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The Essence of Anthroposophy
GA 74

24 May 1920, Dornach

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3. Die Bedeutung des Thomismus in der Gegenwart

Lecture Three

[ 1 ] Es war gestern mein Bemühen, am Schlusse der Betrachtungen über die Hochscholastik darauf hinzuweisen, wie das Wesentlichste in einer Gedankenströmung die Probleme sind, die Probleme, die in einer ganz bestimmten Weise in den Menschenseelen sich kundgaben, und die ja eigentlich doch alle gipfelten in einer gewissen Sehnsucht, zu begreifen: Wie erlangt der Mensch diejenigen Erkenntnisse, die ihm zum Leben notwendig sind, und wie gliedern sich diese Erkenntnisse in dasjenige ein, was dazumal in sozialer Beziehung die Gemüter beherrschte, wie gliedert sich das, was an Erkenntnissen gewonnen werden kann, ein in den Glaubensinhalt der christlichen Kirche des Abendlandes?

[ 1 ] Yesterday at the end of the considerations about High Scholasticism, I attempted to point out that the most essential of a current of thought are problems that made themselves known in a particular way in the human being. They culminated in a certain yearning to understand: how does the human being attain that knowledge which is necessary for life, and how does this knowledge fit into that which controlled the minds in those days in social respect, how the knowledge does fit into the religious contents of the western church?

[ 2 ] Die ringenden Scholastiker haben es zunächst zu tun gehabt mit der menschlichen Individualität, die, wie wir gesehen haben, als solche sich immer mehr herausrang, die zunächst nicht mehr als solche imstande war, das Erkenntnisleben hinaufzutragen bis zu wirklichem, konkretem Geistinhalt, wie er noch heraufleuchtete im Laufe der Zeit aus dem, was übriggeblieben war von dem Neuplatonismus, was übriggeblieben war von dem Areopagiten und von Scotus Erigena. Ich habe auch schon darauf hingewiesen, daß die Impulse, die durch die Hochscholastik gegeben waren, in einer gewissen Weise fortlebten. Aber sie lebten so fort, daß man sagen kann: DieProbleme selbst sind groß und gewaltig, und die Art und Weise, wie sie gestellt waren — wir haben gestern gesehen, wie sie gestellt waren —, die wirkte noch lange nach. Und — das soll gerade der Inhalt der heutigen Betrachtung sein — eigentlich wirkt, wenn auch in ganz veränderter methodischer Form, dasjenige, was dazumal als das größte Problem aufging, das Verhältnis des Menschen zur sinnlichen und geistigen Wirklichkeit, es wirkt noch immer nach, wenn man es auch nicht sieht in der heutigen Zeit, wenn es auch in der heutigen Zeit scheinbar ganz der Scholastik entgegengesetzte Gestalt annimmt. Es wirkt nach. Es ist gewissermaßen das alles in den geistigen Betätigungen der Gegenwart noch, aber wesentlich verändert durch alles das, was in der Zwischenzeit wiederum durch bedeutsame Persönlichkeiten hingestellt worden ist in die europäische Menschheitsentwickelung auf dem philosophischen Gebiete.

[ 2 ] The scholastics were concerned with the human individuality at first who was no longer able to carry up the intellectual life to concrete spiritual contents, as it still shone from that which had remained from Neo-Platonism, from the Areopagite and Scotus Eriugena. I have also already pointed to the fact that the impulses of High Scholasticism lived on in a way. However, they lived on in such a way that one may say, the problems themselves are big and immense, and the way in which one put them had a lasting effect. These should be just the contents of the today's consideration—the biggest problem, the relationship of the human being to the sensory and the spiritual realities, still continues to have an effect even if in quite changed methodical form and even if one does not note it, even if it has apparently taken on a quite different form. All that is still in the intellectual activities of the present, but substantially transformed by that which significant personalities have contributed to the European development in the philosophical area in the meantime.

[ 3 ] Wir sehen auch, wenn wir hinübergehen von Thomas von Aquino zu dem Franziskanermönch, der wahrscheinlich aus Irland stammte und im Beginne des 14. Jahrhunderts in Paris, später in Köln gelehrt hat, Duns Scotus, wir sehen da sogleich, wenn wir zu dieser Persönlichkeit herüberkommen, wie gewissermaßen das Problem zu groß wird selbst für alles das, was an wunderbarer, intensiver Denktechnik zurückgeblieben war aus den Zeiten der eigentlichen Meisterschaft in der Denktechnik, aus den Zeiten der Scholastik.

[ 3 ] We also realise if we consider the Franciscan Monk Duns Scotus (~1266-1308) who taught in the beginning of the fourteenth century in Paris, later in Cologne, that as it were the problem becomes too big even for the excellent intellectual technique of scholasticism.

[ 4 ] Vor Duns Scotus steht neuerdings die Frage: Wie lebt das Menschlich-Seelische in dem Menschlich-Leiblichen? Es war noch so bei Thomas von Aquino, daß er — wie ich gestern auseinandersetzte — das Seelische sich hinein wirksam dachte in die Gesamtheit des Leiblichen. So daß der Mensch zwar, wenn er durch Empfängnis und Geburt hereintritt in das physisch-sinnliche Dasein, nur ausgerüstet wird durch die physisch-leibliche Vererbung mit den vegetativen Kräften, mit den gesamten mineralischen Kräften und mit den Kräften des sinnlichen Auffassungsvermögens, daß sich aber ohne Präexistenz eingliedert in den Menschen der eigentliche Intellekt, der tätige Intellekt, dasjenige, was Aristoteles den Nous poietikos genannt hat. Aber für Thomas ist die Sache so, daß dieser Nous poietikos nun gewissermaßen aufsaugt das gesamte Seelische — das vegetativisch Seelische, das animalisch Seelische — und nur die Körperlichkeit durchsetzt, um das in seinem Sinne umzuwandeln, zu metamorphosieren, um dann unsterblich fortzuleben mit dem, was er, der selbst aus ewigen Höhen heraus in den Menschenleib, aber ohne Präexistenz, eingezogen ist, aus diesem Menschenleib gewonnen hat.

[ 4 ] Duns Scotus feels confronted with the question: how does the human soul live in the human-body? Thomas Aquinas still imagined that the soul worked on the totality of the bodily. So that the human being is only equipped indeed, if he enters into the physical-sensory existence, by the physical-bodily heredity with the vegetative forces, with the mineral forces and with the forces of sensory perceptivity that, however, without pre-existence the real intellect integrates into the human being which Aristotle called nous poietikos. This nous poietikos now soaks up as it were the whole mental—the vegetative mental, the animal mental—and intersperses the corporeality only to transform it in its sense in order to live on then immortal with that which it has obtained—after it had entered into the human body from eternal heights but without pre-existence—from this human body.

[ 5 ] Duns Scotus kann sich ja schon nicht vorstellen, daß solch ein Aufsaugen des gesamten Kräftesystems der menschlichen Wesenheit durch den tätigen Verstand stattfinde. Er kann sich nur vorstellen, daß die menschliche Körperlichkeit gewissermaßen wie etwas Fertiges vorliegt, daß in einer gewissen selbständigen Weise durch das ganze Leben hindurch bleibt das vegetative, das animalische Prinzip, dann abgeworfen wird mit dem Tode, und daß nur das eigentlich geistige Prinzip, der intellectus agens, dann in die Unsterblichkeit übergeht. Scotus kann sich das ebensowenig vorstellen, was dem 'Thomas von Aquino noch vorgeschwebt hat: die Durchdringung des ganzen Leibes mit dem Menschlich-Seelisch-Geistigen, wie sein Schüler, Wilhelm von Ockham — der dann in München im 14. Jahrhundert gestorben ist, und der vor allen Dingen wieder zum Nominalismus zurückgekehrt ist —, weil ihm der menschliche Verstand etwas Abstraktes geworden ist, etwas, das ihm nicht mehr die geistige Welt repräsentierte, sondern was ihm nur aus der Überlegung gewonnen erschien, aus der sinnlichen Wahrnehmung. Er konnte sich nicht mehr vorstellen, daß nur in den Universalien, in den Ideen das gegeben sei, was nun eine Realität ergäbe. Er verfiel wiederum in den Nominalismus, wiederum in die Anschauung, daß dasjenige, was im Menschen sich festsetzt als Ideen, als allgemeine Begriffe, nur konzipiert ist aus der sinnlichen Umwelt, daß es eigentlich nur etwas ist, was im menschlichen Geiste, ich möchte sagen, um der bequemen Zusammenfassung des Daseins willen lebt als Name, als Worte. Kurz, er kehrte wiederum zurück zum Nominalismus.

[ 5 ] Duns Scotus cannot imagine that the active intellect soaks up the entire human system of forces. He can only imagine that the human corporeality is something finished that in a certain independent way the vegetative and animal principles remain the entire life through, then it is taken off at death and that only the actually spiritual principle, the intellectus agens, goes over to immortality. Scotus cannot imagine like Thomas Aquinas that the whole body is interspersed with soul and spirit because to him the human mind had become something abstract, something that did no longer represent the spiritual world to him but that seemed to him to be gained only from consideration, from sense perception. He could no longer imagine that only in the universals, in the ideas that would be given which would prove reality. He became addicted to nominalism—as later his follower Ockham (William of O., ~1288-1347) did—to the view that ideas, as general concepts in the human being are only conceived from the sensory environment that it is, actually, only something that lives as names, as words in the human mind, I would like to say, for the sake of comfortable subsumption of existence. Briefly, he returned to nominalism.

[ 6 ] Das ist im Grunde genommen eine bedeutsame Tatsache, denn man sieht, der Nominalismus, wie er zum Beispiel bei Roscellin aufgetreten ist — dem selbst die Trinität auseinandergefallen ist wegen seines Nominalismus —, dieser Nominalismus wird nur unterbrochen durch die intensive Gedankenarbeit des Albertus Magnus und Thomas von Aquino und einiger anderer, und gleich fällt die europäische Menschheit wiederum zurück in den Nominalismus, in jenen Nominalismus, der im Grunde genommen ist die Unfähigkeit der sich immer mehr und mehr heraufringenden Individualität des Menschen, das, was er im Geiste als Ideen gegenwärtig hat, zu fassen als eine geistige Realität, es so zu fassen, daß es etwas ist, was lebt in dem Menschen und lebt in einer gewissen Weise auch in den Dingen. Die Ideen werden von Realitäten sogleich wiederum zu Namen, zu bloßen leeren Abstraktionen.

[ 6 ] This is a significant fact, because one realises that nominalism, as it appeared, for example, with Roscelin of Compiègne—to whom even the Trinity disintegrated because of his nominalism-, is only interrupted by the intensive work of thought of Albert the Great and Thomas Aquinas and some others. Then the European humanity falls again back into nominalism which is incapable to grasp that which it has as ideas as spiritual reality, as something that lives in the human being and in a way in the things. The ideas become from realities straight away again names, mere empty abstractions.

[ 7 ] Man sieht hin auf die Schwierigkeiten, welche das europäische Denken immer mehr und mehr hatte, indem es die Frage nach der Erkenntnis aufwarf. Denn erkennen müssen wir Menschen doch schließlich — wenigstens im Beginne des Erkennens müssen wir uns der Ideen bedienen —, erkennen müssen wir durch die Ideen. Die große Frage muß immer wieder auftreten: Wie vermitteln uns die Ideen die Wirklichkeit? Aber es ist im Grunde genommen kaum eine Möglichkeit für eine Antwort da, wenn einem die Ideen bloß als realitätslose Namen erscheinen. Und diese Ideen, die dem alten Griechentum, wenigstens dem eingeweihten Griechentum, noch waren die letzten von oben herunterkommenden Kundgebungen einer realen Geistwelt, diese Ideen verabstrahierten sich immer mehr und mehr für das europäische Bewußtsein. Diesen Prozeß des Verabstrahierens, des Wortwerdens der Ideen, sehen wir im Grunde genommen immer mehr und mehr zunehmen, indem wir weiterverfolgen die Entwickelung des abendländischen Denkens.

[ 7 ] One realises which difficulties the European thinking had more and more if it put the question of knowledge. Since we human beings have to get knowledge from ideas—at least in the beginning of cognition. The big question has to arise repeatedly: how do the ideas provide reality? However, there is no possibility of an answer if the ideas appear only as names without reality. The ideas that were the last manifestations of a real spiritual world coming down from above to the ancient initiated Greeks became more and more abstract. We realise this process of abstracting, of equating the ideas with words increasing more and more if we pursue the development of western thinking.

[ 8 ] Einzelne Persönlichkeiten heben sich später noch heraus, wie zum Beispiel Leibniz, der sich im Grunde genommen nichteinläßtauf dieFrage: Wie erkennt man durch die Ideen?, weil er wohl traditionell noch im Besitze einer gewissen spirituellen Anschauung ist und alles zurückführt auf individuelle Weltenmonaden, die eigentlich geistig sind. Es ragt Leibniz über die anderen turmhoch empor, indem er noch den Mut hat, die Welt als geistige vorzustellen. Ja, die Welt ist ihm geistig; sie besteht ihm aus lauter geistigen Wesenheiten. Aber ich möchte sagen, was für eine frühere Zeit, deren Erkenntnis allerdings mehr instinktiv war, deren Erkenntnis noch nicht durchleuchtet war von einer solchen Logik, wie die Scholastik war, dasjenige, was für eine solche Zeit differenzierte geistige Individualitäten waren, das sind für Leibniz mehr oder weniger graduell abgestufte Geistpunkte, Monaden. Die geistige Individualität ist gesichert, aber sie ist nur in der Gestalt der Monade gesichert, in der Gestalt gewissermaßen eines geistigen Punktwesens.

[ 8 ] Single personalities outstand later, as for example Leibniz (Gottfried Wilhelm L., 1646-1716) who does not get involved in the question, how does one recognise by ideas, because he is quite traditionally still in the possession of a certain spiritual view and leads everything back to individual monads which are actually spiritual. Leibniz towers above the others, while he still has the courage to imagine the world as spiritual. Yes, the world is spiritual to him; it consists of nothing but spiritual beings. However, I would like to say what was to former times differentiated spiritual individualities are to Leibniz more or less gradually differentiated spiritual points, monads. The spiritual individuality is confirmed, but it is confirmed only in the form of the monad, in the form of a spiritual punctiform being.

[ 9 ] Wenn wir absehen von Leibniz, dann sehen wir im ganzen Abendlande zwar ein starkes Ringen nach Gewißheit über die Urgründe des Daseins, aber zu gleicher Zeit überall das Unvermögen, die Nominalismusfrage wirklich zu lösen. Ganz besonders bedeutsam tritt das hervor bei dem Denker, der ja mit Recht immer an den Ausgangspunkt der neueren Philosophiegeschichte gestellt wird, es tritt entgegen bei dem Denker Cartesius, Descartes, der im Beginn oder in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte. Man lernt ja überall in der Philosophiegeschichte den eigentlichen Grundquell der Cartesiusschen Philosophie kennen in dem Satz: cogito ergo sum: ich denke, also bin ich. — In diesen Satz ragt noch herein ein Streben des Augustinismus. Denn Augustinus ringt sich aus jenem Zweifel heraus, von dem ich im ersten Vortrage gesprochen habe, indem er sich sagt: Zweifeln kann ich an allem, aber die Tatsache des Zweifelns besteht doch, und ich lebe doch, während ich zweifle. Ich kann daran zweifeln, daß Sinnendinge um mich herum sind, ich kann daran zweifeln, daß Gott ist, daß Wolken sind, daß Sterne sind, aber wenn ich zweifle, so ist der Zweifel da. An demjenigen, was in meiner eigenen Seele vorgeht, kann ich nicht zweifeln. Da ist eine Sicherheit, ein sicherer Ausgangspunkt zu erfassen. — Cartesius nimmt diesen Gedanken wieder auf: Ich denke, also bin ich.

[ 9 ] If we disregard Leibniz, we see, indeed, a strong struggle for certainty of the primal grounds of existence, but the incapacity everywhere at the same time to solve the nominalism problem. This becomes obvious with the thinker who is put rightly at the starting point of modern philosophy, Descartes (1596-1650) who lived in the beginning or in the first half of the seventeenth century. Everywhere in the history of philosophy one gets to know the real cornerstone of his philosophy with the proposition: cogito ergo sum, I think, therefore, I am.—One can note something of Augustine's pursuit in this proposition. Since Augustine struggles from that doubt of which I have spoken in the first talk, while he says to himself, I can doubt everything, but, the fact of doubting exists, and, nevertheless, I live, while I doubt. I can doubt that sensory things are round me, I can doubt that God exists that clouds are there that stars are there, but if I doubt, the doubt is there. I cannot doubt that which goes forward in my own soul. One can grasp a sure starting point there.—Descartes resumes this thought, I think, therefore, I am.

[ 10 ] Bei solchen Dingen setzt man sich selbstverständlich argen Mißverständnissen aus, wenn man genötigt ist, ein Einfaches gegen ein historisch Angesehenes setzen zu müssen. Und dennoch ist es notwendig. Nicht wahr, dem Cartesius und vielen seiner Nachfolger — in dieser Beziehung hat er ja unzählig viele Nachfolger gehabt — schwebt vor: Wenn ich in meinem Bewußtsein Denkinhalt habe, wenn ich denke, so ist nicht hinwegzuleugnen die Tatsache, daß ich denke; also bin ich, also ist mein Sein durch mein Denken gesichert. Ich wurzle gewissermaßen im Weltensein, indem ich mein Sein durch mein Denken gesichert habe.

[ 10 ] Of course, with such things you expose yourself to serious misunderstandings if you are compelled to put something simple against something historically respected. It is still necessary. Descartes and many of his successors have in mind: if I have mental contents in my consciousness if I think, then one cannot deny the fact that I think; therefore, I am, therefore, my being is confirmed with my thinking. I am rooted as it were in the world being, while I have confirmed my being with my thinking.

[ 11 ] Damit beginnt eigentlich die neuere Philosophie als Intellektualismus, als Rationalismus, als etwas, das ganz aus dem Denken heraus arbeiten will und insoferne nur der Nachklang ist der Scholastik, die ja die Wendung zum Intellektualismus hin in so energischer Weise genommen hat. Zweierlei sieht man bei Cartesius. Erstens muß man ihm den einfachen Einwand machen: Ist wirklich durch die Tatsache, daß ich denke, mein Sein ergriffen? Jeder Nachtschlaf beweist das Gegenteil. — Das ist eben das Einfache, das man einwenden muß: Wir wissen an jedem Morgen, an dem wir aufwachen, wir müssen gewesen sein vom Abend bis zum Morgen, aber wir haben nicht gedacht. Also ist der Satz: Ich denke, also bin ich, cogito ergo sum einfach widerlegt. Das Einfache, das, ich möchte sagen, wie eine Art Ei des Kolumbus ist, das muß schon einmal einem angesehenen Satze, der ungeheuer viel Nachfolge gefunden hat, entgegengehalten werden.

[ 11 ] The modern philosophy begins with it as intellectualism, as rationalism that completely wants to work from the thinking and is in this respect only the echo of scholasticism. One realises two things with Descartes. First, one has to make a simple objection to him: do I understand my being because I think? Every night sleep proves the opposite.—This is just that simple objection which one has to make: we know every morning when we wake, we have existed from the evening up to the morning, but we have not thought. Thus, the proposition, I think, therefore, I am, is simply disproved. One has to make this simple objection, which is like the egg of Columbus, to a respected proposition that has found many supporters.

[ 12 ] Das ist das eine, was in bezug auf Cartesius zu sagen ist. Das andere aber ist die Frage: Worauf ist denn eigentlich das ganze philosophische Streben des Cartesius gerichtet? Es ist nicht mehr auf Anschauung gerichtet, es ist nicht mehr auf das Empfangen eines Weltengeheimnisses für das Bewußtsein gerichtet, es ist wirklich ganz intellektualistisch, ganz denkerisch orientiert. Es ist auf die Frage hingerichtet: Wie erlange ich Gewißheit? Wie komme ich aus dem Zweifel heraus? Wie erfahre ich, daß Dinge sind, und daß ich selbst bin? Es ist nicht mehr eine materielle Frage, eine Frage des inhaltlichen Ergebnisses der Weltenbeobachtung, es ist eine Frage der Sicherung der Erkenntnis.

[ 12 ] However, the second question is, at which does Descartes aim philosophically? He aims no longer at vision, he aims no longer at receiving a world secret for the consciousness, and he is oriented in intellectualistic way. He asks, how do I attain certainty? How do I come out of doubt? How do I find out that things exist and that I myself exist?—It is no longer a material question, a question of the content-related result of world observation; it is a question of confirming knowledge.

[ 13 ] Diese Frage steigt auf aus dem Nominalismus der Scholastiker, den nur Albertus und Thomas für eine gewisse Zeit überwunden haben, der aber nach ihnen sogleich wiederum auftritt. Und so stellt sich für die Leute dasjenige dar, was sie in ihrer Seele bergen und dem sie nur einen Namencharakter beilegen können, den sie hineinklauben in die Seele, um irgendwo in dieser Seele einen Punkt zu finden, von dem aus sie sich jetzt nicht ein Weltbild, eine Weltanschauung verschaffen können, sondern die Gewißheit, daß überhaupt nicht alles Täuschung, nicht alles Unwahrheit ist, daß man hinausschaut in die Welt und auf eine Realität schaut, daß man hineinschaut in die Seele und auf eine Realität schaut.

[ 13 ] This question arises from the nominalism of the scholastics, which only Albert and Thomas had overcome for some time, which reappears after them straight away. Thus, that presents itself to the people which they have in their souls and to which they can attribute a name only to find a point somewhere in the soul from which they can get no worldview but the certainty that not everything is illusion, that they look at the world and look at something real, that they look into the soul and look at reality.

[ 14 ] Es ist in alledem wohl deutlich wahrnehmbar dasjenige, worauf ich gestern am Schlusse hingedeutet habe, nämlich daß die menschliche Individualität zum Intellektualismus gekommen ist, aber gewissermaßen im Intellektualismus, im Denkerischen das Christus-Problem noch nicht empfunden hat. Das Christus-Problem tritt für Augustinus etwa auf, indem er noch auf die ganze Menschheit schaut. Der Christus da drinnen in der menschlichen Seele, der dämmert, möchte ich sagen, dann für die christlichen Mystiker des Mittelalters auf; aber er dämmert nicht klar und deutlich auf bei denjenigen, die ihn aus dem Denken heraus nur finden wollten, aus jenem Denken, das der sich gebärenden Individualität so notwendig ist, oder aus dem, das diesem Denken sich ergeben würde. Dieses Denken, das nimmt sich gewissermaßen in seinem Urzustand so aus, wie es herausquillt aus der menschlichen Seele, daß es ablehnt dasjenige, was gerade für das Innerste des Menschen das Christliche sein müßte. Es lehnt ab die Umwandlung, die innere Metamorphose, es lehnt ab, so sich zum Erkenntnisleben zu stellen, daß man sich sagen würde: Ja, ich denke, ich denke zunächst über mich und die Welt. Aber dieses Denken ist noch ein unentwickeltes. Dieses Denken ist gewissermaßen dasjenige, das nach dem Sündenfall liegt. Es muß sich über sich selbst erheben. Es muß sich verwandeln, es muß sich emporheben in eine höhere Sphäre.

[ 14 ] In all that one can clearly perceive that to which I have pointed yesterday at the end, namely that the human individuality got to intellectualism, but did not yet feel the Christ problem in intellectualism. The Christ problem possibly appears to Augustine, while he still looks at the whole humanity. Christ dawns, I would like to say, in the Christian mystics of the Middle Ages; but He does not dawn with those who wanted to find Him with thinking only which is so necessary to the developing individuality, or with that which would arise to this thinking. This thinking appears in its original state in such a way that it emerges from the human soul that it rejects that which should just be the Christian or the core of the human being. It rejects the inner metamorphosis; it refuses to position itself to the cognitive life so that one would say to himself, yes, I think, I think about the world and myself at first. However, this thinking is not yet developed. This is the thinking after the Fall of Man. It has to tower above itself. It has to change; it has to raise itself into a higher sphere.

[ 15 ] Eigentlich hat nur einmal so recht deutlich diese Notwendigkeit aufgeleuchtet in einer Denkerpersönlichkeit, und das ist bei dem Nachfolger des Cartesius, bei Spinoza. Spinoza hat ja wirklich aus guten Gründen jenen tiefen Eindruck auf Leute wie Herder und Goethe gemacht; denn Spinoza, wenn er auch scheinbar ganz im Intellektualismus, der aus der Scholastik heraus geblieben ist oder sich umgewandelt hat, noch drinnensteckt, Spinoza faßt doch diesen Intellektualismus so auf, daß der Mensch zuletzt eigentlich nur zur Wahrheit komme — die zuletzt für Spinoza in einer Art Intuition besteht —, indem er das Intellektuelle, das innere denkerische Seelenleben umwandelt, nicht stehenbleibt bei dem, was im Alltagsleben und im gewöhnlichen wissenschaftlichen Leben da ist. Und da kommt gerade Spinoza dazu, sich zu sagen: Durch die Entwickelung des Denkens füllt sich dieses Denken wieder an mit geistigem Inhalt. — Gewissermaßen die geistige Welt, die wir kennengelernt haben im Plotinismus, ergibt sich wiederum dem Denken, wenn dieses Denken entgegengehen will dem Geiste. Der Geist erfüllt als Intuition wiederum das Denken.

[ 15 ] Actually, this necessity appeared only once clearly in a thinker, in Spinoza (Benedictus Baruch S., 1632-1677), the successor of Descartes. With good reason, Spinoza made a deep impression on persons like Herder and Goethe. Since Spinoza understands this intellectualism in such a way that the human being gets finally to truth—which exists for Spinoza in a kind of intuition, while he changes the intellectual, does not stop at that which is there in the everyday life and in the usual scientific life. Spinoza just says to himself, by the development of thinking this thinking fills up again with spiritual contents.—We got to know in Plotinism, the spiritual world arises again to the thinking as it were if this thinking strives for the spirit. The spirit fulfils as intuition our thinking again.

[ 16 ] Es ist sehr interessant, denke ich, 'daß es im Grunde genommen dieser Spinoza ist, welcher sagt: Überblicken wir das Weltendasein, wie es in seiner höchsten Substanz im Geiste sich weiterentwickelt, wie wir dann diesen Geist in die Seele aufnehmen, indem wir uns mit unserem Denken zur Intuition erheben, indem wir auf der einen Seite so intellektualistisch sind, daß wir strenge wie mathematisch beweisen, aber im Beweisen zu gleicher Zeit uns entwickeln und erheben, so daß der Geist uns entgegenkommen kann. — Wenn wir uns so erheben, dann begreifen wir auch von diesem Gesichtspunkte aus den historischen Werdegang desjenigen, was in der Menschheitsentwickelung drinnen ist. Und es ist merkwürdig, daß herausleuchtet aus den Schriften des Juden Spinoza folgender Satz: Die höchste Offenbarung der göttlichen Substanz ist in Christus gegeben. — In Christus ist die Intuition zur Theophanie geworden, zur Menschwerdung Gottes, und Christus’ Stimme ist daher in Wahrheit Gottes Stimme und der Weg zum Heil. — Das heißt, der Jude Spinoza kommt darauf, daß der Mensch aus seinem Intellektualismus heraus sich so entwickeln kann, daß ihm der Geist entgegenkommt. Ist er dann in der Lage, sich auf das Mysterium von Golgatha zu richten, so wird die Erfüllung mit dem Geiste nicht nur Intuition, das heißt Erscheinung des Geistes durch das Denken, sondern es verwandelt sich die Intuition in 'Theophanie, in die Erscheinung des Gottes selbst. Der Mensch tritt dem Gotte spirituell entgegen. Man möchte sagen, Spinoza war nicht zurückhaltend mit dem, was ihm plötzlich aufgegangen war, denn dieser Ausspruch beweist das. Aber es erfüllt wie eine Stimmung, wie ein Grundton dasjenige, was er in dieser Weise herausgefunden hat aus der Entwickelung der Menschheit, es erfüllt das seine «Ethik».

[ 16 ] It is very interesting that just Spinoza says, we survey the world existence as it advances in spirit in its highest substance while we take up this spirit in the soul, while we rise with our thinking to intuition, while we are so intellectualistic on one side that we prove as one proves mathematically, but develop in proving at the same time and rise, so that the spirit can meet us. — If we rise in such a way, we also understand from this viewpoint the historical development of that what is contained in the development of humanity. It is strange to find the following sentence with a Jew, Spinoza, the highest revelation of the divine substance is given in Christ.—In Christ the intuition has become theophany, the incarnation of God, hence, Christ's voice is God's voice and the way of salvation.—The Jew Spinoza thinks that the human being can develop from his intellectualism in such a way that the spirit is coming up to meet him. If he can then turn to the Mystery of Golgotha, the fulfilment with spirit becomes not only intuition, that is appearance of the spirit by thinking, but it changes intuition into theophany, into the appearance of God himself. The human being faces God spiritually. One would like to say, Spinoza did not withhold that what he had suddenly realised, because this quotation proves that. It fulfils like a mood what he found out from the development of humanity this way; it fulfils his Ethics.

[ 17 ] Und wiederum geht es über auf einen empfänglichen Menschen. Deshalb kann man einsehen, daß für jemanden, der ganz gewiß auch zwischen den Zeilen dieser «Ethik» lesen konnte, der das Herz, das in dieser «Ethik» lebt, in dem eigenen Herzen empfinden konnte, daß für Goethe diese «Ethik» des Spinoza ein so tonangebendes Buch wurde. Es wollen doch diese Dinge nicht bloß so abstrakt angesehen werden, wie man das gewöhnlich in der Philosophiegeschichte tut; sie wollen angesehen werden vom menschlichen Standpunkte aus, und man muß schon hinblicken auf dasjenige, was herüberleuchtet von Spinozismus in die Goethesche Seele hinein. Aber im Grunde genommen ist dasjenige, was da nur zwischen den Zeilen des Spinoza herausleuchtet, doch etwas, was schließlich nicht zeitbeherrschend wurde. Zeitbeherrschend wurde dennoch das Unvermögen, über den Nominalismus hinauszukommen. Ja, der Nominalismus wird zunächst so, daß man sagen möchte, der Mensch spinnt sich immer mehr und mehr ein in den Gedanken: Ich lebe ja in etwas, was die Außenwelt nicht erfassen kann, in etwas, was aus mir nicht herauskann, um in die Außenwelt sich hineinzuversenken und etwas von der Natur der Außenwelt aufzunehmen. — Und so kommt es, daß diese Stimmung, daß man so allein ist in sich selber, daß man nicht hinauskann über sich und von der Außenwelt etwas empfängt, dann schon auftritt bei Locke im 17. Jahrhundert in der Form, daß Locke sagt: Auch dasjenige, was wir als Farben, als Töne in der Außenwelt wahrnehmen, das ist nicht mehr etwas, was uns zur Realität der Außenwelt führt; es ist im Grunde genommen nur die Wirkung der Außenwelt auf unsere Sinne, es ist etwas, mit dem wir schließlich auch in unsere eigene Subjektivität eingesponnen sind. — Das ist die eine Seite der Sache.

[ 17 ] Again, it devolves upon a receptive person. Therefore, one can realise that for somebody like Goethe who could read most certainly between the lines of the Ethics this book became principal. Nevertheless, these things do not want to be considered only in the abstract as one does normally in the history of philosophy; they want to be considered from the human viewpoint, and one must already look at that which shines from Spinozism into Goethe's soul. However, that which shines there only between the lines of Spinoza is something that did not become time dominating in the end but the incapacity to get beyond nominalism. Nominalism develops at first in such a way that one would like to say, the human being becomes more and more entangled in the thought: I live in something that cannot grasp the outside world, in something that is not able to go out from me to delve into the outside world and to take up something of the nature of the outside world.—That is why this mood that one is so alone in himself that one cannot get beyond himself and does not receive anything from the outside world appears already with Locke (John L., 1612-1704) in the seventeenth century. He says, what we perceive as colours, as tones in the outside world is no longer anything that leads us to the reality of the outside world; it is only the effect of the outside world on our senses, it is something with which we are entangled also in our own subjectivity.—This is one side of the matter.

[ 18 ] Die andere Seite der Sache ist, daß bei solchen Geistern wie Baco von Verulam im 16. undi7z. Jahrhundert der Nominalismus eine ganz durchdringende Weltanschauung wird, daß bei Baco das so zutage tritt, daß er sagt: Man muß aufräumen mit alledem, was des Menschen Aberglaube an die Realität desjenigen ist, was im Grunde genommen nur als Name gegeben ist. Eine Realität liegt uns nur vor, wenn wir hinausschauen auf die Sinneswelt. Die Sinne allein liefern in der empirischen Erkenntnis Realitäten. — Neben diesen Realitäten spielen eine wirklich wissenschaftliche Rolle jene Realitäten bei Baco schon nicht mehr, um derentwillen eigentlich Albertus und Thomas ihre Vernunfterkenntnistheorie aufgebaut haben. Sozusagen verflüchtigt hat sich die geistige Welt bei Baco schon zu etwas, was nun nicht mehr mit einer wissenschaftlichen Gewißheit und Sicherheit aus dem Innern des Menschen hervorquellen kann. Nur Glaubensinhalt wird dasjenige, was geistige Welt ist, den man nicht berühren soll mit dem, was man Wissen, was man Erkenntnis nennt. Dagegen soll die Erkenntnis nur gewonnen werden aus der äußerlichen Beobachtung und aus dem Experiment, das ja nur eine gesteigerte äußere Beobachtung ist.

[ 18 ] The other side of the matter is that with such spirits like Francis Bacon (1561-1626) nominalism becomes a quite pervasive worldview in the sixteenth, seventeenth centuries. For he says, one has to do away with the superstition that one considers that as reality which is only a name. There is reality only if we look out at the sensory world. The senses only deliver realities in the empiric knowledge.—Beside these realities, those realities do no longer play a scientific role for whose sake Albert and Thomas had designed their epistemology. The spiritual world had vanished to Bacon and changed into something that cannot emerge with scientific certainty from the inside of the human being. Only religious contents become that what is a spiritual world, which one should not touch with knowledge. Against it, one should attain knowledge only from outer observation and experiments.

[ 19 ] Und so geht es dann fort bis zu Hume im 18. Jahrhundert, dem sogar schon der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu etwas wird, was nur in der menschlichen Subjektivität lebt, was schließlich der Mensch den Dingen nur beilegt aus einer gewissen äußeren Gewohnheit heraus. Man sieht, wie ein Alp lastet der Nominalismus, das Erbe der Scholastik, auf den Menschen.

[ 19 ] That continues this way up to Hume (David H., 1711-1776) in the eighteenth century to whom even the coherence of cause and effect is something that exists only in the human subjectivity that the human being adds only to the things habitually. One realises that nominalism, the heritage of scholasticism, presses like a nightmare on the human beings.

[ 20 ] Was ist zunächst das wichtigste Kennzeichen dieser Entwickelung? Das wichtigste Kennzeichen dieser Entwickelung ist doch dieses, daß die Scholastik mit ihrem Scharfsinn dasteht, daß sie entsteht in einer Zeit, wo das Vernunftgut abgegrenzt werden soll gegen das Wahrheitsgut einer geistigen Welt. Der Scholastiker hatte zur Aufgabe, auf der einen Seite hinzuschauen auf das Wahrheitsgut einer geistigen Welt, das für ihn ja natürlich durch den Glaubensinhalt, durch den Offenbarungsinhalt der Kirche überliefert war. Er hatte auf der andern Seite hinzuschauen auf dasjenige, was sich durch die eigene Kraft der menschlichen Erkenntnis ergeben kann. Das, was der Gesichtspunkt der Scholastiker war, das versäumte zunächst jene Frontänderung, die einfach die Zeitentwickelung notwendig gemacht hätte. Als Thomas, als Albertus ihre Philosophien zu entwickeln hatten, da gab es noch keine naturwissenschaftliche Weltanschauung. Da hatten noch nicht Galilei, Giordano Bruno, Kopernikus, Kepler gewirkt, da gab es noch nicht den Hinblick der Menschen auf die äußere Natur mit den Kräften des menschlichen Verstandes. Da hatte man nicht sich auseinanderzusetzen gebraucht mit dem, was die menschliche Vernunft aus den Tiefen der Seele heraus finden kann, und dem, was gewonnen wird aus der äußeren empirischen, aus der sinnlichen Welt. Da hatte man sich nur auseinanderzusetzen gebraucht mit dem, was die Vernunft zu finden hat aus den Tiefen der Seele heraus im Verhältnis zu dem, was geistiges Wahrheitsgut war, wie es die Kirche überliefert hatte, wie es dastand vor diesen Menschen, die nicht mehr durch innere spirituelle Entwickelung sich zu diesem Weisheitsgut selbst in seiner Realität erheben konnten, die es aber sahen in der Gestalt, wie es ihnen die Kirche überliefert hatte, eben einfach als Tradition, als Schriftinhalt und so weiter.

[ 20 ] The most important sign of this development is that scholasticism with its astuteness stands there that it originates in a time when that which is accessible to the intellect should be separated from the truths of a spiritual world. The scholastic had the task on one side to look at the truths of a spiritual world, which the religious contents deliver of course, the revelation contents of the church. On the other side, he had to look at that which can arise by own strength from human knowledge. The viewpoint of the scholastics missed changing that border which the time evolution would simply have necessitated. When Thomas and Albert had to develop their philosophy, there was still no scientific worldview. Galilei, Giordano Bruno, Copernicus, and Kepler had not yet worked; the intellectual view of the human being at the outer nature did not yet exist. There one did not have to deal with that which the human intellect can find from the depths of his soul, and which one gains from the outer sensory world. There one had to deal with that only which one has to find with the intellect from the depths of the soul in relation to the spiritual truths that the church had delivered, as they faced the human beings who could no longer rise by inner spiritual development to the real wisdoms who, however, realised them in the figure that the church had delivered, just simply as tradition, as contents of the scriptures and so on.

[ 21 ] Entsteht da eigentlich nicht die Frage: Wie verhält sich der Vernunftinhalt, dasjenige, was Albertus und Thomas als Erkenntnistheorie für den Vernunftinhalt entwickelt haben, zum Inhalte der naturwissenschaftlichen Weltanschauung? Man möchte sagen, es ist jetzt ein ohnmächtiges Ringen bis in das 19. Jahrhundert hinein. Und da sehen wir etwas sehr Merkwürdiges. Während wir zurückblicken in das 13. Jahrhundert, Albertus und Thomas sehen, die Menschheit belehrend über die Grenzen der Vernunfterkenntnis gegenüber dem Glaubens-, dem Offenbarungsinhalt, sehen wir, wie Albertus und Thomas Stück für Stück zeigen: Der Offenbarungsinhalt ist da, aber er ergibt sich nur bis zu einem gewissen Teile der menschlichen Vernunfterkenntnis, er bleibt außerhalb dieser Vernunfterkenntnis, er bleibt für die Vernunfterkenntnis Welträtsel. — Wir können sie aufzählen, diese Welträtsel: die Inkarnation, das Enthaltensein des Geistes im Altarsakramente, und so weiter — das liegt jenseits der Grenze des menschlichen Erkennens. Für Albertus und Thomas ist es so, daß der Mensch auf der einen Seite steht, die Grenze der Erkenntnis gewissermaßen ihn umgibt und er nicht hineinblicken kann in die spirituelle Welt. Das ergibt sich für das 13. Jahrhundert.

[ 21 ] Does there not arise the question: how do the intellectual contents relate—that which Albert and Thomas had developed as epistemology—to the contents of the scientific worldview? One would like to say, this is an unconscious struggle up to the nineteenth century. There we realise something very strange. We look back at the thirteenth century and see Albert and Thomas teaching humanity about the borders of intellectual knowledge compared with faith, with the contents of revelation. They show one by one: the contents of revelation are there, but they arise only up to a certain part of the human intellectual knowledge, they remain beyond this intellectual knowledge, there remains a world riddle to this knowledge.—We can enumerate these world riddles: the incarnation, the existence of the spirit in the sacrament of the altar and so on—they are beyond the border of human cognition. For Albert and Thomas it is in such a way that the human being is on the one side, the border of knowledge surrounds him as it were and he cannot behold into the spiritual world. This arises to the thirteenth century.

[ 22 ] Und jetzt blicken wir herüber in das 19. Jahrhundert. Da sehen wir eine merkwürdige Tatsache: In den siebziger Jahren, bei einer berühmten Naturforscherversammlung in Leipzig, hält Da Bois-Reymond seine eindrucksvolle Rede «Über die Grenzen des Naturerkennens» und bald darnach über «Die sieben Welträtsel». Was ist da die Frage geworden? (Es wird gezeichnet.) Da steht der Mensch, da ist die Grenze der Erkenntnis; jenseits dieser Grenze liegt aber die materielle Welt, liegen die Atome, liegt dasjenige, wovon Du Bois-Reymond sagt: Man weiß nicht, was das ist, was als Materie im Raume spukt. — Und diesseits der Grenze liegt dasjenige, was in der menschlichen Seele sich entwickelt.

[ 22 ] Now we look at the nineteenth century. There we see a strange fact, too: during the seventies, at a famous meeting of naturalists in Leipzig, Emil Du Bois-Reymond (1818-1896) holds his impressive speech On the Borders of the Knowledge of Nature and shortly after about the Seven World Riddles. What has become there the question? (Steiner draws.) There is the human being, there is the border of knowledge; however, the material world is beyond this border, there are the atoms, there is that about which Du Bois-Reymond says, one does not know that which haunts as matter in space.—On this side of the border is that which develops in the human soul.

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[ 23 ] Wenn auch, verglichen mit dem imposanten Werke, das als Scholastik vom Mittelalter heraufleuchtet, das eine Kleinigkeit ist, die einem da entgegentritt in den siebziger Jahren durch Du Bois-Reymond, so ist es doch das wahre Gegenstück: dort die Frage nach den Rätseln der spirituellen Welt, hier die Frage nach den Rätseln der materiellen Welt; hier die Grenze zwischen dem Menschen und den Atomen, dort die Grenze zwischen dem Menschen und den Engeln und Gott. In diese Zeitenspanne müssen wir hineinblicken, wenn wir anschauen wollen alles das, was nun wie eine nähere oder weitere Folge der Scholastik auftaucht. Als etwas wenigstens für die Zeitgeschichte Bedeutsames taucht auf aus dieser Scholastik die Kantsche Philosophie, von Hume beeinflußt, diese Kantsche Philosophie, unter deren Eindruck die Menschen, die philosophieren, auch heute noch stehen, nachdem in den sechziger Jahren, als die Kantsche Philosophie ein wenig zurückgetreten war, die Philosophen Deutschlands den Ruf erhoben haben: Zurück zu Kant! und seither eine unübersehbare Kantliteratur sich geoffenbart hat und auch selbständige Kantdenker wie Volkelt, Cohen und so weiter — ein ganzes Heer könnte man aufzählen — aufgetreten sind.

[ 23 ] Even if—compared to the imposing work of scholasticism—it is a trifle which faces us there, nevertheless, it is the true counterpart: there the question of the riddles of the spiritual world, here the question of the riddles of the material world; here the border between the human being and the atoms, there the border between the human being and the angels and God. We have to look into this period if we want to recognise what scholasticism entailed. There Kant's philosophy emerges, influenced by Hume, which influences the philosophers even today. After Kant's philosophy had taken a backseat, the German philosophers took the slogan in the sixties, back to Kant! Since that time an incalculable Kant literature was published, also numerous independent Kantian thinkers like Johannes Volkelt (1848-1930) and Hermann Cohen (1842-1918) appeared.

[ 24 ] Wir können ja heute Kant selbstverständlich nur skizzenhaft charakterisieren. Wir brauchen nur hinzuweisen auf das, was das Wesentliche bei ihm ist. Ich glaube nicht, daß, wer Kant wirklich studiert, ihn anders finden kann als so, wie ich ihn versuchte zu finden in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft». Vor Kant steht Ende der sechziger Jahre und Anfang der siebziger Jahre des i8. Jahrhunderts mit aller Gewalt jetzt nicht eine Inhaltsfrage der Weltanschauung, nicht irgend etwas, was in bestimmten Gestalten, Bildern, Begriffen, Ideen über die Dinge bei ihm aufgetreten wäre, sondern vor ihm steht eigentlich die formelle Erkenntnisfrage: Wie gewinnen wir Sicherheit über irgend etwas in der Außenwelt, über ein Sein in der Außenwelt? — Mehr peinigt Kant die Frage der Gewißheit der Erkenntnis als irgendein Inhalt der Erkenntnis. Ich meine, das sollte man sogar fühlen, wenn man die Kantsche «Kritik» vornimmt, wie es nicht der Inhalt der Erkenntnis ist, sondern wie es das Streben nach einem Prinzip der Sicherheit der Erkenntnis ist, was bei Kant auftritt. Man lese doch die «Kritik der reinen Vernunft», die «Kritik der praktischen Vernunft», und sehe sich um, wie, nachdem das ja in einer gewissen Beziehung klassische Kapitel über Raum und Zeit überwunden ist, wie dann auftritt die Kategorienlehre, nur, man möchte sagen rein pedantisch abgezählt, um eine gewisse Vollständigkeit zu haben. Wahrhaftig, da läuft nicht die Darstellung, diese «Kritik der reinen Vernunft» so fort, wie bei jemandem, der von Satz zu Satz mit seinem Herzblut schreibt.

[ 24 ] Of course, we can characterise Kant only sketchily today. We want only to point to the essentials. I believe that someone who studies Kant really can understand him in such a way, as I tried to understand him in my booklet Truth and Science. Kant faces no question of the contents of the worldview with might and main in the end of the sixties and in the beginning of the seventies years of the eighteenth century, not anything that would have appeared in certain figures, pictures, concepts, ideas of the things with him, but he faces the formal question of knowledge: how do we get certainty of something in the outside world, of any existence in the outside world?—The question of certainty of knowledge torments Kant more than any contents of knowledge. I mean, one should even feel this if one deals with Kant's Critique that these are not the contents of knowledge, but that Kant strives for a principle of the certainty of knowledge. Nevertheless, read the Critique of Pure Reason, the Critique of Practical Reason, and realise—after the classical chapter about space and time—how he deals with the categories, one would like to say how he enumerates them purely pedantically in order to get a certain completeness. Really, the Critique of Pure Reason does not proceed in such a way, as with somebody who writes from sentence to sentence with lifeblood.

[ 25 ] Wichtiger ist es für Kant, viel wichtiger: Wie verhält sich dasjenige, was wir Begriffe nennen, was überhaupt der ganze Inhalt der Erkenntnis ist, zu einer äußeren Wirklichkeit? — als dieser Inhalt der Erkenntnis selbst. Den Inhalt stoppelt er sozusagen aus alledem, was ihm philosophisch überliefert ist, zusammen. Er schematisiert, systematisiert. Aber überall tritt die Frage auf: Wie kommt man zu einer Gewißheit, zu einer solchen Gewißheit — das sagt er ja ganz deutlich —, wie sie in der Mathematik vorhanden ist? — Und zu einer solchen Gewißheit kommt er auf eine Art, die im Grunde genommen nichts weiter ist als ein verwandelter und noch dazu außerordentlich kaschierter und maskierter Nominalismus, nur ein Nominalismus, der nun auch noch auf die Formen der Sinnlichkeit, Raum und Zeit ausgedehnt wird außer auf die Ideen, auf die Universalien. Er sagt: Dasjenige, was wir in unserer Seele entwickeln als Inhalt der Erkenntnis, das hat im Grunde genommen gar nichts mit etwas zu tun, das wir aus den Dingen herausholen. Wir stülpen es über die Dinge drüber. Wir bekommen die ganze Form unserer Erkenntnis aus uns selber heraus. Wenn wir sagen: A hängt mit B nach dem Prinzip der Verursachung zusammen —, so ist dieses Prinzip der Verursachung nur in uns. Wir stülpen es über A und B, über die beiden Erfahrungsinhalte hinüber. Wir tragen die Ursächlichkeit in die Dinge hinein.

[ 25 ] To Kant the question is more important how the concepts relate to an outer reality than the contents of knowledge themselves. He pieces the contents together, so to speak, from everything that is delivered to him philosophically. He schematises, he systematises. However, everywhere the question appears, how does one get to such certainty, as it exists in mathematics? He gets to such certainty in a way which is strictly speaking nothing but a transformed and on top of that exceptionally concealed and disguised nominalism, which he expands also to the sensory forms, to space and time except the ideas, the universals. He says, that which we develop in our soul as contents of knowledge does not deal at all with something that we get out of the things. We put it on the things. We get out the whole form of our knowledge from ourselves. If we say, A is connected with B after the principle of causation, this principle of causation is only in us. We put it on A and B, on both contents of experience. We bring the causality into the things.

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[ 26 ] Mit andern Worten, so paradox das sich ausnimmt — aber wirklich nur historisch paradox gegenüber etwas, das solch maßloses Ansehen hat wie die Kantsche Philosophie —, es muß doch dieses Paradoxe gesagt werden: Kant sucht ein Prinzip der Gewißheit dadurch, daß er überhaupt leugnet, wir nehmen den Inhalt unserer Erkenntnis aus den Dingen, und behauptet, wir nehmen ihn aus uns selber und legen ihn in die Dinge hinein. Das heißt mit anderen Worten, und das ist eben die Paradoxie: Wir haben Wahrheit, weil wir sie selber machen, wir haben im Subjekte Wahrheit, weil wir sie selbst erzeugen. Wir tragen die Wahrheit erst in die Dinge hinein.

[ 26 ] With other words, as paradox this sounds, nevertheless, one has to say of these paradoxes, Kant searches a principle of certainty while he generally denies that we take the contents of our knowledge from the things, and states that we take them from ourselves and put them into the things. That is in other words, and this is just the paradox: we have truth because we ourselves make it; we have truth in the subject because we ourselves produce it. We bring truth only into the things.

[ 27 ] Da haben Sie die letzte Konsequenz des Nominalismus. Die Scholastik hat gerungen mit den Universalien, mit der Frage: Wie lebt dasjenige, was wir in die Ideen aufnehmen, draußen in der Welt? Sie konnte nicht zu einer wirklichen Lösung des Problems kommen, die vorläufig vollauf befriedigend geworden wäre. Kant sagt: Nun gut, die Ideen sind bloße Nomina. Wir bilden sie nur in uns, aber wir stülpen sie als Nomina hinüber über die Dinge; dadurch werden sie Realität. Sie mögen lange nicht Realität sein, aber indem ich mich den Dingen gegenüberstelle, schiebe ich die Nomina in die Erfahrung hinein und mache sie zu Realitäten, denn die Erfahrung muß so sein, wie ich es ihr durch die Nomina befehle.

[ 27 ] There you have the last consequence of nominalism. Scholasticism struggled with the universals, with the question: how does that live outdoors in the world what we take up in the ideas? It could not really solve the problem that would have become provisionally completely satisfactory. Kant says, well, the ideas are mere names, nomina. We form them only in ourselves, but we put them as names on the things; thereby they become reality. They may not be reality for long, but while I confront the things, I put the nomina into experience and make them realities, because experience must be in such a way as I dictate it with the nomina.

[ 28 ] Der Kantianismus ist damit in einer gewissen Weise die Vermehrung des Nominalismus, in einer gewissen Weise die äußerste Spitze des Nominalismus, in einer gewissen Weise der äußerste Niedergang der abendländischen Philosophie, der vollständige Bankrott des Menschen in bezug auf sein Wahrheitsstreben, die Verzweiflung daran, daß man irgendwie aus den Dingen heraus die Wahrheit gewinnen könnte. Daher das Diktat: Die Wahrheit kann nur sein, wenn wir sie selber in die Dinge hineintragen. — Kant hat alle Objektivität, alle Möglichkeit des Menschen, in die Realität der Dinge unterzutauchen, zerstört. Kant hat jede mögliche Erkenntnis zerstört, jedes mögliche Wahrheitsstreben zerstört, denn Wahrheit kann nicht bestehen, wenn sie nur im Subjekte gemacht wird.

[ 28 ] Kantianism is in a way the extreme point of nominalism, in a way the extreme decline of western philosophy, the complete bankruptcy of the human being concerning his pursuit of truth, the desperation of getting truth anyhow from the things. Hence, the dictates: truth can only exist if we bring it into the things. Kant destroyed any objectivity, any possibility of the human being to submerge in the reality of the things. Kant destroyed any possible knowledge, any possible pursuit of truth, because truth cannot exist if it is created only in the subject.

[ 29 ] Dies ist eine Konsequenz der Scholastik, weil sie nicht eingehen konnte in die andere Seite, wo sich die andere Grenze ergeben hat, die zu überwinden war. Weil das naturwissenschaftliche Zeitalter herauftauchte und die Scholastik nicht die Frontänderung nach der Naturwissenschaft hin vorgenommen hat, trat der Kantianismus auf, der im Grunde als Subjektivität ausgegangen ist und dann aus der Subjektivität, in der er alle Erkenntnis ausgelöscht hat, heraufsprießen läßt die sogenannten Postulate Freiheit, Unsterblichkeit und die Gottesidee. Wir sollen das Gute tun, den kategorischen Imperativ erfüllen, dann müssen wir es können. Das heißt, wir müssen frei sein, aber wir können es nicht, indem wir hier im physischen Leibe leben. Wir erreichen erst eine Vollkommenheit, so daß wir den kategorischen Imperativ voll ausführen können, wenn wir außer dem Leibe sind. Also muß es eine Unsterblichkeit geben. Aber auch da können wir es noch nicht als Menschen einsehen. Dasjenige, was der Inhalt ist unseres Handelns in der Welt — wenn wir uns dessen befleißigen, was wir sollen —, das muß eine Gottheit einordnen in die Welt. Also muß eine Gottheit da sein.

[ 29 ] This is a consequence of scholasticism because it could not come into the other side where the other border arose which it had to overcome. Because the scientific age emerged and scholasticism did not carry out the volte-face to natural sciences, Kantianism appeared which took subjectivity as starting point and gave rise to the so-called postulates freedom, immortality, and the idea of God. We shall do the good, fulfil the categorical imperative, and then we must be able to do it. That is we must be free, but we are not able to do it, while we live here in the physical body. We reach perfection only, so that we can completely carry out the categorical imperative if we are beyond the body. That is why immortality must exist. However, we cannot yet realise that as human beings. A deity has to integrate that which is the contents of our action in the world—if we take pains of that what we have to do. That is why a deity must exist.

[ 30 ] Drei Glaubenspostulate, von denen nicht gewußt werden kann, wie sie in der Realität an sich wurzeln, das ist dasjenige, was Kant gesichert hat nach seinem eigenen Ausspruche: Ich mußte die Erkenntnis vernichten, um für den Glauben Platz zu bekommen. — Und Kant bekommt jetzt nicht für einen Glaubensinhalt im Sinne des Thomas von Aquino Platz, für einen überlieferten Glaubensinhalt, sondern für einen abstrakten Glaubensinhalt — Freiheit, Unsterblichkeit und die Gottesidee —, für einen Glaubensinhalt, der eben herausgeboren wird aus dem die Wahrheit, das heißt den Schein diktierenden menschlichen Individuum.

[ 30 ] Three religious postulates about which one cannot know how they are rooted in reality are that which Kant saved after his own remark: I had to remove knowledge to get place for faith.—Kant does not get place for religious contents in the sense of Thomas Aquinas, for traditional religious contents, but for abstract religious contents that just originate in the individual human being who dictates truth, that is appearance.

[ 31 ] Damit wird Kant der Erfüller des Nominalismus. Er wird diejenige Philosophenpersönlichkeit, welche im Grunde genommen alles dem Menschen abspricht, was dieser Mensch haben konnte, um in irgendeine Realität unterzutauchen. Daher gleich jene Reaktion gegen Kant, die zum Beispiel Fichte, die dann Schelling, die dann Hegel vorgenommen haben, auch noch andere Denker des 19. Jahrhunderts. Man braucht nur auf Fichte zu sehen, indem er alles dasjenige, was Kant im Grunde genommen nur als eine Scheinwelt oder Erscheinungswelt statuiert hatte, herausholen wollte aus dem eigentlichen schöpferischen Ich, das er aber wurzelnd dachte im Seinsgehalt der Welt. Man braucht nur auf diesen Fichte zu sehen, wie er genötigt war, zu einem intensiveren, man möchte sagen immer mystischer und mystischer werdenden Erleben der Seele zu dringen, um über den Kantianismus hinauszukommen. Fichte konnte nicht einmal glauben, daß Kant das gemeint haben konnte, was in den Kantschen Kritiken wirklich enthalten ist. Er glaubte im Anfang, ich möchte sagen, in einer gewissen philosophischen Naivität, daß er nur die letzte Konsequenz der Kantschen Philosophie zog. Wenn man nicht diese «letzten Konsequenzen» ziehe, meinte Fichte, so müßte man glauben, es habe der wunderlichste Zufall diese Philosophie zusammengestoppelt, jedenfalls aber nicht ein menschlich denkender Kopf.

[ 31 ] With it, Kant becomes the executor of nominalism. He becomes the philosopher who denies the human being everything that this human being could have to submerge in any reality. Hence, Fichte, Schelling, and then Hegel immediately reacted against Kant. Thus, Fichte wanted to get everything that Kant had determined as an illusory world or as a world of appearances from the real creative ego that he imagined, however, to be rooted in the being of the world. Fichte was urged to strive for a more intensive, to a more and more mystic experience of the soul to get beyond Kantianism. He could not believe at all that Kant meant that which is included in his Critiques. In the beginning, with a certain philosophical naivety he believed that he drew the last consequence of Kant's philosophy. If one did not draw these last consequences, Fichte thought, one would have to believe that the strangest chance would have pieced this philosophy together but not a humanely thinking head.

[ 32 ] Das alles steht im Grunde genommen außerhalb dessen, was heraufzieht in der abendländischen Menschheitsentwickelung durch die aufkeimende Naturwissenschaft, die auftritt wie eine Reaktion gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die im Grunde genommen gar nichts von der Philosophie versteht und daher bei vielen Denkern in krassen Materialismus ausgeartet ist. Und so sehen wir, wie sich die philosophische Entwickelung in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts herauf entfaltet. Wir sehen gewissermaßen dieses philosophische Streben vollständig in der Nichtigkeit ankommen, und wir sehen dann, wie von allem möglichen, das man anheftet an den Kantianismus und dergleichen, ausging der Versuch, etwas zu begreifen von dem, was eigentlich als Wesenhaftes in der Welt liegt. Was so bedeutend erschienen wäre, wenn man es erfaßt hätte, die Goethesche Weltanschauung, die ging eigentlich, mit Ausnahme der Geister, die sich an Schelling, Hegel und Fichte anlehnten, als Weltanschauung für das 19. Jahrhundert vollständig verloren. Denn in dieser Goetheschen Weltanschauung liegt der Anfang dessen, was eigentlich, nur mit Frontänderung nach der Naturwissenschaft hin, aus dem Thomismus werden muß, indem er sich herauferhebt zu der Entwickelungshöhe der Gegenwart, indem er eine wirkliche Entwickelungsströmung wird.

[ 32 ] All that is beyond that which approaches with the emerging natural sciences that appear like a reaction just in the middle of the nineteenth century that strictly speaking understand nothing of philosophy, which degenerated, hence, with many thinkers into crass materialism. Thus, we realise how philosophy develops in the last third of the nineteenth century. We see this philosophical pursuit completely arriving at nullity, and then we realise how—from everything possible that one attaches to Kantianism and the like—one attempts to understand the essentials of the world. The Goethean worldview which would have been so significant if one had grasped it, got completely lost, actually, as a worldview of the nineteenth century, with the exception of those spirits who followed Schelling, Hegel and Fichte. Since in this Goethean worldview the beginning of that is contained which must originate from Thomism, only with the volte-face to natural sciences.

[ 33 ] Thomas konnte es nur bis zu einem abstrakten Statuieren dessen bringen, daß das Seelisch-Geistige wirklich bis in die letzten Tätigkeiten der menschlichen Organe hinunter wirkt. In abstrakter Form sprach das Thomas von Aquino aus: Alles das, bis in die vegetativen Tätigkeiten hinein, was im menschlichen Leibe lebt, wird von dem Seelischen aus dirigiert und muß von dem Seelischen aus erkannt werden. Goethe macht den Anfang zur Frontänderung in seiner «Farbenlehre», die deshalb so ganz und gar nicht verstanden wird; Goethe macht den Anfang mit seiner «Morphologie», mit seiner Pflanzen- und Tierlehre. Die völlige Erfüllung dieses Goetheanismus wird aber erst gegeben, wenn man eine Geisteswissenschaft hat, die aus ihrer eigenen Kraft Aufklärung über die naturwissenschaftlichen Tatsachen hervorbringt.

[ 33 ] Thomas could state only in the abstract that the mental-spiritual really works into the last activities of the human organs. In abstract form, Thomas Aquinas expressed that everything that lives in the human body is directed by the mental and must be recognised by the mental. Goethe started with the volte-face and made the first ground with his Theory of Colours, which people do not at all understand, and with his “morphology.” However, the complete fulfilment of Goetheanism is given only if one has spiritual science that clarifies the scientific facts by its own efforts.

[ 34 ] Vor einigen Wochen versuchte ich hier auszuführen, wie unsere Geisteswissenschaft zum Beispiel korrigierend der Naturwissenschaft sich gegenüberstellen will, sagen wir, in bezug auf die Lehre vom Herzen. Dieses Herz hat die mechanisch-materialistische Anschauung zu einer Pumpe gemacht, die das Blut durch den menschlichen Körper treibt. Es ist das Gegenteil, dieses Herz: Ein Lebendiges ist die Blutzirkulation — die Embryologie kann es exakt nachweisen, wenn sie nur will —, und das Herz wird durch das innerlich bewegte Blut in Tätigkeit versetzt. Das Herz ist dasjenige, worinnen sich die Bluttätigkeit schließlich statuiert, worinnen die Bluttätigkeit hereingenommen wird in die ganze menschliche Individualität. Die Tätigkeit des Herzens ist eine Folge der Bluttätigkeit, nicht die Bluttätigkeit eine Folge der Herztätigkeit. Und so kann man, wie es hier schon in bezug auf die Einzelheiten gezeigt worden ist in einem Kursus für Ärzte, in bezug auf die einzelnen Organe des Leibes durchaus zeigen, wie die Erfassung des Menschen als eines Geistwesens erst wirklich sein Materielles erklärt. Man kann in einer gewissen Weise real machen dasjenige, was wie in abstrakter Gestalt dem Thomismus vorgeschwebt hat, der da sagte: Das Geistig-Seelische durchdringt alles Leibliche. — Fine konkrete, reale Erkenntnis wird das. Es lebt, indem sie sich entzündet an dem Goetheanismus, die thomistische Philosophie, die im 13. Jahrhundert noch eine abstrakte Gestalt hatte, in unserer Gegenwart als Geisteswissenschaft weiter.

[ 34 ] Some weeks ago, I tried here to explain how our spiritual science could be a corrective of natural sciences, we say, concerning the function of the heart. The mechanical-materialist view considers the heart as a pump that pushes the blood through the human body. However, it is quite the contrary. The blood circulation is something living—embryology can prove that precisely -, and it is set in motion by the internally moved blood. The heart takes the blood activity into the entire human individuality. The activity of the heart is a result of the blood activity, not vice versa. Thus, one can show concerning the single organs of the body how the comprehension of the human being as a spiritual being only explains his material existence. One can do something real in a way that Thomism had in mind in abstract form that said there, the spiritual-mental penetrates everything bodily. This becomes concrete knowledge. The Thomistic philosophy lives on as spiritual science in our present.

[ 35 ] Wenn ich hier ein persönliches Erlebnis einfügen darf, so kann es das folgende sein. Es soll nur illustrieren, in aller Bescheidenheit. Als ich am Ende der achtziger Jahre in Wien im «Wiener Goethe-Verein» sprach über das Thema «Goethe als Vater einer neuen Ästhetik», da war unter den Zuhörern ein sehr gelehrter Zisterzienser. Ich setzte auseinander, wie man sich die Vorstellung Goethes über die Kunst zu denken hat, und da tat dazumal der Pater Wilhelm Neumann, ein Zisterzienser, der zugleich Professor an der theologischen Fakultät der Wiener Universität war, den merkwürdigen Ausspruch: Die Keime zu diesem Vortrage, den Sie heute uns gehalten haben, die liegen schon bei Thomas von Aquino!— Es war mir doch ein außerordentlich interessantes Erlebnis, von dem Pater Wilhelm Neumann zu hören, daß er, der natürlich voll eingeschult war — denn es war ja schon nach dem Erscheinen des Neuthomismus innerhalb des katholischen Klerus —, der also ganz eingeschult war im Thomismus, daß er empfand, daß im Thomismus etwas liegt wie die Keime zu dem, was da als die Konsequenz der Goetheschen Weltanschauung in bezug auf die Ästhetik gesagt wurde.

[ 35 ] I would like to insert a personal experience here. When I spoke in the Viennese Goethe Association about the topic Goethe as Father of a New Aesthetics, there was a very sophisticated Cistercian among the listeners. I explained how one has to imagine Goethe's idea of art, and this Cistercian, Father Wilhelm Neumann (1837-1919), professor at the theological faculty of the Vienna University, said something strange, you can find the origins of your talk already with Thomas Aquinas.—Nevertheless, it was interesting to me to hear from him who was well versed in Thomism that he felt that in Thomism is a kind of origin of that which I had said about the consequence of the Goethean worldview concerning aesthetics.

[ 36 ] Man muß schon sagen: Die Dinge, der Wahrheit gemäß angesehen, nehmen sich durchaus anders aus, als sie sich unter dem Einflusse einer ohnmächtigen nominalistischen Weltanschauung, die zum großen Teil doch auf Kant und die kantianisierende moderne Physiologie zurückgeht, für die Philosophiegeschichte darstellen. Und so würden Sie manches finden, wenn Sie nachsehen in der Geisteswissenschaft. Lesen Sie in meinen «Seelenrätseln», die vor mehreren Jahren erschienen sind, wie da von mir versucht wird, auf Grund von dreißigjährigen Studien die menschliche Wesenheit zu gliedern in drei Glieder; wie da versucht wird zu zeigen, wie das eine Glied des menschlichen physischen Leibes mit der Denk- und Sinnesorganisation zusammenhängt, wie dann das rhythmische System, alles dasjenige, was zum Atmen und zur Herztätigkeit gehört, zusammenhängt mit dem Gefühlssystem, wie der Stoffwechsel mit dem Willenssystem zusammenhängt. Da wird überall der Versuch gemacht, das Geistig-Seelische in seinem Schaffen im Physischen wieder zu finden. Das heißt, die Frontänderung nach der Naturwissenschaft hin wird ernsthaft gemacht. Es wird versucht, so einzudringen in das Gebiet des natürlichen Daseins nach dem Zeitalter der Naturwissenschaft, wie vor dem Zeitalter der Scholastik, der Thomistik — wir haben es bei dem Areopagiten und bei Plotin gesehen —, von der menschlichen Erkenntnis aus in das spirituelle Gebiet eingedrungen worden ist. Es wird mit dem Christus-Prinzip Ernst gemacht, wie mit dem Christus-Prinzip Ernst gemacht worden wäre, wenn man gesagt hätte: Das menschliche Denken kann sich umwandeln, so daß es wirklich hinaufdringen kann, wenn es die Denk-Erbsünde der Erkenntnisgrenze abstreift und sich rein durch sinnlichkeitsfreies Denken hinaufentwickelt in die geistige Welt — nach der Frontänderung. Was sich als Natur offenbart, das kann durchdrungen werden als der Schleier des Naturdaseins. Man dringt über die Grenze der Erkenntnis hinaus, die ein Dualismus glaubte aufrichten zu müssen, so wie die Scholastiker die Grenze auf der anderen Seite aufgerichtet haben. Man dringt ein in diese materielle Welt und entdeckt, daß diese eigentlich die geistige ist, daß hinter dem Schleier der Natur in Wahrheit nicht materielle Atome sind, sondern geistige Wesenheiten.

[ 36 ] One has already to say, the things, considered according to truth, appear absolutely different than they present themselves to the history of philosophy under the influence of an unconscious nominalistic worldview which goes back largely to Kant and the modern physiology. Thus, you would find many a thing if you referred to spiritual science. Read in my book The Riddles of the Soul which appeared some years ago how I tried there to divide the human being on the basis of thirty-year studies into three systems; how one system of the human physical body is associated with sense-perception and thinking, how the rhythmical system, breathing and heart activity, is associated with feeling, how metabolism is associated with the will. Everywhere I attempted to find the spiritual-mental in its creating in the physical. That is, I took the volte-face to natural sciences seriously. One tries to penetrate into the area of natural existence after the age of natural sciences, as before the age of scholasticism—we have realised it with the Areopagite and with Plotinus—one penetrated from the human knowledge into the spiritual area. One takes the Christ principle seriously as one would have taken the Christ principle seriously if one had said, the human thinking can change, so that it can penetrate if it casts off the original sin of the limits of knowledge and if it rises up by thinking free of sensuousness to the spiritual world—after the volte-face. What manifests as nature can be penetrated as the veil of physical existence. One penetrates beyond the limits of knowledge which a dualism assumed, as well as the scholastics drew the line at the other side. One penetrates into this material world and discovers that it is, actually, the spiritual one that behind the veil of nature no material atoms are in truth but spiritual beings.

[ 37 ] Das zeigt Ihnen, wie eigentlich gedacht wird in einer fortschrittlichen Weise über eine Fortentwickelung des Thomismus des Mittelalters. Suchen Sie die wichtigsten psychologischen Gedanken des Albertus und des Thomas in ihrer Abstraktheit auf. Da wird allerdings nicht so eingedrungen in das Menschlich-Leibliche, daß gesagt wird, wie der Geist oder die Seele arbeiten am Herzen, an der Milz, an der Leber und so weiter, aber es wird schon darauf hingewiesen, daß der ganze menschliche Leib herausentstanden gedacht werden muß aus dem Geistig-Seelischen.

[ 37 ] This shows how one thinks progressively about a further development of Thomism. Look for the most important psychological thoughts of Albert and Thomas in their abstractness. However, they did not penetrate into the human-bodily, so that they said how the mind or the soul work on the organs, but they already pointed to the fact that one has to imagine the whole human body as the result of the spiritual-mental.

[ 38 ] Die Fortsetzung dieses Gedankens ist die Arbeit, wirklich zu verfolgen das Geistig-Seelische bis in die Einzelheiten des Leiblichen hinein. Das macht nicht die Philosophie, das macht nicht die Naturwissenschaft, das wird nur eine Geisteswissenschaft machen, die nicht zurückscheut, die Gedanken, die einmal als große Gedanken in der Menschheitsentwickelung gefaßt worden sind, wie die Gedanken der Hochscholastik, hereinzutragen in unsere Zeit und sie anzuwenden auf all dasjenige, was unsere Zeit an Naturanschauungen gebracht hat. Dazu war allerdings notwendig, wenn die Sache wissenschaftlich bestehen sollte, eine Auseinandersetzung mit dem Kantianismus.

[ 38 ] The continuation of this thought is the work to pursue the spiritual-mental down to the details of the bodily. Neither philosophy nor natural sciences do this, only spiritual science will do it, which does not shy away from applying the great thoughts like those of High Scholasticism to the views of nature of our time. However, for that an engagement with Kantianism was inevitable if the thing should scientifically persist.

[ 39 ] Diese Auseinandersetzung mit dem Kantianismus habe ich versucht zuerst in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» schon vor Jahren, in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in meiner kleinen Schrift «Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» und dann wiederum in meiner «Philosophie der Freiheit». Nur ganz kurz und ohne Berücksichtigung dessen, daß die Dinge ja, wenn man sie kurz darstellt, scheinbar schwer sind, möchte ich den Grundgedanken, der in diesen Büchern lebt, einmal vor Sie hinstellen.

[ 39 ] I tried this engagement with Kantianism first in my writings Truth and Science and Epistemology of Goethe's Worldview and, in the end, in my Philosophy of Freedom. Only quite briefly, I would like to defer to the basic idea of these books.

[ 40 ] Diese Bücher gehen aus davon, daß allerdings in der Welt der Wahrnehmung, die um uns herum sich ausbreitet, nicht unmittelbar die Wahrheit gefunden werden kann. Man sieht in einer gewissen Weise, wie in der menschlichen Seele sich festlegt der Nominalismus, wie er die falsche Konsequenz des Kantianismus annehmen kann, aber wie Kant durchaus nicht sah das, womit einmal Ernst gemacht wurde in diesen Büchern. Das ist, daß eine Betrachtung der Wahrnehmungswelt selbst, wenn sie ganz sachlich und gründlich angestellt wird, zu der Erkenntnis führt: Diese Wahrnehmungswelt ist nicht etwas Ganzes, diese Wahrnehmungswelt stellt sich dar als etwas, das wir verwirklichen.

[ 40 ] These writings take their starting point from the fact that one cannot directly find truth in the world of sense perception. One realises in a way in which nominalism takes hold in the human soul how it can accept the wrong consequence of Kantianism, but how Kant did not realise that which was taken seriously in these books. This is that a consideration of the world of perception leads—if one does it quite objectively and thoroughly—to the conclusion: the world of perception is not a whole, it is something that we make a reality.

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[ 41 ] Wodurch entstand denn eigentlich die Schwierigkeit des Nominalismus? Wodurch entstand der ganze Kantianismus? Dadurch, daß die Wahrnehmungswelt genommen wird, dann beobachtet man die Wahrnehmungswelt und breitet über sie durch das Seelenleben die Ideenwelt aus. Nun hat man die Anschauung, als ob diese Ideenwelt die äußeren Wahrnehmungen abbilden sollte. Aber die Ideenwelt ist im Innern. Was hat diese im Innern des Menschen befindliche Ideenwelt mit dem, was da draußen ist, zu tun? Diese Frage konnte Kant nicht anders beantworten als dadurch, daß er sagte: Also stülpen wir eben über die Wahrnehmungswelt die Ideenwelt drüber, machen wir die Wahrheit. — So ist die Sache nicht. Die Sache ist so, daß, wenn wir die Wahrnehmung unbefangen betrachten, sie ein Nichtfertiges ist, überall ein Nicht-in-sich-Abgeschlossenes. Das versuchte ich streng zu beweisen zunächst in meinem Buche «Wahrheit und Wissenschaft», dann in meinem Buche «Philosophie der Freiheit». Die Wahrnehmung ist überall so, daß sie als ein NichtAbgeschlossenes erscheint. Indem wir uns hereingestellt haben in die Welt, indem wir hereingeboren sind in die Welt, spalten wir die Welt. Die Sache ist so, daß wir den Weltinhalt gewissermaßen hier haben (es wurde gezeichnet). Indem wir uns als Mensch hineinstellen in dieWelt, spalten wir den Weltinhalt in die Wahrnehmung, die uns von außen erscheint, und in die Ideenwelt, die uns im Innern der Seele erscheint. Dadurch, daß wir in der Welt sind, spaltet sich für uns die Welt in eine Wahrnehmungswelt und in eine Ideenwelt.

[ 41 ] In what way did the difficulty of nominalism originate? Where did the whole Kantianism originate? Because one takes the world of perception, and then the soul life puts the world of ideas upon it. Now one has the view, as if this world of ideas should depict the outer perception. However, the world of ideas is inside. What does this inner world of ideas deal with that which is there outdoors? Kant could answer this question only, while he said, so we just put the world of perception on the world of ideas, so we get truth. The thing is not in such a way. The thing is that—if we look at perception impartially—it is not complete, everywhere it is not concluded. I tried to prove this strictly at first in my book Truth and Science, then in my book Philosophy of Freedom. The perception is everywhere in such a way that it appears as something incomplete. While we are born in the world, we split the world. The thing is that we have the world contents here (Steiner draws). While we place ourselves as human beings in the world, we separate the world contents into a world of perception that appears to us from the outside and into the world of ideas that appears to us inside of our soul. Someone who regards this separation as an absolute one who simply says, there is the world, there I am cannot get over with his world of ideas to the world of perception.

[ 42 ] Wer diese Spaltung für eine absolute ansieht, wer einfach sagt: Da ist die Welt, da bin ich —, der kann gar nicht hinüber mit seiner Ideenwelt in die Wahrnehmungswelt. Aber die Sache ist so: Ich schaue mir die Wahrnehmungswelt an; die ist in sich überall nicht fertig, der fehlt überall etwas. Ich selber bin aber mit meinem ganzen Sein aus der Welt, der auch die Wahrnehmungswelt angehört, herausgestiegen. Da schaue ich in mich selber hinein: was ich durch mich selber erblicke, das ist gerade das, was der Wahrnehmungswelt fehlt. Ich muß das, was, indem das Ich in die Welt hineingetreten ist, sich in zwei Glieder auseinandergelegt hat, durch mein eigenes Dasein vereinigen. Ich erarbeite die Wirklichkeit. Dadurch, daß ich geboren bin, erzeugt sich der Schein, indem sich das, was eins ist, in zwei gliedert, in Wahrnehmung und Ideenwelt. Dadurch, daß ich lebe, daß ich werde, daß ich mich entwickle, bringe ich die zwei Strömungen der Wirklichkeit zusammen. Ich in meinem Erkenntniserleben arbeite mich in die Wirklichkeit hinein. Ich würde niemals zu einem Bewußtsein gekommen sein, wenn ich mir nicht abgespalten hätte durch mein Hereingehen in die Welt die Ideenwelt von der äußerlichen Wahrnehmungswelt. Aber ich würde niemals die Brücke zur Welt finden, wenn ich dasjenige, was ich mir abgespalten habe, die Ideenwelt, nicht wiederum in Vereinigung brächte mit dem, was ohne diese Ideenwelt eben keine Wirklichkeit ist.

[ 42 ] However, the case is this: I look at the world of perception; everywhere it is not complete in itself, something is absent everywhere. However, I myself have come with my whole being from the world to which also the world of perception belongs. There I look into myself: what I see by myself is just that which the world of perception does not have. I have to unite that which separated in two parts by my own existence. I create reality. Because I am born, appearance comes into being while that which is one separates into perception and the world of ideas. Because I live, I bring together two currents of reality. In my cognitive experience, I work the way up into reality. I would never have got to a consciousness if I had not split off the world of ideas from the world of perception while entering into the world. However, I would never find the bridge to the world if I did not combine the world of ideas that I have split off again with that which is not reality without the world of ideas.

[ 43 ] Kant sucht die Wirklichkeit bloß in der äußeren Wahrnehmung und ahnt gar nicht, daß diese andere Hälfte der Wirklichkeit gerade in dem liegt, was wir in uns tragen. Wir haben das, was wir als Ideenwelt in uns tragen, erst der äußeren Wirklichkeit entrissen. Jetzt ist der Nominalismus gelöst, denn jetzt stülpen wir nicht irgendwie formal Raum und Zeit und Ideen, die bloße Nomina wären, über die äußere Wahrnehmung hinüber, sondern jetzt geben wir in ihrem Erkennen der Wahrnehmung zurück, was wir ihr, wenn wir bei unserer Geburt ins sinnliche Dasein treten, genommen haben.

[ 43 ] Kant searches reality only in the outer perception and does not guess that the other half of reality is just in that which we carry in ourselves. We have taken that which we carry as world of ideas in ourselves only from the outer reality. Now we have solved the problem of nominalism, because we do not put space, time, and ideas, which would be mere names, upon the outer perception, but now we give back the perception what we had taken from it when we entered into the sensory existence.

[ 44 ] Auf diese Weise tritt einem des Menschen Beziehung zur geistigen Welt vor die Seele zunächst in einer rein philosophischen Form. Und wer nun meine «Philosophie der Freiheit», die ganz ruht auf diesen erkenntnistheoretischen Untergründen von der Erarbeitung der Wirklichkeit, von dem Hineinleben in die Wirklichkeit durch die menschliche Erkenntnis —, wer diesen Grundgedanken in sich aufnimmt, der schon in dem Titel der Schrift «Wahrheit und Wissenschaft» ausgedrückt ist: daß die wirkliche Wissenschaft Wahrnehmungen und Ideenwelt miteinander vereinigt und in diesem Vereinigen nicht bloß ein Ideelles, sondern einen realen Prozeß sieht, wer nun etwas von einem Weltprozeß sehen kann in diesem Vereinigen von Wahrnehmungs- und Ideenwelt, der steht dabei, den Kantianismus zu überwinden, der steht aber auch dabei, nun endlich fertigzuwerden mit dem Problem, das wir haben aufgehen sehen in der abendländischen Entwickelung, das den Nominalismus hervorgebracht hat, das in der Scholastik manche Lichter geworfen hat im 13. Jahrhundert, das aber zuletzt ohnmächtig gegenüberstand der Scheidung in Wahrnehmung und in Ideenwelt.

[ 44 ] Thus, we have the relationship of the human being to the spiritual world at first in a purely philosophical form. Someone is just overcoming Kantianism who takes up this basic idea of my Philosophy of Freedom, which the title of the writing Truth and Science already expresses: the fact that real science combines perception and the world of ideas and regards this combining as a real process. However, he is just coping with the problem which nominalism had produced which faced the separation into perception and the world of ideas powerlessly.

[ 45 ] Diesem Problem der Individualität kommt man nun nahe auf ethischem Gebiete. Deshalb ist meine «Philosophie der Freiheit» das geworden, was Wirklichkeits-Philosophie ist. Indem das Erkennen nicht bloß ein formaler Akt ist, indem das Erkennen selber ein Wirklichkeitsprozeß ist, stellt sich das ethische, das moralische Handeln als ein Ausfluß desjenigen dar, was in diesem Werden in einem realen Prozeß das Individuum erlebt durch die moralische Phantasie als Intuition. Und es entsteht das, was im zweiten Teil meiner «Philosophie der Freiheit» dargestellt ist, der ethische Individualismus, der nun tatsächlich baut, wenn das auch in meiner «Philosophie der Freiheit» nicht ausgesprochen ist, auf den Christus-Impuls im Menschen. Er baut auf dasjenige, was der Mensch sich erringt als Freiheit, indem er umwandelt das gewöhnliche Denken in dasjenige, was in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine Denken genannt wird, das sich erhebt in die geistige Welt und herausgebiert aus der geistigen Welt die Antriebe für die moralischen Handlungen, sie herausgebiert dadurch, daß sich etwas, was sonst an die menschliche Leiblichkeit gebunden ist, der Impuls der Liebe, heraufspiritualisiert. Und indem die sittlichen Ideale aus der geistigen Welt durch die moralische Phantasie entlehnt werden, äußern sie sich in ihrer Kraft, werden die Kraft der geistigen Liebe.

[ 45 ] One approaches this problem of individuality in the ethical area. Therefore, my Philosophy of Freedom became a philosophy of reality. While cognition is not only a formal act but also a process of reality, the moral action presents itself as an outflow of that which the individual experiences as intuition by moral imagination. The ethical individualism originates this way as I have shown in the second part of my Philosophy of Freedom. This individualism is based on the Christ impulse, even if I have not explicitly said that in my Philosophy of Freedom. It is based on that which the human being gains to himself as freedom while he changes the usual thinking into that which I have called pure thinking in my Philosophy of Freedom which rises to the spiritual world and gets out the impulses of moral actions while something that is bound, otherwise, to the human physical body, the impulse of love, is spiritualised. While the moral ideals are borrowed from the spiritual world by moral imagination, they become the force of spiritual love.

[ 46 ] Daher mußte entgegengehalten werden dem Philisterprinzip Kants: Pflicht! Du erhabener Name, der du nichts von Schmeichelei bei dir führst, sondern strenge Unterwerfung forderst — diesem Philisterprinzip, gegen das sich Schiller schon aufgelehnt hat —, dem mußte die «Philosophie der Freiheit» entgegensetzen das umgewandelte Ich, das hinauf sich entwickelt hat in die Sphäre der Geistigkeit und oben in der Sphäre der Geistigkeit anfängt, die Tugend zu lieben, und deshalb die Tugend übt, weil es sie aus der Individualität heraus liebt.

[ 46 ] Hence, the Philosophy of Freedom had to counter Kant's philistine principle—“Duty! You elated name, you do not have anything of flattery with yourself but strict submission” -, with the transformed ego which develops up into the sphere of spirituality and starts there loving virtue, and, therefore, practises virtue because it loves it out of individuality.

[ 47 ] So stellte sich auch das, was für Kant ein bloßer Glaubensinhalt geblieben ist, als ein realer Welteninhalt dar. Denn für Kant ist die Erkenntnis etwas Formales, für die «Philosophie der Freiheit» etwas Reales. Es ist ein wirklicher Prozeß, der vorgeht. Daher ist auch dasjenige, was die höhere Sittlichkeit ist, durch sie verknüpft zu einer Realität, aber zu einer Realität, welche Wertphilosophen wie Windelband und Rickert durchaus nicht erreichen, indem sie nicht daraufkommen, wie das, was sittlich wertvoll ist, eingewurzelt ist in der Welt. Selbstverständlich, diejenigen Menschen, die den Erkenntnisvorgang nicht als einen realen Vorgang ansehen, die kommen schließlich auch nicht zu einer Verankerung der Sittlichkeit in der Seinswelt; die kommen überhaupt zu keiner Wirklichkeitsphilosophie.

[ 47 ] Thus, that which remained mere religious contents to Kant made itself out to be real world contents. Since to Kant knowledge is something formal, something real to the Philosophy of Freedom. A real process goes forward. Hence, the higher morality is also tied together with it to a reality, which philosophers of values like Windelband (Wilhelm, 1845-1915) and Rickert (Heinrich R., 1863-1936) do not at all reach. Since they do not find out for themselves how that which is morally valuable is rooted in the world. Of course, those people who do not regard the process of cognition as a real process do not get to rooting morality in the world of reality; they generally get to no philosophy of reality.

[ 48 ] Aus dem ganzen Werdegang der abendländischen philosophischen Entwickelung wurde eigentlich die philosophische Grundlegung desjenigen, was hier als Geisteswissenschaft auftritt, herausgeholt. Und ich habe im Grunde genommen heute den Versuch gemacht, Ihnen zu zeigen, wie jener Zisterzienserpater dazumal nicht ganz unrichtig gehört hat: wie wirklich der Versuch vorliegt, die realistischen Elemente der Hochscholastik durch eine Geisteswissenschaft in unser naturwissenschaftliches Zeitalter hereinzustellen, wie Ernst gemacht wurde mit der Umwandlung der menschlichen Seele, mit der wirklichen Erfüllung der menschlichen Seele mit dem Christus-Impuls auch im Gedankenleben. Das Erkenntnisleben ist zu einem realen Faktor im Weltenwerden gemacht, das sich nur auf dem Schauplatz — wie ich in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» ausgeführt habe des menschlichen Bewußtseins vollzieht. Aber das, was sich da auf dem Schauplatze des menschlichen Bewußtseins vollzieht, das ist zugleich Weltenvorgang, das ist ein Geschehen in der Welt; und es ist dasjenige Geschehen, das die Welt und innerhalb der Welt uns selbst vorwärtsbringt.

[ 48 ] From the philosophical development of western philosophy, spiritual science was got out, actually. Today I attempted to show that that Cistercian father heard not quite inaccurately that really the attempt is taken to put the realistic elements of High Scholasticism with spiritual science in our scientific age, how one was serious about the change of the human soul, about the fulfilment of the human soul with the Christ impulse also in the intellectual life. Knowledge is made a real factor in world evolution that takes place only on the scene of the human consciousness as I have explained in my book Goethe's Worldview. However, these events in the world further the world and us within the world at the same time.

[ 49 ] Da gewinnt das Erkenntnisproblem eine ganz andere Gestalt.Da wird das, was wir erleben, geistig-seelisch in uns zu einem real uns entwickelnden Faktor. Da sind wir das, was hervorgeht aus dem, was wir Erkenntnis nennen. Wie der Magnetismus wirkt in der Gestaltung der Eisenfeilspäne, wenn er die Figuren hervorbringt, die wir kennen als die Ergebnisse der Wirkung des Magnetismus auf die freien Eisenfeilspäne, so wirkt in uns dasjenige, was sich in uns spiegelt als Erkenntnis. Es wirkt zu gleicher Zeit als unser Gestaltungsprinzip, und wir erkennen dann zu gleicher Zeit das Unsterbliche, das Ewige in uns, und wir werfen das Erkenntnisproblem nicht mehr in bloß formaler Weise auf.

[ 49 ] There the problem of knowledge takes on another form. That which we experience changes spiritual-mentally in ourselves into a real development factor. There we are that which arises from knowledge. As magnetism works on the arrangement of filings of iron, that works in us what is reflected in us as knowledge. At the same time, it works as our design principle, then we recognise the immortal, the everlasting in ourselves, and we do no longer raise the issue of knowledge in only formal way.

[ 50 ] Wie wurde immer das Erkenntnisproblem aufgeworfen? Das Erkenntnisproblem wurde immer in Anlehnung an den Kantianismus so aufgeworfen, daß man sich sagte: Wie kommt der Mensch dazu, in dieser Innenwelt ein Abbild der äußeren Welt zu erblicken? — Aber das Erkennen ist zunächst gar nicht dazu da, um Abbilder der äußeren Welt zu schaffen, sondern um uns zu entwickeln, und es ist ein Nebenprozeß, daß wir die Außenwelt abbilden. Wir lassen in der Außenwelt zusammenfließen in einem Nebenprozeß, was wir erst durch unsere Geburt abgespalten haben, und es ist geradeso bei dem modernen Erkenntnisproblem, wie wenn jemand Weizen oder andere Feldprodukte hat und, wenn er das Wesen des Wachstumsprinzips im Weizen untersuchen will, den Weizen auf seinen Nahrungsmitteleffekt untersucht. Gewiß kann man Nahrungsmittelchemiker werden, aber das, was im Weizen wirkt von der Ähre bis zur Wurzel und wieder weiter, das wird nicht durch Nahrungsmittelchemie erkannt. Die erörtert nur irgend etwas, was hinzukommt zu der geradlinig sich fortbewegenden Entwickelungsströmung, die in der Weizenpflanze liegt.

[ 50 ] The issue of knowledge was always raised referring to Kant in such a way that one said to himself, how does the human being get around to regarding the inner world as an image of the outer world?—However, cognition is not at all there at first to create images of the outer world but to develop us, and it is an ancillary process that we depict the outside world. We let that flow together in the outside world in an ancillary process, which we have split off at our birth. It is exactly the same way with the modern issue of knowledge, as if anybody has wheat and investigates its nutritional effect if he wants to investigate the growth principle of wheat. Indeed, one may become a food chemist, but food chemistry does not recognise that which is working from the ear through the root, the stalk, and the leaves to the blossom and fruit. It explains something only that is added to the normal development of the wheat plant.

[ 51 ] So gibt es eine Entwickelungsströmung des geistigen Lebens in uns, die uns erkraftet, die mit unserem Wesen etwas zu tun hat, wie die Entwickelung der Pflanze von der Wurzel durch den Stamm, durch das Blatt zur Blüte und zur Frucht, und von da wiederum zum Keime und zur Wurzel wird. Und wie das, daß wir das essen, wahrhaftig nicht bei der Wesenserklärung des Pflanzenwachstums eine Rolle spielen soll, so darf auch nicht die Frage nach dem Erkenntniswerte dessen, was in uns als Entwickelungsimpuls lebt, die Grundlage für eine Erkenntnistheorie sein, sondern es muß klar sein, daß das, was wir im äußeren Leben Erkenntnis nennen, ein Nebeneffekt ist der Arbeit des Ideellen in unserer Menschenwesenheit. Da kommen wir zu dem Realen desjenigen, was ideell ist. Es arbeitet in uns. Und nur dadurch ist der falsche Nominalismus, ist der Kantianismus entstanden, daß man die Erkenntnisfrage so aufgeworfen hat, wie man die Frage nach dem Wesen des Weizens von der Nahrungsmittelchemie aus aufwerfen würde.

[ 51 ] Thus, there is a developmental current of spiritual life in us, which is concerned with our being to some extent as the plant develops from the root through the stalk and leaves to the blossom and the fruit, and from there again to the seed and the root. As that which we eat should not play any role with the explanation of the plant growth, the question of the epistemological value of that which lives in us as a developmental impulse must also not be the basis of a theory of knowledge, but it has to be clear that knowledge is a side effect of the work of the ideal in our human nature. There we get to the real of that which is ideal. It works in us. The wrong nominalism, Kantianism, originated only because one put the question of knowledge in such a way as food chemistry would put the question of the nature of wheat.

[ 52 ] So kann man sagen: Erst wenn man darauf kommt, was in unserer Zeit der Thomismus sein kann, was der Thomismus für die Gegenwart sein kann, wie er aufsprießt gerade aus dem, was sein Bedeutendstes im Mittelalter ausmacht, dann sieht man ihn aufsprießen in seiner Gestalt für das 20. Jahrhundert in der Geisteswissenschaft, dann ist er als Geisteswissenschaft wieder da. Und dadurch ist schon ein Licht geworfen auf die Frage: Wie nimmt sich das aus, wenn man jetzt kommt und sagt, gegenüber der Philosophie der Gegenwart müsse zurückgegangen werden zu Thomas von Aquino, und Thomas von Aquino müsse studiert werden, höchstens mit einigen kritischen Erläuterungen und einigen anderem, wie er im 13. Jahrhundert geschrieben hat? — Da sehen wir, was es heißt, in ehrlicher und aufrichtiger Weise sich in die Entwickelungsströmung, die von der Hochscholastik ausgeht, hineinzuversetzen, und was es heißt, bloß mit Übersehen alles dessen, was seit dem 13. Jahrhundert in der europäischen Menschheitsentwickelung vor sich gegangen ist, sich in dieses 13. Jahrhundert zurückzuversetzen. Das ist im Grunde genommen doch dasjenige, was geschehen ist infolge der Enzyklika «Aeterni patris» von 1879, welche die katholischen Kleriker anweist, den Thomas von Aquino für die offizielle Philosophie der katholischen Kirche anzusehen. Ich will hier die Frage nicht erörtern: Wo ist der Thomismus? denn man müßte die Frage erörtern: Ist die Rose, die ich jetzt vor mir habe, am besten angeschaut, wenn ich die Blüte außer acht lasse, nur in die Erde hineingrabe, um die Wurzeln anzuschauen, und übersehe, daß aus dieser Wurzel schon etwas entstanden ist — oder wenn ich hinsehe auf alles dasjenige, was aus dieser Wurzel entstanden ist?

[ 52 ] Hence, one may say, not before we find out for ourselves what Thomism can be for the present, we see it originating in spiritual science in its figure for the twentieth century, and then it is back again as spiritual science. Then light is thrown on the question: how does this appear if now one comes and says, compared with the present philosophy one has to go back to Thomas Aquinas, and to study him, at most with some critical explanations and something else that he wrote in the thirteenth century?—There we realise, what it means, to project our thoughts in honest and frank way in the development current that takes High Scholasticism as starting point, and what it means to carry back our mind to this thirteenth century surveying the entire European development since the thirteenth century. This resulted from the encyclical Aeterni patris of 1879 that asks the Catholic clerics to regard the philosophy of Thomas Aquinas as the official philosophy of the Catholic Church. I do not want to discuss the question here: where is Thomism? Since one would have to discuss the question: do I look best at the rose that I face there if I disregard the blossom and dig into the earth to look at the roots and check as to whether something has already originated from the root.

[ 53 ] Nun, das alles können Sie sich ja selbst ausmalen. Wir erleben das, was sich unter uns geltend macht, wie eine Wiedererneuerung desjenigen Thomismus, wie er war im 13. Jahrhundert, neben dem, was ehrlich die Entwickelung des europäischen Abendlandes mitmachen will. Wir dürfen demgegenüber fragen: Wo lebt der Thomismus in der Gegenwart? Man braucht ja nur die Frage aufzuwerfen: Wie hat sich Thomas von Aquino selber verhalten zu dem, was ihm dazumal vorlag, zu dem Offenbarungsinhalt? Er hat gesucht, ein Verhältnis zu ihm zu gewinnen. Wir haben die Notwendigkeit, ein Verhältnis zu dem Naturoffenbarungsinhalte zu gewinnen. Da können wir nicht stehenbleiben bei der Dogmatik. Da muß «das Dogma der Erfahrung», wie ich bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschrieben habe, ebenso überwunden werden wie auf der anderen Seite das Dogma der Offenbarung. Da muß tatsächlich rekurriert werden zu dem geistig-seelischen Inhalt des Menschen, zur Ideenwelt, die das Umwandelnde des Christus-Prinzips in sich aufnimmt, um durch den Christus in uns, das heißt in unserer Ideenwelt, die geistige Welt wiederum zu finden. Soll man denn durchaus dabei stehenbleiben, nur die Ideenwelt auf dem Standpunkte des Abfalles zu lassen? Soll die Ideenwelt der Erlösung nicht teilhaftig werden?

[ 53 ] Now, you yourselves can imagine all that. We experience what asserts itself among us as a renewal of that Thomism, as it existed in the thirteenth century, beside that which wants to take part honestly in the development of the European West. We may ask on the other hand, where does Thomism live in the present? You need only to put the question: how did Thomas Aquinas himself behave to the revelation contents? He tried to get a relationship to them. We have the necessity to get a relationship to the contents of physical manifestation. We cannot stop at dogmatics. One has to overcome the “dogma of experience” as on the other side one has to overcome the dogma of revelation. There we have really to make recourse to the world of ideas that receives the transforming Christ principle to find again our world of ideas, the spiritual world with Christ in us. Should the world of ideas remain separated? Should the world of ideas not participate in redemption?

[ 54 ] Man konnte im 13. Jahrhundert noch nicht das christliche Erlösungsprinzip in der Ideenwelt finden; deshalb stellte man sie entgegen der Offenbarungswelt. Das muß der Fortschritt der Menschheit in die Zukunft hinein werden, daß nicht nur für die äußere Welt das Erlösungsprinzip gefunden werde, sondern daß das Erlösungsprinzip gefunden werde für die menschliche Vernunft. Die unerlöste menschliche Vernunft nur allein könnte sich nicht in die geistige Welt erheben. Die erlöste menschliche Vernunft, die das wirkliche Verhältnis zu Christus hat, die dringt ein in die geistige Welt.

[ 54 ] In the thirteenth century, one could not yet find the Christian principle of redemption in the world of ideas; therefore, one set it against the world of revelation. This must become the progress of humanity for the future that not only for the outer world the redemption principle is found, but also for the human intellect. The unreleased human reason only could not rise in the spiritual world. The released human intellect that has the real relationship to Christ penetrates into the spiritual world.

[ 55 ] Eindringen in die geistige Welt von diesem Gesichtspunkte aus ist Christentum des 20. Jahrhunderts, ist Christentum so stark, daß es in die innersten Fasern desjenigen hineindringt, was menschliches Denken, was menschliches Seelenleben ist. Das ist kein Pantheismus, das ist alles dasjenige nicht, als was man es heute verleumdet, das ist Ernst des Christentums. Und vielleicht kann man gerade, wenn sie auch in gewisser Beziehung sich in abstrakte Gebiete verlieren mußte, aus dieser Betrachtung der Philosophie des Thomas von Aquino ersehen, wie Geisteswissenschaft es mit den Problemen des Abendlandes ernst nimmt, wie Geisteswissenschaft aber immer stehen will auf dem Boden der Gegenwart, wie Geisteswissenschaft sich nicht auf einen anderen Boden stellen kann, was auch gegen sie vorgebracht ‚werden mag.

[ 55 ] From this viewpoint, Christianity of the twentieth century is penetrating into the spiritual world, so that it deeply penetrates into the thinking, into the soul life. This is no pantheism, this is Christianity taken seriously. Perhaps one may learn just from this consideration of the philosophy of Thomas Aquinas—even if it got lost in abstract areas—that spiritual science takes the problems of the West seriously that it always wants to stand on the ground of the present.

[ 56 ] Ich weiß, meine sehr verehrten Anwesenden, was alles an unwahren Dingen jetzt heranschwirrt. Ich könnte mir auch denken, daß nun vielleicht auch wiederum gesagt werden könnte: Ja, der, der hat schon oftmals die Haut gewechselt; der wendet sich jetzt, weil die Sachen brenzlig werden, nun gar zum Thomismus. — Nun, man hat zwar in uralten Zeiten in gewissen Bekenntnissen die Priester auch «Schlangen» genannt. Schlangen häuten sich. So daß gerade auf seiten des Angreifers heute das Häuten verstanden werden kann, obwohl es in dem Sinne ganz gewiß eine Lüge ist, wie es dem vorgeworfen wird, was Sie in meinen Schriften finden. Denn ich habe heute gezeigt, wie gerade die philosophisch getreuliche Grundlegung der Geisteswissenschaft in meinen frühesten Schriften zu finden ist. Aber nun — Häuten hin, Häuten her —, aus dem Ton der Polemiken, die jetzt geführt werden, kann man ersehen, daß diese Leute das Häuten ganz gewiß nicht verstanden haben, daher haben sie so viele Häute bekommen und sind solche Dickhäuter. Aber man könnte vielleicht sagen, es sei herausgefordert dasjenige, was ich in diesen Tagen gesagt habe, wenigstens im Tone, gegenüber dem, was wir als Angriffe auf die Geisteswissenschaft erleben.

[ 56 ] I know how many false things arise now. I could also imagine that now again one says, yes, he has often changed his skin; he turns to Thomism now because the things become risky.—Indeed, one called the priests of certain confessions snakes in ancient times. Snakes slough their skins. As well as the opponents understand skinning today, it is indeed a lie. Since I have shown today how you can find the philosophically conscientious groundwork of spiritual science in my first writings.

[ 57 ] Nun darf ich vielleicht auf zwei Tatsachen hinweisen: 1908 habe ich in Stuttgart einen Vortrag gehalten über die philosophische Entwickelung des Abendlandes. In diesem Vortrage fand ich mich genötigt, gar nicht darauf hinzuweisen, daß etwa meine Besprechung des Thomismus Mißfallen finden könnte auf katholisch-klerikaler Seite, denn ich bin dem Thomismus dazumal voll gerecht geworden, habe alles das, was man als seine Verdienste hervorheben kann, sogar mit viel deutlicheren Worten hervorgehoben als es von den Neuthomisten, von Kleutgen oder ähnlichen, geschieht. Daher kam ich dazumal gar nicht darauf, daß mir von seiten des katholischen Klerus mein Lob des Thomismus übelgenommen werden könnte, und ich sagte: Wenn man abfällig von der Scholastik spricht, kommt man nicht in die Gefahr, von den sogenannten freien Geistern verketzert zu werden; spricht man aber objektiv darüber, so liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, mißverstanden zu werden, und zwar deshalb, weil man sich heute innerhalb der positiven und gerade der intolerantesten Kirchenbewegung vielfach philosophisch ganz mißverständlich auf die Thomistik stützt. Ich habe also gar nicht befürchtet, auf Grund gerade meines Lobes des Thomismus vom katholischen Klerus angegriffen zu werden, sondern von den sogenannten freien Geistern.

[ 57 ] Now I may point to two facts. In 1908, I held a talk about the philosophical development of the West in Stuttgart. In this talk, I did not feel compelled to point to the fact that possibly my discussion of Thomism displeased the Catholic clerics, because I did justice to Thomism, I emphasised its merits even with much clearer words than the Neo-Thomists, Kleutgen or others did. Hence, I did not find out for myself in those days that my praise of Thomism could be taken amiss by the Catholic clergy, and I said, if one speaks of scholasticism disparagingly, one is not branded heretical by the so-called free spirits. However, if one speaks, objectively about that, one is easily misunderstood because one often rests philosophically upon a misunderstood Thomism within the positive and just the most intolerant church movement. I did not fear at all to be attacked because of my praise of Thomism by the Catholic clergy, but by the so-called free spirits. It happened different, and people will say, we are the first whom he did a mischief.

[ 58 ] Es ist anders gekommen, und die Leute werden sagen: Wir sind ja zuerst diejenigen, denen etwas getan worden ist. — In diesen Tagen ist auch auf meine Bücher hingewiesen worden, die noch um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts geschrieben worden sind, unter anderem auch auf das Ernst Haeckel gewidmete Buch. Ich habe dazumal meine «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» geschrieben. Darin finden Sie auf Seite 172 folgenden Satz. Es ist darauf hingewiesen, wie das heutige Denken durchaus kein scharfsinniges, logisches ist; dann ist darauf hingewiesen, wie die Neuscholastik versucht hat, auf das streng Logische des Thomismus sich zu stützen: «Diese Denker konnten sich wirklich in der Ideenwelt bewegen, ohne sich diese Welt in grobsinnlicher Form zu verkörperlichen.» So habe ich von den Scholastikern gesprochen, und dann sprach ich noch von den katholischen Denkern, die dazumal das Studium der Scholastik wieder aufgenommen haben: «Und die katholischen Denker, die sich heute bemühen, diese Gedankenkunst zu erneuern, sind in dieser Beziehung der Berücksichtigung durchaus wert. Es wird immer Geltung haben, was einer von ihnen, der Jesuitenpater Joseph Kleutgen, in seinem Buche «Die Philosophie der Vorzeit (Innsbruck 1878) sagt: ‹Den verschiedenen Lehren über unser Erkennen, die wir soeben wiederholt haben, liegen zwei Sätze zugrunde: der erste, daß unsere Vernunft...›» und so weiter. Sie sehen, auch wenn der Jesuit Joseph Kleutgen etwas Verdienstvolles getan hat, wurde es anerkannt in dem Buche, das Ernst Haeckel gewidmet war. Es wurdenirgends verleugnet dasjenige, worauf hingewiesen werden mußte zur Steuer der Wahrheit. Warum erwähnt man, wenn man die Tatsache erwähnt — die in jenem Buche ja gerechtfertigt ist —, daß es Ernst Haeckel gewidmet ist, nicht auch, daß der Jesuitenpater Joseph Kleutgen da zu seinem Recht kommt? Doch hat das die Folge gehabt, daß man dazumal gesagt hat, ich sei selber ein verkappter Jesuit. Sehen Sie, damals war ich ein verkappter Jesuit; jetzt lesen Sie in zahlreichen Schriften, in zahlreichen Angriffsartikeln, ich sei Jude. Das wollte ich am Schlusse nur erwähnen, um auch noch in einer kleinen Nuance Licht zu werfen auf das, was eigentlich zugrunde liegt als der innerste Impuls für dasjenige, was ich bei dieser Betrachtung über den Thomismus ausgeführt habe. Jedenfalls glaube ich nicht, daß jemand aus dieser Betrachtung den Schluß ziehen kann, hier sei gesprochen worden zur Herabzerrung des Thomismus, sondern ich glaube, daß jedermann den anderen Schluß ziehen kann.

[ 58 ] During these days, I have also pointed to my books that I wrote around the turn of the nineteenth and twentieth centuries, among them also to a book that I dedicated to Ernst Haeckel, Worldviews and Approaches to Life in the Nineteenth Century. There I pointed to the fact that the modern thinking is not astute and logical; and that Neo-Scholasticism tried to rest upon the strictly logical of Thomism. I wrote: “These thinkers could really move in the world of ideas without imagining this world in unsubtle sensory-bodily form.” I spoke about the scholastics this way, and then I still spoke about the Catholic thinkers who had taken the study of scholasticism again: “The Catholic thinkers who try today to renew this art of thinking are absolutely worth to be considered in this respect. It will always have validity what one of them, the Jesuit father Joseph Kleutgen (1811-1889), says in his book An Apology of the Philosophy of the Past: “Two sentences form the basis of the different epistemologies which we have just repeated: the first one, that our reason ...” and so on. You realise, if the Jesuit Joseph Kleutgen did something meritorious, I acknowledged it in my book. However, this had the result that one said in those days that I myself was a disguised Jesuit. At that time, I was a disguised Jesuit; now you read in numerous writings, I am a Jew. I only wanted to mention this at the end. In any case, I do not believe that anybody can draw the conclusion from this consideration, that I have belittled Thomism.

[ 59 ] Diese Betrachtungen wurden gesprochen, um zu erweisen, daß sich in der Hochscholastik des 13. Jahrhunderts im Abendlande eine Kulmination europäischer Geistesentwikkelung gezeigt hat, und daß die gegenwärtige Zeit alle Ursache hat, auf die besondere Wesenheit dieser Kulmination europäischer Geistesentwickelung einzugehen; daß wir unendlich viel lernen können von einem solchen Eingehen, lernen können vor allen Dingen in bezug auf das, was wir im eminentesten Sinne brauchen: Vertiefung unseres Ideenlebens — damit wir hinauskommen über allen Nominalismus, damit wir wiederfinden durch die Durchchristung der Ideen das Christentum, das eindringt in das geistige Sein, dem der Mensch doch entstammen muß, da ihn, wenn er ganz ehrlich und aufrichtig gegen sich ist, nichts anderes befriedigen kann als das Bewußtsein seines geistigen Ursprunges.

[ 59 ] These considerations should show that the High Scholasticism of the thirteenth century was a climax of European intellectual development, and that the present time has reason to go into it. We can learn very much for deepening our thought life to overcome any nominalism, so that we find Christianity again by Christianising the ideas that penetrate into the spiritual being from which the human being must have originated, because only the consciousness of his spiritual origin can give him satisfaction.