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Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

16 Juli 1920, Dornach

Fünfzehnter Vortrag

[ 1 ] Den Betrachtungen dieser drei Tage möchte ich heute eine Einleitung voranschicken, welche orientieren soll zunächst von einem gewissen Gesichtspunkte aus über das Verhältnis der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung zu älteren geistesforscherischen Bewegungen. Sie haben ja bemerkt, und ich habe es des öfteren erwähnt und charakterisiert, wie es notwendig geworden ist durch die Zeitverhältnisse, dasjenige Wissen, die Erkenntnis der übersinnlichen Dinge, von denen wir sprechen innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, anders zu behandeln, als man behandelt hat das Wissen, die Erkenntnis, welche an die Menschen herangebracht worden ist in den alten Mysterien. Sie wissen ja auch, daß der Vergleich dieses geisteswissenschaftlichen Wissens der Gegenwart mit dem Initiationswissen der alten Mysterien berechtigt ist, trotz der Verschiedenheiten der beiden. Es ist allerdings das alte Mysterienwesen so gewesen, daß es Erkenntnisse vermittelte, die durchaus auf einem atavistischen, man möchte sagen, halb traumhaft gearteten Bewußtseinszustand des forschenden Menschen beruhten. Jenes moderne Geisteswissen, von dem wir hier sprechen, ist so geartet, daß alles in ihm bis in die geringsten Einzelheiten hinein mit vollem Bewußtsein erreicht werden muß, mit einem solchen Bewußtsein, das sich völlig gleichstellt dem Bewußtsein, das wir etwa haben, wenn wir geometrisch überschaubare oder überhaupt mathematisch überschaubare Wahrheiten in uns aufnehmen und sie verarbeiten. Also das völlig erwachte Geist-Erleben wird durch diese moderne Geistesbewegung erlangt in einem Seelenleben, das ganz durchleuchtet sein muß mit jenem Lichte, das auch unser waches Tagesleben, wenn wir wirklich wach sind, durchleuchtet. Aber hinführen zu den höheren übersinnlichen Daseinsformen soll dieses Wissen wie das instinktive, halb traumhafte Wissen der alten Mysterien.

[ 2 ] Wir haben öfters gesprochen von dem besonderen Charakter dieses alten Mysterienwissens. Wir haben darauf hingewiesen, daß es zurückgeht auf ein Urwissen, auf eine Urweisheit der Menschheit. Nur durch die Vorurteile moderner materialistisch-darwinistischer Anschauungsweise ist es heute verdeckt, daß die Menschheit nicht ausgegangen ist in ihrer Entwickelung von tierähnlichen Zuständen, sondern von Zuständen, für die es ein Analogon in der heutigen physischen Welt überhaupt nicht gibt, die aber das Leben der Seele so in sich schlossen, daß eben über die ganze bewohnte Erde der damaligen Zeit hin ein Wissen vom Geistigen, instinktiv erworben, vorhanden war. Wir müssen allerdings berücksichtigen, wenn wir diese Tatsache des übersinnlichen Urwissens uns vor Augen halten, daß die Menschheit in jener Urzeit in einer naiveren, elementareren, man möchte sagen, unschuldigeren Lebensauffassung war, daß in dieser Menschheit der Urzeit in gewissem Sinne steckten jene Antriebe, welche die göttlich-geistigen Wesen selber in die Seelen hineinlegten. So daß man sagen kann: Auf dem Gebiete, das wir heute etwa als das moralische bezeichnen könnten, waren die Menschen der Urzeit Wesen, die einfach sich ausnahmen wie Werkzeuge für die Taten göttlich-geistiger Wesen, so daß man von einer eigenen Verantwortlichkeit dieser Menschen, von einer Möglichkeit, persönlich sündhaft zu werden, für diese Zeit nicht sprechen kann, auch nicht von einem eigentlichen Abirren von dem Willen jenes Göttlich-Geistigen, aus dem schließlich die menschliche Seelenhaftigkeit hervorgegangen ist. Gerade das aber schließt auch den Grund ein, warum es in jenen älteren Zeiten möglich war, auszubreiten die Mittel in der Menschheit, ausgebreitet zu halten in der Menschheit ein Wissen über die übersinnlichen Dinge. Dieses Wissen, wenn es ein wahrhaftiges Wissen — auch in seinem atavistischen Zustande der Urzeit — ist, ist ja in Wirklichkeit gerade verknüpft mit der Beherrschung gewisser Kräfte des materiellen Daseins. Wir sind heute stolz darauf, daß wir aus unseren paar naturwissenschaftlichen Ideen heraus unsere Technik geformt haben, daß wir in diesem Sinne durch unsere Naturerkenntnisse die uns vorliegende Natur bis zu einem gewissen Grade beherrschen. In einer ganz anderen Weise konnten allerdings die Menschen der Urzeit vermöge jenes Wissens, das ihnen in ihrer unschuldsvollen Seelenverfassung eigen war, die verschiedenen Naturkräfte des materiellen Daseins beherrschen, und es war ihnen durch diese charakterisierte Seelenverfassung die Möglichkeit genommen, die ihnen von den Göttern verliehenen übersinnlichen Erkenntnisse zum Schaden der Menschheit zu verwenden.

[ 3 ] Sie wissen aus meinen Darstellungen, daß diese Urmenschheit nicht in demselben Sinne dicht-materiell war wie die spätere Menschheit und wie die heutige Menschheit, daß sie in gewisser Beziehung viel weniger materiell war. Damit hing eben auch zusammen, daß die Impulse des göttlich-geistigen Daseins sich in einer viel unmittelbareren Weise aussprechen konnten, als das später der Fall sein konnte. Was in der Entwickelung der Menschheit nach und nach eintrat, ist ja eine Verbindung des Geistig-Seelenhaften mit dem Physisch-Materiellen. Gewissermaßen stieg der Mensch immer tiefer und tiefer in die Materie herab. Aber gerade mit diesem Herabsteigen in die Materie stellte sich auch das ein, was man nennen könnte die Möglichkeit des Sündigens, die Möglichkeit einer Abweichung von den Wegen, die aus den Impulsen der göttlich-geistigen Wesen selber kamen, also die Möglichkeit, Böses zu tun, daher auch die Möglichkeit, die übersinnlichen Erkenntnisse in einem bösen Sinne anzuwenden. Diese Möglichkeit stellte sich erst in einem gewissen Zeitpunkt der menschlichen Entwickelung ein. In diesem Zeitpunkt aber trat etwas ganz Besonderes ein. Da eigentlich konzentrierte sich erst in rechtem Sinne — Sie wissen das aus der Darstellung der atlantischen Welt, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» gegeben habe — das hauptsächlichste Mysterienwesen in den Orakelstätten, in den Mysterien. Da wurde gewissermaßen der breiten Masse der Menschheit erst entzogen das Wissen von den übersinnlichen Welten, und es wurde dieses Wissen das Eigentum der in die Mysterien initiierten Menschen. So daß die Entwickelung so geht, daß eigentlich immer mehr und mehr das übersinnliche Wissen aus der großen Masse der Menschen schwindet und in seiner eigentlichen Form bewahrt wird in den Mysterien. Diese Mysterien haben aber damals, wie Sie wissen, noch weite Umfänge urweltweisheitlicher Erkenntnisse in sich beschlossen und sie haben sie in sich beschlossen bis nahe an die christlichen Zeiten heran, einzelne bis in viel spätere Zeiten hinein. Aber verschiedene Mysterien mit dem allertiefsten Wissen, wie zum Beispiel eines, eigentlich zwei, in der Gegend des heutigen Frankreich, sind im Jahrhundert vor der Entstehung des Christentums, wie ich Ihnen neulich andeutete, durch die Römer mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, sogar auf eine furchtbar blutige Weise ausgerottet worden. Und an diesen Stätten, auf die man da hinweisen muß, erfloß noch in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten innerhalb Europas ein wunderbares, eindringliches Wissen, das seither für Europa völlig verschwunden ist. So geschah es auch an anderen Orten Europas.

[ 4 ] Dann konnte nur noch in recht engen Zirkeln die Urweltweisheit bewahrt werden. In diesen Zirkeln, in denen man nur sehr selten Menschen haben konnte, welche aus eigener Anschauung hinaufdringen konnten in die übersinnlichen Welten, war es auch, daß nach den verschiedensten Richtungen hin dann die Erkenntnis der übersinnlichen Welten im schlimmen, im volksegoistischen Sinne angewendet wurde, was ja bis zum heutigen Tage in den Fällen hervortritt, die ich Ihnen seit Jahren hier charakterisiert habe, namentlich charakterisiert habe als die Arbeit gewisser Geheimgesellschaften der englisch sprechenden Bevölkerung.

[ 5 ] Nun, es gibt eine gewisse Art, wie diejenigen Menschen, die eigentlich ganz im Geiste alter Zeiten über die Erkenntnis übersinnlicher Welten denken, heute noch die Gründe darstellen, warum eigentlich das Mysterienwissen von den Trägern der Mysterien der großen Menge so sorgsam vorenthalten worden ist. Die gehorsamen Vertreter von Geheimgesellschaften, die mit größerem oder geringerem Rechte, in besserer oder auch in sehr fragwürdiger Weise dieses Wissen bewahren, reden ja heute noch immer davon, daß man eben der Menge eine gewisse Art, die höchste Art von Wissen über die übersinnlichen Dinge nicht ausliefern könne, weil diese Menge heute für gewisse Inhalte dieses Wissens absolut nicht reif sei. Diese Dinge werden gesagt, und es ist immer eine gewisse Art bedeutsam, wie man dies von gewissen Seiten her begründet. Es ist schon nötig, daß wir uns hierüber heute ein wenig einleitungsweise unterhalten, weil ich ja allerlei wichtige Dinge morgen und übermorgen zu Ihnen zu sprechen habe. Wir müssen das, weil ja eben von hier aus der Grundsatz befolgt wird, sich mit Bezug auf die Verbreitung des Wissens der übersinnlichen Welten geradezu auf den Standpunkt, ich möchte sagen, des demokratischen Wesens zu stellen.

[ 6 ] Sie wissen, es wurde von mir nicht zurückgehalten, wenigstens bis zu einer gewissen Stufe hin, selbst der breitesten Öffentlichkeit gegenüber, mit der Mitteilung gewisser übersinnlicher Erkenntnisse. Und Erkenntnisse von der Art, wie sie heute schon, obwohl sie da wenig verstanden werden, in öffentlichen Vorträgen von mir vorgebracht werden, gelten durchaus in einer gewissen Beziehung sehr werten Vertretern des heutigen Mysterienwesens als Erkenntnisse, die man in solcher Weise nicht der Öffentlichkeit mitteilen darf. Man kann da allerdings nicht bis zu gewissen Spitzen der Erkenntnis gehen; aber bis zu einer gewissen Stufe hin müssen einfach diese Erkenntnisse heute der Öffentlichkeit übergeben werden, schon aus dem Grunde, weil, wie ich ja öfters betont habe, sie einfließen müssen in die sozialen Impulse, die der gegenwärtigen Menschheit und der Menschheit der nächsten Zukunft im eminentesten Sinne notwendig sind. Und so ist es denn gekommen, daß ich fortgefahren habe mit den Mitteilungen solcher Erkenntnisse, die, wie gesagt, ja leider sehr wenig verstanden werden. Gerade die wichtigsten Dinge, die auch öffentlichen Vorträgen jetzt schon eingefügt werden und von denen man oftmals glauben sollte, daß sie in einer erschütternden Weise wirken, werden eigentlich so entgegengenommen, daß man sieht: die Seelen, die sie entgegennehmen, schlafen eigentlich einen ganz gesunden Schlaf, indem diese Dinge an ihre Ohren heranprallen. Aber trotzdem müssen diese Dinge heute der Öffentlichkeit mitgeteilt werden, und in einer gewissen Form habe ich immer wieder und wiederum versucht, sie innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft bis zu einer noch höheren Stufe vorzubringen, obschon nicht die besten Erfahrungen dabei gemacht worden sind.

[ 7 ] Es wird jeder als eine Lächerlichkeit ansehen, daß man jemandem, der nicht Elementargeometrie kennt, die höhere Geometrie übergeben soll. Der Vergleich hinkt, wie alle Vergleiche, weil das, was man als ein gewisses höheres Wissen aus dem Gebiete anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gibt, sich nicht ganz so verhält — allerdings nur scheinbar — zu dem Elementaren, wie die höhere Geometrie zu der elementaren Geometrie. Das ist nämlich so: Wer keine elementare Geometrie kennt, für den wird die Tatsache vorliegen, wenn man ihm die höhere Geometrie vorsetzt, daß er sie zurückweisen wird, weil er sich klar ist darüber, daß er sie nicht versteht. Wenn man aber jemandem, der noch nicht die elementaren Vorkenntnisse der Anthroposophie hat, die höheren Erkenntnisse der Anthroposophie vorsetzt, so nimmt er sie entgegen. Er versteht sie zwar ebensowenig wie der andere die höhere Geometrie, aber da die Erkenntnisse in populäre Worte verständlich gekleidet sein müssen, glaubt er sie zu verstehen, spottet darüber oder redet darüber wie der Pfarrer Kully, und wir haben dann eben das Unmögliche vor uns, daß die höheren Erkenntnisse in einer ganz entstellten Form, in einer verlogenen Form an die Menschheit herangebracht werden. Aber wahre Erkenntnisse in einer verlogenen Form an die Menschen heranbringen, heißt, zur Vernichtung der Menschheit beitragen. Daher wäre es schon notwendig, daß man ein Verständnis für solche Dinge voraussetzen könnte, daß man voraussetzen könnte, daß dieses höhere Wissen bewahrt sein sollte vor dem Heranbringen an denjenigen, der nicht schon das niedere Wissen hat. Aber da sind ja gerade seit Jahrzehnten innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft recht böse Erfahrungen gemacht worden, die eigentlich schon dazu drängen könnten, wenn man zum Beispiel die alten Ideen im Kopf hätte über die Verschwiegenheit gegenüber den übersinnlichen Erkenntnissen, die ganze Verkündigung des übersinnlichen Weltensystems einzustellen. Denn, was erlebt man alles! Die Schwatzhaftigkeit, die innerliche und äußerliche Schwatzhaftigkeit ist ja wahrhaft im Laufe der Jahrzehnte eine nicht geringe gewesen; und noch in jüngster Zeit haben wir es erfahren müssen, als wir genötigt waren, zu unserem großen Leidwesen gegenüber gewissen Tatsachen unsere Schriften vor einem möglichen falschen Verständnis zu schützen, daß von einer gewissen Seite geradezu eine naiv-unverständige Revolte sich erhoben hat. Es nützt nichts, diese Dinge unausgesprochen zu lassen, weil ein völlig durchgreifendes Verständnis für diese Dinge, vor allem für die Heiligkeit dieser Dinge, nicht vorhanden ist. Es wäre, wenn ein Bewußtsein von der Stellung übersinnlicher Erkenntnisse zu dem ganzen sozialen Menschenwesen vorhanden wäre, ja gar nicht möglich geworden, daß in einer solch entstellten, verlogenen Form diejenigen Dinge, die zu den heiligsten Angelegenheiten der Menschheit gehören, schimpfend in die Welt hinausgetragen worden wären, wo sie dann in einer solchen Weise entkleidet worden sind. Trotz alledem aber, wenn auch von einer großen Anzahl von Menschen das, was mit höchstem Ernst behandelt werden sollte, behandelt wird wie ein leichtes Spiel, trotzdem ist es notwendig, dringend notwendig, daß heute diese Dinge an die Menschheit herangebracht werden. Die Pflicht gegenüber der geistigen Welt, die Pflicht gegenüber den geistig führenden Mächten der Menschheit, die muß heute als das Höhere gelten gegenüber demjenigen, was man von außen in der eben charakterisierten Weise bemerken kann. Es ist heute die Zeit gekommen, wo eine gewisse Summe übersinnlicher Erkenntnisse unbedingt an die Welt überliefert werden muß.

[ 8 ] Die übersinnlichen Erkenntnisse bleiben in der Regel ungefährlich, wenn sie in abstrakter Art über Geistiges sich ergehen; aber der Ernst wird sogleich zur Notwendigkeit — wenn überhaupt Ernst gemacht wird —, wo es sich um übersinnliche Erkenntnisse der älteren Eingeweihten handelt. Solche Dinge sind ja nur für denjenigen ganz durchschaubar, der nun wiederum die Weistümer der alten Eingeweihten aus seinen eigenen Forschungen heraus finden kann. Der alte Eingeweihte sagte: Wenn man nur nach der Dreizahl okkulte Wahrheiten mitteilt, dann kann man in der Regel zwar allerlei soziale Schäden anrichten; man kann die Menschen verdummen, man kann die Menschen einschläfern, man kann sie benebeln und so weiter; aber wenn man alle siebenfältigen Formen der Geheimnisse über die übersinnlichen Welten mitteilt, dann teilt man den Menschen etwas mit, das bei ihnen, wenn sie bösartig veranlagt sind, eben zum Bösen führen muß. — Also der Eingeweihte sagt: In der Dreizahl die übersinnlichen Erkenntnisse mitgeteilt, wird unter Umständen nur äußerliche soziale Schäden anrichten, in der Siebenzahl sie mitteilen, das bedeutet eine Gefahr in dem Augenblicke, wo heranrücken an diese heiligen Geheimnisse die Menschen, die des Bösen nach irgendeiner Richtung fähig sind. — Was heißt das?

[ 9 ] Sehen Sie, es gibt eine gewissermaßen unschädliche Mystik. Solch eine unschädliche Mystik wird getrieben, wenn man sich sektiererisch in kleinen Zirkeln zusammensetzt und da einer Anzahl, meinetwillen von sieben, acht oder hundert Menschen, allerlei Mitteilungen macht über den Ätherleib, Astralleib, über Wiederverkörperung, über Karma und so weiter, kurz, wenn man in abstrakten Sätzen über diese Dinge ungefähr so spricht, wie man ja auch spricht über die Dinge des gewöhnlichen Lebens, ohne daß man in einer anderen Seelenverfassung als der des gewöhnlichen Lebens ist, höchstens in einer mystischen Andacht nebuloser Art und dergleichen. Da tritt ja natürlich als Schlimmes das hervor, daß schließlich doch die Leute, die sich so zusammensetzen, ein wenig, sagen wir, dem lieben Herrgott den Tag abstehlen, indem es viel gescheiter wäre, wenn sie in derselben Stunde, in der sie anderen solche mystische Mitteilungen machen, nähen oder stricken oder kochen oder waschen würden oder dergleichen. Es ist ein solches abstraktes Treiben mit übersinnlichen Wahrheiten eigentlich im Grunde genommen nicht viel mehr wert als das andere Getriebe, das jetzt durch zahlreiche Kanäle mit sogenannten Weltanschauungen formiert wird. Aber Sie wissen: Wir auf unserem anthroposophischen Boden haben uns niemals da, wo Ernst gemacht wurde, mit solchem abstrakten Zeug eingelassen. Wir haben selbstverständlich immer betont, daß man gewisse inhaltsvolle Erkenntnisse über das Menschenwesen, über das Wesen des Weltalls und so weiter innehaben müsse, wenn man sich wirklich Vorstellungen machen will über das Übersinnliche. Das Streben unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ging immer dahin, die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse hineinzutragen in das reale Leben, in das medizinische Leben, in das soziale Leben, in das Leben des naturwissenschaftlichen Experimentes und anderes, wo vor allen Dingen ein Hineintragen übersinnlicher Erkenntnisse notwendig ist, bevor man daran denken kann, zu einer sozialen Gesundung unserer katastrophalen Zustände zu kommen. Aber wenn man, sagen wir, in die Medizin übersinnliche Erkenntnisse hineinträgt, dann beginnt sogleich dasjenige Gebiet, von dem die wirklichen Eingeweihten wissen, daß es in der Hand der bösen Menschen Böses anrichten kann. Denn wenn wir unsere Seelenkräfte, Denken, Fühlen, Wollen anstrengen, so wie wir sie zunächst in ihrer Abstraktheit in unserer Seele tragen, dann sind diese Seelenkräfte sehr, sehr stark bloße Bilder, auf das gewöhnliche Bewußtsein angewendet bloße Bilder, stark abgeschattete Bilder. Dadrinnen (Dreieck) ist nur eine sehr geringe Intensität von Wirklichkeit. Was die Menschen denken können, das ist, ich möchte sagen, Bild von Bild; was sie fühlen können, erst recht; und ins Wollen steigen sie ja gar nicht hinab, das sehen sie nur an Bildern der äußeren Ereignisse, die sich infolge dieses Wollens auf dem physischen Plan abspielen. Weil nun dasjenige, was da der Mensch erlebt, so wenig mit der Wirklichkeit in Zusammenhang steht, kann da nicht viel Schaden angerichtet werden. Man steigt ja in die Region der abstrakten Begriffe hinein. Man kann sehr schön reden über Atma, Buddhi, Manas und so weiter, aber man redet eigentlich von abstrakten Worten, von Worten, die weit davon entfernt sind, sich wirklich in die Wirklichkeit einzubohren.

Diagram 1

[ 10 ] Mit unseren Instinkten, also mit alledem, was zugrunde liegt, sagen wir unserem Temperamentswesen, und mit dem, was sonst unserem instinktiven Wesen zugrunde liegt, da stehen wir schon mehr in der Wirklichkeit. Mit dem zum Beispiel, was unser Hunger ist, was aus unserem Hunger wird als Ausfluß unserer Willensinstinkte, stehen wir sehr stark in unserer Wirklichkeit drinnen; und gäbe es nicht den Hunger und die mit dem Hunger zusammenhängenden, heute vielfach perversen Willensinstinkte, es gäbe keinen russischen Bolschewismus und dergleichen. Mit diesem Leben (Viereck), aus dem nur wie ein Schatten sich erhebt das Denken, Fühlen und Wollen (Dreieck), mit diesem Leben unserer Instinkte, unserer Triebe, unserer Temperamente hängt die Wirklichkeit schon mehr zusammen. Diese Wirklichkeit ist ebenso, wie unser Seelenleben ein Dreigliedriges ist, ebenso ist diese Wirklichkeit etwas Viergliedriges und wurde so immer von den Eingeweihten dargestellt. Und betrachtet man so den ganzen Menschen, so hat man eben ein siebengliedriges Wesen. Aber man hat die niederen Glieder, diejenigen, in denen der Mensch in einer gewissen Weise das Tierische wiederholt, mit einem viel intensiveren Wirklichkeitscharakter vor sich, als die schattenhaft destillierte Abstraktion des Denkens, Fühlens und Wollens.

Diagram 2

[ 11 ] Nun aber greift Erkenntnis der übersinnlichen Welten, wenn man sie nur dem Bewußtsein nach abstrakt ergreifen kann, doch ein in unser Instinktleben, in unser Temperament, in unser Triebleben, und damit greift sie ein in die Welt der wirklichen Tatsachen, in die Realität. Man möchte sagen: Wenn man diese Welt des Seelischen, so wie sie heute der Mensch hat, ganz dünn zeichnet, so möchte man die Welt des Instinktiven, des Triebhaften, des Temperamenthaften ganz dick und real zeichnen, und in diese Welt spielt hinein das übersinnliche Erkennen (siehe Zeichnung). Diese Welt aber, die darf nur veredelt werden, denn sonst wird sie zur bösen Welt. Es darf also übersinnliches Erkennen auf diese Welt nur so wirken, daß diese Welt veredelt wird, so daß in dem Augenblicke, wo man an Wirklichkeiten mit dem übersinnlichen Erkennen herantritt, wo man also untertaucht in das Materielle, es durchaus davon abhängt, ob das in reiner ethischer, freier Gesinnung geschieht oder ob es geschieht in unreiner, unmoralischer, unfreier, das heißt emotioneller, triebhafter, tierhafter Gesinnung.

Diagram 3

[ 12 ] Diese Dinge haben durchschaut diejenigen Bewahrer der menschlichen Urweltweisheit, welche das höhere Wissen in den Mysterien für die dazu Vorbereiteten abgeschlossen haben. Aber dieses Abschließen ist nicht etwas, was man heute als eine absolute Notwendigkeit behaupten darf, und völlig unrecht haben diejenigen Menschen, die heute zum Beispiel Geheimgesellschaften angehören und im abstrakten Sinne die Notwendigkeit der Verschwiegenheit über das höhere Wissen durchaus behaupten wollen. Unrecht haben sie, denn die Zeichen der Zeit verstehen solche Leute durchaus nicht. Sie bewahren alte Traditionen auf, sie sagen heute noch dasjenige, was die großen Lehrer der Mysterienweisheit vor Jahrtausenden gesagt haben. Es ist zum Beispiel interessant, daß Sie in den Büchern der Aelena Petrowna Blavatsky gerade da, wo Blavatsky am genialsten über okkultistische Dinge redet, auseinandergesetzt finden Gesinnungen über das Verschweigen von okkulten Weistümern, Gesinnungen, die heute durchaus nicht gelten, die von Blavatsky deshalb vertreten werden, weil sie sie gelernt hat von denjenigen, die eben keine Ahnung haben von den eigentlichen Zeitnotwendigkeiten der Gegenwart. Und so handelte Blavatsky wie eine Persönlichkeit, die auch vor Jahrtausenden gelebt haben könnte; sie hatte keine Ahnung von den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart, redete über das notwendige Verschweigen gewisser Mysterienwahrheiten, wie die Mysterienpriester vor Jahrtausenden geredet haben. Dadurch wird man, auch wenn man es nicht will, unwahr gegen seinen Mitmenschen in der Gegenwart. Und gewisse übersinnliche Strömungen werden gerade von diesem Gesichtspunkte aus im eminentesten Sinne unwahr gegenüber ihren Mitmenschen der Gegenwart, denn die Zeiten, in denen wir heute leben, sprechen eine klare und deutliche Sprache, und diese Sprache kündet auf geistig-seelischem Gebiete von einer außerordentlichen Verirrung unter den Menschen.

[ 13 ] Ich habe Sie erst vor kurzem auf eine literarische Erscheinung allerbedeutsamster Art aufmerksam gemacht, auf das Buch «Der Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler. Ich habe Ihnen gesagt, daß dieses Buch auf die Jugend, namentlich auf die studentische Jugend Mitteleuropas einen tiefgehenden Einfluß hat, und daß, als ich jüngst vor den Studenten der Stuttgarter Technischen Hochschule zu sprechen hatte über die Bedeutung und das Wesen geisteswissenschaftlich-anthroposophischer Forschung, ich in diesen Vortrag ging durchaus in meinem Gemüte voll des Eindruckes, den diese Spenglerschen Ideen über den Untergang des Abendlandes auf die heutige Jugend, namentlich die akademische Jugend machen. Sie werden vielleicht bemerkt haben, wie berechtigt es ist, heute von dem tief Eingreifenden der Spenglerschen Ideen zu sprechen, denn weit über die Grenzen Mitteleuropas hinaus, überall, wo man heute literarische Erscheinungen beachtet, findet das Spenglersche Buch Berücksichtigung. Die «Times» haben sogar wiederholt ausführliche Besprechungen des Buches gebracht.

[ 14 ] Was tritt nun in diesem Spenglerschen Buche für eine merkwürdige Theorie zutage? Wir finden in einem dicken Buche von einem Menschen, der, wie ich Ihnen sagte, zwölf bis fünfzehn Wissenschaften in einer genialen Weise tatsächlich beherrscht, den Beweis geliefert nach dem Muster, wie heute nur irgend in der Wissenschaft Beweise geliefert werden — denn daß der mittlerweile zu hohen Würden aufgestiegene Benedetto Croce Torheiten über dieses Buch gesagt hat, trotzdem er sonst Gescheites gesagt hat, braucht uns nicht zu beirren —, wir finden, daß da gezeigt wird, wie das ganze Abendland mit seinem amerikanischen Nachwuchs im Altwerden, im Greisenhaftwerden der Zivilisation steht, wie der Tod im Beginne des 3. Jahrtausends dieser abendländischen Kultur bevorsteht, wie die Barbarei da hereinbrechen müsse, wie ungefähr um das Jahr 2200 eben dasjenige, was heute abendländische Zivilisation ist, von der Barbarei abgelöst sein müsse. Wir finden dieses, wie gesagt, mit allem Rüstzeug der heutigen Wissenschaft belegt, und wir müssen erkennen, daß gegen solche furchtbare Ansicht, furchtbar vor allen Dingen wegen des wissenschaftlichen Rüstzeuges, mit dem sie auftritt, daß gegen solche furchtbare menschenzerstörerische Ansicht nur geisteswissenschaftliche Vertiefung aufkommen kann, und daß nur geisteswissenschaftliche Vertiefung imstande ist, den Punkt zu zeigen, wo in der menschlichen Seele selbst aufquillt dasjenige, was das Abendland wiederum heraustreibt aus dem Untergange. Würde das Abendland nur dasjenige behalten, was jetzt auf Universitäten, Gymnasien, Mittelschulen, Volksschulen an die Menschen herangebracht wird, was herangebracht wird durch unsere Zeitungsliteratur, durch unsere populäre wissenschaftliche Literatur — Spenglers Rechnung, daß im Jahre 2200 die Barbarei über dieses Abendland land hereinbrechen muß, wäre berechtigt. Allein der Appell an den Willen der menschlichen Seele, wie ihn die Geisteswissenschaft geben kann, weil sie geistige Kräfte entflammt in dieser menschlichen Seele, weil sie den äußeren, heute überall zum Niedergang drängenden Kräften diejenige Kraft, die der Mensch aus seinem Willen entgegensetzen muß, entgegensetzt, allein Geisteswissenschaft hat das Recht, gegenwärtig sich aufzubäumen gegen solch wissenschaftliches Rüstzeug, wie es von Oswald Spengler dargeboten wird. Gewöhnliche, profane Widerlegungen des Spenglerschen Buches sind eine Lächerlichkeit.

[ 15 ] Aber gerade an diesem Spenglerschen Buche, was erfahren wir? An der ganzen Art, wie es gedacht ist, wie die Forschungen darinnen verarbeitet sind, sieht man, daß dieses Spenglersche Denken ganz hervorgegangen ist aus dem Denken gerade der breiten Masse der heutigen gebildeten Menschheit, nur, daß Spengler eben ungemein viel gescheiter und genialischer ist als der heutige Durchschnittsmensch. Daher sagt er über viele Dinge gerade das Entgegengesetzte von dem, was der heutige Durchschnittsmensch sagt, aber es liegt dasjenige, was er sagt, doch nur in der geradlinigen Fortsetzung dessen, was der Durchschnittsmensch heute denkt, was der Durchschnittsmensch heute für das Richtige hält. Aber wie tritt uns dieses Buch entgegen, das auf Tausende und aber Tausende Seelen heute einen erschütternden Eindruck macht, wenn wir es unbefangen mit dem Blicke, der uns aus der Initiationsweisheit kommen kann, betrachten? Es klärt uns geradezu auf über das innerste Gefüge der heutigen traditionellen Weltanschauung, des heutigen landläufigen Denkens. Es zeigt sich an dem Spenglerschen Buche das Merkwürdige, daß man genial sein kann — Spengler ist genial, außerordentlich genial — und dennoch die größten Torheiten sagen kann; denn in seinem Buche sind auch die größten Torheiten enthalten, aber Torheiten, die eigentlich heute nur ein genialer Mensch finden kann. Die anderen Menschen sind nicht geeignet dazu, solche große Torheiten zu finden, wie sie Spengler gefunden hat. Nun stelle man sich die Verwirrung vor, die in den Gemütern anrichten muß ein Buch, bei dem man auf jeder Seite die Genialität und die Torheit zu gleicher Zeit bewundern kann!

[ 16 ] Die Extreme stoßen heute in einer Weise zusammen, wie man es sich vielleicht vor hundert Jahren, vielleicht vor hundertzwanzig Jahren noch nicht hätte träumen lassen brauchen. Und wenn heute die Philister mir etwa vorwerfen, daß ich jemanden einmal genial nenneund dann auch töricht nenne, so muß ich sagen, daß ich mir das heute schon vorbehalte. Ich begehe dann vielleicht heute auch noch den Fehler, daß ich Oswald Spengler zugleich ein Genie und zugleich einen Toren nenne, denn er ist beides zugleich. Das ist man aber, wenn man herauswächst aus der merkwürdigen Konfiguration gerade der heutigen Literatur. Man muß schon so gescheit sein wie Spengler, so grundgescheit, um solch blödsinnige Dummheiten auszusinnen, wie sie Spengler ausgesonnen hat. Mit einem geringen Grad von Gescheitheit kommt man zum Beispiel nicht zu den faszinierenden, blendenden Behauptungen Spenglers, daß der richtige, der wahre Sozialismus das Preußentum ist, und daß die bis zum Jahre 2200 niedergehende, also durchaus dem Tode verfallende abendländische Kultur keinen anderen Ausweg mehr hat, als ganz preußisch, das heißt, ganz sozialistisch im Spenglerschen Sinne zu werden. Und eine Broschüre, die als eine Ergänzung dasteht neben dem Buch «Der Untergang des Abendlandes», «Preußentum und Sozialismus», ist auf jeder Seite voll des Genialsten, was man an Einblicken in einzelne Detailerscheinungen des geistigen und sozialen Wesens heute haben kann. Was zum Beispiel Spengler da über das Russentum sagt, erinnert mich zuweilen — allerdings indem ich immer Rücksicht nehmen muß auf all das, was ich gerade jetzt über Oswald Spengler gesagt habe — an manches, was ich über das Russentum, über die Zukunft des Russentums und über die Geartetheit des russischen Volkes vor vielen Jahren selbst gesagt habe. Und da Spengler erklärt, daß er das, was er über das Russentum sagt, namentlich über seine wissenschaftliche Berechtigung, in seinem zweiten Bande von «Der Untergang des Abendlandes» weiter ausführen werde, so muß ich sagen: Ich freue mich auf jenen «genialen Kohl», der aus diesem zweiten Bande über die Zukunft Europas unter dem Einfluß des sich weiter entwickelnden Russentums gesagt sein wird.

[ 17 ] Sie sehen, man muß heute paradox werden, wenn man wahr schildern will dasjenige, was eigentlich um uns ist, und man kommt nicht zurecht, wenn man nicht in solch paradoxer Form schildert, was unter uns ist. Ein Drittes, was man auch bei Oswald Spengler findet: er schildert ganz und gar einen Pessimismus. Denn es ist doch ein Pessimismus, wenn man sagt: Im Jahre 2200 wird alle abendländische Zivilisation von der Barbarei abgelöst sein. — Und es ist namentlich ein Pessimismus, wenn man das mit zwölf bis fünfzehn Wissenschaften so streng beweist, wie das Spengler tut. Aber Spengler betet in einer gewissen Weise mit religiöser Demut diesen Pessimismus an. Er ergeht sich in diesem Pessimismus, ich möchte sagen, er glorifiziert diesen Pessimismus, diesen Sozialismus oder dieses Preußentum; welches die ganze Welt ergreifen wird, weil nur noch durch Organisation und Durchtränkung der Gesellschaft im preußischen Sinne eben bis zum Jahre 2200 der notwendige Untergang hinausgeschoben werden kann. Das alles ist doch wohl Pessimismus! Aber das ganze, das da Oswald Spengler vor sich hat als diese sozial verpreußte Welt, diese bis zum Jahre 2200 noch lebende, dann sterbende abendländische Welt, sie wird gewissermaßen von ihm noch glorifiziert. Er schildert sie mit innerem Feuer, aber es ist kein nachhaltiges Feuer, es ist ein Theaterfeuer, wenn man genau zusieht.

[ 18 ] Ich rede nicht gern abstrakt, rede am liebsten in Tatsachen. Und wenn man nach dem Grund fragen würde: Warum muß heute ein genialer Mensch, indem er gerade eine feine Beobachtung hat für gewisse Detailerscheinungen der gegenwärtigen Zivilisation, zugleich so töricht sein? Warum muß ein so grundgescheiter Mensch zugleich solche Hauptdummheiten behaupten? Warum muß ein solcher Mensch, der den Pessimismus hinmalt, diesen Pessimismus hinmalen mit einem Theaterfeuer, das diesen Pessimismus, wenn man vergessen kann, daß er zum Untergange führt, erscheinen läßt wie einen grandiosen Optimismus, wie das Herausfordern der Bewunderung für diesen katastrophalen Untergang? Warum ist das alles?

[ 19 ] Ich möchte mit einem ganz konkreten Satze antworten: Oswald Spengler fordert, während er ganz naturwissenschaftlich denkt, für das 20. Jahrhundert Psychologie, aber er hat keine blasse Ahnung von der menschlichen Seele. Warum? Weil er in demselben Augenblicke, wo er das Wort « Theosophie» — Anthroposophie scheint er nicht zu kennen —, wo er die Worte «Theosophie» und «Okkultismus» in den Mund nimmt, einen roten Kopf bekommt und ganz fuchtig wird. Daher kann sich seine geniale Betrachtungsweise auch nur der Schale widmen, nicht der Innerlichkeit, durch die die Seele aufgesucht werden muß. Daher kann sein Feuer auch nicht dasjenige sein, was aus den elementaren Urgewalten des Menschen hervorgeht, sondern ist im Grunde genommen doch nur ein Theaterfeuer. Oswald Spengler bekommt einen roten Kopf, wenn er die Worte «Theosophie» und «Okkultismus» in den Mund nimmt, und er kann, wie es scheint, kaum einen anderen Zweck finden für Okkultismus und Theosophie, als daß mit ihnen der Bolschewismus, der Spartakismus ein wenig zu einer Art Salonsozialismus aufgepäppelt werde. — Das ist wiederum die grandiose Dummheit eines Menschen, dessen Genie aus der Geistsubstanz der Gegenwart heraus geboren wird. Das bezeugt aber zu gleicher Zeit, daß da, wo keine Ahnung vorhanden ist, sondern nur ein roter Kopf gegenüber der geistigen Vertiefung, daß da eben die verwirrendsten Kulturerscheinungen der Gegenwart zutage treten müssen, auch wenn sie genial auftreten.

[ 20 ] Das ist dasjenige, was ich heute als Einleitung den wichtigen Betrachtungen vorausschicken wollte, die ich dann morgen und übermorgen vor Ihnen anstelle.