The Inner Nature and Essence
of the Human Soul
GA 80b
15 May 1923, Oslo
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The Inner Nature and Essence of the Human Soul, tr. SOL
13. Entwicklung und Erziehung des Menschen vom Gesichtspunkt der Anthroposophie
13. Human Development and Education from the Perspective of Anthroposophy
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich muss auch heute um Entschuldigung bitten wegen der Erkältung, die ich mir gestern mitgebracht habe und die noch nicht ganz überwunden ist, sodass ich nicht weiß, wie ich mit der Stimme den Vortrag hindurch ausreichen werde.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! I must once again apologize today for the cold I caught yesterday, which I haven’t quite shaken off yet, so I’m not sure if my voice will hold out for the duration of the lecture.
[ 2 ] Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn wir hinhorchen auf urälteste Stimmen, die innerhalb der Entwicklung der Menschheit waren, zu uns heraufdringen mit Bezug auf das Wesen des Menschen selbst und das Streben nach der Erkenntnis dieses Menschenwesens, so ist es ohne Zweifel einer der bedeutsamsten Aussprüche, die wir da hören herauftönen aus dem griechischen Altertum zum Beispiel der: «Erkenne dich selbst». Indem diese Aufforderung von den alten Weisheitsstätten an den Menschen gerichtet wird, ist ja ganz gewiss damit nicht gemeint, man solle nur die leiblichen Innenerlebnisse zu einer Art von Selbsterkenntnis bringen; sondern es ist damit gemeint, der Mensch solle sich bemühen, sein eigenes Wesen, dasjenige, worinnen seine Würde als Mensch besteht, worinnen seine Bestimmung als Mensch liegt, zu ergründen. Und man kann schon sagen: Seit dieses Wort in die menschliche Entwicklungsgeschichte hineingetönt hat, das alte Griechentum hindurch, im Mittelalter hindurch, trotz aller seiner Verirrungen, bis in die neueste Zeit, ist dieses Wort ein Richtwort geworden. Und ein großer Teil des Umfanges menschlicher Geistesbestrebungen, ein großer Teil desjenigen, was heraufgeholt worden ist aus dem tiefsten Untergrunde des seelischen Lebens, all das hat darinnen gegipfelt, das Menschenwesen selbst im Zusammenhange mit dem Weltwesen und mit der Weltenentwicklung zu ergründen.
[ 2 ] Now—my esteemed audience—when we listen to the most ancient voices that have resounded throughout the course of human development, speaking to us about the very nature of the human being and the quest for knowledge of this human nature, one of the most significant sayings we hear echoing down to us from Greek antiquity, for example, is undoubtedly this: “Know thyself.” When this exhortation is addressed to humanity from the ancient centers of wisdom, it certainly does not mean that one should merely bring one’s physical inner experiences to a kind of self-knowledge; rather, it means that human beings should strive to fathom their own nature—that which constitutes their dignity as human beings and in which their purpose as human beings lies. And one can certainly say: Ever since this phrase resounded through the history of human development—through ancient Greece, through the Middle Ages, despite all its aberrations, right up to the present day—it has become a guiding principle. And a large part of the scope of human intellectual endeavors, a large part of what has been brought to light from the deepest recesses of spiritual life—all of this has culminated in the quest to fathom the human being itself in connection with the nature of the world and with the development of the world.
[ 3 ] Und gerade in der Glanzzeit naturwissenschaftlicher Entwicklung, in jener Zeit im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, in der die großen, die nicht genug zu würdigenden Erfolge durch die Naturwissenschaft errungen worden sind, in der Zeit kam die Menschheit gerade in ihren erleuchtesten Geistern immer mehr und mehr dazu, zu verzweifeln an der Möglichkeit einer solchen Selbsterkenntnis, einer solchen Menschenerkenntnis. Man kam dazu, der menschlichen Erkenntnis nur mehr zugänglich zu halten dasjenige, was sich aus materiellen, sinnlichsichtbaren Erfahrungen gewissermaßen ausspricht, insofern man anerkennen muss, dass im Menschenwesen etwas webt und lebt wie Seele, wie Geist — so sagte man sich gerade, weil man meinte, die Grenzen der Naturerkenntnis in der richtigen Weise zu schauen —, so sagte man sich: An dieses eigentliche Menschenwesen, an das Menschenbewusstsein, kann eine wirkliche Erkenntnis, die ja doch nur Naturerkenntnis sein könne, nicht heran. Und so entstand denn immer mehr und mehr der Zweifel an der Erreichung desjenigen, was als eine höchste Forderung in dem «Erkenne dich selbst!» der alten Weisheitsstätten vor die Menschheit hingestellt worden ist.
[ 3 ] And precisely during the heyday of scientific development—that period in the course of the nineteenth century when science achieved its great, inestimable successes—it was during that very time that humanity, especially in its most enlightened minds, increasingly began to despair of the possibility of such self-knowledge, of such knowledge of humanity. People came to regard as accessible to human knowledge only that which, so to speak, expresses itself through material, sensually perceptible experiences; insofar as one must acknowledge that something weaves and lives within the human being—such as a soul or a spirit—people told themselves—precisely because they believed they were correctly perceiving the limits of scientific knowledge—they told themselves: True knowledge—which, after all, can only be knowledge of nature—cannot approach this actual human being, this human consciousness. And so doubt arose more and more regarding the attainment of that which had been set before humanity as the highest demand in the “Know thyself!” of the ancient centers of wisdom.
[ 4 ] Man kann schon sagen: Wäre es so, müsste der Mensch verzichten auf Erfüllung jener alten Forderung, es würde damit verloren gehen die Möglichkeit, dass der Mensch sicheren Boden für sein Seelenleben unter seinen Füßen habe. Es würde verloren gehen für den Menschen, weil die Erkenntnis seiner Würde und seines Wesens, seiner Bestimmung, verloren gehen würde; es würde verloren gehen für den Menschen auch die Möglichkeit, eine sichere Zielsetzung und eine frohe, freudige, aber auch tatkräftige Arbeitslust in der Welt zu entwickeln.
[ 4 ] One could certainly say: If that were the case, human beings would have to forgo the fulfillment of that ancient demand, and with it would be lost the possibility for human beings to have solid ground for their spiritual life beneath their feet. It would be lost to humanity because the recognition of its dignity, its essence, and its purpose would be lost; humanity would also lose the opportunity to develop a clear sense of purpose and a joyful, cheerful, yet energetic zest for work in the world.
[ 5 ] Daher war es kein Wunder, dass in der Zeit, in der auf der einen Seite Naturwissenschaft immer mehr und mehr darauf aufmerksam machte, wie sie selbst — und sie glaubte, die einzig mögliche, wissenschaftliche Erkenntnis zu sein —, wie sie selbst zu einer wirklichen Menschenerkenntnis nicht kommen könne, dass da die Menschen doch, weil sie eigentlich ohne eine solche Selbsterkenntnis in Wahrheit nicht leben können, aus der tiefen Sehnsucht ihrer Seele heraus auf anderen Wegen als auf dem Weg der Wissenschaft nach einer solchen Selbsterkenntnis und einer Erkenntnis des Zusammenhanges mit der Welt strebten.
[ 5 ] It was therefore no wonder that, at a time when, on the one hand, the natural sciences were increasingly drawing attention to how they themselves—and they believed they were the only possible form of scientific knowledge —could not, in and of itself, lead to a true understanding of humanity, people—because they cannot truly live without such self-knowledge—sought, out of the deep longing of their souls, to attain this self-knowledge and an understanding of their connection to the world through paths other than that of science.
[ 6 ] Und so wurde es vielen Menschen aus der Unbefriedigtheit gegenüber der Naturwissenschaft selber in der neueren Zeit immer mehr und mehr Bedürfnis, nach der Mystik auszuschauen. Wenn auf der einen Seite die Naturwissenschaft ihre Grenzen aufrichtete, glaubte der Mystiker durch die Versenkung in das innere Menschenwesen vorzudringen zu dem ewigen Kern dieses Wesens, — damit auch zu dem Punkte im Menschenwesen, wo der Mensch zusammenhängt mit dem Göttlich-Geistigen, wo der Mensch zusammenhängt mit der moralischen Weltenordnung und so weiter und so weiter.
[ 6 ] And so, in recent times, dissatisfaction with the natural sciences themselves has led many people to feel an ever-increasing need to turn to mysticism. While, on the one hand, natural science established its limits, the mystic believed that by delving into the inner human being, he could penetrate to the eternal core of that being—and thereby also to the point within the human being where the human is connected to the divine-spiritual, where the human is connected to the moral world order, and so on and so forth.
[ 7 ] Man muss schon sagen: Wunderbare Beschreibungen innerer Erlebnisse sind oftmals das Ergebnis dieser mystischen Versenkung. Die Mystiker glauben ja, auf diese Weise und noch manche andere Weise dazu zu kommen in der Tat, die klare naturwissenschaftliche Erkenntnismethode entbehren zu können, nur durch die Versenkung in das Innere des Menschen selber zu einer befriedigenden Auffassung über das Verhältnis des Menschen zur Welt zu kommen.
[ 7 ] It must be said: Wonderful descriptions of inner experiences are often the result of this mystical contemplation. Mystics believe, after all, that in this way—and in many other ways as well—they can indeed do without the clear scientific method of inquiry, arriving at a satisfactory understanding of the relationship between humanity and the world simply through contemplation of the inner self.
[ 8 ] Zwischen die zwei Klippen — die naturwissenschaftliche auf der einen Seite, die mystische auf der andern Seite — sieht sich diejenige Weltenforschung hineingestellt, von der ich Ihnen gestern — meine sehr verehrten Anwesenden — die Prinzipien ihres Suchens, ihres Strebens auseinandersetzen durfte.
[ 8 ] Caught between these two cliffs—the scientific on one side, the mystical on the other—is the study of the world, the principles of whose inquiry and striving I had the privilege of explaining to you yesterday, my esteemed audience.
[ 9 ] Diese Weltanschauungsforschung ist weder bloße Naturwissenschaft, obwohl sie — wie ich gestern betonte — durchaus ihre Erkenntnisdisziplin, ihre wissenschaftliche Verantwortlichkeit von der Naturwissenschaft in ihrer exaktesten Gestalt lernen will. Diese Geistesforschung ist aber auch nicht Mystik; denn gerade dann, wenn man auf jenen Wegen, die ich gestern geschildert habe, vordringt zu einer wirklichen menschlichen Selbsterkenntnis, dann ergründet man zugleich, dass dasjenige, was man heute fast ausschließlich Mystik nennt, im Grunde genommen nur eine weitere Vertiefung des gewöhnlichen menschlichen Gedächtnis- oder Erinnerungsvermögens ist. Das durchschauen nur die Mystiker begreiflicherweise nicht genauer. Ob der Mystiker dasjenige, was aus dem Innern herausgeschöpft ist, aus dem eigenen Inneren herausbekommt oder ob es herauskommt auf den ja oftmals sehr, sehr zweifelhaften Wegen der medialen Veranlagung durch andere Menschen, es ist nichts anderes als ein Heraufheben desjenigen, was doch irgendeinmal, wenn auch auf eine noch so verborgene Art, wenn es auch noch so unbewusst geblieben ist, durch äußere Beobachtung im gewöhnlichen Erdenleben, in die Seele hineingekommen ist und in der Seele sich entwickelt hat, dann aber untergetaucht ist in die physisch-leibliche Organisation; sodass der Mystiker nichts anderes ergründet, als wie seine eigenen Gedächtnisvorstellungen sich umgewandelt haben durch die organischen Kräfte des physisch-leiblich-ätherischen, menschlichen Wesens. Darauf kommt gerade derjenige, der in der gestern geschilderten Art in ehrlicher Weise wahre Seelen- und Geistesforschung treibt.
[ 9 ] This research into worldviews is not merely natural science, although—as I emphasized yesterday—it certainly seeks to learn its methodology of knowledge and its scientific responsibility from natural science in its most exact form. Nor, however, is this spiritual research mysticism; for precisely when one advances along the paths I described yesterday toward genuine human self-knowledge, one simultaneously discovers that what is today almost exclusively called mysticism is, in essence, merely a further deepening of the ordinary human capacity for memory or recollection. Understandably, only the mystics fail to see this more clearly. Whether the mystic draws forth from within—from their own inner being—that which is drawn from the innermost depths, or whether it emerges through the often very, very dubious channels of mediumistic predisposition via other people, it is nothing other than a bringing to the surface of that which, at some point—however hidden, however unconscious it may have remained—entered the soul through external observation in ordinary earthly life, developed within the soul, and then sank into the physical-bodily organization; so that the mystic explores nothing other than how his own memory images have been transformed by the organic forces of the physical-bodily-etheric human being. This is precisely what the person who, in the manner described yesterday, honestly pursues true research into the soul and spirit comes to understand.
[ 10 ] Wenn dasjenige, was ich gestern geschildert habe, weiter verfolgt wird, dann kommt es vorbei auf der einen Seite an der Klippe der Naturwissenschaft, auf der anderen Seite aber auch an der Klippe der bloßen Mystik. Die Naturwissenschaft sagt uns mit Recht von ihrem Gesichtspunkte aus: Da sind gewisse Grenzen, die kann man mit der naturwissenschaftlichen Methode, mit dem kombinierenden Verstande, mit dem Messen, dem Zählen, dem Rechnen, mit dem Forschen mit der Waage, nicht überschreiten. Man muss, wenn die Naturwissenschaft von ihrem Gesichtspunkte aus diese Grenzen geltend macht, man muss ihr durchaus recht geben, aber recht geben nur, wenn sie bei der Behauptung bleibt: Mit alledem, was man auf diesem Wege, der die gewöhnlichen Grenzen des Naturerkennens achtet, finden kann, kommt man nicht an den Menschen heran.
[ 10 ] If what I described yesterday is pursued further, it will lead, on the one hand, to the precipice of natural science, but on the other hand, also to the precipice of mere mysticism. Natural science rightly tells us, from its own perspective: There are certain limits that cannot be crossed using the scientific method, the deductive mind, measurement, counting, calculation, or experimentation with scales. When natural science asserts these limits from its own perspective, one must certainly agree with it—but only if it sticks to the assertion that: “With all that can be discovered by this method, which respects the usual limits of scientific knowledge, one cannot approach the human being.”
[ 11 ] Diese Erfahrung, meine sehr verehrten Anwesenden, macht man zunächst. Die Naturwissenschaft führt uns in wunderbarer Weise ein in die Reiche der äußeren Natur, insofern diese die rein naturgesetzlichen Wesenhaftigkeiten in sich tragen. Naturwissenschaft führt uns auch herauf bis zu demjenigen, was der Mensch von der äußeren Natur, von seiner Organisation in sich trägt, was er von dieser äußeren Natur aufnimmt. Nur, diese äußere Naturwissenschaft entfernt uns von dem Menschen. Sie lässt uns nicht an das wahre Wesen des Menschen herankommen.
[ 11 ] This is the first experience one has, ladies and gentlemen. Natural science introduces us in a marvelous way to the realms of external nature, insofar as these contain essences governed purely by natural laws. Natural science also leads us up to that which human beings carry within themselves from external nature—from its organization—and to what they absorb from this external nature. However, this external natural science distances us from the human being. It does not allow us to approach the true essence of the human being.
[ 12 ] Wie es sich mit dieser Sache verhält, darauf, meine sehr verehrten Anwesenden, kommt man erst, warum wir eigentlich naturwissenschaftliche Grenzen des Erkennens haben. Wie kommt es denn, dass wir da an gewisse Punkte kommen, über die wir nicht hinauskönnen mit dem naturwissenschaftlichen Erkennen?
[ 12 ] The nature of this matter, my esteemed audience, is what ultimately reveals why we actually have limits to scientific knowledge. How is it, then, that we reach certain points beyond which we cannot go with scientific knowledge?
[ 13 ] Nun, ich habe gestern, wie ich schon sagte, wahrscheinlich um den reinen Wissenschaftern ein leises Gruseln zu verursachen, darauf aufmerksam gemacht, dass eine Kraft der menschlichen Seele Erkenntniskraft werden kann, wenn man sie weiter und immer weiter in dem Sinne entwickelt, wie ich es gestern charakterisiert habe: Das ist die Kraft der menschlichen Liebe. Liebe, sie kann nämlich so entwickelt werden, dass sie sich anschließt an das naturwissenschaftliche Forschen. Was will denn das naturwissenschaftliche Forschen? Es will objektiv die Dinge und Vorgänge prüfen. Es will, dass der Mensch aus seiner Phantasie, aus seinen Vorurteilen nichts hinzusage zu den Wesenheiten der Natur, zu den Vorgängen der Natur, dass der Mensch ganz von sich absehen könne und die Dinge und Wesenheiten der Natur selbst sprechen lassen könne. Das ist das Ideal der Naturforschung.
[ 13 ] Well, as I mentioned yesterday—and probably to give the pure scientists a slight shudder—I pointed out that a power of the human soul can become a power of knowledge if it is developed further and further in the sense I described yesterday: This is the power of human love. Love, you see, can be developed in such a way that it complements scientific research. What, after all, is the aim of scientific research? It seeks to examine things and processes objectively. It seeks to ensure that human beings do not add anything from their imagination or their prejudices to the entities of nature or to the processes of nature; that human beings can set themselves entirely aside and allow the things and entities of nature to speak for themselves. That is the ideal of natural science.
[ 14 ] Der nächste Schritt kann nicht mehr theoretisch, nicht mehr durch Beobachtung gemacht werden; der nächste Schritt kann nur in einer noch größeren Selbstverleugnung gesehen werden. Man übt schon Selbstverleugnung, wenn man alle Vorurteile, alle subjektiven Wünsche, überhaupt alles Subjektive, beim Naturforschen ausschaltet. Geht man noch ein Stück weiter, dann kommt man eben zu der Liebe als einer Erkenntniskraft, wo man sich völlig aufgibt und ganz sich identifiziert mit den Dingen und Vorgängen, die man erforschen will. Dann treibt man, indem man die Liebe zur Erkenntniskraft macht, die Naturforschung ein wesentliches Stück ins Geistige hinein weiter.
[ 14 ] The next step can no longer be taken theoretically, nor through observation; the next step can only be seen in an even greater self-denial. One is already practicing self-denial when one sets aside all prejudices, all subjective desires—indeed, everything subjective—while studying nature. If one goes a step further, one arrives at love as a power of cognition, in which one completely surrenders oneself and fully identifies with the things and processes one wishes to investigate. Then, by making love a power of cognition, one advances the study of nature a significant step further into the spiritual realm.
[ 15 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, führt aber auch dazu, zu erkennen, dass alles Sprechen von der Grenze noch herrührt von einem letzten Rest des menschlichen Egoismus, ja vielleicht sogar von einem sehr versteckten menschlichen Egoismus. Der Mensch will nicht aus sich heraus. Er will sich selbst behaupten. Er will recht fest in seinem Ego stehen bleiben. Daher setzt er sich Grenzen der Erkenntnis, die er nicht überschreiten will dann; wenn er sagt: «Er will», muss er aus sich herausgehen, muss in die Welt hineingehen, muss die Liebe zur Erkenntniskraft machen.
[ 15 ] This, my esteemed audience, also leads us to recognize that all talk of boundaries still stems from a final remnant of human egoism—perhaps even from a very hidden form of human egoism. Human beings do not want to step outside themselves. They want to assert themselves. They want to remain firmly rooted in their ego. Therefore, they set limits on their knowledge that they do not wish to cross; when they say, “He wants,” they must step outside themselves, must enter the world, must make love the driving force of their power of knowledge.
[ 16 ] Alles Reden von Erkenntnisgrenzen im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts war nichts anderes als das unbemerkte Betonen: Wir wollen als Menschen auch erkennend egoistisch bleiben; wir wollen nicht aus uns herausgehen, wollen uns Grenzen setzen, die unser [Wesen] begrenzen, die wir nicht überschreiten wollen, in das Wesen der Dinge hinein.
[ 16 ] All the talk of the limits of knowledge throughout the nineteenth century was nothing more than an unnoticed assertion: As human beings, we want to remain self-centered in our understanding; we do not want to step outside ourselves; we want to set boundaries that limit our [nature], boundaries we do not wish to cross into the essence of things.
[ 17 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn einmal diese Erkenntnis mit rechter Empfindung, im tiefen Fühlen und mit den nötigen Willensimpulsen in der Menschheit auftaucht: Das Reden von Erkenntnisgrenzen ist der letzte Rest des menschlichen Egoismus, aber es ist die Geltendmachung eines recht versteckten Egoismus, dann wird eigentlich erst der große Impuls da sein, die Grenzen der Naturwissenschaft in Bezug auf das Geistige als nicht mehr unübersteiglich zu betrachten. Denn das Übersteigen dieser Grenzen bedeutet ja dann nichts anderes mehr als das Abwerfen der letzten unbemerkten und damit umso hartnäckiger verfochtenen, menschlichen egoistischen Kräfte.
[ 17 ] Well, my esteemed audience, once this insight emerges among humanity with the right sensibility, with deep feeling, and with the necessary impulses of the will: Talking about the limits of knowledge is the last remnant of human egoism—but it is the assertion of a well-hidden egoism—then, only then will the great impulse truly arise to no longer regard the limits of natural science in relation to the spiritual as insurmountable. For transcending these limits would then mean nothing other than casting off the last unnoticed—and therefore all the more tenaciously defended—forces of human egoism.
[ 18 ] Es ist also, ich möchte sagen ein wissenschaftlich-ethischer Zug, der auf der einen Seite da steht wie ein leuchtendes Ideal [der] Geistesforschung gegenüber der einen Klippe — der Naturwissenschaft. Und, ich möchte sagen: Versucherisch und verführerisch ist die andere — die mystische — Klippe, denn die ist wiederum verbunden mit demjenigen, was der Mensch ja braucht, um überhaupt im Leben als ein Eigenwesen dazustehen.
[ 18 ] So it is, I would say, a scientific-ethical trait that stands on one side like a shining ideal [of] spiritual research, set against one precipice—natural science. And, I would say, the other—the mystical—precipice is alluring and seductive, for it is, in turn, connected to what human beings need in order to stand as independent beings in life at all.
[ 19 ] Der Mensch braucht ja während seines Erdenlebens seine Erinnerung. Diese Erinnerung muss untertauchen in den physischen Organismus. Die Erinnerungsgedanken bedienen sich ja des physischen Organismus. Da fühlt sich der Mensch in seinem Eigenwesen. Und wenn er als Mystiker dann heraufzaubert die umgewandelte Erinnerungsvorstellung oder wenn er sich durch ein Medium heraufzaubern lässt die umgewandelte Erinnerungsvorstellung, dann verbindet er mit dem, was durch sein eigenes Wesen umgewandelt worden ist, eine solche innere Lust, eine solche innere Befriedigung, dass er gerne dabei stehen bleibt und gern sich der Illusion hingibt: Dasjenige, was ihn so aus der Tiefe des eigenen Wesens heraus — ich möchte fast sagen — wollüstig befriedigt, das muss auch zusammenhängen mit dem Wertvollsten in der Welt, das muss hindeuten auf dasjenige, wo der Mensch mit den ewigen Quellen des Daseins zusammenhängt.
[ 19 ] After all, human beings need their memory during their earthly life. This memory must become embedded in the physical organism. The thoughts of memory make use of the physical organism. That is where the human being feels at home in their own being. And when, as a mystic, they then conjure up the transformed memory image—or when they allow a medium to conjure up the transformed memory image for them—they associate with what has been transformed through their own being such inner delight, such inner satisfaction, that they are happy to linger there and gladly surrender to the illusion: That which satisfies him so deeply from the depths of his own being—I would almost say—with sensual delight must also be connected to what is most precious in the world; it must point to that which connects the human being to the eternal sources of existence.
[ 20 ] Sehen Sie — sehr verehrte Anwesende —, das sind die Gründe, aus denen die Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, wie ich sie vor Ihnen zu vertreten habe, weder bei der bloßen Naturforschung stehen bleiben kann noch in die Mystik verfallen darf; sondern diese Geistesforschung sieht ein, dass die bloße Naturforschung niemals an den Menschen herankommt. Die bloße Naturforschung erforscht die äußere, menschenlose, menschenleere Welt, kommt nur dazu, anzuerkennen: In dieser Welt der tierischen — der anorganischen, der pflanzlichen, der tierischen — Organisation ist der Mensch der Schlusspunkt — nicht ein Eigenwesen —, das höchstentwickelte Tier, der Schlusspunkt der außermenschlichen Entwicklung.
[ 20 ] You see—distinguished guests—these are the reasons why spiritual research, as it is understood here and as I am here to present it to you, can neither remain confined to mere natural science nor fall into mysticism; rather, this spiritual research recognizes that mere natural science can never come close to understanding the human being. Mere natural science investigates the external, humanless, desolate world and can only acknowledge that in this world of animal—inorganic, plant, and animal—organization, the human being is the culmination—not a distinct entity—but the most highly developed animal, the culmination of non-human evolution.
[ 21 ] Die Naturforschung kommt aus der Welt nicht heraus, nicht zum Menschen hin. Und die Mystik kommt in den Menschen hinein, aber sie kommt nicht wieder aus dem Menschen heraus; sie kommt nicht vom Menschen zur Welt; wie die Naturforschung nicht von der Welt zum Menschen kommt, kommt die Mystik nicht vom Menschen zur Welt!
[ 21 ] Natural science does not come out of the world toward humanity. And mysticism enters into humanity, but it does not come out of humanity again; it does not come from humanity to the world; just as natural science does not come from the world to humanity, so mysticism does not come from humanity to the world!
[ 22 ] Welterkenntnis und Menschenerkenntnis dadurch zu pflegen, dass man mit demjenigen, was man sich angeeignet hat als Seelenkultur und Seelendisziplin und wissenschaftliche Verantwortlichkeit, ringt mit den Grenzen der Naturwissenschaft auf der einen Seite und dann untertaucht, [auf der anderen Seite] wie der rechte Mystiker, aber jetzt nicht in träumerischer Weise in die eigene Erinnerung, sondern untertaucht mit klaren Begriffen, denen man sich hingibt — wie ich es gestern geschildert habe — in einem verstärkten und aktivierten Denken. Dadurch gelangt man zuerst zu einer Erkenntnis dessen, was ich gestern geschildert habe, nicht zunächst zu einer äußeren Welterkenntnis, nicht zu einer inneren Ergründung des eigenen Menschenwesens — insofern der physische Leib daran beteiligt ist, wie es bei der Mystik doch immer der Fall ist —, sondern man gelangt zu demjenigen Lebenstableau, wo man wie in einem einzigen Augenblick übersieht dasjenige, was in einem gewirkt hat als in einem Zeitleib, seitdem man heruntergestiegen ist von der geistigen Welt und mit einem physischen, irdischen Leib überkleidet worden ist; dasjenige, was da als menschliche Selbsterkenntnis auftritt, jenes gewaltige Lebenstableau, in dem man sieht, wie man im Verlaufe seines Erdenlebens aus seinen inneren Kräften, aus den Kräften der Sympathie und Antipathie zu diesem oder jenem Menschen den Weg gefunden hat, zu diesem oder jenem sonstigen Lebensereignis den Weg gefunden hat, in diesem Lebenstableau fühlt man sich zum ersten Mal aus seinem physischen Leib herausgehoben. Man erfasst den höheren Menschen, noch nicht den höchsten, aber den höheren Menschen, und man vergisst für die Augenblicke dieses Erkennens die physische Organisation, zu der man natürlich immer wieder und wiederum zurückkommen muss.
[ 22 ] To cultivate an understanding of the world and of humanity by grappling—with what one has acquired in terms of spiritual culture, spiritual discipline, and scientific responsibility—with the limits of natural science on the one hand, and then, [on the other hand], like the true mystic, but not in a dreamy way into one’s own memory, but rather immerses oneself with clear concepts to which one surrenders—as I described yesterday—in a heightened and activated state of thinking. Through this, one first arrives at an understanding of what I described yesterday—not initially at an external understanding of the world, nor at an inner exploration of one’s own human being—insofar as the physical body is involved, as is always the case in mysticism —but rather one arrives at that tableau of life where, as if in a single moment, one surveys all that has worked within one—as in a temporal body—since one descended from the spiritual world and was clothed in a physical, earthly body; that which appears there as human self-knowledge, that mighty tableau of life in which one sees how, in the course of one’s earthly life, one has found one’s way—out of one’s inner forces, out of the forces of sympathy and antipathy—to this or that person, to this or that other life event; in this tableau of life, one feels oneself lifted out of one’s physical body for the first time. One grasps the higher human being—not yet the highest, but the higher human being—and for the moments of this realization, one forgets the physical organism to which one must, of course, return again and again.
[ 23 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe gestern aber zu gleicher Zeit ausgeführt, dass man in der Lage ist, zu einer höheren Stufe des Erkennens aufzusteigen, dass man in der Lage ist, diese Selbsterkenntnis, dieses Lebenstableau auszutilgen.
[ 23 ] Well, my esteemed audience, I explained yesterday at the same time that one is capable of ascending to a higher level of awareness, that one is capable of erasing this self-awareness, this tableau of life.
[ 24 ] Dass man dann aber kommt zu der Erkenntnis desjenigen, was sich einem aus dem tiefen Schweigen der menschlichen Seele ergibt, wo alles zunächst ausgetilgt ist, auch dasjenige, was den irdischen Lebenslauf ausmacht. Dann aber, wenn man ein waches Bewusstsein mit dem inneren Schweigen der Seele behält, nachdem man getilgt hat nicht nur alles übrige Vorstellen, sondern den eigenen Seeleninhalt — wie ich es gestern ausgeführt habe —, dann gelangt man zu der Einsicht seines noch höheren Menschen: desjenigen Menschen, der man war, bevor man heruntergestiegen ist aus der geistig-seelischen Welt in die physische Erdenwelt. Man gelangt zu der Anschauung dessen, was man war in einer rein geistig-seelischen Welt unter geistig-seelischen Wesenheiten, unter denen man gelebt hat, bevor man das Erdendasein angetreten hat, wie man hier im Erdendasein unter Menschen und unter den anderen Wesenheiten der Naturreiche lebt.
[ 24 ] But then one comes to the realization of that which emerges from the deep silence of the human soul, where everything has first been erased—even that which constitutes the course of earthly life. But then, when one maintains an alert consciousness within the inner silence of the soul—after having erased not only all other thoughts but also the very content of one’s own soul, as I explained yesterday—one arrives at an insight into one’s even higher self: the human being one was before descending from the spiritual-soul world into the physical world of the Earth. One comes to a vision of what one was in a purely spiritual-soul world among spiritual-soul beings, among whom one lived before embarking on earthly existence, just as one lives here in earthly existence among human beings and among the other beings of the natural kingdoms.
[ 25 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, eine solche Erkenntnis, die füllt nicht nur die menschlichen Erkenntniskräfte aus, die füllt nicht nur den menschlichen Kopf aus. Ich habe gestern angedeutet, wie sie aus dem ganzen Menschen kommt. Daher dringt sie auch wiederum zu dem ganzen Menschen vor. Sie lehrt uns den Menschen in seiner Entwicklung kennen; sie gibt uns die Grundlage, um die Entwicklung des Menschen im Erdenleben in der richtigen Weise zu führen, an. Denn wir blicken, indem wir unser ganzes Seelenwesen durchdringen mit solcher Erkenntnis, wir blicken empor zu demjenigen im Menschen, was eingezogen ist in das Kind, also in dasjenige, das uns zunächst in seiner physischen Organisation erscheint, was eingezogen ist in diese physische Organisation des Kindes, eingezogen ist als ein seelisch-geistiges Wesen, das von den Eltern empfangen hat die irdische, physisch-leibliche Umkleidung.
[ 25 ] Well, my esteemed audience, such knowledge does not merely fill the human powers of cognition; it does not merely fill the human mind. Yesterday I hinted at how it arises from the whole human being. Therefore, it also penetrates back into the whole human being. It teaches us to understand the human being in his development; it provides us with the foundation for guiding the human being’s development in earthly life in the right way. For when we permeate our entire soul being with such insight, we look up to that which in the human being has entered into the child—that is, to that which first appears to us in its physical organization, which has entered into this physical organization of the child, having entered as a soul-spiritual being that has received from the parents its earthly, physical body.
[ 26 ] Wir stehen zum Beispiel als Erzieher dann vor dem sich entwickelnden Menschen mit dem Bewusstsein, dass in diesem sich entwickelnden Menschen dieses GeistigSeelische, das er war vor seinem Erdendasein, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr immer mehr und mehr im Physisch-Sinnlichen sich offenbart. Da lernt man auf eine neue Weise stehen vor dem sich entwickelnden Menschen.
[ 26 ] As educators, for example, we stand before the developing human being with the awareness that within this developing human being, the spiritual-soul aspect—which he was before his earthly existence—is revealed more and more in the physical-sensory realm from day to day, week to week, and year to year. This teaches us a new way of relating to the developing human being.
[ 27 ] Es ist ja in der Tat etwas Wunderbares, zu sehen, wie aus den unbestimmten Zügen des Kindes nach und nach immer bestimmtere werden, wie aus den chaotischen Bewegungen, die das Kind aus seinem innersten Wesen in die Welt hineinführt, immer bestimmtere und bestimmtere werden. Dem größten Weltenrätsel steht man gegenüber, wenn man das werdende Kind beobachtet. Und dieses Rätsel, es dämmert, es leuchtet allmählich auf, wenn man schaut, wie in dieser kindlich-physischen Organisation dasjenige, was heruntergestiegen ist aus geistig-seelischen Welten, immer mehr und mehr das Physische durchdringt, durchplastiziert, möchte ich sagen wie mit Moralischem, Hygienischem durchdringt. Man lernt in einer neuen Weise hinschauen auf die menschliche Entwicklung.
[ 27 ] It is indeed a marvelous thing to see how the child’s vague features gradually become more and more defined, and how the chaotic movements that the child directs out into the world from its innermost being become more and more purposeful. One is confronted with the greatest mystery of the universe when observing the developing child. And this mystery—it dawns on us, it gradually becomes clear—when we see how, within this childlike physical organization, that which has descended from the spiritual and soul worlds increasingly permeates the physical, shaping it—I would say, permeating it with moral and hygienic qualities. One learns to look at human development in a new way.
[ 28 ] Zu einem solchen Anschauen der menschlichen Entwicklung gehört — wenn ich mich so ausdrücken darf, meine sehr verehrten Anwesenden — vor allen Dingen jener innere Seelenmut, den die gewöhnliche Naturwissenschaft und auch die gewöhnliche Mystik nicht geben, den man aber entwickeln lernt, wenn man auf der einen Seite das aktivierte Denken entfaltet, wie ich es gestern geschildert habe, auf der andern Seite aber entfaltet das tiefe Schweigen der Seele. Und zuletzt die Liebe als eine Erkenntniskraft. Dann wird einem jener Mut, der einen den Menschen auch so beurteilen lässt, wie die Naturwissenschaft die äußeren Naturdinge beurteilt. Nur kommt etwas ganz anderes heraus durch eine solche, ich möchte sagen wahrhaft naturgemäße, weil die Grenzen der gewöhnlichen Naturwissenschaft überschreitende — wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf — naturwissenschaftliche Geistesforschung.
[ 28 ] Such a view of human development includes—if I may put it this way, my esteemed audience — above all, that inner courage of the soul which ordinary natural science and even ordinary mysticism do not provide, but which one learns to develop when, on the one hand, one cultivates active thinking, as I described yesterday, and, on the other hand, cultivates the deep silence of the soul. And finally, love as a power of knowledge. Then one acquires that courage which enables one to judge human beings in the same way that natural science judges external natural phenomena. Only the result is something entirely different through such—I would say truly natural, because it transcends the limits of conventional natural science—if I may use the paradox—scientific spiritual research.
[ 29 ] Da schauen wir das Kind an, erkennen ganz genau, wie sich bestimmte Lebensepochen im Kinde ergeben. Wir schauen hin, wie das Kind sich entwickelt bis zu dem bedeutsamen Lebensabschnitte des Zahnwechsels um das siebente Lebensjahr herum.
[ 29 ] There, we observe the child and recognize very clearly how certain stages of life unfold within the child. We observe how the child develops up to the significant stage of tooth replacement around the age of seven.
[ 30 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Mache man sich doch einmal klar, was mit dem Zahnwechsel eigentlich ganz Merkwürdiges nach der ersten Lebensepoche des Menschen auftritt. Denken Sie doch, der Zahnwechsel ist etwas Abschließendes. Der Mensch, indem er die zweiten Zähne bekommt, sprosst und sprießt Kräfte aus seinem Inneren heraus, die ihm die zweiten Zähne geben, die mit seinen zweiten Zähnen zum Schlusspunkt kommen. Denn der Mensch macht keinen weiteren Zahnwechsel mehr durch. Es ist ein letztes Ereignis in seiner Art. Man muss auf solche Dinge nur in der richtigen Weise hinschauen.
[ 30 ] Ladies and gentlemen! Let us take a moment to consider the truly remarkable process that occurs with the change of teeth after the first stage of human life. Consider this: the process of tooth replacement is something conclusive. As a person receives their permanent teeth, forces spring forth from within them—forces that give rise to these permanent teeth and reach their culmination with them. For a person undergoes no further tooth replacement. It is a final event of its kind. One simply has to look at such things in the right way.
[ 31 ] Und man muss sich auf der anderen Seite klar sein: Dasjenige, was da in den Zähnen heraustreibt und heraussprosst, das ist doch im ganzen menschlichen Organismus drinnen begründet. Das sind Kräfte, Impulse, welche in den ersten sieben Lebensjahren den ganzen Menschen durchweben und durchleben. Als Äußeres, als Symptom steht der Zahnwechsel da. Aber der ganze menschliche Organismus, das ganze Menschenwesen schließt mit diesem Ereignis des Zahnwechsels etwas ab. Was wird da abgeschlossen? Aus einer solchen Welt- und Menschenerkenntnis, wie ich sie gestern und heute geschildert habe, bekommt man eben den Mut, nun in der rechten Weise zu erforschen diese Dinge. Da sagt man sich das Folgende: Ja, aber es ändert sich doch auch mit diesem Zahnwechsel ein Ungeheures in Bezug auf das menschliche Seelenwesen.
[ 31 ] And on the other hand, we must be clear about this: What pushes its way out and sprouts from the teeth is, after all, rooted within the entire human organism. These are forces and impulses that permeate and animate the whole person during the first seven years of life. The change of teeth appears as an external manifestation, as a symptom. But the entire human organism, the whole human being, brings something to a close with this event of the change of teeth. What is being brought to a close? From such an understanding of the world and of human beings, as I have described yesterday and today, one gains the courage to now explore these things in the right way. One then says to oneself the following: Yes, but with this change of teeth, something immense also changes in relation to the human soul.
[ 32 ] So tritt immer mehr und mehr — derjenige, der das beobachten gelernt hat, der kann es eben schauen —, es tritt, indem der Zahnwechsel um das siebente Jahr herum eintritt, immer mehr und mehr dasjenige auf, was man erst wirklich Gedächtnis, Erinnerung nennen kann. Nun wird gleich wieder jemand kommen, der ganz gescheit geworden ist aus der modernen Psychologie und wird sagen: Ja, aber wir wissen doch, dass das Kind sein Gedächtnis, seine Erinnerung auch vor dem siebten Jahre hat, dass da gerade die Erinnerung eine besonders stark ausgebildete ist. Das scheint zunächst richtig zu sein. Aber derjenige, der dieses behauptet, stützt sich doch nur auf Dinge, die er eigentlich nicht in Wirklichkeit versteht, denn in Wahrheit wird um das siebente Jahr herum aus demjenigen, was wir schon früher Gedächtnis nennen, etwas ganz anderes, was wir dann erst Gedächtnis nennen sollten nach dem siebenten Lebensjahre.
[ 32 ] Thus, more and more—those who have learned to observe this can indeed see it—as the change of teeth occurs around the age of seven, what can truly be called memory begins to emerge more and more. Now, someone will surely come along—someone who has become quite knowledgeable through modern psychology—and say: “Yes, but we know that the child has memory and recollection even before the age of seven, and that this is precisely when recollection is particularly well developed.” At first glance, this seems correct. But anyone who makes this claim is relying solely on things they do not actually understand, for in truth, around the age of seven, what we previously called “memory” transforms into something entirely different—something we should only call “memory” after the age of seven.
[ 33 ] Denn, was ist das beim Kinde bis zum siebenten Jahre? Es ist ein gewohnheitsmäßiges Verrichten derselben Seelenvorgänge, die es sich eingeübt hat, die es nachahmend einübt von seiner Umgebung heraus. Dass beim Kinde eine ständige Vorstellung immer wieder eintritt, das hat denselben Grund wie, dass eine bestimmte, eingeübte Handbewegung aus Gewohnheit immer wieder und wieder ausgeführt wird.
[ 33 ] For what is this in a child up to the age of seven? It is the habitual performance of the same mental processes that the child has practiced, which it learns by imitation from its surroundings. The fact that a particular thought recurs constantly in a child’s mind has the same cause as a specific, practiced hand movement being performed over and over again out of habit.
[ 34 ] Alles, meine sehr verehrten Anwesenden, was wir als Gedächtnis ansprechen bis zum siebenten Jahr, ist nicht in Wirklichkeit Gedächtnis, sondern sind Seelengewohnheiten. Mit dem siebenten Jahre verfeinern sich diese Gewohnheiten, diese Seelengewohnheiten, und es wird dasjenige, was wir im eigentlichen Sinne Gedächtnis nennen, vorstellungsgemäßes, inneres Sich-Bewegen über die Lebenserscheinungen hin. Das erst, was da noch ganz an den Organismus gebunden war, als Gewohnheiten der Seele fungierte mit dem Organismus zusammen, das löst sich mit dem siebenten Jahr ab und wird erst geistigseelisch.
[ 34 ] Everything, my esteemed audience, that we refer to as “memory” up to the age of seven is not, in reality, memory, but rather habits of the soul. By the age of seven, these habits—these habits of the soul—become more refined, and what we call memory in the true sense of the word emerges: an imaginative, inner movement through the phenomena of life. That which was still entirely bound to the organism—and functioned in conjunction with the organism as habits of the soul—separates from it at the age of seven and becomes spiritual-soul-related for the first time.
[ 35 ] Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, da ergibt sich uns die Möglichkeit nun zu sagen: Ja, was lebte denn in der ersten Lebensepoche bis zum Zahnwechsel hin in dem Kinde, indem das Kind zum Beispiel das Hirn am meisten plastisch ausbildet bis zum siebenten Jahre, — dann ist es eigentlich schon im Wesentlichen seinen inneren Forderungen nach ausgebildet —, was lebt denn da im Körper unten? Das, meine sehr verehrten Anwesenden, lebt unten im Körper, was später sich vom Körper emanzipiert und selbstständige seelische Vorstellungskraft, Erinnerungskraft wird.
[ 35 ] You see, ladies and gentlemen, this gives us the opportunity to say: Yes, what was alive in the child during the first stage of life, up to the time of the first set of teeth—when, for example, the child’s brain develops most plastically up to the age of seven—after which it is essentially already developed in accordance with its inner needs—what, then, is alive down there in the body? That, my esteemed audience, is what lives down in the body—that which later emancipates itself from the body and becomes an independent power of imagination and memory.
[ 36 ] Wir haben bei der äußeren Naturwissenschaft heute den Mut, davon zu sprechen: Bei gewissen Vorgängen in den Körpern bleibt Wärme verborgen — latente Wärme, sagen wir —, denn durch gewisse Vorgänge wird diese Wärme frei. Wir können sie mit dem Thermometer messen. Wir reden ja von gebundener und freier Wärme. Gebundene Wärme können wir nicht mit dem Thermometer messen; freie Wärme können wir mit dem Thermometer messen. Der Physiker hat für die äußeren Vorgänge diesen Mut des Erforschens. Der Geistesforscher muss ihn bekommen und er muss ihn für die Praxis des Lebens anwendbar machen.
[ 36 ] In modern physical science, we have the courage to say this: In certain processes within bodies, heat remains hidden—what we call latent heat—because this heat is released through certain processes. We can measure it with a thermometer. We speak, after all, of bound and free heat. We cannot measure bound heat with a thermometer; we can measure free heat with a thermometer. The physicist has this courage to explore external processes. The spiritual researcher must acquire it and make it applicable to the practice of life.
[ 37 ] Dasjenige, was wir im Kinde vom siebenten Jahre ab, von dem Jahre ab eben, wo wir es gerade in die Volksschule hineinbekommen, immer seelischer und seelischer, selbstständig seelischer werden sehen, das war in den ersten sieben Lebensjahren noch nicht so selbstständig. Es lebte als Wachstumskräfte im physischen Körper drinnen. Es lebte als formende, plastische Kräfte im physischen Körper drinnen und hört auf, als Ganzes, im physischen Leibe zu leben, wenn der Zahnwechsel eintritt.
[ 37 ] What we will see in the child from the age of seven onward—precisely the year we first enroll them in elementary school—becoming increasingly spiritual and increasingly independent in its spirituality, was not yet so independent during the first seven years of life. It existed as growth forces within the physical body. It existed as formative, plastic forces within the physical body and, as a whole, ceases to exist within the physical body when the teeth begin to change.
[ 38 ] Sehen Sie — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn man einmal aufmerksam wird auf einen so wichtigen Übergang, auf eine so bedeutsame Metamorphose im menschlichen Erleben, dann geht man auch weiter. Dann schaut man sich an, wie das Kind ist bis zu diesem Zahnwechsel. Und dann entdeckt man in diesem Kinde etwas höchst Merkwürdiges. Man entdeckt, wie das Kind eigentlich bis zu diesem Zahnwechsel, ich möchte sagen ganz Sinnesorgan ist. Es ist ganz hingegeben an die Umgebung, das Kind!
[ 38 ] You see—my esteemed audience—once one becomes aware of such an important transition, of such a significant metamorphosis in human experience, one naturally goes further. Then one observes what the child is like up until this change of teeth. And then one discovers something most remarkable in this child. One discovers how, up until this change of teeth, the child is, I would say, entirely a sensory organ. The child is completely attuned to its surroundings!
[ 39 ] Und wenn wir es mit etwas vergleichen wollen, was da in dieser kindlichen Organisation der ersten Lebensepoche vorhanden ist, dann müssen wir zum Beispiel auf das menschliche Auge oder das menschliche Ohr deuten, — kurz, auf ein Sinnesorgan. Das Kind ist nämlich ganz Auge, ganz Ohr, in einer seelisch-geistigeren Art nur! So wie das Auge einfach dasjenige, was in seiner Umgebung auf es wirkt, aufnimmt und innerlich nachahmt, so nimmt das Kind jede Geste, jedes Wort, alles dasjenige, was seine Umgebung geschehen lässt, nimmt das Kind in sich auf, wie ein ganzes Sinnesorgan, und ahmt es in sich nach. Daher geht dasjenige, was in der Umgebung des Kindes lebt, in den ersten sieben Jahren in die ganze physische Organisation des Kindes hinein. Seelisch-geistig nimmt das Kind alles auf, in die physische Organisation geht es hinein.
[ 39 ] And if we want to compare it to something that exists in this childlike organization of the first stage of life, then we must point, for example, to the human eye or the human ear—in short, to a sensory organ. For the child is, in fact, all eye, all ear—only in a more soul-spiritual way! Just as the eye simply takes in what acts upon it from its surroundings and imitates it inwardly, so the child takes in every gesture, every word, everything that happens in its surroundings—the child takes it all in, like a complete sensory organ, and imitates it within itself. Therefore, during the first seven years, everything that is alive in the child’s environment permeates the child’s entire physical constitution. The child takes everything in on a soul-spiritual level, and it permeates the physical constitution.
[ 40 ] Stellen wir uns vor: Neben dem Kinde lebt ein jähzorniger Vater. Derjenige, der diese Dinge beobachten kann, der kann schauen, wie dieser jähzornige Vater, der neben dem Kinde lebt, nicht nur so aufgefasst wird von dem Kinde, dass das Kind die Geste des Jähzornes sieht, dass es irgendwie antipathisch berührt wird von alldem, was aus dem Jähzorn herauskommt, sondern die moralische Qualität des Jähzornes, dasjenige, was der Jähzorn moralisch als Wert in sich trägt, das fühlt das Kind! Das Kind empfindet die moralischen Qualitäten seiner Umgebung, mit den Gesten, mit demjenigen, was es innerlich erlebt und nachahmt.
[ 40 ] Let’s imagine: A quick-tempered father lives alongside the child. Anyone who can observe these things can see how this quick-tempered father, who lives alongside the child, is not only perceived by the child in such a way that the child sees the gesture of the outburst and is somehow repelled by everything that comes from it, but the child also senses the moral quality of the outburst—that which the outburst carries within itself as a moral value! The child senses the moral qualities of its surroundings—through gestures, through what it experiences internally and imitates.
[ 41 ] Das allerdings macht uns dann aufmerksam, wie wir hinzuschauen haben darauf, wie das Kind wirklich auch das Moralische, das Gedankliche seiner Umgebung miterlebt. Wir sollten uns klar sein darüber, welche imponderablen Kräfte sich da entfalten, dass wir uns gar nicht einmal gestatten sollten, unreine oder unmoralische Gedanken in der Nähe des Kindes zu haben. Denn an den feinsten Gesten, an dem Augenzwinkern, an der Betonung des Wortes, an unzähligen Einzelheiten, von denen wir uns mit unserem groben Erwachsenenintellekt gar keinen Begriff machen, nimmt das Kind wahr gerade dasjenige, was wirkt, gerade in den ersten sieben Jahren, und trägt es hinunter in seine physische Organisation.
[ 41 ] This, however, draws our attention to the need to observe how the child truly experiences the moral and intellectual aspects of its surroundings. We should be fully aware of the intangible forces at work here, to the extent that we should not even allow ourselves to have impure or immoral thoughts in the child’s presence. For it is through the subtlest gestures, a twinkle of the eye, the emphasis on a word, and countless other details—of which we, with our coarse adult intellect, have no concept at all—that the child perceives precisely what has an effect, especially during the first seven years, and carries it down into its physical constitution.
[ 42 ] Dasjenige, was aus dem Jähzorn des Vaters, aus der Nachlässigkeit der Mutter wächst, das wird nicht etwa bloß irgendeine seelische Qualität im Kinde, das wird im Kinde Dichtigkeit der Gefäßwände, Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit der Blutzirkulation, in der Atmung, in den feinsten Verzweigungen, in den feinsten Betätigungen. Dasjenige, was das Kind in den ersten sieben Lebensjahren nachahmend aus der Umgebung sich erwirbt, geht eben in den physischen Organismus hinein, in dem selbst das Gedächtnis erst eine Gewohnheit ist, das an den physischen Organismus mitgebunden ist. Das Geistig-Seelische emanzipiert sich mit dem Zahnwechsel. Und indem wir das Kind zur Schule hereinbekommen, da geht dieses ganze Leben des Kindes, wie ich es geschildert habe, in eine andere Metamorphose über.
[ 42 ] What grows out of the father’s irascibility, out of the mother’s negligence, does not merely become some psychological quality in the child; rather, it becomes, within the child, the density of the vessel walls, the efficiency or inefficiency of blood circulation, in respiration, in the finest ramifications, and in the finest functions. What the child acquires through imitation from its surroundings during the first seven years of life enters directly into the physical organism—an organism in which even memory is initially merely a habit bound up with the physical organism itself. The spiritual-soul aspect becomes emancipated with the change of teeth. And as we bring the child into school, this entire life of the child, as I have described it, undergoes another metamorphosis.
[ 43 ] In den ersten Lebensjahren ist das Kind ganz Sinnesorgan. Da nimmt es aufmerksam dasjenige auf, was in der Umgebung wirkt, wirkt in Gesten oder in diesen oder jenen Handlungen. Das Kind ist an die Handlungen seiner Umgebung, aber nicht nur sinnesgemäß, sondern moralisch hingegeben! Mit dem Zahnwechsel aber beginnt das Kind immer mehr und mehr, an dasjenige hingegeben zu sein, was jetzt nicht mehr Geste, Handlung allein ist, sondern was in der Geste, in der Handlung sich gesprächsgemäß offenbart.
[ 43 ] In the first years of life, the child is entirely a sensory being. The child attentively takes in what is happening in the environment and responds through gestures or various actions. The child is devoted to the actions of its surroundings—not merely in a sensory sense, but also in a moral sense! With the change of teeth, however, the child begins more and more to be devoted to that which is no longer merely a gesture or an action, but rather what is revealed in the gesture or action through speech.
[ 44 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Fassen wir die Sprache nicht nur auf — obwohl das die hauptsächlichste Sprache ist — in demjenigen, was wir mit Worten, durch die Lautsprache äußerlich offenbaren, sondern fassen wir als Sprache auf alles dasjenige, wie wir uns im Leben verhalten — indem dasjenige, was wir tun, Ausdruck wird für unsern Menschencharakter —, fassen wir alles dasjenige, was der Mensch als sein eigenes Wesen offenbart, wie er es durch die Sprache offenbart, fassen wir das auf, so müssen wir sagen, dass das Kind von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife für diesen sprachlichen Ausdruck des andern Menschen, namentlich des erzieherischen Menschen, des Unterrichtenden, empfänglich wird. Ein nachahmendes Wesen in der geschilderten Art ist das Kind bis zum Zahnwechsel; ein Wesen, das ganz und gar unter der selbstverständlichen Autorität desjenigen lebt, der in seiner Umgebung sich ihm gegenüber sprachlich äußert, wird das Kind vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife.
[ 44 ] Ladies and gentlemen! Let us not understand language solely—although that is the primary form of language—as what we outwardly express through words and spoken language, but let us understand as language everything that constitutes our behavior in life—in that what we do becomes an expression of our human character— if we consider everything that a person reveals as their own essence—just as they reveal it through language—then we must say that from the time their baby teeth fall out until they reach sexual maturity, a child becomes receptive to this linguistic expression of other people, namely those who educate and instruct them. Until the change of teeth, the child is an imitative being in the manner described; from the change of teeth until sexual maturity, the child becomes a being who lives entirely under the self-evident authority of those in their environment who express themselves to the child through language.
[ 45 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Sie werden demjenigen, der vor dreißig Jahren die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat und jetzt vor Ihnen spricht, nicht zumuten, dass er in irgendeiner unberechtigten Weise ein reaktionär-passives Gelüste vor Ihnen entwickeln will, dass er daher von Autorität sprechen will in einer unberechtigten Weise. Aber gerade derjenige, der so die Freiheit im menschlichem Leben vertreten wissen will, wie ich das versucht habe darzustellen in meiner «Philosophie der Freiheit» bereits im Beginn der Neunzigerjahre, der weiß, dass dieses rechte Gefühl der Freiheit, das rechte Erlebnis der Freiheit den Menschen nur kommen kann, wenn zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife die selbstverständliche Autorität gegenüber Lehrern und Erziehern im Kinde vorhanden ist.
[ 45 ] Ladies and gentlemen! You will not expect the man who wrote *The Philosophy of Freedom* thirty years ago and is now speaking before you to seek to instill in you, in any unwarranted way, a reactionary, passive desire, or to speak of authority in an unwarranted manner. But precisely the person who wishes to see freedom represented in human life in the way I attempted to portray in my *Philosophy of Freedom* as early as the beginning of the 1890s knows that this true sense of freedom, this true experience of freedom, can come to a person only if, between the time of losing their baby teeth and reaching sexual maturity, the child possesses a natural sense of authority toward teachers and educators.
[ 46 ] Man weiß gar nicht heute in der richtigen Weise zu schätzen, was es bedeutet für das ganze spätere Leben, wenn man in tiefer Ehrfurcht aufgeschaut hat gegen dasjenige, was einem in der Person eines Erziehers gegeben war an Wahrheit, Schönheit, Güte. Zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr ungefähr ist der Mensch nicht so organisiert, dass ihm das Wahre, Schöne, Gute an sich erscheinen kann. Da ist der Mensch so organisiert, dass es ihm eben durch den erwachsenen Menschen erscheinen muss, das Wahre, das Gute und Schöne!
[ 46 ] Today, people do not truly appreciate what it means for one’s entire future life to have looked up with deep reverence to the truth, beauty, and goodness that were bestowed upon them through the person of a teacher. Between the ages of about seven and fourteen, a person is not yet developed enough to perceive truth, beauty, and goodness in and of themselves. At that stage, a person is developed in such a way that truth, goodness, and beauty must be revealed to them through an adult!
[ 47 ] Man hat viel im späteren Leben, wenn man einer selbstverständlichen Autorität in diesem Lebensalter gegenübergestanden hat, wie selbstverständlich gesagt hat: Etwas ist wahr, weil diese Autorität es als wahr anerkennt; etwas ist gut, weil diese Autorität es als gut anerkennt und darlebt; etwas ist schön, weil diese Autorität es schön findet! Die Welt muss durch das Medium des Menschen an das Kind herankommen.
[ 47 ] One gains a great deal later in life if, at this age, one has challenged an authority taken for granted, and has stated as a matter of course: Something is true because this authority recognizes it as true; something is good because this authority recognizes it as good and lives by it; something is beautiful because this authority finds it beautiful! The world must reach the child through the medium of the human being.
[ 48 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! So lernt man allmählich hinschauen auf den Menschen im Erdenleben, wenn man sich bewusst wird durch die Forschungsmethode, wie ich sie gestern geschildert habe — wie ich sie heute nur noch andeuten konnte —, wenn man sich bewusst wird, dass gelebt hat ein geistig-seelisches Wesen vom Menschen, bevor er Erdenmensch durch die Empfängnis geworden ist. Wir alle waren ein geistig-seelisches Wesen unter anderen geistig-seelischen Wesenheiten, bevor wir heruntergestiegen sind ins Erdenleben. Schauen wir einmal im sich entwickelnden Erdenmenschen in der richtigen Weise dasjenige, was vorgeburtliches, vorirdisches Dasein war, so stehen wir auch, ich möchte sagen mit der richtigen Pietät, aber auch mit der richtigen Verehrung gegenüber demjenigen, was sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche in dem werdenden Menschen, in dem Kinde, so wunderbar und so rätselhaft enthüllt und entwickelt und offenbart.
[ 48 ] Ladies and gentlemen! This is how we gradually learn to look at human beings in their earthly lives—when we become aware, through the method of research as I described it yesterday—as I could only hint at today—that a spiritual-soul being lived as a human being before becoming an earthly human through conception. We were all spiritual-soul beings among other spiritual-soul beings before we descended into earthly life. If we look in the right way at the developing human being on Earth to see what that prenatal, pre-earthly existence was, then we also stand—I would say with the proper reverence, but also with the proper admiration—toward that which, day by day, week by week, is so wonderfully and so mysteriously revealed, developed, and manifested in the developing human being, in the child.
[ 49 ] Dann aber schaut man auch auf dasjenige, was sich einem dann ergibt als einen Zusammenhang zwischen dem geistig-übersinnlichen Leben des Menschen und dem physisch-sinnlichen Leben. Man sieht das Kind, wie es, hingegeben an die Umgebung, nachahmt diese Umgebung. Und nun erinnert man sich daran, dass man die höchste Form des geistigen Daseins, die der Mensch erringen kann durch die liebevolle Hingabe, durch die Entwicklung der Liebe als Erkenntniskraft, nur erreichen kann, weil der Mensch, indem er vor seinem irdischen Dasein und indem er nach seinem Tode in einer geistigseelischen Welt ist, weiß, wie er hier auf der Erde egoistisch ist, so muss er dann hingegeben sein an die anderen geistigen Wesenheiten.
[ 49 ] But then one also looks at what emerges as a connection between the spiritual-supersensory life of the human being and the physical-sensory life. One sees the child, surrendered to its surroundings, imitating those surroundings. And now one recalls that the highest form of spiritual existence that a human being can attain—through loving devotion, through the development of love as a power of knowledge— only because the human being—having been in a spiritual-soul world before their earthly existence and after their death—knows how selfish they are here on Earth; thus, they must then be devoted to the other spiritual beings.
[ 50 ] Durchschaut man das, wie da der Mensch hingegeben ist an die geistig-seelische Welt im übersinnlichen Dasein, so begreift man, wie der Mensch sich mitgebracht hat in das kindliche Dasein, bevor er dieses umändert im Zahnwechsel oder in der Geschlechtsreife, wo er immer egoistischer und egoistischer wird, wie er da physisch nachlebt dasjenige, was er im vorirdischen Dasein war. Und man lernt in der richtigen Weise jetzt auf das Kind hinschauen: Wie lebt eigentlich das Kind in der Welt? Wenn es auch paradox klingt, man darf sagen: Das Kind lebt ganz hingegeben an seine Umgebung! Das aber ist das religiöse Gefühl. Das heißt: Das Kind lebt, ich möchte sagen leiblich-religiös; durch seine Natur, durch das Elementarische seiner Organisation ist das Kind an seine Umgebung leiblich-religiös hingegeben. Das ist bis zum Zahnwechsel; da ist das Kind ganz in einer religiösen Hingabe in seiner physischen Organisation, in einer religiösen Hingabe an seine Umgebung. Sehen Sie, die wird geistig-seelisch im zweiten Lebensalter zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife.
[ 50 ] When one sees how deeply the human being is immersed in the spiritual-soul world in the supersensible realm, one comes to understand how the human being has brought with them into childhood what they were in their pre-earthly existence—before this changes during the loss of baby teeth or sexual maturation, when they become increasingly selfish—and how they physically re-enact in this life what they were in that pre-earthly existence. And one learns to look at the child in the right way: How does the child actually live in the world? Although it may sound paradoxical, one may say: The child lives in complete devotion to its surroundings! But that is the religious feeling. That is to say: The child lives—I would say—in a physical-religious way; through its nature, through the elemental nature of its constitution, the child is physically and religiously devoted to its surroundings. This continues until the child’s teeth begin to fall out; up to that point, the child is completely immersed in a religious devotion within its physical constitution—a religious devotion to its surroundings. You see, this devotion becomes spiritual and psychological in the second stage of life, between the loss of baby teeth and sexual maturity.
[ 51 ] Da müssen wir uns klar sein, dass dasjenige, was selbstverständlich, möchte ich sagen — wenn ich das Paradoxon gebrauchen darf — leiblich-religiöse Unorganisation war, das müssen wir nun als Lehrer und Erzieher hereinbringen ins Geistig-Seelische. Das erziehen wir, wenn wir selber dastehen als die selbstverständliche Autorität für Wahrheit, Schönheit, Güte vor dem Kinde. Dann bringen wir allmählich es dahin, dass dasjenige, was zuerst im Leibe unten bei dem Kinde war, bis zum Zahnwechsel, heraufwirkt in das Geistig-Seelische. Dann wird es, indem das Kind geschlechtsreif wird, ganz Geist. Es tritt uns entgegen als dasjenige, was wir im sozialen Menschenleben Religion nennen.
[ 51 ] We must be clear that what was, I would say—if I may use this paradox—a state of physical-religious disorganization, we must now, as teachers and educators, bring into the spiritual-soul realm. We foster this when we ourselves stand before the child as the self-evident authority for truth, beauty, and goodness. Then we gradually bring about a process whereby what was initially in the lower physical body of the child—up until the change of teeth—works its way up into the spiritual-soul realm. Then, as the child reaches sexual maturity, it becomes entirely spirit. It presents itself to us as that which we call religion in social human life.
[ 52 ] Wie begründen wir diese Religion im sozialen Leben am besten, wenn wir so die Erziehung des Menschen durchschauen? Wir begründen sie am besten, wenn wir das Kind in der richtigen Weise von den ersten Lebensjahren bis zum Zahnwechsel das Richtige nachahmen lassen, wenn wir ihm nicht Gebote geben wollen, sondern wenn wir vor ihm stehen so, dass es bis zum Zahnwechsel uns nachahmen, nach dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife uns als das Vorbild für Wahrheit, Schönheit, Güte betrachten kann. Dann entwickelt das Kind in voller Freiheit den religiösen Menschen, indem aus dem Seelischen das Geistige erwacht mit der Geschlechtsreife, wie aus dem Physischen das Seelische erwacht mit dem Zahnwechsel. So lernen wir allmählich durchschauen, wie der Mensch sich entwickelt, und lernen auch handhaben solche Menschheitsentwicklung als erzieherisches, als pädagogisches Prinzip.
[ 52 ] How can we best ground this religion in social life, given our understanding of human upbringing? We ground it best when we allow the child, from the earliest years of life until the change of teeth, to imitate what is right in the proper way; when we do not seek to give the child commandments, but rather stand before the child in such a way that, until the change of teeth, the child can imitate us, and after the change of teeth, until sexual maturity, the child can regard us as the model of truth, beauty, and goodness. Then, in complete freedom, the child develops into a religious human being, as the spiritual awakens from the soul with sexual maturity, just as the soul awakens from the physical with the change of teeth. In this way, we gradually learn to understand how the human being develops, and we also learn to apply such human development as an educational, pedagogical principle.
[ 53 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Geistesforschung, wie sie hier geschildert wird, ist nicht eine Theorie, das überlässt sie der bloßen Naturwissenschaft, das überlässt sie denjenigen, die heute aus ganz begreiflichen Untergründen heraus Gegner der Geisteswissenschaft sind, die sich für praktische Leute halten. Ihre Gründe kennt man ganz gut. Denn der Geistesforscher macht sich zuerst mit demjenigen bekannt, was die Gegner sagen können. Erst wenn er das hinlänglich gut kennengelernt hat, dann fühlt er die volle Verantwortlichkeit, das zu vertreten, was aus dem Boden der Geistesforschung selbst herauswächst.
[ 53 ] Ladies and gentlemen! Spiritual research, as described here, is not a theory; it leaves that to the natural sciences alone, and to those who, for quite understandable reasons, are opponents of spiritual science today and consider themselves practical people. Their reasons are well known. For the spiritual researcher first familiarizes himself with what the opponents might say. Only when he has become sufficiently acquainted with this does he feel the full responsibility to advocate for what grows out of the very foundation of spiritual research itself.
[ 54 ] Geistesforschung will durchaus praktisch sein, will das volle Leben in die Praxis einführen. Aber dem vollen Leben gegenüber sind ja gerade die Menschen, die sich heute ganz besonders im materialistischen Sinne gescheit dünken, die sind ja so ungefähr wie der Bauer, der ein hufeisenförmiges Eisenstück findet. Da sagt einer zu ihm: «Ja, sieh mal, das ist ein Magnet, das zieht ein anderes Eisen an, das kann man sehr gut verwenden zu allerlei wichtigen Dingen!» «Ach was», sagt der Bauer, «Magnet? Ich sehe nichts von einem Magneten, ich beschlage damit mein Pferd!» So kommen einem ähnlich die theoretischen Materialisten vor, die nichts von Geistesforschung wissen wollen. Die sehen alles für ein Hufeisen an, weil sie vom Magneten nichts sehen! Das Übersinnliche ist nur für diejenigen verborgen, die eben nur das äußerlich Materialistische sehen wollen. Will man wirklich praktisch sein, will man die Kräfte der Welt in der richtigen Weise im Kultur- und Zivilisationsfortschritt gebrauchen, dann muss man in der angedeuteten Weise wirklich hineinleuchten können in das PhysischMaterielle.
[ 54 ] Spiritual research certainly aims to be practical; it seeks to bring the fullness of life into practice. But when it comes to the fullness of life, it is precisely those people who today consider themselves particularly clever in a materialistic sense—they are much like the farmer who finds a horseshoe-shaped piece of iron. Someone says to him, “Look, that’s a magnet—it attracts other pieces of iron, and you can use it very well for all sorts of important things!” “Oh, come on,” says the farmer, “a magnet? I don’t see anything that looks like a magnet—I’ll just use it to shoe my horse!” That’s how the theoretical materialists who want nothing to do with spiritual research strike one. They regard everything as a horseshoe because they see nothing of the magnet! The supersensible is hidden only from those who wish to see only the outwardly material. If one truly wants to be practical, if one wants to use the forces of the world in the right way for the advancement of culture and civilization, then one must be able to truly shine a light into the physical-material realm in the manner described.
[ 55 ] Deshalb blieb auch die Geistesforschung, ich möchte sagen durch ihr Schicksal, nicht in der Theorie stecken. Wir konnten durch die Kräfte, die entwickelt worden sind aus dem sozialen Denken heraus durch Emil Molt in Stuttgart — wir konnten die Waldorfschule in Stuttgart begründen, in der wirklich gezeigt wird, wie aus dem Bewusstsein heraus der vollen, geistig-moralisch-religiösen Menschennatur eine pädagogische Praxis entwickelt werden kann, die mit der Entwicklung des Menschen als einer allseitigen wirklich rechnet.
[ 55 ] That is why spiritual research—I would say, by its very nature—did not remain stuck in theory. Through the forces developed from social thinking by Emil Molt in Stuttgart—we were able to found the Waldorf School in Stuttgart, where it is truly demonstrated how, out of an awareness of the full spiritual, moral, and religious nature of the human being, an educational practice can be developed that genuinely takes into account the development of the human being in all respects.
[ 56 ] Diese Waldorfschule, sie ist mit etwa 150 Kindern vor etwas mehr als drei Jahren begründet worden. Sie hat heute reichlich mehr als 700 Kinder in sechs Klassen, und die meisten Klassen müssen wir in Parallelklassen führen. Und es wird da versucht von einer Lehrerschaft — die nun schon auf viele Lehrer und Lehrerinnen angewachsen ist —, die menschliche Erkenntnis allseitig auf Grundlage der menschlichen Entwicklung und desjenigen, was auf Grundlage dieser Entwicklungs-, Erkenntnis- und Erziehungsmaximen sein [muss], — den Menschen zu erziehen, sodass der Mensch dann aus der vollen Menschlichkeit heraus in das praktische Leben hineinwachsen kann.
[ 56 ] This Waldorf school was founded a little over three years ago with about 150 children. Today it has well over 700 children in six classes, and we have to run most of the classes as parallel classes. And the teaching staff—which has now grown to include many teachers—is striving to educate students in all aspects of human understanding, based on human development and on what must be grounded in these principles of development, understanding, and education, so that each person can then grow into practical life from a place of full humanity.
[ 57 ] Denn die Geisteswissenschaft, die hier vertreten wird — ich sagte schon gestern von ihr —, sie wächst aus der vollen Menschennatur heraus, und daher will sie auch nicht bei Schilderungen von Theoretischem stehen bleiben, sondern unmittelbar in das Leben, ich möchte sagen hineinströmen.
[ 57 ] For the spiritual science advocated here—as I mentioned yesterday—grows out of the fullness of human nature, and therefore it does not wish to remain confined to theoretical descriptions, but rather to flow directly into life, so to speak.
[ 58 ] Lassen Sie mich das mit ein paar Sätzen zum Schlusse noch an einem besonderen Beispiel erläutern. Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, sie wird ja von mir schon vertreten seit mehr als zwei Jahrzehnten. Ich durfte ja auch hier in Kristiania seit vielen Jahren immer wiederum über die verschiedensten Gegenstände dieser Geisteswissenschaft sprechen.
[ 58 ] Let me conclude by illustrating this with a few sentences using a specific example. I have been advocating for the humanities, as represented here, for more than two decades. I have also had the privilege of speaking here in Kristiania for many years on a wide variety of topics within the humanities.
[ 59 ] Nun trat, nachdem Geisteswissenschaft ein Jahrzehnt gewirkt hatte, in einzelnen Persönlichkeiten, die ganz hingegeben waren mit ihrem gesunden Menschenverstand an die Wahrheit dieser Geisteswissenschaft, es trat an diese Persönlichkeiten die Idee heran, dieser Geisteswissenschaft einen eigenen Bau zu errichten. Namentlich sollten meine Mysterien, in denen ich auch künstlerisch zum Ausdrucke habe zu bringen gesucht dasjenige, was nun nicht etwa in irgendeiner strohernen Symbolik oder Allegorie, sondern aus einem wirklich künstlerischen Quell fließt, aber aus demselben Quell wie die Idee der Geisteswissenschaft — das versuchte ich in meinen Mysterien darzustellen. Sie mussten zuerst in gewöhnlichen Theatern aufgeführt werden. Das aber sollte sich ändern durch diese Persönlichkeiten, die sich in der geschilderten Weise der Geisteswissenschaft gewidmet haben und ihre Opfer bringen wollten, um einen eigenen Bau ihr zu errichten. Für die Pflege dieser Geisteswissenschaft und namentlich die Aufführung meiner Mysteriendramen sollte dieser Bau errichtet werden. Das Schicksal brachte diesen Bau in die Nähe von Basel in die Schweiz, nach Dornach — das nordwestliche Gebiet der Schweiz: Dornach, in der Nähe von Basel.
[ 59 ] Now, after spiritual science had been active for a decade, the idea arose in certain individuals—who were wholly devoted, with their sound common sense, to the truth of this spiritual science—to establish a separate institution for this spiritual science. Specifically, my Mysteries—in which I sought to express artistically that which flows not from some hollow symbolism or allegory, but from a truly artistic source, yet from the same source as the idea of spiritual science—this is what I attempted to portray in my Mysteries. At first, they had to be performed in ordinary theaters. But that was to change through these individuals who, in the manner described, had dedicated themselves to spiritual science and were willing to make sacrifices to erect a building of their own for it. This building was to be erected for the cultivation of this spiritual science and, in particular, for the performance of my Mystery Dramas. Fate brought this building to Dornach, near Basel in Switzerland—in the northwestern part of the country: Dornach, near Basel.
[ 60 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn irgendeine andere geistige Bewegung in einer solchen Lage gewesen wäre, dass sie ein Haus, ein Heim hätte errichten wollen für die Pflege desjenigen, was sie pflegen will in der Welt, so wäre sie zu irgendeinem Baumeister gegangen und hätte sich in einem antiken oder Renaissance-Stil oder Rokoko-Stil — kurz in irgendeinem — ein Gebäude aufführen lassen, und in dem hätte man eben seine Weltanschauung vertreten. Das konnte bei der anthroposophischen Geisteswissenschaft nimmermehr geschehen, wenn man ihr mit seinem ganzen Menschen treu war. Warum nicht?
[ 60 ] Ladies and gentlemen! If any other spiritual movement had found itself in a situation where it wished to build a house, a home, for the cultivation of what it seeks to cultivate in the world, it would have gone to some architect and had a building constructed in an antique, Renaissance, or Rococo style—in short, in any style—and within that building it would have expressed its worldview. That could never have happened with anthroposophical spiritual science if one were faithful to it with one’s whole being. Why not?
[ 61 ] Nun, Geisteswissenschaft will etwas sein, was in Ideen sich nur entfaltet nach der einen Seite hin; aber es fußt nicht in Theorien, es fußt nicht in Ideen, es fußt im lebendigen geistigen Leben, in jenem lebendigen geistigen Anschauen von Welt und Menschen, wie ich es gestern und heute geschildert habe.
[ 61 ] Well, spiritual science seeks to be something that unfolds in ideas only in one particular direction; but it is not grounded in theories, nor is it grounded in ideas; rather, it is grounded in living spiritual life, in that living spiritual perception of the world and of human beings, as I described it yesterday and today.
[ 62 ] Da kommen, meine sehr verehrten Anwesenden, drei Zweige heraus aus demselben Quell: Da kommt der eine Zweig heraus — Erkenntnis —, der sich in Ideen ausspricht. Da kommt der zweite Zweig heraus — Kunst —, der sich ausspricht in Formen, in Form der Töne, des Farbigen, des Plastischen, in architektonischen Formen. Da kommt hervor der dritte Zweig — der religiös-ethische, der sittliche Zweig.
[ 62 ] Ladies and gentlemen, three branches spring from the same source: One branch—knowledge—expresses itself in ideas. Then there is the second branch—art—which expresses itself in forms: in the form of sounds, colors, sculpture, and architectural forms. Then there is the third branch—the religious-ethical, the moral branch.
[ 63 ] Dasjenige, was Anthroposophie als Wissenschaft ist, will nicht eine Sektengründung, nicht eine Religionsbegründung sein. Aber es führt hin zu dem Quell, aus dem auch religiöses Leben fließt, und es fließt das Künstlerische aus demselben Quell heraus. Ich habe oftmals das folgende Bild gebraucht:
[ 63 ] What anthroposophy is as a science is not intended to be the founding of a sect or the establishment of a religion. But it leads to the source from which religious life also flows, and artistic life flows from the same source. I have often used the following image:
[ 64 ] Stellen Sie sich vor — meine sehr verehrten Anwesenden — eine Nuss in einer Schale. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Nuss von einer Schale umgeben sei, die äußerlich errichtet ist, um die Nuss herum; sondern aus denselben Kräften und Formgesetzen, aus denen die Nuss ist, muss auch ringsherum die Schale sein. Sie können es der Nussschale ansehen: Sie ist schon nach denselben Formgesetzen gebildet, nach denen die Nuss selber gebildet ist.
[ 64 ] Imagine—my dear friends here today—a nut in a shell. You cannot imagine that the nut is surrounded by a shell that is externally constructed around it; rather, the shell must be composed of the same forces and laws of form from which the nut itself is made. You can see this in the nut shell: it is formed according to the same laws of form as the nut itself.
[ 65 ] Das ist Leben, wo alles, was entsteht, aus denselben Impulsen, aus denselben Formgesetzen entsteht.
[ 65 ] That is life, where everything that comes into being arises from the same impulses, from the same laws of form.
[ 66 ] Anthroposophische Geisteswissenschaft ist nicht Abstraktion, ist Leben, das sich auslebt, wie ich es geschildert habe, in der Erziehung; das sich auslebt im Sozialen; das sich auslebt im Religiösen. Indem ihr ein Haus errichtet werden soll, ist sie die Nuss, und das Haus muss aus denselben Formgesetzen heraus errichtet werden, muss seinen eigenen Stil haben, der nicht etwa in künstlerische Formen symbolisch umgesetzte Idee ist — das wäre strohernes Symbolistentum —, sondern es muss sein wirkliches, echtes künstlerisches Schaffen. Das aber kann als der zweite Zweig aus denselben Quellen kommen, wie die Anthroposophie [zu] ihren Ideen kommt.
[ 66 ] Anthroposophical spiritual science is not abstraction; it is life that manifests itself—as I have described—in education; that manifests itself in the social sphere; that manifests itself in the religious sphere. Since a house is to be built for it, it is the nut, and the house must be built according to the same laws of form; it must have its own style, which is not merely an idea symbolically translated into artistic forms—that would be hollow symbolism—but must be its own genuine, authentic artistic creation. But this, as the second branch, can spring from the same sources from which anthroposophy derives its ideas.
[ 67 ] Und so wurde denn in Dornach bei Basel in Anknüpfung daran, dass ich selber die Grundlage zu meinem Forschen aus Goethe gewonnen habe, so wurde denn in der Nähe von Basel das Goetheanum gebaut — die Arbeit von zehn Jahren —, in seinen Formen so gebaut, dass man mit jedem Pfeiler, in jeder Säule, in jedem Architrav-Stück, in jeder Farbgebung, in allem, was man sah, die richtige künstlerische Umgebung für dasjenige sehen konnte, was da vom Podium aus in diesem, für 900 Menschen berechneten Gebäude getrieben wurde.
[ 67 ] And so, in Dornach near Basel—building on the fact that I myself had drawn the foundation for my research from Goethe— the Goetheanum was built near Basel—the work of ten years—designed in such a way that in every pillar, every column, every piece of the architrave, every color scheme, and everything one saw, one could perceive the appropriate artistic setting for what was taking place on the podium in this building, designed to accommodate 900 people.
[ 68 ] Da fühlte man, wenn man auf dem Podium stand und sprach, wie das Wort, das man zu prägen hatte, um das geistige Schauen vor die Zuhörer zu bringen, da fühlte man, wie dieses Wort als Idee aus der Idee geprägt wird, ganz in derselben Weise wie — derjenige, der im Modell alles Einzelne ausgearbeitet hat in Wachs, was in Dornach gebaut worden ist, darf das sagen —, wie dasjenige, was in Formen und Farben äußerlich sichtbar den Menschen entgegengetreten ist; [wer] in diesem Goetheanum selber hörte die Worte vom Podium, wer sah dort die eurythmischen Künstlerinnen ihre Bewegungskünste entfalten, wer dort rezitieren hörte, wer dort irgendetwas anderes aufführen sah, der sah, das, was auf Bühne und Podium vorging und gesprochen wurde, eben nur ist die andere Form desjenigen, was die Bauformen, die architektonischen, die malerischen Formen zeigten. Und wenn von der Orgel herunter vom anderen Ende ertönte das Musikalische, dann waren die musikalischen Töne, die durch den Raum gingen, nur wiederum dasjenige, was sich fortsetzte in den Säulenformen, in demjenigen, was in Form und Farben in dem ganzen Bau zum Ausdrucke gekommen war. Kurz, dieser Bau für die anthroposophische Weltanschauung konnte nicht als eine äußerliche Renaissance- oder Rokoko- oder antike Hülle oder gotische Hülle gebaut werden. Es musste ein neuer Baustil entstehen, weil Anthroposophie nicht eine einseitige Theorie ist, sondern dasjenige ist, was auf [der einen] Seite in allen Erkenntnis-Ideen zutage treten kann, was als Kunst zutage treten kann. Und als Kunst, als darstellende Kunst sollte sie nun doch in dem eigenen Heim zum Ausdrucke kommen.
[ 68 ] When one stood on the podium and spoke, one could feel how the word one had to shape—in order to convey the spiritual vision to the audience—was forged as an idea from the Idea, in exactly the same way as — as the person who worked out every detail in wax in the model of what was built in Dornach can attest —, just as that which appeared outwardly to people in forms and colors; [Whoever] heard the words spoken from the podium in this Goetheanum itself, whoever saw the eurythmy artists there unfolding their art of movement, whoever heard recitations there, whoever saw any other performance there—such a person saw that what took place and was spoken on stage and the podium was simply the other form of what the architectural and painterly forms revealed. And when the music rang out from the organ at the other end of the hall, the musical tones that filled the space were, in turn, simply a continuation of what was expressed in the forms of the columns and in the shapes and colors of the entire building. In short, this building for the anthroposophical worldview could not be constructed as an external Renaissance, Rococo, classical, or Gothic shell. A new architectural style had to emerge, because anthroposophy is not a one-sided theory, but rather that which, on the one hand, can manifest itself in all ideas of knowledge and can manifest itself as art. And as art—as the visual arts—it should now find expression in its own home.
[ 69 ] Immer wieder muss betont werden: Anthroposophie will nicht eine neue Religion begründen, will nichts Sektiererisches haben, will durchaus in derselben rein objektiven, rein gesetzlichen Weise vorgehen wie nur irgendeine wissenschaftliche Richtung. Aber dadurch, dass sie mit wirklicher wissenschaftlicher Exaktheit, aber mit geisteswissenschaftlicher Anschauung vordringt, dringt sie auch zu dem Quell der Religiosität heran.
[ 69 ] It must be emphasized time and again: Anthroposophy does not seek to establish a new religion, has no interest in sectarianism, and aims to proceed in exactly the same purely objective, purely scientific manner as any other scientific discipline. But by advancing with true scientific precision, yet with a spiritual-scientific perspective, it also draws near to the source of religiosity.
[ 70 ] Dadurch gelangte man dazu, an einem der hervorragendsten Punkte in dem Goetheanum einstmals platzieren zu wollen eine [neuneinhalb] Meter hohe Holzgruppe, deren Mittelpunktsfigur der Christus-Jesus selbst ist. So sollte nun — meine sehr verehrten Anwesenden — eine Weltanschauung, die es als ihr Ideal anerkennt, in ihrem Heim an einem der hervorragendsten Punkte das Menschengeheimnis von Golgatha zu verkörpern, durch die Anthroposophie gegeben sein. Das ist eine Erkenntnis gerade, die in ihren Zielsetzungen das Religiöse hat, obwohl sie selber nicht sekten- und religionenbildend auftreten will, sondern auf dem Boden des Künstlerischen, auf dem Boden des Erkennenden stehen bleiben will.
[ 70 ] This led to the decision to place, at one of the most prominent points in the Goetheanum, a [nine-and-a-half] meter-tall wooden sculpture group, the central figure of which is Christ Jesus himself. Thus, my esteemed audience, a worldview that recognizes as its ideal the embodiment of the human mystery of Golgotha in one of the most prominent spots within its home is to be provided by anthroposophy. This is precisely a line of thought whose objectives are rooted in the religious, even though it does not wish to act as a sect or a religion in its own right, but rather to remain firmly grounded in the realm of the artistic and the realm of knowledge.
[ 71 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Als ich das letzte Mal in Kristiania hier sprechen durfte, da konnte ich mit anderen Gedanken an das Heim der Geistesforschung in Dornach denken, denn dieses Heim ist mittlerweile in der Silvesternacht von 1922 auf 1923 ein Raub der Flammen geworden, ist abgebrannt bis auf die Betongrundlage, und eine, demjenigen, der das Goetheanum lieb gehabt hat, furchtbar zu Herzen sprechende, schreckliche Ruine steht nunmehr an der Stelle, wo einstmals gestanden hat dasjenige, was in seinen äußeren Formen für Tausende und Abertausende von Besuchern im Laufe der Jahre zur Offenbarung gebracht hat dasjenige, was man aus dem tiefsten Herzen heraus über Menschenewigkeit, Menschenentwicklung auf Erden, über Menschenwesenheit und Weltenwesenheit und Weltenerkenntnis mit Worten sagen konnte.
[ 71 ] Ladies and gentlemen! The last time I had the privilege of speaking here in Kristiania, my thoughts turned to the Home for Spiritual Research in Dornach with a different perspective, for that home was consumed by flames on New Year’s Eve 1922–1923, burned to the ground down to its concrete foundation, and a now stands in its place—a dreadful ruin where once stood that which, in its outward forms, had revealed to thousands upon thousands of visitors over the years what could be expressed in words from the depths of the heart about human eternity, human development on Earth, human existence, cosmic existence, and knowledge of the cosmos.
[ 72 ] Es ist ja selbstverständlich, dass die kleinen Versicherungssummen, die wir vielleicht erhalten werden, nachdem die gerichtlichen Untersuchungen über den Dornacher Brand zu Ende gekommen sein werden, nicht hinreichend sein werden, diesen Bau, das Goetheanum, wiederum aufzurichten. Und wir leben heute in anderen Verhältnissen als vor dem Kriege, wo sich zahlreiche Bekenner anthroposophischer Geistesforschung in wirklich tiefer Opferwilligkeit gefunden haben, um dem Aufbau des Goetheanums die Möglichkeit zu geben. Und immer wieder und wiederum haben sich solche Freunde gefunden, um zu helfen. Wie das Goetheanum wieder entstehen kann, das wird eben davon abhängen, ob in der gegenwärtigen, so schwierigen Weltenlage wiederum dieselben Opfer möglich sein werden, die vorher möglich waren. In irgendeiner Form muss es ja wieder entstehen; denn man wollte dadurch sichtbarlich zum Ausdrucke bringen dasjenige, was von anthroposophischer Geistesforschung heute gesagt werden will zu den tiefsten Sehnsuchten des gegenwärtigen Menschen.
[ 72 ] It goes without saying that the small insurance payouts we may receive once the judicial investigations into the Dornach fire have been concluded will not be sufficient to rebuild this structure, the Goetheanum. And we live today under different circumstances than before the war, when numerous adherents of anthroposophical spiritual research came together with a truly deep spirit of sacrifice to make the construction of the Goetheanum possible. And time and again, such friends have come forward to help. How the Goetheanum can be rebuilt will depend precisely on whether, in the current, such a difficult global situation, the same sacrifices that were possible before will once again be possible. In some form or another, it must be rebuilt; for the intention was to give visible expression through it to what anthroposophical spiritual research seeks to convey today regarding the deepest longings of contemporary humanity.
[ 73 ] Ich sagte es auch schon gestern: In den Menschen der Gegenwart, in zahlreichen Menschen der Gegenwart — denn doch als eine tiefste Sehnsucht, wenn sie es auch nicht wissen, wenn es auch nur in unterbewussten Gefühlen und Empfindungen west —, es lebt der Drang, das Geistige wiederzufinden, den Glauben wieder zu versöhnen mit dem Wissen. Das wollte man äußerlich ausdrücken durch die Formen schon des Goetheanums.
[ 73 ] I said it yesterday, too: In the people of today—in many people of today—there lives, as a deepest longing, even if they are not aware of it, even if it exists only in subconscious feelings and sensations, the urge to rediscover the spiritual, to reconcile faith with knowledge once more. This was what one sought to express outwardly through the very forms of the Goetheanum.
[ 74 ] Nun, es ist das ja auch äußerlich ausgedrückt in den Formen des Menschen selber. Aber dasjenige, was physisch-sinnlich ist — meine sehr verehrten Anwesenden —, kann erfasst werden von den materiellen Flammen und so zugrunde gehen wie das Dornacher Goetheanum. So gehen ja auch des Menschen physisch-sinnliche Hüllen zugrunde. Aber gerade Geisteswissenschaft zeigt uns anschauend, wie ein ewiger Wesenskern des Menschen aus geistig-seelischen Welten heruntersteigt, sich mit der physischen Hülle nur umkleidet, durch die Pforte des Todes wieder geht, um im Geiste weiterzuleben.
[ 74 ] Well, this is also expressed outwardly in the forms of human beings themselves. But that which is physical and sensory—my dear friends here today—can be consumed by material flames and thus perish, just as the Goetheanum in Dornach did. In the same way, the physical-sensory sheaths of human beings are also destroyed. But spiritual science, in particular, shows us vividly how an eternal core of the human being descends from the spiritual and soul worlds, merely clothes itself in the physical sheath, passes through the gate of death once more, and continues to live on in the spirit.
[ 75 ] Dasjenige, was über den geistigen Menschen handelt, das drückt sich in den ebenfalls geistig sein wollenden Gedanken der Anthroposophie aus. Das hatte in dem vergänglichen Gebäude — dessen Hingang uns so schmerzlich ist, uns so wehmütig macht, uns, die wir dieses Gebäude, diesen Bau so lieb gewonnen haben —, das hatte sein vergängliches Außenwerk, wie der Mensch selbst in Bezug auf sein wahres Wesen in seinem irdischen Leibe sein vergängliches Außenwerk hat.
[ 75 ] That which concerns the spiritual human being finds expression in the thoughts of anthroposophy, which also aspire to be spiritual. This had its transitory outer form in that building—whose passing is so painful to us, so wistful, for us who have grown so fond of this building, this structure—just as human beings themselves, in relation to their true being, have their transitory outer form in their earthly bodies.
[ 76 ] Anthroposophie aber möchte sprechen von dem Ewigen des Menschen, aber so sprechen, dass gerade dieses Ewige in wirklich praktischer Weise — wie ich es heute angedeutet habe für einen gewissen Punkt — auf den verschiedensten Gebieten des Lebens durchaus zur Geltung komme. Das Ewige voll zur Gestaltung zu bringen im Zeitlichen, praktisch zu sein bei aller Geistigkeit, das ist dasjenige, wonach gerade die wirkliche anthroposophische Geisteserkenntnis strebt.
[ 76 ] Anthroposophy, however, seeks to speak of the eternal aspect of the human being, but to do so in such a way that this very eternal aspect comes fully to the fore in a truly practical manner—as I have indicated today with regard to a certain point—in the most diverse areas of life. To fully bring the eternal to life in the temporal, to be practical while remaining spiritual—that is precisely what true anthroposophical spiritual knowledge strives for.
[ 77 ] Sie wird schon zeigen, dass die tiefsten Sehnsuchten der Menschenseelen doch im Laufe der Zeit immer mehr und mehr erfüllt werden können. Und diese Geisteserkenntnis kann warten. Sie weiß, dass das kopernikanische Weltensystem auch zuerst eine Narrheit war, nachher eine Selbstverständlichkeit. So weiß Anthroposophie, dass sie gut heute für viele Menschen eine Narrheit sein kann. Sie wird auch warten und sie kann warten! Sie wird auch eine Selbstverständlichkeit werden. Denn sie spricht von dem, was dem Menschen naheliegen muss, wenn er, sich wirklich erfühlend, wenden will wiederum zu der uralten, ich möchte sagen heiligen Forderung: «Erkenne dich selbst!» Wenn er dieses großartige, gewaltige Wahrund Warnwort in irgendeiner Weise entwickeln will in moderner Gestalt, dann muss der Mensch kommen eben zu einer Welterkenntnis, die zeigt durch übersinnliches Schauen, wie aus allen Reichen der Natur, aus Wolken und Sternen, aus Wolkenbewegungen und Sternbewegungen das Geistige spricht, wie diese Welt, die man in Wahrheit nur erkennt, wenn man sie im Geiste erkennt, zuletzt sagt: Im Menschenwesen habe ich meine Ziele. Weltenerkenntnis vollendet sich erst in Menschenerkenntnis. Und Menschenerkenntnis schaut man nicht in mystischer Verworrenheit und mit mystischen Illusionen, sondern so wie ich es gestern und heute geschildert habe, auf den Menschen hin, um sein Wesen zu ergründen. So kommt man, indem man den Menschen ergründet, zu der Anerkenntnis des geistig-seelisch, vorirdischen und nachtodlichen Wesens des Menschen, wo der Mensch in die Welt hinaus ergossen ist, trotzdem er ein höheres Selbstbewusstsein hat als hier auf Erden; da entdeckt man im Menschen in rechter Menschenerkenntnis Weltenwesen. So wie es keine wahre Weltenerkenntnis gibt ohne Menschenerkenntnis, weil die Welt zeigt: ihr Ziel ist der Mensch — so gibt es keine wahre Menschenerkenntnis, ohne dass man im Menschen ein Abbild der ganzen Welt erblickt, ohne dass man durch Menschenerkenntnis zur Welterkenntnis im Geiste durchdringt.
[ 77 ] It will prove that the deepest longings of the human soul can, after all, be fulfilled more and more over time. And this spiritual insight can wait. It knows that the Copernican system of the world was also, at first, considered folly, but later became a matter of course. So anthroposophy knows that it may well be considered folly by many people today. It, too, will wait—and it can wait! It, too, will become a matter of course. For it speaks of what must be close to the human heart when, truly feeling his way, he wishes to turn once more to the ancient—I would say sacred—command: “Know thyself!” If human beings wish to develop this magnificent, powerful word of truth and warning in any way in a modern form, then they must arrive at a knowledge of the world that reveals, through supersensible perception, how the spiritual speaks from all the realms of nature—from clouds and stars, from the movements of clouds and stars—and how this world, which in truth can only be known when perceived in the spirit, ultimately says: “My goals lie within the human being.” Knowledge of the world is only perfected through knowledge of the human being. And one does not view the human being through mystical confusion and illusions, but rather, as I described yesterday and today, by turning one’s gaze toward the human being in order to fathom their essence. Thus, by fathoming the human being, one arrives at the recognition of the human being’s spiritual-soul, pre-earthly, and post-death nature—where the human being is poured out into the world, even though he possesses a higher self-awareness than here on earth; there, through true knowledge of the human being, one discovers cosmic beings within the human being. Just as there is no true knowledge of the world without knowledge of the human being—because the world reveals that its goal is the human being—so there is no true knowledge of the human being without perceiving in the human being a reflection of the entire world, without penetrating through knowledge of the human being to knowledge of the world in the spirit.
[ 78 ] Das ist das, was man heute schon als ein wissenschaftlich-sittlich-religiöses Streben unbewusst auf dem Grunde vieler Menschenseelen sieht. Das ist dasjenige, was viele Menschenseelen heute beunruhigt, ohne dass sie es wissen. Das ist dasjenige, von dem anthroposophische Menschen- und Welterkenntnis zu dem Menschen sprechen möchte, sodass dasjenige sich wirklich ergebe, was der Mensch der Gegenwart, was aber insbesondere der Mensch der nächsten Zukunft brauchen wird: wirklich echte Menschenerkenntnis durch wahre geistige Welterkenntnis, wirkliche, echte, zum sozialen Wirken und religiösen Fühlen taugende Weltenerkenntnis, durch echte, wahre, im Geiste ergriffene Menschenerkenntnis.
[ 78 ] This is what we can already see today, unconsciously, as a scientific, ethical, and religious striving at the very core of many human souls. This is what troubles many human souls today, without their even realizing it. This is what anthroposophical understanding of humanity and the world seeks to convey to people, so that what the people of the present—and especially the people of the near future—will need may truly come to pass: truly authentic knowledge of humanity through true spiritual knowledge of the world—real, authentic knowledge of the world suited to social action and religious feeling—through genuine, true knowledge of humanity grasped in the spirit.
