Wie kann die Menschheit den Christus wiederfinden?
Das dreifache Schattendasein unserer Zeit und das neue Christus-Licht
GA 187
24 Dezember 1918, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Die unsere Zeit erfüllende Stimmung ist vielleicht nicht dazu angetan, gegenwärtig bei vielen Menschen jene innere Vertiefung herbeizuführen, von der Legenden und Sagen sprechen, indem sie auf jene Nächtereihe hindeuten, die auf die Weihenacht folgt und in welcher das dazu vorbereitete Gemüt durchleben kann etwas von der geistigen Welt. Sie kennen eine solche sehr ergreifende Legende aus den Darstellungen, die auch hier gepflogen worden sind: diejenige von Olaf Åsteson. Und vieles Ähnliche weist auf die Weihnachtszeit in einer so eindringlichen Weise hin.
[ 2 ] Allein nicht nur für den intimeren Beobachter des menschlichen Gemütes, sondern auch für den, der heute im Äußeren die allgemeine Zeitstimmung ins Auge faßt, ist es klar, daß Weihnachtsstimmung, Weihnachtsimpuls erst wiederum gesucht werden muß von den Menschen. Dasjenige, was lebt in der Weihnachtserinnerung, in dem Weihnachtsgedanken, es muß in einer neuen Art die Menschenseele wieder ergreifen. Sehen wir doch einmal, um eben nach dem weiteren Umkreise der heutigen religiösen geistigen Stimmung hinzuschauen, wie wenig in der gegenwärtigen Zeit auch nur die Neigung vorhanden ist, den Christus als solchen ins Auge zu fassen, ins Seelenauge hereinzunehmen.
[ 3 ] Wenn Sie in den Worten derjenigen, die heute glauben, von dem Christus zu reden, wenn Sie in ihren Reden nach den unterscheidenden Merkmalen zwischen dem Christus und dem Vatergott suchen, werden Sie kaum einen andern als einen Namensunterschied finden. Während allerdings bei manchen Gläubigen der Christus heute noch im Mittelpunkte des religiösen Bekenntnisses steht und daneben alles übrige Göttliche sozusagen an Glanz entschwindet, sahen wir schon seit langem heraufkommen eine Theologie, welche im Grunde den Christus verloren hat, welche von einem Gotte im allgemeinen spricht, auch wenn sie von dem Christus spricht. Das Besondere, das Eigentümliche, von dem gesprochen werden muß, wenn das menschliche Herz zu Christus aufschaut, das will erst wiederum gefunden werden. Und vielleicht ist gerade heute die würdigste Feier des Weihnachtsfestes die, einmal sich so recht in die Seele zu schreiben, wie die Menschheit den Christus wieder finden kann. Da muß allerdings vielleicht mancherlei aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit auch in Betracht gezogen werden, in geisteswissenschaftlichem Sinne in Betracht gezogen werden, wenn der Impuls recht wieder erweckt werden soll, der die Menschenseelen zum Christus hinführt.
[ 4 ] Das Weihnachtsfest kann uns ja nicht nur erinnern, wie es das soll, an das Hereintreten des Jesus in das Erdendasein, sondern es kann uns auch erinnern gewissermaßen an die Geburt des Christentums selbst, an dies Hereintreten des Christentums in den Lauf der Erdenentwickelung. Und so sei denn heute zunächst unser geistiger Blick auf die Weihenacht, möchte ich sagen, des Christentums selbst hingelenkt, auf das Hereintreten, auf das Geborenwerden des Christentums innerhalb des Erdenbereiches. Die äußeren Tatsachen sind ja allgemein bekannt, aber sie sollten vertieft werden.
[ 5 ] Inmitten der Bekenner des Alten Testamentes trat das Christentum in die Welt. Es trat in die Welt mit der Persönlichkeit des Christus Jesus. Wir blicken auf die Erscheinungen, die sich abgespielt haben innerhalb der Bekennerschaft des Alten Testamentes, als das Christentum geboren worden ist. Wir sehen, wie diese Bekennerschaft äußerlich in zwei voneinander geschiedenen Strömungen lebt: in der Pharisäerströmung und Sadduzäerströmung. Im Grunde ist es notwendig, alle diese Dinge von der Gegenwart ab wiederum in einem neuen Lichte anzusehen. Wenn wir uns vor die Seele führen die Art, wie wir den allgemeinen Weg anschauen, den der einzelne Mensch macht, und den Weg, den die Menschheit, den eigentlich das ganze Erdendasein macht, so wird uns dieser Weg immer deutlicher dadurch werden, daß wir ihn als einen Gleichgewichtszustand auffassen zwischen dem Luziferischen und Ahrimanischen. Aber im Grunde ist das nur die Benennung, die wir gebrauchen. Ein Bewußtsein von dem Tatsachenbestand des Luziferischen, des Ahrimanischen und des Gleichgewichtszustandes dazwischen war bei den tieferen Naturen der Menschheit immer vorhanden. Und im Grunde genommen ist das pharisäische Element innerhalb der althebräischen Entwickelung, mit seinem Gegensatz zum sadduzäischen Element, nichts anderes als der Gegensatz des Ahrimanischen und Luziferischen. In die Gleichgewichtsströmung ist hineingestellt der Jesus, der eintritt in das äußere Erdendasein. Er tritt ein in dieses äußere Erdendasein an derjenigen Stätte, deren innerste Charakteristik doch bis zu dem Mysterium von Golgatha dadurch gegeben war, daß an dieser Stätte aufgerichtet war der Salomonische Tempel. In einem gewissen Sinne versteht man das ganze Wesen des Salomonischen Tempels nut, wenn man diesen Tempel zugleich im Gegensatz auffassen kann zum werdenden, zum geborenwerdenden Christentum. Bekannt ist, wie rasch nach dem Entstehen des Christentums der Salomonische Tempel für das äußere Weltendasein zerstört worden ist. An derjenigen Stätte, von der ausgeströmt ist die Geistigkeit des Christentums, sollte fortan das äußere Denkmal der alten Entwickelung, aus der hervorgegangen ist diese Geistigkeit des Christentums, nicht mehr vorhanden sein. Ein Gegensatz ist zwischen dem Wesen des Salomonischen Tempels und. dem Wesen des Christentums. Der Salomonische Tempel faßte zusammen in wunderbaren, großartigen, zum Teil gigantischen Symbolen dasjenige, was die Weltanschauung des Alten Testamentes in sich geschlossen hat. Der Salomonische Tempel ist ein Bild gewesen des ganzen Weltenalls, soweit es in seiner Gesetzmäßigkeit, in seiner inneren Struktur, in seinem Durchwalltsein von göttlich-geistigen Wesenheiten vorgestellt werden konnte durch die Weltanschauung des Alten Testamentes. Dieser Salomonische Tempel ist aber doch ein Bild des Weltenalls, welches in einer gewissen Beziehung nach einer Richtung außergewöhnlich einseitig ist. Der Salomonische Tempel ist nämlich ein Raumbild des Weltenalls, ein Bild, das räumliche Verhältnisse, räumliche Gestalten zu Hilfe nimmt, wenn die Geheimnisse dieses Weltenalls ausgedrückt werden sollen. Aber dasjenige, was an Symbolismus am Salomonischen Tempel war, belebte sich für die Anschauung derjenigen, die dieses Anblickes teilhaftig wurden aus dem Geiste des Alten Testamentes heraus.
[ 6 ] Sehen wir auf der einen Seite, im pharisäischen Judentum und im sadduzäischen Judentum, die Veräußerlichung desjenigen, was durch das Alte Testament der Menschheit gegeben war, so sehen wir auf der andern Seite in der Symbolik des Salomonischen Tempels die dem alttestamentlichen Leben mögliche Verinnerlichung dieses Lebens. Man möchte sagen: Dasjenige, was eingeflossen war in die ganze alttestamentliche Offenbarung, es äußerte sich nach diesen zwei Seiten, nach der Seite, die äußerlich, exoterisch gegeben war im pharisäischen und sadduzäischen Judentum, nach der andern Seite esoterisch durch dasjenige, was gegeben war in den geheimnisvollen Symbolen des Salomonischen Tempels. Und aus dieser Exoterik und Esoterik sproß heraus dasjenige, was dann zum Christentum wurde.
[ 7 ] Unbekannt zunächst der großen Welt in derjenigen Zeit, in der es geboren wurde, war dieses Christentum für diejenige Welt, innerhalb welcher die damalige Geistigkeit der Menschheit lebte: innerhalb der griechischen Welt. Innerhalb des sich immer mehr und mehr ausbreitenden römischen Weltreiches, in dessen Bereich sogar das Mysterium von Golgatha durch Jesu Geburt sich vorbereitete, wußte man nicht, welch Gewichtiges sich abgespielt hatte inmitten des jüdischen Volkes. Man wußte nichts von dem Wichtigsten, das sich vorbereitete als der Sinn der Erde. Dennoch, wenn auch die Menschheit der damaligen Zeit äußerlich vorübergehen ließ dieses großartigste Ereignis der Erdenentwickelung, innerlich war mit aller damals in Betracht kommenden Welt das werdende Christentum verbunden.
[ 8 ] Aber wie verbunden? Der Sinn dessen, was die Weihenacht birgt, er enthüllt sich doch erst im Ostergedanken. Und der Ostergedanke, der den Weihnachtsgedanken eigentlich vertieft, was ist denn sein Bedeutsames? Das Bedeutsame des Ostergedankens ist der Hinblick auf den Menschheitserlöser, der gekreuzigt stirbt: das Kreuz mit dem toten Gotte. Aus der Menschheit heraus ist die Absicht, ist die Tat entstanden, den unter ihr erscheinenden Gott zu töten. Es sollte die ganze Größe, die ganze Gewalt dieses Gedankens sich wiederum in die Seelen der Menschen hineindrücken. Der Hinblick auf die Tat, durch die der auf der Erde erschienene Gott dutch die Menschen getötet worden ist, diesen Gedanken sollte man sich übersetzen in die Sprache, durch die er verstanden werden kann! Versuchen wir das wenigstens von einem Gesichtspunkte aus.
[ 9 ] Wenn wir hinblicken auf das Mysterium von Golgatha — Sie wissen es aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» —, so ist dieses Mysterium von Golgatha wie ein großer weltgeschichtlicher Zusammenfluß desjenigen, was in alten Mysterien dargestellt worden ist. Dasjenige, was in alten Mysterien als Opferhandlung, als Initiationshandlung stattfand, was in den Tempeln, man möchte sagen, mit einer eingeschränkten Geltung stattfand, wurde hinausgestellt auf den großen Plan der Weltgeschichte, spielte sich ab im Umfang des ganzen Erdendaseins. Gewissermaßen wurde die Initiation der Menschheit selbstherausgeholt aus den Tempeln und hingestellt vor die ganze Erden-Weltgeschichte.
[ 10 ] Nun muß man sich fragen: Was dachte sich denn eigentlich der alte Mensch, der teilnehmen durfte an den Weihehandlungen der Mysterien, in jener Zeit, als die Mysterien noch ihre wirkliche, alte Bedeutung hatten? Der Mensch war vermöge seines Vorbereitungsunterrichtes für die Mysterien sich völlig klar darüber, daß dasjenige, was zunächst in der äußeren Sinneswelt sich ausbreitet, was auch der menschliche Verstand begreifen kann, eine bloße Phänomenenwelt sei, eine Welt des äußeren Sinnenscheines, daß dasjenige, was der Mensch zunächst in seinem Umkreis erlebt in seiner Wachezeit zwischen Geburt und Tod, nur die äußere Anschauung, Erscheinungsoffenbarung der inneren Wesenheit sei und daß diese innere Wesenheit aber sich im allgemeinen Leben des Menschen verbirgt. Aber in den Mysterienweihehandlungen, da suchte der Mensch gewissermaßen aus den Tiefen des Seins heraus dasjenige, was ihm als Wesen zuströmte, was sich herausholen, herausschälen ließ aus dem bloßen Phänomenalen, aus dem bloßen Scheindasein als das Wesentliche, als das wahrhaft Wirkliche. Der alte Teilnehmer an den Mysterien, er war jederzeit geneigt, sich zu sagen: Wenn ich so durch die Welt schreite, mir anschaue die äußere Natur: das ist Schein. Wenn ich dieses oder jenes in der Welt erlebe: das ist Schein. Wenn ich dieses oder jenes für diese Welt arbeite: das ist Schein. Wenn ich aber in dem Tempel teilnehmen darf an der heiligen Mysterienhandlung; so geschieht etwas, was Wahrheit ist, was nicht Schein ist. Es wird gleichsam etwas herausgezogen aus dem Scheindasein der Welt, welches umgesetzt wird in eine sakramentale Handlung, und diese sakramentale Handlung enthält gerade die Wahrheit gegenüber dem Schein.
[ 11 ] Man muß sich den ganzen Unterschied zwischen dieser Mysterienanschauung und der Anschauung, die zum Beispiel heute im materialistischen Zeitalter herrscht, klarmachen, wenn man in aller Schärfe gerade auf das Wesen dieser Mysterienanschauung hinweisen will. Man muß sich klarmachen, daß alles dasjenige, was der Mensch heute im materialistischen Zeitalter Wirklichkeit nennt, von dieser Mysterienanschauung als Schein erklärt worden ist, während zum Beispiel die sakramentale Handlung, der Initiationsritus, der verrichtet wurde und der heute den meisten Menschen als Phantastik gilt, den Mysterienkennern als das einzig Wirkliche galt, das ihnen im Leben entgegentreten könne. Daher wurde auch solche Mysterienhandlung nicht beliebig verrichtet, sondern zu gewissen Zeiten, wenn man der Ansicht war, daß durch die Erscheinungen des äußeren Lebens etwas durchdringen konnte von dem wahren Wesen, welches man dann gleichsam auffangen konnte durch die sakramentalen Handlungen im Mysterium. Es ist oftmals hingewiesen worden darauf, daß eine wichtige sakramentale Handlung in den Mysterien darin bestand, daß gezeigt wurde die Opferung des Gottes, das Sterben des Gottes und das Wiederauferstehen des Gottes nach drei Tagen. In dieser Mysterienhandlung war darauf hingewiesen, wie dem tieferen Durchdringer der äußeren Welt — wenn er in sie sieht — der Tod in dieser äußeren Welt verraten kann das wahre Wesen dieser Welt, wie gesucht werden muß jenseits des Todes dasjenige, was wahrhaft Wirklichkeit ist.
[ 12 ] Aber all das, was so aus der Mysterienstimmung heraus in die Menschenseele kommen konnte, denken wir es uns zusammengefaßt im Beginne unserer christlichen Zeitrechnung als Ausdruck des Wichtigsten in den Welterscheinungen. Jemand, der im Beginne dieser christlichen Zeitrechnung mit dem Gange unserer Erdenentwickelung vollständig hätte fühlen können, er hätte sich sagen können: Es war in alten Zeiten die Möglichkeit für die Menschen vorhanden, in atavistischer Weihewissenschaft etwas von dem Göttlich-Geistigen zu erfahren. Diese Zeit ist vorbei. Überblickt man die Erdenentwickelung, so kann man sagen: In alten Zeiten, da offenbarte sich den Menschen aus dieser Erdenentwickelung heraus etwas von der göttlichgeistigen Welt. Doch die Zeit ist eingetreten, wo nichts mehr herausgeholt werden kann aus dem Welteninhalt für dasjenige, was den Menschen hinführt zum Göttlich-Geistigen. Die Welt hat verloren ihr göttlich-geistiges Leben. — So würde eine solche Seele gesagt haben. Auf was muß man blicken, wenn man diesen Sinn der Entwickelung der Erdenmenschheit ins Auge faßte? Wo ist dasjenige, was in der Zeit der Entstehung des Christentums wirklicher Erdensinn ist? Wo ist dasjenige, was ausspricht, was im Innersten gewollt wird in dieser Zeit? Zu Golgatha auf dem Kreuz: der Tod ist es! Das was früher aus der Erdenentwickelung hervorquoll, was zum Heile der Menschen war, es ist selber gestorben. In dem Hinblicke auf den toten Gott ist der wirklich tiefer in das Weltenwesen eindringenden Seele der Erdenimpuls, der tiefste Erdenimpuls selber gegeben zur Zeit der Entstehung des Christentums.
[ 13 ] Und so empfunden, stellt sich erst die ganze Größe desjenigen dar, auf das es in diesem Zusammenhange ankommt. Das alte Weltenwissen, die alte Weltanschauung war zusammengeflossen in dem Salomonischen Tempel; aber diese alte Weltanschauung barg nichts mehr von dem, was sie groß gemacht hätte. Ein Neues mußte in die Weltentwickelung hereintreten. Und so fließen in der Zeitentwickelung unmittelbar zusammen der Niederbruch des Salomonischen Tempels und der Aufgang, die Geburt des Christentums — der Salomonische Tempel: ein symbolisches Raumesbild des Welteninhaltes; das Christentum, zusammengefaßt als Zeiterscheinung: ein neues Weltenbild. Beim Christentum ist nicht die Hauptsache irgend etwas, was als Raumesbild auftreten kann wie beim Salomonischen Tempel; beim Christentum ist das Wesentliche, daß man versteht: Die Erdenentwickelung ging bis zum Mysterium von Golgatha; das Mysterium von Golgatha hat eingegriffen, dann geht es durch den in die Menschheit sich ausgießenden Christus in dieser oder jener Weise weiter. — Das Christentum versteht nur derjenige, der es auffaßt durch Bilder, die in der Zeit ablaufen. Der tiefere Inhalt des Christentums läßt sich nicht im entferntesten vergleichen mit dem, was in Raumesbildern auftritt, auch nicht in den gigantischen, großartigen Raumesbildern des Salomonischen Tempels. Doch der Salomonische Tempel, wie auch dasjenige, was das Innerliche des pharisäischen, des sadduzäischen Lebens war, enthielten die Seele des damaligen Weltenbewußtseins. Wer nach der Seele des Weltenbewußtseins vor zweitausend Jahren sucht, der findet zu jener Zeit diese Seele im alttestamentlichen Judentum. In diese Seele ward gesenkt der Keim des Christentums, ein neuer Keim gewissermaßen aus alldem, was im Raume ausdrückbar war: dasjenige, was nur in der Zeit ausdrückbar ist. Das Werden, hingestellt nach dem Sein: das ist die innere Beziehung des geborenwerdenden Christentums zu dem Seelischen der damaligen Welt, zu dem Judentum, das dasteht im Salomonischen Tempel, der aber in der Weltenfolge zusammenbricht. In die Seele, die im alten Judentum gegeben war, wurde das Christentum hineingeboren.
[ 14 ] Den Geist hat dieses Christentum aufgesucht im Griechentum. Wie im Judentum das Christentum die Seele aufgesucht hat, so hat es im Griechentum den Geist aufgesucht. Die Evangelien selber sind, so wie sie der Welt überliefert worden sind — abgesehen von demjenigen, was nicht überliefert worden ist —, so wie sie hinausgezogen sind in die Welt, im wesentlichen durch griechischen Geist gegangen. Die Gedanken, durch welche die Welt das Christentum denken konnte, sie sind griechische Geistesweisheit. Die ersten Verteidigungsschriften der Kirchenväter — in griechischer Sprache sind sie erschienen. So wie das Christentum hineingeboren ist in die Seele, die im Judentum gegeben war für die damalige Menschheit, so ist dieses Christentum hineingeboren in den Geist, der für die damalige Menschheit gegeben war durch das Griechentum.
[ 15 ] Das Römertum aber gab den Leib. Das Römertum war im wesentlichen für die damalige Zeit dasjenige, was die äußere Organisation, den Reichsgedanken verwirklichen konnte. Judentum war Seele, Griechentum war Geist, Römertum war Leib — Leib natürlich in dem Sinne, wie die soziale Struktur der Menschheit Leib ist. Römertum ist im wesentlichen Gestaltung der äußeren Neigungen, Einrichtungen, und die Gedanken über die äußeren Einrichtungen leben in äußeren Einrichtungen: Leibliches in geschichtlichem Sein, Leibliches in geschichtlichem Werden. Wie das Christentum in die Seele des Judentums, in den Geist des Griechentums hineingeboren worden ist, so ist es in den Leib des Römischen Reiches hineingeboren worden. Oberflächliche Naturen finden sogar, daß alles dasjenige, was das Christentum birgt, sich erklären ließe aus Judentum, Griechentum und Römertum. Nun ja, wie materialistische Naturforscher finden, daß alles dasjenige, was im Menschen ist, von seinen Eltern, Großeltern und so weiter abstammt, und nicht bedenken, daß die Seele aus geistigen Reichen kommt und sich nur den Leib,als Kleid umlegt, so sind solche oberflächliche Naturen geneigt, zu sagen, das Christentum ist nur in demjenigen bestehend, was es sich eigentlich umgelegt hat. Das Wesentliche des Christentums tritt natürlich mit dem Christus Jesus selbst in die Welt, aber hineingeboren wird dieses Christentum in die Judenseele, in den Griechengeist und in den Leib des römischen Imperiums, des Römischen Reiches. Das ist gewissermaßen, angeschaut durch den Weihnachtsgedanken, die Geburt des Christentums selber.
[ 16 ] Wichtig ist es, diesen Gedanken nicht bloß als einen äußeren theoretischen zu nehmen, sondern ihn wirklich zum Weihnachtsgedanken zu vertiefen, gewissermaßen lernen hinzuschauen, was dieser Gedanke eigentlich für eine Tragkraft haben kann mit Bezug auf den neu geborenwerdenden Geist, der mit den Geistern der Persönlichkeit, wie ich neulich hier angeführt habe, in das Weltenwerden hereintritt. Das, was im Weltenwerden sich einpflanzen will dem Geschehen, das hat zunächst sich durchzuringen durch dasjenige, was vom Alten bleibt. Das ist ja das Geheimnis des Weltenwerdens, daß gewissermaßen eine normal fortgehende Entwickelung da ist, und ein luziferisches und ahrimanisches Zurückbleibendes, das modifiziert, stört, aber auch in einer gewissen Weise das fortschreitende Weltenwerden trägt. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht: Man kann dieses Ahrimanisch-Luziferische nicht einfach fliehen, man muß es ruhig ins Auge fassen, man muß sich bewußt ihm entgegenstellen, aber man soll nur nicht unbewußt diese Dinge einfach über sich ergehen lassen. Von den Weltenimpulsen bleiben gewissermaßen Schatten zurück, die weiter wirken, wenn das Neue schon da ist, die aber in ihrem luziferischen oder ahrimanischen Charakter durchschaut werden müssen. Es muß dieses Ahrimanisch-Luziferische weiter mit der Entwickelung gehen, aber es darf nicht verabsolutiert werden, es muß in seinem luziferischen und ahrimanischen Charakter durchschaut werden. Es ist zurückgeblieben Schattenhaftes vom Salomonischen Tempel, zurückgeblieben Schattenhaftes vom Griechentum, zurückgeblieben Schattenhaftes vom Römischen Reich. Vor zweitausend Jahren nahezu war es selbstverständlich, daß aus diesen dreien — aus Seele, Geist und Leib — herausgeboren wurde das Christentum. Aber Seele, Geist und Leib konnten nicht gleich verschwinden. Sie blieben in einer gewissen Weise nachwirkend. Heute ist die Zeit, wo dieser Tatbestand durchschaut werden muß, wo durchschaut werden muß das völlige Einzigartige des Christus-Impulses selbst.
[ 17 ] Ein Schatten ist zurückgeblieben auch von dem wesenhaftesten Extrakt des esoterischen Alten Testamentes, von dem Geheimnisse des Salomonischen Tempels, ein Schatten ist zurückgeblieben von dem Griechentum, und ein Schatten ist zurückgeblieben vom Römischen Reich. Man muß lernen, die Schatten zu unterscheiden von dem Lichte. Das wird die Aufgabe der Menschheit von der Gegenwart an in die nächste Zukunft sein: die Schatten und das Licht in der richtigen Weise auseinanderzuhalten.
[ 18 ] Wir sehen den Schatten des Römischen Reiches im römischen Katholizismus heute. Dieser Schatten ist nicht das Christentum, es ist der Schatten des alten Römischen Reiches, in das hinein das Christentum geboren werden mußte, in dessen Formen noch immer fortlebt dasjenige, was dazumal als Struktur des Christentums sich herausbilden mußte. Aber wir müssen lernen, die Menschheit muß lernen unterscheiden den Schatten des alten Römischen Reiches von dem Christentum. In der Konstitution der katholischen Kirche hat man nicht dasjenige, was die Essenz des Christentums ist, das hat man überhaupt nicht in der Konstitution der christlichen Kirchen. In der Konstitution dieser christlichen Kirchen lebt das, was gelebt hat in dem Römischen Reiche von Romulus bis zum Kaiser Augustus, was sich da ausgebildet hat. Die Täuschung entsteht nur dadurch, daß in diesen Leib hineingeboren worden ist das Christentum.
[ 19 ] Auch der Salomonische Tempel ist in dieser Richtung wie ein Schatten zurückgeblieben. Dasjenige, was die Geheimnisse des Salomonischen Tempels waren, ist mit einigen Ausnahmen fast restlos aufgegangen in all die maurerischen und andern Geheimgesellschaften der jetzigen Zeit. Wie die römische Kirche der Schatten des alten Römischen Reiches ist, so ist, mögen sie auch anderes behaupten wollen — sogar wenn sie Judentum ausschließen — dasjenige, was durch diese Gesellschaften fortlebt, der Schatten des alten Judentums, der Schatten des esoterischen Jehovadienstes. Wiederum muß unterschieden werden der Schatten von dem Lichte, wie unterschieden werden muß der Schatten, der ausgedrückt ist in dem fortwirkenden Lateinerreich in der katholischen Kirche, in den Kirchen überhaupt, von dem Lichte. Wie unterschieden werden muß der Schatten von dem Licht, das im Christentum leuchtet, so muß unterschieden werden dasjenige, in das hinein als Seele geboren werden mußte das Christentum, das aber als Schatten fortwirkt in denjenigen Gesellschaften, die in ihren Untergründen Symbolik haben, an die salomonische erinnernde Symbolik.
[ 20 ] Diese Dinge müssen erkannt werden. Diese Dinge müssen recht angeschaut werden, diese Dinge müssen in unserer Zeit aber beleuchtet werden mit den neuen Offenbarungen, von denen wir in diesen Tagen gesprochen haben.
[ 21 ] Der Schatten des griechischen Geistes, in den hineingeboren werden mußte das Christentum, das ist nun — trotz aller Schönheit des Griechentums, trotz alles ästhetischen und sonstigen bedeutsamen Inhaltes des Griechentums, trotz des Wirksamen, das das Griechentum für uns hat —, das ist die moderne Weltanschauung der gebildeten Welt, die es dazu gebracht hat, daß diese furchtbare Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist. Als das Griechentum gelebt hat mit seiner Weltanschauung, da war das etwas anderes. Ein jegliches ist das Rechte zu seiner Zeit. Wird es absolut genommen, wird es antiquiert weitergetragen, dann wird es der Schatten seiner selbst, und der Schatten, er ist nicht das Licht, er kann in das Gegenteil des Wesens umschlagen. Aristotelismus zeigt noch etwas von.alter griechischer Größe, Aristotelismus in neuem Gewande ist Materialismus. Dasjenige, in was das Christentum hineingeboren worden ist, das ist jüdische Seele, griechischer Geist, römischer Leib; die drei aber haben ihre Schatten zurückgelassen. Der Ruf geht wie ein Engelsposaunenklang durch unsere Zeit, diese Tatbestände in ihrem wahren Wesen zu durchschauen, durch die Schatten hindurch auf das Licht zu schauen. Wahrhaftig, wer heute sich in die Zeit versenkt, wer unbefangen, ohne Vorurteil dasjenige aufnimmt, was aufgenommen werden kann, was aber eingelaufen ist in diese furchtbaren, schmerzlichen Tatsachen der letzten Jahre, der kann nicht umhin, doch vielleicht den Blick zu richten darauf, ob nicht irgendein Licht gesucht werden müsse, das anders leuchte in den Finsternissen der Erde als diejenigen Lichter, an welche die Menschen vielfach heute als an die einzigen Lichter nur noch glauben wollen. Den guten Willen, ihn sollte man suchen, um den Weg durch die Schatten zum Lichte hin zu finden. Denn die Schatten werden sich sehr geltend machen. Die Schatten werden sich geltend machen durch jene Menschen, die für sich selber vielleicht wenig gelitten haben unter den großen Leiden der Menschheit in der Gegenwart und die keine oder nur geringe Teilnahme haben für das ungeheuer Schmerzvolle, das die Welt durchzuckt und das für sich ein Beweis ist, wie viele von den Gedanken, die heraufgekommen sind, Schiffbruch zu leiden bestimmt waren. Wer versucht, mit tieferem Verständnis dasjenige zu überschauen, was heute wahrhaftig nicht schwer ist zu sehen, wer den guten Willen hat, vorurteilslos die Blicke hinzuwenden auf das, was heute unter Menschen geschieht, der wird den Impuls zum Suchen des Lichtes empfangen. Und man sollte auf diesen inneren Antrieb in der Menschenseele heute einigen Wert legen, man sollte nicht hinhören auf diejenigen, die — je nach dem Platze, auf den sie gestellt sind — nur irgendeinen alten Schatten verteidigen wöllen, sondern hinhören auf sein Eigenes, das deutlich genug sprechen muß, wenn man es nur nicht übertönen will durch das, was aus den äußeren Schattenbehauptungen heraustönt. . Man wird sich schon heute überzeugen können — wenn man hinblickt, teilnahms-, mitleidsvoll hinblickt auf dasjenige, was geschehen ist, was geschieht, was geschehen wird —, man wird schon sehen, daß eine merkwürdige, das rechte Menschliche verzertende Gestalt vor den Menschen steht, eine Gestalt, welche an sich trägt jene Gewänder, die aus den Schatten gewoben sind, eine Gestalt, welche in sich vereinigt in Gedanken, Empfindungen, in Gefühlen und in Willensimpulsen dasjenige, was die Menschheit auf eine schiefe Bahn gebracht hat und geeignet ist, weiter auf eine schiefe Bahn zu bringen. Im Innersten dessen, was außen geschieht, leben die drei charakterisierten Schattengedanken.
[ 22 ] Wer aber sich geeignet macht, den Blick hinzuwenden auf diese Gestalt, deren Gewand aus den Schatten gewoben ist, der bereitet sich auch in der richtigen Weise vor, nach anderem hinzuschauen: hinzuschauen nach jenem Baume, der in der Finsternis doch heute schon leuchten kann mit seinen Lichtern, nach jenem Baume, den man anschaut, wenn man sich nicht beirren läßt durch das dreifache Schattendasein, sich nicht beirren läßt von antiquierter Symbolik, von antiquiertem Kirchentum, von antiquierter materialistischer Wissenschaft, sondern reinen Herzens hinschaut auf dasjenige, was leuchten will in der Finsternis als ein wirklicher Weihnachtsbaum, unter dem da liegt das durch das Weihnachtslicht neu beleuchtete Christus-Jesuskind. Das möchte Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, letzten Endes tun: das Weihnachtslicht suchen, damit das Jesuskind, das in die Welt eingetreten ist, um erst zu wirken und dann verstanden zu werden, allmählich verstanden werden könne. In bescheidener Weise beleuchten das Größte der Ereignisse im Erdendasein, das möchte innerhalb der religiösen Menschheitsströmungen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Man wird nicht verstehen dieses Licht, das diese Geisteswissenschaft anerkennen will als ihr Weihnachtslicht, wenn man nicht den Willen hat, das dreifache Schattendasein unserer Zeit wirklich zu durchschauen. Ernst sind die Zeiten. Und wer nicht den guten Willen hat, die Zeiten ernst zu nehmen, der wird vielleicht in dieser Inkarnation noch nicht hinschauen können auf dasjenige, was für jeden Menschen, der guten Willens ist, in dieser Zeit wahrhaftig da sein sollte zum Heilen für so viele Wunden, die sonst der Menschheit noch geschlagen werden müßten. Hinschauen müßte der Mensch, der heute guten Willens ist, auf dasjenige, was erscheinen kann, indem das Weihnachtslicht anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft entzündet wird. Das Licht ist wahrhaftig klein, und derjenige, der sich zu dem Lichte bekennt, der bleibt bescheiden. Er will nicht dieses Licht als etwas Besonderes der Welt anpreisen, denn er weiß, daß es heute noch klein und unbedeutend brennen kann, daß viele Menschen und viele Generationen werden kommen müssen, damit dasjenige, was heute noch schwach brennt, stärker brennen kann. Aber wenn auch das Licht schwach brennt, es leuchtet hin auf etwas, das nicht schwach wirkt innerhalb der Menschen-Erdenentwickelung, sondern das stark wirkt als der Menschenentwickelung tiefster Sinn; es leuchtet hin auf dasjenige, was wir nennen können: Geburt des Christentums, Weihenacht des Christentums. Möge man neben dem Ostersinn der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft vor allen Dingen diesen ihren Weihnachtssinn verstehen; mögen in dieser Gesinnung recht viele Seelen erwarten können die Vertiefung der Nächtereihe, die da folgen soll auf die Weihenacht: dann werden diese Seelen empfinden können, wie gegenwärtig schon durch die Welt der Ruf geht, hinzublicken auf die Erscheinung des Jesus, der da auf Erden jenen Zeitpunkt erwartet, in dem er den Tod finden sollte, um in seinem Geistleben nach dem Tode der Menschheit und der Erdenentwickelung einen neuen Sinn zu geben.
[ 23 ] Fühlen wir etwas von dieser Weihenachtsstimmung, die gerade aus der Geisteswissenschaft in unsere Seele einziehen soll! Indem ich vor Ihnen die Empfindung zum Ausdruck bringen möchte als einen innerlichsten seelischen Weihe-Weihnachtsgruß, daß in Ihnen recht viel sei von dieser Weihestimmung, welche die neue Christus-Offenbarung zu empfangen guten Willens ist, möchte ich in diesem Augenblick diese Weihenacht festlich beginnen, indem ich voraussetze, daß Sie mit jenem Ernste sie beginnen, von dem ich in meinen heutigen Worten sprechen wollte, mit jenem Ernste, der aber der gegenwärtigen Weltenlage angemessen ist. Aus diesem Ernste heraus, meine lieben Freunde, von ganzem Herzen: Eine heilige, feierliche Weihenacht!
