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The Rudolf Steiner Archive

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Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Alte Mythen und ihre Bedeutung
GA 180

6 Januar 1918, Dornach

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben versucht in diesen Tagen, einiges über den Entwickelungsgang der Menschheit zu verstehen. Wir haben gesucht, die tieferen Grundlagen solcher Mythen zu verfolgen, wie die Osiris-Isismythe eine ist; wir haben ferner versucht, uns von einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederum in der griechischen Götterwelt zurechtzufinden. Und wir haben mit einigem die innere Bedeutung der Anschauungen gestreift, die vielleicht nicht klar zum Ausdrucke kommen, aber zugrunde liegen den Mythendichtungen Ägyptens und Griechenlands, und haben die Beziehungen dessen, was diesen Mythen zugrunde liegt, zu den alttestamentlichen Lehren, wenigstens andeutend ins Auge zu fassen versucht. Diese alttestamentlichen Lehren sind aus anderem Geiste entsprungen als die Götterlehren der Ägypter und der Griechen. Wir haben gesehen, daß die Götterlehren der Ägypter und der Griechen, so wie sie aufgebaut sind, herstammen aus gewissen alten geistigen Erfahrungen der Menschheit, aus einem gewissen Bewußtsein heraus, daß die Menschheit einmal atavistisches Hellsehen gehabt hat und durch das atavistische Hellsehen mit dem Geiste, der die Natur durchdringt, in einer so innigen Beziehung gestanden hat, wie später die Menschheit nur in Beziehung steht zwischen Geburt und Tod mit dem äußerlich Sinnenfälligen. Wir haben gesehen, daß für diese alte atavistische Erkenntnis die umfassende Anschauung von der Welt, welche innerliche Erfahrung war, mehr zu bedeuten hatte als dasjenige, was die bloß sinnenfällige Anschauung der Übergangsmenschheit, zu der wir auch noch gehören, in bezug auf Erkenntnis sein kann.

[ 2 ] Alles, was sich gewissermaßen abgesetzt hat an Vorstellungen in der ägyptischen, in der griechischen Götterlehre, Götteranschauung besser gesagt, das ist mit dem moralischen Grundton eben als eigentliche Lehre im Alten Testamente zu finden. Ich sagte Ihnen ja vorgestern, als ich von einem wichtigen Unterschiede der ägyptischen, der griechischen Götterlehre und des Alten Testamentes sprach: Diejenigen geistig-göttlichen Wesenheiten, welche am Ausgangspunkt des Alten Testamentes stehen, die Elohim, Jahve, sie können nur gedacht werden als den Menschen mitschaffend; sie können nur so gedacht werden, daß durch ihre Taten dasjenige entstanden ist, was wir Erdenmenschheit nennen, und daß die gesamte Entwickelung der Erdenmenschheit erst nach der Grundtat der Elohim beziehungsweise Jahves, sich auf Erden vollzieht. Das ist bei der ägyptischen, bei der griechischen Götterlehre nicht so. Da sehen die Menschen zurück in alte Zeiten und sie sagen sich: Die Götter Osiris, Isis, Zeus, Apollo, Mars, Pallas, die jetzt mit der Lenkung der menschlichen Geschicke zusammenhängen, die sind entstanden aus andern Göttergenerationen heraus; aber die Menschen waren immer schon da. Die ägyptische, die griechische Götterlehre führte die Menschen zurück auf alte Zeiten, in denen noch nicht diejenigen Götter schaffend und herrschend waren, die eben von diesen Zeiten anerkannt werden. Die Menschen schrieben sich also in Ägypten und Griechenland ein höheres Alter zu, als das Herrschaftsalter ihrer entsprechenden Götter ist.

[ 3 ] Das ist ein so fundamentaler, ein so bedeutsamer Unterschied, daß man ihn zunächst wohl ins Auge fassen muß. Wir werden im Laufe dieser Betrachtungen sehen, auf was für eine unendlich wichtige, bedeutsame Tatsache diese Anschauung hinzielt. Bei der alttestamentlichen Götterlehre liegt die Sache so, daß die verehrten Götter zu gleicher Zeit die für das Menschengeschlecht schöpferischen Götter sind. Nur dadurch, daß die alttestamentliche I.ehre das Göttliche zum Menschlich-Schöpferischen macht, nur dadurch ist es der alttestamentlichen Lehre möglich geworden, das moralische Element, den moralischen Impuls in die Götterordnung und dadurch in die ganze Menschenordnung, wir könnten sagen, in die Vorstellung mit aufzunehmen.

[ 4 ] Es ist dies wichtig zum Verständnis der Weltanschauungen der Gegenwart. Denn die Weltanschauungen der Gegenwart stammen nicht in sehr eindeutiger Weise von irgendeinem einheitlichen Ursprung ab, sondern die Weltanschauungen der Gegenwart haben sehr verschiedene Ursprünge, und manches tragen wir in uns, an das wir glauben, zu dem wir uns bekennen als Menschen der Gegenwart, welches unmittelbar im griechischen Anschauen wurzelt. Manches tragen wir in uns, insbesondere die unmittelbare Gegenwart trägt vieles in sich, welches zurückweist auf die alttestamentliche Götterlehre. Das Suchen der Menschen, das Suchen vieler Menschen geht nach einem Sich-Zurechtfinden in diesen oftmals einander widersprechenden Vorstellungen und Begriffen durch den Impuls, der von dem Mysterium von Golgatha ausgeht. Das alles ist gewissermaßen noch Programm für uns, und wir werden es in dieser Zeit, die uns noch gegönnt ist zusammenzusein, auszubauen haben.

[ 5 ] Wichtig ist vor allen Dingen, daß wir eines zugrunde legen können. Ich habe schon gestern darauf hingedeutet. Wir leben — das haben wir öfter erwähnt — seit dem 15. Jahrhundert im fünften nachatlantischen Zeitalter; und in einer gewissen Beziehung, sagte ich, müssen gewisse Impulse des dritten nachatlantischen Zeitalters, des ägyptisch-chaldäischen Zeitalters, wiederum aufgehen in dem fünften, geradeso wie in dem sechsten nachatlantischen Zeitalter gewisse Impulse des zweiten, des Zarathustrazeitalters, des urpersischen, aufleuchten werden, und wie im letzten nachatlantischen Zeitalter, im siebenten, gewisse Impulse des urindischen Zeitalters wieder aufleuchten werden. Das ist ein Gesetzmäßiges im menschlichen Entwickelungsgange, das in bedeutungsvoller Weise hinzielt auf dasjenige, was im wesentlichen der Menschheit geistig bevorsteht bis zu der neuen Katastrophe, die kommen muß, einer Naturkatastrophe ähnlich.

[ 6 ] Nun haben wir zum Teil schon gesehen, welch ungeheure Tiefe des menschlichen Bewußtseins in alten Zeiten sich darinnen ausdrückt, daß diese alten Zeiten die Osirismythe ausgebildet haben. Wir haben gesehen, daß dieses alte Zeitalter sagen wollte: Es lebte einst unter den Menschen eine Anschauung, wodurch der Mensch das Geistige in seiner Naturumgebung noch unmittelbar in seinen atavistischen Imaginationen erleben konnte. — Das war die Zeit, in der Osiris herrschte. Aber die neuen Anschauungen, die Typhonanschauungen, jene Anschauungen, die aus der Bilderschrift die Buchstabenschrift gemacht haben, jene Anschauungen, die aus den uralten heiligen Sprachen, welche die Menschen gemeinschaftlich gesprochen haben, die einzelnen Lautsprachen gebildet haben, diese typhonischen Anschauungen, diese Anschauungen Typhons, die haben dasjenige, was in der Menschheit als der Osirisimpuls lebte, getötet, so daß der Osiris seither als eine Wesenheit bei den Menschen nur dann ist, wenn sie zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind.

[ 7 ] Wir haben dann im wesentlichen die Osiris-Isislegende verfolgt, haben gesehen, wie Osiris als ein uralter Herrscher Ägyptens betrachtet wird, der den Ägyptern die wesentlichsten ihrer Künste gebracht hat, der durch lange Zeiten hindurch in Ägypten geherrscht hat, der auch von Ägypten aus in andere Länder gezogen ist, und nicht durch das Schwert, sondern durch die Überredung die Wohltaten der in Ägypten gelehrten Künste nach andern Ländern gebracht hat. Während seiner Abwesenheit auf Reisen also, als er nach andern Ländern die Wohltat brachte, durch die er die Ägypter unterwies, führte in seinem eigenen Lande, in Ägypten, Typhon, sein böser Bruder, Neuerungen ein. Und als dann Osiris wieder zurückkam, wurde er trotz der Wachsamkeit seiner Gattin Isis von Typhon getötet. Isis suchte dann den Osiris überall. Durch Knaben — so erzählt die Legende — wurde ihr verraten, daß der Sarg fortgeschwommen sei. Sie entdeckte ihn dann in Byblos in Phönizien, sie brachte ihn zurück nach Ägypten. Typhon zerstückelte den Leichnam in vierzehn Stücke. Isis sammelte die Stücke; sie konnte jedem Stück durch Spezereien und andere Mittel wiederum das Aussehen des Osiris geben. Sie bewog dann die Priester, ein Drittel des Landes von ihr in Besitz zu nehmen und dafür, daß sie ein Drittel des Landes in Besitz nahmen, sollten sie auf der einen Seite das Grabmal des Osiris geheimhalten, auf der andern Seite den Osirisdienst einrichten, das heißt den Erinnerungsdienst an die alte Osiriszeit, daran, daß einstmals ein anderes Anschauen in der Menschheit vorhanden war. Es sollte diese Erinnerung fortan gefeiert werden. Umflossen war diese Erinnerung von allerlei Geheimnissen. Hingedeutet war auf die Zeit, in der Typhon den Osiris getötet hat, als die Zeit, in welcher die Sonne in den Novembertagen des Herbstes untergeht im siebzehnten Grade des Skorpion, und der Mond, auf der entgegengesetzten Seite, im Stier, in den Plejaden als Vollmond erschienen war.

[ 8 ] Dann wurde erzählt, daß sich Osiris noch einmal von der Unterwelt, wo er fortan über die Toten herrscht, wo er der Totenrichter ist, begeben hat in die Oberwelt, um seinen Sohn Horus, den er mit Isis hatte, zu unterweisen. Es wird weiter von der Legende erzählt, daß Isis sich doch habe bewegen lassen, den Typhon freizugeben, den sie gefangengehalten hatte. Darüber erzürnte der von Osiris unterrichtete Sohn Horus so stark, daß er mit der Mutter, mit der Isis, in Streit kam und ihr die Krone entriß. Dann wird erzählt, daß er ihr entweder selber, in anderer Version auch, daß der Hermes ihr an Stelle der Krone Kuhhörner aufgesetzt hätte, mit denen sie seither abgebildet wird.

[ 9 ] Nun, Sie sehen da Isis in der altägyptischen Mythe an der Seite des Osiris stehen. Und Isis war für die Anschauung der alten Ägypter nicht nur eine geheimnisvolle Gottheit, nicht nur ein geheimnisvolles Geisteswesen, das mit dem Weltenregiment in innigem Zusammenhange stand, sondern Isis war auch, ich möchte sagen, der Inbegriff alles Tiefen, das die Ägypter zu denken vermochten über die Urkräfte, die im Natürlichen und im Menschendasein wirkten. Wenn der Ägypter aufschauen sollte zu dem, was die großen Geheimnisse in seiner Umgebung sind, dann sollte er aufblicken zu Isis, welche ein Standbild hatte in dem Tempel zu Sais, das berühmt geworden ist. Unter diesem Standbilde stand bekanntlich die Inschrift, die ausdrücken sollte das Wesen der Isis: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.

[ 10 ] Das war insbesondere im Spätzeitalter der ägyptischen Kultur ein Mittelpunktsgedanke dieser ägyptischen Kultur. Und im Anblicke der Geheimnisse der Isis erinnerte man sich an die andern Geheimnisse der alten Osiriszeit. Und mit der Isis in Zusammenhang, mit der Isis, vor deren Anblick der ägyptische Bekenner erschauerte, wenn er die Worte auf sich wirken ließ: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet —, wenn der Ägypter diese Worte auf sich wirken ließ, dann gedachte er wohl auch zu gleicher Zeit, daß Isis einmal verbunden war mit Osiris, als Osiris noch auf Erden wandelte. Der profane Mensch stellte sich die Sache legendenhaft vor. In den Mysterien sprachen die Priester davon, daß die alte Osiriszeit diejenige war, in welcher das alte Hellsehen den Menschen mit dem Geiste der Natur ringsherum verband.

[ 11 ] Mit diesen Empfindungen und Gefühlen, die in der Seele, die im Herzen des Ägypters waren, muß man heute zur Orientierung für die Gegenwart die Osiris-Isislegende oder -mythe nun ins Auge fassen. Wir haben es zunächst in einigen Grundzügen getan. Und durch diese Grundzüge soll, möchte ich sagen, vor unserem Seelenblicke stehen dasjenige, was einmal herübergetönt hat aus alten Zeiten in neuere Zeiten, was durch das Mysterium von Golgatha zwar seinen Sinn verloren hat, aber heute wiederum enträtselt werden muß, gerade zum besseren Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Vor unserem Seelenblick muß stehen all das Geheimnisvolle, das zunächst nur geahnt werden kann, wenn der Ägypter die Worte empfand, die die Charakteristik der Isis abgaben: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet. — Denn wir wollen gegenüber dieser OsirisIsismythe eine andere Osiris-Isismythe stellen, eine ganz andere. Und indem diese erzählt wird, diese andere Osiris-Isismythe, muß im hohen Grade auf Ihre Vorurteilslosigkeit, auf Ihre Unbefangenheit, muß darauf gerechnet werden, daß Sie ja nicht mißverstehen diese andere Osiris-Isismythe. Sie ist keineswegs aus albernem Hochmut geboren, sie ist in Demut geboren; sie ist auch so geartet, daß sie vielleicht heute nur in höchst unvollkommener Weise erzählt werden kann. Aber ich werde versuchen, ihre Züge mit einigen Worten zu charakterisieren.

[ 12 ] Es ist zunächst — obwohl das nur vorläufig sein kann — jedem überlassen, wann er die Zeit ansetzen will, in der diese Osiris-Isismythe so erzählt wird, wie ich sie nur annähernd, oberflächlich, möchte ich sagen, banal heute erzählen kann. Aber wie gesagt, ich will mich bemühen, diese andere Osiris-Isismythe zu erzählen, mich dabei möglichst über manche Vorurteile hinwegsetzend und appellierend an Ihr vorurteilsloses Verständnis. Diese andere Osiris-Isismythe hat also etwa, ich sage etwa, folgenden Inhalt.

[ 13 ] Es war in der Zeit der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit, mitten im Lande Philisterium. Da wurde errichtet auf einem geisteseinsamen Hügel ein Bau, den man im Lande Philisterium sehr merkwürdig fand. — Ich möchte noch sagen: Der kommende Kommentator fügt da eine Anmerkung hinzu, daß mit dem Lande Philisterium nicht bloß etwa die allernächste Umgebung gemeint ist. — Wenn man in der Sprache Goethes reden wollte, so könnte man sagen, der Bau stellte dar ein «offenbares Geheimnis». Denn der Bau war niemandem verschlossen; der Bau war allen zugänglich, und es konnte ihn im Grunde genommen jeder bei günstiger Gelegenheit sehen. Aber die allergrößte Mehrzahl der Leute sah gar nichts. Die allergrößte Mehrzahl der Leute sah weder, was gebaut ist, noch was das Gebaute vorstellte. Die allergrößte Mehrzahl der Leute stand — um eben wieder im goetheschen Sinne zu reden — vor einem offenbaren Geheimnis, einem ganz offenbaren Geheimnis.

[ 14 ] Als Mittelpunkt des Baues war ein Standbild gedacht. Dieses Standbild stellte dar eine Gruppe von Wesenheiten: den Menschheitsrepräsentanten, dann Luziferisches, Ahrimanisches. Die Menschen schauten sich dieses Standbild an und wußten in dem Zeitalter der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit innerhalb des Landes Philisterium nicht, daß dieses Standbild im Grunde genommen nur der Schleier ist für ein unsichtbares Standbild. Aber das unsichtbare Standbild, das merkten die Leute nicht; denn dieses unsichtbare Standbild, das war die neue Isis, die Isis eines neuen Zeitalters.

[ 15 ] Einige aus dem Lande der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit hatten einmal gehört von diesem merkwürdigen Verhältnisse desjenigen, was offenbar war, zu dem, was als Isisbild verborgen war hinter dem Offenbaren. Und dann hatten sie in ihrer tiefgründigen, allegorisch-symbolischen Sprechweise die Behauptung aufgestellt: diese Zusammenstellung des Menschheitsrepräsentanten und Luzifer und Ahriman bedeutete die Isis. Mit diesem Worte «bedeutete» haben sie aber nicht nur das künstlerische Wollen ruiniert, aus dem die Sache hervorgegangen sein sollte — denn Künstlerisches bedeutet nicht nur etwas, sondern ist etwas —, sie haben auch die ganze Sachlage, die zugrunde liegt, vollständig verkannt. Denn es handelte sich gar nicht darum, daß die Gestalten etwas bedeuteten, sondern die Gestalten waren schon das, als was sie sich gaben. Und hinter den Gestalten war nicht eine abstrakte neue Isis, sondern eine wirkliche, reale neue Isis. Die Gestalten bedeuteten sie gar nicht, sondern die Gestalten waren eben für sich das, als was sie sich gaben. Aber sie hatten in sich die Eigentümlichkeit, daß hinter ihnen das reale Wesen, die neue Isis, war.

[ 16 ] Einige, welche in besonderer Lage, in besonderen Augenblicken diese neue Isis doch gesehen hatten, haben gefunden, daß sie schläft. Und so kann man sagen: Das wirkliche tiefere Standbild, das sich hinter dem äußeren, offenbaren Standbilde verbirgt, ist die schlafende neue Isis, eine schlafende Gestalt, sichtbar, aber von wenigen gesehen. Manche wandten sich dann in besonderen Augenblicken zur Aufschrift, die deutlich dasteht, aber auch von wenigen in dem Ort, wo das Standbild in Vorbereitung steht, zunächst gelesen worden ist; und doch steht die Aufschrift deutlich da, ebenso deutlich, wie einstmals die Aufschrift auf dem verschleierten Bilde zu Sais gestanden hat. Die Aufschrift steht nämlich da: Ich bin der Mensch. Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Meinen Schleier sollte jeder Sterbliche lüften.

[ 17 ] Einstmals nahte sich der schlafenden Gestalt der neuen Isis zum ersten Male und dann immer wieder und wiederum eine andere Gestalt, wie ein Besucher. Und die schlafende Isis hielt diesen Besucher für ihren besonderen Wohltäter und liebte ihn. Und sie glaubte eines Tages an eine besondere Illusion, ebenso wie der Besucher eines Tages an eine besondere Illusion glaubte: die neue Isis bekam einen Sprossen — und sie hielt den Besucher, den sie für ihren Wohltäter hielt, für den Vater. Der hielt sich selber für den Vater, aber er war es nicht. Der geistige Besucher, der kein anderer war als der neue Typhon, er glaubte, daß er dadurch in der Welt einen besonderen Zuwachs seiner Macht erhalten könnte, daß er sich dieser neuen Isis bemächtige. So hatte die neue Isis einen Sprossen. Aber sie erkannte sein Wesen nicht, sie wußte nichts von der Wesenheit dieses neuen Sprossen. Und sie verschleppte ihn, sie trug ihn hinaus weit in die Lande, weil sie glaubte, daß sie das so tun müsse. Sie verschleppte den neuen Sprossen, und da sie ihn durch verschiedene Gegenden der Welt geschleppt hatte, verschleppt hatte, da zerfiel er wie durch die Gewalt der Welt selber in vierzehn Stücke.

[ 18 ] So hatte die neue Isis ihren Sprossen hinausgetragen in die Welt, und die Welt hatte den Sprossen zerstückelt in vierzehn Stücke. Als dieses der Geistbesucher erfahren hatte, der neue Typhon, da hat er die vierzehn Stücke zusammengesucht, und mit all den Kenntnissen der naturwissenschaftlichen Tiefgründigkeit hat er aus diesen vierzehn Stücken wiederum eines gemacht, ein Wesen. Aber in diesem Wesen war nur mechanische Gesetzmäßigkeit, nur maschinenmäßige Gesetzmäßigkeit. So war ein Wesen entstanden mit dem Schein des Lebens, das aber maschinenmäßige Gesetzmäßigkeit hatte. Und dieses Wesen, weil es aus vierzehn Stücken entstanden ist, konnte sich wiederum vervierzehnfachen. Und Typhon konnte jedem Stück einen Abglanz seiner eigenen Wesenheit geben, so daß jedem der vierzehn Sprossen der neuen Isis ein Antlitz ward, das dem neuen Typhon glich.

[ 19 ] Und Isis mußte ahnend all dies Wunderbare verfolgen; ahnend konnte sie all dieses Wunderbare schauen, was mit ihrem Sprossen vor sich gegangen war. Sie wußte: sie hat ihn selber verschleppt, sie hat selber das alles herbeigeführt. Aber es kam ein Tag, da konnte sie ihn in seiner wahren Gestalt, in seiner echten Gestalt von den Händen einer Reihe von Geistern, die Elementargeister der Natur waren, entgegennehmen, konnte ihn zurückerhalten von Elementargeistern der Natur.

[ 20 ] Als sie ihren wahren Sprossen, der nur durch eine Illusion zum Sprossen des ’Typhon gestempelt worden war, zurückerhalten hatte, da ging ihr ein merkwürdiges hellseherisches Gesicht auf, da merkte sie plötzlich, daß sie noch die Kuhhörner vom alten Ägypten hatte, trotzdem sie eine neue Isis geworden war.

[ 21 ] Und siehe da, als sie so hellsichtig geworden war, rief die Kraft ihrer Hellsichtigkeit — einige sagen den Typhon selbst, einige sagen den Merkur herbei. Und der war gezwungen, durch die Kraft der Hellsichtigkeit der neuen Isis, ihr eine Krone an dieselbe Stelle ihres Hauptes aufzusetzen, wo einstmals die alte Isis jene Krone gehabt hat, die ihr Horus herabgerissen hatte, an dieselbe Stelle also, wo sie die Kuhhörner bekommen hat. Aber diese Krone war aus eitlem Papier, beschrieben mit allerlei tiefgründiger Wissenschaftlichkeit, aber sie war aus Papier. Und sie hatte jetzt zwei Kronen auf dem Kopf: die Kuhhörner und die Krone aus Papier, mit aller Weisheit der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit geziert.

[ 22 ] Durch die Kraft ihrer Hellsichtigkeit ging ihr eines Tages auf die tiefste Bedeutung, die das Zeitalter erreichen konnte, desjenigen, was im Johannes-Evangelium als der Logos bezeichnet wird; es ging ihr die Johanneische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auf. Durch diese Kraft ergriff die Macht der Kuhhörner die papierene Krone und wandelte sie in eine wirkliche Goldkrone aus echter Weisheit um.

[ 23 ] Das sind so die Züge, die angegeben werden können von dieser neuen Osiris-Isislegende. Ich will mich selbstverständlich nicht selber zum Kommentator, zum Erklärer dieser Osiris-Isislegende machen. Sie ist die andere Osiris-Isislegende. Aber sie soll eines vor unsere Seele stellen: Wenn auch heute das Können, das verbunden ist mit dem neuen Isis-Standbilde, nur erst ein schwaches, versuchendes und tastendes ist, es soll der Ausgangspunkt von etwas sein, das tief berechtigt ist in den Impulsen der neueren Zeit, das tief berechtigt ist in dem, was dieses Zeitalter soll und was dieses Zeitalter werden muß.

[ 24 ] Wir haben gerade in diesen Tagen davon gesprochen, wie das Wort gewissermaßen sich entfernt hat von dem unmittelbar seelischen Erlebnis, dem das Wort ursprünglich entquollen ist. Wir haben gesehen, wie wir im Zeitalter der’Abstraktionen leben, wo die Worte, die Vorstellungen der Menschen nur noch abstrakte Bedeutung haben, wo der Mensch der Wirklichkeit ferne steht. Die Kraft des Wortes, die Kraft des Logos muß aber wieder ergriffen werden. Die Kuhhörner der alten Isis müssen sich in eine ganz andere Gestalt verwandeln.

[ 25 ] Solche Dinge kann man schwer mit den heutigen abstrakten Worten sagen. Für solche Dinge ist es besser, wenn Sie versuchen, sie in diesen Imaginationen, die Ihnen vorgeführt worden sind, vor Ihr Seelenauge zu führen und diese Imaginationen etwas zu verarbeiten als Imaginationen. Es ist sehr bedeutsam, daß die neue Isis durch die Kraft des Wortes, wie sie wieder errungen werden soll durch die Geisteswissenschaft, die Kuhhörner umwandelt, so daß selbst die papierene Krone, die mit der neuen, tiefgründigen Wissenschaftlichkeit beschrieben ist, daß selbst die papierene Krone eine echte Goldkrone wird.

[ 26 ] Eines Tages kam dann einmal jemand vor die vorläufige Gestalt des Standbildes der neuen Isis, und links oben war eine humoristisch gehaltene Figur angebracht, die in ihrer Weltenstimmung etwas hat zwischen Ernst, Ernst im Vorstellen über die Welt und, man könnte sagen, sogar Kichern über die Welt. Und siehe da, als einstmals jemand in einem besonders günstigen Augenblicke dieser Figur sich gegenüberstellte, da wurde sie lebendig und sagte ganz humorvoll: Die Menschheit hat die Sache nur vergessen, aber schon vor Jahrhunderten ist vor die neuere Menschheit hingestellt worden etwas über die Natur der neueren Menschheit, insoferne diese neuere Menschheit nur das abstrakte Wort, den abstrakten Begriff, die abstrakte Idee noch meistert und von der Wirklichkeit sehr weit entfernt ist; insofern diese neue Menschheit sich an Worte hält und immer frägt: Ist es ein Kürbis oder ist es eine Flasche? — wenn eben zufällig aus einem Kürbis eine Flasche gemacht worden ist, immer sich an Definitionen hält, immer bei den Worten stehenbleibt! Im 15., 16., 17. Jahrhundert — so sagte das kichernde Wesen —, da hat die Menschheit noch Selbsterkenntnis gehabt über dieses eigentümliche Verhältnis, die Worte in falschem Sinne zu nehmen, sie nicht auf ihre wahre Wirklichkeit zu beziehen, sondern sie in ihrem alleroberflächlichsten Sinne zu nehmen. In dem Zeitalter des Wilsonianismus hat aber die Menschheit selbst dasjenige schon vergessen, was einstmals zu ihrer guten Selbsterkenntnis im 15., 16., 17. Jahrhundert vor sie hingestellt worden ist.

[ 27 ] Und das Wesen kicherte weiter und sagte: Das, was die moderne Menschheit als ein eigentliches Rezept für ihren abstraktiven Geist entgegennehmen sollte, das ist abgebildet auf einem Leichenstein in Mölln im Lauenburgischen. Da steht nämlich ein Leichenstein, und auf diesem Leichenstein ist gezeichnet eine Eule, die einen Spiegel sich vorhält. Und es wird erzählt, daß Till Eulenspiegel, nachdem er mit allerlei Streichen die Welt durchzogen hat, dort begraben worden ist. Es wird erzählt, daß es diesen Till Eulenspiegel gegeben habe. Er wäre geboren worden im Jahre 1300, wäre nach Polen gezogen, wäre sogar nach Rom gekommen, hätte in Rom sogar mit den Hofnarren einen Wettstreit gehabt über allerlei Weisheitskram, und hat all die übrigen Till-Eulenspiegeleien begangen, die ja aus den Schriften über Till Eulenspiegel selber zu lesen sind.

[ 28 ] Die Gelehrten — und die Menschen, die Gelehrte sind, sind ja heute sehr gelehrt, nehmen alles außerordentlich tief und bedeutsam —, die haben selbstverständlich gefunden, sie haben verschiedenes gefunden, zum Beispiel, daß es keinen Homer gegeben hat. Die Gelehrten haben natürlich auch gefunden, daß es keinen Till Eulenspiegel gegeben hat. Einer der Hauptgründe, warum unter dem Leichenstein im Lauenburgischen, auf dem sich die Eule mit dem Spiegel befindet, nicht die wirklichen Gebeine des wirklichen Till Eulenspiegel liegen sollen, der nur der Repräsentant seines Zeitalters gewesen wäre, einer der hauptsächlichsten Gründe war der, daß man einen andern Leichenstein gefunden hat in Belgien, worauf auch eine Eule mit einem Spiegel war. Nun haben die Gelehrten selbstverständlich gesagt — denn das ist ja logisch, nicht wahr, und logisch sind sie alle; wie ist es nur bei Shakespeare: Ehrenwerte Menschen sind sie alle, alle, alle, logisch sind sie alle — sie haben gesagt: Wenn sich dieselbe Signatur in Lauenburg und in Belgien befindet, so hat es natürlich keinen Eulenspiegel gegeben.

[ 29 ] Sonst nimmt man im Leben, wenn man ein zweites Mal das findet, was man ein erstes Mal gefunden hat, dies oftmals als Bekräftigung aber logisch ist es, nicht wahr, in diesen Dingen die Sache so zu nehmen: Na, sagen wir, wenn ich einen Franken habe, dann habe ich einen Franken. Ich glaube es. Solange ich nur weiß, daß ich einen Franken habe, glaube ich es! Da kriege ich aber einen andern dazu, nun habe ich zwei. Nun glaube ich, daß ich gar keinen mehr habe! — Das ist dieselbe Logik. Diese Logik findet sich nämlich in unserer Wissenschaft. Wenn ich sie Ihnen hererzählen würde, wo überall sie findet sich sehr häufig!

[ 30 ] Aber worinnen besteht denn eigentlich das Wesentlichste der Eulenspiegel-Streiche? Lesen Sie in dem Buche nach. Das Wesentliche der Till-Eulenspiegel-Streiche besteht nämlich immer darinnen, daß dem Eulenspiegel irgend etwas aufgetragen wird. Er nimmt die Sache bloß nach dem Worte und führt sie dann natürlich verkehrt aus. Denn selbstverständlich, wenn — in etwas übertragenem Sinne sei das gesprochen —, wenn man zum Beispiel sagen würde zu dem Eulenspiegel, den ich jetzt bloß als repräsentative Figur nehme: Bring mir einen Doktor —, da würde er das bloße Wort nehmen, und er würde einen Menschen bringen, der von einer Universität graduiert ist als Doktor, aber er würde vielleicht einen Menschen bringen, der — verzeihen Sie das harte Wort — ganz blitzdumm ist; er hat die Sache nur dem Wortlaute nach genommen. Alle Streiche des Till Eulenspiegel sind so, daß er die Sache dem Wortlaute nach nimmt. Damit aber ist Till Eulenspiegel geradezu der Repräsentant des gegenwärtigen Zeitalters. Die Eulenspiegelei ist ein Grundton in unserer gegenwärtigen Zeit. Die Worte sind heute weit entfernt von ihrer Ursprungsstelle, die Begriffe sind oftmals noch weiter entfernt von ihrer Ursprungsstelle, und die Menschen merken das nicht, weil sie sich eulenspiegelartig verhalten zu demjenigen, was nun einmal die Kultur heraufgetragen hat. Daher konnte es ja kommen, daß Fritz Mauthner in einem philosophischen Wörterbuch alle philosophischen Begriffe, an die er herankommen kann, vornimmt, und von allen diesen philosophischen Begriffen einen überzeugt, daß sie eigentlich bloße Worte sind, daß sie gar nicht mehr in Verbindung stehen mit irgendeiner Wirklichkeit. Die Menschheit weiß gar nicht, wie weit sie sich mit dem, was sie heute Ideen und oftmals sogar Ideale nennt, von der Realität entfernt. Mit andern Worten, die Menschheit weiß gar nicht, wie sie Eulenspiegel zu ihrem Schutzheiligen gemacht hat, wie Eulenspiegel noch immer die Länder durchwandelt.

[ 31 ] Eines der Grundübel unserer Zeit ruht eben darinnen, daß die gegenwärtige Menschheit die Pallas Athene flieht, das ist die Göttin der Weisheit, und sich an das Symbolum hält: an die Eule. Und zwar ahnt die Menschheit nichts mehr davon, aber wahr ist es doch: Dasjenige, was uns als Grundlage der äußeren Erkenntnis entgegentritt, ist nur ein Spiegelbild — das haben wir ja oftmals ausgeführt —, aber in einem Spiegel sieht man das, was man ist! Und so sieht die Eule will sagen die moderne wissenschaftliche Tiefgründigkeit — in dem Spiegel, in der Weltenmaja, eben nur ihr eigenes Eulengesicht.

[ 32 ] Solche Sachen kicherte das Wesen links oben über dem modernen Isis-Standbilde, und noch manches andere, das gegenwärtig aus einer gewissen Courtoisie gegenüber der Menschheit verschwiegen wird. Aber ein Gefühl sollte hervorgerufen werden, daß mit der Eigenart dieser Darstellung der Menschengeheimnisse durch die Wesenhaftigkeit des Luziferischen, Ahrimanischen, im Zusammenhange mit der Repräsentanz der Menschheit selbst, ein Bewußtseinszustand in der Menschheit erregt werden soll, der gerade diejenigen Impulse in der Seele weckt, die notwendig sind für das kommende Zeitalter.

[ 33 ] «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» Aber das Wort, es ist zur Phrase geworden, das Wort, es hat sich entfernt von seinem Anfang. Das Wort, es klingt und tönt, aber es wird nicht gesucht seine Verbindung mit der Wirklichkeit; es ist nicht das Bestreben in den Menschen, die Grundkräfte desjenigen, was um sie herum vorgeht, wirklich zu erforschen. Und man kann diese Grundkräfte im Sinne des gegenwärtigen Zeitalters auch nur dann erforschen, wenn man darauf kommt, daß mit den mikrokosmischen Kräften des Menschen die Wesenheit, die wir als luziferische und ahrimanische bezeichnen, wirklich verbunden ist. Man kann heute die Wirklichkeit nur verstehen für den Menschen, der zwischen Geburt und Tod lebt, wenn man sich einige Begriffe machen kann von derjenigen Wirklichkeit, die wir jetzt auch öfter betrachtet haben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für den Menschen liegt. Denn die eine Wirklichkeit ist nur der Pol der andern Wirklichkeit, der umgekehrte Pol der andern Wirklichkeit.

[ 34 ] Wir haben darauf hingewiesen, wie in alten Zeiten die Menschen, wenn sie in das Reifezeitalter eingetreten sind, nicht nur eine Veränderung erfahren haben, wie sie noch heute im physischen Reifezeitalter eine Veränderung ihrer Stimme oder ihrer sonstigen Leibesorganisation erfahren, sondern auch eine Veränderung ihrer Seele erfahren haben. Wir haben darauf hingewiesen, wie die alte Osiris-Isismythe gerade mit dem Hinschwinden der Veränderung der Seele zusammenhing. Was da aufgetreten ist in der Menschheit durch jene Kräfteessenzen, von denen wir gestern gesprochen haben, das muß in anderer Form wiederkommen, indem die Menschen in einer neuen Gestalt die Kraft des Wortes erleben, die Kraft des Gedankens, die Kraft der Idee; jetzt nicht so, als wie wenn durch Naturkräfte aus der innersten Leibesorganisation — gleich wie beim Stimmverändern der Knaben — etwas heraufsteigt, was den Menschen ausziert mit der Kraft der animalischen Organisation und auf seinem Haupte unsichtbar als Kuhhörner fungiert, sondern es muß dasjenige, was gemeint ist mit dem Mysterium von Golgatha, was gemeint ist mit der wahren Kraft des Wortes, bewußt von den Menschen ergriffen werden. Ein neues Element muß einziehen in das menschliche Bewußtsein. Grundverschieden ist dieses neue Element von den Elementen, die man heute noch gerne bezeichnet. Aber dieses neue Element hat seine Bedeutung für das soziale Leben, es hat seine Bedeutung für die Menschheitspädagogik, wenn Pädagogik oder Erziehungsiehre aus dem traurigen Zustand hinauskommen sollen, in dem sie sich heute befinden.

[ 35 ] Wovon redet die tiefgründige Eulenspiegelei — will sagen, naturwissenschaftliche Tiefgründigkeit —, wovon redet sie hauptsächlich, wenn sie vom Menschen redet? Wovon redet selbst ein großer Teil der neueren Dichtung? Sie redet von dem physischen Ursprunge des Menschen im Zusammenhange mit physischen Entitäten der Abstammung. Im Grunde genommen ist ja die sogenannte moderne, die vielgerühmte moderne Entwickelungslehre nichts anderes als eine Anschauung, die in den Mittelpunkt rückt die physische Abstammungslehre. Denn der Begriff der Vererbung spielt die allergrößte Rolle in dieser Entwickelungslehre. Es ist eine Einseitigkeit. Die Menschen sind sehr zufrieden mit solcher Einseitigkeit, denn die Menschen glauben heute, daß man dabei sehr gelchrt sein kann. Man kann es auch mit ganz willkürlichen, scheinbar aus tiefer Logik, aber in Wirklichkeit aus Luftigkeit geholten Ausdeutungen von Dingen.

[ 36 ] Wir haben gestern ein Beispiel gesehen, wie ganze Literaturen geschrieben werden, weil die Menschen den Zusammenhang einer Vorstellung mit dem ursprünglichen Erlebnis, aus dem die Vorstellung hervorgegangen ist, verloren haben: das Kreuzessymbolum. Eine ganze Literatur ist darüber geschrieben worden, auf alles mögliche ist das Kreuz bezogen worden. Worauf es zu beziehen ist, wir haben es gestern gesehen. Mit manchem andern werden die Dinge geradeso gemacht, und die Menschen kommen sich tiefsinnig vor, wenn sie solche Dinge machen.

[ 37 ] Ich erinnere Sie an eines, denken Sie nur einmal, wie unendlich bedeutend kommen sich heute manche Menschen vor, wenn sie glauben, in einer ähnlichen Weise zu sprechen, wie heute hier gesprochen worden ist. Es gibt genügend Leute, die sagen, die sogar sehr häufig das Wort brauchen — ach, man kann es, mit Respekt zu vermelden, in den Zeitungen alle Augenblicke lesen: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. — Damit meint man, etwas sehr Tiefsinniges gesagt zu haben. Aber man sollte nach dem Ursprunge eines solchen Wortes fragen. Er führt zurück in diejenigen Zeiten, in denen man lebendige Vorstellungen gehabt hat, die eben noch mit den Erfahrungen, mit den Erlebnissen zusammenhängen. Wenn man heute redet, da ist wenig Zusammenhang, insbesondere zwischen dem Worte und seiner Ursprungsstätte. Wollen Sie noch rechten Zusammenhang haben zwischen Wort und Sätzen und Ursprungsstätten, dann rate ich Ihnen, lesen Sie das Büchelchen, in dem «Schweizerdeutsche Sprichwörter» gesammelt sind; denn in diesen volkstümlichen Sprichwörtern findet man noch ein urtümliches Zusammenklingen desjenigen, was gesagt wird, mit dem unmittelbaren Erlebnis. Der Buchstabe, mit ihm ist nämlich dasjenige gemeint, was als Buchstabenschrift gekommen ist gegenüber dem Alten, welches in der gestern geschilderten Weise das imaginative Leben aus dem Geiste herausgeholt hat. Dieser alte Geist machte lebendig, und die Lebendigkeit hatte in jener Entwickelungsepoche des Menschen das imaginative atavistische Hellsehen zur Folge. Aber ein Bewußtsein war vorhanden, daß diese Epoche von einer andern abgelöst werden muß, daß der Buchstabe kommen muß, der die alte Lebendigkeit tötet.

[ 38 ] Und jetzt bringen Sie das in Zusammenhang mit alldem, was ich gesagt habe über das eigentliche Wesen des Bewußtseins im Zusammenhang mit dem Tode. Da ist es der Buchstabe, der tötet, der aber auch das Bewußtsein bringt, das nur wieder überwunden werden muß durch ein anderes Bewußtsein. Nicht das Wegwerfende ist gemeint, das die heutige Journalistentorheit in dem Spruch hat: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig —, sondern der Satz hängt zusammen mit Entwickelungsimpulsen der Menschheit. Er besagt ungefähr: In alten Zeiten, in imaginativen Zeiten, in den Osiriszeiten, erhielt der Geist die Menschenseele in dumpfer Lebendigkeit; der Buchstabe rief in späteren Zeiten das Bewußtsein hervor. Das ist die Interpretation des Satzes, das bedeutete er ursprünglich. Und so wie in diesem Falle sind die Menschen heute in vielen Fällen sehr, sehr mit Einsichten zur Hand, mit willkürlichen Deutungen, weil sie keinen Zusammenhang haben damit.

[ 39 ] Das begründet nicht, daß die Dinge falsch sind, welche die moderne tiefgründige Wissenschaftlichkeit über den Vererbungsbegriff findet, sondern daß der andere Pol hinzukommen muß, wenn man von der Vererbung spricht. Weist man auf seine Kindheit und von seiner Kindheit auf seine Geburt zurück, frägt man sich: Was trage ich in mir? — dann ist die Antwort: Was Eltern und Voreltern in sich getragen haben und auf mich übertragen haben! — Es gibt aber auch noch ein anderes Hinschauen auf den Menschen, das nur der Gegenwartsmensch noch nicht übt, das der Zukunftsmensch üben muß, das in den Mittelpunkt der Pädagogik, der Erzichungskunst treten muß: das ist nicht das Zurückblicken auf das Jünger-gewesen-Sein, sondern das richtige Hinblicken auf die Tatsache, daß man mit jedem Tag älter wird im Leben. Im Grunde versteht die neuere Menschheit nur, daß man einmal jung gewesen ist. Sie versteht nicht — in Wirklichkeit nicht — realistisch aufzufassen, daß man mit jedem Tage älter wird. Denn sie weiß nicht das Wort, das hinzutreten muß zu dem Worte der Vererbung, wenn man gegenüber dem Jünger-gewesen-Sein das Älterwerden stellt. Sieht man auf seine Kindheit, so spricht man von dem, was man ererbt hat. Ebenso kann man, wenn man auf sein Älterwerden blickt, von dem andern Pol sprechen, kann wie von der Pforte der Geburt, so von der Pforte des Todes sprechen. Da entsteht die eine Frage: Was haben wir gewonnen durch die Voreltern, indem wir durch das Tor der Geburt eingetreten sind in dieses Leben? — Da entsteht die andere Frage: Was verlieren wir vielleicht, was wird in uns anders dadurch, daß wir den kommenden Zeiten entgegengehen, daß wir mit jedem Tag älter werden? Wie wird es, wenn wir bewußt erleben das Mit-jedem-Tag-Älterwerden?

[ 40 ] Das aber ist eine Anforderung an unser Zeitalter. Lernen muß die Menschheit, bewußt mit jedem Tag älter zu werden. Denn lernt man bewußt mit jedem Tag das Älterwerden, dann bedeutet das wirkliche Wissen: ein Zusammentreten mit geistigen Wesenheiten, wie es ein Herkommen von physischen Wesenheiten bedeutet, daß man geboren ist und vererbte Eigenschaften hat. Doch, wie diese Dinge zusammenhängen, davon werde ich das nächste Mal sprechen, von jenem wichtigen inneren Impuls, der an die Menschenseele herantreten muß, wenn die Menschenseele das finden soll, was sie für die Zukunft so notwendig hat, was allein eine ganze, volle Ergänzung dessen sein kann, was die Naturwissenschaft auf der einen Seite bringt.

[ 41 ] Dann werden Sie sehen, warum an die Seite der alten Osiris-Isismythe die neue Isismythe treten kann, und warum für den Menschen der Gegenwart beide zusammen notwendig sind; warum hinzugefügt werden muß zu den Worten, die vom alten Ägypten herüberklingen vom Standbilde zu Sais: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet —, warum hineintönen muß in diese Worte ein anderes, warum heute diese Worte nicht mehr einseitig nur an die menschliche Seele heranklingen dürfen, sondern dazu klingen müssen die Worte: Ich bin der Mensch. Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Meinen Schleier sollte jeder Sterbliche lüften.

[ 42 ] Ich habe Ihnen heute mehr Rätsel vor die Seele gestellt als Lösungen. Wir werden aber davon weiter sprechen, und die Rätsel werden sich in mannigfaltiger Weise dann schon lösen.