Der Goetheanismus
ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke
Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft
GA 188
25 Januar 1919, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Worauf es mir gestern besonders ankam, war, an dem Beispiel von Schillers «Briefen über ästhetische Erziehung» einerseits, Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» andererseits zu zeigen, wie vor der Mitte des 19. Jahrhunderts die ganze Art des Vorstellens und Empfindens über die Welt gerade bei hervorragenden Geistern anders war als nach der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gerade an solchen Beispielen kann man so recht sehen, welch ein beträchtlicher, bedeutsamer Einschnitt in dieser Mitte des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen ist. Wir haben ja von diesem Einschnitt in die ganze Menschheitsentwickelung von verschiedenen Gesichtspunkten aus gesprochen, haben darauf hingewiesen, daß in dieser Mitte des 19. Jahrhunderts gewissermaßen eine Krisis des Materialismus ist, eine Krisis insofern, als materialistische Empfindungsweise die Oberhand gewinnt in der ganzen menschlichen Vorstellung und Empfindung, Weltanschauung, Lebensauffassung und so weiter.
[ 2 ] Nun fällt demjenigen, der diese Dinge eindringlich betrachten will, der den Mut und das Interesse hat, diese Dinge eindringlich zu betrachten, an allem möglichen auf, welcher Umschwung sich da eigentlich vollzogen hat. Nehmen Sie aus der heutigen Vorstellung die Szene mit den Kabiren heraus, versuchen Sie einmal, in dieser «Faust»Szene nachzulesen alles, was sich auf die Kabiren bezieht, versuchen Sie, jede einzelne Zeile wirklich mit tieferem Interesse zu verfolgen, und Sie werden sehen, wie Goethe durch seine vergeistigten Instinkte durchaus noch drinnenstand in dem ahnenden Erkennen. Durch solche Vorstellungen und Mysterienverrichtungen, wie sie die Griechen hatten in Anlehnung zum Beispiel an die Kabiren, drückt sich für den Menschen ein Höchstes in bezug auch auf das Erkenntnisstreben und dergleichen aus. Diese Kabiren brachte Goethe mit Recht zusammen mit dem Wege, der führen soll vom Homunkulus zum Homo. Er brachte diese Kabiren mit Recht zusammen mit dem Geheimnisse des menschlichen Werdens.
[ 3 ] Drei Kabiren werden herangebracht. Wir reden von drei menschlichen Gliedern zunächst. Bevor wir auf das wahrhaft Innere des Menschen gehen, reden wir von drei menschlichen Gliedern: von dem physischen Leib, dem ätherischen Leib, dem astralischen Leib. Indem man von diesen menschlichen Gliedern spricht, erregt man ja sogleich die Kritik derjenigen Menschen, die sich heute besonders gescheit dünken, die sich heute besonders wissenschaftlich dünken. So wenden zum Beispiel solche Leute ein: Warum denn den einheitlichen Menschen teilen, gliedern? Der Mensch sei doch eine Einheit, es sei schematisch, wenn man den Menschen in solche Glieder auseinanderschält. — Ja, aber so ist die Sache nicht, so einfach liegt sie nicht. Gewiß, wenn bloß eine schematische Einteilung des Menschen zugrunde läge, brauchte man keinen besonderen Wert auf diese Glieder zu legen. Aber diese einzelnen Glieder, die man scheinbar so abstrahiert von dem ganzen Menschen, stehen ja alle mit ganz andern Sphären des Weltenalls in Verbindung. Dadurch, daß der Mensch einen physischen Leib hat, so wie er ihn heute hat, wie sich dieser physische Leib von seiner saturnischen Anlage heraus entwickelt hat bis in die heutige Zeit, dadurch gehört der Mensch dem Raume an, der Sphäre des Raumes. Und durch seinen ätherischen Leib gehört der Mensch der Sphäre der Zeit an. Also indem der Mensch den zwei total voneinander verschiedenen Sphären angehört, indem er, man könnte sagen, aus der Welt der Zeit und des Raumes herauskristallisiert ist, besteht er aus physischem Leib und aus Ätherleib. Das ist nichts Willkürlich-Schematisches, was man da als Einteilung, als Gliederung des Menschen anführt. Das beruht tatsächlich auf dem ganzen Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall. Und durch seinen astralischen Leib gehört der Mensch schon dem Außerräumlichen und Außerzeitlichen an.
[ 4 ] Diese Trinität, gewissermaßen die menschliche Hüllentrinität, wird vorgeführt in den drei Kabiren. Der vierte «wollte nicht kommen». Und der ist es, der für sie alle denkt! Steigen wir herauf von den drei Hüllen zum menschlichen Ich, so haben wir in diesem menschlichen Ich zunächst das, was über Raum und Zeit, selbst über das Zeitlose, Raumlose des Astralischen herausragt. Aber dieses Ich des Menschen kam ja erst zum Bewußtsein gerade in dem Zeitraume, der auf die samothrakische Kabirenverehrung folgte. Die Griechen hatten aus der uralt heiligen samothrakischen Lehre allerdings ihren Glauben an das Unsterbliche; aber innerhalb des griechisch-lateinischen Zeitraumes sollte erst das Bewußtsein von dem Ich geboren werden. Daher wollte der vierte nicht kommen, der dasjenige repräsentiert, was als Verhältnis besteht zwischen dem Ich und dem Kosmos. Und wie ferne lag das dem Kabirengeheimnis, das zunächst hinweist auf das, was da war in dem Menschenwerden. Die drei höchsten, der fünfte, sechste und siebente, die sind noch «im Olymp zu erfragen»: Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch. Die kommen, wie wir wissen, im sechsten und siebenten Zeitraume. Und an den achten hat überhaupt noch niemand gedacht!
[ 5 ] Wir erblicken tatsächlich in der alten Form ausgesprochen das Menschheitsgeheimnis, wie es in Samothrake in denjenigen Mysterien verhüllt war, von denen die Griechen das Beste für ihr Seelenwissen, für ihre Seelenweisheit, ja auch das Beste für ihre Dichtung, insofern sich diese auf den Menschen bezog, genommen haben. Das ist das Wichtige, daß man erkennt: Sobald man den Blick zurückwendet in diese alten Zeiten, die Goethe also wiederum zu beleben versuchte, so schaut man hinein in ein Wissen vom Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall. Der Mensch fühlte sich verwandt mit allen Geheimnissen des Daseins. Der Mensch wußte: er ist nicht bloß eingeschlossen in die Grenzen seiner Haut, er gehört dem ganzen, weiten Weltenall an. Und dasjenige, was in seiner Haut eingeschlossen ist, ist nur das Bild seines besonderen Wesens.
[ 6 ] Man kann sagen: Ein Abglanz, ein letzter Nachhall dieser Anschauung über den Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall findet sich noch in solchen Schriften wie in Schillers «Briefen über ästhetische Erziehung», und findet sich als, ich möchte sagen, die durchdringende geistige Lebensluft in einer solchen Dichtung wie Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Da hat Goethe tatsächlich in seiner Art bildhaft darzustellen versucht, was den Menschen hineinstellt in die Menschengemeinschaft. Es sind dann zwanzig Seelenkräfte, die Goethe in Form der Märchenfiguren auftreten läßt. Aber indem Goethe diese zwanzig Seelenkräfte auftreten läßt, zeigt er, wie diese Seelenkräfte von einem Menschen zum andern im sozialen Leben hinüberführen. Goethe hat in diesem Märchen Imaginationen geschaffen von dem Gang der sozialen Entwickelung durch die Menschheit hindurch. Diese Imaginationen, so wie sie Goethe geschaffen hat, wie er nebeneinandergestellt hat den König der Weisheit, den König des Scheines, den König der Gewalt, und wie er zerfallen läßt in sich selber den König, der alle drei — Weisheit, Schein und Gewalt — chaotisch miteinander verbindet, diese Art, wie er das darstellt, die zeigt in seiner Art, was heute ganz intensiv und von andern Gesichtspunkten aus bewußt erfaßt werden muß.
[ 7 ] Man kann aber heute beim Goetheschen Märchen nicht stehenbleiben. Derjenige, der heute beim Goetheschen Märchen und seiner Darstellung stehenbleiben will, spielt eigentlich bloß. Sie wissen ja, dasselbe Thema, dieselben Impulse, die Goethe im Märchen darstellte, sind dargestellt in meinem ersten Mysterium «Die Pforte der Einweihung». Aber sie sind dargestellt mit dem Bewußtsein, daß in der Mitte des 19. Jahrhunderts etwas gekommen ist, was notwendig macht, daß aus ganz andern, eindringlicheren Impulsen heraus solche Dinge heute dargestellt werden. Ich habe gestern aufmerksam darauf gemacht, wie der Übergang sein muß von dem Hinblicken auf das frühere Zeitalter zu dem Zeitalter, an dessen Ausgang wir stehen. Das aber, was wir uns wieder erringen müssen, was in alten Zeiten vorhanden war wie der letzte Nachklang des atavistischen Hellsehens über diese Dinge, das ist das Bewußtsein von dem Zusammenhange des Menschen mit dem ganzen Weltenall, das Bewußtsein von jenem Geheimnis, das Sie in meinem zweiten Mysterium im Anfange ausgedrückt finden, wo dargestellt wird durch Capesius, wie aller Götter Wirken zuletzt darauf hinausläuft, den Menschen darzustellen. Warum ist ein Bewußtsein von dieser kosmischen Bedeutung des Menschen, von diesem Hineingestelltsein des Menschen in den ganzen Kosmos für unsere Zeit so ganz besonders wichtig? Gerade deshalb, weil wir davor stehen, das Alleralltäglichste, das unmittelbar äußere Leben geistig erfassen zu müssen. Und dieses äußere soziale Leben, man kann es nicht erfassen, wenn man nicht zugrunde legen kann eine wirkliche Anschauung von dem Wesen des Menschen. In dem Augenblicke, wo man beginnt, so wie es heute manche Volkswirtschaftslehrer tun und wie es sogar im Trivialbewußtsein der meisten Menschen lebt, in dem Augenblicke, wo man beginnt, den Menschen selber in die soziale Struktur in seiner Gänze hineinzustellen, muß man mit Bezug auf die soziale Frage scheitern, weil der Mensch mit seinem Wesen herausragt aus dem, was die soziale Frage eigentlich darstellt.
[ 8 ] Ich habe Ihnen gestern gesagt: Drei Glieder hat man zu unterscheiden in der menschlichen Natur. Wie man sie benennt, ist eine Sache für sich. Wir nennen sie heute den Nerven- und Sinnesmenschen, den Menschen des Rhythmus, den Menschen des Stoffwechsels. Dreierlei haben wir zu unterscheiden in bezug auf eine wirklich organisch geordnete soziale Struktur: das Geistige, das rein regulierende Staatliche, das Wirtschaftlich-Ökonomische. Der Mensch berührt sich mit diesem sozialen Leben, der Mensch steht drinnen. Aber er steht gewissermaßen schon in seiner Dreigliederung umgekehrt da, als die Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Beachten Sie das: Es ist immer notwendig, darauf hinzuweisen, daß man ja nicht konstruiere, nicht Analogien sucht, nicht in abstrakten Begriffen solche Dinge ausdeutet, sondern wirkliche geistige Forschung treibt. So kommt auch derjenige zu nichts, der den Winter der Erde etwa vergleicht mit der Nacht oder mit dem Schlaf, und den Sommer mit dem Wachen, während für die Erde der Sommer gerade das Schlafen darstellt, und der Winter das Wachen. Nichts erreicht derjenige, der sich die Entwickelung der Menschheit in Analogie denkt mit der Entwickelung des Einzelmenschen. Während der Einzelmensch von der Kindheit bis zum Greisenalter vorschreitet, schreitet die Menschheit zurück vom Greisenalter in die Kindheit. Wirkliche Forschung zeigt eben etwas ganz anderes als das, was die Menschen phantastisch aussinnen. Nur ja keine Analogien spinnen, sondern die Dinge ansehen, wie sie sind! Wenn wir den dreigliedrigen Menschen ins Auge fassen, so haben wir zunächst das Geistige des Menschen in der Sinnes-Nervensphäre. Dann haben wir das Mittlere in der rhythmischen Sphäre, das Untere in dem Stoffwechsel. Sie können das Genauere nachlesen in meinem Buche «Von Seelenrätseln». Aber ich habe aufmerksam darauf gemacht: Im Stoffwechsel ist eigentlich der Abdruck des Höchsten, des Geistigen. Der Stoffwechsel entspricht daher, wenn wir das Geistige sehen, der Intuition, das Rhythmische entspricht der Inspiration, und das Nerven-Sinnesleben entspricht der Imagination. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Aber auch der richtige soziale Organismus, dem die gegenwärtige Menschheit im fünften nachatlantischen Zeitraum zustrebt, ist dreigliedrig. Nur haben wir da, indem wir diese Dreigliederung beobachten, das Folgende nicht außer acht zu lassen.
[ 9 ] Wo liegt eigentlich dasjenige beim Menschen, worauf es im menschlichen Organismus abgesehen ist — nicht im ganzen Menschen, sondern im menschlichen Organismus? Ja, hierüber hat die Welt nun einmal eine ganz vertrackte Ansicht, und die wirkliche Ansicht, die wahre Ansicht, die kommt den Menschen vertrackt vor. Der heutige waschechte Physiologe, der denkt sich, wie ich schon gestern sagte: Die Menschen essen, stopfen so die Nahrungsmittel in sich hinein; dann wählt sich der Organismus aus diesen Nahrungsmitteln das aus, was er braucht, das andere stößt er aus. Das verwandelt er in sich selber, und so geht es, nicht wahr, Tag für Tag. Nun, ich habe Ihnen gestern gesagt, daß dieser Stoffwechsel so überhaupt nur den tagtäglichen Stoffwechsel bedeutet, und daß von diesem Stoffwechsel gar nicht unmittelbar der andere Stoffwechsel abhängt, der den Menschen hinüberführt von den ersten Zähnen zu den bleibenden Zähnen, dann wieder über die Geschlechtsreife und so weiter. Dieser Stoffwechsel, der sich ausdehnt über die großen Zeiträume zwischen Geburt und Tod, der hängt nicht mit dem zugleich zusammen, mit dem Hineinstopfen und Umwandeln von Nahrungsmitteln und so weiter, sondern dem liegen andere Gesetze und andere Substanzverarbeitungen zugrunde. Darauf habe ich ja schon gestern hingewiesen. Was bedeutet denn aber überhaupt diese tägliche Nahrung, die wir in uns aufnehmen? Da kommen wir auf ein Kapitel, wo man nun wiederum in den heftigsten Widerstreit kommen muß mit der gewöhnlichen heutigen Wissenschaft.
[ 10 ] Bitte, ich will Sie jetzt nicht zum Nichtessen veranlassen, bitte nur ja keine vertrackten, unsinnigen Schlüsse aus den Dingen zu ziehen, die um des Wissens, um der Erkenntnis Willen gesagt werden, nicht daß jemand allerlei Tollheiten daraus als Konsequenzen zieht! Aber warum essen wir denn eigentlich? Essen wir, damit wir das, was außer uns ist, in uns haben? Nein, sondern wir essen, damit die verschiedenen Stoffe, die in uns gelangen, besondere Kraftäußerungen vollziehen, und gegen diese Kraftäußerungen wehrt sich unser Organismus, und zu diesem Wehren müssen wir den Anstoß haben durch das Essen. Sie können sich bildlich vorstellen: Indem Sie die Nahrungsmittel in sich aufnehmen, verursachen diese Nahrungsmittel in Ihnen kleine Explosionen; diese Explosionen brauchen Sie, weil Sie sie wiederum zerstören müssen, wiederum ablähmen, vernichten müssen, und in diesem Vernichten entwickelt sich eigentlich Ihre innere Kraft. Der Mensch braucht Anstoß, Anregung, und im wesentlichen ist das, was uns die Nahrung ist, Anregung. Denn dasjenige, was wir als Mensch sind, das bekommen wir in der Tat auf geheimnisvolle Weise ganz woanders her.
[ 11 ] Sie erinnern sich, ich sagte schon öfter: Der Kopf ist eigentlich hohl. Dadurch kann er aus dem Weltenall dasjenige aufnehmen, was im Menschen produktiv ist. Und diese Produktion, die wird gewissermaßen aus dem Kopf nur herausgelockt. So kommt der Kopf wiederum zu seinem Rechte. Der Kopf ist ja eigentlich in vieler Beziehung der unwichtigste Teil; er ist das letzte Überbleibsel aus der vorhergehenden Inkarnation. Er ist dasjenige, was zum Beispiel ohne die rhythmische Tätigkeit nicht denken könnte. Man glaubt immer, der Kopf denke. Er denkt in Wirklichkeit nicht, sondern er reflektiert nur die Gedanken. Aber dadurch kommt er wieder zu seinen Ehren, daß er das eigentlich Produktive ist. Und der Mensch ist daraufangewiesen, um diese Produktion zu entfalten, daß außer dem Rhythmus in ihm auch noch der Stoffwechsel herrscht, der der fortwährende Anreger ist. Der Stoffwechsel ist also der fortwährende Anreger, durch den kommt der Mensch mit der Außenwelt in Beziehung.
[ 12 ] Wie ist es nun beim sozialen Organismus? Da ist es nämlich in Wahrheit umgekehrt. Was beim Menschen innerlich ist, was der Mensch innerlich in sich trägt, durch das er seinen Hohlkopf hat, was da der Anregung von außen bedarf durch den Stoffwechsel, das ist für den sozialen Organismus so die Grundlage, wie für uns die Nahrungsmittel. Was für uns das ist, was wir essen, das ist für den sozialen Organismus das, was die Menschen aus ihrem Nerven- und Sinnesleben hervorbringen. Also der Staat, oder besser gesagt, der soziale Organismus, ist ein organisches Wesen, welches, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, dasjenige ißt, was die Menschen ausdenken, was die Menschen erfinden, was aus der menschlichen Geistigkeit kommt.
[ 13 ] Nehmen Sie die eigentliche Grundkraft, die eigentliche Grundeigenschaft aus der menschlichen Geistigkeit hinweg, nämlich die Freiheit, die individuelle Freiheit, so ist das genau so, wie wenn Sie den Menschen heranwachsen lassen wollten, ohne ihm zu essen zu geben. Die freien, individuellen Menschen, die sich in eine soziale Zwangsstruktur hineinstellen und ihre freie Geistigkeit steril machen, lassen ebenso die soziale Struktur absterben, wie ein Mensch absterben muß, dem Sie keine Nahrungsmittel geben. Das, was die menschlichen Köpfe in die Welt hereinbringen, das sind die Nahrungsmittel für den sozialen Organismus.
[ 14 ] So daß man sagen kann: Das Produktive aus Nerven- und Sinnessphäre ist die Nahrung für den sozialen Organismus. — Das, was beim Menschen das rhythmische System ist, dem entspricht allerdings im sozialen Organismus alles dasjenige, was eigentlich dem Staate übertragen werden soll, wie ich schon gestern sagte: alles, was sich auf Regulierung, auf die äußere Gesetzlichkeit, also staatliche Gesetzmäßigkeit bezieht. Und was ist nun im Staat das Produktive? Dasjenige, was aus der Naturgrundlage im weiteren Sinne herauskommt, das Wirtschaftsleben. Das ist gewissermaßen der Kopf des Staates. Das Wirtschaftsleben, die Naturgrundlage, alles das, was produziert wird, das ist gewissermaßen der Kopf. Es ist umgekehrt wie beim individuellen Menschen. So daß wir ebensogut sagen können: Wie der Mensch produktiv ist durch seine Nerven und Sinne, so ist der soziale Organismus durch seine Naturgrundlage produktiv. Und wie der Mensch seinen Stoffwechsel von der Natur erhält, so erhält der soziale Organismus seine Nahrung aus dem Menschenkopf heraus.
[ 15 ] Den sozialen Organismus verstehen Sie im Verhältnis zum Menschen nur richtig, wenn Sie den Menschen auf den Kopf stellen. Hier im Menschenkopf ist eigentlich der Grund und Boden des Menschen. Der Mensch wächst von oben nach unten, der staatliche Organismus wächst von unten nach oben. Er hat seinen Kopf, wenn man. ihn schon mit dem Menschen vergleichen will, unten und steht auf dem Kopf und hat seine Beine oben. Seine Nahrung bekommt er aus dem einzelnen individuellen Menschen. So muß man innerlich das, was sozialer Organismus ist, verstehen. Analogiespiel macht nichts aus; aber der Hinblick auf die wahre Wirklichkeit, auf die echte Realität, das ist es, worauf es ankommt.
[ 16 ] Nicht wahr, wir haben im Laufe des 19. Jahrhunderts, gerade indem dieser wichtige Einschnitt in der Mitte des 19. Jahrhunderts sich geltend machte, die eigentliche Neigung zum Materialismus, die Abkehr vom Geistigen zu verzeichnen. Es war die Hochflut des Materialismus. Was:ist da eigentlich geschehen mit Bezug auf die menschliche Weltauffassung? Ja, mit Bezug auf die menschliche Weltauffassung ist das geschehen, daß die Menschen den Geist des Übersinnlichen verloren haben. Sie haben das verloren, was gerade durch ihren Hohlkopf an Produktion geleistet werden sollte; was in den Hohlkopf hineinkommen soll, das haben die Menschen verloren. Sie wollen sich nur verlassen mit Bezug auf alle Erfindungen und Entdeckungen auf den Zufall des Experimentierens. So stolz, so hochmütig man auf die Errungenschaften aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, studieren Sie die Geistesgeschichte, Sie werden sehen, wie selbst die größten dieser Errungenschaften nicht auf der unmittelbaren Initiative des Kopfes, sondern auf Konstellationen beruhen, die eingetreten sind im Verlaufe des Experimentierens. Man hat den Gott, man hat den Geist verloren, indem man mit dem Kopf nicht mehr entgegenstrebte dem Geist.
[ 17 ] Was wäre denn im sozialen Organismus das Gegenbild? Da würde man die Naturgrundlagen verlieren, da würde man gerade herumstreiten, ohne auf die Naturgrundlage Rücksicht zu nehmen. Das ist in der Tat der Charakter des sozialen Debattierens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis heute, heute am heftigsten. Denn heute reden die Leute über soziale Einrichtungen, über Sozialisierung der menschlichen Wirtschaft und dergleichen: Gerade so lassen sie weg bei diesem Debattieren die eigentliche Naturgrundlage, die Art und Weise, wie produziert werden soll, wie die Materialisten weglassen dasjenige, was der Kopf in dem Menschen machen soll. Verliert die materialistische Zeit den Geist aus der Weltanschauung, so verliert der entsprechende soziale Organismus die eigentliche Materie aus der Wirtschaft, aus dem sozialen Zusammenhang heraus. Und im sozialen Werden besteht die große Gefahr, die dem Verlust des Geistes in der materialistischen Weltanschauung entspricht: im Verlust einer die Menschheit möglichst befriedigenden Produktion, einer möglichsten Einsicht in das Produktive.
[ 18 ] Nun, zu dem Verständnis der sozialen Struktur kann man nicht kommen, wenn man nicht sich schult an der Dreigliederung des Menschen und dadurch lernt, wie man das Verhältnis der Menschenwissenschaft zur Sozialwissenschaft gestalten muß. Sonst bewertet man nämlich alles falsch. Unsere gelehrten Nationalökonomen, durch die so viel Elend in die Welt gekommen ist, weil die andern auch so denken, weil sie ja nur die Experimente gelten lassen, unsere gelehrten Nationalökonomen wissen ja in der Tat gar nichts über dieses Verhältnis des Menschen zur sozialen Struktur. Denn das kann nur durch Geisteswissenschaft gewonnen werden. Allen Ernstes streiten sich unsere nationalökonomischen Gelehrten, unsere Volkswirtschaftslehrer, ob ein Ferkel oder ein Mensch ein größerer volkswirtschaftlicher Wert ist. Nicht wahr, für beides läßt sich sehr viel vom Standpunkte derjenigen Argumente, die die Leute gerade haben, vorbringen. Die einen behaupten, ein Ferkel wäre wertvoller in der Volkswirtschaft als ein Mensch, denn das Ferkel stellt eben etwas dar, was man essen kann, also etwas, was zum Konsum geeignet ist, was einen volkswirtschaftlichen Wert hat. Einen Menschen kann man nicht essen, er ißt selber sogar die Dinge weg, er stellt für manche Leute keinen volkswirtschaftlichen Wert dar. Manche denken aber wiederum anders, die sagen: Nun ja, aber der Mensch produziert volkswirtschaftliche Werte, und diese werden dann da sein! Er verhilft also indirekt so und so viel Ferkeln zu ihrem Dasein und so weiter. Nun, wie gesagt, über solche Dinge wird gestritten! Es ist in der Tat dies eine Frage, die erörtert wird unter den Volkswirtschaftslehrern, ob ein Ferkel oder ein Mensch den größeren volkswirtschaftlichen Wert darstelle.
[ 19 ] Nun, das ist nur ein groteskes Beispiel. Aber an solchen grotesken Dingen hängt tatsächlich für den tiefer Einsichtigen das, was lebt in unserer katastrophalen Gegenwart. Denn man kann schon sagen: Das Wissen, das ausreicht, um in der Naturwissenschaft grandios weiterzukommen, das Wissen, das großartige naturwissenschaftliche Ergebnisse liefert, das wunderbar in die Möglichkeit versetzt, den Embryo des Ferkels zu vergleichen mit dem Embryo des Hundes, mit dem Embryo des Menschen, mit dem Embryo der Fledermaus und so weiter, und daraus schematisch dasjenige Denken zu bilden, welches ausreicht, um allerlei Physiologisches, Biologisches, Mineralogisches, Geologisches im Sinne der heutigen Zeit zu produzieren, dieses Denken, diese Art, Gedanken zu verbinden, reicht nicht aus, um volkswirtschaftlich zu unterscheiden, was wichtiger ist, ein Schwein oder ein Mensch. Und bevor man dies nicht einsieht, daß man ein großer Naturforscher sein kann, ohne volkswirtschaftlich unterscheiden zu können zwischen einem Schwein und einem Menschen, so lange gibt es kein Heil in bezug auf die Erkenntnis der sozialen Frage. Dies muß rücksichtslos eingestanden werden von den Menschen, daß dasjenige, was heute die Größe des Denkens ausmacht auf dem naturwissenschaftlichen Gebiet, nicht unterscheiden läßt den volkswirtschaftlichen Wert eines Ferkels von dem sogenannten volkswirtschaftlichen Wert des Menschen. Davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.
