Editorische Nachworte zu
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in der Weimarer Ausgabe 1891-1896
GA 1f
1891, Weimar
Band 6: Zur Morphologie I
[Einleitung zu den Lesarten, S. 367-371:]
Mit dem sechsten Bande eröffnet sich die Reihe der auf die organische Natur bezüglichen Arbeiten Goethes. Er bringt die botanischen Aufsätze von jenem ersten an, der 1790 unter dem Titel «Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären» erschien. An diesen wurde alles das angeschlossen, was der Ergänzung, Erklärung oder noch tieferen Begründung der dort vorgetragenen Anschauung dient. Auf diese Weise liess sich der Band zu einem in sich geschlossenen, vollkommen organischen Ganzen gestalten. Was von Goethe in Bezug auf Botanik vor 1790 geschrieben wurde, steht noch nicht auf der vollen Höhe seiner Anschauung; es blieb deshalb hier ausgeschlossen und wurde für den folgenden Band aufbewahrt. Ebenso wenig wurde das aufgenommen, was sich nicht in gerader Linie an die Arbeit von 1790 anreiht, sondern der Idee nach von Aussen beeinflusst ist, wie die Aufsätze über die Spiraltendenz der Pflanzen. Natürlich kann sich dies nicht auf solche Ausführungen Goethes beziehen, wo er durch Mittheilung von Thatsachen oder Ansichten angeregt wurde, einen in seiner Lehre schon begründeten Gedanken auszusprechen. Hier wurde kein neuer Bestandtheil in die Anschauungsmasse aufgenommen, sondern nur eine Consequenz gezogen, zu der gerade die augenblickliche Veranlassung vorlag. Ein solches ist der Fall mit den Ideen über Missbildungen der Gewächse (169-186) oder mit jenen, die sich an «Schütz, Zur Morphologie» anschliessen (206-222). Was in die praktische Pflanzenkunde gehört, wie ein Aufsatz über den Weinbau, wurde ebenfalls nicht als in diesen Band gehörig betrachtet.
Grundsatz der Zusammenstellung des Bandes ist somit: das ganze Goethische Ideen-Gebäude, insofern es sich auf Botanik bezieht und 1790 begründet worden ist, mit allen von dem Begründer selbst gezogenen Consequenzen aufzuführen. Dieses Princip wurde namentlich auch bei der Frage eingehalten, was von den zahlreichen ungedruckten Aufsätzen und Entwürfen aufgenommen werden solle. Die grössere oder geringere formelle Vollendung, die ja bei Kunstleistungen in erster Linie in Erwägung gezogen werden muss, trat hier völlig in den Hintergrund gegenüber der Nothwendigkeit, dass im Wissenschaftlichen alles beigebracht werden muss, was dem Gedankengehalte Goethes angehörte, gleichviel bis zu welcher Form der Ausarbeitung es gediehen ist. Es wurde Fragmentarisches nicht ausgeschlossen, wenn es zur Anschauung Goethes Neues hinzubrachte oder anderwärts ausgesprochene Gedanken in einem neuen Zusammenhange zeigte. Über die wissenschaftliche Bedeutung eines Menschen entscheidet die Summe der von ihm ausgesprochenen Ideen und der Zusammenhang, in den er sie mit dem Ganzen einer Weltauffassung gebracht hat. Ob ihm Zeit und Verhältnisse günstig waren, alles in fertigen Werken darzustellen, kommt erst in zweiter Linie in Betracht.
Die Anordnung der noch ungedruckten Aufsätze geschah so, das für den Betrachter sogleich ersichtlich ist: Goethe wollte eine Lehre von den organischen Wesen als Morphologie begründen. Morphologie ist dabei nicht als Lehre von der äusseren Gestalt gedacht, sondern als Universalwissenschaft des Organischen, die als solche auch Physiologie und Entwicklungsgeschichte umfasst. Auch ein Bild von dem Gefüge dieser Wissenschaft, wie es Goethe sich dachte, wird man durch das Mitgetheilte bekommen. Erst durch die noch ungedruckten Abhandlungen und Skizzen erscheint Goethes morphologische Ansicht in ihrer inneren Ganzheit und Geschlossenheit. Man darf sagen: jetzt zum ersten Male werden Goethes morphologische Leistungen in ihrem vollen Umfange zur Anschauung gebracht. In der durch Riemer und Eckermann besorgten Ausgabe der «nachgelassenen Werke» mussten dieselben von dem kundigen Leser erst durch eingeschobene Hypothesen zu einem Ganzen gerundet werden.
In einem einzigen Falle wurde von dem Grundsatze, nichts vor 1790 geschriebenes zu bringen, abgegangen: bei dem Aufsatz 312-319. Dies geschah aber aus gewichtigen Gründen. Der Aufsatz zeigt eine Seite der Goetheschen Methodik, die alle seine Arbeiten beherrscht, ihnen ihr eigenthümliches Gepräge verleiht, die aber so scharf niemals wieder von Goethe ausgesprochen worden ist. Goethe wollte das Wirkliche, Empirische nicht dadurch erklären, dass er eine einmal aufgestellte Ansicht (Hypothese) zu Grunde legte, und von derselben ausgehend die Erklärung versuchte, sondern er erwog allseitig die Möglichkeiten, wie eine bestimmte einzelne Erscheinung entstehen könne. Man kann immer mehrere verschiedene Arten denken, wie eine vorliegende Erscheinung verursacht und entstanden sein kann. Ja, zwei in Wirklichkeit ganz gleiche Thatsachen können verschiedene Ursachen haben. Am wahrscheinlichsten ist es aber, dass an einer Erscheinung keine von den Entstehungsmöglichkeiten ausschliesslich, sondern alle in grösserem oder geringerem Masse von Einfluss gewesen sind. Trat Goethe an eine Thatsache der Wirklichkeit heran, so benutzte er die vorher von dem Verstande in ihrer theoretischen Reinheit ausgearbeiteten Einzelhypothesen, um durch ihre Zusammenziehung das Individuelle zu erklären. Implicite ist dies in allen wissenschaftlichen Arbeiten Goethes als methodisches Princip enthalten, ausgesprochen ist es nur in dem in Rede stehenden Aufsatze. Es ist also wohl berechtigt, bei ihm die angegebene Ausnahme zu machen.
Das Fragment: «Metamorphose der Pflanzen. Zweiter Versuch» (279-385) ist jedenfalls bald nach dem «Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären» entstanden. Wahrscheinlich noch 1790, wie Papier und äusseres Ansehen der Handschriften (Götzes Handschrift) ergeben, die auf ein gleichzeitiges Entstehen mit den Arbeiten über vergleichende Anatomie (1790) hinweisen. «Vorarbeiten zu einer Physiologie der Pflanzen» (286-287) mit der Fortsetzung (288-299) rührt aus der Mitte der neunziger Jahre her, wo Goethe der Gedanke nicht verliess, dass er das grosse Gebäude der Morphologie, das auch die Physiologie einschliesst, werde vollenden können. Die Handschrift Geists, in der diese Arbeiten (288-311) erhalten sind, lässt die Annahme einer noch früheren Entstehungszeit nicht zu. Ein gleiches gilt bezüglich S. 300-312. Das Schema 319 f. in der Handschrift unmittelbar an 199 anschliessend, ist gleichzeitig mit dieser Arbeit entstanden. Der «Entwurf» S. 321 von Riemers Hand fällt in eine spätere Zeit, in der Goethe die morphologischen Arbeiten wieder in Angriff nehmen wollte, etwa 1807 oder 1816. Dasselbe gilt von 322 (von Kräuters Hand geschrieben). 323-329,2 gehört einem Hefte an, das von Goethe dazu bestimmt war, einiges aufzunehmen, was er zu einzelnen Paragraphen der «Metamorphose» erläuternd und verbessernd zu sagen hatte. Es trägt auf blauem Umschlage den Titel: «Bemerkungen zum 15ten Paragraph der Pflanzenmetamorphose. Auch zum 22ten und 23ten Paragraph». 329 f. Knospen, Stolonen fand sich in diesem Hefte als Einlage und ist von Götzes Hand geschrieben. Die Arbeiten 321-345 (in Johns Handschrift vorhanden) sind zumeist während der Jahre entstanden, in denen Goethe wegen des Erscheinens seiner Hefte «Zur Morphologie» fortwährend von dieser Wissenschaft festgehalten wurde. Die Aphorismen am Schlusse verfasste Goethe, während er im Jahre 1829 De Candolles Organographie veg£tale las. Wir fügen sie diesem Bande ein, weil sie die Gedanken der Metamorphosenlehre eigentlich erst so recht verständlich machen und bis auf ihre ersten philosophischen Grundlagen zurückführen. In den «Paralipomena» bringen wir Goethes 1796-98 gemachte Vorarbeiten zu einer «Metamorphose der Insecten», die er ja, wie aus 321,11 folgt, wenn sie fertig geworden wäre, als einen integrirenden Theil der Metamorphosenlehre betrachtet hätte. Ausserdem bringen wir in dem Capitel Paralipomena II das Nothwendigste aus den Handschriften, das sich an den Text anschliesst und zu seiner Abrundung zu einem Ganzen beiträgt. Bei der Fülle des Materiales konnte von absoluter Vollständigkeit nicht die Rede sein. Es durfte nur nichts übersehen werden, was als integrierender Theil des GedankenInhaltes gelten kann.
Bezüglich des bereits in den Ausgaben gedruckten Theiles dieses Bandes wurde die Anordnung, wie sie Riemer und Eckermann (in den nachgelassenen Werken) auf Grund der von Goethe selbst besorgten Hefte «Zur Morphologie» vorgenommen, beibehalten. Nur «Zur Verstäubung» (205-206) wurde der auf denselben Gegenstand bezüglichen Notiz (204-205) aus dem Handschriftenmateriale hinzugefügt. 206,10-221,24 wurde aus «Zur Morphologie, ersten Bandes, viertes Heft» hier eingefügt. Der Aufsatz «Wirkung dieser Schrift» (246-278) ist in folgender Weise entstanden. Goethe bat Friedrich Sigm. Voigt in Jena und Ernst Meyer in Königsberg um Auskunft darüber, welche Berücksichtigung seine Schrift von 1790 innerhalb der Wissenschaft gefunden habe. Er stellte dann die brieflichen Mittheilungen der beiden Männer zu dem Aufsatz zusammen, nachdem er nur ganz geringfügige stilistische Aenderungen behufs Herstellung des Zusammenhanges vorgenommen hatte. Aus den erhaltenen Briefen geht hervor, dass 251,17-253,2; 256,1-258,17; 260,15-261,4; 268,6-13 von Voigt (Brief von Goethe vom Sept. 1828) und 250,3-12; 253,3-254,9; 254,5-26; 255,5-27; 259,22-260,14; 261,5-12; 263,21-264,17; 270,20-271,5 von Ernst Meyer (Brief an Goethe vom 8. April 1829).
Die ungedruckten Arbeiten erscheinen, so weit dies möglich war, in der Anordnung, in welcher sich die einzelnen Theile in ein «System der Morphologie», wie es Goethe gedacht, einreihen würden, und zwar 1. Zur Morphologie der Pflanzen im Allgemeinen, die Principien enthaltend (279-322); 2. Specielle Fragen und Beispiele zur Metamorphosenlehre, Ausführung des Grundgedankens an concreten Beispielen (323-344); 3. Naturphilosophische Grundlagen und Consequenzen der ganzen Lehre (345-361); 4. Auf Grenzgebiete zwischen Morphologie und Aesthetik bezügliches (361-363). Herausgeber dieses Bandes ist Rudolf Steiner; sachliche und namentlich philologische Fragen wurden fortwährend durch Besprechungen mit dem Redactor des Bandes Bernhard Suphan erledigt, der auch schon während der Vorarbeiten an allen Einzelheiten des Gegenstandes sich rathend und hilfeleistend betheiligte.
[Ausgewählte Texte in den Lesarten:]
[S. 446] Die folgende Definition der «Morphologie» schrieb Goethe 1807 auf, als er seine morphologischen Arbeiten herausgeben wollte. Sie steht von seiner Hand auf einem Zettel, der auf einem Folio-Bogen aufgeklebt ist, gleichzeitig mit einem andern, der das Titelblatt zu den osteologischen Arbeiten und die Jahreszahl 1807 enthält. Die Definition zeigt, dass Goethe die Morphologie durchaus als organische Universalwissenschaft aufgefasst wissen wollte (vgl. S. 369 [in vorliegendem Band S. 17 f.]) [Vorbemerkung zum ersten Paralipomenon in der Abteilung Paralipomena II für folgenden Text von Goethe: WA II 6,446; LA 10, 128]
[S. 446-447] Das folgende sind besondere Bemerkungen, die Goethe zu den einzelnen Paragraphen seines «Versuchs [über «Die Metamorphose der Pflanzen»]» nachträglich machte. Dieselben folgen einander nicht unmittelbar, sondern sind auf viele Bogen vertheilt, sodass immer mehr oder weniger unbeschriebener Raum zwischen ihnen liegt. Man muss sich also vorstellen, Goethe habe sich hier immer die Beobachtungen notiren wollen, die er im Laufe der Zeit in Bezug auf die in seiner Metamorphosenlehre aufgestellten Ansichten machte.
[Vorbemerkung zum zweiten Paralipomenon in der Abteilung Paralipomena II für folgenden Text von Goethe: WA II 6, 447-451; LA II 9B, 59-66 (M 55)]
[S. 451-452] Die folgenden Notizen entstanden aus dem Bestreben Goethes, auch aus dem Reiche der niederen Thiere Beispiele zum Beweise davon anzuführen, dass die Idee der Metamorphose die Grundmaxime des ganzen organischen Naturreichs ist.
[Vorbemerkung zum dritten Paralipomenon in der Abteilung Paralipomena II für folgenden Text von Goethe: WA II 6, 452; LA II 9B, 58-59 (M 54)]
