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Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben
Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit
GA 184

15 September 1918, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Wer das geistig-seelische Leben des Menschen betrachtet, kann mancherlei Vorstellungen nicht brauchen, die insbesondere im gegenwärtigen Leben und in den gegenwärtigen Anschauungen gang und gäbe sind. Eine solche Vorstellung, die nicht brauchbar ist, wenn es sich um das geistig-seelische Leben des Menschen handelt, ist zum Beispiel die Vorstellung vom Entwickeln, die Vorstellung, daß eins aus dem andern, oder ein Zustand aus dem andern, besser gesagt, hervorgehe. Um nicht mißverstanden zu werden, betone ich ausdrücklich, daß ich nicht etwa nun etwas sagen will über die Unbrauchbarkeit einer solchen Vorstellung wie die der Entwickelung. Wir haben gestern zum Beispiel in ausgiebiger Weise von der Vorstellung der Entwickelung Gebrauch gemacht; aber wenn man von dem seelisch-geistigen — nicht von dem seelisch-leiblichen — Leben des Menschen spricht, dann kann man die Vorstellung der Entwickelung nicht brauchen. Wir haben gestern über das seelisch-leibliche Leben gesprochen, wie es verläuft zwischen der Geburt und dem Tode; da brauchten wir die Vorstellung der Entwickelung. Anders liegt die Sache, wenn man von dem geistig-seelischen Leben des Menschen spricht. Da kommen, wenn man wirklichkeitsgemäß spricht, andere Begriffe, andere Ideen in Frage, als zum Beispiel die Idee der Entwickelung.

[ 2 ] Das geistig-seelische Leben des Menschen, so wie man es innerhalb der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit kennt, verläuft ja, wie wir wissen, in Denken, Fühlen und Wollen. Nun, wenn man den geistig-seelischen Verlauf des Lebens nach Denken, Fühlen und Wollen wirklichkeitsgemäß verstehen will, dann muß man auf folgendes Rücksicht nehmen. Indem der Mensch im Denken, Fühlen und Wollen lebt, also indem er irgend etwas fühlt und das Gefühlte durch Gedanken zum Ausdruck kommt, oder auch indem er etwas von der äußeren Welt wahrnimmt, das Wahrgenommene dann in Gedanken zum Ausdruck kommt, oder indem der Mensch handelt, seinen Willen also in die Tat umsetzt, kurz, indem er geistig-seelisch sein Leben verlebt, kommen immer Verhältnisse in Betracht, die sich abspielen zwischen geistigen Wesenheiten. Man darf, wenn man das Geistig-Seelische, in dem der Mensch drinnensteht mit seiner Seele, schildern will, nicht davor zurückschrecken, von den Beziehungen zu reden, die zwischen den geistig-seelischen Wesenheiten stattfinden.

[ 3 ] Nehmen wir zum Beispiel an, der Mensch sei mehr denkend. Nun, ganz getrennt sind in der Wirklichkeit niemals die Tätigkeiten Denken, Fühlen und Wollen. Wenn man denkend ist und sich also Gedanken bildet, so waltet schon der Wille, indem man denkt; in dem Prozeß, in dem Vorgang des Denkens waltet der Wille drinnen. Und auch indem man etwas will, indem man etwas ausführt, waltet in dem Gewollten, in dem Ausgeführten der Gedanke darin. Es ist so, daß der Mensch bald mehr denkend ist und weniger wollend, wenn er denkt, wenn er sinnt; daß er mehr wollend ist und weniger denkend, wenn er handelt, oder auch wenn er sich irgendeinem Gefühlserlebnis hingibt. Aber all das, was wir so besprechen, wie ich es jetzt eben getan habe, ist ja nur eine ganz äußerliche Charakteristik der Sache. Will man die Wirklichkeit treffen über diese Dinge, die wir gerade berühren, so muß man ganz, ganz anders sprechen. Da muß man zum Beispiel sein Augenmerk darauf richten: Ich nehme irgend etwas in der Außenwelt wahr; das regt mich an, mir Vorstellungen darüber zu bilden. Ich handele nicht; mein Wollen beschränkt sich auch darauf, meine Körperlichkeit auf die äußere Welt zu richten und die Welt wahrzunehmen, Gedanken aneinanderzureihen. Also ich bin mehr sinnend, wahrnehmend betätigt, das heißt aber in Wirklichkeit: ich versetze mich in eine geistige Region, in welcher gewisse geistige Wesenheiten, die mehr hinneigen zur ahrimanischen Natur, die Oberhand haben. Gewissermaßen stecke ich meinen Kopf, bildlich gesprochen, in eine Region hinein, in welcher Wesenheiten, die mehr ahrimanischer Natur sind, die Oberhand haben. Statt also zu sagen, was nur dem Scheine entspricht: Ich sinne über etwas nach —, müßte ich der Wirklichkeit gemäß sagen: Ich betätige mich in einer geistigen Region, in welcher über andere geistige Wesen, gewissermaßen sie dämpfend, Wesenheiten die Oberhand haben und in diesem Oberhand-Haben ihnen die Waage halten, welche mehr zur ahrimanischen Natur hinneigen.

[ 4 ] Solch eine Sache, wenn man sie ausspricht, macht zunächst einen vagen, einen unbestimmten Eindruck. Aber man kann diese Dinge nicht anders aussprechen als vage, denn sie verlaufen eben in der Region des Geistigen, und unsere Sprache ist für das Sinnenfällig-Wirkliche gebildet. Man kann aber solche Dinge bildhaft zum Ausdruck bringen, indem man gewissermaßen den Vorgang aus dem Menschen herausnimmt und ihn mehr ins Kosmische rückt. Deshalb wird die Wissenschaft der Eingeweihten die Tatsache, die man äußerlich dadurch charakterisiert, daß man sagt: Ich sinne über etwas nach, was mich angeregt hat —, bildhaft ausdrücken etwa in der folgenden Weise:

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[ 5 ] Der Mensch lebt — so wie ich es dargestellt habe in diesen Tagen im Bilde der Magnetnadel, die kosmisch nach Norden und Süden weist, also nicht ihre Richtung von innen heraus bestimmt — kosmisch im Kosmos drinnen, und er ist im Kosmos orientiert. Er lebt so, daß wir in einer gewissen Weise seine Orientierung ins Auge fassen, wenn wir sagen: Er ist kosmisch so orientiert, daß, gewissermaßen wechselnd und pendelnd, seine Orientierungsrichtungen nach den Tierkreiszeichen gehen können (siehe Zeichnung, Tierkreis). Er ist wechselnd orientiert nach Widder, Stier, Zwillingen, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische. Er ist aber auch so orientiert, daß zunächst eine hauptsächliche Zuordnung stattfindet, daß er mit dem, was seine Hauptesnatur betrifft, wenn man diese Orientierung des Tierkreises zugrunde legt, nach oben, mit dem, was seine Extremitätennatur betrifft, nach unten orientiert ist. Deshalb kann man sagen: Es besteht schon etwas in dieser Orientierung wie ein Waagebalken, der das Obere von dem Unteren trennt (siehe Zeichnung). Und was würde die kosmische Orientierung des Menschen — wenn wir ihn so betrachten würden, wie ich Sie jetzt mir nicht wünsche —, wenn wir ihn so betrachten würden, daß er weder denkt noch handelt, sondern einfach lässig sich dem allgemeinen Lebensgefühl überläßt, halb schläft und halb wach ist, wenn er weder passiv noch aktiv, sondern passiv-aktiv ist, wenn er so hinlullt im Leben: Da geht natürlich in ihm auch sehr viel vor, nur merkt er nichts davon. Aber wenn wir diesen Zustand charakterisieren wollten — wie gesagt, in welchem ich Sie in diesem Augenblicke nicht wünsche —, dann würden wir sagen, der Waagebalken liegt horizontal (siehe Zeichnung). — Wollten wir aber den Menschen so charakterisieren, daß er in einem Zustand der Seelenverfassung ist, wie ich Sie jetzt mir zum Beispiel wünschen möchte: Sinnend, angeregt und aufnehmend dasjenige, wovon eben die Rede ist, dann müßte man den Waagebalken anders zeichnen, dann müßte man sagen: Alle die Seelen, die hier sitzen, oder wenigstens eine Anzahl von Seelen, die hier sitzen, die versetzen sich in eine Region, wo gewisse Wesenheiten den Waagebalken auf der einen Seite heben. — Im physischen Leben würde man, wenn die Waage in Tätigkeit tritt durch irgendein Übergewicht, sagen: der Waagebalken senkt sich. Wir reden aber jetzt vom Geistigen; da muß man sagen: der Waagebalken hebt sich. Es werden also gewisse Wesenheiten, wenn der Mensch im «Sinnen» ist, in der Region, in die er sich dann versetzt, den Waagebalken heben in der Richtung von der Waage zur Jungfrau hin (siehe Zeichnung, blau); so daß ich dann den Waagebalken so zeichnen muß, daß gewisse Wesenheiten, die zur ahrimanischen Natur neigen, den Waagebalken so heraufheben: Es würde das also der Mensch im Sinnen sein (siehe Zeichnung, Pfeil, blau, Waagebalken von Jungfrau zu Fischen). Man kann also fragen: Was bedeutet es, wenn der Mensch im Sinnen ist? Das bedeutet, daß er seine Lage als Mensch im ganzen Kosmos drinnen so ausnützt, daß er die Kräfte, in denen er schwingt, ausnützt, um in eine kosmische Region hineinzukommen, in welcher dieser Gleichgewichtszustand herrscht. Also Sie denken sich im Sinnen; und indem Sie sich im Sinnen denken, müssen Sie sich denken, daß Ihr — wenn ich jetzt so sagen darf — geistiger Raum, in den Sie sich dann versetzen, drinnensteht in einer Region, wo ein zur Ruhe gekommener Kampf stattfindet: Die Wesenheiten hier links würden die Wesenheiten rechts, und umgekehrt, bekämpfen. Aber indem Sie im Sinnen sind, ist der Kampf nicht da, sondern er ist zur Ruhe gekommen. Doch die Ruhe bedeutet, daß gewisse zur ahrimanischen Wesenheit hinneigende Wesen die Oberhand haben, so wie wenn ein Waagebalken in schiefer Lage zur Ruhe kommt, nicht mehr schwankt, weil etwas hinunterzerrt. Das würde die Wirklichkeit sein, die dem Sinnen, der denkenden Betätigung entspricht.

[ 6 ] Dasjenige, was der Mensch im gewöhnlichen sinnenfälligen Dasein Denken nennt, das ist nur ein Majagebilde, das ist nur eine Illusion. Dasjenige, was Denken in Wirklichkeit ist, müssen Sie kosmisch so schildern, daß Sie nach der ganzen Lage des Menschen, wie er dann im Kosmos drinnensteht, fragen. Und diese Lage des Menschen, wie er im Kosmos drinnensteht, die Ihnen Antwort gibt, was gewisse Wesenheiten der geistigen Welt tun, die antwortet Ihnen auch darauf, was denkende Betätigung, was Sinnen ist. Also es ist im Grunde genommen eine Illusion, wenn wir das Denken so schildern, wie wir es im gewöhnlichen Leben schildern. Wir müßten, wenn wir es der Wirklichkeit gemäß schildern wollten, sagen: Wir befinden uns in einer solchen Region, in der in unserem Denkraum die Gedanken dadurch zustande kommen, daß gewisse zum Ahrimanischen hinneigende Wesenheiten die Waagschale gehoben haben auf der einen Seite. Das ist der wirkliche Vorgang.

[ 7 ] Betrachten wir einen anderen Vorgang im menschlichen GeistSeelenleben: Daß wir handeln, nicht toben, sondern handeln, daß also unsere Handlungen von Absichten, das heißt, von Gedanken durchzogen sind. So wie man das im gewöhnlichen Leben beschreibt, es sich im gewöhnlichen Leben vorstellt, ist es wiederum eine bloße Illusion. Denn auch wenn wir handelnd sind, versetzen wir uns in eine gewisse kosmische Region. Da ist es aber jetzt so, daß in dieser kosmischen Region gewisse Wesenheiten, welche zum luziferischen Wesen hinneigen, die Waagschale in dem andern Sinne zum Steigen bringen, so daß wir dann den kosmischen Waagebalken so zu zeichnen haben (siehe Zeichnung, rot), und die Richtung, in welcher von der ruhigen Lage abweichend diese Wesenheiten den Waagebalken heben, würde durch diesen Pfeil angedeutet werden. Wir sind, indem wir mit Absicht, also wollend, wirklich wollend handeln, dann in einer gewissen Region des Kosmos orientiert, in welcher der Waagebalken von gewissen luziferischen Wesenheiten so gehalten wird. Nur ist es jetzt so, daß die Ruhe vorangegangen ist, und eben, indem wir uns in die Region des Handelns versetzen, fangen diese luziferischen Wesenheiten an, den Waagebalken erzittern zu machen; wir versetzen uns dann in eine Art von Kampf, der im Kosmos stattfindet. Die luziferischen Wesenheiten fangen an, gegen ahrimanische Wesenheiten zu kämpfen, und in der labilen Lage, in dem Schwanken des Waagebalkens drückt sich der Kampf aus, der in unserem Wollen sich wirklich abspielt zwischen ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten. Das also, was wir im gewöhnlichen Sprechen und im gewöhnlichen Vorstellen als Wollen schildern, das ist nur eine Maja, das ist nur die äußere Illusion. Wir sprechen richtig von dem Wollen, wenn wir sagen: Als wollende Menschen sind wir in einer Region, in welcher eine Hebung stattgefunden hat des Weltenwaagebalkens durch die luziferischen Wesenheiten (siehe Zeichnung, von Stier zu Skorpion gehend); aber diese Hebung, die hat stattgefunden ohne uns. Wir versetzen uns in eine solche Region, wo eine solche Hebung ohne uns stattgefunden hat. Wir suchen eine solche Region auf, und gerade solch eine Region, wo die Ruhe beginnt in Bewegung überzugehen, wo die Ruhe beginnt, in ein rhythmisches Spiel überzugehen.

[ 8 ] Ich habe in dem ersten unserer Mysteriendramen angedeutet — dort mußte es natürlich im dramatischen Bilde angedeutet werden —, daß wir uns nicht vorstellen sollen, es ginge, wenn der Mensch seelisch-geistig etwas denkt oder fühlt, nur in ihm etwas vor, sondern Weltenkräfte werden da bewegt. Und bildhaft ist das in dem einen szenischen Bilde so ausgedrückt, daß, während Capesius und Strader sich in einer gewissen Weise verhalten, große kosmische Vorgänge vor sich gehen. Die gehen wirklich vor, wenn auch nicht in der sinnlichen, sondern in der übersinnlichen Welt; in der sinnlichen Welt kann man sie eben nur so versinnlichen, wie es dort in dem Drama versinnlicht ist. Das ist aber dort im Drama ganz deutlich ausgesprochen, daß das Verhalten des Menschen hier, wie wir es schildern, eigentlich nur ein Abglanz ist der Wirklichkeit; daß im Kosmos Bedeutsames vorgeht, wenn der Mensch in seiner Seele das kleinste will oder denkt. Wir können niemals in unserer Seele etwas wollen oder denken, ohne daß wir uns in Regionen versetzen, in denen geistige Kämpfe stattfinden oder geistige Kämpfe zur Ruhe kommen, oder geistige Kämpfe schon ausgefochten worden sind und wir uns in das Ergebnis des Ausfechtens versetzen und so weiter.

[ 9 ] Das, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das ist im menschlichen seelisch-geistigen Wesen vorhanden. Nur ist es verborgen vor dem Leben, das der Mensch zwischen Geburt und Tod verlebt; aber es ist die Wahrheit im Geistigen. Ich habe in anderem Zusammenhange in diesen Tagen davon gesprochen, daß der Mensch, indem er mehr intellektualistisch sich zur Welt verhält, wie es in der modernen Welt Sitte ist, eigentlich in Halluzinationen lebt. Im Grunde sind die Vorstellungen, die wir uns bilden über unser Denken, Fühlen und Wollen, Halluzinationen, und die Wirklichkeit, die dahintersteckt, die ist jene, die wir auf diese Weise bildlich veranschaulichen können. In Wirklichkeit steckt hinter unseren geistig-seelischen Vorgängen das eben Geschilderte; es offenbart sich für den Menschen im Abglanz so, daß es ihm erscheint als Denken, Fühlen und Wollen. Und sobald wir den Menschen betrachten, wie er geistig-seelisch ist, findet der Begriff der Entwickelung, der Evolution, keine Anwendung. Es wäre ein völliger Unsinn, wenn man davon sprechen würde, daß zum Beispiel der Mensch erst in einem gewissen Lebensalter sinnig wird, vorher mehr einer tobenden Willensnatur hingegeben ist, und daß sich das eine aus dem andern entwickle. In der geistigen Region entwickelt sich in dieser Weise nichts, sondern wir können nur sagen, wenn wir beim Kinde sehen, daß es anders vorstellt, fühlt und will als der Greis, so ist das Kind eben versetzt in eine andere geistige Region, wo die Kämpfe zwischen den verschiedenen Wesenheiten sich anders abspielen. In dieser geistigen Region findet eine solche Entwickelung nicht statt wie diejenige, von der wir gestern gesprochen haben. In dieser geistigen Region verstehen wir das Vergangene nur, wenn wir sagen, das Kampfbild, das Beziehungsbild, das Bild von denWechselverhältnissen der Wesenheiten, die wir hinter den höheren Hierarchien suchen, dieses Bild ist ein anderes als das Bild, das wir in dem Wechselspiel der Hierarchien haben, wenn wir von der Gegenwart reden. Und wiederum kommt ein anderes Bild heraus, wenn wir von der Zukunft reden. Wir sehen andere Bilder in dem Verhältnisse zwischen den verschiedenen Wesenheiten der Hierarchien an, je nachdem wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ansehen. Und ein Unding wäre es, zu sagen, das Kampfesbild der Zukunft entwickle sich aus dem Kampfesbild der Vergangenheit. Diese Dinge sind in der Region des Geistigen in einer gewissen Beziehung nebeneinander, nicht nacheinander. Daher kann auch nicht von Entwickelung gesprochen werden, sondern nur von einer geistigen Perspektive, worauf ich Sie in anderem Zusammenhange schon aufmerksam gemacht habe. So daß man sagen kann: Wenn wir den Menschen als geistig-seelisches Wesen betrachten, so hat es keinen Sinn, von ihm zu sagen, daß er erst Kind ist, Zahnwechsel durchmacht, daß er dann geschlechtsreif wird und dergleichen. Das, was in der Region des Leiblich-Seelischen als Evolution, als Entwickelung erscheint, das ist gebunden an ein GeistigSeelisches, in dem von Entwickelung nicht gesprochen werden kann, sondern nur von dem Übergehen, im Wechselverhältnis zwischen den Wesen der höheren Hierarchien, von einem Bilde zu einem andern, in diesem Wechselverhältnis also zwischen den Wesen der höheren Hierarchien.

[ 10 ] Sie bekommen kein wirkliches Verständnis von dem Verhältnis des Zeitlichen zum Ewigen, wenn Sie das nicht in Betracht ziehen, was ich im Zusammenhange von gestern zu heute auseinandergesetzt habe. Denn in dem Zusammenhange von gestern zu heute habe ich auseinandergesetzt, wie der Mensch als leiblich-seelisches Wesen in der Entwickelung der Zeit so drinnensteht, daß er sogar erst als Greis dasjenige verstehen kann, was sich in ihm abspielt, während er Kind ist: da haben wir es voll zu tun mit dem Begriff der Entwickelung. Wir müssen jedoch anerkennen, daß der Mensch als geistig-seelisches Wesen gar nicht in einer Entwickelung drinnensteht, daß der Begriff der Zeit in der Form, wie wir ihn im äußeren sinnenfälligen Leben kennen, gar nicht anwendbar ist, wenn wir vom geistig-seelischen Wesen des Menschen sprechen, daß wir fehlgehen, wenn wir die Zeit hineintragen in die Sphäre der höheren Hierarchien. In der Sphäre der höheren Hierarchien dauert alles. Da verlaufen die Dinge nicht in der Zeit, da haben wir es nur zu tun mit Perspektiven, in denen wir die Kämpfe und Wechselverhältnisse zu sehen haben. Der Zeitbegriff ist nicht anwendbar auf die Wechselverhältnisse in den höheren Hierarchien, und wir treiben nur eine Verbildlichung des Wesens der höheren Hierarchien, wenn wir den Zeitbegriff anwenden. Daher können Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» verfolgen, wie vorsichtig ich andeute, daß dasjenige natürlich zeitlich im Bilde dargestellt werden muß, namentlich wo ich von der Saturn- und Sonnenzeit rede, wo das so geschildert wird, daß ich eigentlich sehr scharf darauf aufmerksam mache, daß der Zeitbegriff nur bildhaft auf dasjenige angewendet wird, was der Sonnenzeit vorangegangen ist, und noch auf die halbe Sonnenzeit selbst. Sie können das in meiner «Geheimwissenschaft» nachlesen. Solche scheinbar nebensächlichen Bemerkungen in diesem Buche aus der Geisteswissenschaft sind von allerhöchster Wichtigkeit, denn gerade in dieser nebensächlichen Bemerkung liegt die Grundlage für das Verständnis des Unterschiedes zwischen Zeitlich-Vergänglichem und Ewig-Dauerndem.

[ 11 ] Wenn Sie das ins Auge fassen, was ich jetzt eben gesagt habe, dann können Sie sagen, ich hätte gestern versucht, Ihnen das Menschenwesen zu schildern rein in der Zeit, und es spielte der Zeitbegriff in der gestrigen Schilderung des Menschenwesens eine sehr, sehr erhebliche Rolle, eine solche Rolle, daß es ja von der Zeit abhängt, ob man ein gewisses Begreifen hat, nämlich von der Zeit, die man durchlebt hat bis zur Greisenhaftigkeit, oder die man noch nicht durchlebt hat, bei der man sich noch in der Kindhaftigkeit befindet. Alles das, was wir gestern auseinandersetzten, war im strengsten Sinne auf den Zeitbegriff gebaut. Da haben wir im Lichte des Geistigen geschildert, was leiblich-seelisch dem Menschenwesen zugrunde liegt. Heute habe ich dasjenige geschildert, was geistig-seelisch dem Menschen zugrunde liegt. Und das kann nur geschildert werden, wenn man es in der Region der Dauer schildert, wenn man es so schildert, daß man — was ja schwierig ist — doch darauf führt, daß auf diese Region, in der wir sind als geistig-seelischer Mensch, der Zeitbegriff gar keine Anwendung hat.

[ 12 ] Wir sind also tatsächlich in dieser Beziehung ein zwiespältiges Wesen, und indem wir uns durch das Leben hindurch entwickeln, entwickeln wir uns so, daß wir ruhig und in Geduld auf der einen Seite abwarten müssen, bis unser leiblich-seelisches Wesen reif wird, irgend etwas zu verstehen. Auf der andern Seite stehen wir fortwährend ohne Entwickelung in der Region der Dauer darinnen, wo wir gewissermaßen nur einmal in der Kindheit auf einen Ort in der Region der Dauer blicken, während der Greisenhaftigkeit auf einen andern Ort in der Region der Dauer blicken. Hier auf der Erde ist der Mensch so lebend, daß dasjenige, was sich in der Region der Dauer abspielt, herunterstrahlt in das andere, was sich in der Region der Zeit abspielt; die beiden vermischen sich miteinander.

[ 13 ] Die Wissenschaft des Eingeweihten hat die Aufgabe, dasjenige, was sich vermischt, auseinanderzuhalten, denn nur im Auseinanderhalten kann es verständlich werden. Die Wissenschaft der Eingeweihten hat immer dasjenige, was in der Region der Dauer ist, das Obere, dasjenige, was in der Region des Vergänglichen ist, das Untere genannt. Aber indem der Mensch hier auf der Erde lebt, ist er für seine Anschauung eine Vermischung des Oberen und des Unteren, und er kann niemals zu irgendeinem Verständnisse seines eigenen Wesens kommen, wenn er dasjenige anschaut, was sich hier vermischt hat; er kann nur zu einem Verständnisse seines Wesens kommen, wenn er die beiden Dinge, die sich vermischen, auseinanderzuhalten versteht. Daher werden Sie es begreiflich finden, daß gegenüber dem Aspekte, den das Erdenleben gibt, Sie im normalen Bewußtsein nicht festhalten können, daß die Dinge so sind, wie ich sie gestern geschildert habe; auch können Sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht festhalten, daß die Dinge so sind, wie ich sie heute geschildert habe. Und derjenige, der nur auf das gewöhnliche Bewußtsein bauen will, der kann sagen: Du hast uns ja gestern über den Menschen etwas geschildert, was wir nicht sehen, was gar nicht Wirklichkeit ist, denn der Mensch entwickelt sich nicht so, wie du es gestern geschildert hast; mancher ist in der Jugend schon sehr reif — und so weiter. Das ist aber eine Einwendung vom Standpunkte der Täuschung aus. Die Wirklichkeit ist so, wie ich sie Ihnen gestern und heute geschildert habe, und der Mensch verfällt in der Gegenwart in den Dualismus, weil er das Untere nicht so flüssig sieht, wie ich es gestern dargestellt habe. Der Eingeweihte muß dem Starren, welches das Untere hat, die Starrheit nehmen und es in Fluß bringen. Die gewöhnliche Anschauung sieht den Menschen an, der vor einem steht; der Eingeweihte muß den Vorgang betrachten, der sich abspielt zwischen Geburt und Tod: er muß den Menschen im Flusse sehen.

[ 14 ] Und wiederum, indem der Eingeweihte Denken, Fühlen und Wollen betrachtet, das im Flusse ist, muß er den Fluß zum Stillstand bringen, und er muß dasjenige, was dadurch, daß es an den Leib gebunden ist, scheinbar in der Zeit verläuft, in der Region der Dauer schauen, in der Region des Nebeneinander, aber des geistigen Nebeneinander. Die Menschen streben ja nach der Wissenschaft der Eingeweihten, und sie geben auch äußerlich gern zu: Die Umwelt, so wie sie der Mensch beobachtet, die sinnenfällige Umwelt ist eine Maja, eine große Täuschung, eine Illusion. Aber wenn es auf den Ernst ankommt, dann gehen die Menschen doch nicht darauf ein, sondern möchten sowohl die obere Region wie die untere Region mit dem Majabegriff schildern. Man soll hübsch schematisierte Zeichnungen geben, die ganz nach dem Muster der Majavorstellungen gemacht sind, und soll damit in die geistige Welt hinauf- oder hinunterrücken, über oder unter das Bewußtsein. Die Menschen sagen einem: Ja, du schilderst ja nicht so, daß ich begreifen kann. — Aber hinter diesem: Du schilderst ja nicht so, daß ich begreifen kann —, steht nur das: Du forderst mich auf, zu andern Ideen und Vorstellungen zu kommen, als diejenigen sind, die in der Maja sind; du forderst mich auf, zu Vorstellungen zu kommen, die in der Region des Wirklichen sind.

[ 15 ] Es kann auch einen andern Einwand geben. Es kann jemand sagen: Ja, was geht mich schließlich das alles an, was da im Unteren vorgeht! Wenn nur der Zeitbegriff im Ernst auf die menschliche Entwickelung angewendet wird, oder wenn man hinblickt auf die Region der Dauer im Leben, kommt man ja ganz gut aus. — So können die Menschen sagen, wenn man in der Maja stehenbleibt, wenn man sich die Begriffe bildet, die gekommen sind von dem Vermischten, und in der Maja stehenbleibt. Ja, zur Not leben, schlafend leben können Sie ja noch, indem Sie nur in der Region der Dauer bleiben. Aber erstens: Sie können mit diesen Begriffen, die Sie sich hier bilden — und wenn sie noch so scharfsinnige Begriffe wären, wenn sie noch so sehr vor den Gelehrten der Gegenwart bestehen könnten —, Sie können mit diesen Begriffen zur Not, aber auch nur zur Not, leben, aber Sie können mit diesen Begriffen nicht sterben. Sterben kann niemand mit diesen Begriffen, die hier gebildet werden. Und da, sobald man dieses Geheimnis streift, beginnt der große Ernst der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis. Diejenigen Begriffe, die gebildet werden ohne die Wissenschaft der Eingeweihten, diese Vorstellungen, die führen nach dem Tode in eine unrechtmäßige, ahrimanische Region. Sie kommen nicht in die Region des Menschlichen, für die sie eigentlich vorbestimmt sind, wenn Sie es verschmähen, Begriffe zu bilden, wie sie die Wissenschaft der Eingeweihten gibt.

[ 16 ] In früheren Zeiten haben höhere geistige Wesenheiten den atavistisch hellseherisch veranlagten Menschen auf übersinnlichem Wege die Begriffe der Einweihung gelehrt. Daher war — und zwar im wesentlichen bis zum Jahre 333 nach dem Mysterium von Golgatha — für die Menschen eine Art übersinnlicher Unterricht vorhanden, der sie nicht nur geeignet machte zum Leben, sondern auch zum Sterben. Seit diesem Zeitpunkte ist die Notwendigkeit eingetreten, daß der Mensch hier auf der Erde durch seine Anstrengungen, durch sein Begreifen sich zubereitet die Seele, die in der richtigen Weise durch die Pforte des Todes gehen kann. Vor der Wissenschaft der Eingeweihten gibt es nicht leicht einen frivoleren Ausspruch als denjenigen, der da besagt: Man könnte ja warten, bis man eintritt in die Region nach dem Tode, um zu sehen, was es da gibt. — Die Wissenschaft der Eingeweihten sagt einem: Wer also wartet, der versündigt sich gegen das Leben. — Denn Sie würden furchtbar erschrecken, wenn Ihnen irgendein Eingeweihter — per impossibile — schildern würde, was Sie für Mißgeburten wären, wenn Sie dieselbe Gesinnung Ihr Leben hindurch zwischen dem Tod und dieser Geburt gehabt hätten, wenn Sie sich da zwischen dem Tod und dieser Geburt hindurch gesagt hätten: Ich warte ab, bis ich auf die Erde hingeboren werde; da werde ich ja sehen, wie das Wesen ist, das dann mit Fleisch überzogen ist, das im Blute lebt. — Da können Sie durch den allerdings wohltätigen Einfluß nicht absehen davon, sich zuzubereiten diejenigen Kräfte, die Sie vor dem Geborenwerden als Mißgeburt bewahren. Da behüten Sie höhere Wesenheiten. Dieses geistige Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt — so sagen die Wesen, die drüben lehren —, das ist nicht bloß da für unsere Region, das ist da, auf daß in der rechtmäßigen Weise vorbereitet werde die Region des Unteren, damit nicht Mißgeburten dort entstehen, sondern wirklich edelgebildete Menschen entstehen.

[ 17 ] Aber auch das Leben hier auf der Erde ist nicht allein für die Erde da, sondern es ist da, daß der Mensch auch sterben kann in der richtigen menschlichen Weise. Es muß der Mensch sich hier durch das Aufnehmen von Begriffen der höheren Region seine untere Natur so zubereiten, daß er nicht in eine ahrimanische Region eintritt, die eine unberechtigte ist. Natürlich gibt es auch berechtigte ahrimanische Regionen, aber diese wäre eine unberechtigte, die nicht seinem Menschtum entsprechen würde. Das ist das erste.

[ 18 ] Das zweite aber ist dieses, daß Sie zur Not als einzelner Mensch leben können — aber man lebt ja nicht in der Wirklichkeit als einzelner Mensch —, wenn Sie von der Region der Dauer absehen, aber Sie können nicht innerhalb der menschlichen sozialen Ordnung leben. Die menschliche soziale Ordnung ist gelenkt und geleitet von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Und wenn Sie auch nur die geringfügigste Beziehung eingehen von Mensch zu Mensch — und unser ganzes Leben besteht in Beziehungen zwischen Mensch und Mensch — und es fließt dasjenige, was in diese Beziehungen hineinströmt, nicht aus dem Bewußtsein des Drinnenstehens in der geistigen Region, der Region der Dauer, dann verderben Sie das soziale Zusammensein, dann wirken Sie mit an den katastrophalen Erscheinungen, an den Erscheinungen der Zerstörung, der Vernichtung auf dem Erdball. Und eine soziale oder politische Anschauung, welche nicht vom Geistigen ausgehen würde, wirkt vernichtend, zerstörerisch. Lebendig auf das Werdende wirkt nur eine Anschauung, welche mit der Region der Dauer rechnet im politischen, im sozialen, überhaupt im menschlichen Zusammenleben. Das ist die große, ernste Wahrheit, welche durch die Wissenschaft der Eingeweihten immer mehr und mehr an die Menschen herantreten muß. Und die Zeichen der Zeit sprechen heute so, daß eben die Zeit abgelaufen ist, in welcher wie bis zum Jahre 333 höhere Wesenheiten übersinnlichen Unterricht erteilten, an dem der Mensch nicht bewußt teilzunehmen brauchte, weil ihm dieser Unterricht zum großen Teil im Schlafe oder im Dämmerzustand erteilt worden ist. Jetzt muß der Mensch das, was er so zu erhalten notwendig hat, als Mensch unter Menschen erfahren. Da muß der Mensch jenen Hochmut einfach ablegen, der ihn veranlaßt zu sagen, daß er sich immer die eigene Überzeugung bilden könne. In der Region der Vergänglichkeit muß er etwas begreifen, wie: daß der alte Mensch dem jungen etwas zu sagen hat, was eben nur der alte Mensch dem jungen sagen kann. Und wenn man schon das begreift, warum sollte nicht auch begriffen werden, daß es eben eine Wissenschaft der Eingeweihten gibt, die man von Mensch zu Mensch aufnimmt. Das ist ja auch ein Ferment des sozialen Lebens, wie es sich in die Zukunft hinein entwickeln muß, daß der Mensch dasjenige, was er in irgendeinem Zeitpunkt — wenn wir jetzt von der Region der Zeit sprechen — nicht selbst erkennen kann, von seinen Mitmenschen aufnimmt. Und ich habe Ihnen gestern ja gesagt: Es ist durch die Entwickelung in der Zeit die Sache so eingerichtet, daß man nicht auf bloßen Autoritätsglauben hin die Dinge aufzunehmen braucht, sondern daß man in dem, was man sich als Vorstellung bildet, schon eine Art von Überzeugung, die auch aus dem eigenen Inneren quillt, haben kann. — Ich habe das in einer ganzen Reihe meiner Bücher betont, daß auf dem Boden der Geisteswissenschaft der Autoritätsglaube nicht blühen soll. Aber das muß sicher sein für alle diejenigen, die wirklich auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen: Man ist nicht eingeweiht dadurch, daß man einfach sich im Sinne der heutigen Zeit wie der Hahn auf den Mist stellt und von seiner eigenen Überzeugung zu krähen beginnt in jedem beliebigen Lebensalter! Damit kann man alle möglichen Programme, von denen man glaubt, daß sie die Welt beherrschen können, aufstellen, aber niemals eine Wissenschaft liefern, welche in das Leben und Walten der Welt wirklich hineinläuft. Immer mehr und mehr wird für das Leben und Walten der Welt die Wissenschaft der Eingeweihten eben notwendig sein.

[ 19 ] Gab es in alten Zeiten die Initiation wie ein Denken, das den Menschen gegeben war, gegen die Zukunft hin müssen sich die Menschen zu dem, was durch Initiation in die Welt kommt, mit ihrem vollen eigenen Willen hinwenden. Da widersprechen auch mancherlei Wünsche, unterbewußte Wünsche. Denn nicht leicht kann der Mensch den großen Ernst aufbringen, der nötig ist, um sich in all das, was mit dem Gesagten gefordert ist, in der richtigen Art hineinzuleben.

[ 20 ] Es wird einem eigentlich recht schwer, der heutigen Menschheit schon zu sagen, wie sehr sie guten Willens sein muß, weil sie diesen guten Willen oftmals für einen herzlosen Willen hält. Wer so recht eindringt in den Sinn der Geisteswissenschaft, der weiß, daß es, der Zukunft entgegenrückend, keinen anderen Weg gibt, sich Seelensubstanz zu schaffen, die in der richtigen Weise durch die Pforte des Todes gehen kann, die in der richtigen Weise in das soziale Leben der Menschheit sich hineinstellen kann, als das Studium der Geisteswissenschaft, der Einweihung. Man kann sich hineinleben, dann kommt der Kontragedanke: Da steht einer drinnen in diesem Leben und hat Menschen, die er aus irgendwelchem Grunde liebt, und die nichts wissen wollen von dieser großen Anforderung unserer Zeit, von dem SichHinwenden zum spirituellen Leben. Da entsteht der Wunsch in ihm, daß doch auch diese Menschen selig werden sollen, und es kommt ihm herzlos vor, wenn demgegenüber die volle Wahrheit betont wird. Aber derjenige, der auf diesem Gebiete guten Willens ist, der weiß, daß es nicht wirklich guten Willens ist, wenn man die Augen zumacht und sagt: Na ja, die wollen zwar nichts wissen von dem spirituellen Leben, aber sie können auch ohne das selig werden —, sondern wenn man sagt: Es muß eben alle Anstrengung gemacht werden, damit das spirituelle Leben auf die Erde komme. — In dem Positiven liegt dasjenige, was anzustreben ist, gar nicht so sehr in dem Nachgehen den Gedanken, die so innig mit Wünschen zusammenhängen, den Gedanken, wie es nun mit denen steht, die nichts wissen wollen vom spirituellen Leben, sondern in der gutwilligen Hingabe an das spirituelle Leben, in dem Versuch, dieses spirituelle Leben in die Welt hineinzutragen, um die Menschen, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, zur Seligkeit zu bringen.

[ 21 ] Hinter dem, was oftmals «liebevoll» genannt wird, steckt nicht nur Oberflächlichkeit, sondern es steckt auch ein Verkennen der wahren Verhältnisse. Und derjenige, der heute aus der Wissenschaft des Eingeweihten heraus spricht, der spricht nicht etwa nur, um ein theoretisches Erkennen an die Menschenseele heranzubringen, sondern er spricht aus dem warmen Herzen heraus, aus Liebe zur Menschheit, weil er weiß, wie sehr die Zeichen der Zeit dafür sprechen, daß die nächste große Aufgabe die ist, dieses spirituelle Leben an die Menschenseele heranzubringen und in das Leben der Menschen so hineinzuwirken, daß dieses spirituelle Leben an die Menschenseele herankommt. Dazu ist es natürlich notwendig, in einer gewissen mutvollen Art sich der Entwickelung der Menschheit in der Zeit gegenüberzustellen. Die Anschauungen vom Oberen und vom Unteren, die heute herauskommen müssen, die klar durchschaut werden müssen, die müssen auch möglichst an die Menschenseele herangebracht werden.

[ 22 ] Wenn Sie das Leben so überschauen, wie es heute vorurteilsvoll illusionistisch überschaut wird, ja, da sprechen Sie nicht von dem Ganzen vom Leben, da sprechen Sie eigentlich nur von einem sehr geringen Teile des Lebens. Ich habe die Probe darauf gemacht. Ich kenne zum Beispiel die verschiedenen Goethe-Biographien, die existieren. Was in diesen Goethe-Biographien steht, gewiß, es gibt Aufschluß über mancherlei, was Goethe getan und getrieben und gedacht und vorgestellt hat zwischen seiner Geburt und seinem Tode. Aber sobald diese Goethe-Seele durch die Pforte des Todes getreten ist, hat das, was in Biographien von dem Standpunkte der gegenwärtigen illusionistischen Weltanschauung aus geschildert wird, nicht die allergeringste Bedeutung für die Region, in welche die Menschenseele eintritt nach dem Tode, und die eine andere Mischung bildet zwischen der Region der Dauer und der Region der Vergänglichkeit. Denn auch diese ist ja vergänglich: der Mensch tritt wieder durch eine neue Geburt ins Dasein. Für diejenige Region, in die der Mensch eintritt durch die Pforte des Todes, kann man mit alledem, was man durch die illusionistische Weltanschauung erkundet, durch die illusionistische Biographie, die das Leben zwischen Geburt und Tod verzeichnet, nichts anfangen. Da entscheidet allein die Frage: Wie hat die Seele zum Kosmos gesprochen? — Was ein Mensch seinen Mitmenschen mitgeteilt hat, und wären es die schönsten Dinge hier auf Erden gewesen, das ist nicht zum Kosmos gesprochen, wenn es nicht selbst aus geistiger Erkenntnis herausgeflossen ist. Aber zum Kosmos ist gesprochen, was Goethe durchlebt hat, wenn man sein Leben so betrachtet, daß man die siebenjährigen Perioden gerade in bezug auf das GoetheLeben schildert. Wie hat sich Goethe von sieben zu sieben Jahren geändert! Wie fiel merkwürdigerweise die große Umkehr seines Lebens in den Ablauf einer siebenjährigen Periode, als er nach Italien ging, oder wenigstens den Beschluß faßte, nach Italien zu gehen! Dasjenige, was sich unter der Region, welche die Biographien im gewöhnlichen Sinne bildet, von sieben zu sieben Jahren abspielt, das spricht in den Kosmos hinein; damit ist auch etwas anzufangen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes getreten ist. Und dasjenige, was Goethe geäußert hat, indem auf ihn gewirkt haben die Wesenheiten aus der Region der Dauer, was so geschildert werden kann, wie ich heute geschildert habe, das hat wiederum eine Beziehung zu der Region, in die man eintritt nach dem Tode. Schildern Sie das Goethe-Leben von dem Gesichtspunkte aus, der sich ergibt aus der gestrigen Betrachtungsweise von sieben zu sieben Jahren: was Goethe gespürt hat, wenn er eine solche Devise geschrieben hat über einzelne Kapitel seiner Werke wie: «Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.» Wer Goethes Leben betrachtet vom Standpunkte der Vergänglichkeit, vom Standpunkte der Entwickelung, und auf ein solches Wort stößt wie das, das Goethe als Motto über das eine Kapitel seiner Werke hingeschrieben hat: «Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle», wer mit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis an ein solches Wort stößt, er stößt gewissermaßen an den ewigen Goethe. Und wer wiederum mit geisteswissenschaftlicher Gesinnung an irgend etwas bei Goethe stößt, wo hereintönt in das, was Goethe sagt, dasjenige, was aus der Region der Dauer fließt, wo die Hierarchien ihr Wechselspiel verlaufen lassen, der wiederum stößt an dasjenige, was der ewige Goethe ist. Kennenzulernen nicht bloß das Zeitliche in der Welt, sondern das Ewige, das man nur kennenlernen kann auf dem Umwege der Geisteswissenschaft, das ist die Aufgabe, die von der Gegenwart an den Menschen erwächst durch die Entgegennahme der Wissenschaft der Initiation. Dasjenige, was frühere Zeiten darbieten, muß der Mensch der Gegenwart in dem Lichte sehen, das ihm von der Gegenwartswissenschaft der Initiation herkommen kann.

[ 23 ] Innerhalb der katholischen Kirche gibt es etwas, was man vergleichen kann mit der Wirkung eines roten Tuches auf ein gewisses Wesen. Wenn derjenige Katholik, der sich heute oftmals für den waschechten hält, irgendeiner Weltanschauung aufmutzen kann, sie wäre eine Weltanschauung der «Emanation», sie stellte die Welt vom Gesichtspunkte der Emanation vor, dann ist diese Weltanschauung verurteilt — für ihn selbst vielleicht weniger, aber für die gläubigen Schäfchen sicher, für die er schreibt oder spricht. Man braucht nur einer Weltanschauung anhängen zu können das Prädikat, sie sei eine emanierende! Dieser emanationistischen Weltanschauung stellt derjenige, der sich heute als den waschechten Katholiken glaubt, entgegen die kreationistische Weltanschauung, die Weltanschauung der Schöpfung aus dem Nichts, die Erschaffung aus dem Nichts. Und man stellt — wiederum in dualistischer Weise — die wie das rote Tuch wirkende emanationistische Weltanschauung auf der einen Seite hin, die kreationistische Weltanschauung, die Schöpfung aus dem Nichts, auf der andern Seite. Die kreationistische Weltanschauung nimmt man an, die emanationistische weist man ab. Der Emanationismus ist insbesondere dasjenige, was auf dem Umwege durch die Gnosis im Abendlande bekanntgeworden ist. So wie er im Abendlande bekanntgeworden ist — die Literatur, die zugrunde liegt, ist ja zum größten Teile vernichtet worden —, so ist dieser Emanationismus schon eine Art von Zerrbild; und weil im Grunde genommen auf katholischer Seite nur das Zerrbild gekannt wird, so entsteht das große Mißverständnis. Denn was man da kennt als Emanationslehre, als Hervorgehen des einen Äon aus dem andern Äon, wo immer der weniger vollkommene oder der weniger hohe Äon aus dem vollkommeneren Äon hervorgeht, das, was gewöhnlich äußerlich-exoterisch als die Gnosis geschildert wird, ist eigentlich schon eine korrumpierte Sache. Das weist zurück auf eine Weltanschauung, die ganz anderer Natur war, und die insbesondere für die alten Zeiten, in denen noch die geistigen Lehrer aus dem Übersinnlichen selbst die Menschen gelehrt haben, möglich war; es weist zurück der Emanationismus, der eben, wie gesagt, schon eine Korruption ist, zurück auf eine Wissenschaft, die eben in alter Form sich bezog auf die Region der Dauer, auf das Obere. Und für dieses Obere kann man in einer gewissen Weise den Emanationismus verteidigen, nicht in der Form, wie man ihn korrumpiert kennt, sondern in der Form, wo eigentlich innerhalb der Emanationslehre nur von einer Perspektive in der Zeit, nicht von einer eigentlichen Entwickelung gesprochen wird. Wo aber, eben weil von einer eigentlichen Entwickelung nicht gesprochen wird, auch nicht von einem Hervorgehen aus dem Nichts gesprochen werden konnte, denn das wäre ja auch eine Entwickelung, wenn auch eine Entwickelung am radikal extremen Punkt, da kann nicht davon gesprochen werden, daß eins aus dem andern hervorgeht, aber so, wie wir — indem wir heute über die Region der Dauer gesprochen haben — auch nicht gesprochen haben von einem Hervorgehen, sondern von einem Wechselverhältnis in den Wesen, denen eben die Dauer eignet.

[ 24 ] Wenn man aber wiederum von der Region der Vergänglichkeit spricht, dann kann man allerdings von der Entwickelung sprechen; dann aber auch von dem extremen Fall der Entwickelung, von dem wir im Grunde genommen, implizite, in diesen Tagen sehr viel gesprochen haben. Denn ist es nicht ein fortwährendes Entstehen aus dem, was der Welt gegenüber nichts ist, wenn wir sagen: die gegenwärtigen Ideale sind die Keime der Zukunft, und die gegenwärtigen Realitäten sind die Früchte der Vergangenheit? Dieses richtig angesehen, gibt wiederum den wahren, nicht den korrumpierten Kreationismus. Die Forderung, die heute ergeht an die Menschen, ist diese: Dasjenige, was gemeint war im Emanationismus, im richtigen Lichte zu sehen und es anzuwenden auf die geistig-seelische Welt; dasjenige, was im wahren, nicht im korrumpierten Kreationismus vorgestellt wird, im richtigen Lichte zu sehen und es anzuwenden nicht auf die Schöpfer, sondern auf die Schöpfung, auf das Leiblich-Seelische. In der Anerkennung der Dualität, in dem Durchschauen der Dualität, nicht in dem nebulosen Vermischen des dualistisch Orientierten, liegt die Errettung, die Erlösung der Weltanschauung, richtig zu sehen die Region der Dauer, und richtig zu sehen die Region der Vergänglichkeit, und sie auseinanderhalten zu können. Dann kann man sagen: Beschaue ich die Wirklichkeit, die vor mir steht, so ist sie ein Abglanz, aber zu gleicher Zeit eine Auswirkung, ein Abglanz, indem sie der Region der Vergänglichkeit angehört, von der Evolution beherrscht ist; eine Auswirkung, indem sie der Region der Dauer angehört und von dem beherrscht wird, was man eben bekommt, wenn man in richtiger Weise das sieht, was wir heute für das geistig-seelische Leben charakterisiert haben. Derjenige, der richtig spricht, der sagt nicht, der Kreationismus ist richtig und die Emanation ist falsch, oder die Emanation ist richtig und der Kreationismus ist falsch, sondern der weiß, daß beides notwendige Faktoren sind, um das Volleben zu begreifen. Die Überwindung des Dualismus kann nicht in der Theorie herbeigeführt werden, sondern nur im Leben selber. Derjenige, der theoretisch einen Ausweg sucht zwischen der Region des Oben und der Region des Unten, der Region der Vergänglichkeit und der Region der Dauer, der theoretisch durch Begriffe, durch Vorstellungen, durch Ideen einen Ausgleich sucht, der kommt nicht zu Rande, der wird immer in eine verworrene Weltanschauung hineinkommen, weil er durch den Intellekt dasjenige sucht, was im Leben gesucht werden soll. Im Leben aber sucht man die Wahrheit nur dann, wenn man weiß: Man muß den Blick hinrichten auf der einen Seite in die Region der Dauer und da dasjenige erkennen, was allerdings in der äußeren Wirklichkeit sich nicht darstellt, und dann auch in die Region der Vergänglichkeit, und da auch alle Menschen und alle Wesen so betrachten, wie es eigentlich der äußeren Wirklichkeit widerspricht. Aber wenn man ausgerüstet mit beidem ist und entgegentritt irgendeinem Wirklichen, dann fließt es, indem man dieses Wirkliche erlebt, es erlebend erschaut, aus den Elementen zusammen, aus denen es selber entstanden ist: aus der Auswirkung der Region der Dauer und dem Abglanz der Region der Vergänglichkeit. Dadurch ergreift man es im Leben, wenn man nicht eine theoretische Weltanschauung haben will, die in Begriffen, in Ideen sich auslebt, sondern wenn man zwei Weltanschauungen haben will: die eine für die Region des Geistig-Seelischen, die andere für die Region des Leiblich-Seelischen, und in dem lebendigen Zusammenleben der beiden Weltanschauungen, nicht in einer Theorie dasjenige haben will, was das Leben nährt und befruchtet. Dann kommt man allein aus dem Dualismus heraus,

[ 25 ] Das ist es, was als eine Forderung an die Menschheit der Gegenwart herantritt. Nicht darum handelt es sich, daß Religionsstifter auftreten, welche den Menschen Spiritualismus lehren, nicht darauf kommt es an, daß auf der andern Seite irgendwelche wissenschaftlichen Sektenstifter auftreten, die den Menschen Materialismus lehren; sondern darauf kommt es an, daß man die Materie materiell in der Evolution, das Geistige immateriell, spirituell begreift in der Region der Dauer, und die Wirklichkeit aus diesem zusammen ansieht. Das Materielle beleuchten lassen vom Geistigen, das Geistige erhärten lassen vom Materiellen, das ist dasjenige, was in die Weltanschauung der Zukunft einfließen muß. Nicht darauf kommt es an, daß Philosophen auftreten, welche den Menschen Definitionen der Wahrheit geben, oder auf der andern Seite Definitionen auch geben von dem, was die Wissenschaft lehrt, um in theoretischer Weise einen sogenannten monistischen Einklang zu stiften, sondern darauf kommt es an, daß der Dualismus zwischen Wahrheit und Wissenschaft erkannt werde, und im lebendigen Leben das Verhältnis gesucht werde zwischen Wahrheit und Wissenschaft, um so zu einer lebendigen, nicht zu einer theoretischen Erkenntnistheorie zu kommen. Nicht Wahrheit oder Wissenschaft, sondern sowohl Wahrheit wie Wissenschaft: die Wissenschaft getragen von dem Gewichte der Wahrheit, das Gewicht der Wahrheit durchleuchtet von dem Lichte der Wissenschaft, anerkennend, daß der Mensch dualistisch in der Welt drinnensteht und erst in seinem Leben, in seinem Werden überwinden kann dasjenige, was als Dualistisches zu überwinden ist. Nicht Kantianismus, der da glaubt, daß dasjenige, was in der äußeren Welt lebt, nicht das «Ding an sich» darbietet, sondern Wahrheit und Wissenschaft ist die Aufgabe der Menschheit der Zukunft auch auf denkerischem Gebiete, das heißt, die Anerkennung, daß allerdings dasjenige, was um uns herum ist, Maja ist, aber Maja ist dadurch, daß wir uns als Mensch in dieser Weise in die Welt hineinstellen, und daß wir, solange wir uns so hineinstellen, dualistisch hineingestellt sind. Wir machen durch dieses unser Hineinstellen die Maja, und überwinden, indem wir selber lebendig werden, diese Maja im Leben, nicht in der Idee, nicht in der Theorie.

[ 26 ] Das ist ja auch der Inhalt meines kleinen Büchelchens «Wahrheit und Wissenschaft» und meines Buches «Philosophie der Freiheit». Die letztere wird ja in den nächsten Tagen in neuer Auflage wohl auch hier zu bekommen sein. Ich habe einzelne Ergänzungen gemacht, der Text ist gegen früher nicht verändert, aber sehr erheblich um vieles in den verschiedensten Punkten erweitert.

[ 27 ] So handelt es sich darum, zu begreifen die Zeichen der Zeit, und aus ihnen heraus das spirituelle Leben auf den verschiedensten Gebieten der menschlichen Betätigung zu pflegen.