Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Alte Mythen und ihre Bedeutung
GA 180

14 Januar 1918, Dornach

Fünfzehnter Vortrag

[ 1 ] Heute möchte ich gewissermaßen etwas rein Geschichtliches vorbringen. Ich glaube, daß das 9. Jahrhundert und das 15. Jahrhundert, von dem ich dann in einem nächsten Vortrage sprechen will, in der Tat so betrachtet werden können, daß man an der Betrachtung des Kulturinhaltes gerade dieser beiden Jahrhunderte Wichtiges sehen kann, aus dem manches für diese Gegenwart, für die Beurteilung der gegenwärtigen Verhältnisse zu lernen ist. Wir haben es im 9. Jahrhundert insofern mit einer bedeutsamen geschichtlichen Zeitepoche des europäischen Lebens zu tun, als in diesem 9. Jahrhundert gewissermaßen das Abendland schon in dem Sinne, in dem das überhaupt der Fall geworden ist, verchristet uns entgegentritt. Die früheren Jahrhunderte sind eigentlich Jahrhunderte, in denen das Christentum sich erst in das abendländische Leben einfügt. Und im 9. Jahrhundert, also in der Zeit, die auf das Jahrhundert zum Beispiel Karls des Großen folgte, in dieser Zeit sehen wir, daß Europa einen christlichen Charakter trägt, jenen christlichen Charakter, der dann durch die Jahrhunderte hindurch im Leben der Menschen von Europa gewirkt hat. Das aber, daß Europa so christlich geworden ist, wie es eigentlich uns da im 9. Jahrhundert erscheint, das hat mannigfaltige Voraussetzungen. Und man kann nur beurteilen, wie sich das Christentum eingelebt hat, wenn man diese mannigfaltigen Voraussetzungen ins Auge faßt.

[ 2 ] Wir wissen ja, daß zur Zeit der Entstehung des Christentums das Römische Reich gerade anfing seine Kaiserzeit, daß es anfing, in einer einheitlichen Verwaltungsform im Grunde genommen die ganze damals bekannte Welt zu umfassen, beziehungsweise diese Umfassung geltend zu machen, wirklich zu erleben. Wir wissen, daß es schon die Zeit ist, in der das Griechentum als äußere politische Daseinsform zurückgeht, daß allerdings das Griechentum längst in das Römertum eingedrungen ist als Bildungs- und Kulturferment, und wir haben dann unseren Blick vor allen Dingen darauf zu richten, daß aus den Anfängen des Christentums, die wir ja kennen, dieses Christentum sich allmählich einlebt in die ganze Form des Römischen Reiches, in alle Verwaltungs-, Verfassungsformen des Römischen Reiches. Und wir sehen dann, wie das Christentum, das sich unter den mannigfaltigsten Bedingungen in Europa entwickelt, im 1., 2., 3. Jahrhundert sich einlebt eben in das, was als römische Lebensform da ist. Wir sehen dann aber, wie dieses Einleben des Christentums zunächst verbunden ist mit einem völlig Anarchischwerden des europäischen Lebens. Wir wissen, wie das Römische Reich schon von dem weltgeschichtlichen Augenblicke an, da es am weitesten ausgebreitet war, die Keime seines Verfalls in sich deutlich zeigt.

[ 3 ] Die Frage wird immer den Menschen beschäftigen müssen, der diese Dinge ins Auge faßt: Woran ist eigentlich dieses Römische Reich, das in solcher Glorie aufgestiegen ist, in den drei, vier ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung zugrunde gegangen? Man kann den Glauben haben, daß einzig und allein die Anstürme der nördlichen, der germanischen Völkerschaften an dem Untergange des Römischen Reiches die Schuld tragen. Man kann dann einen Teil dieser Schuld finden in der Ausbreitung des Christentums selbst. Man wird die tiefere Grundlage des Unterganges des weströmischen Reiches doch mißdeuten, wenn man gerade in diesen genannten Faktoren die einzigen Motive für diesen Untergang des weströmischen Reiches sucht. Denn gerade das weströmische Reich zeigt, wenn man es gründlicher betrachtet, daß solche Gebilde doch ein eigenes Leben in sich tragen, daß sie gewissermaßen eine Geburt, eine Jugend haben, ein gewisses Reifealter, und daß sie dann allmählich so absterben müssen, daß man die Gründe des Absterbens in ihnen selber suchen muß, wie man ja schließlich beim einzelnen Organismus auch die Gründe des Alterns und des physischen Absterbens in ihm selbst und nicht in äußeren Verhältnissen suchen muß. Man kann aber allerdings an äußeren Erscheinungen vielleicht wahrnehmen, wie es zugegangen ist bei diesem allmählichen Altern und endlichen Absterben einer solchen Sache, wie das Römische Reich es ist.

[ 4 ] Was man berücksichtigen muß, wenn man die europäische Entwickelung bis ins 9, Jahrhundert hinein ins Auge faßt, das ist dieses, daß zwei Erscheinungen deutlich vor dem geschichtlich betrachtenden Auge auftauchen. Das eine ist der allmähliche Niederstieg des Römischen Reiches und alles dessen, was damit zusammenhing; das andere ist aber, daß gleichzeitig damit aufblühen die orientalischen Lebensverhältnisse. Wir sehen, daß sich im Oriente weit über die Gebiete, an die nach dem Osten hin das Römische Reich grenzt, Kulturblüte entwickelt, allerdings äußere, materielle Kulturblüte. Mit andern Worten, diese Länder, an die das Römische Reich, man kann nicht einmal sagen, daß es in seiner Kulturblüte an sie grenzte, sondern die es nominell umfaßte, diese Länder entfalten eine glänzende materielle Kulturblüte. Ohne diese materielle Kulturblüte, die sich an der Peripherie des Römischen Reiches bildete, wäre es unmöglich gewesen, daß später, als der Mohammedanismus aufblühte, als das Arabertum sich geltend machte in der geschichtlichen Entwickelung, dieses Arabertum in so glänzender Weise einen großen Teil der Welt bis in die Zeit des 8., 9. Jahrhunderts hinein für sich in Anspruch nehmen konnte. Wir sehen ja, daß bis in dieses 8., 9. Jahrhundert hinein die arabische Herrschaft unter der geistigen Fahne des Mohammed sich ausbreitete bis nach Spanien hinein, daß aber auch nach den andern Richtungen das europäische Leben in deutlichen Zusammenhang kam mit alldem, was sich als Kulturblüte da ringsumher erhob. Das, was die Araber erreicht haben, die dann die Feinde Europas wurden, in Spanien, in Sizilien, vom Oriente her, das mußte wurzeln in einem Reichtum, in glänzenden materiellen Verhältnissen. Nur dadurch ist es möglich geworden, daß das Arabertum solch glänzende Eroberertaten verüben konnte. Woher kommt diese Erscheinung, die inniger, als man denkt, mit dem, was in Europa geschieht bis zum 9. Jahrhundert hin, zusammenhängt? Woher rührt diese Erscheinung, daß auf der einen Seite das Römische Reich zurückgeht, und auf der andern Seite das orientalische Wesen einen glänzenden Aufschwung nimmt und auf das Abendland in außerordentlicher Weise wirkt? Denn es wirkte nicht nur durch seine Eroberung, es wirkte in außerordentlicher Art geistig. Man glaubt gar nicht, wieviel von dem, was die Araber zum Teil durch die griechische Bildung, die sie selbst erst übernommen hatten, die sie mit ihrem eigenen Wesen verwoben haben, auf das europäische Abendland eingewirkt hat.

[ 5 ] Dieses europäische Abendland hat durch die Art und Weise, wie es sich bis zum 9. Jahrhundert entwickelt hat, ja nicht nur eine Strömung in sich. Wir alle, insofern wir teilnehmen an der Bildung des Abendlandes, haben zwei deutliche Strömungen in uns. Man geht ganz fehl, wenn man glaubt, daß nur die eine, christliche Strömung sich im Abendlande ausgebreitet hat; geistig hat sich ganz wesentlich das, was von den Arabern gekommen ist, im Abendlande ausgebreitet. Die Denkweise, die Art und Weise des Vorstellens ist vom Arabertum tief eingedrungen in die europäischen Verhältnisse. In dem, was der heutige Mensch — ich meine jetzt nicht den geisteswissenschaftlich angekränkelten Menschen, sondern den Menschen der allgemeinen Bildung — über Schicksal, über Naturordnung, über das Leben überhaupt denkt, darin stecken bis in den Bauernkopf hinein die mannigfaltigsten arabischen Gedanken. Und wenn Sie vieles von dem, was heute die Köpfe beherrscht, nehmen, so finden Sie schon, daß arabische Gedanken darinnen sind.

[ 6 ] Was kann man unter vielem andern als charakteristisch für diese arabische Denkungsweise, die sich in Europa ausbreitete, aufstellen? Als besonders charakteristisch kann man aufstellen, daß diese arabische Denkungsweise zuerst einmal spitzfindig ist, abstrakt ist, das Konkrete nicht gern hat, daher am liebsten alle Welt- und Naturverhältnisse in Abstraktionen betrachtet. Daneben ist eine, man kann nicht bloß sagen blühende, sondern wollüstige Phantasieentwickelung. Denken Sie nur einmal, was neben der nüchternen, abstrakten Denkweise, die sich sogar im Künstlerischen zeigt im Arabertum, was sich da an Phantasie entwickelt über eine Art Paradies, über eine Art Jenseits mit all den aus dem Sinnlichen in dieses Jenseits hineinversetzten Freuden. Diese zwei nebeneinanderlaufenden Dinge: nüchternes, materialistisches Betrachten von Natur- und Weltverhältnissen, auf der andern Seite üppiges Phantasieleben, selbstverständlich in Abstumpfung dann und im Gescheitwerden, ist etwas, was sich bis in die Gegenwart herein fortgepflanzt hat. Denn, will man heute irgend etwas von der geistigen Welt vorbringen, ja, wenn man es in Form von Phantasie gibt, dann gehen die Leute noch darauf ein. Dann brauchen sie nicht daran zu glauben, sondern können es als Phantasiegebilde hinnehmen. Das lassen sie sich gefallen, denn daneben wollen sie das haben, was sie echt, wirklich nennen. Das muß aber nüchtern, das muß trocken, das muß abstrakt sein.

[ 7 ] Diese zwei Dinge, die als zweite Strömung im Seelenleben Europas leben, die sind im wesentlichen mit dem Arabertum gekommen. Das Arabertum ist zwar kriegerisch in vieler Beziehung zurückgedrängt worden, aber diese Vorstellungsart, die ist tief eingedrungen in das europäische Leben, namentlich in das südliche, westliche und mitteleuropäische Leben, weniger in das osteuropäische Leben; aber auch da, wenigstens in das, was man «Bildung » nennt, ist es teilweise eingedrungen. So daß das Christentum, das in bezug auf diese Dinge ganz anders geartet ist, mit diesen entgegengesetzten Vorstellungen zu kämpfen hatte. Will man also Europas Entwickelung bis ins 9. Jahrhundert hinein verstehen, so darf man nicht außer acht lassen, daß solche arabische Gedanken in Europa eingedrungen sind. Man glaubt gar nicht, wieviel eigentlich in Europa dem Türkentum nahesteht, der mohammedanischen Kultur nahesteht in den Gedanken, die der Europäer über Leben, Schicksal und so weiter hat.

[ 8 ] Wie ist es aber gekommen, daß da an der Peripherie des Römischen Reiches so etwas entstehen konnte, besser gesagt, so etwas sich einwurzeln konnte, was Europa so viel zu schaffen machte? Das hängt zusammen gerade mit dem immer Größer- und Größerwerden des Römischen Reiches. Dieses Römische Reich, indem es sich immer mehr und mehr ausbreitete, war genötigt, zum Unterhalt der Bedürfnisse, die sich herausbildeten in diesem weiten Reiche, viele, viele Produkte aus dem Oriente zu beziehen, und die mußten alle bezahlt werden. Und wir schen mit der Entwickelung des Römischen Reiches gerade vom Beginne unserer Zeitrechnung an, daß eine bedeutsame Erscheinung in der Entwickelung des Römischen Reiches diese ist, daß die Römer so viel bezahlen müssen für das, was sie aus dem Oriente beziehen. Wir sehen, mit andern Worten, daß in dieser Zeit im Römischen Reiche ein ungeheuer starker Goldabfluß nach der Peripherie hin stattfindet. Das Gold fließt ab. Und kurioserweise eröffnen sich keine neuen Goldquellen. Und die Folge davon ist, daß die Reichtumsverhältnisse des Römischen Reiches sich vollständig ändern, daß das Römische Reich mit der Entwickelung des Christentums geld-, das heißt gold- und silberarm wird. Das ist eine grundbedeutsame Erscheinung. So daß sich das Christentum ausbreitet im Römischen Reiche in einer Gegend, die immer mehr und mehr in bezug auf seine Wirtschaft nach primitiven Zuständen zu tendiert. Denn wo Verarmung an Geld stattfindet, wo Verarmung an Gold stattfindet — auf dem physischen Plane ist das einmal so —, da tritt sehr bald die Notwendigkeit auf, zu den primitiven Formen der Naturalwirtschaft zurückzukehren, zu den primitiven Formen einer Art von Tauschhandel durch das bloße Austauschen der Güter. Aber das wäre noch nicht einmal das Bedeutsame. Das Bedeutsame ist, daß es unmöglich wird, wenn solche Goldarmut eintritt, daß weithin reichende und vielbedeutende Menschenverbindungen geschaffen werden. Die Menschen werden dadurch auf die Ausnützung viel näherer Verhältnisse angewiesen; sie werden in dem Austausch und in dem Zusammenleben in ihren Bedürfnissen in viel engere Grenzen eingeschlossen.

[ 9 ] Und so kam es, daß die römische Wirtschaft allmählich immer mehr hineinwuchs in eine Art und Weise, die es als Imperium nicht gewöhnt war. Die Einrichtungen waren im Römischen Reiche alle so getroffen, alle Arten der Verwaltungseinrichtungen, der Administration und so weiter, alles das, was man als Zusammenhang der Gegenden mit ihren Behörden und so weiter bezeichnet, das war darauf eingerichtet, daß man Geld hatte. Und nun wurde das Geld immer weniger. Sie können es an einem besonderen Gebiete deutlich beobachten. Natürlich, da das Reich immer größer geworden war, brauchten die Römer immer mehr und mehr, namentlich in den äußeren Partien des Reiches, Legionen; sie brauchten Soldaten. Die wollten bezahlt sein. Man konnte nicht immer unendliche Massen von etwa in Italien selbst produzierten Dingen an die Peripherie hinausführen. Die Soldaten wollten in Gold bezahlt werden, damit sie dann von den andern einhandeln konnten. Aber das Gold war allmählich nicht mehr da. Man konnte die Soldaten nicht mehr bezahlen. So war es auf vielen Gebieten. Das Römische Reich erstarb also gewissermaßen an seiner eigenen Größe. Und in seinem Umfange, an seiner Peripherie entwickelte sich ein ganz besonderer Reichtum, der dann selbstverständlich auch zur Folge hat, daß eine gewisse Basis, eine gewisse Grundlage da ist für ein geistiges Leben.

[ 10 ] Nun kommt zu diesem etwas anderes hinzu: Die Römer waren allmählich dazu gekommen, nicht nach ihren alten Gewohnheiten leben zu können. Natürlich muß man nicht den einzelnen Menschen betrachten, sondern die ganzen Einrichtungen dabei. Im Norden aber waren frische Völkerschaften da; die waren nach ihren ganzen Sitten und Gewohnheiten gerade auf die Naturalwirtschaft eingerichtet. Unter ihnen hatte sich gerade der Hang und Drang zur Naturalwirtschaft allmählich herausgebildet. Sie waren auf solche Verhältnisse auch durch ihre tief eingewurzelten, elementaren Neigungen und Sympathien hin organisiert. Diese germanischen Völkerschaften — so nennt man sie ja in ihrer Gesamtheit, wie sie sich in West-, Mitteleuropa, im Norden des Römischen Reiches ausbreiteten — waren in den Jahrhunderten sowohl zur Zeit der völligen Anarchie im 3., 4. Jahrhundert wie bis zur Zeit der völligen Konsolidierung im 9. Jahrhundert allmählich so geworden — ich sage nicht, daß das immer so war in diesen Gegenden, aber allmählich so geworden —, daß sie an der Naturalwirtschaft etwas fanden, was ihren Sitten und Gewohnheiten, auch ihren Sympathien und Neigungen entsprach, während es bei den Römern nicht der Fall war. Vor allen Dingen entsprach aber die Naturalwirtschaft in gewissem Sinne den Einrichtungen, der Art des Zusammenlebens der Menschen in diesen nördlichen Gegenden.

[ 11 ] Man muß dann den Blick werfen auf diese nördlichen Gegenden. Man sagt so im allgemeinen: Da waren es nun in den ersten christlichen Jahrhunderten germanische Völkerschaften. — Germanische Völkerschaften nennen wir das, was da im Norden sich ausbreitete, heute im Grunde genommen nur, weil, wenn etwas entfernt ist, es sich einheitlich ausnimmt. Wenn ein Mückenschwarm sehr weit entfernt ist, sieht er wie eine einheitliche graue Masse aus. Würde man jede einzelne Mücke ansehen, würde sich das anders ausnehmen. Und so ist das, was da — während das Römische Reich durch die genannten Verhältnisse, durch die charakterisierten Verhältnisse verfiel —, im Norden sich ausbreitete, auch nicht so im allgemeinen mit dem Namen «germanische Völkerschaften» zu umfassen, wie es jetzt in der zeitlichen Entfernung aussieht. Denn vor allen Dingen muß man ins Auge fassen, wie sich das eigentlich herausgebildet hat, was da vom Norden her in Zusammenstoß kam mit dem Römischen Reiche im 3., 4., 5. Jahrhundert. Das muß man ins Auge fassen. Ja, wohl schon als Tacitus im ersten christlichen Jahrhundert diese nördlichen Gegenden gesehen hat, war es so, daß der Prozeß, der sich da abgespielt hat, als noch wenig Berührung war mit dem Römischen Reiche, hervorgegangen war daraus, daß in allen diesen Gegenden ursprünglich eine Art einheimischer Bevölkerung war, die, wenn man zurückgeht in der Entwickelung von Europa, wohl in gerader Linie, wenigstens für Westeuropa und Mitteleuropa, in das Keltentum zurückführt.

[ 12 ] Was in Europa kultiviert worden ist in den älteren Zeiten, natürlich vor der Entstehung des Christentums, das gehört zunächst einer gewissen keltischen Urbevölkerung an. Diese keltische Urbevölkerung ist im Grunde genommen als Grundlage der ganzen europäischen Bevölkerung zu finden. Überall fließt in Europa die Nachkommenschaft des keltischen Blutes, nicht bloß etwa in Westeuropa, sondern vor allen Dingen auch in Mitteleuropa. Es sind sehr viele Menschen in Bayern, in Österreich, in Thüringen, in denen eigentlich, wenn man diese Dinge ungenau bezeichnen darf, die Nachfolgeschaft von keltischem Blut fließt, ganz abgesehen von Westeuropa. Es ist sogar höchst wahrscheinlich, daß in Westeuropa weniger keltisches Blut fließt als in Mitteleuropa.

[ 13 ] In diese keltischen Urverhältnisse hat sich erst hineingeschoben etwas, was der äußeren Geschichte seinem Ursprunge nach eigentlich ziemlich unklar ist. Schon alle möglichen Theorien wurden darüber aufgestellt, aber die Wahrheit ist diese: Es hat sich durch das, was man gewöhnlich Völkerwanderung nennt, was sich auch etwas anders vollzogen hat, als es in den Geschichtsbüchern gewöhnlich beschrieben wird, ein Volkselement — man kann nicht einmal gut sagen ein Volkselement, sondern eine größere Anzahl von Menschen aus den verschiedensten Gegenden her, auch von Asien über Nordeuropa her — hat sich hereingeschoben in die keltische Urbevölkerung. Und durch die Vermischung dieses hereingeschobenen Volkselementes mit dem alten keltischen Elemente, durch die mannigfache Vermischungda war die Vermischung stärker, dort schwächer, da blieb das keltische Element mehr im Vordergrund, da trat es zurück in den Hintergrund entstanden die verschiedenen Schattierungen der europäischen Bevölkerung. Und aus diesen Schattierungen entwickelten sich auf der einen Seite diejenigen Verhältnisse, die dann zu den Volksverhältnissen West- und Mitteleuropas geworden sind, aber auch diejenigen Verhältnisse, die zu den Lebensformen, zu den Verfassungs- und Verwaltungsformen geführt haben. Da gab es eine Zeit, in der das keltische Element der Urbevölkerung verhältnismäßig bequem lebte, vielleicht sogar in manchen Gegenden sehr kärglich lebte, aber bequem lebte von Jahr zu Jahr, sich nicht viel kümmerte um irgendwelche Neuerungen und dergleichen, sondern so dahinlebte nicht viel anders, als wie Sie es heute, allerdings immer weniger, sehen können in irgendeiner verlassenen Landesgegend, wo die Menschen eben von Jahr zu Jahr leben, ohne irgendwelche Neuerungen aufzunehmen. So lebte in einer gewissen bequemen Ruhe, die eigentlich dem Volkscharakter der Kelten gar nicht angemessen war, aber allmählich eingetreten war, dieses Keltenelement. Da kamen diese anderen Volksmassen, die eigentlich erst das Germanentum ergeben haben in der Vermischung mit dem Keltentum. Das Nächste, was sich da eben herausbildet, ist, daß, wie ich schon angedeutet habe, in dem einen Gebiete das alte Element die Oberhand behielt, das neue Element mehr zurücktrat — in manchen Gegenden war es umgekehrt —, und dadurch verschiedene Blutnuancen hervortraten.

[ 14 ] Aber auf der andern Seite stellte sich das heraus, daß die gewohnheitsmäßig Festsitzenden überflutet wurden von den Eindringenden. Die Eindringenden wurden die Herren. Sie waren diejenigen, die die Ruhe störten und dadurch die Herren wurden. Und aus diesem Verhältnis der erobernd auftretenden eingewanderten Herren und der sitzengebliebenen alten Urbevölkerung bildete sich das Verhältnis der Freien, Halbfreien und Unfreien heraus. Die Urbevölkerung wurde allmählich in die Sklaverei hinuntergedrängt. Diejenigen, die eingewandert waren, bildeten nach und nach die Herrenklasse, und das bedingte die Lebensverhältnisse.

[ 15 ] So besiedelte sich Europa mit einer Bevölkerung, die auf die Weise entstanden ist, wie ich es charakterisiert habe, aber innerhalb welcher sich die deutliche Konfiguration herausgebildet hat einer Herrenkaste und einer Art von Hörigen-, Sklavenkaste. Und auf dieser Grundlage entwickelten sich dann alle übrigen Verhältnisse. Durch die Nuancierungen, von denen ich gesprochen habe, bildeten sich die verschiedenen germanischen Zweige heraus, vor allen Dingen nach dem Westen hinüber, aber auch bis herein in die Gegenden des heutigen Nordbayern, sogar in die Gegenden des heutigen Hessen und so weiter. Das, was man die Franken nennt, war in gewisser Beziehung die rührigste Bevölkerung, in gewisser Beziehung, was äußeren Verstand betrifft, die verständigste, rührigste, in gewisser Beziehung auch herrschsüchtigste Gruppe der verschiedenen Gruppen, die sich volksmäßig herausgebildet haben. Das war also die Bevölkerungsgruppe, welche mehr nach dem Westen hinüber sich ausbreitete, das Element der Franken. Das Wort ist heute noch in der Wortzusammenfügung «frank und frei» vorhanden; was «frank und frei» bedeutet in seiner Zusammensetzung, weiß jeder, und «Franken » hängt zusammen mit diesem Worte «frank», das eine große Verwandtschaft hat mit dem Worte: sich frei, unabhängig, äußerlich frei, unabhängig fühlen wollen.

[ 16 ] In der Mitte blieb mehr diejenige Bevölkerung, die man — wenn man einen zusammenfassenden Namen will — als die sächsische Bevölkerung bezeichnen könnte, die nach Thüringen hinein sich ausbreitete, nach den nördlichen Gegenden gegenüber Thüringen, die Elbe hinunter, bis an die Meeresküste. Das war diejenige Bevölkerung, die in bezug auf ihren älteren Volkscharakter die eigensinnigere war, welche auf die ursprüngliche Eigenart besonders hielt, welche gewissermaßen das menschlich-persönlich-konservative Fühlen ausprägte.

[ 17 ] Und so gab es andere Gruppierungen. Es würde zu weit führen, diese Gruppierungen alle aufzuzählen. Wichtig ist, daß aus der sächsischen Gruppe dann, durch mannigfaltige Vermischung, aber mit starker Prädominanz der sächsischen Gruppe, sich die britische Bevölkerung herausentwickelte, die ihrem wesentlichen, in diese Jahrhunderte zurückführenden Ursprunge nach dem sächsischen Stamm, wenn man so sagen darf, angehört.

[ 18 ] Nun muß man ins Auge fassen, wie das Leben dieser Bevölkerung, die auf diese Weise sich herausgebildet hat, eigentlich war. Diese Bevölkerung, die da lebte, war im Verhältnis zu der südlichen Bevölkerung, zu der römischen und griechischen Bevölkerung eine jugendliche, eine kindhafte Bevölkerung. Das, was alt geworden war im Keltentum, war ja überhaupt nicht sehr alt geworden, sondern war früh greisenhaft geworden. Ein Verjüngungsprozeß fand schon statt dadurch, daß gewisse Volksgruppen hereindrängten vom Norden Europas, auch mittelbar von Asien her. Es war eine Bevölkerung, die vor allen Dingen gegenüber dem südlichen Elemente eben erstens die Sympathien für das Naheleben hatte, für die Naturalwirtschaft, die wenig Wert legte auf die Geldwirtschaft, welche ja überhaupt erst eintritt, wenn ein Reichswesen fortgeschritten ist.

[ 19 ] Wer sich trotz der Völkerwanderung — die eben doch etwas anderes ist, als in den Geschichtsbüchern dargestellt wird — innerhalb dieser neuentstandenen europäischen Verhältnisse entwickelte, der war eigentlich im Grunde in irgendeiner Verbindung nur mit seinem Nachbarn, mit den nächsten Nachbarn. Aber auch in geistiger Beziehung war eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit da. Alle diese Völker hatten noch etwas, was die griechische, römische Bevölkerung längst verloren hatte. Sie hatten noch alle, selbst bis ins 6., 7., 8. Jahrhundert hinein, in einem viel höheren Maße als die allerungebildetste griechisch-römische Bevölkerung, ein ursprüngliches atavistisches Hellsehen. Diese Menschen lebten alle im Zusammenhange mit gewissen geistigen Wesenheiten. Für sie gab es nicht bloß eine äußere materielle Natur, für sie gab es nicht bloß Jahreszeiten und Wind und Wetter, sondern für sie gab es, weil sie das sahen in jenen Zuständen, die mehr waren als ein Traum, den Gott Wotan, den die Leute kannten. Viele wußten wenigstens: sie haben selber den Gott Wotan gesehen, der sich mit dem Winde, auf Windesflügeln bewegt.

[ 20 ] Das wußten die Leute. Ebensogut kannten sie zum Beispiel den Gott Saxnot, der, wenn sie zu kämpfen hatten, ihnen beistand in ihren Schlachten. Wenn sie die Schlachten geschlagen hatten, oder bevor sie sie schlugen, erschien ihnen ihr Gott Saxnot, und dergleichen mehr. Mit den schnell vorübergehenden Witterungsverhältnissen waren sie auch nicht bloß in materieller Weise bekannt, sondern sie waren dem Geiste nach elementarisch bekannt mit dem Gott Thor, mit seinem Hammer, und dergleichen. Das waren für diese Leute reale Erlebnisse, das kannte man da noch. Und außerdem hatten diese Leute, weil sie aus der eigenen Anschauung wußten, es gibt eine geistige Welt —, den Glauben an die Führung durch die geistige Welt. Sie glaubten, alles das, was geschieht in den Tagen, in den Jahreszeiten, das werde durch geistige Kräfte und Wesenheiten geführt. War irgendein Stamm siegreich, so wußte er, der Stammesgott, der hat beigestanden, der hat geführt.

[ 21 ] Vom Stammesgott konnte man sagen: Er hat geführt. — Von einem allgemeinen Menschengott kann man nicht sagen, daß er der Gott der Schlacht ist. Von einem Stammesgott kann man das ganz gut sagen. Die Leute hatten recht, wenn sie von ihren Stammesgottheiten sagten, sie seien durch sie geführt worden. Selbstverständlich, in jedem Momente kann irgendein Stamm, wenn er zugleich zugibt, daß es sich nur um einen Stammesgott handelt, sagen, er ist durch ihn beschützt, behütet worden; aber man kann es nicht von einem Gott, dem man die ganze Menschheit zusprechen will, in demselben Sinne behaupten.

[ 22 ] Die Priesterschaften, die bildeten sich heraus — es gab ja auch Mysterien in diesen Gegenden, über solche Dinge haben wir öfter gesprochen —, um gewissermaßen die Führung zu haben in diesem ganzen Zusammenhange der Menschen mit den göttlich-geistigen Mächten. Aber diese Führung war eine ganz bestimmte, weil die Leute wußten, daß es geistige Mächte, daß es geistige Kräfte und Wesenheiten gibt.

[ 23 ] So lebten äußerlich diese Menschen in einer gewissen primitiven Weise mit Naturalwirtschaft; innerlich lebten sie, man kann sagen, eine Art spirituelles Leben. Es gab da nicht in dem Sinne wie in Griechenland und Rom Gebildete. Die Priester waren Führer; sie ordneten das I.eben, das die andern auch kannten. Aber sie waren nicht in dem Sinne Gebildete wie die griechischen Philosophen oder die römischen Philosophen, oder die römischen Dichter oder diejenigen, die in Griechenland und Rom lesen und schreiben konnten und in diesem Sinne Gebildete waren; denn das alles kannten die Leute nicht. Lesen und Schreiben gab es selbstverständlich nicht. Also man hat es zu tun mit einer Bevölkerung, welche in primitiven Naturalverhältnissen lebte und welche in gewisser Beziehung ein spirituelles Leben führte.

[ 24 ] Es war durch die Auffrischung, die gekommen war in dieses Keltentum hinein, eine gewisse innere Kraft da; das war geeignet für die primitiven Verhältnisse. Das Südliche war nicht geeignet für die primitiven Verhältnisse. In gewissen Punkten stieß das, was da ein neues, junges Element war, zusammen mit dem, was im Süden vorhanden war, vorhanden war so, daß sich in einem an Geldmangel zugrunde gehenden Imperium das Christentum einnistete, übernommen wurde in der Weise, wie Sie ja die Dinge kennen. Und namentlich waren es solche Punkte, in denen die beiden Gebiete, das Altwerdende und das jung Aufstrebende, zusammenstießen dort, wo die Römer noch ihre Städte gründeten, ihre Grenzstädte an der Peripherie ihres Reiches. Köln, Trier, Mainz, Straßburg, Basel, Konstanz, Salzburg, Augsburg, das waren Stadtgebilde, die schon von Römerzeiten her vorhanden waren.

[ 25 ] Nun wird es Ihnen klar sein: die Römer dachten sich diese Stadtgebilde Köln, Trier, Mainz, Straßburg, Konstanz, Basel, Salzburg und so weiter als eine Art Schutzkastelle gegen die anstürmenden Menschen. Aber als das Römertum — nicht durch anderes, sondern durch sich selbst — allmählich zerfiel, da waren die Städte in einer ganz besonderen Lage. Auf dem Lande war es gut für primitive Verhältnisse. In den Städten war es nichts Besonderes bei den primitiven Verhältnissen. Und die Folge davon war, daß die Städte verödet wären, wenn sie nicht in anderer Weise in Anspruch genommen worden wären. Die aufstrebende Kirche, die sich des Christentums bemächtigt hatte, war aber eine gute Beobachterin, die wußte: an die Städte muß man sich halten. Und da wurden in die Städte, die sonst verödet wären, die Bischofssitze hineinverlegt. Dadurch aber wurden die Städte allmählich, in den Jahrhunderten gegen das 9. Jahrhundert zu, weil die Bischofssitze hineinverlegt wurden, weil Bildung hineinkam — denn der Bischof kam zunächst von den südlichen Gegenden her —, dadurch wurden sie ein Konzentrationspunkt für die umliegenden Menschen, die Unfreie waren. Die Freien hatten keinen besonderen Zug, in die Städte hineinzuziehen, die allmählich verödet wären; sie folgten also den Bischöfen und Geistlichen wenig in die Städte. Aber das, was unfrei war, das folgte den Rufen, die von der Kirche kamen, in die Städte.

[ 26 ] Und wenn Sie jetzt auf die Grundverhältnisse gehen, so werden Sie leicht begreifen: die Unfreien, das waren ja doch die Nachzügler, die Nachkommen der Urbevölkerung. Da war sehr viel Keltenblut drinnen. Was so in den Städten zusammenströmte, das war im Grunde genommen ein Element, das sich befreien wollte von denjenigen, die da die Herren geworden waren. Das gab den Städten nach und nach diesen Charakter des mittelalterlichen Freistrebens in den Städten. Das kam im wesentlichen daher — und man geht gar nicht fehl, wenn man dieser Meinung ist —, daß es vielfach in den Städten das Brodeln des Keltenblutes war, daß die Städte im Mittelalter blühten, im frühern Mittelalter bis zum 9., 10. Jahrhundert hin.

[ 27 ] Dann muß man nun ins Auge fassen, daß alle diese Verhältnisse wirkliche historische Notwendigkeiten waren. Man glaubt gar nicht, wie wenig gerade in früheren Zeiten durch äußere abstrakte Mittel der Menschencharakter lenkbar war, wie lenkbar er aber war, wenn man zuerst die Verhältnisse studiert hat und dann an das Konkrete angeknüpft hat. So sehen wir — und wir könnten vieles anführen, ich kann ja nur eine Skizze geben —, wie ein neues Element aufkommt, und wie das alte Element im Süden an seiner eigenen Natur allmählich erstirbt. Dieses Ersterben, das kann man sehen daran, daß auf der einen Seite wirklich im Süden die antike Wissenschaft, das antike Bildungselement allmählich auf seine besondere Höhe kommt, aber in eine Sackgasse kommt, erstarrt; es kann nicht mehr weiter. Kaiser Justinian schafft in Rom im 6. Jahrhundert die Konsulwürde ab, hilft mit daran, die Lehre des Origenes zu verdammen und schließt die letzten Reste der athenischen Philosophenschulen. Die alten athenischen Philosophenschulen gehen nach Persien hinüber. Gondishapur wird da als Akademie begründet. Die athenischen Philosophen gehen nach den Wegen, die das Gold genommen hat, nisten sich dort ein, wo auf der Grundlage eines gewissen Reichtums sich ein Geistesleben entwickeln kann. In Europa hat man nötig, mit den entstandenen primitiven Verhältnissen zu rechnen.

[ 28 ] Und zwei Faktoren wußten zunächst mit diesen primitiven Verhältnissen zu rechnen. Man kann sagen: wenig zu rechnen wußten die andern Faktoren. Aber zwei Faktoren wußten gut mit diesen primitiven Verhältnissen zu rechnen, nämlich das Papsttum, das ein guter Beobachter war, nicht nur im Schlimmen, sondern auch im Guten, denn in der damaligen Zeit hatte das Papsttum sehr viele gute Eigenschaften, und diejenigen — sie waren im Grunde genommen nichts weiter als große Gutsbesitzer —, welche innerhalb des Frankenstammes sich allmählich geltend machten als Merowinger, Karolinger und so weiter.

[ 29 ] Was hatte das Papsttum nötig? Das Papsttum konnte nicht ohne weiteres das Christentum als Lehre ausbreiten. Es hat gründlich, sogar sehr gründlich den Versuch gemacht, das Christentum als Lehre auszubreiten; aber man muß bei solchen Dingen immer mit den konkreten, mit den realen Verhältnissen rechnen. Papst Gregor der Große hat fünfzig Sendboten nach England und Irland geschickt, und von da aus wiederum sind die Sendboten nach Mitteleuropa gezogen, Gallus, der mit St.Gallen zusammenhängt, und viele andere. Aber da konnte man rechnen mit Menschen, die aus einer Volkheit herauskamen, die viel Überredungsgabe hatten. Das war eine Strömung, durch die das Christentum in gewisser Beziehung auf geistige Art ausgebreitet worden ist, so ausgebreitet worden ist, daß man auch unter das Landvolk gegangen war, das unter den charakterisierten Verhältnissen lebte, Kirchen gebaut hat. Und um die Kirchen herum hat sich allmählich das Christentum festgesetzt, und zwar in der Weise, daß eigentlich diejenigen Menschen, die da als Franken, Sachsen, Alemannen und so weiter diese nördlichen Gegenden bevölkerten, ihren Gottesbegriff gar nicht so wesentlich änderten. Diesen Gottesbegriff hatten sie noch von ihrem atavistischen Hellsehen her. Den änderten sie gar nicht besonders; sondern, nehmen Sie irgendeine Gegend, irgendein Sendbote kam, baute ein kleines Kirchlein — im Elsaß zum Beispiel ist das in vielen Gegenden immer und immer wieder geschehen — in die Nähe einer Stätte, wo ein Bild, eine Statue des Gottes Saxnot oder so etwas war. Er baut ein Kirchlein, und er weiß die Leute zu nehmen. Er geht, nachdem er mit den Genossen sein Kirchlein gebaut hat — die haben ja alles das selber gemacht, waren zu gleicher Zeit arbeitsame Leute, nicht bloße Bücherschreiber —, er geht zu den Leuten und sagt: Seht nun, ihr habt da euren Gott, es ist der Regengott; wenn ihr zu ihm betet, da wird nichts draus!

[ 30 ] So ein Sendbote weiß ihnen plausibel zu machen, daß der Gott, dem er die Kirche gebaut hat, besser ist. Nun, dazu bedurfte man Überredung, denn unmittelbaren Einfluß auf den Regen hat natürlich auch nicht der Gott, den er den Christus nannte, gezeigt. Aber das vermischte sich damit, daß die Vorstellungen, die aus den kriegerischen Unternehmungen hervorgegangen waren über die Götter, allmählich auch in Berührung gebracht worden sind mit dem Christentum. Wenn irgendein Stamm besiegt worden ist durch einen andern, der schon zum Christentum übergegangen war, dann stellte es sich heraus, daß die Leute sagten: Unser Gott hat uns nicht geholfen; denen hat ihr Gott geholfen. — Ich will damit nur ausdrücken, daß der Christengott mit den einzelnen Stammesgottheiten gleichgestellt wurde. Aber die Leute kamen zu keinem andern Gottesbegriff als zu dem, den sie aus ihrem atavistischen Hellsehen hatten. Daraus entsprang dann die Notwendigkeit, als, dieses benützend, die Römische Kirche das Christentum einbürgerte, daß mit Stumpf und Stiel nach und nach die alten Stammesgottheiten ausgetilgt werden mußten. Denn man wollte gewissermaßen den Gottesnamen an die Stelle der andern Gottheiten setzen.

[ 31 ] Wie gesagt, es ist versucht worden, als Lehre, als seelisches Lebensgut das Christentum auszubreiten. Aber man kann sagen, durch die verschiedensten Umstände war ein anderes Element zunächst erfolgreicher, und das war das kriegerische Element der Franken, die zunächst der unternehmendste Stamm waren, der rührigste, der durch seinen Verstand, durch sein Verständigsein wirklich gewußt hat: es läßt sich durch die Übernahme desjenigen, was im Römischen Reiche zugrunde gehen mußte, durch diese Herübernahme der Einrichtungen und so weiter, etwas machen. Durch diese und durch ähnliche Verhältnisse entstand eine Verbindung des fränkischen Volkselementes mit dem Schatten des Römischen Reiches, mit den Einrichtungen, mit den Anschauungen des Römischen Reiches.

[ 32 ] Das begann im 8. Jahrhundert, pflanzte sich in das 9. Jahrhundert fort, und die Folge war, daß das Christentum verbunden wurde mit dem Erobererelemente. Der sächsische Stamm, der konservativ, eigensinnig war, wurde ja auf eroberungsmäßige Weise überwunden; und es breitete sich vom Westen her dasjenige aus, was zunächst entstanden ist durch eine Verquickung der alten Sitten, Gewohnheiten in bezug auf das Richterliche, das menschliche Zusammenleben, mit dem Christentum. Dieses Verbinden der ursprünglichen Gewohnheiten mit dem südlichen Elemente, das aus dem Christentum kam, aber in dem das Römertum lebte, das zeigt sich ja in allem. Heute weiß man es gar nicht mehr, wie sehr es sich in allem zeigt. Es glauben die Leute zum Beispiel, ein Graf sei eine besonders germanische Einrichtung, während der «Graf» nichts anderes ist als etwas, was mit Graph, Griffel, mit Schreiben zusammenhängt. Das Schreiben, das ‚Administrieren hat man vom Süden her genommen. Derjenige, der administrierte, das war der Graf. Und im Kriegsfall führte er auch dann den Gau an, das Gebiet. Das Wort «Graf» hat denselben Stamm wie Graphologie und wie Griffel und hängt mit Schreiben zusammen. Aber alles das, was Schreiben betrifft, Federfuchsen, alles das, was mit der Bildung zusammenhängt, das ist aus den Gebieten gekommen, die die südlichen Gebiete waren, und die ihr eigentliches Leben im Absterben haben. So daß diese zwei Elemente zusammenwirken bis ins 9. Jahrhundert hinein. Das mächtigste Element war gerade durch Karl den Großen das fränkische Element geworden, dessen Macht vorzugsweise darauf beruhte, daß es das kirchliche Christentum in sich aufgenommen hatte und nun erneuerte den Schatten des Römischen Reiches. Karl der Große ließ sich ja in Rom krönen; das alte Cäsarentum sollte wieder auferstehen.

[ 33 ] Diese Sachen hatten aber an sich selbst nur eine künstliche Tragkraft, nicht eine natürliche Tragkraft. Wir wissen dann: nach Karl dem Großen folgten ja zunächst noch die weiten Gebiete, die Karl der Große angeblich zusammengehalten hat, die auch noch beherrschte wie eine Art Imperium Ludwig der Dumme — will sagen der Fromme. Und als dann die Gewalt der ursprünglichen Verhältnisse sich mehr geltend machte, als das Germanisch-Fränkische zum Durchbruch kam — denn dieses Fränkische bildete sich ja heraus, wie ich schon sagte, durch einen großen Teil desjenigen, was man heute Deutschland nennt —, als das zum Durchbruch kam, da mußte auch durch den Vertrag von Verdun, 843, da geteilt werden. Warum mußte eigentlich geteilt werden? Geteilt mußte werden aus dem Grunde, weil das Zusammenhalten unnatürlich war. Der wirkliche Kitt war romanisch, aber er war eigentlich wirksam durch die Schreibstube und durch das, was sich als die ersten primitiven Schulen und dergleichen herausbildete, und durch das, was die Geistlichen taten, was sich als solches geltend machte. Der Kitt war romanisch, aber das Leben war nicht romanisch, das Leben war germanisch. Die Menschen waren in kleinen Gruppen zusammen. An der Spitze solcher kleinen Gruppen stand ein Herzog — nicht durch ein Gesetz. Die Gesetze sind dann erst entstanden, als man das, was bei den ripuarischen Franken Sitte war, aufgeschrieben hat in die Lex ripuaria oder dem Ripuarium, in das salische Gesetz, Lex salica und so weiter. In kleinen Gemeinden war ursprünglich derjenige, der die Fremden zugeführt hat, der vor dem Heere herzog, welches die seßhafte Bevölkerung zu Unfreien gemacht hat, der Herzog. Der verschwand allmählich. Der Graf wurde hingesetzt, wo ein Herzog war. Man kann sagen, bis nach Bayern, Thüringen haben die Herzöge sich erhalten. Aber der Graf wird dort hingesetzt; er wird hingesetzt, richtet, administriert, wo früher der Herzog war, den die Leute so nannten, weil er vor ihnen herzog, als sie in die Gegend gekommen waren. Der Graf wird hingesetzt, der allmählich auch zum Gutsbesitzer wird, die Unfreien um sich versammelt, zu seinen Hörigen macht. Es entsteht das Lehnswesen, dessen Entstehung sehr interessant zu betrachten wäre, aber wir haben nicht die Zeit dazu.

[ 34 ] Und wir sehen, daß eigentlich durch Zusammenwirken solcher Einzelheiten jene großen Gutsbesitzer entstehen. Denn anderes sind sie nämlich nicht, jene großen Gutsbesitzer, welche wir in den Merowingern und Karolingern sehen. Es sind große Gutsbesitzer; und die saßen nun darinnen, sind weit entfernt, dem Römischen Recht zu folgen, denn nach dem Römischen Recht hätte man nicht so teilen können wie im Vertrag von Verdun! So teilt man, wenn man Besitzer ist und unter seinen Söhnen teilt. Das war eine alte Sitte, wo die Persönlichkeit mitspielte. Das war nach alter Sitte richtig. Das Römische Recht hätte das in Wirklichkeit nicht zulassen können.

[ 35 ] Das waren solche auflösende Elemente. Sie waren überall da, diese Auflösungselemente, so daß man dieses 9. Jahrhundert, das entscheidend ist, nur richtig ins Auge fassen kann, wenn man über ganz West- und Mitteleuropa hin weiß: es überströmt — später war das noch stärker, wir werden nächstens das 14., 15. Jahrhundert besprechen, da wird es noch deutlicher zutage treten —, es überströmt das romanische Wesen das Volksmäßige. Allerdings, es werden gebildete Leute hingesetzt in Form von Geistlichen und so weiter, aber es ist das romanische Wesen, das diese Gegenden überströmt. Aber in den Leuten lebt — über ganz Europa hin vom 9. Jahrhundert ab, ja auch in England, im britischen Reich —, lebt das germanische Wesen. Und dieses germanische Wesen kommt zunächst in dem Elemente der Franken besonders zum Ausdrucke. Nur durch jene Erbteilung, die eigentlich nach rein privaten, willkürlichen Verhältnissen vor sich ging, ist ja diese Dreigliedrigkeit entstanden, so daß der eine bekommen hat diesen mittleren langen Streifen dem Rhein entlang und Italien, der andere hat das, was westlich davon war, bekommen, der dritte das, was östlich davon war. Und das wurde dann vom Vertrag von Verdun aus die Grundlage für die spätere Auseinandergliederung des deutschen Wesens und des französischen Wesens. Und das, was der Lothar in der Zwischenlinie bekommen hat, das hat die glückliche Grundlage geschaffen, daß sich nun ewig Mittel- und Westeuropa miteinander balgen können! Aber diese Dinge hängen so zusammen.

[ 36 ] Nun muß man ins Auge fassen, daß verschiedenes und verschiedentlich Bedeutendes da sind: germanisches Wesen, insbesondere in dieser Zeit im Frankenelemente zum Ausdruck kommend; romanisches Wesen, das aber als Schatten der alten Zeiten wie hinhuscht, alte Übertragenschaft ist. Und in dieses hinein nach den entsprechenden Verhältnissen, die durch dieses Wesen gegeben wurden — wobei das germanische Wesen immer aus der Kraft der Menschen heraus, also aus der Wirklichkeit, das romanische Scheinwesen zersprengen wollte —, in diese Entwickelung hinein mußte von Rom aus das Christentum ausgebreitet werden. Man mußte mit allen diesen Verhältnissen rechnen, man mußte rechnen mit den Städteelementen, mit den Landelementen, und man mußte versuchen, das Christentum in einer solchen Form einzuführen, daß die Leute es verstehen konnten. In Rom ließ es sich nicht einführen, trotz des Konstantin und so weiter, weil die Bildung zwar auf eine besondere Höhe gestiegen, aber in einer Sackgasse angekommen war. Es mußte eingeführt werden in Volkselemente, die ursprüngliches, jugendkräftiges Leben in sich hatten.

[ 37 ] Deshalb mußte man zurückschieben nach dem Öriente das, was gerade in den Dogmen erstarrt war, was auf einem gewissen Standpunkte bleiben wollte. Und im Westen mußte man rechnen mit einem Volkselemente, das gewissermaßen sich aus dem Kirchlichen heraus entwickeln wollte, aus all den Elementen heraus, die ich angedeutet habe. Mit diesen Elementen konnte ganz besonders das Papsttum schon rechnen. Es war schon rege Berechnung des Papsttums, als Karl der Große gekrönt wurde; denn man rechnete einfach mit diesem Großgrundbesitzer, der auch mit sich rechnen ließ. Und es war dann fortlaufend immer zunächst die Politik des Papsttums, das Christentum so einzuführen, daß es geeignet war, zu ergreifen die Seelen derjenigen, die eben herauswuchsen aus dem alten atavistischen Hellsehen.

[ 38 ] Von ganz besonderer Bedeutung ist es, daß mit dem 9. Jahrhundert von Rom aus und mitbewirkt durch die Trennung vom orientalischen Christentum, in ganz eminenter Weise nun mit den europäischen Volkselementen, Volksverhältnissen gerechnet worden ist, als unter Nikolaus I., dem großen Papste, der Orient anfing, sich innerhalb des christlichen Elementes zu trennen von dem Abendlande. Da war eigentlich dieser Trennung zugrunde liegend die Notwendigkeit, zu rechnen mit dem, was in europäischen Verhältnissen begründet war, so wie ich das ganz skizzenhaft dargestellt habe. Wenn wir nun demnächst das 14., 15. Jahrhundert in seinem Grundcharakter betrachten, so werden wir dann eben für die Zeit vom 8. bis 14. Jahrhundert wiederum charakterisieren das Zusammenwirken des päpstlichen Elementes, das Zusammenwirken des mitteleuropäischen Elementes, das Herausbilden derjenigen europäischen Konfiguration, die dann erst wiederum eine andere wurde, als die großen Entdeckungen und als die Reformation und dergleichen kamen.

[ 39 ] Ich wollte nur eben rein geschichtlich die Faktoren Ihnen vorführen, welche im 9. Jahrhundert eine gewisse Kulmination erlitten haben. Man kann in der europäischen Entwickelung genau unterscheiden die drei ersten christlichen Jahrhunderte, die zu einer Art Anarchie führten. Da geht alles drüber und drunter. Da sind eben im 3. Jahrhundert die Dinge alle durcheinandergemischt. Dann aber entwickelte sich durch die Naturalverhältnisse bis in die nächsten fünf, sechs Jahrhunderte, bis ins 9. Jahrhundert herein, dasjenige, was charakterisiert werden kann damit, daß man sagt: das Christentum wurde auf die angedeutete Art hineingetragen in die Verhältnisse, die aber eigentlich durch die Lebensform der Menschen gegeben waren.