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Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Alte Mythen und ihre Bedeutung
GA 180

12 Januar 1918, Dornach

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Die Dinge, die wir jetzt besprechen, hängen zusammen mit einer Tatsache, die paradox klingt, wenn man sie so einfach hinspricht, die aber doch einer bedeutsamen, tiefen Wahrheit entspricht: Der Mensch wandelt auf der Erde herum, aber der Mensch versteht sich selbst eigentlich sehr schlecht. Nun gilt dieser Ausspruch, man könnte sagen, in unmittelbarer Anwendung am meisten gerade für unser Zeitalter. Wir wissen ja, daß die große, bedeutsame Aufschrift des Apollotempels, «Erkenne dich selbst», wie eine Aufforderung an die geistige Zusammenhänge suchenden Menschen einstmals im alten Griechenlande war. Und diese Aufschrift auf dem delphischen Tempel, «Erkenne dich selbst», ist ja — das geht aus unseren verschiedensten Betrachtungen hervor — in jener Zeit nicht etwa nur eine Phrase gewesen, sondern es war schon möglich auch noch in dieser Griechenzeit, eine tiefere Erkenntnis des Menschen herbeizuführen, als das in der Gegenwart der Fall ist. Aber diese Gegenwart ist auch eine Aufforderung an uns, nach wirklicher Menschenerkenntnis wieder zu streben, nach der Erkenntnis dessen, was der Mensch eigentlich auf der Erde ist.

[ 2 ] Nun scheint es, als ob die Dinge, die man im Zusammenhange mit dieser Frage sagen muß, schwer verständlich wären. Sie sind es in Wirklichkeit nicht, trotzdem sie sich so anhören, wie wenn sie schwer verständlich wären. Sie sind es nur deshalb für die Gegenwart, weil man nicht gewöhnt ist, sein Denken, sein Empfinden in solche Strömungen zu leiten, wie sie notwendig sind, damit man so etwas richtig versteht. Es handelt sich darum, daß alles dasjenige, was wir in der Gegenwart Verstehen nennen, eigentlich darauf hinauskommt, daß wir immer durch abstrakte Begriffe zu verstehen suchen. Man kann aber nicht alles durch abstrakte Begriffe verstehen. Vor allen Dingen kann man nicht den Menschen durch abstrakte Begriffe verstehen. Man braucht etwas anderes zum Verständnisse des Menschen als abstrakte Begriffe. Man muß sich in die Lage versetzen, den Menschen so, wie er auf der Erde herumwandelt, gewissermaßen als ein Bild zu nehmen, als ein Bild, welches etwas ausspricht, welches etwas verrät, welches uns etwas offenbaren will. Man muß wieder auffrischen das Bewußtsein, daß der Mensch ein Rätsel ist, das gelöst werden will. Man wird aber das Menschenrätsel nicht lösen, wenn man wird fortfahren wollen, so bequem zu sein im Denken, so theoretisch zu sein im Denken, wie man es jetzt liebt. Denn der Mensch ist, das haben wir ja immer wieder und wiederum betonen müssen, ein kompliziertes Wesen. Der Mensch ist mehr, reichlich mehr als das physische Gebilde, das vor unseren Augen als Mensch herumwandelt; reichlich mehr ist der Mensch. Aber dieses physische Gebilde, das vor unseren Augen als Mensch herumwandelt, und alles, was zu diesem physischen Gebilde gehört, das ist doch ein Ausdruck für die ganze umfassende Wesenheit des Menschen. Und man kann sagen: Nicht nur dasjenige kann man erkennen an der menschlichen Gestalt, an dem physischen Menschen, der unter uns herumwandelt, nicht nur das kann man in ihm erkennen, was der Mensch ist zwischen seiner Geburt und seinem Tode hier in der physischen Welt, sondern auch das kann man, wenn man nur will, am Menschen erkennen, was er ist als unsterbliche, als ewige Seelenwesenheit. — Man muß nur ein Gefühl dafür entwickeln, daß diese menschliche Gestalt etwas Kompliziertes ist. Unsere Wissenschaft, die ja heute populär gemacht wird und so zu allen Menschen kommt, ist nicht geeignet, ein Gefühl davon hervorzurufen, was für ein Wunderbau dieser Mensch eigentlich ist, der auf der Erde herumwandelt. Man muß den Menschen ganz anders ansehen.

[ 3 ] Erinnern Sie sich einmal — Sie haben gewiß schon alle ein menschliches Skelett gesehen —, erinnern Sie sich nur, daß ein solches menschliches Skelett eigentlich zweifach ist, wenn man von allem übrigen absieht. Man kann viel genauer darüber sprechen, aber wenn man von allem übrigen absieht, so ist dieses Skelett eine Zweiheit. Sie können ja sehr leicht vom Skelett den Schädel abheben, der eigentlich nur daraufgesetzt ist, dann bleibt der übrige Mensch schädellos übrig. Der Schädel läßt sich sehr leicht abheben. Dieser übrige Mensch außer dem Schädel ist noch immer ein recht kompliziertes Wesen; allein wir wollen ihn jetzt als eine Einheit auffassen, wir wollen von seiner Komplikation absehen. Aber diese Zweiheit wollen wir zunächst ins Auge fassen, die uns eben vor Augen tritt, wenn wir den Menschen betrachten, sagen wir als Kopfmenschen und als übrigen Menschen, als Rumpfmenschen. So ist er ja auch nicht nur im Skelett, so ist er, obwohl das weniger deutlich hervortritt, auch als ganzer fleischlicher Mensch eine Zweiheit.

[ 4 ] Nun brauchen wir auf geisteswissenschaftlichem Boden Vergleiche nicht zu lieben in der Form, daß wir sie etwa verabsolutieren, metaphysisch ausbauen. Das wollen wir nicht, aber verdeutlichen wollen wir uns allerlei Dinge, indem wir Vergleiche gebrauchen. Und da ist es naheliegend, weil es wirklich der Anschauung entspricht, sich zu sagen, der Mensch ist in bezug auf seinen Kopf hauptsächlich durch die Kugelform beherrscht. Will man irgendwie schematisch das ausdrücken, was das menschliche Haupt, der menschliche Kopf ist, so können wir sagen, der Mensch ist durch die Kugelform beherrscht.

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[ 5 ] Wollten wir für den übrigen Menschen ein schematisches Bild haben, so würden wir natürlich die Komplikationen ins Auge fassen müssen, allein das wollen wir heute nicht tun. Sie werden aber leicht einsehen: von gewissen Kompliziertheiten abgesehen, ebenso wie man schematisch den menschlichen Kopf als eine Kugelform auffassen kann, so kann man den übrigen Menschen als eine solche Form auffassen (siehe Zeichnung: Mondform), wobei nur selbstverständlich in der Stellung dieser zwei Kreise je nach der Korpulenz der einzelnen unterschieden werden muß.

[ 6 ] Aber so können wir schon den Menschen auffassen gewissermaßen als Kugelform und als Mondenform. Das hat eine tief-innerliche Berechtigung; über diese wollen wir aber heute nicht sprechen, sondern wir wollen nur eingedenk des Umstandes sein, daß der Mensch in diese zwei Glieder zerfällt.

[ 7 ] Nun ist das Haupt des Menschen ein wirklicher Apparat zunächst für die geistige Betätigung. Für alles dasjenige, was der Mensch aufbringen kann an menschlichen Gedanken, menschlichen Empfindungen ist das Haupt, der Kopf der Apparat. Aber wenn wir angewiesen wären auf dasjenige, was der Kopf als Apparat leisten kann im Denken, Empfinden, würden wir niemals imstande sein, das Wesen des Menschen wirklich zu verstehen. Wenn wir überhaupt angewiesen wären, nur den Kopf als Werkzeug unseres Geisteslebens zu benützen, würden wir niemals imstande sein, zu uns wirklich Ich zu sagen. Denn, was ist dieser Kopf? Dieser Kopf ist in Wahrheit, so wie er uns in seiner Kugelform entgegentritt, ein Abbild des ganzen Kosmos, wie Ihnen der Kosmos zunächst erscheint mit all seinen Sternen, Fixsternen, Planeten und Kometen, sogar Meteorsteinen — die Unregelmäßigkeiten spuken ja in manchen Köpfen. Der menschliche Kopf ist ein Abbild des Makrokosmos, ist ein Abbild der ganzen Welt. Und nur das Vorurteil unserer Zeit — ich habe das schon in anderem Zusammenhang angedeutet — weiß nichts davon, daß die ganze Welt daran beteiligt ist, daß ein menschliches Haupt zustande kommt.

[ 8 ] Aber wenn dieses menschliche Haupt nun durch die Vererbung, durch die Geburt auf die Erde versetzt ist, so kann dieses menschliche Haupt kein Apparat sein, um die Wesenheit des Menschen selbst zu begreifen. Uns wird gewissermaßen in unserem Haupte ein Apparat gegeben, der wie ein Extrakt der ganzen Welt ist, der aber nicht imstande ist, den Menschen zu begreifen. Warum? Ja, aus dem Grunde, weil der Mensch mehr ist als alles dasjenige, was wir sehen, denken können durch unsern Kopf. Heute sagen viele Leute, das menschliche Erkennen hätte Grenzen, man könne nicht weiter über diese Grenzen hinauskommen. Das rührt aber nur davon her, weil diese Menschen bloß die Weisheit des Kopfes gelten lassen wollen, und die Weisheit des Kopfes geht allerdings nicht über gewisse Grenzen hinaus. Diese Weisheit des Kopfes hat aber auch gemacht dasjenige, was wir vor einigen Tagen beschrieben haben als die griechischen Götter. Die griechischen Götter sind aus der Weisheit des Kopfes hervorgegangen. Sie sind die oberen Götter; sie sind daher nur Götter für alles dasjenige, was der Kopf des Menschen mit seiner Weisheit umspannen kann.

[ 9 ] Nun habe ich Sie öfter darauf aufmerksam gemacht: die Griechen hatten außer dieser äußeren Götterlehre ihre Mysterien. In den Mysterien verehrten die Griechen außer den himmlischen Göttern noch andere Götter, die chthonischen Götter. Und von demjenigen, der in die Mysterien eingeweiht wurde, sagte man mit Recht: Er lernt kennen die oberen und die unteren Götter. — Die oberen Götter, das waren diejenigen des Zeuskreises; aber sie haben nur Herrschaft über dasjenige, was vor den Sinnen ausgebreitet ist und was der Verstand begreifen kann. Der Mensch ist mehr als dieses. Der Mensch wurzelt mit seiner Wesenheit im Reiche der unteren Götter, im Reiche der chthonischen Götter.

[ 10 ] Aber man kommt nicht zurecht, wenn man nur dasjenige vom Menschen ins Auge faßt, was ich schematisch hier aufgezeichnet habe. Wenn man das Wurzeln des Menschen im Bereiche der unteren Götter ins Auge fassen will, dann muß man schon diese Zeichnung vervollständigen und muß sie so machen: Man muß auch gewissermaßen den nicht belichteten Mond einbeziehen (siehe Zeichnung S. 234). Man muß, mit andern Worten, den Kopf des Menschen anders betrachten als den übrigen Organismus. Beim übrigen Organismus muß man viel mehr ins Auge fassen dasjenige, was geistig ist, was übersinnlich, was unsichtbar ist. Der Kopf des Menschen ist äußerlich, so wie er uns entgegentritt, gewissermaßen eine Vollkommenheit. Alles, was geistig ist, hat sich ein Abbild geschaffen im Kopfe. Im übrigen Menschen ist das nicht der Fall. Der übrige Mensch ist nur ein Fragment als physischer Mensch, und man kommt nicht zurecht mit dem übrigen Menschen, wenn man dieses fleischliche Fragment nimmt, das sichtbarlich auf der Erde herumwandelt.

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[ 11 ] Nun, das zeigt uns schon, daß wir den Menschen kompliziert nehmen müssen. Aber tritt das irgendwie im l.eben hervor, was ich jetzt gesagt habe? Es scheint abstrakt zu sein, was ich jetzt gesagt habe, es scheint paradox und schwer verständlich zu sein, aber die Frage muß doch auftauchen: Tritt es im leben irgendwie hervor? Das ist das Wichtige: es tritt im l.eben nämlich ganz klar hervor. Der Kopf ist der Apparat unserer Weisheit; er ist der Apparat unserer Weisheit so stark, daß mit seiner Entwickelung unsere zunächstige Weisheit zusammenhängt. Aber selbst die äußere anatomisch-physiologische Betrachtung zeigt — sehen Sie sich an, wie ein Haupt sich entwickelt, wie ein Mensch aufwächst —, daß der Kopf eine ganz andere Entwickelung durchmacht als der übrige Organismus. Der Kopf entwickelt sich rasch, der übrige Organismus langsam. Verhältnismäßig ist der Kopf schon ganz ausgebildet beim Kinde, entwickelt sich viel weniger weiter. Der übrige Organismus ist noch wenig ausgebildet, macht langsam seine Stadien durch. Das hängt zusammen damit, daß wir in der Tat ein Doppelmensch auch im Leben sind. Nicht nur unser Skelett zeigt den Kopf und den übrigen Menschen, sondern unser Leben zeigt selbst diese Zwienatur unseres Wesens: unser Kopf entwickelt sich schnell, unser übriger Organismus entwickelt sich langsam. Unser Kopf macht in unserer Zeit ungefähr schon bis zu unserem achtundzwanzigsten oder siebenundzwanzigsten Jahre seine Entwickelung durch, der übrige Organismus braucht dazu das ganze Leben bis zum Tode. Erleben nämlich kann man dasjenige, was der Kopf verhältnismäßig in kurzer Zeit sich aneignet, nur im ganzen Leben. Es hängt das mit vielen Geheimnissen zusammen.

[ 12 ] Der Geistesforscher erkennt diese Dinge insbesondere dann, wenn er einmal den Blick richtet auf einen Unglücksfall. Es klingt wiederum paradox, aber es entspricht der völligen Wahrheit. Denken Sie sich einmal, ein Mensch wird erschlagen, er geht durch einen Unglücksfall zugrunde. Nehmen wir an, ein Mensch wird in seinem dreiBigsten Jahre erschlagen. Für die äußere physische Betrachtung ist solch ein plötzlicher Tod eine Art Zufall; aber es ist vor der geisteswissenschaftlichen Betrachtung einfach lächerlich, eine solche Sache als Zufall zu betrachten. Denn in dem Momente, wo durch eine äußere Veranlassung, von außen her, ein Mensch plötzlich in den Tod kommt, geht rasch ungeheuer viel mit ihm vor sich. Denken Sie sich, im gewöhnlichen Zusammenhange der Dinge wäre dieser selbe Mensch, der mit dreißig Jahren erschlagen worden ist, vielleicht siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt geworden. Da hätte er dadurch, daß er vom dreißigsten bis neunzigsten Jahre noch gelebt hätte, langsam hintereinander mancherlei im I.eben zugenommen an Lebenserfahrung. Das, was er so in sechzig Jahren durchgemacht hätte an Lebenserfahrung, macht er, wenn er im dreißigsten Jahre erschlagen wird, kurz, vielleicht in einer halben Minute könnte es sein, durch. Die Zeitverhältnisse sind, wenn die geistige Welt in Betracht kommt, eben andere als sie uns hier im physischen Plan erscheinen. Ein rascher Tod, der durch äußere Verhältnisse herbeigeführt wird — man muß die Sache ganz genau nehmen —, kann unter Umständen rasch die Erfahrung, die Erfahrung sage ich, die Lebensweisheit des ganzen Lebens durchmachen lassen, das noch hätte kommen können.

[ 13 ] Daran kann man studieren, wie das ist, was der Mensch sein Leben hindurch an Lebensweisheit, an Lebenserfahrung sich aneignet. Und man kann daran studieren, wie sich verhält dasjenige, was der Kopf leisten kann mit seiner kurzen Entwickelung, gegenüber dem, was der übrige Mensch leisten kann mit seiner langen Entwickelung im sozialen Leben. Es ist wirklich so, daß der Mensch während seiner Jugendzeit gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen aufnimmt, die er lernt; aber er lernt sie eben da nur. Sie sind dann Kopfwissen. Das übrige Leben, das langsamer verläuft, ist dazu bestimmt, das Kopfwissen umzuwandeln allmählich in Herzwissen — ich nenne jetzt den andern Menschen nicht den Kopfmenschen, ich nenne ihn den Herzensmenschen —, umzuwandeln das Kopfwissen in Herzenswissen, in Wissen, an dem der ganze Mensch beteiligt ist, nicht nur der Kopf.

[ 14 ] Um das Kopfwissen in Herzenswissen umzuwandeln, brauchen wir viel länger, als um uns das Kopfwissen anzueignen. Um uns das Kopfwissen anzueignen — wenn es schon ein ganz besonders gescheites Wissen ist, braucht man heute die Zeit bis in die Zwanzigerjahre hinein. Nicht wahr, dann wird man ein ganz gescheiter Mensch, akademisch ganz gescheiter Mensch, aber um dieses Wissen wirklich mit dem ganzen Menschen zu vereinigen, muß man beweglich bleiben sein Leben hindurch. Und man braucht, um das Kopfwissen in Herzenswissen umzuwandeln, eben um so viel länger, als man länger lebt als bis zum siebenundzwanzigsten oder sechsundzwanzigsten Jahre. Insofern ist man auch als Mensch eine Zwienatur. Man eignet sich rasch das Kopfwissen an und kann es dann umwandeln im Laufe des Lebens in Herzenswissen.

[ 15 ] Zu wissen, was das eigentlich bedeutet, ist nicht ganz leicht. Und ich darf, wir sind ja unter uns, für diese Sache vielleicht eine Erfahrung des Geistesforschers anführen, durch die leichter über diese Dinge etwas gewußt werden kann als durch andere geistesforscherische Arbeiten. Man kann, wenn man sich bekannt macht mit der Sprache, welche die Menschenseelen sprechen, die durch den Tod hindurchgegangen sind, die in der geistigen Welt leben nach dem Tode, man kann, wenn man die Sprache der Toten, der sogenannten Toten einigermaßen versteht, dann die Erfahrung machen, daß die Toten sich über manche Dinge, die im Zusammenhange mit dem Menschenleben stehen, in ganz besonderer Weise ausdrücken. Die Toten haben heute schon eine Sprache, die wir Lebenden noch nicht ganz gut verstehen können. Es gehen die Verständnisse der Toten und der Lebenden heute ziemlich weit auseinander. Der Tote hat durchaus ein Bewußtsein davon, daß der Mensch sich als Kopfmensch rasch entwickelt, als Herzensmensch langsam entwickelt. Und der Tote sagt, wenn er ausdrücken will, was da eigentlich geschieht, wenn sich allmählich das rasch erworbene Kopfwissen in das langsamer verlaufende Herzenswissen einlebt: Das bloße Weisheitswissen wird umgewandelt durch die aus dem Menschen aufsteigende Herzenswärme oder Liebe. Weisheit wird im Menschen von der Liebe befruchtet. — So sagt der Tote.

[ 16 ] Und das ist in der Tat ein tiefes, bedeutsames Lebensgesetz. Man kann das Kopfwissen rasch erwerben, man kann ungeheuer viel wissen gerade in unserer Zeit, denn die Naturwissenschaft — nicht die Naturwissenschafter, aber die Naturwissenschaft — ist in unserer Zeit recht sehr fortgeschritten und hat reichen Inhalt. Aber dieser Inhalt ist so, daß er nicht umgewandelt ist in Herzenswissen, daß das Kopfwissen überall geblieben ist; weil die Menschen — ich habe schon gestern darauf aufmerksam gemacht — das andere, was dann anrückt im Leben nach dem siebenundzwanzigsten Jahre, nicht mehr beachten, weil die Menschen nicht verstehen, alt zu werden, beziehungsweise könnte ich auch sagen: jung zu bleiben, indem sie alt werden.

[ 17 ] Weil die Menschen die innerliche Lebendigkeit sich nicht erhalten, da erkaltet ihr Herz; es strömt die Herzenswärme nicht nach dem Kopfe hinauf, es befruchtet die Liebe, die aus dem übrigen Organismus kommt, den Kopf nicht. Das Kopfwissen bleibt kalte Theorie. Aber es braucht nicht kalte Theorie zu bleiben, es kann alles Kopfwissen umgewandelt werden in Herzenswissen. Und das ist gerade die Aufgabe der Zukunft, daß das Kopfwissen allmählich in Herzenswissen umgewandelt wird. Da wird ein wirkliches Wunder geschehen, wenn das Kopfwissen in Herzenswissen umgewandelt wird.

[ 18 ] Man hat vollständig Recht, wenn man heute nach allen Noten die materialistische Naturwissenschaft oder namentlich die materialistische Naturphilosophie abkanzelt. Man hat vollständig Recht, aber trotzdem ist noch etwas anderes wahr: diese Naturwissenschaft, die in Haeckel, in Spencer, in Huxley und so weiter bloßes Kopfwissen geblieben ist und daher Materialismus ist, die wird, wenn sie Herzenswissenschaft werden wird, wenn sie aufgenommen werden wird vom ganzen Menschen, wenn die Menschheit verstehen wird, älter zu werden oder jünger zu werden im Ältersein, wie ich das gestern gemeint habe, dann wird diese, gerade diese Wissenschaft der Gegenwart der reinste Spiritualismus werden, die reinste Bekräftigung für den Geist und sein Dasein werden. Es gibt keine bessere Grundlage als die Naturwissenschaft der Gegenwart, wenn sie sich umwandelt in dasjenige, was dem Kopf des Menschen zufließen kann aus dem übrigen Organismus, aber jetzt aus dem geistigen Teil des übrigen Organismus. Das Wunder wird sich vollziehen, indem die Menschen lernen werden, die Verjüngung ihres Ätherleibes auch zu fühlen, so daß die materialistische Naturwissenschaft der Gegenwart Spiritualismus werden wird. Sie wird um so eher Spiritualismus werden, je mehr Leute sich finden werden, ihr ihren gegenwärtigen Materialismus, ihre materialistische Torheit vorzuhalten.

[ 19 ] Damit wird aber eine vollständige Umwandlung verknüpft sein, die derjenige, der nur einigermaßen Empfindung für das hat, was in der Gegenwart vorgeht, empfinden kann: damit wird verknüpft sein eine vollständige Umwandlung des Erziehungs- und Unterrichtswesens. Wer könnte sich verhehlen, wenn er ein offenes Auge hat für die sozialen, sittlichen, geschichtlichen Verhältnisse der Gegenwart, wer könnte sich verhehlen, daß wir heute gar nicht in der Lage sind als ganze Menschheit — nun, wenn man es grotesk ausdrücken will —, den Kindern eine angemessene Erziehung, insbesondere einen angemessenen Unterricht zu geben. Gewiß, wir können die Kinder zu Beamten, wir können sie zu Industriellen machen, wir können sie sogar zu Pastoren und so weiter machen, aber wir sind wenig in der Lage, die Kinder heute zu vollständigen Menschen, zu allseitig entwickelten Menschen zu machen. Denn es ist eine tiefe Forderung der Zeit: Wenn der Mensch ein vollständiger, ein allseitig entwickelter geistig-seelischer Organismus sein soll, dann muß er in die Lage kommen, dasjenige, was er als Kind aufnimmt, schnell, rasch aufnimmt, das umzuwandeln sein ganzes Leben hindurch. Das ganze Leben hindurch muß der Mensch frisch bleiben, um umzuwandeln dasjenige, was er aufgenommen hat.

[ 20 ] Was tun wir denn heute — man sieht diese Dinge nur nicht unbefangen genug an —, was tun wir denn heute eigentlich im späteren Leben? Wir haben in der Jugend etwas gelernt, der eine viel, der andere weniger. Nicht wahr, man ist ja stolz darauf, daß man keine Analphabeten mehr hat in Westeuropa. Einer lernt viel, der andere weniger, aber alle lernen etwas in der Jugend. Und was tut man im späteren Leben mit dem, was man gelernt hat, gleichgültig, ob man viel oder wenig gelernt hat? Es ist ja alles so veranlagt, daß man sich nur erinnert an das, was man gelernt hat; es ist so im Menschen vorhanden, daß man sich erinnert daran. Was arbeiten denn die Menschen da? Es ist nicht so der Menschenseele beigebracht, daß es in der Menschenseele arbeitet, daß aus Kopfinhalt Herzensinhalt wird. Dazu ist es gar nicht veranlagt. Da muß auch noch manches Wasser den Rhein hinunterfließen, wenn das, was wir heute der Jugend geben können — betrachten wir es nur auf einem Felde, aber es ist auf alle Felder anwendbar —, etwas werden soll, was geeignet ist, wirklich in Herzenswissen umgewandelt zu werden. Was muß das sein? Wir haben ja heute gar keine Möglichkeit, unsern Kindern etwas zu geben, was wirklich Herzenswissen werden könnte. Dazu fehlen zwei Bedingungen. Diese zwei Bedingungen kann nur die wirklich richtig verstandene Geisteswissenschaft herbeiführen.

[ 21 ] Zwei Bedingungen fehlen, um heute den Kindern wirklich etwas Lebenerfrischendes zu geben, etwas zu geben, was das ganze Dasein hindurch ein Quell von Lebensfreude und Lebensgetragenheit sein kann. Zwei Dinge fehlen. Das eine ist, daß der Mensch heute nach allen gangbaren Begriffen, die wir haben, die die heutige Bildung dem Menschen anweisen kann, keine Vorstellung gewinnen kann über seine Stellung zum Weltenall. Bedenken Sie nur einmal alles dasjenige, was einem in der Schule überliefert wird. Den kleinsten Kindern wird ja das heute schon überliefert, wenigstens wird das, was ihnen gesagt wird, in solchen Worten gesagt, daß das drinnen liegt, was wir nun aussprechen wollen. Bedenken Sie, daß der Mensch heute heranwächst unter den Vorstellungen: Da ist die Erde; sie schwebt mit so und so viel Geschwindigkeit durch den Weltenraum, und außer der Erde die Sonne und Planeten, Fixsterne. Und was nun von der Sonne, den Planeten, den Fixsternen gesagt wird, das ist höchstens eine Art Weltenphysik, mehr ist es nicht, Weltenmechanik, Weltenphysik.

[ 22 ] Dasjenige, was da der Astronom heute sagt, was unsere Bildung überhaupt heute sagt über das Weltengebäude, hat das etwas zu tun mit diesem Menschen, der hier auf der Erde unten heramwandelt? Doch gewiß nicht! Nicht wahr, für die naturwissenschaftliche Weltanschauung geht der Mensch als ein etwas höher entwickeltes Tier herum, wird geboren, stirbt, wird begraben, ein anderer kommt, wird geboren, stirbt, wird begraben und so weiter. So geht es von Generation zu Generation. Draußen im großen Weltenraume spielen sich die Ereignisse ab, die rein mathematisch berechnet werden wie in einer großen Weltenmaschinerie. Aber was hat das alles zu tun für den heutigen gescheiten Menschen, was sich da draußen in der großen Welt abspielt, mit dem, daß hier auf der Erde dieses etwas höher entwickelte Tier geboren wird und stirbt? Priester, Pastoren wissen keine andere Weisheit an die Stelle dieser trostlosen Weisheit zu setzen. Und weil sie das nicht wissen, so sagen sie, sie befassen sich überhaupt nicht mit dieser Wissenschaft, sondern der Glaube muß einen ganz andern Ursprung haben.

[ 23 ] Na ja, das brauchen wir nicht weiter auszuführen. Aber es sind einmal zwei recht verschiedene Dinge: das, wovon die atheistische Wissenschaft redet, und die notdürftig das theistische Element aufrechterhaltende sogenannte Gläubigkeit dieser oder jener Bekenntniskirche. Es war notwendig, daß gegenüber der früheren Anschauung über das Weltenall die jetzige eine Zeitlang in der Menschheitsentwickelung Platz gegriffen hat. Wir brauchen nicht weit zurückzugehen — man denkt heute nur nicht daran —, da hatten die Menschen noch ein Bewußtsein, daß sie nicht bloß als höhere Tiere hier unten herumwandeln auf der Erde, geboren werden und begraben werden, sondern sie brachten sich in Zusammenhang mit der Sternenwelt, in Zusammenhang mit dem ganzen Weltenall, wußten in ihrer Art, in anderer Art, als das jetzt angestrebt werden muß, aber wußten in ihrer Art von dem Zusammenhang mit dem Weltenall. Da mußte man aber das Weltenall auch anders vorstellen.

[ 24 ] Eine solche Weltanschauung, wie sie heute schon den Kindern beigebracht wird, war im 12., 13. Jahrhundert undenkbar; man konnte gar nicht daran denken, solch eine Anschauung von der Sternenwelt irgendwie zu haben. Man blickte hinauf zu den Sternen, man blickte auf, wie heute zu den Planeten, aber man rechnete nicht nur, wie heute der mathematische Astronom das tut, die Planetenbahnen aus und hatte die Vorstellung: Da oben ist eine Kugel, die da durch den Weltenraum geht —, sondern die mittelalterliche Wissenschaft sah in jeder Kugel den Leib eines geistigen Wesens. Es wäre ein einfacher Unsinn gewesen, sich eine bloße materielle Kugel vorzustellen unter einem Planeten. Lesen Sie nach bei Thomas von Aquino. Sie werden überall finden, daß er in jedem Planeten die englische Intelligenz sieht nicht engländische, die engelische Intelligenz. Und so in den übrigen Sternen. Ein Weltenall, wie es die heutige Astronomie fabriziert, stellte man sich nicht vor. Man mußte aber, um fortzuschreiten, eine Zeitlang, ich möchte sagen, die Seele aus dem Weltenall heraustreiben, um das Skelett, die reine Maschinerie des Weltenalls, vorzustellen. Die Kopernikanische, die Galileische, die Keplersche Weltanschauung mußte kommen. Aber nur Toren sehen sie als etwas letztlich Gültiges an. Sie sind ein Anfang, aber ein Anfang, der sich weiter entwickeln muß.

[ 25 ] Manche Dinge weiß heute schon die Geisteswissenschaft, die die äußere Astronomie noch nicht weiß. Aber wichtig ist, daß gerade diese Dinge, welche die Geisteswissenschaft weiß, die äußere Astronomie noch nicht weiß, übergehen in das allgemeine Menschheitsbewußtsein. Und wenn sie auch heute noch schwierig erscheinen, diese Begriffe, sie werden so werden, daß man sie den Kindern schon beibringen kann; sie werden gerade für die Kinder ein wichtiges Gut sein, um die Seele lebendig zu erhalten. Wir müssen allerdings diese Dinge noch in schwierigen Begriffen besprechen. Denn so lange die Geisteswissenschaft so genommen wird von der äußeren Welt, wie sie jetzt genommen wird, hat sie keine Gelegenheit, die Dinge in solche Begriffe, in solche Vorstellungen zu gießen, wie sie gebraucht werden, wenn sie Gegenstand der Kindererziehung werden sollen.

[ 26 ] Von etwas zum Beispiel weiß die heutige Astronomie nichts: sie weiß nichts davon, daß die Erde, indem sie durch das Weltenall rast, zu schnell rast. Sie rast zu schnell, die Erde. Und weil sie zu schnell rast, weil die Erde schnell sich bewegt, können wir auch unsere Kopfentwickelung schneller haben, als wir sie hätten, wenn die Erde sich so langsam bewegen würde, daß sie dem entsprechen würde, was unserer ganzen Lebensdauer entspricht. Die Schnelligkeit unserer Kopfentwickelung hängt einfach damit zusammen, daß die Erde zu schnell durch den Weltenraum rast. Unser Kopf macht mit diese Schnelligkeit der Erde, unser übriger Organismus macht sie nicht mit; unser übriger Organismus entzieht sich den kosmischen Ereignissen. Unser Kopf, welcher als eine Kugel nachgebildet ist dem Himmelsbau, der muß auch mitmachen dasjenige, was die Erde mitmacht im Himmelsraume.

[ 27 ] Unser übriger Organismus, der nicht nachgebildet ist dem ganzen Weltenbau, macht das nicht mit, der macht seine Entwickelung langsamer. Würde unser ganzer Organismus die Schnelligkeit der Erde heute mitmachen, würde er sich so entwickeln, daß es der Schnelligkeit der Erde entsprechen würde, so würden wir alle niemals älter werden können als siebenundzwanzig Jahre. Da würden siebenundzwanzig Jahre so im Durchschnitt das Lebensalter der Menschen sein. Denn in der Tat: unser Haupt, unser Kopf, ist mit siebenundzwanzig Jahren fertig; wenn es auf ihn ankäme, könnte der Mensch mit siebenundzwanzig Jahren sterben. Nur dadurch, daß der übrige Mensch für eine längere Lebensdauer angelegt ist und dem Kopfe nach dem siebenundzwanzigsten Jahre fortwährend seine Kräfte zuführt, leben wir, so lang wir eben leben. Das ist der geistige Teil des übrigen Menschen, der dem Kopfe seine Kräfte zuführt. Es ist der Herzensteil, der mit dem Kopf seine Kräfte tauscht.

[ 28 ] Wird die Menschheit einmal erkennen, daß sie eine Zwienatur hat, eine Kopfnatur und Herzensnatur, dann wird sie auch erkennen, daß der Kopf ganz andern Weltengesetzen gehorcht als der übrige Organismus. Dann steht der Mensch wiederum drinnen im ganzen Makrokosmos; dann kann der Mensch gar nicht anders, als sich Vorstellungen bilden, die so gehen, daß er sich sagt: Ich stehe nicht bloß als ein höheres Tier hier auf der Erde, werde geboren und sterbe, sondern ich bin ein Wesen, das aus dem ganzen Weltenall heraus gebaut ist. Mein Haupt, das mir aufgebaut ist, ist aus dem ganzen Weltenall heraus; die Erde hat mir den übrigen Organismus angegliedert, der die Bewegungen des Weltenalls in dieser Weise zunächst nicht mitmacht, wie sie der Kopf in anderer Weise mitmacht.

[ 29 ] So, wenn man den Menschen nicht abstrakt betrachtet, wie es die gegenwärtige Wissenschaft macht, sondern wenn man ihn als Bild in seiner Zweiheit betrachtet: als Kopfmenschen und Herzensmenschen im Zusammenhange mit dem Weltenall, da stellt sich der Mensch wiederum in das Weltenall hinein. Und ich weiß, und andere, die so etwas beurteilen können, wissen es auch: Wird man sich herzenswarme Vorstellungen machen können darüber, daß, wenn man hinschaut auf das menschliche Haupt, man in dem menschlichen Haupte ein Abbild des ganzen sternbesäten Weltenraumes mit seinen Wundern sieht, dann werden in die menschliche Seele hereinkommen alle Bilder über den Zusammenhang des Menschen mit dem weiten, weiten Weltenall. Und diese Bilder werden zu Erzählungsformen, die wir heute noch nicht haben; und diese Erzählungsformen werden nicht abstrakt, aber empfindungsgemäß zum Ausdruck bringen dasjenige, was wir in die Herzen der jüngsten Kinder gießen können, so daß diese Herzen der jüngsten Kinder empfinden: Hier auf der Erde stehe ich als Mensch, aber als Mensch bin ich ein Ausdruck des ganzen sternbesäten Weltenraumes; in mir spricht sich aus die ganze Welt. Empfindungsgemäß wird der Mensch erzogen werden können zu einem Mitgliede des ganzen Kosmos. Das ist die eine Bedingung.

[ 30 ] Die andere Bedingung ist die folgende. Wenn wir die ganze Erziehung, wenn wir alles Unterrichtsgemäße so imstande sind zu veranlagen, daß der Mensch gewahr wird: in seinem Haupte ist er ein Abbild des Weltenalls, mit seinem übrigen Organismus entzieht er sich diesem Weltenall; er hat mit seinem übrigen Organismus dasjenige, was wie ein Seelenregen herabträufelt, das ganze Weltenall zu verarbeiten, so daß es selbständig wird hier auf der Erde im Menschen —, dann wird dieses ein besonderes inneres Erlebnis sein. Denken Sie sich diesen zwiefachen Menschen, den ich jetzt in dieser kuriosen Form zeichnen will. Wenn er wissen wird: Da kommt aus dem ganzen Weltenall in sein Haupt unbewußt dasjenige, was die Geheimnisse aller Sterne sind; dies aber, indem es die Kräfte seines Hauptes anregt, hat er sein ganzes Leben hindurch zu verarbeiten mit seinem übrigen Organismus, damit er es hier auf Erden konserviere, es durch den Tod trage und in die geistige Welt wieder zurücktrage — wenn dies eine lebendige Empfindung wird, dann wird sich der Mensch wissen als eine Zwienatur, er wird sich wissen als Kopf- und Herzensmensch. Denn verbunden ist das, was ich jetzt sage, damit, daß der Mensch lernen wird, sich selber zu enträtseln, sich zu sagen: Indem ich Herzensmensch werde immer mehr und mehr, indem ich jung bleibe, sehe ich, wenn ich altere, durch das, was mein Herz mir gibt, dasjenige an, was ich als Kind in der Jugend gelernt habe durch den Kopf. Das Herz blickt zum Kopfe auf, und das Herz wird im Kopfe sehen ein Abbild des ganzen Sternenhimmels. Der Kopf aber wird zum Herzen blicken, und wird im Herzen die Geheimnisse des Menschenrätsels finden, wird lernen, das eigentliche Wesen des Menschen im Herzen zu ergründen.

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[ 31 ] Der Mensch wird sich so erzogen fühlen, daß er sich sagen wird: Gewiß, ich kann mit meinem Kopfe mancherlei lernen. Aber indem ich lebe, indem ich dem Tode entgegenlebe, der mich in die geistige Welt hineintragen soll, wird dasjenige, was ich mit dem Kopfe erlerne, dereinst von der aus dem übrigen Organismus aufsteigenden Liebe befruchtet, wird etwas ganz anderes. Es gibt etwas in mir als Menschen, das es nur in mir als Menschen gibt; ich habe etwas zu erwarten. — In diesen Worten liegt viel, und viel bedeutet es, wenn der Mensch so erzogen wird, daß er sagt: Ich habe etwas zu erwarten. Ich werde dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig Jahre alt werden, und indem ich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt älter werde, kommt durch das Älterwerden etwas vom Geheimnis des Menschen mir entgegen. Ich habe etwas zu erwarten von dem, daß ich lebe.

[ 32 ] Denken Sie sich, wenn das nicht bloße Theorie ist, wenn das TLebensweisheit ist, soziale Lebensweisheit, dann wird das Kind so erzogen, daß es weiß: Ich kann etwas lernen; aber derjenige, der mich erzieht, der hat etwas in sich, was ich nicht lernen kann, wozu ich erst so alt werden muß wie er, damit ich es in mir selber finden kann. Wenn er es mir erzählt, dann gibt er mir etwas, was ein heiliges Geheimnis für mich sein muß, weil ich es aus seinem Munde hören, in mir aber nicht finden kann. — Denken Sie sich, was daraus wiederum für ein Verhältnis zwischen den Kindern und den Alten geschaffen wird, das in unserer Zeit vollständig verwischt ist, wenn der Mensch wissen wird: Die Lebensalter bieten etwas, was zu erwarten ist. In mir kann, wenn ich noch nicht vierzig Jahre alt bin, nicht jene Summe von Geheimnissen sitzen, welche sitzen können in demjenigen, der schon vierzig Jahre alt geworden ist. Und teilt er es mir mit, so bekomme ich es eben als Mitteilung, ich kann es nicht durch mich selber wissen. — Welches Band menschlicher Gemeinschaft wird dadurch geknüpft, daß in dieser Weise ein neuer Ernst, eine neue Tiefe in das Leben hineinkommt!

[ 33 ] Dieser Ernst, diese Tiefe ist es gerade, die unserem Leben fehlt, die unser Leben nicht hat, weil unser Leben nur Kopfwissen vorläufig achtet. Dadurch aber wird das wirkliche Soziale sterben, der Auflösung entgegengehen; denn hier auf der Erde wandeln Menschen dann herum, die gar nicht wissen, was sie sind, die eigentlich nur dasjenige ernst nehmen, was bis zum siebenundzwanzigsten Jahre ist, und das übrige Leben dazu benützen, um den Kadaver in sich zu tragen für den Rest, aber nicht umzuwandeln den ganzen Menschen in etwas, was die Jugend noch durch den Tod tragen kann.

[ 34 ] Weil man dies nicht versteht, weil ein Zeitalter gekommen ist, das dies nicht verstehen konnte, deshalb blieben alle die Dinge, die sich auf Geistiges bezogen, so unbefriedigende Dinge, wie ich es gestern sagen mußte von Friedrich Schlegel. Er war ein genialer Kopf, er hat vieles verstanden, aber er wußte nicht, daß eine neue Geistoffenbarung notwendig ist. Er glaubte einfach, das alte Christentum nehmen zu können. Mit Worten, mit wörtlichem Schallklang konnte er sogar in vieler Beziehung das Richtige aussprechen. Denken Sie nur einmal, eine Stelle aus dem letzten Vortrage von Friedrich Schlegel vom Jahre 1828 will ich Ihnen doch mitteilen. Er versuchte zu beweisen, so sagt er, «daß in dem Gange derselben» — nämlich der Weltgeschichte — «eine göttlich führende Hand und Fügung zu erkennen ist, daß nicht bloß irdisch sichtbare Kräfte in dieser Entwickelung und in dem sie hemmenden Gegensatze mitwirkend sind, sondern daß der Kampf zum Teil auch unter dem göttlichen Beistande gegen unsichtbare Mächte gerichtet ist; davon hoffe ich die Überzeugung, wenn auch nicht mathematisch erwiesen, was hier gar nicht angemessen, noch anwendbar wäre, doch bleibend erweckt und lebendig begründet zu haben».

[ 35 ] Daß der Mensch also, indem er die Geschichte durchlebt, sich hereinzuleben hat in die Geschichte göttlicher Kräfte und mit diesen göttlichen Kräften zusammen gegen widerstrebende geistige Mächte—er sagt ausdrücklich: widerstrebende geistige Mächte — kämpft, davon hatte er eine Ahnung, aber es fehlte jedes lebendige Bewußtsein. Denn die wirkliche Wissenschaft vom Geiste, die flieht man ja in gewisser Beziehung. Seit dem 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als im Abendlande entstanden ist das Vorurteil, wie man es nannte, gegen die Einrede der falschen Gnosis — so nannte man es: die Einrede der falschen Gnosis —, da kam man allmählich dazu, abzulehnen alles dasjenige, was der Mensch wissen kann über die geistigen Welten. Und so ist es denn gekommen, daß auch die religiösen Impulse den Materialismus zubereitet haben, daß diese religiösen Impulse nicht verhindern konnten, daß wir eigentlich heute nichts haben, was wir der Jugend wirklich geben können. Unsere Wissenschaft dient nicht der Jugend, denn man kann sich im späteren Alter nur an sie erinnern, sie kann nicht Herzensweisheit werden.

[ 36 ] Selbst auf religiösem Gebiete ist es so. Schließlich ist ja die Menschheit nur, ich möchte sagen, zu zwei Extremen gekommen. Den übersinnlichen Christus zu fassen hat ja die Menschheit ziemlich verlernt. Sie will nichts wissen von jener kosmischen Macht, von der die Geisteswissenschaft wieder sprechen muß als der Macht des Christus Jesus. Auf der einen Seite ist ja eine ganz liebliche, wirklich liebliche Vorstellung all dasjenige, was sich im Laufe des Mittelalters und der neueren Zeit durch Dichter, durch Musiker entwickelt hat, eine liebliche poetische Vorstellung, was sich in Anlehnung an das Jesuskind entwickelt hat; aber, religiös ausfüllen kann es doch nicht den Menschen sein ganzes Leben hindurch, was sich an Vorstellungen anknüpft an das liebe Jesulein! Es ist ja schon charakteristisch, daß eine geradezu paradoxe Liebe in unzähligen Liedern und dergleichen für das liebe Jesulein sich ausdrückt. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, aber es kann nicht das einzige bleiben.

[ 37 ] Das ist das eine, wo sich der Mensch, weil er sich zu dem Großen nicht erheben kann, an das Kleinste gemacht hat, um wenigstens etwas zu haben. Aber ausfüllen kann es das Leben nicht. Und auf der andern Seite der «bon dieu citoyen», wie wir ihn zu Weihnachten mit den Worten Heinrich Heines kennengelernt haben, der gute Bürgergott Jesus, der aller Göttlichkeit entkleidet ist, der Gott der liberalen Pastoren und liberalen Priester. Glauben Sie, daß er nun wirklich das Leben ergreifen kann? Glauben Sie insbesondere, daß er die Jugend gefangennehmen kann? Er ist vom Anfange an ein totes Theologieprodukt, nicht einmal ein Theologieprodukt, sondern ein Theologiegeschichteprodukt. Aber die Menschheit ist auch auf diesem Gebiete weit davon entfernt, die Blicke hinzurichten auf dasjenige, was geistige Macht in der Geschichte ist.

[ 38 ] Warum ist das so? Weil eben eine Zeitlang die Menschheit das schon durchmachen mußte, rein materiell in die Welt zu blicken. Es ist auch die Zeit herangekommen, wo die Umwandlung gerade des zur Spiritualität tauglichen Naturwissens der Gegenwart in Herzenswissen sich vollziehen muß. Unsere Naturwissenschaft ist entweder spottschlecht, wenn sie so bleibt, wie sie ist, oder sie ist etwas ganz außerordentlich Großartiges, wenn sie sich umwandelt in Herzensweisheit. Denn dann wird sie Geisteswissenschaft. Die alte, ältere Wissenschaft, die in mancherlei Traditionen befangen ist, hatte schon die Kopfwissenschaft in Herzenswissenschaft umgewandelt. Die neuere Zeit hat keine Begabung gehabt, das, was sie als Wissenschaft neu gewonnen hat bis jetzt, in Herzenswissenschaft umzuwandeln. Und so ist es denn gekommen, daß insbesondere auf sozialem Gebiete die Kopfwissenschaft die einzige wirkliche Arbeit geleistet hat und daher das einseitigste Produkt zustande gebracht hat, das es geben kann.

[ 39 ] Der Kopf des Menschen kann vom Menschenwesen überhaupt nichts wissen. Wenn der Kopf des Menschen daher über das Menschenwesen, wie es sich im sozialen Zusammenhange auslebt, nachdenkt, so muß der Kopf etwas ganz Fremdes in dem sozialen Zusammenleben zustande bringen, und das ist der moderne Sozialismus, wie er sich als sozialdemokratische Theorie ausdrückt. Es gibt nichts, was so rein Kopfwissen ist, wie die marxistische Sozialdemokratie, nur weil die übrige Menschheit versäumt hat, sich überhaupt mit Weltproblemen zu beschäftigen, und man in diesen Kreisen sich allein mit sozialen Theorien beschäftigt hat. Die übrigen haben nur — na, ich will höflich sein — die Professorengedanken sich vorsagen lassen, die nur traditionell sind. Aber die Kopfweisheit, das ist Sozialtheorie geworden. Das heißt, mit einem Instrumente hat man versucht, eine soziale Theorie zu begründen, das gerade am allerwenigsten geeignet ist, über die Menschenwesenheit etwas zu wissen. Das ist ein Fundamentalirrtum der gegenwärtigen Menschheit, der nur ganz aufgedeckt werden kann, wenn man wissen wird, wie es mit dem Kopf- und Herzenswissen ist. Niemals wird der Kopf widerlegen können den Sozialismus, marxistischen Sozialismus, weil der Kopf hinausdenken muß in unserem Zeitalter. Widerlegen können wird ihn nur die Geisteswissenschaft, weil die Geisteswissenschaft durch das Herz umgewandelte Kopfweisheit ist.

[ 40 ] Das ist außerordentlich wichtig, daß man diese Dinge ins Auge faßt. Sie sehen, warum untaugliche Mittel vorhanden waren selbst bei einem solchen Menschen wie Schlegel, weil er Altes nehmen wollte, trotzdem er einsah: der Mensch muß wiederum sich einen Blick aneignen für das Unsichtbare, das unter uns herumgeht. Aber unsere Zeit ist eine Aufforderung, den Blick hinzurichten auf dieses Unsichtbare. Unsichtbare Mächte waren immer da, so wie Schlegel das ahnt; unsichtbare Mächte haben mitgearbeitet und mitgewirkt an dem, was in der Menschheit sich vollzieht. Die Menschheit aber muß sich entwickeln. Das ging bis zu einem gewissen Grade, daß in den letzten Jahrhunderten die Menschen keine Rücksicht genommen haben auf die übersinnlichen, unsichtbaren Kräfte zum Beispiel im sozialen Leben. In Zukunft wird das nicht gehen. In der Zukunft wird das gegenüber den realen Verhältnissen nicht gehen. Viele Beispiele könnte ich dafür anführen; eines will ich anführen.

[ 41 ] Ich habe von andern Gesichtspunkten aus im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte darüber gesprochen. Wer das soziale Verhältnis in Europa betrachtet, wie es sich herausgebildet hat seit dem 8., 9. Jahrhundert, der weiß, daß verschiedenes in die Struktur des europäischen Lebens hineingearbeitet hat, in dieses komplizierte europäische I,eben, das im Westen sich behalten hat das athanasianische Christentum, das zurückgeschoben hat, wie ich das vor Wochen hier gesagt habe, nach dem Osten ein älteres Christentum, das urverwandt ist mit asiatischen Traditionen: das russische Christentum, das orthodoxe Christentum; das im Westen ausgebildet hat — indem es allmählich einen Gliedkörper geschaffen hat aus dem konservierten Romanentum mit dem neu auflebenden Germanentum und Slawentum in Europa — die verschiedenen europäischen Glieder dieses europäischen sozialen Ganzen, einen komplizierten Organismus. Man konnte sich bis jetzt in ihm bewegen, indem man dasjenige, was unsichtbar in ihm lebte, unberücksichtigt ließ; denn die Konfiguration Europas, sie hat viel Kraft in ihrer Struktur. Aber eine wichtige, wesentliche Kraft in dieser Struktur ist unter anderem das Verhältnis, in dem Frankreich zum übrigen Europa gestanden hat. Ich meine jetzt nicht bloß das politische Verhältnis, ich meine das ganze Verhältnis von Frankreich zum übrigen Europa und verstehe darunter alles dasjenige, was irgendein Europäer irgendeinem, der sich zum französischen Wesen rechnet, gegenüber fühlen konnte im Laufe der Jahrhunderte, seit dem 8., 9. Jahrhundert. Es besteht das Eigentümliche, daß, soweit das Verhältnis des übrigen Europa zu Frankreich in Betracht kommt, das Verhältnis des übrigen Europa zu Frankreich in Sympathie- und Antipathiegefühlen sich ausdrückt. Wir haben es zu tun mit Sympathie und Antipathie. Aber so ist es mit einem reinen Phänomen des physischen Planes. Man kann verstehen, was in Europa hereingespielt hat zwischen Frankreich und dem übrigen Europa in bezug auf Menschenverhältnisse, wenn man studiert, was Herzen, was Menschenseelen ausleben auf dem physischen Plan. Was jedenfalls außerhalb Frankreichs sich für Frankreich entwickelt hat, ist zu verstehen nach Verhältnissen des physischen Planes. Daher hat es nichts geschadet — andere Verhältnisse in Europa waren in den letzten Jahrhunderten ähnlich —, wenn man versäumt hat zu sehen, was an übersinnlichen Mächten in die Dinge hineingespielt hat, weil die Sympathien und Antipathien nach den Verhältnissen des physischen Planes eingestellt waren.

[ 42 ] Vieles von dem, was durch Jahrhunderte so gespielt hat, wird anders werden. Wir stehen vor mächtigen Umwälzungen, auch in bezug auf die innersten Verhältnisse, die über die europäische soziale Struktur hingehen. Man darf nicht glauben, daß es leichten Herzens hingesprochen war, wenn ich jetzt wiederholt darauf aufmerksam gemacht habe, daß die Dinge wichtiger zu nehmen sind, als man heute geneigt ist, es zu tun. Wir stehen vor mächtigen Umwälzungen, und notwendig wird es sein, daß in der Zukunft die Menschen ihr Auge, ihr Seelenauge richten auf geistige Verhältnisse; denn man wird nach bloßen Verhältnissen des physischen Planes nicht mehr verstehen können, was sich abspielt. Man wird es nur verstehen können, wenn man geistige Verhältnisse wird in Betracht ziehen können. Was sich im März abgespielt hat — der Sturz des Zarentums —, das hat einen metaphysischen Charakter. Man kann es nur verstehen, wenn man den metaphysischen Charakter ins Auge faßt.

[ 43 ] Wir sind unter uns, solche Dinge können unbefangen besprochen werden. Warum gab es denn überhaupt ein Zarentum? Die Frage kann in einem höheren Sinne aufgefaßt werden als im äußeren trivial-historischen Sinne. Warum gab es denn überhaupt ein Zarentum? Wenn man absieht von einzelnen pazifistischen Querköpfen, die in den Firlefanzereien des zaristischen Friedensmanifestes etwas Ernsthaftes gesehen haben, dann muß man sagen: Selbst diejenigen, welche aus allerlei Gründen mit dem russischen Reiche sich [gut] gestellt haben —, das Zarentum haben sie nicht geliebt! Und diejenigen, die es geliebt haben, bei denen war die Liebe sicherlich nicht sehr echt. Warum gab es denn überhaupt ein Zarentum? Es gab ein Zarentum — ich will es jetzt paradox ausdrücken, etwas extrem —, damit Europa etwas zu hassen hatte. Diese Kräfte des Hasses waren notwendig aufzubringen. Es gab ein Zarentum, und das Zarentum benahm sich so, wie es sich benahm, damit Europa etwas zu hassen hatte. Diesen Haß brauchte Europa als den Vorspann zu etwas anderem. Der Zar mußte dasein, um zunächst den Punkt abzugeben, auf den sich der Haß konzentrierte; denn eine Welle des Hasses bereitete sich vor, die nach diesen Tagen auch schon äußerlich beurteilt werden kann. Dasjenige, was sich jetzt abspielt, wird sich in mächtige Hassesgefühle umwandeln, die nicht mehr zu verstehen sein werden, wie die Sympathie und Antipathie von früher, wie ich auseinandergesetzt habe, nach dem physischen Plane zu verstehen sind. Denn es werden nicht bloß Menschen hassen. Mittel- und Osteuropa wird gehaßt werden, nicht von Menschen, sondern von gewissen Dämonen, die in Menschen wohnen werden. Die Zeit, wo Osteuropa vielleicht noch mehr gehaßt wird als Mitteleuropa, die wird schon kommen.

[ 44 ] Diese Dinge müssen verstanden werden, diese Dinge dürfen nicht leicht genommen werden. Sie können nur verstanden werden, wenn die Menschen sich dazu aufschwingen, Zusammenhang zu suchen mit der geistigen Welt. Denn das muß doch kommen, was solche Geister wie Friedrich Schlegel schon ein wenig geahnt haben, aber wofür sie die Grundlagen und die Wurzeln eben nicht gesehen haben. Das muß kommen, daß die Dinge unbefangen ins Seelenauge gefaßt werden, damit der Mensch zurückschauen kann auf die letzten Jahrhunderte, auf das, was sie gebracht haben — und dann wird er mitarbeiten können an dem, was begründet werden muß.

[ 45 ] Unter den schönen Sätzen, die sich zuweilen in den Schlegelschen Vorlesungen finden, ist auch der, daß es in der Entwickelung der Menschheit ankommt auf das Innere der Seele und auf die Wahrhaftigkeit im Innern der Seele, und daß schädlich ist vor allem jede politische Abgötterei. Das ist ein schöner Satz von Friedrich Schlegel. Diese politische Abgötterei, wie hat sie unsere Zeit erfaßt! Wie beherrscht sie unsere Zeit! Und die politische Abgötterei hat sich selber ein schönes Symptom geschaffen, an dem man erkennen konnte, was da ist.

[ 46 ] Aber man muß Zusammenhänge durchschauen. Man muß es empfinden, was in unserer Zeit lebt. Wir haben nicht die Möglichkeit — wir verstehen es, sobald wir hinblicken auf das wahre Wesen des Kopf- und Herzensmenschen —, wir haben heute nicht die Möglichkeit, wenn wir das Wissen nicht herzlich vertiefen, den Kindern dasjenige zu geben, was sie brauchen, um das Leben lebensfähig jung hindurchzuerhalten. Wir haben diese Möglichkeit noch nicht. Das muß begründet werden, das muß kommen. Wir können sagen, wenn wir die Dinge in ein paar Worte zusammenfassen wollen: ganz und gar nicht kann die Schulmeisterei ihre Aufgabe heute erfüllen. Was Schulmeisterei ist, das ist weltenfremd dem wahren Wesen des Menschen. Die Welt aber droht beherrscht zu werden von einem politisch abgöttisch verehrten Schulmeister. Die Schulmeisterei, das Ungeeignetste zur Menschenlenkung in dem heutigen Zeitabschnitte, soll große Politik werden.

[ 47 ] Diese Dinge sollten wenigstens einige Menschen einsehen, denn das sind Dinge, die tief zusammenhängen mit den tiefen Erkenntnissen, die man sich allein erwerben kann, wenn man ein wenig hineinzudringen versucht in die Geheimnisse der Menschheit. Mit Trieben und Instinkten, mit Chauvinismen und Nationalismen läßt sich heute die Welt weder begreifen noch irgendwie regieren — allein mit dem guten Willen, der eindringen will in die wahre Wirklichkeit. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.