Knowledge of Soul and Spirit
GA 56
3 December 1907, Munich
in lieu of 13 February 1908, Berlin
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Knowledge of Soul and Spirit, tr. SOL
9. Der Krankheitswahn im Lichte der Geisteswissenschaft
9. The Obsession with Illness in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Der Mensch ist in seinem Leben zwischen zwei Mächte hineingestellt. Auf der einen Seite steht der Ablauf der Ereignisse und Tatsachen, die Fortdauer der Tatsachen um ihn herum, die auf ihn die verschiedensten Eindrücke machen. Dem steht im Innern gegenüber des Menschen eigene Kraft. Man braucht das Leben nur oberflächlich zu betrachten, dann wird einem klar, daß der Mensch einen notwendigen Ausgleich braucht zwischen den Kräften und Tatsachen, die von allen Seiten auf ihn einstürmen, und dem, was sich in seinem Innern entfaltet. Wenn der Mensch im alltäglichen Lebenstreiben Eindruck auf Eindruck empfangen hat, so sehnt er sich nach Sammlung, nach Alleinsein. Er fühlt, daß nur im richtigen Ausgleich ein gesundes Leben gefunden werden kann.
[ 1 ] In life, human beings are caught between two forces. On the one hand, there is the flow of events and facts, the ongoing reality around them, which makes a wide variety of impressions on them. This is counterbalanced, within the human being, by their own inner strength. One need only look at life superficially to realize that human beings need a necessary balance between the forces and realities that assail them from all sides and what unfolds within them. When a person has received one impression after another in the hustle and bustle of everyday life, they long for composure, for solitude. They feel that a healthy life can be found only through the right balance.
[ 2 ] Das drückt für die Tiefe und Breite des Lebens ein schöner, in Rätsel des Daseins dringender Satz Goethes aus:
[ 2 ] A beautiful line by Goethe, which delves into the mysteries of existence, expresses the depth and breadth of life:
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort;
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
For all power surges forward into the vastness,
To live and act here and there;
Yet from every side, the current of the world
Restricts and hinders us, sweeping us along;
Amid this inner storm and outer strife
The spirit hears a word that is hard to understand:
From the power that binds all beings,
The person who overcomes himself is set free.
[ 3 ] In diesen zwei letzten Zeilen, die eben aus den «Geheimnissen» angeführt worden sind: «Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet», liegt viel Lebensweisheit. Dem Innern des Menschen, das im Sturme fortschreitet als diejenige Kraft, die in immerwährender Entwickelung und Entfaltung ist, steht gegenüber, was von außen an uns herantritt. Einen Ausgleich finden wir, wenn wir uns selbst überwinden. Das können wir als Leitwort nehmen für die Betrachtungen, die uns heute und übermorgen beschäftigen sollen. Beide Themen gehören zusammen. Heute wollen wir uns mit dem Krankheitswahn beschäftigen, und als notwendige Ergänzung dazu wird übermorgen die Betrachtung über das Gesundheitsfieber folgen.
[ 3 ] There is much wisdom in these last two lines, which were just quoted from the “Secrets”: “Man frees himself from the power that binds all beings by overcoming himself.” The inner self of the human being—which surges forward like a storm as a force in constant development and unfolding—is contrasted by what approaches us from the outside. We find a balance when we overcome ourselves. We can take this as a guiding principle for the reflections that will occupy us today and the day after tomorrow. Both topics belong together. Today we want to address the obsession with illness, and as a necessary complement to this, a reflection on the obsession with health will follow the day after tomorrow.
[ 4 ] Erst im Laufe der Betrachtung können die Worte gerechtfertigt werden. Sie führen uns hinein in die geistigen Strömungen der Gegenwart und in das, was die Geisteswissenschaft dem entgegenstellt, was sie dagegen sich als ihre Aufgabe zu setzen hat.
[ 4 ] It is only in the course of reflection that these words can be justified. They lead us into the intellectual currents of the present and into what spiritual science sets against them—what it must set as its task.
[ 5 ] Bei dem Worte «Krankheitswahn» denkt der Mensch zunächst an die uns so oft entgegentretende Tatsache, daß jemand in mehr oder weniger eingebildeter Krankheit wirkliche Schmerzen und Unlust empfindet. Gerade hier ist ein Gebiet, in dem der Kulturberuf der Geisteswissenschaft einzusetzen hat. Davon hängen wichtige Dinge ab. Bevor wir darauf eingehen, was die Geisteswissenschaft hierzu zu sagen hat, lassen Sie uns ein paar Bilder aus dem Leben der Gegenwart vor unsere Seele stellen. Alle Beispiele, die hier angeführt werden, sind aus dem Leben genommen.
[ 5 ] When one hears the term “delusion of illness,” one’s first thought is of the fact we so often encounter: that someone suffering from a more or less imagined illness experiences real pain and distress. This is precisely an area where the cultural mission of the humanities must be applied. Important matters depend on it. Before we delve into what the humanities have to say on this subject, let us bring a few images from contemporary life to mind. All the examples cited here are drawn from real life.
[ 6 ] Auf einer meiner Reisen, es war auf dem Wege von Rostock nach Berlin, saßen zwei andere Menschen mit mir im Coup&, eine Dame und ein Herr, die sehr bald miteinander ins Gespräch kamen. Der Herr benahm sich ganz merkwürdig. Schon nach einigen Worten legte er sich der Länge nach auf die Bank und sagte, nur so könne er das Leben ertragen. Die Dame erzählte, sie sei aus dem Osten und sei in einem Ostseebad gewesen. Gestern sei sie vom Heimweh ergriffen worden und habe beschlossen, nach Hause zu reisen, und sie brach in Tränen aus. Der Herr kam durch das Weinen der Dame darauf, von seinen Gesundheitszuständen zu erzählen: Ich habe viele Krankheiten und reise von Sanatorium zu Sanatorium, ohne Gesundheit zu finden. — Die Dame sagte darauf: Ich verstehe auch viel von Krankheiten. Viele Leute in meiner Heimat verdanken mir Gesundheit und Leben. — Der Herr erzählt aus der langen Reihe seiner Krankheiten eine; die Dame gibt ihm aus der Wissensfülle ihres Herzens ein Rezept, das der Herr sich aufschreibt. Nach wenigen Minuten kommt die zweite Krankheit und so weiter, bis er glücklich dreizehn Rezepte aufgeschrieben hat, Der Herr hatte nur die eine Sorge: Wir kommen um neun Uhr in Berlin an, kann ich mir dann die Rezepte auch noch machen lassen? Die Dame tröstete ihn, daß es wohl noch gehen würde. Merkwürdigerweise fiel es dem Herrn gar nicht auf, daß die Dame doch selbst krank war. Die Dame sagte weiter: Ich habe viel Mitleid, — und sie zählte ihre eigenen Krankheiten auf und erzählte, wo sie überall war, um Heilung zu finden. Der Herr empfahl ihr ein Werk von Lahmann. Darauf folgte die zweite Krankheit und die zweite Broschüre, bis sie im ganzen fünf bis sechs Werke aufgeschrieben hatte, die sie am nächsten Tage kaufen wollte. Zuletzt schrieb sie sich noch die Adresse von Lahmann auf. Unterdessen waren sie in Berlin angekommen. Jeder hatte seine Sache aufgeschrieben und ging zufrieden weg.
[ 6 ] On one of my trips—I was on my way from Rostock to Berlin—two other people were sitting with me in the compartment: a lady and a gentleman, who very soon struck up a conversation. The gentleman was behaving quite strangely. After just a few words, he lay down lengthwise on the bench and said that this was the only way he could bear life. The lady explained that she was from the East and had been staying at a Baltic Sea resort. Yesterday, she had been overcome by homesickness and had decided to travel home, and she burst into tears. The gentleman’s own health issues came to mind as he heard the lady crying: “I have many illnesses and travel from sanatorium to sanatorium without ever finding good health.” — The lady replied: “I also know a great deal about illnesses. Many people in my homeland owe their health and their lives to me.” — The man described one of his many ailments; drawing on the wealth of knowledge in her heart, the lady gave him a remedy, which he wrote down. After a few minutes, the second ailment came up, and so on, until he had happily jotted down thirteen remedies. The man had only one concern: “We’ll arrive in Berlin at nine o’clock—will I still be able to have the prescriptions filled by then?” The lady reassured him that it would likely still be possible. Strangely enough, the gentleman didn’t even notice that the lady herself was ill. The lady continued: “I have a great deal of compassion”—and she listed her own illnesses and recounted all the places she had gone to find a cure. The gentleman recommended a book by Lahmann to her. This was followed by a second ailment and a second pamphlet, until she had written down a total of five or six titles that she intended to buy the next day. Finally, she wrote down Lahmann’s address. In the meantime, they had arrived in Berlin. Everyone had written down what they needed and left satisfied.
[ 7 ] Wer die Leute mit ein klein wenig Blick für die Sache ansah, der merkte bald, daß der Dame wohl einiges fehlte, dem Manne aber nur der Wille zur Gesundheit. Hätte er den Willen aufgebracht, gesund zu sein, so wäre er vollständig gesund gewesen. Darin haben wir etwas Symptomatisches, das uns vielfach in der Gegenwart entgegentritt, und der prüfende Blick wird von diesem Bilde zu einem anderen übergehen können.
[ 7 ] Anyone who looked at these people with even a modicum of insight soon realized that the woman was clearly lacking certain things, but the man lacked only the will to be healthy. Had he mustered the will to be healthy, he would have been completely healthy. Here we have something symptomatic that we encounter frequently in the present, and the discerning eye will be able to move from this image to another.
[ 8 ] Wandern wir in Gebirgsgegenden, so sehen wir alte Burgen, verfallene Schlösser und so weiter, die uns erinnern an alte Zeiten, wo nach Stärke des Geistes gestrebt wurde oder wo die äußere Kraft geherrscht hat. Diese Burgen sind heute verfallen, aber überall in der Nähe dieser Monumente der Stärke sieht man heute Sanatorien, eins neben dem andern. Dieses Bild bot sich mir vor einiger Zeit in einer besonders sanatorienreichen Gegend. Es ergab sich die Notwendigkeit, mich eine Viertelstunde in einem solchen Sanatorium aufzuhalten. Die Leute begaben sich gerade zum Mittagessen. Die Überzeugung, die ich da gewonnen habe, war die, daß unter den hunderten kein einziger war, der eigentlich die Lebensweise im Sanatorium ernsthaft nötig hatte.
[ 8 ] When we hike in mountainous regions, we see old fortresses, ruined castles, and so on, which remind us of bygone eras when people strove for strength of spirit or when physical power reigned supreme. These castles are now in ruins, but everywhere near these monuments to strength, one sees sanatoriums today, one next to the other. This scene presented itself to me some time ago in an area particularly rich in sanatoriums. It became necessary for me to spend a quarter of an hour in one such sanatorium. People were just heading off to lunch. The conviction I gained there was that, among the hundreds of people present, not a single one actually had a serious need for the sanatorium lifestyle.
[ 9 ] Nun wollen wir zu intimeren Bildern übergehen, die wir finden in den Annalen denkender Ärzte der Gegenwart. Es gibt ja glücklicherweise solche, die sich auch neben dem Körper mit der Seele beschäftigen. Ich wähle ein Beispiel von einem Arzte, der sicher alles Theosophische als Unsinn ansehen würde. Diese Leute sind ganz gewiß von demjenigen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, ganz und gar unbeeinflußt. Ein solcher hervorragender Arzt hat aus seinem Leben verschiedenes aufgezeichnet, verschiedene Fälle, wo ihm Leute begegnet sind von der Art, von der das aus dem Coupe Erzählte nur ein besonders grotesker Fall ist. Er wurde zu einem Mädchen gerufen, bei dem alle Symptome auf Gehirnhautentzündung hinwiesen. Der Arzt hatte aber einen guten Blick. Als er allein mit ihr war, stellte er die Fragen, die man in solch einem Fall wohl stellt, aber alle seine Fragen verfingen nicht. Endlich stellte sich heraus, daß die junge Dame aus der Schule kommen sollte; im nächsten Jahr aber sollten besonders interessante Vorlesungen sein, die sie noch hören wollte. Da alles in der Familie dagegen war, verfiel sie in Krankheit. Der Arzt sagte: Ich werde mich dafür verwenden, daß Sie noch dort bleiben dürfen, aber Sie müssen sofort aufstehen und zu Tisch kommen. — Es geschah. Nach wenigen Minuten erschien die Dame bei Tisch und war nicht mehr krank. Ein anderes Beispiel: Ein sehr geschickter anderer Arzt, der sehr bekannt ist und mir immer eine gewisse Achtung eingeflößt hat, mußte eine Knieoperation ausführen. Der Bruder des Patienten war dabei. Bei der Operation knackte es. Der Bruder bekam davon einen gräßlichen Schmerz. Die Operation verlief gut, aber der Bruder wurde krank und konnte ein ganzes Jahr lang nicht geheilt werden.
[ 9 ] Now let us turn to more intimate images, which we find in the annals of contemporary thinking physicians. Fortunately, there are indeed those who concern themselves with the soul as well as the body. I’ll choose an example from a doctor who would certainly regard everything theosophical as nonsense. Such people are quite certainly completely unaffected by what spiritual science has to say. One such outstanding doctor has recorded various incidents from his life—various cases in which he encountered people of the kind for whom the story told in the compartment is merely a particularly grotesque example. He was called to see a young girl whose symptoms all pointed to meningitis. But the doctor had a keen eye. When he was alone with her, he asked the questions one would normally ask in such a case, but none of his questions yielded a clear answer. Finally, it turned out that the young lady was supposed to graduate from school; however, the following year was to feature particularly interesting lectures that she still wanted to attend. Since everyone in her family was opposed to this, she fell ill. The doctor said, “I will do my best to ensure that you are allowed to stay there, but you must get up immediately and come to the table.”—And so it happened. After a few minutes, the young lady appeared at the table and was no longer ill. Another example: A very skilled doctor—who is well-known and has always commanded a certain respect from me—had to perform knee surgery. The patient’s brother was present. During the operation, there was a cracking sound. The brother felt a terrible pain as a result. The operation went well, but the brother fell ill and could not be cured for a whole year.
[ 10 ] Da sieht man, welche Gewalt die Phantasie und verkehrte Einbildung auf die Seele haben kann und wie von der Seele aus Nachbildungen von Krankheiten wie wirkliche, echte Krankheitsbilder entstehen können. Aber der Arzt darf hierin auch nicht zu weit gehen. Der, welcher eben genannt worden ist, ist sehr geschickt. Er ließ sich auch nicht durch die Annahme täuschen, daß es immer so sein müsse. Eine Dame kam zu ihm, welche seit dem Tode ihres Mannes unerträglichen Schmerz in ihrem Knie hatte. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden, die sich immer darüber klar zu sein glaubten, daß ihre Krankheit mit seelischen Zuständen zusammenhinge, mit dem Eindruck vom Todes ihres Mannes. Hier aber suchte der Arzt mit dem gesunden Blick keine seelische Verirrung. Er fand, daß in diesem Falle ein großes Hühnerauge an der Ferse zugrunde lag. Nach der Operation schickte er die Dame zur Nachkur nach Gastein, um seine Kollegen nicht zu sehr zu blamieren.
[ 10 ] Here we see the power that imagination and misguided delusions can have over the soul, and how the soul can give rise to simulated illnesses that appear as real, genuine clinical pictures. But the doctor must not go too far in this regard. The physician just mentioned is very skilled. Nor did he allow himself to be misled by the assumption that this must always be the case. A woman came to him who had been suffering from unbearable pain in her knee since her husband’s death. She had been treated by many doctors who were always convinced that her illness was related to psychological factors—specifically, the trauma of her husband’s death. Here, however, the doctor, with his clear-eyed perspective, did not look for any psychological aberration. He found that in this case, the underlying cause was a large corn on the heel. After the operation, he sent the lady to Gastein for convalescence, so as not to embarrass his colleagues too much.
[ 11 ] So haben wir jetzt die Situation durch die verschiedensten Bilder beleuchtet. Sie sehen, wie stark die Einbildung, das seelische Bild, zurückwirken kann auf den leiblichen Organismus. Man könnte sagen, hier hatte man es gewiß nicht mit wirklichen Krankheiten, sondern mit Krankheitswahn zu tun. Aber wer sich klar darüber ist, daß alles Leibliche der Ausdruck des Geistigen ist, daß alles, was unseren Sinnen gegenübersteht, die Manifestation eines Übersinnlichen ist, wird die Sache nicht so leicht nehmen. Selbst in scheinbar ganz fernliegenden Dingen haben wir es oft mit Einflüssen der Seele auf den Leib zu tun. Und das, was uns anfangs als Kleinliches, Lächerliches erscheint, die Einbildung, führt, wenn es dann zu Schmerzen kommt, sehr oft zu den Anfängen von wirklichen Krankheiten, und noch weiter als bloß zu den Anfängen. Das ist mehr als etwas, was man mit einem bloßen Achselzucken abtun kann. Wir müssen uns, wenn wir da tiefer eindringen wollen, vor die Seele rufen, worüber schon öfter hier gesprochen worden ist: die Natur und Wesenheit des Menschen.
[ 11 ] We have now examined this situation through a wide variety of examples. You can see how strongly the imagination—the mental image—can affect the physical organism. One might say that in these cases we were certainly not dealing with actual illnesses, but rather with delusions of illness. But anyone who is clear about the fact that everything physical is an expression of the spiritual—that everything that presents itself to our senses is a manifestation of the supersensible—will not take the matter so lightly. Even in things that seem quite remote, we are often dealing with the soul’s influence on the body. And what at first appears to us as trivial, ridiculous—mere imagination—very often leads, when pain sets in, to the onset of real illnesses, and even beyond the mere onset. This is more than something that can be dismissed with a mere shrug. If we wish to delve deeper into this, we must bring to mind what has already been discussed here on several occasions: the nature and essence of the human being.
[ 12 ] Für die Geisteswissenschaft ist das, was uns entgegentritt, nur ein Äußeres. Der menschliche Leib ist ein Glied unter anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit, das er gemein hat mit allen andern ihn umgebenden Wesen. Darüber hinaus hat er den Ätherleib, der den physischen Leib wie bei jedem Lebewesen durchdringt, der ein Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes. Das dritte Glied ist der astralische Leib, der Träger von Lust und Unlust, Freude und Schmerz, Leidenschaft und Begierde, der niedrigsten Triebe sowie der höchsten Ideale. Ihn hat der Mensch nur gemeinsam mit der Tierwelt. Das, wodurch der Mensch die Krone der Schöpfung ist, wodurch er sich unterscheidet von allen Wesen, ist sein Ich. Diese vier Glieder bilden zunächst für unsere Betrachtung den ganzen Menschen. Wir müssen uns aber klar sein, daß alles, was sich unsern Augen sichtbar macht, nichts anderes ist als aus dem Geiste heraus Entstandenes. Kein Materielles gibt es, das nicht ein Geistiges als Grundlage hätte.
[ 12 ] For spiritual science, what we encounter is merely an outward appearance. The human body is one member among others of the human being, which it shares with all other beings surrounding it. In addition, it has the etheric body, which permeates the physical body—as it does in every living being—and which fights against the decay of the physical body. The third component is the astral body, the bearer of pleasure and displeasure, joy and pain, passion and desire, the lowest instincts as well as the highest ideals. This is what humans share only with the animal kingdom. What makes the human being the crown of creation—what distinguishes him from all other beings—is his “I.” For the purposes of our consideration, these four members initially constitute the whole human being. We must, however, be clear that everything that appears visible to our eyes is nothing other than that which has arisen from the spirit. There is nothing material that does not have a spiritual foundation.
[ 13 ] Ein schon öfter gebrauchter Vergleich: Ein Kind zeigt uns Eis. Wir sagen: Es ist Wasser in anderer Form. — Das Kind wird dann sagen: Du sagst, es ist Wasser, aber es ist doch Eis. — Darauf wird man sagen: Du kennst nicht die Art und Weise, wie Wasser in Eis übergeht. — Ebenso ist es für den, der nicht weiß, daß Materie eine Verdichtungsform des Geistes ist. Für den Geisteswissenschafter ist aber alles, was sichtbar ist an uns, aus demselben entstanden, was wir als astralischen Leib in uns tragen. Ätherleib und physischer Leib sind aufeinanderfolgende Verdichtungsprodukte des astralischen Leibes. Ein Bild: Wir haben irgendeine Masse von Wasser und bringen einen Teil davon in Eisform, dann haben wir Eis in Wasser. So ist der Ätherleib und der physische Leib aus dem astralischen heraus verdichtet. Der astralische Leib ist der Rest, der seine ursprüngliche Gestalt behalten hat.
[ 13 ] A comparison that has been used many times before: A child shows us ice. We say: It is water in another form. — The child will then say: You say it is water, but it is ice, after all. — To this, one will reply: You do not understand the way in which water turns into ice. — It is the same for those who do not know that matter is a condensed form of the spirit. For the spiritual scientist, however, everything that is visible in us has arisen from the very same substance that we carry within us as the astral body. The etheric body and the physical body are successive products of the condensation of the astral body. An illustration: We have a certain mass of water and transform part of it into ice; then we have ice within water. In the same way, the etheric body and the physical body are condensed from the astral body. The astral body is what remains, having retained its original form.
[ 14 ] Wenn uns nun Gesundheit oder Krankheit entgegentreten, so dürfen wir sagen, daß sie der Ausdruck sind gewisser Kräfte, die wir im astralischen Leibe sehen. Wir sprechen hier selbstverständlich nur von den Krankheiten, die von innen heraus sich bilden, nicht von solchen, die durch äußere Einflüsse entstehen, wie Beinbruch, verdorbener Magen, Schnitt in den Finger. Wir sprechen von denjenigen krankhaften Zuständen, die aus des Menschen eigener Natur herausgeboren werden und wir fragen uns: Besteht nicht nur aus alter Zeit ein Zusammenhang zwischen dem astralischen Leibe und dem physischen Leib, sondern ist auch heute noch zwischen den inneren Vorgängen der Seele, Lust und Leid, und den physischen Zuständen unserer Leiber ein Zusammenhang vorhanden? Können wir sagen, daß erwas für die äußere Gesundheit des Menschen davon abhängt, daß er diese oder jene Gefühle durchmacht, diese oder jene Gedanken erlebt? Wenn wir uns mit solchen Gedanken durchdringen, werden wir hineinleuchten können in wichtige Erkenntnisse, die gerade unseren heutigen Menschen wertvoll sein sollten.
[ 14 ] When we are confronted with health or illness, we may say that they are the expression of certain forces that we see in the astral body. Of course, we are speaking here only of illnesses that arise from within, not of those caused by external influences, such as a broken leg, an upset stomach, or a cut on the finger. We are speaking of those pathological conditions that arise from the human being’s own nature, and we ask ourselves: Is there not only a connection, dating back to ancient times, between the astral body and the physical body, but is there also still today a connection between the inner processes of the soul—pleasure and suffering—and the physical conditions of our bodies? Can we say that a person’s physical health depends in part on whether they experience certain feelings or have certain thoughts? If we allow such thoughts to permeate our minds, we will be able to shed light on important insights that should be particularly valuable to people today.
[ 15 ] Der Mensch hat heute die Fähigkeit verloren, sich zu der Erkenntnis aufzuschwingen, daß der physische Leib nicht das einzige ist. Es kommt dabei nicht darauf an, was der Mensch theoretisch glaubt, sondern es kommt darauf an, was er im Innersten seiner Seele für eine Gesinnung hat gegenüber den höheren Gliedern seiner Wesenheit. Um einzusehen, worauf es dabei eigentlich ankommt, erinnern wir uns an den Streit zwischen Rudolf Wagner und Carl Vogt, dem Verfasser der Schrift «Köhlerglaube und Wissenschaft». Wagner vertrat den spiritualistischen Standpunkt, während Vogt in dem Menschen nur ein Konglomerat von physischen Dingen, von Atomen sah. Die Gedanken sind für ihn nur eine Absonderung des Gehirns, ein blauer Dunst, der aus den Bewegungen des Gehirns entsteht. Im Tode hören die Stoffe auf, diesen blauen Dunst von Gedanken zu entwickeln. Dagegen wandte sich Wagner, aber ungefähr so, daß man glauben mußte: Wenn ein Elternpaar acht Kinder hat, so geht etwas von dem Geist der Eltern auf die Kinder über, verteilt sich auf die acht. Er stellt sich also den Geist ganz materiell vor, vielleicht wie so viele Menschen als ein Nebelgebilde. Aber es kommt darauf an, daß man mit seinen Gesinnungen, Empfindungen und Gefühlen sich aufschwingt, den Geist wirklich zu erfassen. So mag es auch heute viele geben, die zwar nichts wissen wollen von Materialismus, die aber gleichwohl den Geist ganz materiell auffassen. Auch viele Theosophen denken sich den Geist als feinverteilte Materie. Auch in der Theosophie verbirgt sich viel verschämter Materialismus.
[ 15 ] People today have lost the ability to rise to the realization that the physical body is not the only thing. What matters here is not what people believe in theory, but rather what attitude they hold deep within their souls toward the higher aspects of their being. To understand what really matters here, let us recall the dispute between Rudolf Wagner and Carl Vogt, the author of the treatise *Köhlerglaube und Wissenschaft* (*Charcoal Belief and Science*). Wagner advocated the spiritualist viewpoint, while Vogt saw human beings as nothing more than a conglomeration of physical elements—of atoms. For him, thoughts are merely a secretion of the brain, a blue haze arising from the brain’s activity. At death, the physical elements cease to produce this blue haze of thoughts. Wagner objected to this, but in a way that led one to believe: If a couple has eight children, then something of the parents’ spirit is passed on to the children, distributed among the eight. He thus conceives of the spirit in entirely material terms, perhaps—like so many people—as a mist-like formation. But what matters is that one elevates oneself through one’s attitudes, perceptions, and feelings to truly grasp the spirit. So there may be many people today who, while they want nothing to do with materialism, nevertheless conceive of the spirit in entirely material terms. Many theosophists, too, conceive of the spirit as finely dispersed matter. Even within theosophy, there is much hidden, veiled materialism.
[ 16 ] Wenn jemand sich nicht zu dieser Höhe des Geistes aufschwingen kann, dann tritt nach und nach eine innere Verödung, eine Leerheit, ein Unglaube an alles, was über die Materie hinausgeht, bei ihm auf. Wenn das die Gefühle ergreift, wenn sich das hineinfrißt in allen Glauben, in alle Gefühle der Seele, wenn der Mensch hinaussieht in die Welt und hinter dem, was er sieht, nichts mehr zu empfinden vermag, dann kommt zum Vorschein, was den Menschen immer mehr und mehr hinführt zum krassesten leiblichen Egoismus, wo ihm immer wichtiger wird der eigene Leib, wo er immer ferner und ferner steht dem Goetheschen Ausspruch:
[ 16 ] If a person cannot rise to this spiritual height, then an inner desolation, a sense of emptiness, and a disbelief in everything that transcends matter gradually take hold of them. When this takes hold of one’s feelings, when it eats away at all faith and all the soul’s emotions, when a person looks out into the world and can no longer perceive anything beyond what they see, then what comes to light is what leads the person more and more toward the most extreme physical egoism, where one’s own body becomes increasingly important, and where one stands farther and farther removed from Goethe’s saying:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
From the force that binds all beings,
The person who overcomes themselves is set free.
[ 17 ] Wir kommen hier zu einer wichtigen Erscheinung des Materialismus, die erst in Zukunft ganz hervortreten würde, wenn es der Geisteswissenschaft nicht gelänge, sie zu überwinden. Wenn der Mensch nur mit dem Verstande begreift, was seine Sinne wahrnehmen, so wird für die Gesundheit der Menschen etwas ganz anderes folgen, als wenn er in dem, was ihm gegenübertritt, den sinnlichen Ausdruck eines Geistigen sieht. Materialistisches Denken und geisteswissenschaftliches Denken haben eine große Wirkung auf das menschliche Innere. Da hat die Frage nach der Bedeutung des materialistischen und des geisteswissenschaftlichen Denkens eine mehr als nur theoretische Bedeutung. Fragen wir zunächst nach der Wirkung; das eine wirkt verödend, das andere innerlich erfüllend. Für die Bedeutung dieser Wirkungen für den Menschen einige einfache Beispiele: Am ehesten wird man kurzsichtig, wenn man sich im Entwickelungsalter passiv den Eindrücken hingibt. Wenn man sich aber aktiv den Eindrücken der Dinge hingibt, dann bleiben die Augen gut. Der Mensch muß von innen heraus produktive Kraft entwickeln. Alles ist gesundend, was den Menschen veranlaßt, sich zum Mittelpunkt von schaffender, von produktiver Kraft zu machen. Er soll von innen heraus schaffen, sonst verödet seine produktive Kraft, und seine ganze Wesenheit wird durch die äußeren Eindrücke zusammengepreßt. Allen Eindrücken von außen muß die Gegenkraft von innen entgegentreten. Das muß aber auch durch das Umgekehrte sich ergänzen: der Mensch muß eine Tätigkeit entfalten, die sich gegen das Äußere abschließt, nach außen hin unsichtbar wird.
[ 17 ] Here we come to an important aspect of materialism that would only become fully apparent in the future if spiritual science were unable to overcome it. If a person comprehends what their senses perceive solely through the intellect, the consequences for human well-being will be quite different than if they see in what they encounter the sensory expression of something spiritual. Materialistic thinking and spiritual scientific thinking have a profound effect on the human inner life. Thus, the question of the significance of materialistic and spiritual scientific thinking has more than just theoretical importance. Let us first consider the effect: one has a desolating effect, the other an inwardly fulfilling one. Here are a few simple examples of the significance of these effects for human beings: One is most likely to become nearsighted if, during the formative years, one passively surrenders to impressions. But if one actively engages with the impressions of things, then one’s eyesight remains good. Human beings must develop productive power from within. Everything that prompts a person to make themselves the center of creative, productive power is health-promoting. They must create from within; otherwise, their productive power withers, and their entire being is squeezed by external impressions. All external impressions must be countered by a counterforce from within. But this must also be complemented by the opposite: a person must develop an activity that closes itself off from the outside world and becomes invisible to the outside.
[ 18 ] Zwei Seelenerlebnisse gibt es, in die Sie sich ganz vertiefen sollten, die Ihnen zeigen, daß der Mensch eine innere Fülle besitzt, die ausstrahlt nach außen, und daß er einen Mittelpunkt sucht für die Tätigkeit nach außen. Diese zwei Gefühlsrichtungen sollte man studieren, denn sie führen uns tief hinein in die Krankheiten der Menschen. Das eine Gefühl ist negativ, die Angst, das andere positiv, die Scham; es bedeutet aber auch etwas Negatives. Angenommen, Sie stehen einem Ereignisse gegenüber, das Sie in Angst und Schrecken versetzt. Wenn Sie dies nicht vom materialistischen Standpunkte betrachten, sondern den Astralleib mit in Betracht ziehen, dann wird das Bleichwerden als Ausdruck erscheinen für Kraftströmungen im Menschen. Warum wirkt die Seele in dieser Weise auf die Verteilung des Blutes? Weil die Seele anstrebt, in sich einen Willensmittelpunkt zu schaffen, um von hier nach außen wirken zu können. Es ist förmlich ein Sammeln des Blutes im Mittelpunkt, um von da nach außen wirken zu können. Das ist mehr oder weniger bildlich gemeint. Bei der Scham ist es umgekehrt, wir erröten; das Blut strömt von innen zur Peripherie. Das Schamgefühl zeigt Zustände, wo wir, was sichtbar ist, auslöschen möchten, wo wir unser Ich auslöschen möchten. Der Mensch will das Ich schwach und schwächer machen, so daß es für das Äußere nicht mehr wahrnehmbar wird. Der Mensch braucht da etwas, um sich zu verlieren, ein Aufgehen im All, in der Weltenseele oder, wenn man will, in der Umgebung, so daß das, was wir unser Ich nennen, nicht nach außen sichtbar werden will. Hier haben Sie eine Polarität, die auf wichtige Zustände des Ätherleibes und des Astralleibes hinweist. Dies sind zwei Fälle, wo die Kräfte des Astralleibes nach außen sichtbar werden. Angst und Scham drücken sich in körperlichen Zuständen aus. Wenn Sie das bedenken, so werden Sie begreifen, daß alle seelischen Vorgänge eine Wirkung haben können in den Vorgängen des Organismus. So ist es wahr, so lehrt es die Geheimwissenschaft; es gibt da einen Zusammenhang, wenn das auch zunächst dem Menschen nicht zum Bewußtsein kommt.
[ 18 ] There are two spiritual experiences in which you should fully immerse yourself; they show you that human beings possess an inner richness that radiates outward, and that they seek a focal point for their outward activity. These two emotional states should be studied, for they lead us deep into the root causes of human illness. One emotion is negative—fear—and the other is positive—shame; yet shame also carries a negative connotation. Suppose you are faced with an event that fills you with fear and dread. If you do not view this from a materialistic standpoint but take the astral body into account as well, then turning pale will appear as an expression of the flow of forces within the human being. Why does the soul affect blood circulation in this way? Because the soul strives to create a center of will within itself so that it can act outward from there. It is literally a gathering of blood at the center so that it can act outward from there. This is meant more or less figuratively. With shame, it is the opposite: we blush; the blood flows from the inside to the periphery. The feeling of shame reveals states in which we wish to erase what is visible, in which we wish to erase our “I.” The human being wants to weaken the “I” more and more, so that it is no longer perceptible to the outside world. Human beings need something here to lose themselves in—a merging with the universe, with the world soul, or, if you will, with their surroundings—so that what we call our “I” does not become visible to the outside world. Here you have a polarity that points to important states of the etheric body and the astral body. These are two instances where the forces of the astral body become visible to the outside world. Fear and shame express themselves in physical states. If you consider this, you will understand that all psychological processes can have an effect on the processes of the organism. This is true; this is what esoteric science teaches: there is a connection, even if it does not immediately come to a person’s consciousness.
[ 19 ] Nun müssen wir aber die Erscheinung betrachten, daß die abstrakten Gedanken heute die denkbar geringste Wirkung auf den Organismus haben. Was wir in den abstrakten Wissenschaften lernen, hat die denkbar geringste Wirkung auf den Leib. Deren Prinzip ist, das, was wir sehen und wahrnehmen, in Verstandesbegriffe umzuwandeln. Diese Wissenschaft will nicht zugeben, daß der Mensch innere produktive Weisheit in sich hat, daß die Seele aus sich heraus etwas über die Welt produzieren kann. Außerlich anschauend produziert sie nichts. Es steht im tiefsten Sinne den äußeren Eindrücken keine innere Produktionskraft gegenüber. Der Wissenschafter will nichts aus sich finden können. Wenn wir bedenken, wie tief das wurzelt, daß der Mensch glaubt, nichts mehr aus sich heraus finden zu können, so haben wir hier den Ausgangspunkt für die verödende Wirkung des nur am Äußeren haftenden Wissens.
[ 19 ] Now, however, we must consider the fact that abstract thoughts today have the least conceivable effect on the organism. What we learn in the abstract sciences has the very least possible effect on the body. Their principle is to transform what we see and perceive into intellectual concepts. This science refuses to acknowledge that human beings possess an inner, productive wisdom, that the soul can produce something about the world from within itself. By observing only the external world, it produces nothing. In the deepest sense, there is no inner creative power to counterbalance external impressions. The scientist does not want to be able to discover anything from within himself. When we consider how deeply rooted it is—this belief that human beings can no longer discover anything from within themselves—we have here the starting point for the desolating effect of knowledge that clings solely to the external world.
[ 20 ] Welches Heilmittel gibt es nun hier für die ganze Menschheit? Das Heilmittel wäre, daß sich das innere Weisheitsund Wahrheitsforschen, die innere Produktivität des Geistes zu der äußeren Wissenschaft hinzugesellt. Das ist in der wahren Geisteswissenschaft zu finden. Da haben Sie Quellen eröffnet, durch die der Mensch aus sich selbst heraus das zu entwickeln vermag, was hinter den Dingen ist. Den einen erdrücken die Dinge. Wer aber sieht, was keine äußere Wahrnehmung aufnehmen kann, wer das aufnimmt, der schafft das Gegenstück zu der äußeren Wahrnehmung, das notwendig ist zur vollständigen Gesundung der Seele und des Leibes. Diese Gesundung der Seele kann nicht durch abstrakte Theorien und Gedanken herbeigeführt werden, die zu dünn, zu dürftig sind. Mächtig wirkt dagegen, was sich aus dem Begriffe in ein Bild verwandelt. Wie ist das zu verstehen? Sie können das am besten begreifen, wenn Sie an das denken, was man Entwickelung nennt. Sie hören da: Es gab einfachste Lebewesen, die immer komplizierter wurden bis herauf zum Menschen. Da haben Sie aber wieder nur abstrakte, dürftige Begriffe. Dasselbe finden Sie in vielen theosophischen Entwickelungslehren. Da geht man vom Logos aus und dann weiter in lauter abstrakten Begriffen wie Differenzierung, Evolution und Involution und so weiter. Das ist zu schwach in seiner Wirkung auf den Organismus. Stark aber wirkt, was in der Seele lebt, wenn man etwas durchdenkt, wie man es sich seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland als Bild oder Imagination vor die Seele gestellt hat. Ein solches Bild soll hier einmal dargestellt werden.
[ 20 ] What remedy, then, is there here for all of humanity? The remedy would be for the inner quest for wisdom and truth—the inner productivity of the spirit—to join forces with external science. This can be found in true spiritual science. There you have opened up sources through which human beings can develop from within themselves what lies behind things. For some, things weigh them down. But whoever sees what external perception cannot grasp—whoever takes this in—creates the counterpart to external perception that is necessary for the complete healing of the soul and the body. This healing of the soul cannot be brought about by abstract theories and thoughts, which are too thin, too meager. What, on the other hand, has a powerful effect is that which transforms from a concept into an image. How is this to be understood? You can best grasp this by thinking about what is called “evolution.” You hear it said: There were the simplest living beings, which became increasingly complex all the way up to human beings. But here again, you have only abstract, meager concepts. You find the same thing in many theosophical theories of evolution. These start with the Logos and then proceed using nothing but abstract concepts such as differentiation, evolution, and involution, and so on. This has too weak an effect on the organism. What has a powerful effect, however, is what lives in the soul when one thinks something through—as has been done in Germany since the 14th century by presenting it to the soul as an image or imagination. Such an image will be depicted here.
[ 21 ] Wir wollen in einen Dialog verwandeln, was da dem Schüler gesagt wurde: Sieh dir die Pflanze an, stelle daneben den Menschen und vergleiche beide. Es darf da nicht der Kopf mit der Blüte und der Fuß mit der Wurzel verglichen werden. Das hat selbst Darwin, der Reformator der Naturwissenschaften, nicht getan. Dem Schüler wurde gesagt: Die Wurzel entspricht dem Kopf des Menschen; er ist eine umgekehrte Pflanze. — Die Geisteswissenschaft hat das immer gesagt. Was die Pflanze vom Sonnenstrahle in Keuschheit küssen läßt, damit herausgeboren werden kann die neue Pflanze, das richtet sich umgekehrt beim Menschen in Scham dem Mittelpunkt der Erde zu. Das Tier steht in der Mitte zwischen beiden. Das Tier ist die halbumgewendete Pflanze. Plato sagt, indem er zusammenfaßt, was in Pflanze, Tier und Mensch lebt: Die Weltenseele ist am Kreuze des Weltenleibes gekreuzigt. — Die Weltenseele, die durch Pflanze, Tier und Mensch geht, ist am Weltenleibe gekreuzigt. So ist immer von der Geisteswissenschaft das Kreuz erklärt worden. Nun wurde dem Schüler, dem dies bedeutsame Bild vorgeführt worden war, gesagt: Du siehst, wie der Mensch vom dumpfen Bewußtsein der Pflanze sich heraufentwickelt über das Tier bis dahin, wo er sein Selbstbewußtsein gefunden hat. Im schlafenden Menschen haben wir etwas, was denselben Daseinswert hat wie die Pflanze. Dadurch, daß der Mensch die reine, keusche Pflanzenmaterie durchzogen hat mit dem Begierdenleibe, ist er höher gestiegen, aber auch in gewisser Weise tiefer herabgestiegen. Er hätte sein hohes Ich-Bewußtsein sonst nicht erwerben können; aber jetzt muß er auch seine Begierdennatur wieder umwandeln. Der Mensch wird später ein Organ der Fortpflanzung haben, begierdefrei, wie der Kelch der Pflanze. So wurde der Schüler hingewiesen auf die Zeit, wo der Mensch begierdefrei seinesgleichen hervorbringen wird.
[ 21 ] Let us turn into a dialogue what was said to the student: Look at the plant, place the human being next to it, and compare the two. One must not compare the head to the flower and the foot to the root. Not even Darwin, the reformer of the natural sciences, did that. The student was told: The root corresponds to the human head; the human is an inverted plant. — Spiritual science has always said this. What the plant receives from the sun’s rays in chastity, so that the new plant may be born, is directed in the human being, conversely, toward the center of the Earth in modesty. The animal stands midway between the two. The animal is the half-turned plant. Plato says, summarizing what lives in the plant, the animal, and the human being: “The world soul is crucified on the cross of the world body.” — The world soul, which passes through plant, animal, and human, is crucified upon the world body. This is how the cross has always been explained in spiritual science. Now the student, to whom this significant image had been presented, was told: You see how the human being evolves upward from the dull consciousness of the plant, through the animal, to the point where he has found his self-consciousness. In the sleeping human being, we have something that has the same value of existence as the plant. By permeating the pure, chaste plant matter with the body of desire, the human being has risen higher, but has also, in a certain sense, descended lower. Otherwise, he could not have acquired his high sense of self; but now he must also transform his nature of desire once again. Later, human beings will have an organ of reproduction, free from desire, like the calyx of a plant. Thus, the student was directed toward the time when human beings will bring forth their own kind free from desire.
[ 22 ] Das ist im Bilde des heiligen Gral in den Gralsschulen dargestellt worden. Hier haben Sie die Entwickelung nicht in Gedanken gegeben, sondern in einem Bilde, in einer Imagination. So könnten wir alles, was nur in abstrakten Begriffen gegeben wird, umwandeln in Bilder. Dadurch wäre viel getan. Wenn man dieses bedeutsame Entwickelungsideal vor sich aufsteigen läßt bis zur Entwickelung der Imagination vom heiligen Gral, dann hat man nicht nur Nahrung für die Urteilskraft, dann haftet nicht nur der Verstand daran, dann rankt sich das volle Wesen des Gefühls um ein solches Bild herum. Sie erschauern vor dem großen Weltgeheimnis, wenn Sie die Entwickelung der Welt in Wahrheit sehen und in solchen Bildern in sich aufnehmen; solche Bilder wirken gesetzmäßig harmonisierend auf den Organismus. Abstrakte Gedanken sind wirkungslos, diese Bilder aber wirken als gesundende innere Anreger. Bilder bewirken Affekte, und sind sie wahre Weltenbilder, Imaginationen, so wirken sie gesundend. Wenn der Mensch das, was er äußerlich sieht, verwandelt in diese Bilder, dann kommt er los von seinem Innern, dann wird der Sturm in Harmonie ausgelöst. Dann überwindet er die «Gewalt, die alle Wesen bindet», und er wird verwandt mit allem, was ihm entgegentritt. Er fließt nach außen, er wächst durch seine Gefühle mit der Welt zusammen. Das innere Selbst wird zu einem Geist-Universum erweitert. In dem Augenblick, wo der Mensch keine Möglichkeit hat, diese inneren Imaginationen zu bilden, da strömt alle Kraft nach innen, der Mensch haftet fest an seinem Ich. Das ist der geheimnisvolle Grund für das, was uns bei vielen Zeitgenossen entgegentritt: Die Menschen haben die alte Form der Religion verlassen, und nun werden sie auf sich selbst zurückgewiesen. Immer mehr leben sie in ihrem Innern, immer mehr nur mit sich selbst. Je weniger der Mensch die Möglichkeit hat, im allgemeinen Weltendasein aufzugehen, desto mehr spürt er, was in seinem Organismus vorgeht. Das ist die Ursache für falsche Angstgefühle und falsche Krankheitsvorstellungen.
[ 22 ] This has been depicted in the image of the Holy Grail in the Grail Schools. Here, the development was not presented in thought, but in an image, in an imagination. In this way, we could transform everything that is presented only in abstract concepts into images. This would accomplish a great deal. If one allows this significant ideal of development to rise before one’s eyes all the way to the development of the imagination of the Holy Grail, then one has not only nourishment for the power of judgment; then it is not only the intellect that is engaged; then the full essence of feeling winds itself around such an image. You shudder before the great mystery of the world when you see the development of the world in truth and take in such images within yourself; such images have a harmonizing effect on the organism in accordance with natural laws. Abstract thoughts are ineffective, but these images act as healing inner stimuli. Images evoke emotions, and if they are true world-images, imaginations, then they have a healing effect. When a person transforms what they see externally into these images, they break free from their inner self, and the storm is transformed into harmony. Then they overcome the “force that binds all beings,” and they become one with everything that comes before them. They flow outward; through their feelings, they grow together with the world. The inner self expands into a spiritual universe. At the moment when a person has no ability to form these inner imaginings, all their energy flows inward, and they become firmly attached to their ego. This is the mysterious reason behind what we observe in many of our contemporaries: People have abandoned the old form of religion, and now they are cast back upon themselves. They are living more and more within themselves, more and more solely with themselves. The less a person is able to lose themselves in the general existence of the world, the more they sense what is happening within their own organism. This is the cause of false feelings of anxiety and false notions of illness.
[ 23 ] Das Bild wirkt von der Seele auf den Organismus, gesunde Disposition des Leibes wird durch wahre Bilder bewirkt. Falsche Bilder prägen sich auch ein. Sie erzeugen das, was uns in den Seelenstörungen entgegentritt, die später zu Leibesstörungen werden. Hier ist der wahre Grund, der schließlich zum Krankheitswahn führt. Derjenige, der sich abschließt gegenüber dem großen Weltenzusammenhang, der wird nicht abweisen können, was ihm entgegentrritt. Dagegen ist unmöglich, daß der, welcher sich große Bilder eingeprägt hat, sich durch falsche Bilder täuschen läßt. Zum Beispiel würde er nicht, wie es manchmal geschieht, den Strom des Induktionsapparates durch seinen Körper ziehen spüren, obwohl gar kein Strom da ist.
[ 23 ] Images affect the organism from the soul; a healthy physical constitution is brought about by true images. False images also become ingrained. They give rise to what we encounter in mental disturbances, which later develop into physical disorders. Herein lies the true cause that ultimately leads to delusions of illness. Those who shut themselves off from the greater context of the world will not be able to reject what confronts them. Conversely, it is impossible for those who have imprinted great images upon themselves to be deceived by false images. For example, they would not—as sometimes happens—feel the current from an induction apparatus passing through their body, even though no current is actually present.
[ 24 ] Jedes Bild, das sich nicht einreiht in den Weltzusammenhang, alles, was als einseitiges Bild des Alltags wirkt, ist zugleich ein krankmachendes Bild. Nur dadurch, daß der Mensch immer vom einzelnen aufschaut zum großen Geheimnisse der Welt, korrigiert er, was korrigiert werden muß. Das, was wirklich auf die Seele wirkt, kann eine starke Kraft entfalten. Was im Laufe der Kulturentwickelung in solcher Art hervorgebracht worden ist, ist etwas, was nicht vernachlässigt werden darf. Heute beschränken wir uns auf die Gesundheitsinstinkte. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die Tragödie. Die alten Griechen wußten, daß der Mensch, der eine Tragödie ansieht, die Leiden miterlebt, von ihnen gepackt, ergriffen wird; aber wenn er hinausgeht, so weiß er, daß der Held gesiegt hat über die Leiden, daß der Mensch die Leiden der Welt überwinden kann. Durch den Anblick des Leidens und die Überwindung des Leidens wird er gesund. Den Blick nach innen wenden, macht krank. Das, was im Innern lebt, äußerlich im Bilde zu sehen, das macht gesund. Darum definiert Aristoteles, die Tragödie führe vor, wie der Held hindurchgeht durch Leiden und Furcht, damit der Mensch von Leiden und Furcht geheilt wird. Das erstreckt sich weit. Der Geisteswissenschafter kann Ihnen sagen, weshalb die alten Völker dem Menschen in Märchen und Sagen Bilder vor die Seele führten: Es wurden ihm Bilder vorgeführt von dem, wovon er im Innern seinen Blick abwenden sollte. Das Blutfließen in den Märchen ist ein gesundes Erziehungsmittel. Wer die Mythen so verfolgen kann, der wird viel in ihnen sehen. Wenn zum Beispiel der Mensch äußerlich im Bilde Rache sieht, wenn er das, was er sich abgewöhnen soll, äußerlich im Bilde sieht, so wirkt das so, daß er es überwindet. Tiefe, tiefe Weisheit liegt auch in den blutrünstigsten Märchen. Unsere innere Harmonie wird gestört, wenn wir immer hineingaffen in unsere Seele; gesunden wird sie, wenn wir hineinblicken in das All, in den Kosmos. Aber man muß wissen, was für Bilder notwendig sind: Man hat etwa einen melancholischen Menschen, einen Hypochonder vor sich, der über gewisse Ereignisse nicht wegkommen kann. Nun will man ihn aufheitern durch heitere Musik oder dergleichen. Dadurch bewirkt man das Gegenteil, wenn es vielleicht auch für den Augenblick nicht so scheint; im tieferen Grunde seiner Seele findet er das schal und öde, selbst wenn er es nicht zugibt. Ernste Bilder sind notwendig, selbst wenn sie zuerst angreifen.
[ 24 ] Any image that does not fit into the context of the world—anything that comes across as a one-sided portrayal of everyday life—is at the same time a harmful image. Only by constantly looking up from the particular to the great mysteries of the world can a person correct what needs to be corrected. That which truly affects the soul can unleash a powerful force. What has been brought forth in this way in the course of cultural development is something that must not be neglected. Today we will limit ourselves to the instincts of health. Let us consider tragedy from this perspective. The ancient Greeks knew that a person who watches a tragedy, who witnesses the suffering, is gripped and moved by it; but when he leaves the theater, he knows that the hero has triumphed over suffering, that human beings can overcome the suffering of the world. Through witnessing suffering and its overcoming, they are healed. Turning one’s gaze inward makes one sick. Seeing what lives within, represented outwardly in an image—that is what heals. That is why Aristotle defines tragedy as demonstrating how the hero passes through suffering and fear, so that people may be healed of suffering and fear. This has far-reaching implications. The scholar of the humanities can tell you why ancient peoples presented images to the human soul through fairy tales and legends: they were shown images of that from which they should turn their inner gaze away. The flow of blood in fairy tales is a healthy educational tool. Those who can follow the myths in this way will see much in them. For example, when a person sees revenge depicted externally in an image—when they see externally in an image what they are meant to overcome—it has the effect of helping them overcome it. Deep, profound wisdom lies even in the most bloodthirsty fairy tales. Our inner harmony is disturbed when we constantly peer into our own souls; it is restored when we gaze out into the universe, into the cosmos. But one must know what kinds of images are necessary: Take, for example, a melancholic person, a hypochondriac, who cannot let go of certain events. Now one wants to cheer him up with cheerful music or the like. This achieves the opposite effect, even if it may not seem so at first; deep down in his soul, he finds it hollow and dreary, even if he does not admit it. Serious images are necessary, even if they are unsettling at first.
[ 25 ] So sehen Sie, daß aus der Geisteswissenschaft eine ganz bestimmte Seelenbehandlung hervorgehen kann. Dem Krankheitswahn kann man im einzelnen nicht beikommen. Er beruht auf unserer materialistischen Zeit, dem Mangel an Produktivität. Die falsche, unbegründete Angst, alle die Gefühle, die das gestörte seelische Gleichgewicht ausdrücken, in der Melancholie und so weiter, werden erklärt durch tieferes Hineinblicken in die Zusammenhänge. Hier werden auch die Heilmittel gefunden. Niemals könnte es einern, der die Zusammenhänge durchschaut, geschehen, daß er nicht loskommen kann von seinem Ich. Es ist in solchen Fällen gewöhnlich irgendein Anlaß da, aber er wird vergrößert. Ein Beispiel: jemand stößt sich mit dem Knie an der Tischkante. Ihm fehlen die großen, ihn ganz in Anspruch nehmenden Gedanken, so daß er nicht loskommen kann von dem Schmerz. So wird der Schmerz immer größer. Der Arzt wird gerufen und sagt, man müsse das und das tun. Dann fühlt er auf einmal Schmerz im andern Knie. Dann kommt der Ellenbogen dazu und so fort, bis er schließlich Beine und Hände nicht mehr rühren kann, weil er sein Knie angestoßen hatte. Es mögen Dinge vorhanden sein, die die Aufmerksamkeit hinlenken auf einen bestimmten Punkt, aber es sind auch Dinge vorhanden, die einen Ausgleich ‚schaffen können. Der Mensch. findet in unserem immer schwerer und schwerer werdenden Leben nur den Ausgleich, wenn er die Geisteswissenschaft auf sich einwirken läßt. Dann wird er den Zivilisationseinflüssen gegenüber gewappnet sein.
[ 25 ] So you see that a very specific form of soul therapy can emerge from spiritual science. One cannot address the delusion of illness on a case-by-case basis. It stems from our materialistic age and a lack of productivity. The false, unfounded fear—all the feelings that express a disturbed psychological balance, such as melancholy and so on—are explained by looking more deeply into the underlying connections. This is also where the remedies are found. It could never happen to someone who sees through these interrelationships that they cannot detach themselves from their ego. In such cases, there is usually some trigger, but it is magnified. An example: someone bumps their knee on the edge of a table. They lack the grand, all-consuming thoughts that would allow them to detach from the pain. Thus, the pain grows ever greater. The doctor is called and says that this or that must be done. Then, suddenly, the person feels pain in the other knee. Then the elbow is affected, and so on, until finally he can no longer move his legs or hands—all because he had bumped his knee. There may be things that draw attention to a specific point, but there are also things that can provide a balance . In our increasingly difficult lives, people can find balance only by allowing spiritual science to take effect within them. Then they will be equipped to face the influences of civilization.
[ 26 ] Wir können aber auch äußere Gründe finden für die mangelnde Produktivität. Die Tatsachen sprechen laut. Sehen Sie sich die Tiere an, die in unsere Kultur, in die Gefangenschaft verpflanzt sind. Da werden sie krank, sie, die draußen in der Freiheit niemals krank werden würden. Das kommt davon her, daß von allem, was aus der äußeren Umgebung stammt, starke Einflüsse ausgehen auf Mensch und Tier. Das Tier kann keine Gegenkraft entwickeln, denn seine Entwickelung ist abgeschlossen. Der Mensch kommt durch den Kulturfortschritt auch in die Dekadenz, wenn er den äußeren Einflüssen keine produktive Kraft entgegensetzen kann. Er muß durch innere Tätigkeit die Einflüsse umgestalten, umwandeln, dann können sie sogar zur Höherentwickelung des Menschen gebraucht werden. Der Mensch, der eine radikale materialistische Theorie ausarbeitet, der Schöpfer derselben, ist gesund, denn er schafft von innen heraus. Die Anhänger dieser Theorie veröden, weil bei ihnen keine eigene produktive Kraft vorhanden ist. Wenn Sie geisteswissenschaftliche Bücher lesen, so hat das gar keinen Wert, wenn Sie sie nicht innerlich nachkonstruieren. Dann ist es ein innerliches Mitproduzieren. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist es kein Studieren geisteswissenschaftlicher Bücher. Darauf kommt es an, die Kraft zu fühlen, die vorwärtsdrängen und die äußere Welt in sich aufnehmen will, und daß man das Gleichgewicht findet zwischen den äußeren Eindrücken und der inneren Produktivität. Vom äußeren Streit der Welt muß der Mensch frei werden, damit dieser sich nicht immer stärker bemerkbar macht und ihn erdrückt. Wir müssen den Gegenstoß ausführen. Der äußere Eindruck muß auch den Gegenstoß von innen erfahren. Dann kommen wir von ihm los, sonst weist er uns immer mehr in unser Inneres zurück. Achten wir immer nur auf unser Inneres, so entsteht ein Leidensbild vor unserer Seele. Wenn wir den Ausgleich der inneren Kraft, die rastlos vorwärts will, und der äußeren Kraft zum Ausdruck bringen, so verschmelzen wir mit der äußeren Welt. So haben wir heute im tieferen Sinne den Krankheitswahn als Zeiterscheinung kennengelernt.
[ 26 ] But we can also find external reasons for the lack of productivity. The facts speak for themselves. Look at the animals that have been transplanted into our culture, into captivity. There they fall ill—animals that would never fall ill out in the wild. This is because everything that originates from the external environment exerts a powerful influence on both humans and animals. Animals cannot develop a counterforce, for their development is complete. Human beings, too, fall into decadence as a result of cultural progress if they cannot counter external influences with productive power. They must reshape and transform these influences through inner activity; only then can they even be used for the higher development of humanity. The person who develops a radical materialist theory—the creator of that theory—is healthy, for they create from within. The followers of this theory become desolate because they lack their own productive power. If you read books on spiritual science, it has no value at all unless you reconstruct them inwardly. Then it becomes a process of inner co-creation. If that is not the case, then it is not studying spiritual science books. What matters is feeling the force that drives us forward and seeks to take in the outer world, and finding a balance between external impressions and inner productivity. A person must free themselves from the world’s external strife so that it does not become increasingly noticeable and overwhelm them. We must mount a counterattack. The external impression must also encounter a counterforce from within. Then we can break free from it; otherwise, it will push us further and further back into our inner selves. If we focus solely on our inner world, a picture of suffering arises before our soul. When we express the balance between the inner force—which strives restlessly forward—and the outer force, we merge with the outer world. Thus, today we have come to understand, in a deeper sense, the delusion of illness as a phenomenon of our time.
[ 27 ] Der Ausgangspunkt war heute: Die Geisteswissenschaft will ein Heilmittel sein, damit der Mensch von sich loskommt und so von jeder bindenden Gewalt. Denn jede bindende Gewalt ist eine krankmachende. So können wir nur klar werden über den tiefen Kern der Goetheschen Strophe:
[ 27 ] The starting point today was this: The spiritual science aims to be a remedy so that human beings can free themselves from themselves and thus from every binding force. For every binding force is a source of illness. Only in this way can we gain clarity about the profound essence of Goethe’s verse:
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort;
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
For all power surges forward into the vastness,
To live and act here and there;
Yet from every side, the current of the world
Restricts and hinders us, sweeping us along;
Amid this inner storm and outer strife
The spirit hears a word that is hard to understand:
From the power that binds all beings,
The person who overcomes himself is set free.
