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The Relationship of Anthroposophy to Natural Science
Foundations and Methods
GA 75

8 July 1920, Bern

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The Relationship of Anthroposophy to Natural Science, tr. SOL
  1. Das Verhältnis der Anthroposophie zur Naturwissenschaft

2. Anthroposophie, ihr Wesen und ihre philosophischen Grundlagen

2. Anthroposophy: Its Nature and Philosophical Foundations

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Über Wesen und Aufgabe der anthroposophisch orientierten Weltanschauung möchte ich Ihnen heute auf Einladung der hiesigen Freien Studentenschaft sprechen und in einigen einleitenden Worten vor allen Dingen darauf hinweisen, daß diese anthroposophisch orientierte Weltanschauung in vollem Einklang stehen möchte erstens mit den wesentlichsten Kulturforderungen der Gegenwart und — soweit man sie erkennen kann — der nächsten Zukunft. Insbesondere aber möchte diese Weltanschauung auch in vollem Einklange stehen mit dem, was sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte für die Entwicklung der Menschheit ergeben hat durch das, was man wissenschaftliche Weltanschauung nennt. Man darf wohl sagen: Diese anthroposophisch orientierte Weltanschauung, welche heute noch von vielen Leuten eigentlich nur wie eine Sektiererei genommen wird, wie die Schrulle einiger weltfremder Menschen, sie möchte gerade in intensivster Weise hinzuhorchen verstehen auf dasjenige, was unsere Zeit am tiefsten bewegt, möchte gewissermaßen eine Gewissensfrage unserer Zeit- und wohl noch mehr der nächsten Zukunft — ganz intensiv erfassen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! At the invitation of the local Free Student Association, I would like to speak to you today about the nature and purpose of the anthroposophically oriented worldview, and in a few introductory remarks, I would like above all to point out that this anthroposophically oriented worldview seeks to be in full harmony, first, with the most essential cultural demands of the present and—as far as one can discern them—of the near future. In particular, however, this worldview also seeks to be in full harmony with what has emerged over the course of the last three to four centuries for the development of humanity through what is called the scientific worldview. It is fair to say: This anthroposophically oriented worldview—which many people today still regard merely as a form of sectarianism, as the eccentricity of a few unworldly individuals—seeks, in the most intense way possible, to listen closely to what moves our time most deeply; it seeks, so to speak, to grasp with great intensity a matter of conscience for our time—and perhaps even more so for the near future.

[ 2 ] Darf man denn nicht sagen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß etwa seit drei bis vier Jahrhunderten durch dasjenige, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung genannt wird, mancherlei von den alten Vorstellungsweisen, die des Menschen Herz und Sinne befriedigten, in Zwiespalt mit dem Menschen selbst gebracht worden ist, daß mancherlei abgeworfen werden mußte von dem, was Jahrhunderten, was Jahrtausenden heilig war, daß die Wissenschaft manches als Illusion ausgewiesen hat, was ältere Weltanschauungen zu ihrem wertvollsten Bestande gerechnet hatten? Und ist es nicht aus den Nöten, aus den Katastrophen unserer Zeit heraus doch deutlich zu erkennen, daß der Augenblick, der weltgeschichtliche Augenblick gekommen ist, in dem nun diese wissenschaftliche Weltanschauung gewissermaßen auch das erfüllen muß, was seit langer Zeit viele von ihr erwarten: daß sie dem Menschen wiederum eröffnen muß einen Weg zu denjenigen geistigen Höhen, ohne die er nun eben doch nicht leben kann und zu denen sie ihm den alten Weg ja genommen hat? Mit dieser Frage, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte anthroposophische Weltanschauung ganz ernst machen. Nun gebe ich mich gewiß keiner Illusion darüber hin, daß ich in der kurzen Zeit eines Vortrages irgend jemanden in diesem Saale überzeugen könnte von dem, was Anthroposophie eigentlich anstrebt. Gewissermaßen nur andeuten werde ich können einige der Wege, welche auf diesem Felde beschritten werden. Und anregen werde ich können einiges in bezug auf die Art, wie geforscht und gefragt werden soll auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierter Weltanschauung.

[ 2 ] May I not say, my esteemed audience, that for the past three to four centuries, through what is called a scientifically oriented worldview, many of the old ways of thinking—which satisfied the human heart and senses—have been brought into conflict with humanity itself; that many things had to be cast aside from what had been sacred for centuries, even millennia; and that science has exposed as illusions many things that older worldviews had counted among their most valuable elements? And is it not clear, in the face of the hardships and catastrophes of our time, that the moment—the moment of world-historical significance—has come in which this scientific worldview must now, in a sense, fulfill what many have long expected of it: that it must once again open up for humanity a path to those spiritual heights without which, after all, human beings cannot live—and to which the old path had been taken away from them? With this question, ladies and gentlemen, the anthroposophical worldview wishes to get down to business in earnest. Now, I certainly harbor no illusion that, in the brief time of a lecture, I could convince anyone in this hall of what anthroposophy actually strives for. I will be able, so to speak, only to hint at some of the paths that are being taken in this field. And I will be able to offer some food for thought regarding the manner in which research and inquiry should be conducted in the realm of an anthroposophically oriented worldview.

[ 3 ] Ihrem Wesen nach ist Anthroposophie durchaus verschieden von aller anderen gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit. Und weil sie ihrem Grundwesen nach verschieden ist gerade auch von dem, was man heute gewöhnlich als das einzige Wissenschaftliche anschaut, deshalb wird sie in weiten Kreisen mißverstanden, wird ihr — man darf schon sagen — so übel mitgespielt. In der gewöhnlichen Wissenschaft, wie überhaupt auch im Leben, betrachtet man als die Quellen der menschlichen Erkenntnis das, was man durch die Sinne erfahren kann, und das, was der Verstand, der Intellekt an Naturgesetzen und dergleichen aus dieser Sinnenwelt heraus durch Betrachtung gewinnen kann. Man versucht auf diesem Wege eine Überschau über das zu gewinnen, was in des Menschen Weltumgebung ist. Man versucht Anschauungen auf diesem Wege zu gewinnen über des Menschen eigene Stellung und Aufgabe innerhalb der Weltordnung. Gewissermaßen betrachtet man den Menschen so, wie er nun einmal in die Welt hineingeboren ist, wie er im gewöhnlichen Sinn des Wortes erzogen und unterrichtet werden kann und wie er sich dann auf Grundlage dieses Hereingeborenseins in die Welt allein auf Grundlage seiner als Mensch ererbten Fähigkeiten und Eigenschaften, auf Grundlage dessen, was die gewöhnliche Erziehung ergibt, wissenschaftlich oder sonstwie im Leben umsehen kann.

[ 3 ] In its very nature, anthroposophy is entirely different from all other contemporary forms of scientific inquiry. And precisely because it differs in its fundamental nature even from what is generally regarded today as the sole form of scientific inquiry, it is misunderstood in wide circles and—one might even say—treated so unfairly. In conventional science—as indeed in life in general—the sources of human knowledge are regarded as being what can be experienced through the senses, and what the mind and intellect can derive through observation from this sensory world in the form of natural laws and the like. In this way, one attempts to gain an overview of what constitutes the human environment. In this way, one attempts to gain insights into humanity’s own position and purpose within the world order. In a sense, one regards human beings as they are born into the world, as they can be raised and educated in the ordinary sense of the word, and as they can then—on the basis of this fact of being born into the world, relying solely on the abilities and characteristics they have inherited as human beings, and on the basis of what ordinary education provides—explore the world scientifically or in other ways in life.

[ 4 ] Auf diesem Standpunkt steht nun Anthroposophie nicht. Sie appelliert an etwas im Menschen, das heute noch eigentlich eine Seltenheit in der menschlichen Natur ist und das, wenn die Menschheit ihre nächste Kulturaufgabe erfüllen wird, sich in ganz anderer Weise noch, als es heute vorhanden ist, in der menschlichen Kultur wird geltend machen müssen. Anthroposophie appelliert an dasjenige, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Ich mache öfter durch einen Vergleich klar, was ich unter dieser intellektuellen Bescheidenheit verstehe — das führt uns sogleich in das Wesen dessen hinein, was Anthroposophie eigentlich sein will. Wenn wir ein fünfjähriges Kind haben und wir geben beispielsweise diesem fünfjährigen Kind einen Band Goethescher Gedichte, was wird es mit diesem Band Goethescher Gedichte machen? Es wird wahrscheinlich zunächst damit spielen und dann das Buch zerreißen; jedenfalls wird es keine Ahnung von dem haben, wozu eigentlich dieser Band Goethescher Gedichte bestimmt ist. Unterrichten wir das Kind, ziehen wir es heran, so werden wir es dahin bringen, daß es als erwachsener Mensch von 17, 18, 19 Jahren einen ganz anderen Gebrauch von diesem Band Goethescher Gedichte macht. Man kann sagen: Genau dasselbe war vor dem fünfjährigen Kinde, was nun vor dem siebzehn-, achtzehnjährigen Menschen ist. In ganz anderer Weise aber verhält sich der siebzehn-, achtzehnjährige Mensch als das Kind, weil in ihm selbst etwas herangezogen ist, weil aus den Tiefen seines Inneren etwas herausgeholt ist, was eben auch ein anderes Verhältnis zu dem Buch als vorher bedingt. Auf des Menschen Verhältnis zur Natur, zur ganzen Welt übertragen, ergibt sich dasjenige, was ich intellektuelle Bescheidenheit nennen möchte, nämlich wenn sich der Mensch dazu entschließt, sich zu sagen, einfach als Mensch: Wie alt ich auch werde, wie ich auch im gewöhnlichen Leben erzogen und unterrichtet werde, ich stehe zu der gesamten Natur und zu der gesamten Umwelt überhaupt so, daß ich mich dazu verhalte wie das fünfjährige Kind zu dem Goethe-Band. Und um mich anders zu verhalten, muß ich erst etwas, das tief im Inneren meines Wesens ruht, aus diesem Innersten meines Wesens heraufholen. Dann wird sich mir etwas enthüllen, was sich mir nicht durch die gewöhnliche Sinnesbeobachtung, nicht durch den gewöhnlichen kombinierenden Verstand, wie er sich im herkömmlichen Leben und Werden betätigt, bieten kann. — Das ist das Wesen anthroposophischer Weltanschauung, daß man nicht so, wie man ist, an die Untersuchung der Dinge herangeht, sondern daß man erst etwas, was im menschlichen Innern verborgen ist, herausholt. Und erst nachdem man seine eigene Entwicklung in gewissem Sinne in die Hand genommen hat, nachdem man sich weiter gebracht hat, als man dadurch ist, daß man geboren ist, daß man im gewöhnlichen Sinne erzogen und unterrichtet ist, nachdem man sich zu einem anderen Menschen gemacht hat, geht man an die Untersuchung, an die Erforschung der Dinge heran. Also, Umwandlung des ganzen menschlichen Seelenlebens vor der Erforschung der Dinge, das macht zunächst das Wesen desjenigen aus, was dem Streben anthroposophisch orientierter Weltanschauung zugrunde liegt.

[ 4 ] Anthroposophy does not take this position. It appeals to something within the human being that is still, in fact, a rarity in human nature today and that, when humanity fulfills its next cultural task, will have to assert itself in human culture in a way quite different from how it exists today. Anthroposophy appeals to what I would like to call intellectual modesty. I often use a comparison to clarify what I mean by this intellectual modesty—which immediately leads us into the very essence of what anthroposophy actually aims to be. If we have a five-year-old child and we give this five-year-old, for example, a volume of Goethe’s poems, what will the child do with this volume of Goethe’s poems? It will probably play with it at first and then tear the book apart; in any case, it will have no idea what this volume of Goethe’s poems is actually intended for. If we educate the child and raise it, we will guide it so that, as an adult aged 17, 18, or 19, it will make a completely different use of this volume of Goethe’s poems. One might say: What now lies before the seventeen- or eighteen-year-old is exactly the same as what once lay before the five-year-old child. Yet the seventeen- or eighteen-year-old behaves quite differently from the child, because something within them has matured, because something has been drawn forth from the depths of their inner being—which in turn gives rise to a different relationship to the book than before. Applied to a person’s relationship to nature and to the entire world, this results in what I would like to call intellectual humility—namely, when a person resolves to say to themselves, simply as a human being: No matter how old I become, no matter how I am raised and educated in ordinary life, my relationship to all of nature and to the entire environment is such that I relate to it as the five-year-old child relates to the volume of Goethe’s poetry. And in order to relate differently, I must first bring forth from the very depths of my being something that lies deep within. Then something will be revealed to me that cannot be offered to me through ordinary sensory observation, nor through the ordinary reasoning mind as it operates in conventional life and development. — This is the essence of the anthroposophical worldview: that one does not approach the investigation of things as one is, but must first bring forth something that lies hidden within the human being. And only after one has, in a certain sense, taken one’s own development into one’s own hands—after one has advanced beyond what one is simply by virtue of being born, of having been raised and educated in the ordinary sense, after one has transformed oneself into a different kind of human being—only then does one approach the investigation and exploration of things. Thus, the transformation of the entire human soul life prior to the exploration of things—this is, first and foremost, the essence of what underlies the striving of an anthroposophically oriented worldview.

[ 5 ] Und da muß ich sagen, von zwei Eckpfeilern — namentlich auch des wissenschaftlichen Lebens — geht anthroposophisch orientierte Weltanschauung aus. Der eine Eckpfeiler sind die Grenzen des Naturerkennens. In bezug auf das Naturerkennen steht Anthroposophie durchaus auf dem Boden jener gewissenhaften Forschung, welche der Naturforschung selber ganz bestimmte Grenzen setzt, wie überhaupt anthroposophisch orientierte Weltanschauung in vollem Einklange stehen will mit alledem, was Naturwissenschaft in berechtigter Weise zutage fördert. Aber wir kommen ja, indem wir uns gerade nicht in dilettantischer Weise, sondern in sachlicher und fachlicher Weise in irgendein Gebiet der Naturwissenschaften vertiefen, notwendigerweise zu Grenzen.

[ 5 ] And here I must say that the anthroposophically oriented worldview is based on two cornerstones—notably also those of scientific life. One of these cornerstones is the limits of our understanding of nature. With regard to the understanding of nature, anthroposophy is firmly grounded in the kind of conscientious research that sets very specific limits on natural science itself; indeed, the anthroposophically oriented worldview seeks to be in full harmony with everything that natural science legitimately brings to light. But precisely because we delve into any field of the natural sciences not in an amateurish way, but in an objective and professional manner, we inevitably encounter limits.

[ 6 ] Und wir müssen uns doch an diese Grenzen gewisse Begriffe hinsetzen, von denen ich heute — nur um irgend etwas anzuführen als Beispiel, es könnten viele andere Beispiele angeführt werden — die zwei Begriffe etwa des Atoms oder der Materie und der Kraft überhaupt hinstellen möchte. Wir kommen dazu, dann mit solchen Begriffen wie Kraft und Materie, Kraft und Stoff, naturwissenschaftlich zu arbeiten. Man hat ja viel philosophisches Denken an solche Begriffe wie Kraft und Stoff angeknüpft. Man ist ja in der neueren Zeit sogar so weit gekommen, daß man eine Philosophie des «Als ob» begründen wollte, das heißt, man sagte sich, man könne doch nicht irgendwelche ganz klaren, lichtvollen Begriffe sich erringen von Kraft und Stoff, und so solle man forschen im weiten Umkreis der Erscheinungen, der Wahrnehmungen, «als ob» solche Begriffe einem Realen entsprechen würden, das man eben nicht kennt, «als ob» sie irgendeine Berechtigung hätten. Man darf wohl sagen, es ist eine desperate Weltanschauung, diese Philosophie des «als ob», so plausibel sie auch gerade manchen Menschen der Gegenwart erscheint. Wir stehen eben durchaus bei einem der Eckpfeiler menschlichen Erkennens, wenn wir bei diesem Begriffe, bei diesem Grenzbegriffe des Naturerkennens angekommen sind. Bloß intellektuell verfolgt werden diese Begriffe für unsere Erkenntnis gewissermaßen zu einem Kreuz, zu einer Crux.

[ 6 ] And we must, after all, define certain concepts within these boundaries; today—just to cite something as an example, though many other examples could be given—I would like to highlight the two concepts of the atom, on the one hand, and matter and force, on the other. We then come to work scientifically with concepts such as force and matter, force and substance. A great deal of philosophical thought has, after all, been tied to concepts such as force and substance. In more recent times, one has even gone so far as to attempt to establish a philosophy of the “as if”—that is, one told oneself, one cannot, after all, arrive at any completely clear, illuminating concepts of force and substance, and so one should investigate the broad realm of phenomena and perceptions “as if” such concepts corresponded to a reality that one simply does not know, “as if” they had any validity whatsoever. One may well say that this philosophy of “as if” is a desperate worldview, however plausible it may seem to some people today. We have, in fact, arrived at one of the cornerstones of human knowledge when we reach this concept—this boundary concept of the understanding of nature. Pursued purely intellectually, however, these concepts become, in a sense, a cross, a crux, for our understanding.

[ 7 ] Der Geistesforscher, der Anthroposoph, versucht nun in einer ganz anderen Weise fertig zu werden mit diesem Begriff als die gewöhnlichen Philosophen. Die gewöhnliche Philosophie sucht das intellektualistische Verfahren auch an den Punkten fortzusetzen, wo man an den Grenzen der Naturwissenschaft angekommen ist. Geisteswissenschaft, wie ich sie hier meine, versucht, etwas ganz anderes in der Menschenseele zu beginnen. Wenn man bei diesem Grenzbegriff angekommen ist, da ergibt sich dann der eine Teil geisteswissenswissenschaftlicher, geistesforscherischer Methodik. Dieser eine Teil besteht in einer keineswegs konfusen oder schlechten mystischen Meditation, sondern in einer systematischen, wohlgegliederten, durchaus streng durchgeführten und gewissenhaften Meditation. Diese Meditation möchte ich Ihnen zunächst wenigstens dem Prinzipe nach schildern. Das Genauere darüber finden Sie ja in der Literatur, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da handelt es sich darum, daß man immer wieder und wieder — und ich betone ausdrücklich, Geduld und Energie gehören zu diesen Dingen — üben muß. Im chemischen Laboratorium zu forschen, mag manchem schwierig erscheinen, auf der Sternwarte ebenso; leicht mag es ihm erscheinen, durch systematische Umbildung des Seelischen irgend etwas zu erreichen. Doch derjenige, der sich an die wirklich strenge Methode auf diesem Gebiete hält, der weiß, daß alles Forschen im Laboratorium, in der Klinik, auf der Sternwarte ein verhältnismäßig leichtes ist gegenüber denjenigen Prozeduren, die man sich leichter vorstellt, als sie sind, und die bestehen in einer Umbildung unseres Seelenlebens.

[ 7 ] The researcher of the spirit, the anthroposophist, now attempts to deal with this concept in a completely different way than ordinary philosophers. Conventional philosophy seeks to continue the intellectualistic approach even at the points where one has reached the limits of natural science. Spiritual science, as I mean it here, attempts to initiate something entirely different within the human soul. When one has reached this limiting concept, one aspect of the methodology of spiritual science and spiritual research emerges. This aspect consists not of a confused or inferior form of mystical meditation, but rather of a systematic, well-structured, thoroughly rigorous, and conscientious meditation. I would like to describe this meditation to you first, at least in principle. You will find more detailed information on this in the literature, particularly in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. The point is that one must practice again and again—and I expressly emphasize that patience and energy are essential to this. Conducting research in a chemistry laboratory may seem difficult to some, as may work at an observatory; it may seem easy to them to achieve something through the systematic transformation of the soul. But anyone who adheres to the truly rigorous method in this field knows that all research in the laboratory, in the clinic, or at the observatory is relatively easy compared to those procedures that are imagined to be easier than they actually are—procedures that consist in a transformation of our inner life.

[ 8 ] Das beginnt dadurch, daß man zunächst streng übersichtliche, einfache Begriffe — sagen wir zunächst solche, die man sich selber gebildet hat, irgendwelche Symbole oder dergleichen — in den Mittelpunkt seines Vorstellungslebens stellt. Dabei kommt es nicht darauf an, meine sehr verehrten Anwesenden, daß diese Begriffe, diese Vorstellungen einem Wahren entsprechen, denn auf das, was durch diese Vorstellungen in unserem Seelenleben bewirkt wird, auf das kommt es an. Daß wir gewissermaßen mit diesen Vorstellungen eine strenge Selbsterziehung, eine strenge Selbstzucht vollführen in unserem Intellekt, darauf kommt es an. Wir stellen daher solche Begriffe, die wir streng überschauen können, solche, die wir uns selbst gebildet haben oder die wir uns von erfahrenen Geistesforschern raten lassen, in den Mittelpunkt unseres Seelenlebens. Wir versuchen zunächst für unser Bewußtsein alles andere auszuschalten, nur dieses Bewußtsein einzig und allein auf solch streng überschaubare Begriffe zu konzentrieren. Es handelt sich darum, daß in dem Augenblicke, wo wir uns so auf solche Begriffe konzentrieren, in der Tat unsere leiblichen Vorstellungen, unsere Erinnerungsvorstellungen von allen Seiten — wie wenn wir in einem Bienenschwarm wären und die Bienen heranflögen — herbeifliegen und eigentlich diese unsere innere Methodik zernichten möchten. Da müssen wir immer größere und größere Kraft aufwenden. Und auf das Aufwenden dieser Kraft kommt es an; es kommt darauf an, daß wir den Willen hineintreiben, mit aller Macht den Willen hineintreiben in das Vorstellungsleben, in das Vorstellen, daß wir in der Tat heranerstarken an diesem Hineintreiben des Willens in das Vorstellungsleben.

[ 8 ] This begins by placing, at the center of one’s imaginative life, strictly clear and simple concepts—let us say, for now, those one has formed oneself, such as symbols or the like. What matters here, my esteemed audience, is not whether these concepts, these ideas, correspond to the truth, for what matters is what these ideas bring about in our inner life. What matters is that, in a sense, we use these ideas to carry out a rigorous self-education, a rigorous self-discipline, within our intellect. We therefore place at the center of our inner life those concepts that we can grasp clearly, those that we have formed ourselves or that we have been advised to adopt by experienced researchers of the spirit. We first attempt to shut out everything else from our consciousness, focusing this consciousness solely and exclusively on such clearly comprehensible concepts. The point is that the moment we concentrate in this way on such concepts, our physical images and our memories actually fly in from all sides—as if we were in a swarm of bees and the bees were flying toward us—and actually seek to destroy our inner methodology. We must expend ever greater and greater effort. And it is this exertion of strength that matters; what matters is that we drive the will—with all our might—into our life of imagination, into the act of imagining, so that we actually grow stronger through this driving of the will into our life of imagination.

[ 9 ] Das ist die eine Seite streng wissenschaftlicher oder besser gesagt zur Wissenschaft führender Meditation: daß wir den Willen in das Vorstellungsleben hineintreiben. Solche Übungen lassen sich nicht in ein paar Tagen absolvieren. Solche Übungen erfordern eine jahrelange Anstrengung. Immer wieder und wieder muß man auf sie zurückkommen. Nicht darum handelt es sich, daß man diese Übungen lange an einem Tage vollführt. Man möchte sagen, ein paar Minuten genügen für einen Tag. Aber immer wieder und wieder darauf zurückzukommen, das ist es, worum es sich handelt. Dann erlebt man endlich, wie die Seele ganz andere Kräfte aus ihren untersten Gebieten heraufruft, als sie im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft heraufgerufen werden. Wendet man sie an, indem man alle mögliche Willensanstrengung hinkonzentriert auf einen solchen selbstgemachten Willensinhalt, dann erringt man nach einiger Zeit wie gesagt, ich kann nur das Prinzip andeuten, das Genauere können Sie nachlesen in meinen Büchern — die Möglichkeit, sich in anderer Art als bloß intellektuell an die Grenzbegriffe der Naturwissenschaft, an solche Begriffe wie Stoff und Kraft und dergleichen ich könnte auch andere anführen — zu machen.

[ 9 ] This is one aspect of strictly scientific—or rather, science-oriented—meditation: that we drive the will into the life of the imagination. Such exercises cannot be completed in a few days. They require years of effort. One must return to them again and again. It is not a matter of performing these exercises for a long time each day. One might say that a few minutes are enough for a day. But returning to them again and again—that is what matters. Then one finally experiences how the soul summons up entirely different forces from its deepest realms than those summoned in ordinary life and even in ordinary science. If one applies them by concentrating every possible effort of will on such a self-created object of will, then after some time, as I said, I can only hint at the principle; you can read the details in my books—the ability to engage with the fundamental concepts of natural science—such as matter and force and the like (I could also cite others)—in a way that is different from a purely intellectual approach.

[ 10 ] Dann kommt das folgende: Man spekuliert nicht mehr, man philosophiert nicht mehr an diesen Grenzen des Naturerkennens, sondern man erlebt etwas an diesen Begriffen. Gegenüber diesen Begriffen geht etwas in der Seele vor, das Erlebnisse umfaßt, die wir sonst nur erleben, meinetwillen wenn wir äußerlich lieben oder wenn wir sonst im Kampfe des äußeren Lebens drinnen stehen. Darauf kommt es an, meine sehr verehrten Anwesenden, daß wir, indem wir von aller äußeren Welt absehen, in unserem Inneren etwas durchmachen, das uns also in eine Realität führt, die ebenso intensiv für uns ist, ebenso intensiv für unser Bewußtsein sich darlebt wie sonst nur die äußere Realität, die wir mit unseren Händen und Füßen berechtigt berühren und bearbeiten. Und wenn wir uns in dieser Weise durchgearbeitet haben durch Konzentration, durch Meditation zu einem Bewußtsein, das innerlich, im Intellekt, willentlich erstarkt ist, dann tritt endlich das ein, was man so charakterisieren kann: So wie man sonst das Rot durch äußere Beobachtung erkennt als Farbe, wie man das Blau erkennt, wie man das Cis oder das C hört, so erkennt man, wenn man sich in dieser Weise durchgearbeitet hat, indem man sich nun nicht mehr des Körperlichen, nicht mehr des Nervensystems oder dergleichen als eines Werkzeuges bedient, sondern indem man das erlebt an dem bloß Seelischen, so erkennt man, daß es ein Seelisches an sich gibt — das weiß man im unmittelbaren Bewußtsein.

[ 10 ] Then the following occurs: One no longer speculates or philosophizes at these limits of our understanding of nature, but rather experiences something through these concepts. In the face of these concepts, something takes place in the soul that encompasses experiences we otherwise only have—for example, when we love outwardly or when we are otherwise caught up in the struggles of external life. What matters, my esteemed audience, is that by turning away from the entire external world, we undergo something within ourselves that thus leads us into a reality which is just as intense for us—which manifests itself just as intensely in our consciousness—as the external reality we otherwise touch and work with through our hands and feet. And when we have worked our way through in this manner—through concentration and meditation—to a consciousness that has been strengthened inwardly, in the intellect, and through volition, then what can be characterized as follows finally occurs: Just as one otherwise recognizes red as a color through external observation, just as one recognizes blue, just as one hears the note C-sharp or C—so, when one has worked one’s way through in this manner, no longer making use of the physical, no longer of the nervous system or the like as a tool, but rather by experiencing what pertains solely to the soul—so one recognizes that there is a soul aspect in and of itself — one knows this in immediate consciousness.

[ 11 ] In diesem Momente, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, wo man sich durch unmittelbares Erlebnis folgendes sagt — ich möchte es durch einen Vergleich andeuten. Nehmen wir an, wir gehen einen Weg, der aufgeweicht ist, wir sehen von Fuhrwerken Rinnen in dem Weg, wir sehen Fußtritte. Es wird uns, wenn wir vernünftige Menschen sind, nicht einfallen zu sagen: Diese Rinnen, die da im aufgeweichten Wege sind, sie rühren davon her, daß unter der Oberfläche Kräfte sind, welche die Erde in eine solche Konfiguration bringen, daß diese Rinnen, diese Fußtritte da entstehen. — Wir werden uns vielmehr sagen: Da kommt etwas an die Erdoberfläche heran, das dieser Erdoberfläche als solcher gleichgültig ist, das von außen an sie herankommt; Fuhrwerke, menschliche Füße sind ja darüber gegangen, die dem, was das Erdreich als solches aus sich heraus gestaltet, gleichgültig sind. — Lernt man auf die Weise, wie ich es geschildert habe, die innere Konfiguration des Seelenlebens wirklich kennen, dann sieht man zuletzt alles das, was physische Organisation des Gehirns ist, auch so an, daß man sagt: Das ist durchaus nicht durch innere Kräfte der leiblichen Konstellation irgendwie gestaltet, sondern da hat das Seelische, das man jetzt erst kennengelernt hat, von außen ebenso gearbeitet, wie die menschlichen Fußtritte oder die Fuhrwerke im aufgeweichten Erdreich gearbeitet haben.

[ 11 ] It is at this very moment, ladies and gentlemen, that one says to oneself—based on direct experience—the following; I would like to illustrate this with a comparison. Let’s suppose we’re walking along a path that’s been softened by rain; we see ruts in the path made by carts, and we see footprints. If we’re reasonable people, it won’t occur to us to say: These ruts in the softened path are caused by forces beneath the surface that shape the earth in such a way that these ruts and footprints come into being. — Rather, we will say to ourselves: Something is coming into contact with the earth’s surface that is indifferent to the earth’s surface as such, something that approaches it from the outside; carts and human feet have passed over it, and these are indifferent to what the earth itself shapes from within. — If one truly comes to know the inner configuration of soul life in the way I have described, then one ultimately views everything that constitutes the physical organization of the brain in such a way that one says: This is by no means shaped in any way by the inner forces of the physical constellation, but rather the soul—which one has only now come to know—has worked from the outside just as human footsteps or carts have worked on the softened earth.

[ 12 ] Mit anderen Worten, meine sehr verehrten Anwesenden, man lernt das Seelische nicht durch Spekulation kennen, man lernt es nur kennen, indem man sich allmählich hinaufarbeitet zum Erleben des Seelischen, indem man gewissermaßen das, was das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft als ihr Ende betrachten möchten — das Intellektuelle, die Begriffe der Wahrnehmung —, indem man das erst den Anfang sein läßt. Ist man an dem Punkte, wo man dieses Seelische auf diese Weise in unmittelbarer Wahrnehmung erlebt hat, dann steht man durch diese Methode, durch diese Art der anthroposophischen Methodik, unmittelbar vor dem erfahrungsgemäßen, erlebbaren Erfassen dessen, was ich nennen möchte die menschliche Präexistenz, die geistig-seelische Präexistenz des Menschen, denn von diesem Anschauen aus ergibt sich nun nicht eine Spekulation nach dem, was man menschliche Unsterblichkeit nennt, sondern eine unmittelbare Anschauung der Präexistenz. Man sieht ja dasjenige innerlich seelisch in der Geistesschau, was am Leibe arbeitet, was den Leib konfiguriert. Man sieht es an, und indem man es anschaut, weiß man es auch zu verfolgen bis vor die Geburt oder, sagen wir, bis vor die Empfängnis. So verfolgt Anthroposophie die Unsterblichkeitsidee ihrem Wesen nach anders als die gewöhnliche Philosophie. Die gewöhnliche Philosophie sucht zu erschließen aus dem, was zwischen der Geburt und dem Tod erlebt wird, dasjenige, was über Geburt und Tod hinausreicht. Anthroposophie sucht selbst die Arbeit des Erschließens nur als eine Vorbereitung zu betrachten; sie sucht gerade in das Erschließen der Grenzbegriffe sich ganz hineinzuleben, damit sie erleben könne das, was als Unsterbliches im Menschen figuriert, in ihm tätig ist. Subjektiv wird das, was ja des Menschen Bewußtsein ausfüllt, aktiver, als wir es sonst im Bewußtsein haben. Und das ist das eigentlich Wichtige — ich werde im späteren Teil des Vortrages noch einmal darauf zurückkommen müssen —, daß vor allen Dingen durch diese Methodik der Anthroposophie der Mensch immer aktiver wird. Er hört tatsächlich auf, sich bloß passiv hinzugeben an den Verlauf der Geschehnisse, an dasjenige höchstens, was er hervorbrachte im Laufe der neueren Zeit durch die Anordnung des Experiments, wobei er sich aber wiederum passiv hingibt dem, was ihm das Experiment sagt. Das hat gewiß alles seine Berechtigung, und gegen diese Berechtigung streitet Geisteswissenschaft am allerwenigsten. Aber darüber hinaus erhebt sich anthroposophisch orientierte Methodik zu einem aktiven Denken, zu einem Denken, das unmittelbar im Akt des Denkens des Menschen unsterbliche Wesenheit selber ergreift. Ich weiß, wieviel man sagen kann gegen dieses Erleben, das an die Stelle des gewöhnlichen diskursiven Beweisens treten muß, allein nur schon, insofern sich das philosophisch rechtfertigen läßt — ich werde noch andeutend darauf zurückkommen. Ich wollte nur auf der einen Seite zeigen, wie in der Tat dieser Teil anthroposophischer Methodik, der auf einer Wertung des Denkens beruht, auf einem Hineinwirken des Willens in den Intellekt, zu einer wirklich wesenhaften Erkenntnis der Präexistenz des Menschen führt. Jenes Unsterbliche wird erfaßt, das vor der Empfängnis, vor der Geburt in Geisteswelten da ist und das nicht aus dem Körperlichen heraus erklärt werden darf, weil es sich selbst als dasjenige erweist, was an dem Körperlichen arbeitet, und weil gerade das Körperliche, das Leibliche sich ergibt — wie ich auch gleich zeigen werde an einem Beispiel — als dasjenige, was herausgestaltet wird aus diesem Geiste.

[ 12 ] In other words, ladies and gentlemen, one does not come to know the spiritual realm through speculation; one comes to know it only by gradually working one’s way up to the experience of the soul, by, so to speak, allowing that which ordinary life and ordinary science would like to regard as their end—the intellectual, the concepts of perception—to be merely the beginning. Once one has reached the point where one has experienced this spiritual realm in this way through direct perception, then through this method—through this kind of anthroposophical methodology—one stands directly before the experiential, directly perceivable grasp of what I would like to call human pre-existence, the spiritual-soul pre-existence of the human being, for from this contemplation arises not a speculation about what is called human immortality, but a direct perception of pre-existence. One sees, inwardly and soulfully in spiritual vision, that which works upon the body, that which configures the body. One beholds it, and in beholding it, one is also able to trace it back to before birth or, let us say, to before conception. Thus, anthroposophy traces the idea of immortality in a manner that differs in its very essence from that of ordinary philosophy. Conventional philosophy seeks to deduce, from what is experienced between birth and death, that which extends beyond birth and death. Anthroposophy, however, regards even the very act of deduction merely as a preparation; it seeks to immerse itself fully in the exploration of these boundary concepts so that it may experience what figures as the immortal within the human being and is active within them. Subjectively, that which fills human consciousness becomes more active than we usually experience it to be. And this is what is truly important—I will have to return to this point later in the lecture—that, above all, through this method of anthroposophy, the human being becomes increasingly active. He actually ceases to merely passively submit to the course of events, or at most to what he has brought about in recent times through the design of experiments—in which, however, he again passively submits to what the experiment tells him. All of this certainly has its justification, and spiritual science is the last to dispute this justification. But beyond that, anthroposophically oriented methodology rises to a form of active thinking—a thinking that grasps immortal being itself directly in the very act of human thought. I know how much can be said against this experience, which must take the place of ordinary discursive reasoning, but even if it can be philosophically justified—I will return to this point briefly later. I merely wanted to show, on the one hand, how this aspect of anthroposophical methodology—which is based on an evaluation of thinking and on the will’s influence on the intellect—actually leads to a truly essential recognition of the pre-existence of the human being. What is grasped is that immortal aspect which exists in the spiritual worlds before conception and before birth, and which cannot be explained from the physical realm, because it reveals itself as that which works upon the physical, and because it is precisely the physical, the corporeal, that emerges—as I will show immediately with an example—as that which is shaped out of this spirit.

[ 13 ] Der zweite wichtige Teil anthroposophischer Methodik besteht nun darinnen, daß man in einer anderen Weise, als das gewöhnlich der Fall ist, an das eigene Selbst heranrückt. An dieses eigene Selbst rücken ja die Menschen gewöhnlich heran durch das, was man Mystik im gewöhnlichen Sinne des Wortes nennt. Wie nun der Anthroposoph sich keinen Illusionen mehr hingeben darf in bezug auf die Grenzen der Naturerkenntnis, wie er durch das eben geschilderte Erleben diese Naturerkenntnis in ihrer wahren Gestalt schauen muß, so darf sich derjenige, der in wirklichem Sinne anthroposophischer Forscher werden will, auch keinen Illusionen hingeben über die Täuschungen, über die Illusionen gewöhnlicher Mystik. Wer da glaubt, in das menschliche Innere hineinschauen zu können auf dem Wege, wie es die Mystiker aller Zeiten geschildert haben, wie es auch in der Religion oftmals angedeutet wird, der gelangt nicht wahrhaftig zu einer Erkenntnis des menschlichen Selbstes. Man kann gar nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, auf diesem Wege über das Element der Täuschung hinauskommen.

[ 13 ] The second important aspect of anthroposophical methodology consists in approaching one’s own self in a different way than is usually the case. People usually approach this inner self through what is commonly called mysticism in the ordinary sense of the word. Just as the anthroposophist must no longer harbor any illusions regarding the limits of knowledge of nature—and must, through the experience just described, perceive this knowledge of nature in its true form—so too must anyone who wishes to become a true anthroposophical researcher avoid harboring any illusions about the deceptions and illusions of ordinary mysticism. Anyone who believes they can look into the human inner being in the way that mystics of all ages have described it—and as is often alluded to in religion—will not truly attain knowledge of the human self. It is simply not possible, my esteemed audience, to move beyond the element of deception by this path.

[ 14 ] Wieviel weiß denn der Mensch schon von dem, was er, sagen wir in der Kindheit, da oder dort gehört hat? Er braucht nur einmal irgendwo auf einer Wiese gelegen zu haben, einen fernen Glockenklang gehört zu haben; kaum ist diese Tatsache in sein Bewußtsein eingetreten, hat er sie gleich wieder vergessen. Jahrzehnte danach tritt er als Mann, als erwachsener Mensch irgendeinem Ereignis der Welt gegenüber — leise erscheint innerhalb dieser Ereignisreihe so etwas, was anklingt an jenen fast gar nicht beachteten Glockenklang. Und eine ganze Reihe von Vorstellungen, von denen man glaubt, daß sie aus dem menschlichen Inneren herausquellen, sind nichts anderes als eine Reminiszenz an das, was wir in früher Jugend durchgemacht haben. Wer sich wirklich bemüht, in strengerer Psychologie, als sie heute gewöhnlich üblich ist, in solcher Art das menschliche Innere zu erforschen, der weiß, wie sehr die menschliche Selbsterkenntnis Täuschungen ausgesetzt ist. Er weiß, inwiefern dasjenige, was die Mystiker aller Zeiten glaubten aus ihrem Inneren hervorzuholen als irgendeine Kraft, nichts anderes ist als die umgestaltete, vielleicht nebulos gewordene, jedenfalls aber metamorphosierte Erfahrung eines früheren Lebensalters. Geradeso wie man, um ohne Täuschung an die Grenze der Naturerkenntnis heranzurücken, solches durchmachen muß, wie ich es jetzt geschildert habe, so darf man sich nicht nebuloser Mystik im gewöhnlichen Sinne hingeben, sondern man muß — wiederum in einer anderen Art- an dem anderen Eckpfeiler des menschlichen Erkennens in systematischer Weise die Seele schulen. Und das kann man nur, wenn man an etwas herantritt, auf das man eigentlich sonst im Leben wenig achtet.

[ 14 ] How much does a person really know about what he heard here and there—say, during childhood? He need only have lain in a meadow somewhere once, heard the distant toll of a bell; no sooner had this fact entered his consciousness than he had already forgotten it. Decades later, as a man, as an adult, he encounters some event in the world—and quietly, within this series of events, something emerges that echoes that almost entirely unnoticed sound of a bell. And a whole series of ideas, which we believe spring from within the human soul, are nothing other than a reminiscence of what we experienced in our early youth. Anyone who truly endeavors to explore the human inner life in this way—through a more rigorous psychology than is commonly practiced today—knows how greatly human self-knowledge is subject to illusions. They know to what extent what mystics of all ages believed they were drawing from within themselves as some kind of power is nothing other than the transformed—perhaps now nebulous, but in any case metamorphosed—experience of an earlier stage of life. Just as one must undergo what I have just described in order to approach the limits of knowledge of nature without delusion, so too must one not indulge in nebulous mysticism in the ordinary sense, but must—again in a different way—systematically train the soul in the other cornerstone of human cognition. And one can do this only by approaching something to which one otherwise pays little attention in life.

[ 15 ] Wir erleben unser Dasein zwischen Geburt und Tod von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahr zu Jahr. Wir geben uns vielem passiv hin. In weniges stellen wir uns aktiv, willentlich voll hinein. Wer in dem hier gemeinten Sinne ein Geistesforscher werden will, der muß dasjenige als zweites Glied des Erkenntnisweges betrachten, was ich nennen möchte streng systematische Selbstzucht. Man muß sich immer wieder und wiederum vornehmen — deshalb dauert der Erkenntnisweg Jahre, viele Jahre —, man muß sich immer wieder und wiederum vornehmen: Du willst dir diese oder jene Eigenschaften — wie Nietzsche es nannte — «einverleiben». Du willst das oder jenes aus dir machen. — Erlange ich so die Möglichkeit, gewissermaßen die Brücke zu schlagen zwischen dem Jetzt und einem Zeitpunkt, der vielleicht fünf, zehn oder fünfzehn Jahre zurückliegt, habe ich mir etwas fünf, zehn oder fünfzehn Jahre lang in meine Seele durch meine eigene Aktivität einverleibt, so bin ich in der Lage zu verfolgen, wie dieses mir durch fünf, zehn oder fünfzehn Jahre Einverleibte — etwas, was ich durch Selbstzucht mir zu eigen gemacht habe —, wirkt, das heißt, ich nehme dann wahr, wie so etwas heute zu etwas anderem geworden ist, wie es als ein neues Element auftritt.

[ 15 ] We experience our existence between birth and death, decade by decade, year by year. We passively submit to many things. There are few things to which we actively and willingly devote ourselves fully. Anyone who wishes to become a spiritual researcher in the sense intended here must regard as the second stage of the path to knowledge what I would like to call strictly systematic self-discipline. One must resolve, again and again—which is why the path to knowledge takes years, many years—one must resolve, again and again: You want to “incorporate” this or that quality into yourself, as Nietzsche put it. You want to make this or that a part of yourself. — If I thereby gain the ability, as it were, to bridge the gap between the present and a point in time that may lie five, ten, or fifteen years in the past, I have, through my own activity, incorporated something into my soul over the course of five, ten, or fifteen years, then I am in a position to observe how this—which I have internalized over five, ten, or fifteen years, something I have made my own through self-discipline—takes effect; that is, I then perceive how such a thing has become something else today, how it emerges as a new element.

[ 16 ] Bringe ich es auf diese Weise dahin, meine sehr verehrten Anwesenden, daß ich in Intellekt, Begriff, Vorstellung dasjenige hineintrage, was sonst bloß als Wille wirkt — wie ich also hineingetragen habe in den Intellekt den Willen —, so muß ich jetzt den Intellekt hineintragen in mein Leben, in dasjenige Wollen, das sonst gewöhnlich an mir nur vorbeifließt, indem ich mich passiv dem Leben hingebe. Ich nehme mein Leben in die Hand. So versuche ich, gewissermaßen neben mir herzugehen, mich selber zu betrachten — man muß das nur mit der nötigen Naivität machen, dann verliert man auch die Lebensnaivität nicht. Durch solche Vorgänge wird man also gewissermaßen sein eigener Doppelgänger. Und man gelangt dazu, das Willensleben zu etwas zu machen, das man beobachtet, wie man sonst bloß die äußere Natur beobachtet. Gelangt man dazu, sich in dieser Weise gewissermaßen zu verdoppeln, sich zu einem Zuschauer und zu einem Handelnden zugleich zu machen, so hat man damit etwas erreicht, was sich auf eine ganz eigentümliche Weise äußert. In einer neuen Art wird einem jetzt dasjenige klar, was man bisher im Grunde genommen nur als Gedächtnis angesehen hat. Die Erinnerungsvorstellungen tragen dasjenige, was man erlebt hat vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren und so weiter, in die Gegenwart herein. Jetzt erlebt man etwas ganz Neues, das wie eine Umwandlung des Gedächtnisses sich ausnimmt.

[ 16 ] If I proceed in this way, my esteemed audience, by bringing into the intellect, into concepts and ideas, that which otherwise acts merely as will—just as I have brought the will into the intellect— then I must now bring the intellect into my life, into that volition which otherwise usually just flows past me as I passively surrender to life. I take my life into my own hands. In this way, I try, as it were, to walk alongside myself, to observe myself—one must do this with the necessary naivety, so that one does not lose one’s naivety toward life. Through such processes, one thus becomes, as it were, one’s own doppelgänger. And one comes to make one’s life of will into something that one observes, just as one otherwise merely observes the external natural world. If one succeeds in doubling oneself in this way, so to speak—in becoming both a spectator and an actor at the same time—then one has achieved something that manifests itself in a very peculiar way. In a new way, one now comes to understand what one has, in essence, hitherto regarded merely as memory. Memories bring into the present what one experienced ten, fifteen, twenty years ago, and so on. Now one experiences something entirely new that appears to be a transformation of memory.

[ 17 ] Damit ich aber nicht mißverstanden werde, bemerke ich ausdrücklich: Selbstverständlich — im ganzen übrigen Leben behält man sein gewöhnliches Gedächtnis; nur für die Geistesforschung erlebt man die zu schildernde Umwandlung des Gedächtnisses. Man erlebt so etwas, wie man es sonst nur im Raume erlebt. Im Raume geht man sagen wir durch eine Allee. Man kehrt sich einmal um: Man sieht nicht nur die Bilder der Bäume, an denen man vorbeigegangen ist, nein, man sieht — wenn auch durch eine andere Perspektive als vorher — die Bäume selbst. Ebenso steigt es im Bewußtsein herauf. Man sieht auf sein Leben zurück, aber jetzt nicht bloß, indem man die Bilder, die Phantasmen des Vergangenen hat, sondern man erkennt — geradeso wie wenn man sich in einer Allee im Raume umsieht — an der anderen Perspektive, daß man das Leben in unmittelbarer Gegenwart, wie wenn die Zeit zum Raume geworden wäre, überschaut. Es wird dasjenige, was sonst Gedächtnis ist, zu einer ganz neuen Geisteskraft, zu einem Hineinschauen in die Zeit. Und jetzt erst erlangt man in einem gewissen Sinne eine wirkliche Erkenntnis über jenes geheimnisvolle Element in unserem eigenen Wesen, das uns ja sonst ebensowenig bekannt ist, wie für das gewöhnliche Bewußtsein der Inhalt des Schlafes, des traumlosen Schlafes bekannt ist. Man erlangt so einen Einblick in das Wesen des menschlichen Willens, und man erlangt in der Tat die Möglichkeit, dieses Wesen des menschlichen Willens walten zu sehen im LeiblichPhysischen. Und damit, daß man den Willen in dieser Weise als umgestaltetes Gedächtnis kennenlernt, erlangt man eine unmittelbare Anschauung über das andere Ende des Lebens, über die Postexistenz, über dasjenige in uns, was uns hinausträgt durch die Pforte des Todes und hineinträgt in eine geistige Welt. Wiederum ist es durch Ausbildung eines ganz besonderen Seelenelementes zu einem unmittelbaren Erleben, wodurch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vordringen will zu einer umfassenden Weltanschauung.

[ 17 ] But lest I be misunderstood, I would like to expressly note: Of course—in all other aspects of life, one retains one’s ordinary memory; it is only for the purpose of spiritual research that one experiences the transformation of memory I am about to describe. One experiences something like what one otherwise experiences only in space. In space, let’s say, one walks down an avenue. One turns around once: one sees not only the images of the trees one has passed, no, one sees—albeit from a different perspective than before—the trees themselves. In the same way, it rises up in one’s consciousness. One looks back on one’s life, but now not merely by having the images, the phantasms of the past; rather, one recognizes—just as when one looks around in an avenue in physical space—through this different perspective that one surveys life in the immediate present, as if time had become space. What is otherwise memory becomes a wholly new spiritual power, a looking into time. And only now does one, in a certain sense, gain a true understanding of that mysterious element in our own being, which is otherwise just as unknown to us as the content of sleep—dreamless sleep—is to ordinary consciousness. In this way, one gains insight into the nature of the human will, and one indeed gains the ability to see this nature of the human will at work in the physical realm. And by coming to know the will in this way as transformed memory, one gains a direct insight into the other end of life, into the afterlife, into that which within us carries us out through the gate of death and into a spiritual world. Once again, it is through the development of a very special element of the soul into a direct experience that anthroposophically oriented spiritual science seeks to advance toward a comprehensive worldview.

[ 18 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, dadurch, daß man in dieser Weise die beiden Eckpfeiler der menschlichen Erkenntnis behandelt, die Naturerkenntnis auf der einen Seite, die Selbsterkenntnis auf der anderen Seite, dadurch, daß man auf der einen Seite hineingelangt über die Grenzen des Naturerkennens— aber nicht durch Spekulieren, sondern durch unmittelbares Erleben —, in das Seelische an sich, daß man auf der andern Seite hineingelangt in das Element seines eigenen Willens — nicht dadurch, daß man Mystik treibt, sondern indem man in strenger Selbstzucht methodisch das Erinnerungsvermögen in sich heranbildet —, dadurch weckt man in der Tat im Inneren des Menschen dasjenige auf, was dieses Menschen Unsterbliches ist. Und das scheint mir eine Fortsetzung desjenigen zu sein, was zwar nicht äußerliche wissenschaftliche Methode der Gegenwart ist, was aber wissenschaftliche Erziehung ist.

[ 18 ] Well, my esteemed audience, by approaching the two cornerstones of human knowledge in this way—knowledge of nature on the one hand, and self-knowledge on the other— by penetrating, on the one hand, beyond the limits of knowledge of nature—not through speculation, but through direct experience—into the soul itself, and by penetrating, on the other hand, into the realm of one’s own will—not by engaging in mysticism, but by methodically cultivating one’s power of memory through strict self-discipline— in this way one truly awakens within the human being that which is immortal in that person. And this seems to me to be a continuation of that which, while not the external scientific method of the present day, is nonetheless scientific education.

[ 19 ] Ich darf wohl gestehen, daß mir scheint, derjenige, der nicht aus blindem Autoritätsdrange oder aus Bequemlichkeit heraus stehen bleibt bei dem, was Naturwissenschaft in der Gegenwart gibt — diese bewundernswerte Naturwissenschaft —, sondern wer sich vorgeben läßt von der Naturwissenschaft die große Frage, die sie nun einmal der Seele auferlegt, der muß sich, so wie ich es in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt habe, gedrängt fühlen, nun nicht bloß über dasjenige hinauszuspekulieren, hinauszuphilosophieren, was die Naturwissenschaft gibt, sondern er muß das, was er anwendet, indem er experimentiert, weiter auszugestalten suchen zu einem aktiveren Intellekt, zu einem aktiveren Wollen. Dann gelangt er zu jener Intensität des Seelenlebens, von der ich eben gesprochen habe, wo die Unsterblichkeit nicht erspekuliert, sondern unmittelbar angeschaut wird. Und dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann stellt sich auch dasjenige ein wie etwas Selbstverständliches, was heute den Menschen, wenn es so geschildert wird wie zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» oder in manchen meiner anderen Bücher, noch als eine wüste Phantasie erscheint, was aber allmählich immer mehr und mehr, wie ich glaube, gerade aus dem Rätselvollen der Naturwissenschaft selber hervorgeht, sich da heraus ergeben wird. Wie suchen wir denn in der Naturwissenschaft zurechtzukommen? Nach strengen Methoden! Und gerade derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, wird der allerletzte sein, der diese strengen naturwissenschaftlichen Methoden nicht anerkennt. Aber sehen Sie, man steht zum Beispiel doch vor dem folgenden. Man sagt sich: Da bilden wir gewisse geologische Anschauungen aus; und da versuchen wir nach dem Ausgangspunkte von Lyell und anderen Geologen ein Bild zu gewinnen von der geologischen Schichtung der Erde in der Gegenwart. Wir versuchen dann, nach den sattsam bekannten Methoden, aus diesem Bilde heraus ein Bild der Vergangenheit zu gewinnen, indem wir — mehr oder weniger sind ja die Zeiträume strittig— Jahrmillionen zurückgehen; andere Forscher gehen Jahrmillionen vorwärts, indem sie dies oder jenes über das Erdenende aus Physikalischem oder Geologischem heraus prophetisch voraussehen. Wir machen uns ja ein Bild von dem Werden unserer Erde, und mit der Erde hat der Mensch sich entwickelt. Nun aber, ich kann nicht in der kurzen Zeit eines Vortrages über die ja immerhin vorhandenen geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse einen vollständigen Einblick geben — wenn Sie die entsprechende Literatur durchsehen, werden Sie sehen, daß gewisse Dinge vorhanden sind, ich kann nur anregen, nur hindeuten auf die Art und Weise, wie die Dinge gesucht werden.

[ 19 ] I must confess that it seems to me that anyone who does not, out of a blind urge to follow authority or out of convenience, remain content with what natural science currently offers—this admirable natural science—but who allows natural science to pose the great question that it inevitably imposes on the soul, must, just as I have described in my Riddles of Philosophy, feel compelled not merely to speculate or philosophize beyond what natural science provides, but must seek to further develop what he applies through experimentation into a more active intellect, into a more active will. Then he attains that intensity of soul life of which I have just spoken, where immortality is not speculated about but is directly beheld. And then, my esteemed audience, what today still appears to people—when described, for example, in my Occult Science or in some of my other books—as a wild fantasy will also present itself as something self-evident; yet I believe this will gradually emerge more and more precisely from the enigmatic nature of scientific research itself. How, then, do we seek to make sense of the natural sciences? Through rigorous methods! And precisely those who stand on the ground of anthroposophy will be the very last to fail to recognize these rigorous scientific methods. But look, we are faced, for example, with the following situation. We say to ourselves: We develop certain geological concepts; and, starting from the principles of Lyell and other geologists, we attempt to form a picture of the Earth’s geological stratification as it exists today. We then attempt, using the well-known methods, to derive a picture of the past from this picture by going back—more or less, since the time periods are disputed—millions of years; other researchers go millions of years forward by prophetically foreseeing this or that about the end of the Earth based on physical or geological evidence. We form a picture of the evolution of our Earth, and humanity has developed alongside the Earth. However, in the short time allotted for a lecture, I cannot provide a complete overview of the existing findings in spiritual science—if you review the relevant literature, you will see that certain things do exist; I can only offer suggestions and point to the ways in which these matters are being investigated.

[ 20 ] Man nehme das Beispiel der menschlichen Herzuntersuchung. Wir verschaffen uns ein Bild davon, wie sich dieses menschliche Herz im Organismus durch fünf, zehn Jahre und so weiter hindurch umwandelt. Wir schließen dann, wie dieses menschliche Herz vor dreißig Jahren war, können es auch gut machen bei einem Menschen, der vierzig Jahre alt ist, aber nicht bei einem, der nur zwanzig Jahre alt ist. Wir könnten aber die bloße Folgerung weiter fortsetzen und könnten ähnlich, nach ganz streng rechnerischer Methode verfahren, könnten uns fragen: Wie war also dieses Herz vor dreißig Jahren? — Wir würden dabei keine andere Methode einschlagen als jene, die die heutigen Geologen einschlagen, wenn wir bei dieser oder jener Grundschicht sagen würden, wie sie vor Jahrmillionen gewesen sei, denn wir vergessen dabei, daß vor diesen Jahrmillionen die Erde vielleicht nicht da war, ebensowenig wie damals der Mensch da war als physischer Mensch. Und wenn wir heute nach irgendwelchen Gesetzen der Physik oder Geologie etwas Prophetisches voraussetzen über irgendein Erdenende nach Jahrmillionen, so ist das so, wie wenn wir nach dem Grade der Veränderung, die das menschliche Herz in fünf Jahren durchgemacht hat, nun berechnen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren bei dem Menschen war.

[ 20 ] Take, for example, the study of the human heart. We form a picture of how this human heart changes within the organism over the course of five, ten years, and so on. We then infer what this human heart was like thirty years ago; we can do this quite well for a person who is forty years old, but not for one who is only twenty. However, we could take this mere inference a step further and, using a strictly mathematical method, ask ourselves: What was this heart like thirty years ago? — In doing so, we would be employing no other method than that used by today’s geologists when they describe this or that rock layer as it was millions of years ago; for we forget that before those millions of years, the Earth may not have existed, just as human beings did not exist as physical beings at that time. And when we today, based on certain laws of physics or geology, make a prophetic assumption about some end of the Earth millions of years from now, it is as if we were to calculate, based on the degree of change the human heart has undergone in five years, what that heart was like in a person three hundred years ago.

[ 21 ] Das sieht zunächst aus wie etwas ungeheuer Paradoxes. Und dennoch, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist durchaus etwas ganz Berechtigtes für den, der sich nun nicht mit seinem Intellekt oder mit dem, was die Autorität bei ihm heranerzogen hat, sondern der sich mit seiner ganzen Seele und mit einer unbefangenen menschlichen Natur gerade in die bewunderungswürdige Wissenschaft der Gegenwart vertieft. Und diese Wissenschaft der Gegenwart selbst, ihr kann gerade eine solche Betrachtungsweise, wie ich sie angedeutet habe, viel nützen, denn es ist ja allerdings heute noch durchaus so, daß man wenig Mitarbeiter hat auf einem geisteswissenschaftlichen Felde. Diejenigen, die man sich als Mitarbeiter wünscht, das sind wahrhaftig nicht Laien oder Dilettanten — dazu ist die Sache viel zu ernst. Als Mitarbeiter möchte ich am liebsten jene wünschen, die sich durch Jahre treu in irgendein Gebiet der Wissenschaft vertieft haben, die wissenschaftlich arbeiten gelernt haben und die sich in diesem wissenschaftlichen Arbeiten erhalten haben alle Unbefangenheit, die notwendig ist, um dann die menschlichen Erkenntnis- und Seelenkräfte so umzugestalten, wie ich es angedeutet habe, so daß man dann hineinkommt in dasjenige, was in einer viel konkreteren, in einer wahrhaft realistischen Weise zu einer Erkenntnis zum Beispiel der Menschennatur selbst führt. Anthroposophie wird die beste Grundlage zu einer für die Medizin und auch für die Sozialwissenschaft brauchbaren Anthropologie sein.

[ 21 ] At first glance, this seems like an enormous paradox. And yet, my esteemed audience, it is entirely justified for those who do not approach it with their intellect or with what authority has instilled in them, but who immerse themselves with their whole soul and with an open-minded human nature precisely in the admirable science of the present. And this contemporary science itself can benefit greatly from precisely the kind of approach I have suggested, for it is indeed still very much the case today that there are few collaborators in the field of the humanities. Those whom one would wish to have as collaborators are certainly not laypeople or dilettantes—the matter is far too serious for that. As collaborators, I would most like to have those who have faithfully immersed themselves in some field of science for years, who have learned to work scientifically, and who, in this scientific work, have retained all the impartiality necessary to then transform the human powers of cognition and the soul in the way I have indicated, so that one may then enter into that which, in a much more concrete and truly realistic way, leads to an understanding of, for example, human nature itself. Anthroposophy will be the best foundation for an anthropology that is useful for medicine as well as for the social sciences.

[ 22 ] Deshalb war es mir eine so große Befriedigung — ich erwähne das, weil es durchaus zur Sache gehört, zu Sachen, die ich heute besprechen möchte —, als ich vor einigen Wochen in Dornach, wo wir ja in dem Goetheanum die Hochschule für Geisteswissenschaft mit anthroposophischer Orientierung errichtet haben, einen wochenlangen Kursus vor vierzig Ärzten und Medizinstudierenden halten konnte — einen Kursus über die Art und Weise, wie gerade die Brücke zwischen Pathologie und Therapie geschlagen werden kann, nach der sich heute so viele, gerade auch Mediziner, sehnen: wie diese Brücke geschlagen werden kann durch eine solche Einsicht in die menschliche Wesenheit, wie sie hervorgerufen werden kann, wenn wir nicht mehr in abstrakter Art über die Beziehungen von Leib und Seele nachdenken, sondern wenn wir dazu kommen, in das Konkrete hineinzuschauen. Davon möchte ich ein kleines Beispiel geben, allerdings ein etwas abgelegeneres Beispiel, aber es wird dieses in der Lage sein, hinzuweisen auf die Konkretheit, mit der Geisteswissenschaft gerade die speziell wissenschaftlichen Probleme behandeln will.

[ 22 ] That is why it gave me such great satisfaction—I mention this because it is entirely relevant to the matters I would like to discuss today— when, a few weeks ago in Dornach—where we have established the School of Spiritual Science with an anthroposophical orientation at the Goetheanum—I was able to hold a week-long course for forty doctors and medical students—a course on the very way in which the bridge between pathology and therapy can be built, something so many people today, especially medical professionals, long for: how this bridge can be built through an understanding of the human being such as can be brought about when we no longer reflect abstractly on the relationship between body and soul, but rather when we come to look into the concrete reality. I would like to give a small example of this—admittedly a somewhat remote one—but it will serve to illustrate the concreteness with which spiritual science seeks to address specifically scientific problems.

[ 23 ] Es ist ja nun einmal so, daß spekuliert wird über die Beziehungen von Leib und Seele; parallelistische Theorien, Wechselwirkungstheorien und so weiter sind aufgestellt worden. Allein, man hat ja im Auge nicht ein wirkliches Anschauen auf der einen Seite des Seelisch-Geistigen, zu dem man nur kommt auf die Art, wie ich es heute geschildert habe, und auf der anderen Seite des Leiblichen. Die mehr materialistisch orientierte Weltanschauung leidet ja gerade unter dem tragischen Schicksal, daß sie die Materie nicht bewältigt. Wir können ja nicht hineinschauen in die materiellen Vorgänge, seit wir einen Materialismus haben, weil das Innere der materiellen Vorgänge eben Geistiges ist und man den Geist erst erschauen muß, wenn man die materiellen Vorgänge erkennen will.

[ 23 ] The fact is that there is speculation about the relationship between body and soul; parallel theories, interaction theories, and so on have been proposed. However, one does not actually have a true insight into, on the one hand, the spiritual-psychic realm—which can only be attained in the way I have described today—and, on the other hand, the physical realm. The more materialistically oriented worldview suffers precisely from the tragic fate of being unable to master matter. After all, we cannot look into material processes since the advent of materialism, because the inner nature of material processes is precisely spiritual, and one must first perceive the spirit if one wishes to understand material processes.

[ 24 ] So möchte ich Ihnen sozusagen mehr als Ergebnis zeigen, wozu man in bezug auf die Erkenntnis eines Entwicklungsmomentes des Menschen kommt, wenn man geisteswissenschaftlich forschend vorgeht. Wir sehen, wie der Mensch durch die Geburt hereinwächst in das physische Dasein. Wir sehen dann, wie in gewisser Beziehung ein wichtiger Abschluß da ist, wenn der Mensch so um das sechste, siebente, achte Lebensjahr herum den Zahnwechsel durchmacht. Allein dieser Zahnwechsel, er wird nur dann in richtigem Sinne aufgefaßt, wenn wir das ganze Leiblich-Geistig-Seelische des Menschen in Betracht ziehen, wie es sich da wandelt in dieser wichtigen Lebensepoche. Und wir sehen — ich kann nur andeuten —, wenn wir das Seelische betrachten, erstens dasjenige, was ich ja schon öfter auch hier von diesem Orte aus in Vorträgen, die ich mehr für Laien gehalten habe, auseinandergesetzt habe — wir sehen, wie aus dem Kinde, das sich bis zum Zahnwechsel hin als ein Nachahmer entwickelt, dasjenige Wesen wird, das gern unter dem Einfluß der Autorität dieser Umgebung sich heranbilden will, wie also mit dem Zahnwechsel das Nachahmungsprinzip in das Autoritätsprinzip übergeht. Aber abgesehen davon — wenn wir nun wirklich hinzuschauen vermögen auf dieses menschliche Seelenleben, wenn wir die Beobachtung des Seelischen zu vertiefen gelernt haben — und man lernt sich wahrhaftig vertiefen, wenn man alles dasjenige in sich ausbildet, was ich als Willens- und Intellektzucht heute erwähnt habe —, wenn man hinsieht auf alles, was mit dem Menschen vorgeht um die Zahnwechselperiode herum, dann fällt auf, wie das, was erst als Erinnerungsfähigkeit im Menschen heranwächst, einen bestimmten Wandel mit dem Zahnwechsel durchmacht. Es fällt auf, wie von dieser Epoche an unser Vorstellen anfängt, Konturen zu haben, wie es anfängt, zu fortlaufend erinnerbaren Vorstellungen zu werden. Und ich könnte vieles aufweisen! Ich müßte aber lange reden, wenn ich zeigen wollte, wie sich die Umwandlung des ganzen intellektuellen Seelenelementes rein empirisch zeigt um die Periode des Zahnwechsels herum.

[ 24 ] So I would like to show you, so to speak, the findings that emerge regarding a particular stage of human development when one approaches the subject from a spiritual scientific perspective. We see how, through birth, the human being grows into physical existence. We then see how, in a certain sense, an important milestone occurs when a person goes through the change of teeth around the sixth, seventh, or eighth year of life. Yet this change of teeth is understood in the true sense only when we take into account the whole physical, spiritual, and soul aspects of the human being as they undergo transformation during this important phase of life. And we see—I can only hint at this—when we consider the soul, first of all that which I have already discussed on numerous occasions from this very place in lectures I have given primarily for laypeople — we see how the child, who develops as an imitator up until the change of teeth, becomes a being who is eager to develop under the influence of the authority of this environment; thus, with the change of teeth, the principle of imitation gives way to the principle of authority. But apart from that—if we are now truly able to look closely at this human soul life, if we have learned to deepen our observation of the soul—and one truly learns to deepen this observation when one cultivates within oneself all that I have mentioned today as discipline of the will and intellect— if one looks at everything that happens to a person around the time of tooth replacement, then it becomes apparent how what first develops in a person as the capacity for memory undergoes a specific transformation with the change of teeth. It becomes apparent how, from this epoch onward, our imagination begins to take shape, how it begins to become a series of continuously recallable images. And I could point out many examples! But I would have to speak at length if I wanted to show how the transformation of the entire intellectual element of the soul manifests itself purely empirically around the period of tooth replacement.

[ 25 ] Verfolgt man dann dasjenige, was man auf diesem Gebiete erforschen kann, weiter, verfolgt man es mit jenem konkreten Empirismus weiter, der sich eben dadurch ergibt, daß man sein Seelenauge geschärft hat durch die Methode, die ich geschildert habe, dann findet man, wie sich in dem gewissermaßen Herausstoßen-Können der zweiten Zähne etwas zeigt, was die ganzen ersten sieben Lebensjahre im Menschen arbeitet, sich zuletzt abstößt und einen Höhepunkt, eine Kulmination, erlangt mit dem Zahnwechsel. Jetzt, indem der Zahnwechsel eintritt, wird das Seelische ein anderes. Die Begriffe bekommen Konturen. Das ganze Erinnerungsvermögen, das ja allerdings früher schon vorhanden ist, wandelt sich aber eben um, und man erkennt, indem man die Begriffe der Goetheschen Metamorphosenlehre auf solche Entwicklungen ausdehnt, wie das seelisch-geistige Leben sich emanzipiert hat von dem physisch-leiblichen, wie dasselbe, was später im Vorstellen, also im Intellektuellen wirkt, im Körper gewirkt hat — gestaltend, plastisch gewirkt hat —, seine Kulmination im Zahnwechsel erlangt hat und, nachdem die Zähne herausgetrieben sind, sich geistig-seelisch zeigt. Da verfolgt man konkret, nicht mehr abstrakt, wie man sonst spekuliert über Leib und Seele, diese Gestaltungskraft, die man später anschaut, unmittelbar anschaut, wenn der Mensch scharf konturierte Begriffe, nicht Phantasmen herausholt aus der Erinnerung. Das verfolgt man, wie es gestaltet, wie es in den Zahnwechsel hinein die Kräfte treibt. Indem man die Beobachtung ausdehnt über die Zeit, sieht man, wie das Geistig-Seelische im Leiblich-Physischen arbeitet.

[ 25 ] If one then continues to explore what can be investigated in this field, continuing with that concrete empiricism that arises precisely from having sharpened one’s inner eye through the method I have described, one discovers how the process of shedding the second set of teeth reveals something that has been at work within a person throughout the first seven years of life, ultimately pushing itself away and reaching a climax, a culmination, with the change of teeth. Now, as the change of teeth occurs, the soul becomes something different. Concepts take on contours. The entire faculty of memory—which, admittedly, was already present earlier—undergoes a transformation, and by extending the concepts of Goethe’s theory of metamorphosis to such developments, one recognizes how the soul-spiritual life has emancipated itself from the physical-bodily, how that same force—which later acts in the imagination, that is, in the intellectual realm—has had a formative, plastic effect on the body—reaches its culmination in the change of teeth and, after the teeth have erupted, reveals itself in a spiritual-psychic way. There one observes concretely—no longer abstractly, as one otherwise speculates about body and soul—this formative power, which one later observes, observes directly, when the human being draws sharply defined concepts, not phantoms, from memory. One observes how it shapes, how it drives the forces into the process of teething. By extending this observation over time, one sees how the spiritual-soul aspect works within the physical-bodily realm.

[ 26 ] Dann wiederum merkt man, wenn man herantritt an den Menschen in der Lebensepoche, wo die Geschlechtsreife auftritt, wie in dieser Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife vorzugsweise das Willenselement sich konsolidiert. Aber es ist noch im Leibe wirksam, und man merkt an dem, was da auftritt — beim Knaben zeigt es sich ja auch in der Umwandlung der Stimme, bei den Mädchen zeigt es sich in anderer Weise, aber doch auch —, namentlich wie der Wille zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife gewissermaßen Besitz ergreift von dem menschlichen Organismus. Während das Intellektuelle sich emanzipiert, mit dem Zahnwechsel frei wird, selbständig wirkt, wird das Willentliche bis zur Geschlechtsreife frei. Ich möchte sagen, ein rein Geistiges verbindet sich mit dem Leib, so daß sich in dieser Veränderung, die beim Knaben im Stimmwandel eintritt, deutlich zeigt, wie das Willensleben sich in dem Leiblichen gestaltend erweist.

[ 26 ] Then again, when one observes people during the stage of life when sexual maturity occurs, one notices how, during this period—from the loss of baby teeth to sexual maturity—the element of will is particularly consolidated. But it is still active within the body, and one can see this in what occurs—in boys it manifests in the change of voice, in girls it manifests in a different way, but it is there nonetheless—namely, how the will, between the change of teeth and sexual maturity, takes possession, as it were, of the human organism. While the intellectual aspect emancipates itself, becomes free with the change of teeth, and acts independently, the volitional aspect becomes free by the time of sexual maturity. I would say that a purely spiritual element unites with the body, so that this change—which manifests in boys as the change in voice—clearly reveals how the life of the will takes shape within the physical body.

[ 27 ] Schon aus diesen zwei Elementen, die ich da angegeben habe, sehen Sie, wie man im konkreten Beobachten mit geistiger Empirie herantritt an den Menschen. Das, was ich da gezeigt habe, das führt dann aber wiederum aus dem Menschen heraus in den Kosmos hinein, und man lernt ihn erkennen, so wie man sonst durch die Sinnesanschauung die äußeren Sinnesinhalte kennenlernt. Man lernt erkennen durch diese Geistesschau ein tieferes, aber auch ein wesentlicheres Element des Kosmos. Man lernt zum Beispiel erkennen, worinnen nun in den kosmischen Kräften, in die der Mensch eingebettet ist, dasjenige besteht, was da bis zum Zahnwechsel hin auf der einen Seite, bis zur Geschlechtsreife hin auf der anderen Seite wirkt. Es wirkt das eine Mal als ein Intellektualistisches, bis zum Zahnwechsel gestaltend, dann emanzipiert es sich und wirkt auf der anderen Seite als ein Willentliches, das mit der Geschlechtsreife den menschlichen Leib intensiv ergreift.

[ 27 ] From just these two elements I have mentioned here, you can see how one approaches the human being through concrete observation using spiritual empiricism. What I have shown here, however, leads from the human being out into the cosmos, and one learns to recognize it in the same way that one otherwise comes to know external sensory content through sensory perception. Through this spiritual vision, one learns to recognize a deeper, but also a more essential element of the cosmos. For example, one learns to recognize what, within the cosmic forces in which the human being is embedded, constitutes that which acts, on the one hand, up to the time of the change of teeth, and, on the other hand, up to sexual maturity. In the former case, it acts as an intellectual force, shaping the child until the change of teeth; then it emancipates itself and acts, on the other hand, as a volitional force that intensely takes hold of the human body upon reaching sexual maturity.

[ 28 ] Jetzt lernt man erkennen, wie dasjenige, was gewissermaßen die Zähne heraustreibt, was im menschlichen Organismus arbeitet, damit es dann übergeht in die scharf konturierten Erinnerungsbegriffe, dasselbe ist, was man aber nur in Repräsentation — Licht nennen kann. Eigentlich ist es aber alles dasjenige, was sich zu der sinnlichen Wahrnehmung so verhält wie das Licht zum Auge. Man lernt erkennen, wie das Licht dasjenige ist, was da eigentlich im menschlichen Organismus wirkt, und wie durch die Kraft des Lichtes, die also im Schauen mit den Augen wirkt — aber eigentlich ist sie ja nur die Repräsentation, wir könnten von demselben Elemente für alle Sinne sprechen —, dasjenige überwunden wird, was sonst als die Schwere erlebt wird. Licht und Schwere, Licht und Gravitation sehen wir miteinander im Kampfe — das kosmische Licht, die kosmische Gravitation ist im Menschen wirksam bis zum Zahnwechsel hin. Und dann wiederum sieht man, wie vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife umgekehrt die Gravitation die Oberhand gewinnt, wie das Lichtvolle, das wiederum nur das übrige Wahrnehmen repräsentiert, der Inhalt der Sinneswahrnehmungen ist, wie aber da die Gravitation einen Sieg, einen inneren Sieg erringt über dieses Lichtmäßige und dadurch den Willen hineinzwingt in die menschliche Natur und dadurch gerade den Menschen innerlich auskonfiguriert mit dem, was ihn dann geschlechtsreif macht, seine Organisation nach seinem Schwerpunktselemente hinführt.

[ 28 ] Now one begins to recognize how that which, in a sense, brings forth the teeth—that which is at work in the human organism so that it may then transform into sharply contoured concepts of memory—is the very same thing that can only be called “light” in representation. In fact, however, it is everything that relates to sensory perception in the same way that light relates to the eye. One comes to recognize how light is what actually acts within the human organism, and how, through the power of light—which thus acts in seeing with the eyes (though in reality it is merely representation; we could speak of the same element for all the senses)—that which is otherwise experienced as heaviness is overcome. We see light and heaviness, light and gravity, in conflict with one another—cosmic light and cosmic gravity are active in the human being up until the change of teeth. And then, in turn, one sees how, from the change of teeth to sexual maturity, gravity conversely gains the upper hand, how the light-filled aspect—which, in turn, merely represents the rest of perception— is the content of sensory perceptions—but how, as gravity achieves a victory, an inner victory, over this light-like quality and thereby forces the will into human nature, and through this precisely configures the human being internally with what then makes him sexually mature, directing his organization toward his central elements.

[ 29 ] Dieses Durchschauenlernen der menschlichen Natur, meine sehr verehrten Anwesenden, dieses unmittelbar konkrete, empirische Verbinden des Geistigen mit dem Materiellen, das ist es, was sich ergibt dem anthroposophisch orientierten Weltanschauen. Wahrhaftig, es handelt sich da nicht um irgendeine nebulose Mystik, sondern es handelt sich um ein nicht nur ebenso strenges methodisches Forschen, wie es sonst in der Wissenschaft üblich ist, sondern um ein viel strengeres Forschen, weil jedes einzelne, an das man herangeht, zugleich begleitet ist von dem, was die Seele aus sich gemacht hat, so daß sie ein Neues in dem Alten sieht. Da wird in der Tat das, was man am Menschen anthropozentrisch erkennt ins Kosmische erweitert — ohne daß man anthropomorphisch wird —, und man wird schon sehen, daß es sich um eine strenge wissenschaftliche Methode handelt, wenn so etwas ausgebildet wird, wie ich es skizzenhaft darstellen konnte in meiner «Geheimwissenschaft».

[ 29 ] This learning to see through human nature, my esteemed audience, this direct, concrete, empirical connection of the spiritual with the material—that is what emerges from the anthroposophically oriented worldview. Truly, this is not some nebulous mysticism, but rather a form of research that is not only just as rigorous and methodical as is customary in science, but much more rigorous, because every individual subject one approaches is simultaneously accompanied by what the soul has made of itself, so that it sees something new in the old. Here, in fact, what is recognized in the human being from an anthropocentric perspective is expanded into the cosmic realm—without becoming anthropomorphic—and one will see that this is a rigorous scientific method when something like this is developed, as I was able to outline in my Occult Science.

[ 30 ] Diejenigen haben es leicht, meine sehr verehrten Anwesenden, die über ein solches Buch lachen, weil sie nicht durchschauen all die Mühe, die da aufgewendet, all die Wege, die da gewandelt worden sind, damit so etwas zustande kommen kann. Aber es muß so etwas in der Gegenwart ausgesprochen werden. Die materialistische Orientierung hat es gerade dahin gebracht, die Materie nicht mehr erkennen zu können, sondern nur Spekulationen anzustellen über den Zusammenhang von Geist oder Seele mit Leib oder Materie. Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll uns lehren, den Menschen zu erkennen — wirklich erfaßt, wie er ist als Geist, Seele und Leib — und von da aus dann die Wege in den Kosmos hinaus eröffnen, denn der Mensch ist etwas, was alles das in sich schließt, was sonst im Kosmos ist. Wir können ja ein längst verflossenes, aber von uns erlebtes Ereignis, das wir im Bilde in uns tragen — das Ereignis ist längst nicht mehr da —, aus demjenigen, was in unserer Seele ist, als Bild in uns wieder hervorzaubern. Weil ich einmal mit meinem Sinn, mit meinem Verstande und Gemüte und mit meiner Empfindung bei diesem Lebensereignis war, kann ich es mir hervorzaubern. Der Mensch war in alledem dabei, was jemals verlaufen ist im Kosmos, und dadurch kann er auch, wenn er sein ganzes Wesen erfaßt, wirklich noch Kosmisches erfassen — und in anderer Weise, als wenn man es äußerlich erringen müßte. Wie ich es vorhin geschildert habe, liefert inneres Erkennen auch eine gewisse Kosmologie, so daß sich Anthroposophie zu einer wahrhaftigen Kosmologie erweitert, wie ich es darzustellen versucht habe in meiner «Geheimwissenschaft», die heute noch unseren Zeitgenossen lächerlich erscheinen mag, die aber auf streng wissenschaftlicher Methode beruht, nur eben aus dem Wesen anthroposophischer Orientierung hervorgegangen ist.

[ 30 ] It is easy, my esteemed audience, for those who laugh at such a book, because they fail to grasp all the effort that went into it, all the paths that were taken, so that something like this could come into being. But something like this must be spoken of in the present. The materialistic orientation has led us to a point where we can no longer recognize matter itself, but can only speculate about the connection between spirit or soul and body or matter. Anthroposophically oriented spiritual science is meant to teach us to recognize the human being—truly grasping them as they are in spirit, soul, and body—and from there to open up paths out into the cosmos, for the human being is something that encompasses within themselves everything that otherwise exists in the cosmos. After all, we can conjure up an event that long has passed but that we have experienced—an event we carry as an image within us, even though the event itself is long gone—from what is within our soul. Because I was once present at this life event with my senses, my intellect, my emotions, and my feelings, I can conjure it up. Human beings were present in everything that has ever taken place in the cosmos, and through this they can also—when they grasp their entire being—truly grasp the cosmic—and in a different way than if one had to attain it externally. As I described earlier, inner knowledge also provides a certain cosmology, so that anthroposophy expands into a true cosmology, as I have attempted to portray in my Occult Science, which may still seem ridiculous to our contemporaries today, but which is based on a strictly scientific method, having simply emerged from the essence of the anthroposophical orientation.

[ 31 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, was so als Wesen der Anthroposophie geschildert werden darf, kann man in einem gewissen Sinne durchaus auch philosophisch rechtfertigen. Und wer meine Schriften verfolgt von Anfang an, wie ich versucht habe in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Goethe kommentierend, eine Erkenntnistheorie auszuarbeiten, wie ich versucht habe in meiner kleinen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft», die Beziehung desjenigen, was menschliches Innenleben ist, zu demjenigen, was außen im Kosmos ist, festzustellen, wie ich dann versucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit», das auszudehnen auf eine ganze Weltanschauung des Menschen, der wird finden, daß schon Mühe aufgewendet worden ist, soweit es eben bis heute möglich war, um das, was, ich möchte sagen in höherer, in geistiger Empirie auftritt als Geisteswissenschaft, als Anthroposophie, auch philosophisch zu rechtfertigen.

[ 31 ] Ladies and gentlemen, what may be described as the essence of anthroposophy can, in a certain sense, certainly be justified philosophically as well. And anyone who has followed my writings from the beginning—how I attempted, in the 1880s, while commenting on Goethe, to develop a theory of knowledge; how I attempted, in my short work Truth and Science, to establish the relationship between human inner life and the outer cosmos, and as I then attempted in my Philosophy of Freedom to extend this to a complete worldview of the human being—such a person will find that effort has already been expended, to the extent possible up to the present day, to philosophically justify what, I would like to say, appears in higher, spiritual empiricism—namely, spiritual science, or anthroposophy—

[ 32 ] Da mußte denn von mir, ich muß das schon sagen, durch Jahrzehnte hindurch ein hartnäckiger Kampf geführt werden gegen den Kantianismus — ein hartnäckiger Kampf gegen den Kantianismus, der das erkenntnistheoretische Problem und damit das philosophische Grundproblem meiner Überzeugung nach verkannt hat. Ich kann in den paar Minuten, die mir noch zur Verfügung stehen, nicht eingehen auf die kantische Philosophie oder Erkenntnistheorie, aber ich kann mit ein paar Worten hindeuten auf dasjenige, worum es sich, philosophisch gesehen, eigentlich handelt, wenn man den Menschen wirklich durchschauen will. Da kann man ja zunächst empirisch hinschauen, wie der Mensch an diese Grenze des Naturerkennens gelangt, wie er also an dieser Grenze der noch nicht anthroposophisch erweiterten Naturerkenntnis zu einem Eckpfeiler kommt, wo er hinpfahlt die Begriffe Materie, Kraft und so weiter. Ja, es handelt sich darum, daß derjenige, welcher nun imstande ist, erlebend zu untersuchen diese Grenze des Naturerkennens, auch darauf kommt, warum der Mensch — und ich bitte, verzeihen Sie mir das «warum» an dieser Stelle, es soll gewissermaßen bloß rhetorisch sein, nicht teleologisch gemeint sein —, warum der Mensch so organisiert ist, daß er an einer bestimmten Stelle hinpfahlen muß Begriffe, die gewissermaßen dunkel, undurchschaubar für das gewöhnliche Bewußtsein sind.

[ 32 ] I must admit that, over the course of decades, I had to wage a persistent struggle against Kantianism—a persistent struggle against Kantianism, which, in my view, has misunderstood the epistemological problem and, with it, the fundamental philosophical problem. In the few minutes I have left, I cannot go into detail about Kantian philosophy or epistemology, but I can briefly point out what, philosophically speaking, is actually at stake if one truly wishes to understand human beings. One can, of course, begin by taking an empirical look at how human beings arrive at this limit of knowledge of nature—that is, how, at this limit of natural knowledge that has not yet been expanded through anthroposophy, they arrive at a cornerstone where they anchor the concepts of matter, force, and so on. Yes, the point is that whoever is now able to investigate this limit of natural knowledge through direct experience will also come to understand why human beings—and please forgive me for using “why” here, it is meant to be merely rhetorical, not teleological—why human beings are organized in such a way that at a certain point they must anchor concepts that are, in a sense, obscure and inscrutable to ordinary consciousness.

[ 33 ] Könnten wir nämlich immerzu hineinschauen in die Dinge der Welt, sie gleichsam intellektualistisch durchsichtig machen, also auch den Menschen, würden wir in unserer menschlichen Natur nicht dasjenige ausbilden können, was wir zum gewöhnlichen Leben, namentlich auch zum gewöhnlichen sozialen Dasein unbedingt haben müssen, unbedingt entwickeln müssen zwischen Geburt und Tod: Wir würden dasjenige nicht haben, was in uns lebt als das Element der Liebe. Wer gründlich psychologisch studiert den Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Liebe, der merkt, daß dieses Abgetrenntsein von den uns intellektualistisch undurchsichtig gewordenen Dingen, das sich uns darlebt durch die Grenzen der Naturerkenntnis, notwendig ist. Es ist notwendig, damit wir in uns, in unserer ganzen menschlichen Organisation die Kraft der Liebe entwickeln können. Nicht das, was Kant aufgebracht hat in der «Kritik der reinen Vernunft» und dergleichen, sondern dasjenige, was wir in uns entwickeln als die Kraft der Liebe, das ist es, was uns verhindert, intellektualistisch die Dinge durchsichtig zu machen. Wir erlangen erst die intellektualistische Durchsichtigkeit auf den Wegen, die ich heute geschildert habe. Der Mensch ist eben so organisiert, daß er sich um die Grenzen der Naturerkenntnis die Macht der Liebe erkaufen muß. Aber der Mensch ist ja jenes Wesen, das durch die Macht der Liebe seinen richtigen Wert und seine Menschenwürde zwischen Geburt und Tod erhält.

[ 33 ] For if we were able to constantly peer into the things of the world, to make them intellectually transparent, so to speak—including human beings—we would not be able to develop within our human nature that which we absolutely must have for ordinary life, and especially for ordinary social existence, that which we must absolutely develop between birth and death: We would lack that which lives within us as the element of love. Anyone who thoroughly studies the connection between knowledge and love from a psychological perspective will realize that this separation from the things that have become intellectually opaque to us—which is brought about by the limits of our knowledge of nature—is necessary. It is necessary so that we can develop the power of love within ourselves, within our entire human constitution. Not what Kant set forth in the Critique of Pure Reason and the like, but rather what we develop within ourselves as the power of love—that is what prevents us from making things intellectually transparent. We attain this intellectual clarity only through the paths I have described today. Human beings are organized in such a way that they must “purchase” the power of love by pushing the boundaries of our understanding of nature. But human beings are, after all, those beings who, through the power of love, maintain their true value and human dignity between birth and death.

[ 34 ] Und wiederum haben wir auf der anderen Seite den anderen Eckpfeiler, den manche so leichten Herzens durch eine nebulose Mystik überwinden wollen und der nur durch jene Selbstzucht methodisch überwunden werden kann, die ich heute geschildert habe: jener Eckpfeiler, der in der Selbsterkenntnis liegt. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, würden wir immer hineinschauen können in uns, würden wir diejenige Erkenntnis erringen, die gewissermaßen die Zeit zum Raume macht, die in einer geänderten Zeitperspektive frühere Ereignisse in Geistesschau überirdisch erlebbar macht, die uns also gleichsam den Schleier der Erinnerungen wegreißt und uns hineinschauen läßt in die Vergangenheit und dadurch auch in einem gewissen Sinne in die Zukunft, würden wir das immer haben, dann würden wir das allerdings durchschauen, aber nicht die Kraft des Gedächtnisses, der Erinnerungen haben. Diese Kraft der Erinnerungen ist es, die wir ebenso haben müssen, wie wir nach der anderen Seite im gewöhnlichen Menschenleben die Liebe haben müssen. Wer weiß, was eine gestörte Erinnerung für die Kontinuität des Ichs bedeutet, wer weiß, daß dieses Ich beruht auf der Kraft des ungestörten Gedächtnisses, der wird auch ermessen können, wie dieser andere Eckpfeiler dastehen muß. Jene Kraft, die uns zwischen Geburt und Tod zum erinnerungsfähigen Wesen macht — nur sie ermöglicht uns, in geisteswissenschaftlich anthroposophischer Methode diesen Schleier des Erinnerns zu zerreißen und in Selbstschau hineinzuschauen in unser eigenes Innere. Wer also diese Organisation versteht, wer mit wirklicher Psychologie das, was in der Erinnerung auftritt, mit dem vergleicht, was Selbsterkenntnis ist, der weiß, daß wir auch diesen anderen Eckpfeiler im gewöhnlichen menschlichen Erkennen und Leben haben müssen. Es beruht also auf unserer Organisation — in etwas anderer Weise, als Kant es geschildert hat—, daß wir erst über das, was uns im gewöhnlichen Leben organisiert, hinauswachsen müssen, wenn wir in die erstrebbaren und ersehnbaren Tiefen der Natur hineindringen wollen.

[ 34 ] And yet, on the other hand, we have the other cornerstone—one that some would so lightly seek to overcome through a nebulous mysticism, and which can only be methodically overcome through the self-discipline I have described today: that cornerstone which lies in self-knowledge. Yes, my esteemed audience, if we could always look within ourselves, we would attain that insight which, in a sense, transforms time into space—an insight that, from an altered perspective on time, allows us to experience past events in a spiritual vision in a transcendent way—an insight that, as it were, tears away the veil of memories and enables us to look into the past and, through this, in a certain sense, into the future as well— if we always had that, then we would indeed see through it all—but we would lack the power of memory, of recollection. It is this power of recollection that we must possess just as we must possess love in ordinary human life. Whoever knows what a disturbed memory means for the continuity of the “I,” whoever knows that this “I” rests upon the power of undisturbed memory, will also be able to appreciate how this other cornerstone must stand. That power which, between birth and death, makes us beings capable of memory—it alone enables us, through the anthroposophical method of spiritual science, to tear away this veil of memory and, through self-observation, to look into our own inner being. Whoever, therefore, understands this organization—whoever, using true psychology, compares what appears in memory with what self-knowledge is—knows that we must also have this other cornerstone in ordinary human cognition and life. It is therefore due to our constitution—in a somewhat different way than Kant described it—that we must first grow beyond what organizes us in ordinary life if we wish to penetrate the depths of nature that we can aspire to and long for.

[ 35 ] Dann aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ergibt sich für diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wenn sie innerlich lebendig diesen Weg macht, dasjenige, was allerdings heute sehr gewagt ist, sehr gewagt ist auszusprechen. Aber was nützt es, solche Dinge unausgesprochen zu lassen, wenn es doch gerade auf sie ankommt? Derjenige, der heute hinsieht darauf, wie wir uns die Welt vorstellen müssen nach den Gedanken und Ideen, die sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten ergeben haben, der kann nimmermehr die Brücke schlagen zwischen dem, was sich in der Seele ergibt als ethisches, als moralisches, als soziales Ideal, auch als religiöses Ideal, und demjenigen, was sich ergibt aus der Naturerkenntnis heraus.

[ 35 ] But then, my esteemed audience, if this anthroposophically oriented spiritual science follows this path with inner vitality, it arrives at something that is, admittedly, very daring to articulate today—very daring indeed. But what good is it to leave such things unsaid, when they are precisely what matters? Anyone who looks today at how we must conceive of the world according to the thoughts and ideas that have emerged over the last three to four centuries can never bridge the gap between what arises in the soul as an ethical, moral, social, and even religious ideal, and what arises from the knowledge of nature.

[ 36 ] Da stehen auf der einen Seite die natürlichen Erscheinungen. Sie führen uns, wenn auch hypothetisch oder in der Philosophie des «als ob», zu einem Anfang, zu einem früheren Zustand des physischen Weltenalls; sie führen uns dann zu Metamorphosen dieses physischen Weltenalls, sie zeigen uns, wie in diesem physischen Weltenall waltet ein Gesetz, oder sagen wir zwei Gesetze, die aber eigentlich eines sind. Wenn diese Gesetze so walten, wie sich das heutige Naturerkennen das vorstellen kann, dann kann zu dem anderen hin, zu dem ethischen, zu dem sozialen, zu dem religiösen Ideal, keine Brücke geschlagen werden. Und diese zwei Gesetze sind das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und von der Unzerstörbarkeit des Stoffes. Verwandelt sich die Welt im Weltenall draußen, in der Natur so, daß der Stoff unzerstörbar ist, die Kraft in ewiger Erhaltung sich nur umgestaltet, dann — dann sind unsere ethischen Ideale, unsere religiösen Ideale nichts anderes als Rauch, der aufsteigt, dann sind sie unsere großen Illusionen. Und wenn die Welt längst verwandelt haben wird ihren Stoff und ihre Kräfte in einer gewissen Weise, dann sind zu Grabe getragen, ins Nichts hinein versenkt diejenigen Welterlebnisse, die wir einschließen innerhalb unserer moralischen Ideale, innerhalb unserer religiösen Ideale und so weiter. Man macht gewöhnlich auf diese Dinge nicht aufmerksam. Aber dasjenige, was viele Seelen in der Gegenwart innerlich zerspaltet, was viele Seelen in der Gegenwart innerlich zerreißt, das ist doch das, was mehr oder weniger unbewußt aus diesem völligen Versagen eines Brückenschlags zwischen Naturerkenntnis und geistiger Erfassung des Moralischen, des Religiösen als Seelenstimmung vorhanden ist.

[ 36 ] On the one hand, there are natural phenomena. They lead us—albeit hypothetically or through the philosophy of “as if”—to a beginning, to an earlier state of the physical universe; they then lead us to metamorphoses of this physical universe; they show us how a law—or, let us say, two laws, which are in fact one—prevails in this physical universe. If these laws operate as modern scientific understanding conceives them to, then no bridge can be built to the other realm—to the ethical, the social, or the religious ideal. And these two laws are the law of the conservation of energy and the indestructibility of matter. If the world out there in the universe, in nature, transforms itself in such a way that matter is indestructible and energy, while eternally conserved, merely takes on new forms, then—then our ethical ideals, our religious ideals, are nothing more than smoke rising into the air; then they are our great illusions. And when the world has long since transformed its matter and its forces in a certain way, then those experiences of the world that we encompass within our moral ideals, within our religious ideals, and so on, will have been laid to rest, sunk into nothingness. People usually do not draw attention to these things. But what is internally dividing many souls today, what is internally tearing many souls apart today—that is precisely what exists, more or less unconsciously, as a result of this complete failure to bridge the gap between knowledge of nature and the spiritual grasp of the moral and the religious as a state of mind.

[ 37 ] Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, erleben wir an den Grenzen der Naturerkenntnis unsere eigene Intellektualität so, wie ich es heute geschildert habe, dann durchschauen wir, wie unser Intellekt auch nur einem gewissen Abschnitt des äußeren Daseins angehört, wie wir den Anfang des Erdendaseins nicht denken dürfen mit dem Intellekt, den wir eigentlich erst in dem geschilderten Erleben wirklich kennenlernen, denn dieser Intellekt gehört zu dem, was erst nach diesem Anfange liegt und was vor dem Ende liegt. Wenn wir diesen Intellekt anwenden auf den ganzen Verlauf, wenn wir Jahrmillionen zurück- oder Jahrmillionen vorwärtsgehen, wie es Geologen und Physiker machen, dann machen wir dasselbe, wie wenn wir gedankenlos reden zum Beispiel von der Umwandlung des Herzens, wie sie sich am Menschen vor oder nach dreihundert Jahren zeigt. Wir müssen uns klar sein über die Natur dieses Intellektes: daß er nicht heranreicht an die anderen Erkenntniskräfte, die wir auf die heute geschilderte Art und Weise erringen müssen.

[ 37 ] But, ladies and gentlemen, when we reach the limits of our understanding of nature and experience our own intellectuality as I have described it today, then we realize how our intellect belongs only to a certain phase of external existence, how we must not conceive of the beginning of earthly existence with the intellect that we actually come to know for the first time in the experience I have described—for this intellect belongs to that which lies only after this beginning and before the end. If we apply this intellect to the entire course of events—if we go back millions of years or forward millions of years, as geologists and physicists do—then we are doing the same thing as when we speak thoughtlessly, for example, of the transformation of the heart as it appears in human beings three hundred years ago or three hundred years from now. We must be clear about the nature of this intellect: that it does not measure up to the other powers of cognition, which we must attain in the manner described today.

[ 38 ] Mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wird nicht eine Rickertsche oder eine Windelbandsche Werttheorie begründet, wo die Werte aus dem blauen Dunst heraus sich geltend machen sollen, ohne Realität, sondern es geht uns auf wie dasjenige, was wir im Intellekt überschauen. Wir fühlen die Verpflichtung, den Wert in die Strömungen des Seins irgendwie einzugliedern. Das wird aber ganz und gar unmöglich sein, solange wir nicht das ertötende Gesetz von der Erhaltung der Energie und des Stoffes überwinden. Man muß dazu kommen, den Stoff und die Kraft als vergänglich zu denken. Es ist nur eine Welt der Illusion, die sich uns aus unserem Intellekt ergeben hat und die uns die Unzerstörbarkeit des Stoffes und die Erhaltung der Kraft vorgaukelt. Es ist ja gewiß, daß die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zu nichts anderem als dem führen konnte. Für denjenigen aber, der die Welt so durchschaut, wie es heute dargestellt wurde, ist dasjenige, was Stoffe und Kräfte sind, etwas, was untergeht wie die diesjährigen Pflanzen, und dasjenige, was in uns als ethisches Ideal, als religiöse Idee lebt, ist etwas, was wir als Keim erleben, wie den Keim in der Blüte der gegenwärtigen Pflanzen. Wir schauen hin auf diesen Keim, der gegenwärtig vielleicht noch ein bloßer Punkt ist; wir wissen, er ist eine Pflanze im nächsten Jahr, wenn verflogen sein wird, was ihn jetzt als Blüte, als Blätter umgibt. Wir schauen in Geistesschau auf diese äußere Welt, auf die wir diesen unseren Intellekt anwenden. Wir lernen sie kennen nicht unter dem Prinzip der Unzerstörbarkeit des Stoffes und der Erhaltung der Energie, sondern wir lernen sie kennen als eine zerstiebende, und die Keime in ihr sind dasjenige, was in unseren Seelen waltet als moralisches Element, als religiöse Idee. Was uns heute sinnlich umgibt — verflogen wird es sein! Was in unserem Innern wächst und gedeiht, das wird die Welt der Zukunft, der Kosmos der Zukunft sein. Zu dieser Brücke, die geschlagen wird zwischen dem Geist und der Natur, kann meiner Überzeugung nach — unter den heutigen Verhältnissen — nur anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft führen.

[ 38 ] Anthroposophically oriented spiritual science does not establish a Rickertian or Windelbandian theory of value, in which values are supposed to assert themselves out of thin air, without any reality; rather, we are concerned with that which we can grasp intellectually. We feel an obligation to integrate value into the currents of being in some way. But this will be entirely impossible as long as we do not overcome the stifling law of the conservation of energy and matter. We must come to conceive of matter and force as transitory. It is merely a world of illusion that has arisen from our intellect and that leads us to believe in the indestructibility of matter and the conservation of force. It is certainly true that nineteenth-century science could lead to nothing else. But for those who see through the world as it has been presented today, what matter and energy are is something that perishes like this year’s plants, and what lives within us as an ethical ideal, as a religious idea, is something we experience as a seed, like the seed within the blossom of present-day plants. We look upon this seed, which at present is perhaps still merely a point; we know it will be a plant next year, once what now surrounds it as blossoms and leaves has faded away. We gaze with spiritual insight upon this external world, to which we apply our intellect. We come to know it not through the principle of the indestructibility of matter and the conservation of energy, but we come to know it as something that is disintegrating, and the seeds within it are what reign in our souls as a moral element, as a religious idea. What surrounds us sensually today—it will vanish! What grows and flourishes within us will be the world of the future, the cosmos of the future. In my conviction, only an anthroposophically oriented spiritual science can lead to this bridge being built between the spirit and nature—under today’s circumstances.

[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich durfte — einer Aufforderung der «Freien Studentenschaft» zufolge hier diese wenigen anregenden Sätze sprechen. Ich weiß, daß sie nichts Beweisendes, nichts Überzeugendes haben können; sie wollten aber auch nur etwas Anregendes sein. Aber weil ich heute, wofür ich sehr dankbar bin, sprechen durfte im Auftrage der Studentenschaft, gerade deshalb möchte ich darauf hinweisen, daß es dem, der heute die Welt so ansehen muß, der selbst am Ende seines sechsten Jahrzehnts steht, besonders naheliegt, zur heutigen Jugend hinzublicken. In den Herzen, in den Seelen derer, die heute jung sind — da sieht ein solcher wirklich Keime, denn er blickt zurück auf seine eigene Jugend. Vor vier Jahrzehnten war es — das möchte ich zu den verehrten jungen Freunden, die mich heute eingeladen haben, sagen —, daß die Leute meines Alters jung waren. Wir sahen dazumal in die Welt hinein, aber wir waren darauf angewiesen, in einem gewissen Sinne in eine Welt von Illusionen zu blicken. Wir waren dazumal darauf angewiesen. Es standen allerdings den Menschen noch bevor mancherlei gewaltige Errungenschaften des äußeren Lebens, es schaute aber auch in dem für uns damals gegenwärtigen zivilisierten Europa anders aus als jetzt. Jetzt schreibt ein geistreicher Mann — der Oswald Spengler — über den Untergang der abendländischen Zivilisation. Dazumal, das heißt vor drei bis vier Jahrzehnten, dazumal war, meine sehr verehrten Anwesenden, die Zeit, die wohl vielleicht am ärgsten beherrscht war von dem «Wie haben wir’s so herrlich weit gebracht» — eine Zeit, die sich aber ganz stark in Illusionen wiegte. Wie stark die Illusionen waren, das gewahrte wohl mancher von denen, die dieses Alters waren, erst, als 1914 diese moderne Zivilisation in eine furchtbare Katastrophe hineinrollte. Dazumal lagerte sich auf die Seelen der denkenden, der wachenden Älteren ein unendlicher Schmerz, und sie blickten wohl zurück auf jene Zeit, in der sie nicht sagen durften — weil die Illusionen zu groß waren —: Wir brauchen etwas, was nicht bloß eine Renaissance ist, sondern was eine Naissance ist, was die Geburt eines neuen Geisteslebens ist.

[ 39 ] Ladies and gentlemen, I have been given the opportunity—at the request of the “Free Student Body”—to share these few thought-provoking remarks here today. I know that they cannot be conclusive or persuasive; but they were meant only to be thought-provoking. Yet precisely because I was given the opportunity today—for which I am very grateful—to speak on behalf of the student body, I would like to point out that it is particularly natural for someone who must view the world as he does today—someone who himself is nearing the end of his sixth decade—to look toward today’s youth. In the hearts and souls of those who are young today—such a person truly sees the seeds of promise, for he looks back on his own youth. Four decades ago—and I would like to say this to the esteemed young friends who have invited me here today—people of my age were young. We looked out into the world back then, but we were, in a certain sense, compelled to look into a world of illusions. We had no choice but to do so at the time. True, humanity still had many tremendous achievements in the material world ahead of it, but things also looked different in the civilized Europe that was our reality back then than they do now. Now a witty man—Oswald Spengler—is writing about the decline of Western civilization. Back then—that is, three or four decades ago—back then, my esteemed audience, was the time that was perhaps most strongly dominated by the sentiment, “How wonderfully far we’ve come” — a time that, however, was deeply steeped in illusions. Just how strong those illusions were, many of those of that generation likely only realized when, in 1914, this modern civilization careened into a terrible catastrophe. At that time, an infinite sorrow settled upon the souls of the thinking, vigilant elders, and they likely looked back on that era in which they were not allowed to say—because the illusions were too great—: “We need something that is not merely a Renaissance, but a Naissance, the birth of a new spiritual life.”

[ 40 ] Jetzt, nachdem schmerzliche Jahre hinter uns sind, jetzt, meine sehr verehrten Anwesenden, lebt es sich, wie ich glaube, anders in der Jugend. Jetzt ist die große Not da, und jetzt zeigt es sich auf allen Gebieten, daß man sich der Illusion nicht hingeben kann, der Illusion, wie wir’s so herrlich weit gebracht haben. Jetzt aber, glaube ich, lebt in jedem Wachen oder in demjenigen, der sich erwecken kann, etwas von dem, was ihn zu der inneren Mahnung führt: Gebrauche deinen Willen! — In der äußeren, in der objektiven Welt, da spricht alles für Niedergang. Aber die Spengler, diejenigen, die nur vom Niedergang sprechen und diesen Niedergang sogar beweisen wollen, sie werden Unrecht haben, wenn in der heutigen Jugend sich geltend macht jenes Feuer, wenn in der Jugend sich geltend macht jene Kraft, die die Seele erwecken will zum Schaffen, zum Wollen, denn nur aus dem Schaffen, aus dem Wollen der sich ihrer selbst vollbewußten Menschen kann heute die Besserung werden, nicht aus einem Spekulieren über Kräfte, an die wir glauben sollen. Nein, an einem Aktivieren der Kräfte muß es liegen, die in unserem eigenen Willen, in unserem eigenen Vermögen zu finden sind.

[ 40 ] Now that painful years are behind us, now, my esteemed audience, I believe life is different for young people. Now there is great hardship, and now it is becoming clear in every area that we cannot succumb to the illusion—the illusion that we have come so far. But now, I believe, there lives within every awakened person—or within those who are capable of awakening—something that leads them to the inner admonition: “Use your will!” — In the outer, objective world, everything points to decline. But the Spenglers—those who speak only of decline and even seek to prove it— will be proven wrong if that fire asserts itself in today’s youth, if that force asserts itself in youth that seeks to awaken the soul to creation, to will, for only from the creation and the will of people who are fully self-aware can improvement come today—not from speculating about forces we are supposed to believe in. No, it must lie in the activation of the forces that are to be found in our own will, in our own capabilities.

[ 41 ] Deshalb möchte ich gerade diesen Vortrag, zu dem eingeladen worden zu sein ich der verehrten Studentenschaft sehr dankbar bin, ausklingen lassen in jene Fichteschen Worte, die da lauten: «Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt, ich kann nicht, so will er nicht.» Werden wir uns des Geistes bewußt, der uns durch Geistesschau aus dem Weltenall entgegenleuchtet, der in unserm Innern mit der Schwere seine Kämpfe führt, dann wird dieser Geist uns anregen zum Schaffen, und dann wird gerade aus der gegenwärtigen Jugend heraus dasjenige erwachsen, worauf eigentlich jeder wache Mensch heute hoffen, wonach jeder wache Mensch heute sich sehnen muß. Ja, wir brauchen nicht bloß eine Renaissance, wir brauchen eine Naissance des Geistes. Sie wird uns werden, wenn die Jugend von heute ihre Aufgabe versteht und würdigt.

[ 41 ] That is why I would like to conclude this very lecture—for which I am deeply grateful to the esteemed student body for inviting me—with those words of Fichte, which read: “Man can do what he ought to do; and when he says, ‘I cannot,’ it is because he does not want to.” If we become aware of the Spirit that shines toward us from the cosmos through spiritual vision—the Spirit that wages its struggles within us against the forces of gravity—then this Spirit will inspire us to create, and then it is precisely from today’s youth that what every alert person today should hope for, and what every alert person today must long for, will emerge. Yes, we need not merely a Renaissance; we need a rebirth of the spirit. It will come to pass when today’s youth understands and appreciates its mission.