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Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60

9 March 1911, Berlin

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14. Moses

Moses

[ 1 ] Bei der Betrachtung jener großen geschichtlichen Individualitäten, mit denen wir es in den vorhergehenden Vorträgen zu tun hatten, bei Zarathustra, Hermes, Buddha, standen wir Erscheinungen gegenüber, welche uns als Menschen interessieren, insoweit wir fühlen, daß wir Anteil haben mit unserem ganzen Seelenleben an der Gesamtentwickelung der Menschheit und die Gegenwart nur dann verstehen können, wenn wir auf diejenigen geistigen Größen der Vergangenheit zurückblicken, die mitgebaut haben an dem, was in unsere Gegenwart hereinragt. Bei Moses, dessen Persönlichkeit wir heute zu betrachten haben, steht die Sache noch ganz anders. Bei alledem, was sich an den Namen des Moses knüpft, fühlen wir, daß Unendliches davon noch unmittelbar fortlebt in dem, was Bestandteil, geistiger Inhalt unserer eigenen Seele ist. Wir fühlen gleichsam in unseren Gliedern noch immer die Impulse nachwirken, die von Moses ausgegangen sind. Wir fühlen, wie er noch hereinlebt in unsere Gedanken und Empfindungen, und wie wir gewissermaßen, wenn wir uns mit ihm auseinandersetzen, uns mit einem Stück unserer eigenen Seele auseinandersetzen. Daher ist uns auch die fortlaufende Überlieferung, welche an Moses sich anfügt, in einer ganz anderen Weise gegenwärtig, steht uns unmittelbarer vor Augen als die fortlaufende Überlieferung, die sich an die anderen betrachteten Größen anschließt. Das macht es auf der einen Seite leicht, die Persönlichkeit des Moses zu behandeln, denn ein jeder kennt heute aus der Bibel diese mächtige, in die Zeiten hineinragende Gestalt. Wenn auch die gewissenhafte Forschung, die ernste Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten und Jahren so manches an die Oberfläche geworfen hat, was in gewisser Beziehung dieses oder jenes neue Licht auch auf die Geschichte des Moses werfen kann, insofern wir sie aus der Bibel entnehmen, so müssen wir doch sagen, wenn wir genau zusehen: An dem Gesamtbilde des Moses, das wir in uns tragen und aus der Bibel gewonnen haben, hat sich eigentlich ungemein wenig geändert. Wir sprechen daher, wenn wir über ihn sprechen, wie über etwas in weitesten Kreisen Bekanntes. Das macht die Betrachtung gewissermaßen leicht. Auf der andern Seite aber dürfen wir wieder sagen, daß gerade durch die Art und Weise der Überlieferung, die wir in der Bibel über Moses haben, diese Betrachtung wieder schwierig gemacht wird. Das kann man schon an dem Schicksal der Bibelforschung im neunzehnten Jahrhundert sehen. Es darf ja immer wieder und wieder betont werden, daß — selbst wenn wir die Naturwissenschaften ins Auge fassen — uns kaum irgendein Zweig menschlicher Gelehrsamkeit, menschlichen ernsten wissenschaftlichen Wollens eine so tiefe Achtung, einen so heiligen Respekt abfordern kann wie die Bibelforschung des neunzehnten Jahrhunderts. Jenem Fleiß, jenem Scharfsinn, der darauf verwendet worden ist, um zum Beispiel die einzelnen Partien der Bibel in bezug auf ihren Stil, auf das, was man über ihre Herkunft vermeint wissen zu können, kennenzulernen, — jener selbstlosen wissenschaftlichen Hingabe, wie sie geübt worden ist, kann sich eigentlich für den, der die Bibelforschung genauer kennt, nichts an die Seite stellen. Dennoch kann man etwas Tragisches in dieser Bibelforschung des neunzehnten Jahrhunderts sehen. Denn je weiter sie es gebracht hat, desto mehr hat sie uns eigentlich — wenn man so sagen darf — die Bibel aus der Hand genommen. Denn sie hat uns gewissermaßen — davon kann sich jeder überzeugen, der nur die landläufigen Bücher über die Resultate der Bibelforschung in die Hand nimmt — die Bibel, vor allem das Alte Testament, zerstückelt, um uns zeigen zu wollen, wie das eine Stück einem andern Strom der Überlieferung gefolgt ist als das andere, wie alles das gewissermaßen im Laufe der Zeit zusammengebracht worden ist zu einem Ganzen, das die Gelehrsamkeit erst wieder zerlegen müßte, um es zu verstehen. Und in gewissem Sinne ist das Resultat dieser Forschung deshalb ein tragisches zu nennen, weil es eigentlich im Grunde genommen ganz negativ ist, weil es nichts beigetragen hat zum Auflebenlassen dessen, was die Bibel aufJeben lassen kann, was sie durch Jahrtausende aufleben ließ in den Herzen und Seelen der Menschen.

[ ] When we study the great historical individualities of the past, such as those who have already claimed our attention during these lectures, namely, Zarathustra, Hermes and Buddha, we are brought face to face with incidents and facts which are of interest to us as human beings, because we feel that our whole soul life plays a part in the collective evolution of humanity. It is only when we look back to those great spiritual characters of by-gone times, who have helped to bring about the conditions in which we now live, that we can truly comprehend our present circumstances. With regard to Moses, however, whose personality we are about to consider, the matter presents a wholly different aspect; for here we have the feeling that there is no limit to that direct influence exerted by all those events connected with his name, which yet continue to affect the spiritual content of our souls. We still feel, in our very bones, as it were, the workings of those impulses which emanated from this great outstanding patriarch. It seems to us that Moses is even now a living force in our thoughts and feelings, and as if when we analyse our ideas and motives according to his doctrine and sentiments, that we are in truth arraigning and searching our very souls. It is for this reason that all that persistent tradition which is directly associated with Moses, seems to us more vivid, more actually present, than that which is connected with those other great personalities to whom I have referred. It is therefore in a certain sense, less difficult to deal with this outstanding individuality, for through the Bible we are all familiar with this mighty figure, whose influence has endured even to the present time. Although the conscientious researches which have been conducted by science during the past ten years and more, have to a certain extent touched upon the surface and here and there thrown new light upon the history of Moses—in so far as it can be gleaned from the Bible—nevertheless, when we look more deeply into the matter, we must admit that very little indeed has been altered with regard to the general impression which we have received from our own personal study of the Scriptures. Whenever we refer to any matter connected with Moses, or to the great patriarch himself, we speak as if we were mentioning some subject well known throughout the widest circles; this fact somewhat simplifies the contemplation of the historical features. But on the other hand there are certain difficulties which arise, because of the manner in which the Bible tradition concerning Moses is expressed. This we at once realize when we call to mind the vicissitudes which accompanied the Biblical researches of the nineteenth century. There is scarcely a single branch of human knowledge, or sincere scientific endeavour, even when we include the natural sciences, which claims in so high a degree our deep admiration and reverence, as do these investigations; and I feel that this point should be repeatedly emphasized. The industry, the discrimination, the devoted and unselfish scientific application, expended upon separate sections of the Bible, in order to educe from their character and style a definite knowledge of their alleged origin, is considered by those who have followed these researches closely as a work which has had no parallel during the nineteenth century.

[ 2 ] Da ist es in einer gewissen Weise in unserer Zeit die Aufgabe jener Geistesrichtung, die wir die Geisteswissenschaft nennen müssen, welche gegenüber den anderen Wissenschaften in unserer Zeit oftmals die Aufgabe des Aufbauens hat, nicht nur der bloßen Kritik, daß wir vor allem die Bibel selber wieder verstehen lernen, vor allen Dingen der Bibel gegenüber die Frage aufwerfen: Ist es denn nicht nötig, erst einmal in den Gesamtsinn der Überlieferungen in ihrer ganzen Tiefe einzudringen, und dann erst, nachdem man sie voll verstanden hat, nach ihrem Ursprung zu fragen? Das ist nun keineswegs leicht, insbesondere dem Alten Testament gegenüber, und besonders schwierig auch denjenigen Partien des Alten Testamentes gegenüber, die von der Persönlichkeit, von der großen Gestalt des Moses handeln. Denn was zeigt uns die Geisteswissenschaft als eine Eigentümlichkeit der biblischen Schilderungen? Sie zeigt uns, daß äußere Geschehnisse, äußere Tatsachen, die sich an diese oder jene Persönlichkeit, an dieses oder jenes Volk knüpfen,so dargestellt werden, wie sie eben verlaufen für die äußere geschichtliche Betrachtung, so daß wir also die Persönlichkeit des Moses in der Bibel so dargestellt erhalten, daß uns seine Erlebnisse in der äußeren physischen Welt, wie sie sich im Raume und in der Zeit abspielen, vorgeführt werden. Dann aber zeigt sich — und es kann im Grunde genommen nur die geisteswissenschaftliche Vertiefung in die Bibel dieses Resultat ergeben —, daß eine Schilderung, die zunächst von äußeren Vorgängen und Erlebnissen in der äußeren Welt handelt, sich in der biblischen Darstellung unmittelbar fortsetzt in eine Schilderung ganz anderer Art, die man nur schwer von dem unterscheiden kann, was vorhergeht. Es werden Reisen und sonstige äußere Erlebnisse erzählt, die wir einfach als solche zu nehmen haben. Dann wird so fortgesetzt, daß wir zunächst gar nicht merken, daß wir mitten im Weiterlesen in einer Schilderung ganz anderer Art drinnen sind, als ob eine Reise weiterginge von einem Orte zum andern, und als ob die weiteren Erlebnisse geradeso wie äußere physische Erlebnisse zu nehmen wären wie die vorhergehenden. Und dann sind wir mitten drinnen in einer Schilderung des Seelenlebens der betreffenden Persönlichkeit, in einer Schilderung, die sich gar nicht auf äußere Ereignisse bezieht, sondern auf innere Seelenkämpfe, Seelenüberwindungen, Seelenerlebnisse, wodurch die betreffende Persönlichkeit dann zu einer höheren Stufe der Seelenentwickelung, der Erkenntnis, zu einer höheren Stufe der Tatkraft oder zu einer Mission in der Weltentwickelung hinaufsteigt. Es laufen gewissermaßen die Schilderungen der äußeren Ereignisse unvermittelt über in sinnbildliche Darstellungen, die ganz im Stile der früheren äußeren Ereignisse gehalten sind, die aber gar nicht äußere Erlebnisse meinen, sondern innere Seelenerlebnisse. Es muß gesagt werden, daß diese Behauptung für jeden so lange eine Behauptung bleiben wird, als er sich nicht an der Hand geisteswissenschaftlicher Darstellungen immer mehr und mehr in die Eigentümlichkeit der Schilderungen der Bibel hineinlebt, insbesondere auch der Partien, die von Moses handeln. Wenn man sich aber in diese Eigentümlichkeit hineinlebt, lernt man fühlen, wie an solchen Punkten, wo eine äußere Schilderung physischer Erlebnisse in eine Schilderung seelischer Erlebnisse und Entwickelungen übergeht, allerdings der ganze Stil, der ganze Grundton sich ändert, daß plötzlich ein neues Element der Darstellung auftritt, demgegenüber wir uns fragen: Warum ist das? Dieses Warum läßt sich dann in keiner anderen Weise beantworten als durch die Überzeugung, die aus der Seele selbst gewonnen werden kann. Wir haben es mit jener Eigentümlichkeit der Darstellung zu tun, die eben jetzt charakterisiert worden ist. Das findet man im Grunde genommen bei allen alten religionsgeschichtlichen Darstellungen und besonders dann, wenn Persönlichkeiten geschildert werden sollen, die eine gewisse Höhe des Erkennens, des Seelenwirkens erreicht haben, und man macht sich vertraut mit einem solchen Stil, wenn man sich immer mehr und mehr in die Geisteswissenschaft einlebt. Das macht es sozusagen wieder schwierig, aus der biblischen Darstellung heraus ein volles Verständnis dessen zu gewinnen, was an den einzelnen Stellen bei der Schilderung des Moses gemeint ist.

[ ] All this investigation of the past hundred years has, however, a tragic side, for the further the researches were carried, the more did they tend to place the Bible beyond the reach of the people. Anyone who will consult the current literature concerning the results of these exhaustive studies can convince himself of this fact. The difficulty arose because the Bible was dissected and split up, particularly in the case of the Old Testament, in an attempt to show, for instance, that a certain passage occurring in one part of the Bible owed its origin to a different current of tradition to that of a passage in another part. Also, that during the course of time the whole subject matter had gradually become welded together, in a form which made it necessary for it to be first separated out in this scholarly manner, in order that it might be understood. Hence, in a certain sense, the outcome of these investigations must be looked upon as tragic, since they were fundamentally wholly negative in character and contributed nothing toward the continuance of that vivifying influence which the Bible is capable of exerting, and which has lived in the hearts and souls of mankind for thousands of years. That movement towards true spiritual development, which we have termed Spiritual Science, is chiefly concerned with constructive activities and is not interested in mere criticism, as is so often the case with other sciences. In our time its most important task is to bring about once again an accurate and proper understanding of the Bible, and in this relation it puts forward the following question:—‘Is it not essential that we should first penetrate into the very depths of the import and significance which underlies the whole character of the ancient Biblical traditions, and then, only after these are fully and clearly understood, inquire as to their origin?’ Such a procedure is however, not easy, especially with reference to the Old Testament, and is particularly difficult in regard to those sections which deal with the great outstanding figure and personality of Moses. We would now ask:—‘What is it that Spiritual Science has to say regarding the peculiar nature of those ancient Biblical descriptions?’ It tells us that those external events which are associated with this or that personality or nation, have been chronicled in the order and manner in which they actually occurred, as viewed from the stand-point of external history. Following this method, the personality of Moses is so depicted that his experiences in the physical world are represented just as they took place in relation to space and time. It is only when we have made a profound study of the Bible through the medium of Spiritual Science, that we realize that a Biblical description concerned with external happenings and experiences may become merged in one of quite another nature; and it is often with difficulty that we can distinguish this change in fundamental character. We are told, for instance, of journeys and other worldly events which we accept as such; then, all unnoticed, as the account continues, we find ourselves confronted with a graphic narrative of a wholly different order. It seems to us that a certain journey is represented as continuing from one definite place to another, and as if we were expected to look upon the account of events depicted in the latter part of the narrative in the same light as the external physical happenings described at the beginning. In reality, however, the latter part of such an account may be actually a figurative portrayal of the soul-life of the particular personality to whom the story has reference. It then has no connection whatever with external worldly events, but depicts the soul experiences, struggles and conquests, through which this especial being is raised to a higher degree of soul development, greater enlightenment, a more advanced stage of activity, or to a mission concerned with the world’s evolution. In such case, descriptions of outside events pass over without any noticeable change directly into pictorial representations, which although remaining similar in style and character, have absolutely no significance with regard to external physical happenings—but refer only to the inner experiences of the soul.

[ 3 ] So haben wir gewissermaßen die Bibel auf der einen Seite — so haben wir aber auch auf der andern Seite Schwierigkeiten durch ihre Art der Darstellung, wo sie in besondere Tiefen eindringt. Das hat es gemacht, daß man in bezug auf die Auffassung der Bibel zuweilen recht schr zu weit gegangen ist. Wenn man zum Beispiel ins Auge faßt die Auffassung der althebräischen Geschichte durch jenen Philosophen, der in der Zeit der Begründung des Christentums gelebt hat, Philo, dann sieht man, wie er die ganze Geschichte des althebräischen Volkes als eine Allegorie darstellen will. Eine symbolische Darstellung der Geschichtsauffassung will er geben, so daß die ganze Geschichte eine Art Symbolik der Seelenerlebnisse eines Volkes sein würde. Das wäre zu weit gegangen. Philo ging darum so weit, weil ihm der geisteswissenschaftliche Takt fehlte, um zu wissen, wo die äußeren Erlebnisse einlaufen in die seelischen Erlebnisse.

[ ] The above assertion will always remain ‘a mere assertion’ to those who are unable to utilize the methods of Spiritual Science and thus enter gradually and understandingly into the strange and unusual features associated with many of the graphic narratives found in the Bible; more particularly will this be the case with regard to those sections which deal with the patriarch Moses. When, however, we study this strange method of representation deeply, we notice that when at some certain point in a story the description of external physical events changes into one of soul-experiences, the whole style and fundamental character of the account alters, while a new element suddenly makes its appearance. If we ask ourselves:—‘How does it come about that we are able to perceive this change?’ we can only answer that we realize it because of a conviction that comes to us from the soul. This curious descriptive method, which we have just characterized, lies at the base of ancient religious historical narratives, more especially when they are concerned with personalities who have reached a high standard of discernment and understanding of the soul’s action and inner workings.

[ 4 ] An Moses soll nun gezeigt werden, wie in den lebendigen Gang der Menschheitsentwickelung eine Persönlichkeit eingreift, die etwas Allerhöchstes, Allerbedeutsamstes der Menschheit zu bringen hatte. Wenn wir von diesem Bedeutsamen fühlen, daß wir mit ihm noch immer Verwandtes in unserer Seele haben, so wird uns das volle Verständnis des Moses-Impulses zu einer ganz besonderen Notwendigkeit. Daher können wir gewissermaßen ohne weitere Umstände gleich eingehen in die Mission des Moses. Aber man kann diese Mission des Moses nicht verstehen, wenn man nicht voraussetzt, daß im Grunde genommen der biblischen Darstellung zunächst das Bewußtsein einer Tatsache zugrunde liegt, welche wir bei Betrachtung der Individualitäten des Hermes, des Buddha und des Zarathustra schon ins Auge fassen konnten: daß die Menschheitsentwickelung in bezug auf das Seelenleben des Menschen im Laufe der Zeiten einen Übergang von einem alten hellseherischen Zustand zu dem heutigen Zustande unseres intellektuellen Bewußtseins durchgemacht hat. Noch einmal sei es erwähnt, daß in uralten Zeiten die Menschenseele in gewissen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in eine geistige Welt hineinschauen konnte, daß das, was auf diese Weise in der geistigen Welt geschaut wurde, in Bildern dargestellt worden ist, und daß uns diese Bilder in den Mythologien und Legenden der alten Zeiten erhalten geblieben sind. Wenn jemand fragt: Wie kann man das alte hellseherische Bewußtsein auch äußerlich beweisen ohne die Geisteswissenschaft?, so kann er sich die Antwort auf diese Frage durch gewissenhafte Forschungen verschaffen, die auch schon in unserer Zeit gepflogen worden sind, die aber nur noch nicht ihre volle Anerkennung gefunden haben. Da ist darauf zu verweisen, daß gewisse Mythenforscher in bezug auf mythenähnliche Bildungen, Sagen und so weiter, die sich noch in verhältnismäßig später Zeit bei einzelnen Völkern herausgebildet haben, sich in die Notwendigkeit versetzt fühlten, eine ganz andere Art und Weise des menschlichen Bewußtseinszustandes für die Entstehung solcher Mythen anzunehmen. Ich habe in früheren Zeiten öfter auf ein interessantes Buch hingewiesen, das von einem Mythenforscher herrührt, der als solcher der bedeutsamste Mythenforscher der neueren Forschung genannt werden muß: ich meine Ludwig Laistner und sein Buch «Rätsel der Sphinx». Dieses Buch gehört zu den bedeutendsten auf seinem Gebiete. Darin wird gezeigt, daß sich gewisse Mythen ausnehmen wie Fortsetzungen der Ereignisse der Traumwelt, die typisch erlebt werden. Laistner ging nicht bis zur Geisteswissenschaft, er hatte kein Bewußtsein davon, daß er die ersten Bausteine lieferte zu einem wirklichen Erkennen der alten Mythologien. Aber man kann die Mythen und Sagen nicht so begreifen als die Umgestaltung typischer Träume, wie Laistner sie aufgefaßt hat, sondern man muß sie verstehen als hervorgehend aus einem früheren menschlichen Bewußtseinszustand, der in Bildern die geistige Welt sah und sie deshalb auch in Bildern zum Ausdruck brachte. Niemand kann die alten Sagen, Mythen und Legenden wirklich verstehen — deshalb geschieht auch so wenig zum Verständnis der alten Sagen und Mythen! — der nicht voraussetzt — zunächst wie eine Hypothese —, daß die alten Mythologien aus einem andern menschlichen Bewußtseinszustande heraus geschöpft sind. Dieser alte vormenschliche, oder wenigstens vorgeschichtliche Zustand der Seelenverfassung ist in den jetzigen Bewußtseinszustand übergegangen, der kurz dahin charakterisiert werden kann, daß man sagt: Wir wechseln in bezug auf unser Bewußtsein ab zwischen Wachen und Schlafen. Im Wachbewußtsein bemächtigen wir uns der Wahrnehmungen der äußeren Welt durch unsere Sinne und verknüpfen die Wahrnehmungen, kombinieren sie durch unsern Intellekt. Das sinnlich-intellektuelle Bewußtsein, das durch unseren Verstand, durch unsere Vernunft wirkt, hat die alte hellseherische Seelenverfassung abgelöst. So haben wir einen Zug der Geschichte damit charakterisiert, wie sich die Geschichte darstellt, wenn man die Menschheitsentwickelung in ihren Tiefen betrachtet.

[ ] The further we advance, and the more deeply we become immersed in the study of Spiritual Science, the greater is our faith in this singular style of representation; but just because of the strangeness of this method it is, in some ways, far from easy to gain a clear comprehension of the true meaning of certain passages which occur in the graphic delineation of Moses. On the one hand, we have the Bible with its apparently straightforward narrative, but on the other, there are difficulties due to the curious way in which the account is presented, when the subject matter is of an especially profound character. This fact has resulted in the customary interpretations being much too liberal in many cases.

[ 5 ] Aber noch etwas anderes liegt solchen Darstellungen zugrunde, wie sie in der Bibel gegeben sind. Das ist, daß einem jeden Volke, einem jeden Stamme, einer jeden Menschenrasse, wie sie im Laufe der Menschheitsentwickelung auftreten, sozusagen eine gewisse Mission zuerteilt ist. Die alten hellseherischen Bewußtseinsformen traten in verschiedenen Arten, in den verschiedensten Gestalten auf, je nach den Begabungen, dem Temperament der einzelnen Völker. Daher haben wir die Einheit des alten hellseherischen Bewußtseins in den verschiedenen Mythologien und heidnischen Religionsbekenntnissen der einzelnen Völker überliefert. So können wir sagen: Es ist nicht bloß eine abstrakte Einheit dieser alten Auffassung der Welt da, sondern es sind verschiedensten Völkern und Rassen die verschiedensten Missionen übergeben worden, und dadurch ist das gemeinsame Bewußtsein in der verschiedensten Art ausgestaltet. Dann aber müssen wir dabei darauf Rücksicht nehmen, wenn wir diese Menschheitsentwickelung verstehen wollen, daß sie nicht eine sinnlose Aufeinanderfolge von Kulturen ist, sondern daß ein Sinn durch den ganzen Werdegang der Menschheit durchgeht, so daß irgendeine Bewußtseinsform sich in einer bestimmten Kultur später auslebt, weil das Spätere etwas wie ein neues Blatt, eine neue Blüte zu dem Früheren hinzuzufügen hat, weil sich der Gesamtsinn der Menschheitsentwickelung in aufeinanderfolgenden Ausgestaltungen auslebt. So begreifen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne ein Volk am besten dadurch, daß wir uns sagen: Diese betreffenden Völker — seien es die alten Inder, Perser, Babylonier, Griechen oder Römer — haben alle eine bestimmte Mission gehabt; auf eine ganz besondere Art hat sich das, was im Menschheitsbewußtsein leben kann, bei ihnen ausgestaltet. Wir verstehen diese Völker nicht, wenn wir nicht ihre ganz besondere, individuelle Eigenart als ihre Mission aufzufassen in der Lage sind. Nun aber geht die Gesamtentwickelung der Menschheit so vor sich, daß sozusagen einer jeden solchen Mission eine Zeit zugeteilt ist. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, ist diese betreffende Mission erfüllt. Die betreffende Mission war einem Volke zugeteilt. Es kann sozusagen die Stunde abgelaufen sein für die betreffende Volksmission. Was in ihr keimhaft enthalten ist, hat seine Früchte getrieben, hat sich ausgelebt. Dann kann aber der Fall eintreten, daß dieses oder jenes Volk die entsprechende Eigenart, das, was in seinem Temperament, in seinen sonstigen Anlagen liegt, weiterbehält. Dann überspringt sozusagen das betreffende Volk den Zeitpunkt, in dem eine neue Mission eintreten soll an die Stelle der alten, lebt sich hinüber mit seiner Eigenart in die spätere Zeit, während der objektive Gang der Menschheitsentwickelung etwas Neues an ihre Stelle gesetzt hat.

[ ] When, for instance, we consider the conception of ancient Hebrew history, as advanced by the philosopher Philo, who lived at the time of the founding of Christianity, we realize at once that he endeavoured to portray the whole record of the old Jewish nation as if it were an allegory. Philo aimed at a figurative representation in which the entire history of this ancient race becomes a sort of symbolical account of the soul-experiences of a people. In so doing, Philo went too far, and for this reason: he did not possess that judgment and insight, born of Spiritual Science, which would have enabled him to discern and to know when the descriptions concerning external events glided into portrayals relative to soul-life.

[ 6 ] So etwas kann man besonders betrachten bei den Ägyptern, deren Eigenart wir kennengelernt haben in dem Vortrage über Hermes. Die Ägypter hatten eine hohe Mission im Gesamtwerdegang der Menschheit. Aber diese Mission hat alles, was in ihr lag, einmal aus sich herausgebildet. Was weiter kommen sollte, war zwar keimhaft in der ägyptischen Kultur gelegen, aber das ägyptische Volk als solches behielt sein Temperament, seine Eigenart, war nicht imstande, aus sich selbst heraus die neue Mission zu formen. Daher mußte die Lenkung und Leitung der Menschheit an ein anderes Menschheitselement übergehen. Das mußte zwar herauswachsen aus dem ägyptischen Element, aber es mußte doch ein anderes sein. So sehen wir denn etwas wie eine Richtungsänderung im Gesamtsinn der Entwickelung der Menschheit. Man muß sich dazu in den Werdegang der ägyptischen Mission hineindenken. Was aus derselben herausgeholt werden konnte, das ließ Moses zunächst auf seine Seele wirken. Das wirkte auch hinein in die Seelen seines Volkes. Aber er hatte den Beruf nicht, die alte ägyptische Mission fortzusetzen, sondern aus ihr heraus etwas ganz Neues der Menschheitsentwickelung einzuimpfen. Und weil dieses Neue so gewaltiger, so umfassender und so einschneidender Natur war, deshalb ist die Persönlichkeit des Moses eine so mächtige für den Gesamtgang der menschlichen Geschichte, und deshalb ist die Art, wie die Mission des Moses sich aus der abgelaufenen Entwickelung des ägyptischen Volkes hervorentwickelt hat, so interessant und so fruchtbar zu betrachten noch für unsere Zeit. Denn was Moses aus dem ägyptischen Volke herausgeholt hat, was er dann wie aus ewigen Höhen der Geistesentwickelung dazugetan hat, das wirkt fort bis in unsere Seelen herein. Daher wurde Moses als eine Persönlichkeit empfunden, welche gewissermaßen das, was sie der Menschheit zu geben hatte, nicht aus irgendeiner Zeit, nicht aus irgendeiner Spezialmission unmittelbar zu nehmen hatte, sondern es wurde Moses als eine Persönlichkeit aufgefaßt, die in ihrer Seele berührt sein mußte von den Wogen des Ewigen, das immer wieder und wieder durch neue Kanäle sich in die Menschheitsentwickelung hereinsenkt, um dieselbe zu befruchten. Was gleichsam als der ewige Kern in des Moses Seele vorhanden war, das mußte seinen Boden finden und ausreifen auf dem, was er herausbekommen konnte aus der ägyptischen Kultur.

[ ] As we proceed it will be realized that in Moses we have a personality who influenced directly the active course of human evolution, and whose mission it was to enlighten mankind concerning matters of the utmost import and significance. When we experience that deep sense, so pregnant with meaning, through which we become aware that his deeds even yet touch a chord within our souls, then do we feel that a full and clear comprehension of the Moses-Impulse is to us a necessity. We will, therefore, without further preamble, enter at once upon the question of his great Mission. The true object of his life’s work cannot, however, be fully understood unless we presuppose that the Bible narrative was based upon actual and specific knowledge of a certain fundamental change in man’s psychic condition, to which we have already referred when considering the individualities of Zarathustra, Hermes and Buddha. We then drew attention to the fact that during the course of evolution the soul-life of man has gradually undergone a definite modification, from a divine primordial clairvoyant state to that of our present-day intellectual consciousness.

[ 7 ] Daß man es mit Moses zu tun hat als mit einer Seele, die das Höchste, was sie zu geben hatte, aus ewigen Quellen heraus zu bieten hatte, das wird uns nach der Art alter Darstellungen symbolisch angedeutet in dem Eingeschlossensein des Moses in dem Kästchen bald nach seiner Geburt. Wer solche Darstellungen in der religiösen Entwickelung kennt, weiß, daß sie immer auf ein Bedeutsames hindeuten wollen. Aus früheren Darstellungen dieses Vortragszyklus wissen wir, daß der Mensch, wenn er zu höheren, geistigen Welten sein Erkennen hinaufbringen will, gewisse Stadien seiner Seelenentwickelung durchzumachen hat, indem er sich völlig von aller Umwelt abschließt und die elementarsten geistigen Kräfte seiner Seele wachruft. Wenn nun dargestellt werden soll, daß ein solcher Mensch sich bereits durch die Geburt jene geistigen Güter mitbringt, die zu den Höhen der Menschheit hinaufführen, so kann das nicht besser dargestellt werden, als daß gesagt wird: Für diese Persönlichkeit war es notwendig, sozusagen bis ins Physische hinein ein Erlebnis durchzumachen, wodurch ihre Sinne, alles, was sie an Auffassungsgaben hat, gleichsam abgeschlossen ist von der physischen Welt. — Es klingt uns dann verständlich, wenn wir hören, daß die ägyptische Königstochter, die Tochter des Pharao, selber den Knaben aus dem Wasser holte und ihn «Moses» nannte, weil sie sagte: «Denn ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.» Das liegt für den, der den Namen Moses versteht — wie es auch die Bibel andeutet —, schon in dem Namen selber. Es sollte damit gesagt werden, daß die Vertreterin der ägyptischen Kultur, die Tochter des Pharao, hineinlenkte das Leben in eine Seele, die mit Ewigkeitsgehalt angefüllt ist. So wird uns wunderbar angedeutet, wie das Ewige, das Moses der Menschheit zu bringen hatte, in die äußere Hülle der ägyptischen Kultur und Mission eingehüllt wird.

[ ] I must once again bring back to your minds a statement made in previous lectures, namely, that in primeval times the soul of man was so constituted that during certain intermediary conditions between that of sleeping and being awake, he could gaze upon the Spirit-World, and that things thus observed, and which were truly of the spiritual realms, manifested as pictures or visions; and it is these visions that in many cases have been perpetuated in the form of mythological legends of by-gone times.

[ 8 ] Dann werden uns dargestellt in der Entwickelung des Moses äußere Erlebnisse. Da sehen wir wieder, wie die Bibel ihre Darstellung so gibt, daß sie äußere Erlebnisse meint. Was wir in der Bibel über die Schicksale des Moses lesen und über alles, was er an Schmerzen über das Geknechtetsein seines Volkes im Ägypterlande erlebt, das können wir als eine Darstellung äußerer Verhältnisse ansehen. Dann geht aber wieder die Darstellung — man muß sagen unvermerkt — über in eine Schilderung innerer Seelenerlebnisse des Moses. Das geschieht da, wo Moses die Flucht ergreift und zu einem Priester geführt wird, zu dem midianitischen Priester Jethro oder Reguel. Wer eine solche Darstellung aus der Gepflogenheit alter geistiger Darstellungen erkennen kann, der findet bis auf die Namen hin heraus, daß hier die Schilderung in die Beschreibung von Seelenerlebnissen des Moses übergeht. Das ist nicht etwa so gemeint, als wenn Moses nicht wirklich eine solche Reise nach einer Tempelstätte, einer priesterlichen Lehrstätte angetreten hätte, aber die Darstellung ist kunstvoll so gegeben, daß das Außere verwoben wird in die Erlebnisse, die des Moses Seele durchmacht. So sind die äußeren Erlebnisse, die uns da gegeben werden, an dieser Stelle, überall Andeutungen von dem, wozu Moses sich durchkämpft, um zu einer erhöhteren Stellung der Seele hinaufzugelangen. Was ist in Jethro angedeutet? Man kann aus der Bibel leicht entnehmen, daß es eine der Individualitäten ist, zu denen wir immer wieder und wieder geführt werden, wenn wir das Menschheitswerden durchgehen, die sich in hohem Grade zu einer überschauenden Erkenntnis durchgerungen haben, zu einer Erkenntnis, die man nur gewinnen kann, wenn man sich langsam und allmählich und durch innere Seelenkämpfe in das einlebt, was erst jenen Geisteshöhen Verständnis geben kann, auf denen solche Menschen wandeln. Angeregt werden sollte Moses zu seiner Mission dadurch, daß er gewissermaßen der Schüler einer solchen geheimnisvollen Gestalt wurde, die sich mit ihrem Sinnen für die übrige Menschheit zurückziehen und nur die Lehrer der Führer der Menschheit sind. Ich weiß wohl, daß hiermit etwas gesagt wird, was bei vielen Menschen heute Anstoß findet. Aber es ist etwas, was jedem tieferen Betrachter des geschichtlichen Menschheitswerdens schon äußerlich auffallen sollte, daß es solche Geheimnisse und geheimnisvolle Persönlichkeiten gibt.

[ ] In reply to the question:—‘How can the reality of this ancient clairvoyant consciousness be proved externally, and without the aid of Spiritual Science?’ we would say that the answer is to be found in the results of certain precise and painstaking investigations which have been carried on even in our time, but which have not as yet received general recognition. We would point out that comparatively recently some of our mythologists during their researches into the origin of ancient mythical visions, legends, etc., which have arisen among certain separate and distinctive peoples, have been forced to assume the existence of an altogether different conscious state in order to account for these ancient myths and concepts.

[ 9 ] Was Moses nun als Schüler dieses großen Priesterweisen erleben sollte, wird uns so dargestellt, daß er zunächst an dem Orte, wo er den Priester aufsucht, bei einem Brunnen — wieder ein Symbol, ein Symbol für den Weisheitsquell — die sieben Töchter des Priesterweisen trifft. Wer verstehen will, was in einer solchen Schilderung Tieferes liegt, muß sich vor allem daran erinnern, daß in aller mythischen Darstellung immer, zu allen Zeiten, das, was die Seele an höheren Erkenntnissen und Seelenkräften überhaupt in sich entwickeln kann, durch das Symbol von weiblichen Gestalten dargestellt wird — bis herunter zu Goethe in seinen Worten am Schlusse des «Faust» vom «Ewig-Weiblichen». So erkennen wir in den «sieben Töchtern» des Priesters Jethro die sieben menschlichen Seelenkräfte wieder, über welche die Weisheit des Priesterweisen zu verfügen hatte. Da muß man bedenken, daß in jenen alten Zeiten, die noch durchaus von dem Bewußtsein des alten Hellsehens belebt waren, andere Anschauungen über das herrschten, was die Menschenseele mit ihren einzelnen Kräften ist. Wir können uns über dieses Bewußtsein nur eine Vorstellung bilden, wenn wir von Begriffen ausgehen, die wir heute selber haben. Wir sprechen heute von der menschlichen Seele und ihren Kräften, dem Denken, Fühlen und Wollen, in der Weise — und es ist richtig vom Standpunkte des intellektualistischen Bewußtseins aus so zu sprechen —, daß wir in uns haben dessen Kräfte, daß sie gleichsam Einschlüsse der Seele bilden. Anders dachte der alte Mensch unter dem Einflusse der hellseherischen Begabung. Er fühlte zunächst einmal in seiner Seele kein solches einheitliches Wesen und in seinem Denken, Fühlen und Wollen nicht solche Kräfte, die aus dem Zentrum des Ich wirken und einheitlich die Seele organisieren. Sondern der alte Mensch fühlte sich wie hingegeben an den Makrokosmos und die einzelnen Kräfte, und die einzelnen Seelenkräfte fühlte er wie im Zusammenhange stehend mit besonderen göttlich-geistigen Wesenheiten. Wie wir — was wir aber nicht tun — uns vorstellen können, daß unser Denken befruchtet wird, getragen wird von einer anderen geistigen Weltenkraft als unser Fühlen und unser Wollen, so daß sich verschiedene Strömungen, verschiedene geistige Kräfte aus dem Makrokosmos in unser Denken, Fühlen und Wollen hineinergössen, und daß wir mit diesen in Beziehung stünden — so fühlte der alte Mensch nicht die Seele als ein Einheitliches, sondern der Mensch sagte sich: Was in mir ist, das ist nur der seelische Schauplatz, und geistig-göttliche Kräfte aus dem Universum sind es, welche sich ausleben auf diesem Schauplatz.

[ ] I have often referred to an interesting book, entitled The Riddle of the Sphinx, by Ludwig Laistner, a mythologist who must be ranked as the most prominent among the modern investigators in this field of research. The Riddle of the Sphinx is regarded as one of the most important works of its kind. Laistner draws attention to the fact that certain myths appear to form a sequel to events typical of experiences in a dream world. He did not advance so far as the study of Spiritual Science, and he was quite unaware that he had in reality laid the foundation stone of a true knowledge and understanding of the Ancient Mythologies. We ( annot, however, regard Myths and Legends merely in the light of transfigured typical dreams, as Laistner has done, but we must recognize in them the products of a by-gone condition of human consciousness in which man could apprehend the Spirit-World in pictorial visions, that later found expression in mythical imagery.

[ 10 ] Sieben solcher Seelenkräfte waren es, die bei Moses gegeben sind, die hereinwirkten auf den Schauplatz des SeelenJlebens. Wenn wir sehen wollen, wie überhaupt für die Entwickelung des menschlichen Bewußtseins die ganzen Anschauungen abstrakter und abstrakter, intellektueller und intellektueller wurden, so können wir zum Beispiel auf Plato hinschauen, dessen Ideen lebendige Wesen sind, die ein Dasein führen wie für den heutigen Menschen nur die Stoffe. Und die einzelne Seelenkraft hat etwas, was sich auswirkt auf dem Schauplatze der gesamten Seele. Aber immer mehr und mehr werden die Fähigkeiten der Seele zu abstrakten Begriffen, und die Einheit des Ich tritt immer mehr und mehr in ihre Rechte. Wir können — so sonderbar es klingt — in einer abstrakten Form das, was uns die sieben Töchter des midianitischen Priesterweisen symbolisieren sollen, als die sieben lebendigen Geistkräfte, die auf dem Schauplatz der Seele wirken sollen, noch in den mittelalterJichen sieben freien Künsten erkennen; wie da die sieben freien Künste aus der menschlichen Seele sich hervorleben, das ist der letzte abstrakte Nachklang des Bewußtseins, daß sieben Fähigkeiten sich in dem Seelischen ausleben, daß diese sieben Fähigkeiten eben die Seele zu ihrem Schauplatz haben.

[ ] It is impossible to comprehend the old fables and legends, unless we start with the hypothesis that they were evolved from a different form of conscious state; and it is just because this basic assumption has been lacking that they are so little understood. This prehistoric soul-state has now given way to our present intellectual consciousness, which latter may be briefly characterized as follows:—We alternate between a condition of sleeping and of being awake. In our wakeful state we seize upon those impressions which come to us from the external world, through the medium of our senses; these ideas we group together, combining them by means of our intellect. This material form of intellectual consciousness, which acts through our power of understanding and intelligence, has now superseded the ancient clairvoyant soul-state. We have thus characterized a particular episode of history, and presented it in the aspect which it assumes when we make a profound study of the evolution of mankind.

[ 11 ] Wenn wir dies berücksichtigen, werden wir vor die Tatsache geführt, daß Moses mit seinem Seelischen vor dem Gesamtaspekt der sieben menschlichen Seelenkräfte stand, daß er aber vorzugsweise die Aufgabe hatte, eine einzige derselben ganz und gar wie einen Impuls der menschlichen Entwickelung einzuimpfen. Das konnte er dadurch, daß es der besonderen Blutanlage und dem Temperament seines Volkes gegeben war, dieser Seelenkraft, die in ihren Wirkungen bis zu uns herunterreicht, ein besonderes Interesse entgegenzubringen. Das war die Seelenkraft, welche die übrigen, vorher getrennt gedachten Seelenkräfte in ein einheitliches inneres Seelenleben zusammenschließt, in ein Ich-Leben. Darum wird erzählt: Eine der Töchter des Jethro heiratet Moses. Das heißt: in seiner Seele machte sich insbesondere eine der Seelenkräfte wirksam, machte sich so wirksam, daß sie unter seinem Impulse für eine Jange Zeit der Menschheitsentwickelung die tonangebende Seelenkraft wird, welche die anderen zu einer einheitlichen Ich-Seele zusammenfaßt.

[ ] There is yet another factor which underlies the manner in which Bible narratives are expressed. It appears that a special mission was assigned to each nation, race and tribe in connection with the evolution and development of man; and that the ancient clairvoyant forms of consciousness manifested in different ways according to the capacity and temperament of the various peoples. It is for this reason that we find fundamentally among the mythologies and pagan religions of divers nations such uniformity of tradition concerning this old clairvoyant state.

[ 12 ] Man muß solche Darstellungen in unserer heutigen Zeit mit aller Reserve geben. Denn unsere Zeit hat sozusagen kein rechtes Organ, um einzusehen, daß diejenigen Schilderungen, die wie äußere, physische Erlebnisse sich ausnehmen, gerade deshalb gegeben werden, um zu zeigen, daß in der Zeit, für welche das geschildert wird, die betreffende Seele eine innere Entwickelung durchmacht, das heißt zu ihrer Mission besonders herangezogen wird. So sehen wir, wie das, was die alten Ägypter nicht hatten: diese Inspiration des Moses mit der menschlichen Ichkraft, mit dem Mittelpunkt der menschlichen Seelenkräfte, gerade für ihn das Maßgebende ist. Wir dürfen daher sagen: Es lag in der Mission des altägyptischen Volkes, eine Kultur mit der Mission des alten Hellsehens noch zu begründen. Alles, was uns als ihr Bestes die ägyptische Kultur überliefert hat, ist noch aus der besonderen Art hellseherischer Kräfte entsprungen, welche die ägyptischen Priesterweisen und die Führer des ägyptischen Volkes hatten. Aber es war gleichsam die Weltenuhr für diese Mission abgelaufen, und die Menschheit sollte zur Entfaltung derjenigen Seelenkraft aufgerufen werden, die für eine lange Zeit der Menschheitsentwickelung das alte dumpfe Hellsehen ersetzen soll. Ich-Bewußtsein, Intellektualität, Rationalismus, Vernunft und Verstand, die auf die äußere Sinneswelt gerichtet sind, sollten an Stelle des alten Hellsehens hineingesetzt werden in die Menschheit. Ich habe aber auch schon erwähnt, daß für die Zukunft sich die beiden Arten verbinden werden: die hellseherische Kraft mit dem intellektuellen Bewußtsein, so daß die Menschheit einer solchen Zukunft entgegengeht, wo eine von hellseherischer Kraft durchwobene Intellektualität für die Menschen allgemein sein wird.

[ ] We thus realize that we are not dealing with just one abstract idea, or unit, in this ancient conception of the world; for the most varied missions were assigned to Nations and to Peoples who differed very greatly from one another; and thus it came about that the universal consciousness found expression in many and varying forms. If we would indeed understand all that the evolution of mankind implies, then we must take into consideration the fact that it does not merely consist of a meaningless succession of civilizations, but that throughout the whole course of man’s progress and development there is found interwoven both significance and purport. Hence we find that a certain order of conscious-state may reappear and be found active in some later civilization because, like a fresh page, or a new-born flower, it has something to add to that which has gone before; for the whole meaning and purpose of human evolution implies ever recurrent and successive forms of manifestation.

[ 13 ] Was wir also heute als das wichtigste Element für das Kulturleben betrachten, hat seinen ersten Impuls durch Moses erhalten, daher das Fortwirken-Fühlen des Impulses des Moses noch in unserer eigenen Seelenkraft. Das intellektualistische Denken, das Wirken in Verstand und Vernunft war es, was dem Moses gegeben war. Ihm aber war es noch in ganz besonderer Weise gegeben. Denn alles, was später in seiner besonderen Eigenart auftreten soll, muß vorher in der Eigenart der alten Zeiten gegeben werden. Hier liegt nun eine wunderbare Tatsache vor uns ausgebreitet. Was die spätere Menschheit dem Moses verdankt, ist die Kraft, Vernunft und Intellekt zu entfalten, aus dem Ich-Bewußtsein heraus im vollen Wachzustande intellektuell über die Welt zu denken, über die Welt sich intellektuell aufzuklären. Dem Moses mußte das Bewußtsein von der Intellektualität so gegeben werden, daß in ihm selber das intellektuelle Bewußtsein noch auf die Art der alten Hellseher aufleuchtete. Das heißt also: Moses hatte zwar den ersten intellektualistischen Impuls, aber bei ihm war er noch ein Hellsehen. Bei ihm war er der erste der neuen und der letzte der alten Impulse. Was die spätere Menschheit außerhalb des Hellsehens hatte, das hatte er innerhalb desselben. Die Erkenntnis für die reine Vernunft und den Verstand war ihm gegeben, indem seine Seele in hellseherische Zustände durch den Einfluß versetzt wurde, den er bei dem midianitischen Priester erhalten hatte, so zum Beispiel bei dem Erlebnis vor dem «brennenden Dornbusch», der aber in solchem Feuer erglühte, daß er nicht dabei verbrannte. Da offenbarte sich in neuer Art der Weltengeist vor Moses, wie er sich für die hellseherische Erkenntnis der Ägypter nicht hatte zu erkennen geben können.

[ ] We can best understand the people of a nation from the stand-point of Spiritual Science when we realize that all races, be they Ancient Indians, Persians, Babylonians, Greeks, or Romans, had a definite mission to fulfil, and that each nation gave expression in some special and distinctive manner to that which was active and could live in man’s consciousness. We cannot rightly comprehend these different peoples unless we are in a position to apprehend and to realize the nature of their mission from their individual characteristics. The whole evolution of mankind proceeds in such manner that to each nation a certain time is apportioned and when this period draws to a close, the nation’s work is done. It is as if the hour had struck, the seeds had brought forth their fruit, and the task was ended. It may, however, happen that with this or that race certain peculiarities of temperament, or natural disposition, corresponding to a former period may persist. In such a case this particular nation has, as it were, overpassed the appointed time when a new mission should be entered upon, and take the place of that which was before. Thus it is that certain singular and distinctive national traits may endure and become active at a later period, the while the objective course of human evolution substitutes some fresh purpose for that which was previously determined.

[ 14 ] Wer mit den Tatsachen bekannt ist, der weiß, wie im Verlaufe der Entwickelung die Menschenseele dazu kommt, die äußeren Gegenstände allmählich verändert zu erblicken, so daß sie auf dem Hintergrunde durchwoben erscheinen von den Urbildern, aus denen sie hervorsprossen. Und das Bild, das uns grandios in der Bibel mit dem «brennenden Dornbusch» entgegengestellt wird, erkennt jeder, der zu einem geistigen Erkennen aufrückt, als erwas wieder, wodurch man hineinsieht in eine geistige Welt. So begreifen wir, wie das, was dem Moses auf hellseherische Art gegeben werden mußte, ein neues Bewußtsein von dem Weltengeiste sein mußte, der die Welt durchwebt und durchlebt. Während die früheren Völker zu der Mehrheit der Weltenkräfte so aufgeschaut haben, daß diese in die menschliche Seele in der Weise hereinwirken, daß die einzelnen Seelenkräfte nicht eine Einheit, sondern eine Mannigfaltigkeit darstellen, und die Menschenseele nur ihr Schauplatz ist — so sollte Moses nun einen solchen Weltengeist erkennen, der sich nicht bloß für eine einzelne Seelenkraft offenbart, der nicht neben Geistern gleichen Wertes steht, die in andere Seelenkräfte hereinwirken; sondern jenen Weltengeist sollte Moses erkennen, der sich nur offenbaren kann im tiefsten, allerheiligsten Mittelpunkte des Seelenlebens, der sich nur auslebt in dem Ich selber, wo die menschliche Seele sich ihres Zentrums bewußt wird. Wenn die menschliche Seele fühlt, daß sie in dem Ich so in dem Weben und Leben des Geistigen steht, wie die Völker einst gefühlt haben, daß sie mit ihrem Wesen in den geistigen Weltenkräften stehen, dann fühlt die Seele, was sich dem Moses zuerst durch hellseherisches Erkennen offenbarte und was als der Weltengrund beachtet werden sollte, von dem die Völker durch Moses den Impuls bekamen, und den man mit dem Verstande, der die Erscheinungen der Welt kombiniert, begreifen kann als das, was als eine Einheitlichkeit der Welt zugrunde liegt. Wenn der Mensch heute auf den Mittelpunkt seines Seelenlebens blickt, so ist dieser selbst noch etwas, was ihm recht arm an Inhalt erscheinen muß, trotzdem es das Stärkste ist, was der Mensch erleben kann. Auf diesen Mittelpunkt ihres Seelenlebens haben sich insbesondere hochbegabte Naturen im Verlaufe ihres Lebens hingewiesen gefühlt, so zum Beispiel Jean Paul, der in seiner Selbstbiographie erzählt: «Nie vergeß’ ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht ‹ich bin ein Ich› wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.» — Was das «verhangene Allerheiligste» ist, erscheint dem Menschen zwar als das Stärkste, als das Kraftvollste des Seelenlebens, aber er kann sich dessen nicht so bewußt werden wie der mannigfaltigen anderen Seelenerlebnisse: es ist nicht so reich. Wenn sich der Mensch auf diesen Mittelpunkt zurückzieht, so fühlt er, daß in dem wunderbaren Worte «Ich bin» mächtig und intensiv, aber eben mit geringem Wortinhalt, dieser Mittelpunkt seines Seelenlebens erklingt.

[ ] A course of events of this nature is especially noticeable with the Egyptians, and we have already become acquainted with their peculiar characteristics during the lecture devoted to Hermes. The Egyptians had been assigned a lofty mission in connection with the collective progress and development of humanity; and all that was embodied therein was perfected and fulfilled, while the seeds of that which was to follow had been laid in the Egyptian civilization. The people of this great nation, however, retained their original temperament and singular characteristics and were therefore not of themselves capable of formulating and undertaking a new mission. Hence it came about that the control and government of the succeeding community passed into other hands. The source out of which the fresh movement evolved was fundamentally Egyptian, but the mission itself was destined to assume a different character.

[ 15 ] Bis hinein in dieses verhangene Allerheiligste wirkt derjenige Weltengeist, der dem Moses als der einheitliche Weltengeist klar wurde. Was Wunder, als dieser Weltengeist sich ihm offenbarte, daß Moses sich sagte: Wenn ich die Aufgabe erhalte, hinzutreten vor das Volk, um eine Kultur zu inaugurieren, die auf Selbstbewußtsein begründet sein soll, wer wird mir glauben? Auf welchen Namen soll ich meine Mission stiften? Zur Antwort bekam er: «Du sollst sagen: Ich bin der ICH-BIN!» — Das heißt: Du kannst den Namen jenes Wesens, das sich im innersten Allerheiligsten des Menschenwesens ankündigt, nicht anders ausdrücken als mit dem Worte, welches das Selbstsein bezeichnet! So erblickte Moses in der Erscheinung des brennenden Dornbusches die Jahve- oder Jehova-Natur, und wir begreifen, daß in der Stunde, da in Moses der Name des Jahve aufging als «Ich bin», eine neue Strömung, ein neues Element in die Entwickelung der Menschheit hereintrat, daß abgelöst werden sollte die alte ägyptische Kultur, an der Moses nur seine Seele heranzubilden hatte, um das zu verstehen, was ihm im Leben als Höchstes begegnen sollte.

[ ] Here we note something akin to a change of tendency in the whole purport of man’s evolution, and in order that we may understand the circumstances, it is necessary that we immerse ourselves deeply in the study of all that pertained to the growth and development of the Egyptian mission. When Moses had acquired all the knowledge and information possible concerning this matter, he pondered deeply and the souls of his people were stirred. It was, however, not his task to carry on the ancient Egyptian mission; he must evolve therefrom some entirely new plan which he might instil into the course of human evolution. It is because his concept was so mighty, so comprehensive and so penetrating in its nature, that the personality of Moses exerted so powerful an Influence upon the whole history of mankind. The way in which the Moses Mission was evolved out of the past evolution of the Egyptian people is even in our day of the greatest interest, while its example and study yet bear abundant fruit. That knowledge and understanding which came to Moses from the Egyptians, and which was enhanced through his contact with the lofty and eternal course of spiritual development has ever reached outward, until it has now become active in our soul-life.

[ 16 ] Dann haben wir die Unterredung des Moses mit dem Pharao. Der können wir leicht ansehen, daß sich Moses und Pharao gegenüberstehen und sich nicht verstehen können. Die Schilderungen sollen darstellen, daß alles, was Moses aus einem vollständig gewandelten Menschenbewußtsein zu sagen hat, dem Pharao unverständlich bleiben muß, in dem nur die Fortwirkungen der alten hellseherischen ÄÄgypterkultur leben können. Das wird uns anschaulich in der Art dargestellt, wie hellseherische Urkunden reden. Denn Moses redet eine neue Sprache, kleidet das, was er zu sagen hat, in Worte, die aus dem Ich-Bewußtsein der menschlichen Seele entspringen, die ganz unverständlich bleiben mußten gegenüber dem, was der Pharao nur denken konnte. So war das ganze ägyptische Volk bis zu jener Weltenstunde mit einer Mission bedacht, die es auf Grundlage des alten hellseherischen Bewußtseins vollbringen konnte. Aber die Uhr dafür war abgelaufen. Wenn das ägyptische Volk weiterlebte, so lebte es weiter mit den Volkseigenschaften, mit dem Temperament und so weiter, die es vorher hatte, aber es fand nicht den Übergang aus dem Abgrund, der zwischen der alten Zeit und der neuen, für die gerade das hebräische Volk bestimmt war, sich auftat. Diesen Übergang von der alten in die neue Zeit fand Moses. Daher wurde das Andenken an das, was Moses mit seinem Volke gefunden hat, zur Erinnerung des Überganges von der alten in die neue Zeit, das Passah, fortgefeiert. Denn dieses Passah sollte daran erinnern, daß mit Moses die Möglichkeit gegeben war, den Abgrund von der alten in die neue Zeit zu überbrücken. Die Ägypter konnten diesen Abgrund nicht überbrücken, während sie als Volk stehenblieben und die Zeit über sie hinwegging. So haben wir uns das Verhältnis des Moses zu den Ägyptern und zu seinem eigenen Volke zu denken.

[ ] Hence, the impression we have gained of Moses is that of a personality not directly dependent upon any particular period, or upon any special mission, for that wisdom which was his to impart to humanity. We regard him as one whose soul must have been stirred by those eternally surging waves of Divine influence, that ever find new channels through which to reach deep down into the evolution of mankind, so that man may be productive and bring forth goodly fruits. It is as if the ever-lasting germ of wisdom implanted in the soul of Moses, found its fitting soil, and ripened, in the light of that knowledge which came to him from the Egyptian civilization.

[ 17 ] Was Moses seinem eigenen Volke zu geben hatte, das war ganz begründet in der Natur des althebräischen Volkes, Was war es? Es sollte das alte Hellsehen von dem intellektuellen Verstandes-Bewußtsein abgelöst werden. Nun ist in den vorhergehenden Vorträgen dargestellt worden, wie hellseherisches Bewußtsein nicht an die äußere Körperlichkeit gebunden ist, wie es sich frei entfaltet gerade dann, wenn der Mensch durch seine Seelenübungen frei wird in dem Seelenleben von dem äußeren körperlichen Instrument. Das intellektuelle Bewußtsein aber hat gerade zu seinem Instrument und Werkzeug den menschlichen Organismus, wie er an das Gehirn und an das Blut gebunden ist. Was früher gleichsam über der physischen Organisation schwebte und seine Fortentwickelung jenseits der Organisation durch die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gefunden hat, das mußte sich einleben als gebunden an eine physische Organisation, das heißt gebunden an das, was mit dem Blute des Volkes von Generation zu Generation weiterfloß. Daher konnte das, was Moses geben sollte, weil es der Impuls war zu einer intellektuellen Kultur, nur einem Volke gegeben werden, das streng hielt auf das Fortströmen des Blutes durch die Generationen. An dieses Instrument war zunächst das Wesen der neuen Kultur gebunden. Es mußte sich so ausleben, daß es sich nicht bloß an dem Geistigen auslebte, sondern so, daß das Volk herausgeholt wurde aus dem anderen Volke, innerhalb dessen es seine Vorbereitung genossen hatte, und dann rein für sich in getrennter Generationenfolge, in getrennter Blutströmung durch die Jahrhunderte hindurch das äußere Werkzeug entwickelte, das der intellektuellen Kultur für alle Zukunft die Grundlage schaffen sollte.

[ ] The Bible account of the finding of Moses enclosed in an Ark, shortly after his birth (Ex. ii. 5), is a symbolical description according to the ancient mode, from which we are to understand that in Moses we are concerned with a soul that drew upon eternal sources for the most lofty of those concepts which it proffered to humanity. Anyone who understands the singular form in which such religious narratives are developed, knows that this particular style is always indicative of some matter of deep significance. During former lectures of this series, we have learnt that when man desires to raise his capacity of apprehension to the higher level of the spiritual spheres he must pass through certain stages of soul development, during which he completely shuts himself off from the external world, and also from that ever wakeful call emanating from the lowest forces of the soul.

[ 18 ] So zeigt sich uns, wie die Weltgeschichte sinnvoll wird und wie das Geistige an das äußerliche physische Werkzeug des Blutes geknüpft ist. Wir können in der Bibel sehen, wie der Darsteller bemührt ist zu zeigen, daß der Übergang von der alten Kultur der Ägypter zu der Kultur des Moses in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung dargestellt sein sollte, so zum Beispiel bei dem Durchgang durch das Rote Meer. Hinter dem Durchgehen der Israeliten durch das Meer und dem Ertrinken der Ägypter verbirgt sich eine wunderbare Tatsache für die Entwickelung der Menschheit. Diese Tatsache wird uns nur erklärlich, wenn wir diese Ereignisse verstehen.

[ ] Let us suppose that we wished to express figuratively, that at birth some personality entering upon earth life came upon the world endowed with certain Divine gifts which would later raise him to great heights in his relation to mankind. We might well indicate this concept by developing a narrative telling us that it was essential that this being should, shortly after birth, pass through some material experience of such nature as to cause all his sense perceptions and powers of external apprehension to be for a time entirely shut off from the physical world.1The underlying suggestion here involved is, that the fact that it is necessary that the perceptual faculties be held in abeyance for the time being, indicates that this particular personality, already possessed other faculties of a spiritual order, which being thus freed would become operative. [Ed.] Viewed in this light the Bible story concerning the discovery of Moses becomes quite intelligible.

[ 19 ] Da sehen wir an dem ägyptischen Volke sich bewahrheiten, was für die Seelenkräfte notwendigerweise mit dem zusammenhängt, was man hellseherische Kultur nennt. Sie werden nach dem, was bis jetzt in diesen Vorträgen vorgebracht worden ist, nicht voraussetzen, daß ich den Menschen nahe an die Tiernatur heranbringen will. Aber was hier klarzumachen ist, das ist am besten einzusehen, wenn wir den Ausgangspunkt von der tierischen Organisation nehmen. Wir müssen uns denken, daß das ganze tierische Vorstellen und das tierische Seelenleben ein traumhaftes, ein dumpfes ist gegenüber dem menschlichen, namentlich gegenüber dem intellektuellen Seelenleben. Obzwar das alte menschliche Hellsehen durchaus nicht an das tierische Seelenleben herangebracht werden darf und sich radikal von ihm unterscheidet, so dürfen wir uns an dem tierischen Seelenleben, an dem Instinktleben des Tieres doch einen Zug verdeutlichen, den das alte menschliche Seelenleben auch hatte. Wenn es auch in den betreffenden Schilderungen oft übertrieben ist, so liegt doch etwas Wahres dem zugrunde, daß dort, wo Erdbeben, Vulkanausbrüche und so weiter geschehen, die Tiere tagelang vorher Reißaus nehmen, die Flucht ergreifen. Während die Menschen, die alles aus ihrem Intellekt heraus begreifen, sitzenbleiben, werden die Tiere aufgerüttelt. So sehen wir an das dumpfe Instinktleben des Tieres ein Verwobensein mit dem Naturleben gebunden und sehen, wie es wirkt. Die Schilderungen sind oft übertrieben. Aber wer die Geisteswissenschaft kennt, der weiß, daß die tierische Natur so hineinverwoben in das ganze umliegende Naturleben ist, daß wir beim Tier gewissermaßen von einem «Wissen» reden können, das in seinen elementaren Kräften das Leben des Tieres regelt und das der Mensch deshalb nicht hat, weil er seinen höheren Intellekt entwickelt, der ihn befähigt, die Dinge durch Begriffe zusammenzufassen, der ihn aber auch wieder aus dem Verwobensein mit der Natur selber herausgerissen hat.

[ ] We read that the daughter of the Egyptian King Pharaoh [sent her maid to the river to fetch the Ark, in which was the child] and that she herself named him Moses—‘Because,’ she said, ‘I drew him out of the water.’ (Ex. ii, 10.) Those who are aware of the true meaning of the name ‘Moses’, know that it signifies this act, as is indicated in the Bible. From this graphic narrative we are to understand that the daughter of Pharaoh, who is here symbolical of Egyptian culture, guided the influx of external life into a soul touched with the attributes of eternity. At the same time we find intimated in a wonderful manner that the imperishable message which Moses was destined to bring to humanity was as one might say, enfolded and lay within an outer shell encompassed and enveloped by the old Egyptian culture and mission.

[ 20 ] Nun müssen wir uns mit dem alten Hellsehen ein solches instinktives Verwobensein auch des Menschen mit den Naturtatsachen verbunden denken, ein instinktives Erkennen, das dem Menschen sagte: Dies und das geschieht; es bereitet sich dies oder jenes vor, — wie ja auch bei Menschen, die sich durch die Anstrengungen der Seele zu einer höheren Erkenntnis hinauferheben, wenn ihre ganze Anlage dafür günstig ist, ein solches Hineinschauen in die Naturtatsachen möglich wird, ein Hineinschauen, für das man keine «Gründe» angeben kann. Wer an seiner Seele arbeitet und aus der Konfiguration der Seele heraus manches zu sagen weiß, was das intellektuelle Bewußtsein nicht zu sagen weiß, der fühlt sich unbehaglich, wenn man dann überall fragt: Warum ist das so? Beweise mir, was du zu sagen hast! — Man merkt nicht, daß ein solches Wissen ganz andere Wege einschlägt als das Wissen, das aus der Verstandeslogik heraus gewonnen ist. Es ist durchaus treffend, daß Goethe, wenn er zum Fenster hinaussah, oft fürStunden voraussagen konnte, was für ein Wetter eintreten würde. Denken wir uns das bei den alten Menschen so vorhanden, daß sie durch Eintreten in die geistige Welt die Möglichkeit hatten, mit der Natur und ihren Tatsachen ganz anders verwoben zu sein als die heutigen Menschen mit ihrer Wissenschaft, dann werden wir einen der Grundzüge des alten Hellsehens für die Lebenspraxis begreifen. Die alte Menschheit hatte keine meteorologischen Anstalten und Berichte, wo aus Zeitungen und so weiter die Witterung vorausgesagt werden konnte, aber sie hatte ein Empfinden, richtete sich nach ihrem Blick, der ihr in anschaulicher Weise darstellte, was eintreten wird. Das war ganz besonders in einem hohen Grade bei den alten Ägyptern der Fall, ohne daß sie unser zerlegendes Wissen und unsere Wissenschaft hatten; sie wußten sich so zu benehmen, daß es dem lebendigen Zusammenhange mit der ganzen Umwelt entsprach. Aber gerade weil die Weltenzeit für die ägyptische Kultur abgelaufen war, deshalb war immer mehr und mehr diese Fähigkeit der Ägypter in Verfall gekommen, und sie waren immer weniger und weniger imstande, sich in die Tatsachen der Natur hineinzufinden, wußten nicht mehr aus den Konstellationen der äußeren Elemente anzugeben, wie sie sich verhalten sollten. Denn die Menschen sollten die Konstellationen der äußeren Elemente mit dem Verstande durchschauen lernen, und Moses sollte dafür den Impuls noch aus dem hellseherischen Bewußtsein heraus geben.

[ ] Next follow descriptions of external events which occurred during the life-development of Moses; and we realize once again from the form in which they are presented, that they have reference to actual outer happenings. All that we read concerning the vicissitudes of Moses, especially where mention is made of his grief and distress over the bondage of his people in Egypt, may be regarded as an actual account of mundane events. As the story continues, it merges almost imperceptibly into a graphic portrayal of his inner soul-life and soul-experiences. This occurs at that place where it is stated that he fled away and was finally guided to a priest of Midian whose name was Jethro or Ruel. (Ex. ii, 15 to 20.)

[ 21 ] Da sehen wir Moses mit seinem Volke hingestellt vor das Rote Meer, Durch ein Wissen, das dem unsrigen ähnlich ist, das bei ihm ins Hellseherische noch übersetzt ist, erkennt er, wie durch die natürlichen Zusammenhänge — durch eine besonders kombinierte Verbindung von Ostwind und dem ebbe- und flutartigen Gang des Meeres — eine Möglichkeit besteht, sein Volk zur günstigen Stunde durch das Meer hindurchzuführen. Dazu wird uns die Tatsache geschildert und gezeigt: Moses steht da als der Begründer der neuen, intellektualisierten Weltanschauung, die durchaus noch nicht abgelaufen erscheint, die den Menschen erst wieder lehren wird, die Lebenspraxis in Einklang mit den Naturverhältnissen zu bringen, wie es Moses getan hat. Die Ägypter waren ein Volk, dessen Stunde abgelaufen war; sie konnten nicht mehr wissen, was in später Stunde geschieht. Die alten Naturinstinkte waren bei ihnen verfallen. So standen sie an derselben Stelle wie in den alten Zeiten. Aber in den alten Zeiten hätten sie sich gesagt: Wir können jetzt nicht mehr hinüber! — Dieses alte, instinktive Naturfühlen war bei ihnen in Dekadenz gekommen, und in das neue, intellektuelle Bewußtsein konnten sie sich nicht hineinleben. Daher standen sie vor dem Roten Meere ratlos und beirrt da durch ihr nicht mehr maßgebendes Bewußtsein und verfielen dem Unglück. So sehen wir, wie das neue Element des Moses recht kontrastiert mit dem alten Element, sehen das alte Hellsehen so in Verfall gekommen, daß es an sich irre werden muß und sich durch das Nicht-mehr-Hineinpassen in die neue Zeit den Untergang bereiten muß. Wenn wir durch solche scheinbar äußeren Schilderungen auf das durchblicken, was der Darsteller eigentlich sagen will, so finden wir in solchen Angaben die großen Wendepunkte der Menschheitsentwickelung charakterisiert und begreifen, daß es gar nicht leicht ist, aus der ganzen eigenartigen Darstellung der alten Schriften die Bedeutung solcher Persönlichkeiten — wie zum Beispiel Moses — herauszufinden. Daß Moses ganz auf einem alten Hellsehen fußte, daß bei ihm die neue intellektuelle Kultur noch hellsehend war, das wird uns auch noch später da gezeigt, wo es sich entscheiden soll, ob er nun wirklich sein Volk nach Palästina hinüberführen soll. Dieses Volk sollte ja hinübergeführt werden als das, welches durch die ganze Blutart die intellektuelle Kultur begründen sollte. Was Moses als Hellsehen hatte, das konnte den Impuls geben, konnte aber selbst diese Kultur nicht sein. Denn hellsehend sollte diese Kultur nicht sein; sie sollte gerade als ein Neues gegenüber dem alten Hellsehen auftreten. Daher sehen wir, wie Moses sich berufen fühlte, sein Volk bis zu einem gewissen Punkte zu führen, es selber aber nicht in das neue Land führen konnte. Das sollte er denen überlassen, die zu der neuen Kultur berufen sind. Klar wird uns das in der Bibel gesagt. Während Moses der Verkünder des Gottes ist, der bis in die Ich-Wesenheit hinein sich verkündet, wird uns aber auch angedeutet, daß Moses nur imstande ist, durch seinen hellseherischen Blick die Wortgewalt dieses Weltengeistes zu vernehmen. Und als er in einer Lage ist, wo er — sich selbst überlassen — seinem Volke helfen soll, da flieht er zum Zelte hin, wo er hellseherisch seines Gottes wieder ansichtig werden könnte. Da wird ihm aber gesagt: Weil du nicht fortführen konntest, was dir im hellseherischen Denken gegeben ist, so muß ein anderer dein Volk fortführen. — Daraus spricht etwas, wodurch er uns aber auch wie in einem Glanze erscheint, der sagen will, daß der, der hellseherisch ist, als ein Prophet wie keiner mehr in Israel aufgetreten ist. Damit ist angedeutet, daß er der letzte war, der ein solches Hellsehen hatte, und daß die neue Kultur ohne Hellsehen, auf bloße Überlieferung hin und auf bloße Intellektualität bei den entsprechenden Völkern weiterwirken sollte, damit vorbereitet werden konnte, daß das Ich, dessen sich die Menschheit jetzt auf dieser neuen Kulturgrundlage bewußt geworden war, in sich aufnehmen konnte ein neues Element.

[ ] Anyone having the knowledge and discernment necessary in order to discover the existence of a story of this nature underlying what, at first sight, would appear to be an ordinary spiritual narrative, would at once realize from the very names alone that the account changes its whole character at this point and passes over to a description of soul-events. We do not mean to suggest that Moses did not actually set out upon a journey to some temple sanctuary or abode of priestly learning; but rather that the whole narrative has been most ingeniously developed and told in such manner that external happenings are deliberately intermingled with the soul-experiences of the great patriarch. Thus do we find that all outer life-experiences mentioned at this point are suggestive of the trials and tribulations against which Moses struggled in order to attain to a more exalted soul-state.

[ 22 ] Durch die Mission des Moses war die Menschheit bis dahin geführt worden, wo sie einsehen konnte, daß der die Welt durchwebende und durchlebende Weltengeist sich am deutlichsten, am menschlichsten fühlen läßt im Ich-bin, im innersten Mittelpunkt der menschlichen Seele, daß aber erst das Ich-bin sich mit einem Gehalte anfüllen muß, der nun wieder die Welt umfassen kann, so daß das arme Wort Ich-bin reichsten Inhalt erhalten kann. Dazu war aber eine andere Mission notwendig, die Mission, die dann mit dem bedeutungsvollen Wort des Paulus ausgesprochen werden konnte: «Nicht ich — sondern der Christus in mir!» Bis zur Begründung einer Ich-Kultur hatte Moses die Menschheit geführt. Einzuleben hatte sich nun die Ich-Kultur wie eine Gabe von oben, wie eine Volkskultur, wie ein Gefäß, das neuen geistigen Inhalt aufnehmen sollte. Es sollte das Ich sich zunächst im Schoße des althebräischen Volkes entwickeln, und hineinfallen sollte in das Gefäß dasjenige, was von einem wirklich echten Verständnis der palästinensischen Ereignisse des Mysteriums von Golgatha ausgehen konnte. Da sollte das Ich wieder einen neuen Inhalt bekommen, einen Inhalt, der nun selber aus der geistigen Welt geschöpft war. Was aus der vorbereitenden Menschheitsentwickelung des althebräischen Volkes Neues in das Ich hineingegossen wurde, das können wir am besten ersehen, wenn wir die wunderbare, aber nur aus der Eigenart des althebräischen Volkes verständliche Tragödie des Buches Hiob uns vor Augen führen.

[ ] What, then, is the actual significance of Jethro? From the Bible we learn that he was one of those mysterious individualities whom we meet again and again when we study the evolution and development of the human race. Beings who stand supreme in having won their way through toil and effort to that lofty standard of knowledge and discernment which can only be acquired, slowly and gradually, through veritable experience of the soul’s inner conflicts. It is in this wise alone that man may gain true understanding of those grand spiritual heights where lie the paths ever traversed by such exalted ones. Moses became, to a certain extent, a disciple of Jethro, and through this association his mission was destined to receive a direct impulse. Now, Jethro was one of those incomprehensible beings who withhold their innermost nature from the apprehension of mankind, though acting on occasion as teachers and leaders of men. In these days there is much doubt and incredulity regarding the reality of such mystic personalities, but that they have indeed existed becomes evident to every earnest student of the historical development of humanity.

[ 23 ] Da wird uns erzählt, daß Hiob — trotzdem er als ein Gerechter festhält an seinem Gotte und sich bewußt ist, daß alles, was er hat, von seinem Gotte stammt — Unglück über Unglück erfährt an seinem Eigentum, an seiner Familie, an seiner Person selber, so daß an den Offenbarungen seines Gottes etwas ist, was ihn irre machen könnte, daß nun wirklich jener Weltengeist, von dem wir eben gesprochen haben, sich auslebt im menschlichen Ich. So weit geht es, daß das Weib des Hiob nicht begreifen kann, warum ihr Mann noch an seinem Gotte festhält, und ihm daher das bedeutungsvolle Wort sagt, das von einer unvergleichlichen Bedeutung ist: «Sage deinem Gotte ab — und stirb!» Was heißt also im Sinne dieser bedeutungsvollen allegorischen Tragödie dieses Wort: «Sage deinem Gotte ab und stirb»? Nichts anderes als: Wenn der Gott, der der Quell deines Lebens sein soll, dich so behandelt, so sage ihm ab. Aber gewiß ist es dann, daß der Tod das Los ist der Absage an Gott, so daß der, welcher dem Gotte absagt, sich heraushebt aus dem lebendigen Werdegang. Die Freunde des Hiob können es nicht begreifen, daß er keine Sünde auf sich geladen habe, da sich doch die Ergebnisse an der gerechten Persönlichkeit ausleben müßten. Ja, der Darsteller selbst kann uns nicht anders begreiflich machen, daß die Weltgerechtigkeit dennoch besteht, als dadurch, daß der tiefgebeugte, ins Elend geworfene Hiob dennoch einen Ersatz bekommt in der physischen Welt für alles, was er verloren hat.

[ ] The account of the experiences of Moses while a disciple of this great wise priest, opens with a description of his meeting with Jethro’s seven daughters [in the land of Midian. Ex. ii, 15, 16] near-by to a well (a symbol betokening:—source of wisdom). Anyone who would comprehend the deeper significance underlying a graphic narrative of this nature must above all remember that mystical descriptions of every period have symbolically portrayed all such knowledge and power as the soul itself may display in the form of female figures—even down to Goethe, who in the closing words of Faust, alludes to the ‘eternal feminine’. Thus in the seven daughters of Jethro, we recognize the seven human soul-forces, over which that priestly character ever exercised control.2The seven human soul-forces to which reference is here made, are those cosmic-influences which act through the soul in connection with the seven principles of man’s organism. These ‘seven principles’ are as follows:—
(1) The Physical body. (2) The Etheric or Life Body. (3) ‘The Astral Body. (4) The Ego or Body of Consciousness, which sets about transforming the first three by acting upon the psychic principles. Within the Ego is:
(5) Atma. Spirit-man as transmuted Physical Body.
(6) Buddi. Life-spirit as transmuted Etheric or Life Body.
(7) Manas. Spirit-self as transmuted Astral Body.
The latter, Manas, is partly developed; but of Atma and Buddi there is merely a seed.
Vide, Investigations in Occultism by Rudolf Steiner. Published by G. P. Putnam’s Sons, London and New York. [Ed.]

[ 24 ] So klingt durch schon in der bedeutungsvollen Allegorie des Buches Hiob das Moses-Bewußtsein, so daß wir sehen: Es ist der Mensch gewiesen bis zu seinem Ich. Aber in dem Augenblick, wo er irren kann, da das Ich sich ausleben kann im Physischen, da verliert er — oder kann verlieren — das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Lebensquell. Daß aber nicht bloß Ausgleich sein soll in der Welt des Physischen, sondern daß bei allem Verfall in das Elend des Physischen, in das Leid und in den Schmerz des Physischen der Mensch Sieger sein kann über alles Physische, weil in sein Ich nicht bloß der Urquell alles in Zeit und Raum Ausgedehnten hereinscheint, sondern weil in sein Ich herein die Macht des Ewigen aufgenommen werden kann — daß der Mensch dies verstehen lernt, das war mit dem Christus-Impuls gegeben. So war mit dem Worte des Paulus «Nicht ich — sondern der Christus in mir» gesagt: Bei Moses wurden die Menschen bis dahin geführt, daß sie begriffen: Alles, was die Welt in Raum und Zeit durchlebt und durchwebt, spricht sich in tiefster Eigenart im menschlichen Ich aus. Man begreift die Welt, wenn man sie in ihrer Einheit wie aus einem solchen Ich hervorgehend begreift. Willst du aber das Ewige in das Ich aufnehmen, so mußt du nicht bloß die Zusammenfassung des Zeitlichen, nicht bloß die Jahve-Einheit hinter allem in Raum und Zeit Ausgebreiteten erkennen, sondern den konzentrisch hinter aller Einheit selbst gegebenen Christus-Quell!

[ ] We must bear in mind that in those ancient times when man’s consciousness was still quickened by the old clairvoyance, other views prevailed regarding the nature of the human soul and its various powers. The only way in which we can form any conception of this primordial consciousness is by starting with our current ideas as a basis. We speak in these days of man’s soul and its powers of thinking, feeling and willing, as if these forces were within us, contained, as one might say, in the very soul itself; and this concept is essentially correct, as viewed from the stand-point of intellectual consciousness. Primeval man, however, under the influence of his gift for clairvoyant vision, regarded the soul and its workings from a different aspect. He was not aware of any centralized system in this connection and did not look upon his powers of thought, feeling and will, as forces whose mid-point of activity is situated in the Ego and which determine the oneness and individuality of the soul, but regarded himself as wholly subservient to the Macrocosm and its several forces; while each separate source of energy within his soul seemed linked with specific and divine spiritual beings. This concept may be compared to one in which we might conceive our thought activities as prompted and maintained by some spiritual soul-power other than that which stimulates and influences the faculties of feeling and will. We would thus picture separate currents of spiritual energy as flowing inward from the Macrocosm, and activating our powers of thought, feeling and willing. Although in these days we form no such conception, it was thus that primeval man regarded his soul, not as a centralized unit in itself, but rather as a theatre in which the divine spiritual powers of the cosmos might unceasingly play their several parts. In connection with Moses, reference is made to seven such forces, which are conceived as ever active upon the stage of soul-life.

[ 25 ] Damit sehen wir die Persönlichkeit des Moses als die wahre vorbereitende Persönlichkeit für das Christentum; sehen, wie dem menschlichen Selbstbewußtsein durch Moses gleichsam das Gefäß eingepflanzt worden ist, das nun in aller künftigen Menschheitsentwickelung durch die ewige geistige Substantialität, das heißt — im rechten Sinne verstanden — durch die Christus-Wesenheit ausgefüllt werden soll. So verstehen wir, wie Moses hereingestellt ist in den menschlichen Werdegang. Gerade durch eine solche Betrachtung gewinnt alles Anschauen in der Geschichte den tiefsten Sinn. Daß in diesem oder jenem Zeitpunkt diese oder jene Persönlichkeiten auftreten, daß durch dieselben jene ewigen Quellen für die Menschheit fließen, welche die Menschheit in ihrem Werdegange vorwärtsbringen, das erzeugt in uns das Gefühl von dem echten Zusammenhange des Einzelnen mit der ganzen Menschheitsentwickelung, auf den schon im vorigen Vortrage über Buddha aufmerksam gemacht worden ist.

[ ] We have only to turn to Plato in order to realize that man's outlook upon the evolution of human consciousness changed and became in general ever more and more abstract and intellectual. Plato conceived ‘Ideas’ to be living entities, leading an existence such as in our time could only be thought of in connection with matter; while each separate soul-force is pictured as possessing an attribute which plays its part in the theatre of the soul’s totality. Gradually the conceptions formed regarding the capacity of the soul became increasingly abstract while the Unity of the Ego assumed more and more its rightful place in man’s concepts.

[ 26 ] Wenn wir so die Menschheitsentwickelung überblicken, sagen wir uns: Wir lernen uns in einem lebendigen Sinn der Entwickelung drinnenstehend erkennen. Wir lernen erkennen, wie sozusagen die Weltengeister mit unserem Dasein etwas gemeint haben, und wie das, was sie gemeint haben, im Leben immer mehr und mehr zum Vorschein kommt. Ja, gerade die Betrachtungen der größten Geister und der größten Ereignisse der Weltentwickelung und der Menschheitsgeschichte statten uns mit jenem Kraftbewußtsein, jener Zuversicht in unserer Seele aus, mit jener Hoffnungssicherheit, mit der wir dadurch allein in der gesamten Menschheitsbestimmung drinnenstehen können, daß wir die Weltgeschichte so überblicken und aufs neue das schöne Goethe-Wort empfinden, daß «das Beste», was die Geschichte in uns erzeugen kann, «der Enthusiasmus» ist. Jener Enthusiasmus aber, der nicht bloß tote Bewunderung bleibt, sondern der darin besteht, daß wir die Samen der Vorzeit in unsere Seele aufnehmen und die Samen für die Zukunft zu Früchten entwickeln. Und des Dichters Wort belebt sich in einer etwas veränderten Form, indem wir aus der Betrachtung der größten Persönlichkeiten und der größten Ereignisse die Wahrheit gewinnen:

[ ] Strange as it may appear, in the medieval conception of the seven liberal arts,3In the Middle Ages, the Liberal Arts (artes liberales) were considered to be seven in number, namely, music, grammar, rhetoric,logic, arithmetic, geometry and astronomy. Plato and Aristotle, distinguished between the practical arts, and the so-called liberal arts, which latter were concerned with progress of an ethical or literary character. [Ed.]
4. Die Zeit, sie ist eine blühende Flur,
Ein grosses Lebendiges ist der Menschheit Werdegang,
Und alles ist Frucht und alles ist Same!
we can still recognize in abstract form characteristics typical of the symbolic representation of the seven active spiritual forces of soul-life in the seven daughters of the Midianite priest, Jethro. The manner in which the seven liberal arts were evolved and brought to light was as a last dim echo (touched with a modern trend of thought) of that consciousness which recognized that seven distinct faculties persist, and are ever active in the scenes staged in the theatre of man’s soul.

Die Zeit, sie ist eine blühende Flur,
Ein großes Lebendiges ist der Menschheit Werdegang,
Und alles ist Frucht, und alles ist Same!

[ ] When we consider the above concepts, we begin to realize that while, from the spiritual standpoint, Moses was confronted with the collective aspect of these seven human soul-forces, nevertheless, his chief mission was to implant one particular soul-influence in the form of an impulse deeply and fully in the course of human evolution. This it was possible for him to do, because it lay in the blood and in the temperament of his people to manifest an especial interest in that outstanding soul-power, the activities of which have been felt right on down to our own time, and which it was his task to instil. We refer to that dominant soul-energy which unites all those forces, previously regarded as separate and detached, in one centralized and homogeneous bond of inner soul-life—the life of the true self—the Ego. We are next told that one of the daughters of Jethro married Moses; this means that within his soul one of these forces became especially active, so much so indeed, that owing to its influence it became for a long period a dominating power in human evolution, reducing all other soul-forces to a unified Soul-Ego.