele; wir haben die Bewußtseinsseele. Aber alle anderen Völker sind ja in der gegenwärtigen Zeitepoche nicht in der Lage der Engländer, die wiederum unter den Völkern der Erde gerade für die Bewußtseinsseele beschaffen sind. Wir wissen: die Empfindungsseele wird ausgebildet durch die italienisch-spanischen Völker, die Verstandes- oder Gemütsseele durch die französischen Völker, die Bewußtseinsseele bei den Engländern, das Ich bei uns in Mitteleuropa, und vorbereitet wird das Geistselbst bei den Russen. Also die Engländer sind gewissermaßen die Repräsentanten der materialistischen Gegenwart, die mit der Ausbildung der Bewußtseinsseele zusammenhängt. Lloyd George hängt wiederum in innigster Weise zusammen, ich möchte sagen, er ist prädestiniert nach jeder Richtung hin, repräsentativ für die Gegenwart zu sein. Siebenundzwanzigjährig, innerhalb des englischen Volkes siebenundzwanzigjährig, das will Ungeheures sagen! Daher ist dasjenige, was er sprach, allerdings wie herausgesprochen nicht nur aus der allgemeinen Menschheitsentwickelung der Gegenwart — wenn man sie so auffaßt, daß man sie nicht weiter führen will, sondern gerade dasjenige, was sie in der Gegenwart hat, in stierhafter Stärke aufdrängen will —, sondern auch noch von einem repräsentativen Engländer gesprochen. Also die englische Volksseele, ausgesprochen durch einen repräsentativen Menschen der Gegenwart!

[ 20 ] So wirkte er seit dem Jahre 1890, seit seinem 27. Lebensjahr. Überall in dem, was sich sozial in England ausgelebt hat, sind die Spuren von Lloyd George zu finden. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, wenn man gerade in den Jahren, die schon nahe an den Krieg herangingen, von ihm hörte, daß sich die Engländer nicht betäuben lassen sollen von denjenigen, die als Kriegsfurien fortwährend den Engländern vorreden, die Deutschen wollten Invasionen in England; sie sollen solche Dinge nicht glauben, sie sollten nicht von jedem Penny, der dem Staate zufließt, einen halben Penny zu Rüstungen abgeben. Das war ganz aus der Gesinnung des Engländers und des repräsentativen Menschen heraus gesprochen. Das ist auch ganz aus dem siebenundzwanzigjährigen Ideal heraus gesprochen. Denn die anderen Dinge waren alle Reminiszenzen anderer Ideale, von anderen menschlichen Lebensaltern. Der Mann sprach seine unmittelbare Gegenwart aus, die unmittelbare unkriegerische Gegenwart, zu der gerade das englische Volk gekommen ist. Drei Stufen, sagte er, gibt es zum Ruin, vor diesen drei Stufen muß man sich hüten. Das prägte er immer wieder und wiederum den Leuten ein. Die erste Stufe zum Ruin ist der Schutzzoll, die zweite die Rüstungen, die dritte der Krieg! Das war Lloyd Georges Leitspruch: zum Ruin wird man geführt erstens durch den Schutzzoll, zweitens durch die Rüstungen, drittens durch den Krieg. Nun denken Sie sich: dieser Mann, der außerdem für das richtig abstrakte siebenundzwanzigjährige Ideal des Weltenschiedsgerichtes schwärmte, dieser Mann hat sozusagen in der liberalen Zeit Englands das Gepräge gegeben für all dasjenige, was eben das liberale England durch den Liberalismus sich hat geben können gerade durch einen repräsentativen Menschen. Nun ja, zu alledem, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe in bezug auf Lloyd George, gehört das, daß er der repräsentative Mensch der Siebenundzwanzigjährigkeit ist. Daher wird er all dasjenige gerade in der richtigen Weise in sich haben, mit alledem, was ich Ihnen bisher erzählt habe, für das, was eben repräsentativ für das Engländertum ist, für das auch, was gut ist für das Engländertum, und wodurch das Engländertum der Welt nützen kann. Aber er ist nicht imstande, mit seinen Lebensjahren vorwärtszugehen. Es ist im Sinne dessen, was ich ausgeführt habe, daß er bei der Siebenundzwanzigjährigkeit stehen bleibt. Kommt also etwas, was aus anderen menschlichen Lebensaltern heraus wirkt, dann ist er sofort aufgeworfen, denn da hat er keinen Zusammenhang. Wie sollte er, der dasjenige ablehnt, was das Leben nicht von selber gibt, einen Zusammenhang mit demjenigen haben, was von anderen Ecken der Menschheitsentwickelung heraus kommt. Und damit hängt es zusammen, was für den, der heute hinter die Kulissen der Weltgeschichte schaut, eine absolute Wahrheit ist, wenn diese Wahrheit auch so wenig erkannt wird: dasjenige, was an der Oberfläche des englischen Volkes, des Volkstums lebt, was das Engländertum als solches wollte, dafür ist Lloyd George der Repräsentant. Und das wollte vor allen Dingen dasjenige, was im Sinne der Worte liegt: Zum Ruin führen erstens der Schutzzoll, zweitens die Rüstungen, drittens der Krieg; das heißt, das wollte keinen Krieg. Denn, trotzdem der Krieg im wesentlichen von England nicht verhindert wurde, also herbeigeführt worden ist, so ist es doch die Wahrheit, daß er von Mächten herbeigeführt worden ist, die wir geradezu als okkulte Mächte ansehen müssen, die wir geradezu ansehen als diejenigen, welche die herrschenden Männer an Drähte nahmen. Ich möchte sagen, wir können die Momente nachweisen, wo diese okkulten Mächte eingegriffen haben, wo diese okkulten Mächte die herrschenden, die scheinbar herrschenden Männer an ihre Drähte genommen haben. Diejenigen, die von England aus den Krieg gemacht haben, stehen hinter denen, die als Staatsmänner mit Namen genannt werden. Und sie wirken aus Impulsen heraus, die wahrhaftig nicht siebenundzwanzigjährig sind, sondern die aus alten Traditionen der Menschheit heraus sind, die aus der gründlichsten Kenntnis der Völkerkräfte Europas heraus entsprungen sind, aus der Erkenntnis alles dessen, wo die verschiedenen Völker, die verschiedenen Menschen, die verschiedenen Staatsleitungen stark und schwach sein können, aus genauer, intimer Erkenntnis heraus, aber aus einer Erkenntnis heraus, die durch Jahrhunderte aus ganz geheimen Kanälen geflossen ist, und auch im geheimen lebt, denn diejenigen, die sie inne hatten, die nahmen eben die anderen an die Schnüre. So ein Grey, so ein Asquith waren in Wahrheit nur Marionetten, die selber bis Anfang August 1914 geglaubt haben, daß kein Krieg für England kommen würde, daß sie alles tun wollten, damit kein Krieg kommen könne, und die sich plötzlich gezogen, gestoßen von okkulten Mächten sahen. Diesen Mächten gegenüber, die noch in ganz anderen Persönlichkeiten ihren Ursprung haben als in denen, deren Namen genannt werden, diesen Mächten gegenüber, die aus ganz anderen menschlichen Lebensaltern heraus wirkten, weil sie aus alten Traditionen heraus wirkten, und diese alten Traditionen in den Dienst des englischen Egoismus nahmen, diesen Impulsen gegenüber bedeutet auch der 27 Jahre alt bleibende Lloyd George nur eine Marionette. Und dasjenige, was unter dem Einfluß dieser Mächte wirkt, das wird eine Welle sein, die auch für England über Lloyd George hinweggeht, der ein großer Mann ist, der aber eben ein Repräsentant, durchaus ein Repräsentant der Gegenwart ist. Während hinter den Impulsen, die von England aus diesem Kriege zugrunde liegen, eine genaue Kenntnis der europäischen Völker- und Staatsimpulse liegt, so daß derjenige, der wußte, was in England vorgeht, auch wußte, daß alles das, was jetzt als Schlagwort herrscht, schon geherrscht hat als Idee, die sich verwirklichen mußte, in den achtziger, neunziger Jahren.

[ 21 ] Derjenige, der wußte, was diejenigen reden, welche wirklich von der Politik der Zukunft in England redeten, welche aus der okkulten Erkenntnis des europäischen Völker-Werdens redeten, der wußte, daß diese so redeten: Das russische Reich wird in seinen Herrschaftsverhältnissen zugrunde gehen, damit das russische Volk wird leben können. Ende der achtziger Jahre war die Formel für dasjenige da, was sich im März 1917 als russische Revolution vollzog, und die Fäden waren auch da, von denen das gelenkt und geleitet ist. Aber das wußte nur jener kleine Kreis, der durch seine geheimen Verrichtungen älter wurde, als eben auch Lloyd George wurde. Alle die Vorgänge auf dem Balkan waren in Formeln geprägt von denjenigen Menschen, die wir «die dunklen Hintermänner» nennen können. Es ist eben das Schicksal, daß solche Dinge erlebt werden müssen. Denn, als etwas ganz anderes auch von England aus eingriff, als das eigentlich englische Wesen, welches schon durch Lloyd George repräsentiert wurde, da wurde Lloyd George, der, solange er er selbst war, aus den tiefsten Impulsen heraus den Ruin der Menschheit sah in Schutzzoll, Rüstungen und Krieg, als er die Marionette wurde derjenigen, die hinten ziehen — Munitionsminister! Er behielt nur seine Tüchtigkeit. Er wurde ein tüchtiger Munitionsminister. Der Mann, der gegen die Rüstungen aus innerster Überzeugung gesprochen hat, brachte es zustande, daß England so gerüstet wird, wie die anderen gerüstet sind.

[ 22 ] Da sehen wir, das Zusammentreffen des siebenundzwanzigjährig bleibenden Repräsentanten der Gegenwart mit den dunklen Mächten, die dahinter stehen können, die selbst Überzeugungen, wenn sie noch so tief wurzeln, umkrempeln, weil dasjenige, was nur hier innerhalb des sinnlichen Lebens lebt, immer dirigiert wird von dem Geistigen, also auch dirigiert werden kann von einem Geiste, der im Sinne des Egoismus irgendeiner Gruppe wirkt. Es gab vielleicht wenige Fälle in der Welt, in denen Überzeugungen so in ihr Gegenteil umgekrempelt wurden, wie die Überzeugung des Lloyd George durch die jetzt hinter ihm stehenden Mächte umgekehrt worden ist. Warum? Weil diese Überzeugungen absolut in dem wurzeln, was für den Zeitpunkt der Gegenwart zupräpariert ist in der Siebenundzwanzigjährigkeit. Solange die Siebenundzwanzigjährigkeit der einzelnen Menschenindividualität in der siebenundzwanzigjährigen Menschheit drinnen wirkte, harmonisierten sie vollständig, in dem Augenblick, wo das andere kam, das auf uralten Studien, auf uralter Weisheit beruhte, da wurde es gerade aus dem Grunde aus den Angeln gehoben, weil es eben nur in der Gegenwart wurzelte.

[ 23 ] Ein interessanter Zusammenhang, ein ungeheuer interessanter Zusammenhang! Ein Zusammenhang, der uns, ich denke schon, einiges erklärt über die Vorgänge der Gegenwart, der uns darüber hinwegführt, aus Sympathie und Antipathie heraus zu urteilen, sondern der es uns möglich macht, auf Grundlage von Tatsachen und vom Entwickelungsgang der Menschheit aus ein Urteil zu gewinnen über dasjenige, was vorgeht. Wenn man nämlich weiß, wie die Dinge, die vorgehen, in der ganzen Menschheitsentwickelung verankert sind, dann erst versteht man den Ernst gewisser Ereignisse. Aber man versteht auch, wie notwendig es wird, in dasjenige hineinzuschauen, was hinter den Kulissen der äußeren Weltgeschichte vorgeht. Ja, bis zu dem 28. Menschheitsjahr, bis in das fünfzehnte Jahrhundert, durfte sich die Menschheit so entwickeln, daß die Menschen sich nicht einließen auf die leitenden, führenden Geistesimpulse, von denen die Geschichte abhängt. Heute ist es notwendig, daß die Menschen dasjenige kennenlernen, was wirkt, dasjenige, was wahrhaftig als Impulse unter der Oberfläche wirkt. Und dies haben wir insbesondere in Mitteleuropa notwendig. Denn man muß den Feind in all seinen Kräften erst kennenlernen, wenn man sich gegen ihn in der richtigen Weise schützen will. Erkenntnis desjenigen, was vorgeht, haben wir notwendig. Es gibt aber keine andere Möglichkeit, wirklich in die Untergründe der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung hineinzuschauen als durch die Gesetze, welche Geisteswissenschaft für diese Menschheitsentwickelung uns erklärt. Bis in die einzelnen menschlichen Individuen herein verstehen wir unsere Zeit nur, wenn wir sie aus dem Geiste heraus verstehen können.

[ 24 ] Wie kommt es, daß eine sonst so rätselvolle Persönlichkeit, wie dieser Lloyd George ist, an diesem Platze gerade steht? Diese Frage muß beantwortet werden, denn man muß wissen, mit was man es zu tun hat. Man lernt aber heute den einzelnen Menschen, auch wenn er für die Menschheit repräsentativ ist, nur durch die Geisteswissenschaft kennen. Interessant wird an diesem Lloyd George alles sein, wie schon alles interessant war. Interessant war jeder Schritt, den er seit dem Jahre 1890 unternommen hat. Interessant war die Art und Weise, wie er beim Kriegsausbruch im Hintergrunde gestanden hat, wie er an die Oberfläche gespielt worden ist, wie er jetzt zu einer Art von Achse geworden ist, um die sich so viel in der Welt dreht, sogar der andere Siebenundzwanzigjährige, der Wilson, sich dreht. Und interessant ist es, wie die Innerlichkeit dieses Lloyd George gegenüber geistigen, wenn auch fragwürdigen geistigen Kräften und Mächten versagen mußte. Und interessant wird es sein, wie Lloyd George einmal gestürzt werden wird, was seine Zukunft sein wird. Darauf wollen wir warten.