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The Rudolf Steiner Archive

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Fundamentals of an Epistemology
of Goethe's worldview
with special consideration of Schiller
GA 2

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Vorwort zur ersten Auflage 1886

[ 1 ] Als mir durch Herrn Prof. Kürschner der ehrenvolle Auftrag wurde, die Herausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften für die Deutsche National-Literatur zu besorgen, war ich mir der Schwierigkeiten sehr wohl bewußt, die mir bei einem solchen Unternehmen gegenüberstehen. Ich mußte einer Ansicht, die sich fast allgemein festgesetzt hat, entgegentreten.

[ 2 ] Während die Überzeugung immer mehr an Verbreitung gewinnt, daß Goethes Dichtungen die Grundlage unserer ganzen Bildung sind, sehen selbst jene, die am weitesten in der Anerkennung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen gehen, in diesen nicht mehr als Vorahnungen von Wahrheiten, die im späteren Verlaufe der Wissenschaft ihre volle Bestätigung gefunden haben. Seinem genialischen Blicke soll es hier gelungen sein, Naturgesetzlichkeiten zu ahnen, die dann unabhängig von ihm von der strengen Wissenschaft wieder gefunden wurden. Was man der übrigen Tätigkeit Goethes im vollsten Maße zugesteht, daß sich jeder Gebildete mit ihr auseinanderzusetzen hat, das wird bei seiner wissenschaftlichen Ansicht abgelehnt. Man wird durchaus nicht zugeben, daß man durch ein Eingehen auf des Dichters wissenschaftliche Werke etwas gewinnen könne, was die Wissenschaft nicht auch ohne ihn heute bieten würde.

[ 3 ] Als ich durch K.J.Schröer, meinen vielgeliebten Lehrer, in die Weltansicht Goethes eingeführt wurde, hatte mein Denken bereits eine Richtung genommen, die es mir möglich machte, mich über die bloßen Einzelentdeckungen des Dichters hinweg zur Hauptsache zu wenden: zu der Art, wie Goethe eine solche Einzeltatsache dem Ganzen seiner Naturauffassung einfügte, wie er sie verwertete, um zu einer Einsicht in den Zusammenhang der Naturwesen zu gelangen oder wie er sich selbst (in dem Aufsatze «Anschauende Urteilskraft») 1Goethe, «Anschauende Urteilskraft»: Vergleiche Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, Band I, Seite 115, in Kürschners Deutscher, National-Literatur. so treffend ausdrückt, um an den Produktionen der Natur geistig teilzunehmen. Ich erkannte bald, daß jene Errungenschaften, die Goethe von der heutigen Wissenschaft zugestanden werden, das Unwesentliche sind, während das Bedeutsame gerade übersehen wird. Jene Einzelentdeckungen wären wirklich auch ohne Goethes Forschen gemacht worden; seiner großartigen Naturauffassung aber wird die Wissenschaft solange entbehren, als sie sie nicht direkt von ihm selbst schöpft. Damit war die Richtung gegeben, die die Einleitungen zu meiner Ausgabe zu nehmen haben. Sie müssen zeigen, daß jede einzelne von Goethe ausgesprochene Ansicht aus der Totalität seines Genius abzuleiten ist.2Über die Art, wie sich meine Ansichten dem Gesamtbilde Goethescher Weltanschauung einfügen, handelt Schröer in seinem Vorworte zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (Kürschners National-Literatur, Band I, Seite I-XIV). (Vergleiche auch dessen Faust-Ausgabe, II. Teil, 6. Auflage, Stuttgart 1926, Seite V.)

[ 4 ] Die Prinzipien, nach denen dies zu geschehen hat, sind der Gegenstand des vorliegenden Schriftchens. Es soll zeigen, daß das, was wir als Goethes wissenschaftliche Anschauungen hinstellen, auch einer selbständigen Begründung fähig ist.

[ 5 ] Damit hätte ich alles gesagt, was mir den folgenden Abhandlungen voranzuschicken nötig schien. Es obliegt mir nur noch, eine angenehme Pflicht zu erfüllen, nämlich Herrn Prof. Kürschner, der in der außerordentlich wohlwollenden Weise, in der er meinen wissenschaftlichen Bemühungen stets entgegengekommen ist, auch diesem Schriftchen seine Förderung freundlichst angedeihen ließ, meinen tiefgefühltesten Dank auszusprechen.

Ende April 1886
Rudolf Steiner

Versions Available:

The Science of Knowing, Mercury Press 1988, tr. William Lindeman
  1. A Theory of Knowledge, Anthroposophic Press 1940, tr. Olin D. Wannamaker
  2. Fundamentals of an epistemology of Goethe's worldview, Steiner Online Library 2024
  3. Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, 8th ed.

Foreword to the First Edition

When Professor Kürschner honored me with the task of publishing Goethe's natural-scientific works for German National Literature, I was well aware of the difficulties confronting me in such an undertaking. I had to work against a view that had become almost universally established.

While the conviction is becoming more and more widespread that Goethe's literary works are the foundation of our entire cultural life, his scientific efforts are regarded—even by those who go the farthest in their appreciation of them—as nothing more than inklings he had of truths that then became fully validated in the course of scientific investigation. The eye of his genius, they say, attained inklings of natural lawfulnesses which then, independently of him, were rediscovered by the strict methods of science. What one fully grants to the rest of Goethe's activity—namely, that every educated person must come to terms with it—is denied him with respect to his scientific view. It is not acknowledged at all that the poet's scientific works afford anything that science, even without him, would not offer today.

By the time I was introduced to Goethe's world view by K.J. Schroer, my beloved teacher, my thinking had already taken a direction that enabled me to look beyond the poet's individual discoveries to the essential point: to the way Goethe fit each individual discovery into the totality of his conception of nature, to the way he evaluated it in order to gain insight into the relationship of nature beings, or, as he so aptly expressed it himself (in the essay Power to Judge in Beholding (Anschauende Urteilskraft), in order to participate spiritually in nature's productions. I soon recognized that the achievements which modern science does grant Goethe are the inessential ones, whereas precisely what is significant is overlooked. The individual discoveries would really have been made even without Goethe's-research; but science will be deprived of his marvelous conception of nature as long as it does not draw this directly from him. This realization gave the direction that had to be taken by the introductions to my edition of Goethe's scientific works. They had to show that every single view expressed by Goethe is to be traced back to the totality of his genius.

The principles by which this is to be done are the subject of this little book. It undertakes to show that what we set forth as Goethe's scientific views is also capable of being established on its own independent foundation.

This seems to me to be sufficient introduction to the following study. There remains only the pleasant duty of expressing my most deeply-felt thanks to Professor Kürschner, who has lent me his friendly assistance with this little book with the same extraordinary kindness he has always shown my scientific endeavours.

End of April, 1886
Rudolf Steiner