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What was the Purpose of the Goetheanum and of Anthroposophy?
GA 84

26 September 1923, Vienna

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9. Die übersinnliche Erkenntnis: Anthroposophie als Zeitforderung

Anthroposophy as a Demand of the Age

[ 1 ] Wer heute von übersinnlichen Welten spricht, setzt sich ja von vornherein dem durchaus begreiflichen Vorwurf aus, daß er gegen eine der allerwichtigsten Zeitforderungen verstoße, gegen die Zeitforderung: daß im Ernste über die höchsten Fragen des Daseins von einem wissenschaftlichen Standpunkte aus nur so gesprochen werden könne, daß die Wissenschaft sich ihrer Grenzen bewußt sei und eben eine klare Einsicht habe in die Tatsache, daß sie sich beschränken müsse auf die sinnliche Welt des irdischen Daseins und einer gewissen Phantastik verfallen würde, wenn sie über diese Grenzen hinausginge. — Nun, gerade diejenige Richtung geisteswissenschaftlicher Anschauung, von der aus ich beim letzten Wiener Kongreß der anthroposophischen Bewegung gesprochen habe und von der aus ich auch heute wiederum sprechen will, nimmt für sich in Anspruch, nicht nur nicht gegnerisch zu sein gegen wissenschaftliche Gesinnung und wissenschaftliche Verantwortlichkeit unserer Zeit, sondern auch durchaus im Sinne dessen zu arbeiten, was gerade als Aufgaben von den gewissenhaftesten wissenschaftlichen Anforderungen auch derjenigen gestellt werden kann, die auf dem Boden strengster Naturforschung stehen. Nun kann man allerdings in verschiedenem Sinne von den wissenschaftlichen Zeitforderungen sprechen, die uns durch das gestellt werden, was in einer so großartigen Weise im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, insbesondere aber des neunzehnten Jahrhunderts an theoretischen und praktischen Ergebnissen in der Menschheitsentwickelung herausgekommen ist. Ich will heute deshalb von übersinnlicher Erkenntnis sprechen, insofern sie gerade diese Zeitforderung erfüllen will, und ich möchte im nächsten Vortrage dann sprechen von der übersinnlichen Menschenerkenntnis als einer Forderung des menschlichen Herzens, des menschlichen Gemütes in der gegenwärtigen Zeit.

[ 1 ] Any one who speaks today about super-sensible worlds lays himself open at once to the quite understandable criticism that he is violating one of the most important demands of the age. This is the demand that the most important questions of existence shall be seriously discussed from a scientific point of view only in such a way that science recognizes its own limitations, has a clear insight into the fact that it must restrict itself to the sensible world of the earthly existence and would become the victim of a certain fantastic blunder if it should attempt to go beyond these limits. Now, precisely that type of spiritual-scientific conception in accordance with which I spoke at the last Vienna Congress of the Anthroposophical Movement, [West and East: Contrasting Worlds.] and shall speak again today, affirms with regard to itself not only that it is free from hostility toward scientific thinking and the scientific sense of responsibility of our times, but also that it does its work in complete harmony with what may be proposed as objectives by the most conscientious scientific demands of those very persons who take their stand on the platform of the most rigid scientific research. It is possible, however, to speak from various points of view in regard to the scientific demands of the times, imposed upon us by the splendid theoretical and practical results in the evolution of humanity which have come about in the course of the last three or four centuries, but especially during the nineteenth century. I shall speak, therefore, today in regard to super-sensible knowledge to the extent that this tends to fulfill precisely this demand, and I wish to speak in the next lecture about the super-sensible knowledge of the human being as a demand of the human heart, of human feeling, during the present age.

[ 2 ] Man kann hinsehen auf das, was uns bis in die jüngsten Tage herein die naturwissenschaftliche Forschung Großartiges gebracht hat — Großartiges gebracht hat an Ergebnissen von Zusammenhängen über die äußere Welt. Aber man kann auch in einem anderen Sinne von den Errungenschaften sprechen, die gerade bei dieser Entwickelungsströmung der Menschheit gewonnen worden sind. Man kann nämlich davon sprechen, daß bei den gewissenhaften, ernsten Beobachtungen der Gesetze und Tatsachen der äußeren Sinneswelt, wie sie die Naturwissenschaft geliefert hat, sich ganz besondere menschliche Fähigkeiten ausgebildet haben, und daß gerade von Beobachtung und Experiment ein Licht ausgegangen ist auch auf die menschlichen Fähigkeiten selbst. Aber ich möchte sagen: Viele, die im anerkennenswertesten Sinne auf dem Boden naturwissenschaftlicher Forschung stehen, möchten gerade von diesem Lichte, das auf den Menschen selbst durch seine Forschungen zurückgeworfen wird, nicht viel hören. Wenn wir nur ein wenig uns besinnen auf das, was dieses Licht beleuchtet, so sehen wir, wie das menschliche Denken dadurch, daß es enge und weite Zusammenhänge — das Mikroskopische und das Teleskopische — gesetzmäßig durchforschen konnte, dadurch selber Unendliches für sich gewonnen hat, gewonnen hat an Unterscheidungsvermögen, gewonnen hat an eindringlicher Kraft, die Dinge der Welt zusammenzustellen, so daß sie ihre Geheimnisse verraten, die Gesetze der Weltenzusammenhänge festzustellen und so weiter. Wir sehen, indem dieses Denken entfaltet wird, eine Anforderung an dieses Denken gestellt, und zwar gestellt gerade von den ernstest zu nehmenden Forschern: die Forderung, daß dieses Denken so selbstlos als möglich sich entwickeln müsse in der Beobachtung der äußeren Natur und im Experimentieren im Laboratorium, in der Klinik und so weiter. Und eine große Gewalt hat der Mensch in dieser Beziehung gewonnen. Es ist ihm ja gelungen, immer mehr und mehr Maßregeln solcher Art zu treffen, daß nichts von dem, was im Denken selber als innere Herzenswünsche des Menschen, als Anschauungen, vielleicht auch als Phantasien über sein eigenes Wesen aufsteigt, hineingetragen werde in dasjenige, was er mit dem Mikroskop und Teleskop, mit Maßstab und Waage über die Zusammenhänge des Lebens und des Daseins feststellen soll.

[ 2 ] We can observe the magnificent contribution which has been bestowed upon us even up to the most recent time through scientific research—the magnificent contribution in the findings about interrelationships throughout the external world. But it is possible to speak also in a different sense regarding the achievements which have come about precisely in connection with this current of human evolution. For instance, we may call attention to the fact that, in connection with the conscientious earnest observation of the laws and facts of the external world of the senses, as this is afforded by natural science, very special human capacities have been developed, and that just such observation and experimentation have thrown a light also upon human capacities themselves. But I should like to say that many persons holding positions deserving of the greatest respect in the sphere of scientific research are willing to give very little attention to this light which has been reflected upon man himself through his own researches. If we only give a little thought to what this light has illuminated, we see that human thinking, through the very fact that it has been able to investigate in accordance with basic principles both narrowly restricted and also broadly expanded interrelationships—the microscopic and the telescopic—has gained immeasurably in itself, has gained in the capacity of discrimination, in power of penetration, the ability so to associate the things in the world that their secrets are unveiled, the capacity to determine the laws underlying cosmic relationships, and so forth. As this thinking is developed, we see it confronted with a demand—with which it is faced, indeed, by the most earnest research scientists: the demand that this thinking must develop as selflessly as possible in the observation of external nature and in experimentation in the laboratory, in the clinic, etc. And the human being has achieved tremendous power in this respect. He has succeeded in setting up more and more rules of such a character as to prevent anything of the nature of inner wishes of the heart, of opinions, perhaps even of fantasies regarding one's own being, such as arise in the course of thinking, from being carried over into what he is to establish by means of the microscope and the telescope, the measuring rule and the scales, regarding the interrelationships of life and existence.

[ 3 ] Unter diesen Einflüssen hat sich allmählich ein Denken herausgebildet, von dem man sagen muß, daß es mit einem gewissen inneren Fleiß seine passive Rolle herausgearbeitet hat. Das Denken ist heute durchaus an der Beobachtung, am Experiment, abstrakt geworden, so abstrakt geworden, daß es sich nicht zutraut, etwas an Erkenntnissen und an Wahrheiten aus seinem eigenen Inneren herauszuzaubern.

[ 3 ] Under these influences a type of thinking has gradually developed of which one must say that it has worked out its passive role with a certain inner diligence. Thinking in connection with observation, with experiment, has nowadays become completely abstract—so abstract that it does not trust itself to call forth anything of the nature of knowledge or of truth out of its own inner being.

[ 4 ] Diese Eigenschaft des Denkens, die sich da allmählich herausgebildet hat, ist es ja vor allen Dingen, die, wie es zunächst scheint, alles abweisen muß, was der Mensch seinem inneren Wesen nach selber ist. Denn das, was er so selber ist, muß er in Aktivität aus sich herausstellen; das kann niemals eigentlich ganz ohne den Einschlag seines Willens sein. Und so sind wir denn — und auf dem Gebiete der äußeren Forschung mit Recht — dazu gekommen, gerade die Aktivität des Denkens abzuweisen, in der wir uns aber doch bewußt sind, was wir als Menschen im Universum, im ganzen Weltenzusammenhange bedeuten. Ausgeschaltet hat sich in einer gewissen Beziehung der Mensch bei seinem Forschen; er verbietet sich seine innere Aktivität. Wir werden gleich sehen, wie das, was in bezug auf dieses äußere Forschen mit Recht verboten werden muß für das eigene Selbst des Menschen, nun besonders kultiviert werden muß, wenn der Mensch über das Geistige, über das Übersinnliche seines Wesens Aufschluß haben will.

[ 4 ] It is this gradually developed characteristic of thinking which demands before everything else—so it appears at first—the rejection of all that the human being is in himself by reason of his inner nature. For what he himself thus is must be set forth in activity; this can really never exist wholly apart from the impulse of his will. Thus we have arrived at the point—and we have rightly reached this point in the field of external research—of actually rejecting the activity of thinking, although we became aware in this activity of what we ourselves signify as human beings in the universe, in the totality of cosmic relationships. In a certain sense, the human being has eliminated himself in connection with his research; he prohibits his own inner activity. We shall see immediately that what is rightly prohibited in connection with this external research must be especially cultivated in relationship to man's own self if he wishes to gain enlightenment regarding the spiritual, regarding the super-sensible, element of his own being.

[ 5 ] Aber auch ein zweites Element in der menschlichen Wesenheit hat seine besondere Seite darbieten müssen, die menschheitsfremd, wenn auch weltenfreundlich ist in der neueren Forschung mit Bezug auf das menschliche Gemüt, auf das menschliche Gefühl. Es darf in der neueren Forschung dieses menschliche Gefühl nicht mitsprechen; der Mensch muß kalt und nüchtern bleiben. Dennoch könnte man fragen: Wäre es denn aber nicht möglich, innerhalb dieses Fühlens dennoch Kräfte für Welterkenntnis zu gewinnen? Gerade wenn man auf der einen Seite sagen muß: Im Gefühl arbeitet die innere menschliche Willkür, die menschliche Subjektivität, und das Gefühl ist der Quell der Phantasie — so muß man auf der anderen Seite doch wieder sagen: Gewiß, so wie das Gefühl zunächst im alltäglichen oder im wissenschaftlichen Leben ist, so kann diese menschliche Gefühlsseite keine besondere Rolle spielen. Aber wenn wir uns erinnern, wie uns ja die Wissenschaft selber darstellen muß, daß die menschlichen Sinne in der gesamten Menschheitsentwickelung nicht immer so waren, wie sie heute sind, sondern daß sie sich aus verhältnismäßig unvollkommenen Zuständen zu den heutigen Zuständen heraufentwickelt haben, daß sie ganz gewiß in früheren Zeiten nicht so objektiv über die Dinge gesprochen haben wie heute, dann dämmert doch vielleicht die Ahnung auf, daß auch in dem subjektiven Gefühlsleben irgend etwas drinnenstecken könnte, was so herausgeholt werden könnte, wie die menschlichen Sinne selber, und was aus einem Erleben der eigenen menschlichen Wesenheit hinüberführen könnte zu einem Erfassen der Weltenzusammenhänge in einem höheren Sinne. Gerade wenn man das Zurückziehen des Gefühls innerhalb der heutigen Forschung erblickt, muß die Frage aufgeworfen werden: Könnte sich nicht im Gefühl irgendein höherer Sinn erschließen, wenn dieses Gefühl besonders entwickelt würde?

[ 5 ] But a second element in the nature of man has been obliged to manifest its special aspect, which is alien to humanity even though friendly to the world, in modern research: that is, the human life of sentiment, the human life of feeling. In this modern research, human feeling is not permitted to participate; the human being must remain cold and matter-of-fact. Yet one might ask whether it may not be possible to acquire within this human feeling forces useful in gaining knowledge of the world. If it must be said, on the one hand, that inner human willfulness plays a role in feelings, human subjectivity, and that feeling is the source of fantasy, it must be answered on the other hand that, although human feeling can certainly play no important role as it exists at first in every-day life or in science, yet, if we recall—as science itself has to present the matter to us—that the human senses have not always in the course of human evolution been such as they are today, but have developed from a relatively imperfect stage up to their contemporary state, that they certainly did not express themselves in earlier periods so objectively about things as they do today, an inkling may then come to birth within us that there may exist even within the life of subjective feeling something that might be evolved there-from, just like the human senses themselves, and which might be led over from an experience of man's own being to a grasp upon cosmic interrelationships in a higher sense. Precisely as we observe the withdrawal of human feeling in connection with contemporary research must the question be put as to whether some sort of higher sense might unfold within feeling itself if this were specially developed.

[ 6 ] Aber hervorragend anschaulich finden wir bei einem dritten Element in der menschlichen Wesenheit, wie wir von der durchaus anerkennenswerten naturwissenschaftlichen Auffassung hinausgetrieben werden zu irgend etwas anderem: das ist die Willensseite des menschlichen Seelenlebens. Wer wirklich im naturwissenschaftlichen Denken drinnensteht, der weiß, wie es diesem Denken unmöglich ist, anders die Zusammenhänge in der Welt zu denken als im Sinne der ursächlichen Notwendigkeit. In strenger Art verknüpfen wir die nebeneinander im Raume befindlichen Erscheinungen, in strengem Sinne verknüpfen wir die nacheinander in der Zeit folgenden Erscheinungen. Ursache und Wirkung verknüpfen wir, man möchte sagen, nach ihren ehernen Gesetzen. Wer nicht als Dilettant, wer als ein in der Naturwissenschaft Drinnenstehender spricht, der weiß, welche Gewalt einfach die Betrachtung der naturwissenschaftlichen Tatsachenwelten in dieser Beziehung ausübt; er weiß, wie er gefangengenommen wird von dieser Idee einer Allursächlichkeit, und wie er dann gar nicht anders kann, als bei allem, was ihm entgegentritt, in seinem Denken diese Idee der Ursächlichkeit auch geltend zu machen.

[ 6 ] But very obviously do we find in connection with a third element of the being of man how we are driven by the altogether praiseworthy scientific view to something different. This is the will aspect of the life of the soul. Whoever is at home in scientific thinking knows how impossible it is for such thinking to proceed otherwise in grasping the inter-relationships of the world than in accordance with causal necessity. We connect in the most rigid manner phenomena existing side by side in space; we associate in the strictest sense phenomena occurring in succession in time. That is, we relate cause and effect according to their inflexible laws. Whoever speaks, not as a dilettante, but as one thoroughly at home in science knows what a tremendous power is exerted by the mere consideration of the realms of scientific fact in this manner. He knows how he is captivated by this idea of a universal causality and how he cannot then do otherwise than to subject everything that he confronts in his thinking to this idea of causality.

[ 7 ] Da aber steht dann der menschliche Wille, dieser menschliche Wille, der uns in jedem Augenblicke unseres wachen Tageslebens sagt: Was du in einem gewissen Sinne aus dir selber heraus, aus deinem Willen unternimmst, das ist nicht in demselben Sinne ursächlich bedingt wie irgendwelche äußeren Naturerscheinungen. — Deshalb wird auch ein Mensch, der einfach natürlich über sich selber fühlt, der in unbefangener Selbstbeobachtung in sich hineinschaut, kaum etwas anderes können, als aus der unmittelbaren Erfahrung heraus sich die Freiheit des Willens zuzuschreiben. Wenn er dann aber hinüberblickt zu dem naturwissenschaftlichen Denken, dann kann er diese Willensfreiheit nicht zugeben. Hier ist einer der Konflikte, in die uns die heutige Zeitlage hineinbringt. Wir werden im Verlaufe dieser zwei Vorträge noch manches andere von diesen Konflikten kennenlernen. Aber dieser Konflikt ist für den, der ihn in seiner ganzen Intensität fühlen, man möchte sagen, durchfühlen kann — weil er ehrlich sein muß auf der einen Seite gegen die naturwissenschaftliche Forschung, auf der anderen Seite gegen die Selbstbeobachtung — etwas Zerwühlendes, etwas so Zerwühlendes, daß es ihn in den Zweifel hineintreiben kann, ob überhaupt im Leben irgendwie ein Anhaltspunkt da sei, die Wahrheit zu erforschen.

[ 7 ] But there is human will, this human will which says to us in every moment of our waking life of day: “What you undertake in a certain sense by reason of yourself, by reason of your will, is not causally determined in the same sense applying to any sort of external phenomena of nature.” For this reason, even a person who simply feels in a natural way about himself, who looks into himself in observation free from preconception, can scarcely do otherwise than also to ascribe to himself, on the basis of immediate experience, freedom of will. But when he directs his glance to scientific thinking, he cannot admit this freedom of will. This is one of the conflicts into which we are brought by the condition of the present age. In the course of these two lectures we shall learn much more about these conflicts. But for one who is able to feel this conflict in its full intensity, who can feel it through and through—because he must be honest on the one side as regards scientific research, and on the other side as regards his self-observation—the conflict is something utterly confounding, so confounding that it may drive him to doubt whether life affords anywhere a firm basis from which one may search for truth.

[ 8 ] Man muß solche Konflikte von der rechten menschlichen Seite nehmen können. Man muß sich sagen können: Es treibt einen die Forschung dazu, dasjenige, was man täglich gewahr wird, eigentlich nicht zugeben zu können; da muß irgendwie etwas liegen, was noch andere Zugänge zur Welt bietet als das, was eben in nicht zu widerlegender Weise in der äußeren Naturordnung gegeben ist. Gerade indem wir in einer so starken Weise durch die Naturordnung selbst in solche Konflikte hineingetrieben sind, wird es für uns Menschen der Gegenwart eine Zeitforderung, uns zu gestehen, daß es unmöglich ist, über die übersinnlichen Welten so zu sprechen, wie bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch gesprochen worden ist. Wir brauchen nur in die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zurückzugehen, und wir finden, daß damals Geister, die von ihrem Zeitbewußtsein aus die Naturwissenschaft durchaus ernst genommen haben, dennoch hingewiesen haben auf die übersinnliche Seite des menschlichen Lebens, auf diejenige Seite, die dem Menschen eröffnet die Aussicht auf das Göttliche, auf seine eigene Unsterblichkeit, und daß sie damit immer hingewiesen haben auf dasjenige, was wir heute nennen können die «Nachtseiten» des menschlichen Lebens. Ganz ernst zu nehmende Menschen haben hingewiesen auf jene wundersame, aber höchst problematische Welt, in die der Mensch jede Nacht versetzt wird: auf die Traumwelt. Sie haben hingewiesen auf manche geheimnisvollen Zusammenhänge, die diese chaotische Bilderwelt der Träume dennoch mit der Wirklichkeit hat; sie haben darauf hingewiesen, wie das Innere der menschlichen Organisation, insbesondere bei Krankheiten, sich in den phantastischen Bildern des Traumes dennoch in einer gewissen Weise spiegelt, und wie das gesunde menschliche Leben in Sinnbildern, in Symbolen in die chaotischen Traumerlebnisse einzieht. Sie haben darauf hingewiesen, wie manches, was der Mensch mit seinen wachen Sinnen nicht überschauen kann, in den halbwachen Seelenzustand gelegt wird, und man hat aus solchen Dingen seine Schlüsse gezogen. Diese Dinge grenzen dann an das, was auch heute noch von vielen Menschen gepflegt wird, an die unterbewußten Zustände des menschlichen Seelenlebens, die in einer ähnlichen Weise sich äußern.

[ 8 ] We must deal with such conflicts in their right human aspect. We must be able to say to ourselves that research drives us to the point where we are actually unable to admit what we are every day aware of; that something else must somehow exist which offers other means of access to the world than what is offered to us in irrefutable manner in the order of external nature. Through the very fact that we are so forcibly driven by the order of nature itself into such conflicts, it becomes for us human beings of the present time a necessity to admit that it is impossible to speak about the super-sensible worlds as they have been spoken about up to a relatively recent time. We need to go back only to the first half of the nineteenth century to discover that personalities who, by reason of a consciousness in harmony with the period, were thoroughly serious in their scientific work called attention, nevertheless, to the super-sensible aspect of human life, to that aspect which opens up to the human being a view of the divine, of his own immortality; and that in this connection they always called attention to what we may at present designate as the “night aspects” of human life. Men deserving of the highest regard have called attention to that wonderful but very problematical world into which the human being is transferred every night: to the dream world. They called attention to many mysterious relationships which exist between this chaotic picture world of dreams, nevertheless, and the world of actuality. They called attention to the fact that the inner nature of the human organization, especially in illness, reflects itself, nevertheless, in the fantastic pictures of dreams, and how healthy human life enters into the chaotic experiences of dreams in the forms of signs and symbols. They pointed out that much which cannot be surveyed by the human being with his waking senses finds its place in the half-awake state of the soul, and out of such things conclusions were drawn. These things border upon what is the subject of study also today for many persons, the “subconscious” states of the life of the human soul, which manifest themselves in a similar way.

[ 9 ] Alles aber, was in dieser Art an den Menschen herantritt, was eine Vormenschheit noch in einer gewissen Weise befriedigen konnte, das kann für uns heute nicht mehr gelten, kann aus dem Grunde nicht mehr gelten, weil die Art, wie wir in die äußere Natur schauen, eine andere geworden ist. Man muß da schon hineinschauen in die Zeiten, wo es zum Beispiel nur eine mystisch gefärbte Astrologie gegeben hat. Da hat der Mensch in die Sinneswelt so hineingeschaut, daß dieses Hineinschauen weit entfernt war von der Exaktheit, die wir heute als Forderung an die Wissenschaft stellen. Und so konnte er vielleicht auch, weil er sich gestattete, im Sinnlichen nicht jene volle Klarheit zu haben, die wir heute haben, so konnte er im Mystischen, in gewissen halbbewußten Zuständen etwas finden, was ihm Aufschlüsse geben konnte. Das können wir heute nicht. Ebensowenig wie wir imstande sind, aus dem, was die Naturwissenschaft uns direkt gibt, etwas anderes zu holen als Fragen in bezug auf das eigentliche Wesen des Menschen, ebensowenig können wir bei der Naturwissenschaft unmittelbar stehenbleiben und etwa unsere übersinnlichen Bedürfnisse in einer ähnlichen Art befriedigen, wie es die Vorzeit getan hat.

[ 9 ] But everything which appears before the human being in this form, which could still give a certain satisfaction to an earlier humanity, is no longer valid for us. It is no longer valid for us for the reason that our way of looking into external nature has become something different. Here we have to look back to the times when there still existed only a mystically colored astrology. Man then looked into the world of the senses in such a way that his perception was far removed from the exactness which we demand of science today. For this reason, because he did not demand of himself in his sense life that complete clarity which we possess today, he could discover in a mystical, half-conscious state something from which he could draw inferences. This we cannot do today. Just as little as we are able to derive today from what science gives us anything else than questions in regard to the true nature of man, just so little can we afford to remain at a standstill at the point reached by science and expect to satisfy our super-sensible needs in a manner similar to that of earlier times.

[ 10 ] In diese Zeitforderung hinein schaut jene übersinnliche Erkenntnisart, von der ich hier sprechen will. Sie schaut darauf hin, wie das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen geworden sind gerade durch die Naturwissenschaft, und sie fragt auf der anderen Seite: Ist es möglich, gerade mit dem, was sich der heutige Mensch da im Denken, Fühlen und Wollen erobert hat, nun mit derselben Klarheit, die auf naturwissenschaftlichem Gebiete herrscht, weiter zu schreiten in das Übersinnliche hinein? Durch Schlußfolgerungen, durch Logik und so weiter kann das nicht geschehen, denn mit Bezug auf ihr eigenes Wesen deutet die Naturwissenschaft mit Recht ihre Grenzen an. Aber ein anderes kann geschehen: daß die inneren menschlichen Seelenfähigkeiten von dem Punkte an, an dem sie stehen, wenn wir innerhalb der gewöhnlichen wissenschaftlichen Forschung sind, weiterentwickelt werden; so daß wir jetzt jene Exaktheit, an die wir uns in bezug auf das äußere Forschen im Laboratorium und in der Klinik gewöhnt haben, anwenden auf die Entwickelung unserer eigenen Geistesfähigkeiten. Vorerst will ich das in bezug auf das Denken selber ausführen.

[ 10 ] That form of super-sensible knowledge of which I shall speak here has an insight into this demand of our times. It observes the form that has been taken on by thinking, feeling, and willing in man precisely by reason of natural science, and it asks on the other side whether it may be possible by reason of the very thing which has been achieved by contemporary humanity in thinking, feeling, and willing to penetrate further into the super-sensible realm with the same clarity which holds sway in the scientific realm. This cannot be achieved by means of inferential reasoning, by means of logic; for natural science justly points out its limitations with reference to its own nature. But something else can occur: that the inner human capacities may evolve further, beyond the point at which they stand when we are in the realm of ordinary scientific research, so that we now apply to the development of our own spiritual capacities the same exactness to which we are accustomed in connection with research in the laboratory and the clinic. I shall discuss this first in connection with thinking itself.

[ 11 ] Es kann das Denken, das sich für das äußere Forschen seiner passiven Rolle immer mehr und mehr bewußt geworden ist und diese nicht verleugnen will, innerlich sich zur Aktivität erkraften, so erkraften, daß es jetzt nicht in der Weise exakt ist, wie man sonst mit Messen, Wägen und so weiter in der äußeren Forschung exakt ist, aber so exakt, daß es in bezug auf seine eigene Ausbildung exakt ist, so wie der äußere Forscher, der Mathematiker zum Beispiel gewohnt ist, jeden Schritt mit vollem Bewußtsein zu verfolgen. Das aber geschieht, indem jene übersinnliche Erkenntnisart, von der ich hier spreche, an die Stelle des alten verschwommenen Meditierens, an die Stelle des alten verschwommenen Sichversenkens in das Denken nun eine wirkliche exakte Entwickelung dieses Denkens setzt.

[ 11 ] Thinking, which has become more and more conscious of its passive role in connection with external research, and is not willing to disavow this, is capable of energizing itself inwardly to activity. It may energize itself in such a way that, although not exact in the sense in which we apply this term to measuring and weighing in external research, it is exact in relationship to its own development in the sense in which the external scientist, the mathematician for example, is accustomed to follow with full consciousness every step in his research. But this occurs when that mode of super-sensible cognition of which I am here speaking substitutes a truly exact development of this thinking in place of the ancient vague meditation, the ancient indistinct immersion of oneself in thinking.

[ 12 ] Ich kann das, was ich in bezug auf eine solche exakte Entwickelung des Denkens in meinen Büchern «Geheimwissenschaft im Umriß» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen ausgeführt habe, hier nur prinzipiell andeuten. Der Mensch sollte es wirklich über sich bringen, solange als es für jeden notwendig ist — was sich ergibt aus der verschiedenen menschlichen Veranlagung —, die Rolle, die er sonst im Denken einnimmt und mit Recht einnimmt: sich passiv der äußeren Welt hinzugeben —, zu vertauschen mit jener anderen: seine ganze innere Seelenaktivität in dieses Denken zu legen, indem er zum Beispiel Tag für Tag, wenn auch jeweils nur für kurze Zeit, mit Zurückziehung seines Gemütes von der Außenwelt, irgendeinen Gedanken, auf dessen Inhalt es zunächst nicht ankommt, in seine Seele hereinnimmt und alle seine inneren Seelenkräfte in innerer Konzentration auf diesen einen Gedanken hinlenkt. Dann tritt dadurch etwas ein, was man in bezug auf die Ausbildung jener Seelenfähigkeiten vergleichen kann mit dem, was sich ergibt, wenn irgendwelche Muskeln am menschlichen Leibe, zum Beispiel die Armmuskeln, ausgebildet werden sollen: die Muskeln werden durch Gebrauch, durch Übung stärker, werden kräftiger. So werden die Seelenfähigkeiten durch das Hinlenken auf einen bestimmten Gedanken innerlich aktiver, kräftiger. Und man muß nun die Sache so einrichten, daß man wirklich exakt vorgeht, daß man jeden Schritt, den man mit seinem Denken macht, so überschaut, wie der Mathematiker seine Operationen überschaut, wenn er ein geometrisches oder arithmetisches Problem lösen will. Das kann man auf die verschiedenste Weise machen. Trivial sieht es aus, wenn ich sage, man solle zu diesem Konzentrationsinhalt etwas benutzen, was man in irgendeinem Buche findet, meinetwillen in einem alten Schmöker, von dem man ganz bestimmt weiß, daß man ihn noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Es kommt zunächst nicht darauf an, was der Wahrheitsgehalt dieser Sache ist, sondern es kommt darauf an, daß man einen solchen Gedankeninhalt voll überschaut. Das kann man nicht, wenn man aus seinem Gedächtnis heraus einen Gedankeninhalt nimmt; denn mit einem solchen hängt vieles in der unbestimmtesten Weise für den Menschen zusammen, vieles, was im Unterbewußten oder Unbewußten spielt, und man kann nicht exakt sein, wenn man sich darauf konzentriert. Etwas also, was einem ganz neu ist, was man nur seinem unmittelbaren Inhalte nach vor sich hat, womit sich noch nicht eine seelische Erfahrung verknüpft hat, das stellt man in den Mittelpunkt seines Bewußtseins. Es kommt auf die Konzentration der Seelenkräfte an und auf die daraus hervorgehende Verstärkung. Ebenso ist es gut, kein Vorurteil dagegen zu haben, wenn man zu jemanden geht, der auf diesem Gebiete Fortschritte gemacht hat, und sagt, er solle einem einen solchen Inhalt geben. Dann ist einem der Inhalt neu und man kann ihn überschauen. Viele Menschen fürchten, sie würden dadurch abhängig werden von dem anderen, der ihnen einen solchen Inhalt übermittelt. Das ist aber nicht der Fall; in Wahrheit werden sie unabhängiger, als wenn sie aus ihren Erinnerungen und Erfahrungen einen solchen Gedankeninhalt, der mit allerlei unterbewußten Erlebnissen verbunden ist, hervorholen. Und für den, der im wissenschaftlichen Arbeiten einige Erfahrungen hat, ist es gut, wenn er wissenschaftliche Ergebnisse als Konzentrationsstoff benutzt; die erweisen sich sogar als dafür am allerfruchtbarsten.

[ 12 ] It is possible here to indicate only in general principles what I have said in regard to such an exact development of thinking in my books Occult Science: An Outline and Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, and other books. The human being should really compel himself, for the length of time which is necessary for him—and this is determined by the varying innate capacities of people—to exchange the role of passive surrender to the external world, which he otherwise rightly assumes in his thinking, for that different role: that of introducing into this thinking his whole inner activity of soul. This he should do by taking into his mind day by day, even though at times only for a brief period, some particular thought—the content of which is not the important matter—and, while withdrawing his inner nature from the external world, directing all the powers of his soul in inner concentration upon this thought. By means of this process something comes about in the development of those capacities of soul that may be compared with the results which follow when any particular muscles of the human body—for instance, the muscles of the arms—are to be developed. The muscles are made stronger, more powerful through use, through exercise. Thus, likewise, do the capacities of the soul become inwardly stronger, more powerful by being directed upon a definite thought. This exercise must be so directed that we proceed in a really exact way, that we survey every step taken in our thinking just as a mathematician surveys his operations when he undertakes to solve a geometrical or arithmetical problem. This can be done in the greatest variety of ways. It may seem trivial when I say that something should be selected for this content of concentration that one finds in any sort of book—even some worthless old volume that we know quite certainly we have never previously seen. The important point is, not what the content of truth in the thing is, but the fact that we survey such a thought content completely. This cannot be done if we take a thought content out of our own memory; for very much is associated with such a thought in the most indeterminate way, very much that plays a role in the subconscious or the unconscious, and it is not possible to be exact if one concentrates upon such a thing. What one fixes, therefore, in the very center of one's consciousness is something entirely new, something that one confronts only with respect to its actual content, which is not associated with any experience of the soul. The matter of importance is the concentration of the forces of the soul and the strengthening which results from this. Likewise, if one goes to a person who has made some progress in this field and requests him to provide one with such a thought content, it is not well to entertain any prejudice against this. The content is in that case entirely new to the person concerned, and he can survey it. Many persons fear that they may become dependent in this way upon some one else who provides them with such a content. But this is not the case; in reality, they become less dependent than if they take such a thought content out of their own memories and experiences, in which case it is bound up with all sorts of subconscious experiences. Moreover, it is well for a person who has had some practice in scientific work to use the findings of scientific research as material for concentration; these prove to be, indeed, the most fruitful of all for this purpose.

[ 13 ] Wenn man dies durch längere Zeit, vielleicht durch Jahre tut — das alles muß mit Geduld und Ausdauer geschehen, bei manchem dauert es wenige Wochen oder Monate, bis ein Erfolg sich einstellt, bei manchem Jahre —, dann kann der Mensch dahin kommen, diese Methode auf die innere Ausgestaltung seines Denkens so exakt anzuwenden, wie der Physiker oder Chemiker die Methoden des Messens und Wägens anwendet, um der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen; was man da gelernt hat, wendet man auf die Weiterentwickelung des eigenen Denkens an. Es kommt dann in einem gewissen Zeitpunkt eine bedeutsame innere Erfahrung des Menschen. Die besteht darin, daß man sich nun nicht nur im Bilddenken fühlt, das die äußeren Ereignisse und Tatsachen abmalt, und das im Grunde genommen um so treuer ist, je weniger es Kraft in sich selber hat, je mehr es bloßes Bild ist; sondern man kommt dazu, zu diesem Denken hinzuzufügen die innere Erfahrung von erlebtem Denken, von innerlich durchkraftetem Denken. Das ist eine bedeutsame Erfahrung. Und ich möchte sagen, es wird dadurch das Denken etwas, was man anfängt so zu erleben, wie man sonst seine Muskelkräfte erlebt, wenn man irgend etwas angreift oder an etwas stößt. Das Erlebnis einer Realität, wie man es sonst hat in bezug auf seine Atmungszirkulation oder in seiner Muskeltätigkeit, dieses innere Aktive zieht in das Denken ein. Und da man jeden Schritt auf diesem Wege exakt erforscht hat, so erlebt man sich mit voller Besonnenheit, mit voller Klarheit in diesem erstarkten, aktiven Denken. Wenn etwa eingewendet wird, daß Wissenschaft ausgehen müsse von Erfahrung und Logik, so ist das kein Einwand; denn was da erlebt wird, das wird erlebt mit voller innerer Klarheit, aber zugleich wird es so erlebt, daß dieses Denken eine Art seelisches Tasten wird. Man fühlt sich, indem man einen Gedanken ausbildet, wie wenn man einen Fühler ausstreckt — jetzt nicht wie wenn die Schnecke einen Fühler ausstreckt in der physischen Welt, sondern wie wenn man einen Fühler ausstrect in einer geistigen Welt, die, wenn man bis zu dieser Stufe gediehen ist, zunächst nur gefühlsmäßig da ist, aber die man mit Recht erwarten kann. Denn man hat die Empfindung: Dein Denken hat sich verändert zu einem geistigen Tasten; wenn das immer mehr und mehr in dir der Fall sein kann, dann darfst du erwarten, daß dieses Denken auch auf geistig Wesenhaftes aufstößt, wie dein Finger hier in der physischen Welt auf physisch Wesenhaftes aufstößt.

[ 13 ] If this is continued for a relatively long time, even for years perhaps—and this must be accompanied by patience and endurance, since it requires a few weeks or months in some cases before success is achieved, and in some cases years—it is possible to arrive at a point where this method for the inner molding of one's thoughts can be applied as exactly as the physicist or the chemist applies the methods of measuring and weighing for the purpose of discovering the secrets of nature. What one has then learned is applied to the further development of one's own thinking. At a certain point of time, the person then has a significant inner experience. This consists in the fact that he feels himself to be involved not only in picture-thinking, which depicts the external events and facts and which is true to reality in inverse proportion to the force it possesses in itself, in proportion as it is a mere picture; but one arrives now at the point of adding to this kind of thinking the inner experience of a thinking in which one lives, a thinking filled with inner power. This is a significant experience. Thinking thus becomes, as it were, something which one begins to experience just as one experiences the power of one's own muscles when one grasps an object or strikes against something. A reality such as one experiences otherwise only in connection with the process of breathing or the activity of a muscle,—this inner active something now enters into thinking. And, since one has investigated precisely every step upon this way, so does one experience oneself in full clarity and sober-mindedness of consciousness in this strengthened, active thinking. If the objection is raised, let us say, that knowledge can result only from observation and logic, this is no real objection; for what is now experienced we experience with complete inner clarity, and yet in such a way that this thinking becomes at the same time a kind of “touching with the soul.” In the process of forming a thought, it is as if we were stretching out a feeler—not, in this case, as when the snail stretches a feeler into the physical world, but as if a feeler were stretched out into a spiritual world, which is as yet present only for our feelings if we have succeeded to this stage, but which we are justified in expecting. For one has the feeling: “Your thinking has been transformed into a spiritual touching; if this can become more and more the case, you may expect that this thinking will come into contact with what constitutes a spiritual reality, just as your finger here in the physical world comes into contact with what is physically real.”

[ 14 ] Wenn man eine Zeitlang in diesem innerlich erkrafteten Denken lebt, dann ist erst die volle Selbsterkenntnis dem Menschen möglich. Denn man weiß dann: Durch diese Konzentration ist das Seelische zu einer erlebbaren Realität geworden.

[ 14 ] Only when one has lived for a time in this inwardly strengthened thinking does complete self-knowledge become possible. For we know then that the soul element has become by means of this concentration an experiential reality.

[ 15 ] Man kann jetzt in seinem Üben fortfahren und kann dazu schreiten, diese Gedankeninhalte, auf die man sich konzentriert hat, die einen dazu gebracht haben, ein reales seelentastendes Denken zu haben, diese Seeleninhalte nun auszuschalten, wegzuschaffen, gewissermaßen das Bewußtsein von dem, was man selbst in dieses Bewußtsein hineingebracht hat, leer zu machen. Es ist verhältnismäßig leicht, im gewöhnlichen Leben das Bewußtsein leer zu bekommen; man braucht nur einzuschlafen. Aber es ist eine intensive Kraft dazu notwendig, wenn man sich zu konzentrieren gewohnt ist auf einen bestimmten Gedankeninhalt, gerade bei verstärktem Denken, bei realisiertem Denken einen solchen Gedankeninhalt wegzuschicken. Aber ebenso, wie man zuerst die starke Kraft bekommen hat, sich zu konzentrieren, so bringt man es jetzt dazu, diesen Gedankeninhalt wieder wegzuschaffen. Hat man es aber dazu gebracht, dann tritt etwas vor die Seele, was man vorher nur in Form eines episodischen Erinnerungsbildes haben konnte: Es tritt in einer neuen Weise das ganze innere Leben des Menschen vor sein Seelenauge, wie er es in diesem irdischen Dasein durchgemacht hat seit der Geburt oder seit dem Zeitpunkt, bis zu dem man sich zurückerinnert, wo man bewußt in dieses irdische Dasein eingetreten ist. Für gewöhnlich kennt man ja von diesem irdischen Dasein nur das, woran man sich gedächtnismäßig erinnert; man hat die Bilder der Erlebnisse. Was man aber jetzt durch das erkraftete Denken erlebt, ist nicht von derselben Art. Es tritt auf wie in einem mächtigen Tableau, so daß man sich an das, was man vor zehn Jahren etwa durchgemacht hat, nicht wie in einem blassen Bilde bloß erinnert, sondern es tritt so auf, daß man das innere Erlebnis hat: Man geht im Geiste die Zeit zurück. Macht man meinetwillen in seinem fünfzigsten Jahre eine solche Übung, die zu dem Angedeuteten führt, dann wird es so, daß einem die Zeit gestattet, wie durch einen «Zeitweg» zurückzugehen bis meinetwillen zu den Erlebnissen in seinem fünfunddreißigsten Jahre. Man schreitet durch die Zeit, man fühlt nicht bloß eine blasse Erinnerung an das, was man vor fünfzehn Jahren durchgemacht hat, sondern man fühlt sich in aller Lebendigkeit drinnen wie in einem gegenwärtigen Erlebnis. Man schreitet durch die Zeit, der Raum verliert seine Bedeutung, die Zeit liefert einem ein mächtiges Erinnerungstableau. Dasjenige wird exaktes Bild des Menschenlebens, wovon selbst naturwissenschaftliche Denker zugeben, daß es in einer episodischen Weise auftritt, wenn der Mensch zum Beispiel beim Ertrinken einem großen Schreck, einem Schock ausgesetzt ist, wo er für Augenblicke etwas von seinem ganzen Erdenleben in Bildern vor die Seele gestellt hat, an die er dann später mit einem gewissen schauernden Entzücken noch zurückdenkt. Was sich also in einem solchen Falle wie in einer Naturgewalt vor die Seele stellt, das tritt aber dann in dem angedeuteten Zeitpunkte wirklich vor die Seele hin, indem das ganze Erdenleben wie in einem mächtigen, aber nur zeitlich angeordneten Geist-Tableau vor einem steht. Jetzt erst erkennt man sich selber, jetzt erst hat man wirkliche Selbstbeobachtung.

[ 15 ] It is possible then for the person concerned to go forward in his exercises and to arrive at the point where he can, in turn, eliminate this soul content, put it away, in a certain sense render his consciousness void of what he himself has brought into this consciousness, this thought content upon which he has concentrated, and which has enabled him to possess a real thinking constituting a sense of touch for the soul. It is rather easy in ordinary life to acquire an empty consciousness; we need only to fall asleep. But it requires an intense application of force, after we have become accustomed to concentrating upon a definite thought content, to put away such a content of thought in connection with this very strengthened thinking, thinking which has become a reality. But we succeed in putting aside this content of thinking in exactly the same way in which we acquired at first the powerful force needed for concentration. But, when we have succeeded in this, something appears before the soul which has been possible previously only in the form of pictures of episodes in one's memory: the whole inner life of the person appears in a new way before the eyes of his soul, as he has passed through this life in his earthly existence since birth, or since the earliest point of time to which one's memory can return, at which one entered consciously into this earthly existence. Ordinarily, the only thing we know in regard to this earthly existence is that which we can call up in memory; we have pictures of our experiences. But what is now experienced by means of this strengthened thinking is not of the same kind. It appears as if in a tremendous tableau so that we do not recollect merely in a dim picture what we passed through ten years ago, for instance, but we have the inner experience that in spirit we are retracing the course of time. If some one carries out such an exercise in his fiftieth year, let us say, and arrives at the result indicated, what then happens is that time permits him to go back as if along a “time-path” all the way, for instance, to the experiences of his thirty-fifth year. We travel back through time. We do not have only a dim memory of what we passed through fifteen years earlier, but we feel ourselves to be in the midst of this in its living reality, as if in an experience of the present moment. We travel through time; space loses its significance, and time affords us a mighty tableau of memory. A precise picture of the life of the person is now created out of that which appears in an episodic manner, even according to scientific thinkers, when anyone is exposed to great terror, a severe shock, at the moment of drowning, for instance, when for some moments he is confronted by something of his entire earthly life in pictures appearing before his soul—to which he looks back later with a certain shuddering fascination. In other words, what appears before the soul in such cases as through a natural convulsion now actually appears before the soul at the moment indicated, when the entire earthly life confronts one as in a mighty tableau of the spirit, only in a time order. Only now does one know oneself; only now does one possess real self-observation.

[ 16 ] Man kann sehr wohl dieses Bild des menschlichen Inneren von dem unterscheiden, was bloß Erinnerungsbild ist. Das bloße Erinnerungsbild zeigt, wie Menschen, Naturereignisse oder Kunstwerke von außen an den Menschen herankommen; man hat mehr die Art, wie die Welt an einen herankommt, in diesem Erinnerungsbilde vor sich. In demjenigen aber, was da als ein übersinnliches Erinnerungstableau vor den Menschen hintritt, tritt ihm mehr dasjenige entgegen, was von ihm selbst ausgegangen ist. Hat man zum Beispiel in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens die Freundschaft mit einer geliebten Persönlichkeit begonnen, so tritt einem im Bilde entgegen, wie diese Persönlichkeit in einem gewissen Zeitpunkte auf einen zugekommen ist, wie sie zu einem gesprochen hat, was man ihr verdankt und so weiter. In diesem Lebenstableau tritt einem entgegen, wie man sich zu diesem Menschen hingesehnt hat, und wie man jeden Schritt zuletzt so gemacht hat, daß er einen hinführen mußte zu dem Wesen, von dem man erkannt hat, daß es zu einem paßt.

[ 16 ] It is quite possible to differentiate this picture of man's inner being from that which constitutes a mere “memory” picture. It is clear in the mere memory picture that we have something in which persons, natural occurrences, or works of art come upon us as if from without; in this memory picture what we have is the manner in which the world comes into contact with us. But in the super-sensible memory tableau which appears before a person, what confronts him is, rather, that which has proceeded from himself. If, for instance, at a certain definite point of time in his life he began a friendship with a beloved personality, the mere memory picture shows him how this person came to him at a certain point of time, spoke to him, what he owes to the person, etc. But, in this life tableau what confronts him is the manner in which he himself longed for this person, and how he took every step at last in such a way that he was inevitably led to that being regarding whom he had the knowledge that this being was suited to himself.

[ 17 ] Was sich durch die Entfaltung der Seelenkräfte gebildet hat, das tritt einem in diesem Lebenstableau mit exakter Klarheit entgegen. Viele Menschen lieben solche exakte Klarheit nicht, weil sie ihnen Aufschluß gibt über manches, was sie lieber in einem anderen Lichte sehen würden als in dem Lichte der Wahrheit. Aber man muß es ertragen, daß man in voller Unbefangenheit auf sein eigenes Innere schauen kann, auch wenn dieses eigene Innere vor dem forschenden Blicke vorwurfsvoll einem begegnet. Ich habe diese Stufe des Erkennens die imaginative Erkenntnis oder Imagination genannt.

[ 17 ] That which has taken place through the unfolding of the forces of the soul comes to meet one with exact clarity in this life tableau. Many people do not like this precise clarity, because it brings them enlightenment in regard to much that they would prefer to see in a different light from the light of truth. But one must endure the fact that one is able to look upon one's own inner being in utter freedom from preconceptions, even though this being of oneself confronts the searching eye with reproach.

[ 18 ] Nun kann man aber von dieser Stufe aus weiterschreiten. In dem, was man erkennt durch dieses Erinnerungstableau, hat man diejenigen Kräfte gegeben, die einen in Wirklichkeit als Mensch gebildet haben. Man weiß jetzt, indem man vor diesem Lebenstableau steht: In dir entwickeln sich die Kräfte, die an den Substanzen deines physischen Leibes gestalten; in dir haben sich, besonders in der Kindheit, diejenigen Kräfte entwickelt, welche die nach der Geburt noch ungeordnete Gehirn-Nervenmasse zur plastischen Ausgestaltung bis etwa zum siebenten Jahre hin gebracht haben. Man hört endlich auf, dasjenige was da innerlich gestaltet im Menschen, jenen Kräften zuzuschreiben, die an den materiellen Substanzen haften; man hört damit auf, wenn man dieses Erinnerungstableau vor sich hat, wenn man schaut, wie in alle Ernährungs- und Atmungskräfte und in alle Blutzirkulation hineinströmen die Inhalte dieses Erinnerungstableaus, die selbst Kräfte sind — Kräfte, ohne die keine Blutwelle kreist, ohne die kein Atmungsvorgang sich vollzieht. Man lernt jetzt erkennen, wie der Mensch seinem inneren Wesen nach geistig-seelisch ist.

[ 18 ] This stage of cognition I have called imaginative knowledge, or imagination. But one can progress beyond this stage. In that which we come to know through this memory tableau, we are confronted by those forces which have really formed us as human beings. While confronting this tableau of life, we know: “Within you those forces evolve which mold the substances of your physical body.” Within you, especially during childhood, those forces have evolved which have plastically modeled approximately up to the seventh year the nerve masses of the brain, which did not yet exist in well ordered form after your birth. We then cease at last to ascribe what works formatively upon the human being within to those forces which inhere in material substances. We cease to do this when we have this memory tableau before us, when we see how there stream into all the forces of nutrition and of breathing and into the whole circulation of the blood the contents of this memory tableau—which are forces in themselves, forces without which no single wave of the blood circulates and no single process of breathing occurs. We now learn to understand that man himself in his inner being consists of spirit and soul.

[ 19 ] Was einem da aufgeht, läßt sich am besten durch einen Vergleich charakterisieren. Denken Sie sich, Sie gehen eine Strecke über einen Boden, der durch den Regen erweicht ist, und Sie haben auf Ihrem Wege überall Spuren oder Furchen, welche Menschenfüße oder vielleicht Wagenräder gemacht haben. Nehmen wir nun an, es käme ein Wesen vom Monde und sähe diesen Zustand des Bodens, aber keine Menschen, so käme es vielleicht darauf, zu sagen: Da unter der Erde müssen allerlei Kräfte sein, die diese Spuren aufgewühlt und die Erde so konfiguriert haben. — Ein solches Wesen könnte in der Erde die Kräfte suchen, die die Furchen veranlaßt haben. Wer aber die Sache durchschaut, der weiß, das hat nicht die Erde gemacht, sondern das ist durch Menschenfüße und Wagenräder entstanden.

[ 19 ] What now dawns upon one can best be described by a comparison. Imagine that you have walked for a certain distance over ground which has been softened by rain, and that you have noticed all the way tracks or ruts made by human feet or wagon wheels. Now suppose that a being should come from the moon and see this condition of the ground, but should see no human being. He would probably come to the conclusion that there must be all sorts of forces underneath the earth which have thrust up these traces and given this form to the surface of the ground. Such a being might seek within the earth for the forces which have produced the tracks. But one who sees into the thing knows that the condition was not caused by the earth but by human feet or wagon wheels.

[ 20 ] Wer nun die Dinge so überschaut, wie ich es eben beschrieben habe, der schaut dadurch wahrhaftig nicht mit geringerer Ehrfurcht zum Beispiel in die Furchungen des menschlichen Gehirnes hinein. Aber wie er weiß, daß jene Spuren auf der Erde nicht von Kräften in der Erde herstammen, so weiß er jetzt: Diese Furchungen des Gehirns rühren nicht von Kräften her, die in dem materiellen Gehirn stecken, sondern da ist das Geistig-Seelische des Menschen, das man selber jetzt geschaut hat, und das arbeitet so, daß unser Gehirn diese Furchungen hat. Das ist das Wesentliche: hingetrieben werden zu dieser Anschauung, so daß der Mensch zur Anschauung des eigenen geistig-seelischen Wesens kommt, daß der Seelenblick wirklich hingelenkt wird auf das Geistig-Seelische und auf sein Auftreten im äußeren Leben.

[ 20 ] Now, any one who possesses a view of things such as I have just described does not by any means for this reason look with less reverence, for example, upon the convolutions of the human brain. But, just as he knows that those tracks on the surface of the earth do not derive from forces within the earth, he now knows that these convolutions of the brain do not derive from forces within the substance of the brain, but that the spiritual-psychic entity of man is there, which he himself has now beheld, and that this works in such a way as to cause our brain to have these convolutions. This is the essential thing—to be driven to this view, so that we arrive at a conception of our own spirit-soul nature, that the eye of the soul is really directed to the spirit-soul element and to its manifestation in the external life.

[ 21 ] Aber es kann nun weitergeschritten werden. Nachdem man erst im Konzentrieren auf einen bestimmten Gedankeninhalt das eigene Innere erkraftet hat und dann das Bewußtsein leer gemacht hat, so daß einem statt der eigenen geformten Bilder jetzt der eigene Lebensinhalt vor die Seele getreten ist, kann man nun auch dieses Erinnerungstableau so aus dem Bewußtsein wieder herausbringen, wie man vorher eine einzelne Vorstellung herausgebracht hat, so daß das Bewußtsein von ihr leer geworden ist. Jetzt kann man die starke Kraft anwenden lernen, dasjenige was man zuerst in einer gesteigerten Selbstbeobachtung als ein geistig-seelisches Wesen erkannt hat, nun wieder aus seinem Bewußtsein auszulöschen. Man löscht ja dabei nichts Geringeres aus als das Innere seines Seelenlebens selbst. Das Äußere von sich auszulöschen, hat man zunächst gelernt in der Konzentration; man hat dann gelernt, den Seelenblick auf das eigene Geistig-Seelische hinzulenken; das füllt dieses ganze Erinnerungstableau aus. Gelangt man jetzt dazu, dieses Erinnerungstableau selbst auszulöschen, dann tritt das ein, was ich wirklich «leeres» Bewußtsein nennen möchte. Man hat vorher gelebt in dem Erinnerungstableau oder in dem, was man selbst vor die Seele gestellt hat; jetzt tritt etwas ganz anderes auf. Was in einem selbst lebte, hat man unterdrückt, und man setzt sich nun mit leerem Bewußtsein der Welt aus. Das bedeutet für das Erleben der Seele etwas außerordentlich Bedeutsames. Und im Grunde genommen kann ich es zunächst nur vergleichsweise schildern, was da für die Seele eintritt, indem man durch eine starke innere Kraft, die man anwendet, den eigenen Seeleninhalt auslöscht. Man braucht nur dessen zu gedenken, wie ein Mensch, vor dem die äußeren Sinneseindrücke allmählich schweigen, bei dem das Sehen, das Hören, vielleicht auch das deutliche Tasten aufhört, in einen Zustand versinkt, der einem Schlafzustande durchaus ähnlich ist. Jetzt aber, wenn man den eigenen Seeleninhalt auslöscht, kommt man zu einem zwar leeren Bewußtsein, aber nicht zu einem schlafenden; man kommt zu einem Zustande, den ich den Zustand des «bloßen Wachens», nämlich des Wachens mit leerem Bewußtsein, nennen möchte. Dieses leere Bewußtsein kann sich uns vielleicht dadurch vor die Seele stellen, daß ich sage: Man denke sich eine moderne Großstadt mit all ihrem Lärmen und Getöse. Man kann sich von ihr entfernen, es wird immer stiller und stiller um einen. Dann aber kommt man vielleicht in das Innere eines Waldes; es ist ein völliger Kontrast gegenüber dem Lärmen der Großstadt da: man lebt in völliger innerer Stille, Jautlose Ruhe ist um einen.

[ 21 ] But it is possible to progress still further. After having first strengthened our inner being through concentrating upon a definite content of thought, and then having emptied our consciousness, so that, instead of the images we ourselves have formed, the content of our life now appears before us, we can now put this memory tableau out of our consciousness, in turn, just as we previously eliminated a single concept, so that our consciousness was void of this. We can now learn to apply the powerful force so as to blot out from our consciousness that which we have come to know through a heightened self-observation as a spirit-soul being. In doing this, we blot out nothing less than the inner being of our own soul life. We learned first in concentration to blot out what is external, and we then learned to direct the look of our soul to our own spirit-soul entity, and this completely occupied the whole tableau of memory. If we now succeed in blotting out this memory tableau itself, there comes about what I wish to designate as the truly empty consciousness. We have previously lived in the memory tableau or in what we ourselves have set up before our minds, but now something entirely different appears. That which lived within us we have now suppressed, and we confront the world with an empty consciousness. This signifies something extraordinary in the experience of the soul. Fundamentally speaking, I can describe at first only by means of a comparison what now appears to the soul, when the content of our own soul is blotted out by means of the powerful inner force we apply. We need only to think of the fact that, when the impressions of the external senses gradually die away, when there is a cessation of seeing, hearing, perhaps even of a distinct sense of touch, we sink into a state closely resembling the state of sleep. In the present case, however, when we blot out the content of our own souls, although we do come to an “empty” state of consciousness, this is not a state of sleep. We reach what I might call the state of being merely awake—that is, being awake with an empty consciousness. We may, perhaps, be enabled to conceive this empty consciousness in the following way. Imagine a modern city with all its noise and din. We may withdraw from the city, and everything becomes more and more quiet around us, but we finally enter, perhaps, a forest. Here we find the absolute opposite of the noises of the city. We live in complete inner stillness, in soundless quiet.

[ 22 ] Sehen Sie, ich muß einen trivialen Vergleich anwenden, wenn ich das Weitere charakterisieren will. Die Frage müssen wir aufwerfen: Kann diese Ruhe, diese Stille noch zu etwas anderen gemacht werden? Wir können ja diese Ruhe, diese Stille als «Null» bezeichnen, in unserem Wahrnehmen der Außenwelt. Aber wenn wir zum Beispiel ein gewisses Vermögen haben, und wir nehmen von diesem etwas weg: es wird weniger, wir nehmen noch mehr weg: es wird wieder weniger; dann kommen wir zur Null, haben nichts mehr — können wir dann noch weiter gehen? Vielleicht ist es für die meisten nicht erwünscht, aber für viele ist es so, daß sie es durchaus tun: man verringert das Vermögen, indem man Schulden macht. Man hat weniger als die Null und kann immer weniger haben. Gerade so kann auch wenigstens zunächst gedacht werden, die Ruhe, die der Null des Wachens gleicht, noch über diese Null weiterzutreiben in eine Art negativen Zustand hinein. Es kann eine Über-Ruhe, eine Über-Stille zur Ruhe hinzukommen. Das erfährt derjenige, der seinen eigenen Seeleninhalt auslöscht: er kommt in einen Zustand der negativen, der unter der Null liegenden Seelenruhe hinein. Innere Seelenstille in gesteigertstem Maße tritt auf bei vollem Wachsein.

[ 22 ] If, now, I undertake to describe what follows, I must resort to a trivial comparison. We must raise the question whether this quiet, this stillness, can be changed still further into something else. We may designate this stillness as the zero point in our perception of the external world. But, if we possess a certain amount of property and we subtract from this property, it is diminished; as we take away still more, it is further diminished, and we finally arrive at zero and have nothing left. Can we then proceed still further? It may, perhaps, be undesirable to most persons, but the fact is that many do this: they still decrease their possessions by incurring debt. One then has less than zero, and one can still diminish what one has. In precisely the same way, we may at least imagine that the stillness, which is like the zero point of being awake, may be pushed beyond this zero into a sort of negative state. A super-stillness, a super-quietness may augment the quietness. This is what is experienced by one who blots out his own soul content: he enters into a state of quietness of soul which lies below the zero point. An inner stillness of soul in the most intensified degree comes about, during the state of wakefulness.

[ 23 ] Das allerdings ist nicht zu erreichen, ohne daß es von etwas anderem begleitet ist; das ist nur zu erreichen, wenn man einen gewissen Zustand, der mit den Bildvorstellungen auch des eigenen Selbstes verknüpft ist, in einen anderen übergehen fühlt. Derjenige, der zunächst das erste Übersinnliche im eigenen Selbst empfindet, anschaut, er ist in dem Zustande eines gewissen Wohlbehagens, jenes Wohlbehagens und jenes inneren Glückes, auf welches ja die verschiedenen Bekenntnisse hinweisen, indem sie auf das Übersinnliche hindeuten und zugleich den Menschen aufmerksam machen, wie das Übersinnliche ihm in seinem inneren Erleben Glückseligkeit bringt. Ja, bis zu dem Punkte, wo man sein Inneres selbst ausgeschaltet hat, war es ein gewisses Wohlbehagen, eine gesteigerte Glückseligkeit. In dem Moment aber, wo die innere Seelenruhe auftritt, da tritt an die Stelle des inneren Wohlbehagens durchaus innerer Schmerz, innere Entbehrung, wie man sie vorher nicht gekannt hat, daß man jetzt fern ist von dem, womit man im irdischen Leben durchaus verbunden ist, fern nicht nur von dem Erfühlen seines eigenen Leibes, sondern fern von dem Erfühlen der eigenen Erlebnisse seit der Geburt. Und das bedeutet eine Entbehrung, die sich zu einem ungeheueren seelischen Schmerz steigert. Vor dieser Stufe schrecken manche zurück; sie finden nicht den Mut, den Übergang zu tun von einem gewissen niederen Hellsehen, und unter Ausschaltung des eigenen Seeleninhaltes nun einzutreten in ein Bewußtsein, wo jene innere Ruhe vorhanden ist. Tritt man aber mit vollem Bewußtsein in dieses Stadium ein, dann beginnt an die Stelle der Imagination dasjenige zu treten, was ich in meinen schon genannten Büchern — man stoße sich bitte jetzt nicht an den Ausdrücken — die Inspiration genannt habe: das Erleben einer wirklichen geistigen Welt. Nachdem man so vorher die Sinneswelt ausgeschaltet hat und ein leeres Bewußtsein in unsäglichem Seelenschmerz hergestellt hat, tritt einem die äußere geistige Welt entgegen. Man wird in der Inspiration gewahr, daß in der Umgebung des Menschen, wie die Sinneswelt für die äußeren Sinne, so eine geistige Welt vorhanden ist.

[ 23 ] But this cannot be attained unless it is accompanied by something else. This can be obtained only when we feel that a certain state associated with the picture concepts of our own self passes over into another state. One who senses the first stage of the super-sensible within himself, who views this, is in a certain state of well-being, that well-being and inner blissfulness to which the various religious creeds refer when they call attention to the super-sensible and at the same time remind the human being that the super-sensible brings to him the experience of a certain blissfulness in his inner being. Indeed, up to the point where we exclude our own inner self, there was a certain sense of well-being, an intensified feeling of blissfulness. At that moment, however, where the stillness of soul comes about, this inner well-being is replaced completely by inner pain, inner deprivation, such as we have never previously known—the sense that one is separated from all to which one is united in the earthly life, far removed not only from the feeling of one's own body but from the feeling of one's own experiences since birth. And this signifies a deprivation which reaches the degree of tremendous pain of soul. Many shrink back from this stage, lacking the courage to make the transition from a certain lower clairvoyance and, after eliminating their own content of soul, to enter into that state of consciousness where resides that inner stillness. But, if we pass into this stage in full consciousness, there begins to enter, in place of imagination, that which I have called in the books previously mentioned inspiration—I trust you will not take offense at these terms—the experience of a real spiritual world. After one has previously eliminated the world of the senses and has substituted an empty consciousness, accompanied by inexpressible pain of soul, then does the external spiritual world come to meet us. In the state of inspiration we become aware of the fact that the human being is surrounded by a spiritual world just as the sense world exists for his external senses.

[ 24 ] Und das erste, was man wiederum in dieser geistigen Welt erblickt, ist das eigene vorirdische Dasein. Wie man sonst durch die gewöhnliche Erinnerung auf Erdenerlebnisse zurück schaut, so geht einem jetzt ein kosmisches Gedächtnis auf: Man schaut zurück in vorirdische Erlebnisse, wie man war als geistig-seelisches Wesen in einer rein geistigen Welt, bevor man durch die Geburt zu diesem irdischen Dasein heruntergestiegen ist, indem man von seinem geistigen Wesen aus eingriff in die Ausgestaltung des eigenen Leibes. So schaut man zurück auf das Geistige, Ewige in der menschlichen Natur, auf das, was sich einem enthüllt als das vorirdische Dasein, von dem man jetzt weiß, es hängt nicht ab von Geburt und Tod des physischen Leibes, denn es ist das, was vor der Geburt, vor der Empfängnis war, was diesen physischen Leib aus der Materie, der Vererbung, selbst erst zum Menschenwesen gemacht hat. Jetzt erst gelangt man zu einem wahren Begriff auch der physischen Vererbung, da man sieht, was in diese hineinspielt an übersinnlichen Kräften, die man aus der rein geistigen Welt mit der man sich jetzt verbunden fühlt wie hier im Erdenleben mit der physischen Welt — sich aneignet. Und jetzt wird man gewahr, wie trotz der großen Fortschritte, welche die Entwickelung der Menschheit durchgemacht hat, manches verloren gegangen ist, was älteren instinktiven Anschauungen, die wir heute nicht mehr brauchen können, noch eigen war. Dieses vorirdische Leben stand vor der instinktiven übersinnlichen Anschauung einer Menschheit der Vorzeit so, wie die menschliche Unsterblichkeit, von der wir gleich nachher sprechen werden. Denn in alten Zeiten hat man die Ewigkeit so verstanden, daß man ihre zwei Seiten aufgefaßt hat. Wir sprechen heute — selbst unsere Sprache hat nur dieses Wort — von der Unsterblichkeit der Menschenseele; aber man hat einmal gesprochen, und die älteren Sprachen weisen noch solche Worte auf, von der «Ungeborenheit» als der anderen Seite der Ewigkeit der Menschenseele. Jetzt sind ja die Zeiten etwas andere geworden. Was aus der Menschenseele wird nach dem Tode, dafür interessieren sich die Menschen, weil es erst kommt; für das aber, was war vor der Geburt oder der Empfängnis, dafür interessiert man sich weniger, weil es ja «vergangen» ist und man doch da ist. Aber eine wirkliche Erkenntnis der menschlichen Unsterblichkeit kann nur aufgehen, wenn man die Ewigkeit nach den beiden Seiten betrachtet: nach der Unsterblichkeit und der Ungeborenheit.

[ 24 ] And the first thing, in turn, that we behold in this spiritual world is our own pre-earthly existence. Just as we are otherwise conscious of earthly experiences by means of our ordinary memory, so does a cosmic memory now dawn for us: we look back into pre-earthly experiences, beholding what we were as spirit-soul beings in a purely spiritual world before we descended through birth to this earthly existence, when as spiritual beings we participated in the molding of our own bodies. So do we look back upon the spiritual, the eternal, in the nature of man, to that which reveals itself to us as the pre-earthly existence, regarding which we now know that it is not dependent upon the birth and death of the physical body, for it is that which existed before birth and before conception, which made of this physical body derived from matter and heredity a human being. Now for the first time does one reach a true concept also of physical heredity, since one sees what super-sensible forces play into this—forces which we acquire out of a purely spiritual world, with which we now feel united just as we feel united with the physical world in the earthly life. Moreover, we now become aware that, in spite of the great advances registered in the evolution of humanity, much has been lost which belonged inherently to more ancient instinctive conceptions such as we can no longer use. The instinctive super-sensible vision of the humanity of earlier ages was confronted by this pre-earthly life as well as human immortality, regarding which we shall speak a little later. For eternity was conceived in ancient times in such a way that one grasped both its aspects. We speak nowadays of the deathlessness of the human soul—indeed, our language itself possesses only this word—but people once spoke, and the more ancient languages still continue to show such words, of birthlessness as the other aspect of the eternity of the human soul. Now, however, the times have somewhat changed. People are interested in the question what becomes of the human soul after death, because this is something still to come; but as to the other question, what existed before birth, before conception, there is less interest because that has “passed,” and yet we are here. But a true knowledge of human immortality can arise only when we consider eternity in both its aspects: that of deathlessness and that of birthlessness.

[ 25 ] Aber gerade um mit der letzteren zusammenzuhängen, und zwar gerade in einem exakten Hellsehen, dazu ist noch ein Drittes notwendig. Wir fühlen uns eigentlich recht als Menschen, wenn wir unser Gefühl jetzt nicht mehr ganz aufgehen lassen im Erdenleben. Denn das, was wir als vorirdisches Leben nun erkennen, das dringt bildhaft in uns ein, stellt sich hinzu zu dem, was wir von dieser unserer Menschheit erfühlt haben, macht uns erst zu einem Vollmenschen. Da wird unser Fühlen wie von einem inneren Licht durchschlagen, und wir wissen: wir haben jetzt unser Gefühl zum Sinnesorgan für das Geistige ausgebildet. — Aber wir müssen weitergehen und müssen auch das Willenselement zu einem Erkenntnisorgan für das Geistige machen können. Dazu muß etwas eintreten für die menschliche Erkenntnis, was sonst mit Recht von denjenigen, die auf dem Erkenntnisgebiete ernst genommen werden wollen, nicht als eine Erkenntniskraft angesehen wird. Daß es eine Erkenntniskraft ist, wird man erst gewahr, wenn man in die übersinnlichen Gebiete eintritt: es ist die Kraft der Liebe. Man muß nur beginnen, diese Kraft der Liebe in einem höheren Sinne auszubilden, als der ist, durch den uns die Natur die Liebe geschenkt hat mit all ihrer Bedeutung für das natürliche und menschliche Leben. Es wird vielleicht paradox erscheinen, was ich als die ersten Schritte zu schildern habe für das Entfalten einer höheren Liebe im menschlichen Leben.

[ 25 ] But, for the very purpose of maintaining a connection with the latter, and especially in an exact clairvoyance, still a third thing is necessary. We sense ourselves truly as human beings when we no longer permit our feelings to be completely absorbed within the earthly life. For that which we now come to know as our pre-earthly life penetrates into us in pictures and is added to what we previously sensed as our humanity, making us for the first time completely human. Our feelings are then, as it were, shot through with inner light, and we know that we have now developed our feeling into a sense organ for the spiritual. But we must go further and must be able to make our will element into an organ of knowledge for the spiritual. For this purpose, something must begin to play a role in human knowledge which, very rightly, is not otherwise considered as a means of knowledge by those who desire to be taken seriously in the realm of cognition. We first become aware that this is a means of knowledge when we enter the super-sensible realms. This is the force of love. Only, we must begin to develop this force of love in a higher sense than that in which nature has bestowed love upon us, with all its significance for the life of nature and of man. What I shall have to describe as the first steps in the unfolding of a higher love in the life of man may seem paradoxical.

[ 26 ] Wenn Sie versuchen, mit voller Besonnenheit der einzelnen Schritte in einem gewissen Sinne anders die Welt zu erfühlen, als man sie gewöhnlich fühlt, dann kommen Sie zu dieser höheren Liebe. Nehmen Sie an, Sie gehen am Abend, vor dem Schlafengehen, daran, das Tagesleben so vorzustellen, daß Sie beim letzten Ereignis des Abends beginnen, es möglichst genau vorstellen, dann das vorletzte in derselben Weise vorstellen, dann das drittletzte und so, bis zum Morgen rückwärtslaufend, Ihr Tagesleben überschauen, dann ist das ein Vorgang, bei dem es viel mehr auf die innere Energie ankommt als darauf, ob man das einzelne Ereignis mehr oder weniger genau vorstellt. Es kommt auf diese «Umdrehung» des Vorstellens an. Wir betrachten sonst die Ereignisse so, daß erst das Frühere und dann das Folgende betrachtet wird in einer fortlaufenden Gliederung. Durch eine solche Übung, wie ich sie eben angegeben habe, drehen wir das ganze Leben um: wir denken und fühlen dem Tageslauf entgegengesetzt. Wir können es an unseren Tageserlebnissen machen, wie ich es andeutete, und man braucht dazu auch nur einige Minuten; man kann es aber auch anders machen: Man versuche, den Hergang eines Dramas sich so vorzustellen, daß man es, von dem fünften Akt angefangen, zum vierten, dritten, nach vorwärts vorstellt; oder man kann eine Melodie in umgekehrter 'Tonfolge sich vorstellen. Wenn man auf diese Weise immer mehr solche inneren Seelenerlebnisse durchmacht, dann wird man finden, wie sich das innere Erleben losreißt von dem äußeren Naturgange, wie man tatsächlich immer selbständiger und selbständiger wird. Aber trotzdem man sich so immer mehr und mehr individualisiert und es zu immer größerer und größerer Selbständigkeit gebracht hat, lernt man auch, sich mit voller Bewußtheit an das andere, äußere Leben hinzugeben; denn jetzt erst wird man gewahr: je stärker wir diese vollbewußte Hingabe an das andere Wesen übend in uns entwickeln, desto größer wird dadurch unsere Selbstlosigkeit, und desto größer muß die Liebe dafür sein. Auf diese Weise fühlt man, wie dieses Nicht-in-sich-Leben, sondern In-einem-anderen-Wesen-Leben, dieses Hinüberschreiten von dem eigenen Wesen in das andere Wesen immer stärker und stärker wird. Und man gelangt dazu, daß man zu der Imagination und Inspiration, die man zuerst ausgebildet hat, nun hinzufügen kann das wahre intuitive Hineinsteigen in ein anderes: Man gelangt zur Intuition, so daß man nicht mehr sich selbst nur erlebt, sondern in aller Individualisiertheit, aber auch in aller Selbstlosigkeit das andere erleben lernt.

[ 26 ] When you undertake, with complete sober-mindedness as to each step, to sense the world otherwise than is customary, you then come upon this higher form of love. Suppose you undertake in the evening, before you go to sleep, to bring your day's life so into your consciousness that you begin with the last occurrence of the evening, visualizing it as precisely as possible, then visualizing the next preceding in the same way, then the third from the last, thus moving backward to the morning in this survey of the life of the day, this is a process in which much more importance attaches to the inner energy expended than to the question whether one visualizes each individual occurrence more or less precisely. What is important is this reversal of the order of visualization. Ordinarily we view events in such a way that we first consider the earlier and then the subsequent in a progressive chain. Through such an exercise as I have just given you, we reverse the whole life: we think and feel in a direction opposite to the course of the day. We can practice this on the experiences of our day, as I have suggested, and this requires only a few minutes. But we can do this also in a different way. Undertake to visualize the course of a drama in such a way that you begin with the fifth act and picture it successively through the fourth, third, toward the beginning. Or we may represent a melody to ourselves in the reverse succession of tones. If we pass through more and more such inner experiences of the soul in this way, we shall discover that the inner experience is freed from the external course of nature, and that we actually become more and more self-directing. But, even though we become in this way more and more individualized and achieve an ever increasing power of self-direction, yet we learn also to give attention to the external life in more complete consciousness. For only now do we become aware that, the more powerfully we develop through practice this fully conscious absorption in another being, the higher becomes the degree of our selflessness, and the greater must our love become in compensation. In this way we feel how this experience of not living in oneself but living in another being, this passing over from one's own being to another, becomes more and more powerful. We then reach the stage where, to Imagination and Inspiration, which we have already developed, we can now unite the true intuitive entrance into the other being: we arrive at Intuition, so that we no longer experience only our self, but also learn—in complete individualization yet also in complete selflessness—to experience the other being.

[ 27 ] Da wird die Liebe zu etwas, was einem allmählich möglich macht, noch weiter zurückzuschauen als in das vorirdische geistige Leben. Wie man in seinem jetzigen Leben zurückschaut auf die gegenwärtigen Ereignisse, so lernt man durch eine solche Steigerung der Liebe zurückzuschauen auf frühere Erdenleben, und man lernt auf diese Weise das ganze Menschenleben erkennen als eine Folge von aufeinanderfolgenden Erdenleben. Daß sie einmal einen Anfang haben und ebenso ein Ende haben werden, soll im nächsten Vortrage berührt werden. Aber man lernt das Menschenleben erkennen als eine Folge von Erdenleben, zwischen denen immer rein geistige Leben sind zwischen dem Tode und der nächsten Geburt; denn auch den Tod lernt man durch diese gesteigerte, ins Geistige hinaufgetragene und zur Erkenntniskraft gewordene Liebe in seiner wahren Bedeutung kennen. Nachdem man, wie ich es für die Imagination und Inspiration geschildert habe, so vorgeschritten ist, um diese gesteigerten inneren Kräfte geistig liebefähig zu machen, lernt man tatsächlich im unmittelbaren exakten Hellsehen jenes innere Erlebnis kennen, von dem man sagt: der Mensch erlebt sich geistig ohne seinen Körper, außer seinem Körper. Das Heraustreten aus seinem Körper wird auf diese Weise für die Seele, wenn ich mich so ausdrücken darf, wirklich erlebbar, gegenständlich. Hat man dieses Geistige in dem Dasein in der Erkenntnis «hellseherisch», möchte ich sagen, einmal erlebt, außer dem Körper, dann weiß man, was das Ereignis bedeutet: den physischen Leib im Tode ablegen, durch die Todespforte hindurchschreiten zu einem neuen, geistigen Leben. So lernt man auf der dritten Stufe einer exakten Clairvoyance die Bedeutung des Todes und damit auch die Bedeutung der Unsterblichkeit für den Menschen kennen.

[ 27 ] Here love becomes something which gradually makes it possible for us to look back even further than into the pre-earthly spiritual life. As we learn in our present life to look back upon contemporary events, we learn through such an elevation of love to look back upon former earth lives, and to recognize the entire life of a human being as a succession of earthly lives. The fact that these lives once had a beginning and must likewise have an end will be touched upon in the next lecture. But we learn to know the human life as a succession of lives on earth, between which there always intervene purely spiritual lives, coming between a death and the next birth. For this elevated form of love, lifted to the spiritual sphere and transformed into a force of knowledge, teaches us also the true significance of death. When we have advanced so far, as I have explained in connection with Imagination and Inspiration, as to render these intensified inner forces capable of spiritual love, we actually learn in immediate exact clairvoyance to know that inner experience which we describe by saying that one experiences oneself spiritually, without a body, outside the body. This passing outside the body becomes in this way, if I may thus express it, actually a matter of objective experience for the soul. If we have once experienced in actual knowledge outside the body—”clairvoyantly,” I mean—this spiritual element in existence, we know the significance of the event of laying aside the physical body in death, of passing through the portal of death to a new, spiritual life. We thus learn, at the third stage of an exact clairvoyance, the significance of death, and thus also the significance of immortality, for man.

[ 28 ] Durch die Art und Weise, wie ich geschildert habe, wollte ich anschaulich machen, wie diejenige übersinnliche Erkenntnisart, von der ich hier spreche, darauf hinarbeitet, in die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten selber etwas zu tragen, was im Hineintragen ganz exakt, Schritt für Schritt, wirkt. Der Naturforscher wendet die Exaktheit auf das äußere Experiment, auf die äußere Beobachtung an; er will die Gegenstände so nebeneinander sehen, daß sie exakt im Messen, Zählen, Wägen ihre Geheimnisse offenbaren. Der Geistesforscher, von dem ich hier spreche, wendet die Exaktheit auf die Entwickelung der eigenen Seelenkräfte an. Was er aus sich macht, damit dann eine geistige Welt und mit ihr die ewige Wesenheit des Menschen, das Wesen der menschlichen Unsterblichkeit vor die Seele tritt, das was er aus sich macht, wird auf eine exakte Weise gemacht, um das Goethesche Wort zu gebrauchen. Bei jedem Schritt, den so der Geistesforscher macht, damit zuletzt die geistige Welt vor seinem Seelenauge ausgebreitet liege, fühlt er sich vor dem Erkenntnisgewissen so verantwortlich, wie nur der Mathematiker sich verantwortlich fühlt für jeden seiner Schritte; denn so wie dieser in voller Klarheit alles durchschauen muß, was er auf das Papier bringt, so muß der Geistesforscher in voller Exaktheit das durchschauen, was er aus seinen Erkenntniskräften macht. Dann weiß er, daß er mit derselben inneren Notwendigkeit ein «seelisches Auge» aus der Seele herausgeformt hat, wie die Natur aus dem Körperlichen ein körperliches Auge. Und er weiß, daß er mit demselben Recht von geistigen Welten reden darf, wie er für das physische Auge von physisch-sinnlichen Welten spricht. In diesem Sinne wird die Geistesforschung, von der hier die Rede ist, der Zeitforderung genügen, die mit der herrlichen Naturwissenschaft — deren Gegner diese Geistesforschung nicht ist, sondern die sie gerade weiter ausbilden will — gegeben ist.

[ 28 ] I have desired to make it transparently clear through the manner of my explanation that the mode of super-sensible cognition about which I am speaking seeks to bring into the very cognitional capacities of the human being something which works effectually, step by step, as it is thus introduced. The natural scientist applies his exactness to the external experiment, to the external observation; he wishes to see the objects in such juxtaposition that they reveal their secrets with exactitude in the process of measuring, enumerating, weighing. The spiritual-scientist, about whom I am here speaking, applies his exactness to the evolution of the forces of his own soul. That which he makes out of himself for the purpose of causing a spiritual world and, with this, the eternal being of man, the nature of human immortality, to appear before his soul, he makes with precision, if I may use an expression of Goethe. At every step which the spiritual-scientist thus takes, in order that the spiritual world may at last lie outspread before the eyes of the soul, he feels obligated to be just as conscientious in regard to his knowledge as a mathematician must be at every step he takes. For just as the mathematician must see clearly into everything that he writes on the paper, so must the spiritual-scientist see with complete exactitude into everything that he makes out of his powers of cognition. He then knows that he has formed an “eye of the soul” out of the soul itself with the same inner necessity with which nature has formed the corporeal eye out of bodily substance. And he knows that he can speak of spiritual worlds with the same justification with which he speaks of a physical-sensible world in relationship to the physical eye. In this sense the spiritual research with which we are here concerned satisfies the demands of our age imposed upon us by the magnificent achievements of natural science—which spiritual science in no wise opposes but, rather, seeks further to supplement.

[ 29 ] Ich weiß gar wohl: Jeder, der irgend etwas im Leben vertreten will, sei es aus diesem oder jenem Motiv heraus, macht sich dadurch wichtig, daß er es als eine «Zeitforderung» hinstellt. Das habe ich nicht beabsichtigt, will es auch im nächsten Vortrage nicht, sondern ich möchte im Gegenteil zeigen, wie die Zeitforderungen schon da sind, und wie gerade diese Geisteswissenschaft sich bei jedem ihrer Schritte bemüht, diesen Zeitforderungen Genüge zu tun. Und so kann man sagen: Nicht einer, der in dilettantischer oder laienhafter Art auf die Natur hinschaut, will der Geistesforscher sein, von dem hier gesprochen werden soll. Nein, er will gerade im wahren Sinne und in der wahren Gewissenhaftigkeit dieser Naturwissenschaft weiterschreiten; er will die wahrhaft exakte Clairvoyance für das Beschreiben einer geistigen Welt. Aber ihm ist zugleich klar: Indem man im Laboratorium den menschlichen Leichnam zu erforschen versucht, um das Leben, das aus ihm gewichen ist, zu deuten, oder indem man mit dem Teleskop in die Weltenräume hineinschaut, da entwickelt man Fähigkeiten, die sich zunächst nur anpassen wollen dem Mikroskop oder Teleskop, die aber ein inneres Leben haben und die sich verleugnen in ihrer Form. Wenn wir den menschlichen Leichnam sezieren, wissen wir: Wahr ist, daß nicht die Natur dies unmittelbar aus dem Menschen gemacht hat, sondern das hat die menschliche Seele, die jetzt aus ihm gewichen ist, aus ihm gemacht. Wir deuten die menschliche Seele aus dem, was wir hier als ihr physisches Resultat haben, und derjenige wäre wahnsinnig, der etwa voraussetzen wollte, jene Gestaltung der menschlichen physischen Kräfte und Formen sei nicht aus dem gekommen, was dem jetzigen Zustande dieses Menschen vorangegangen ist. Aber aus allem, was wir dann zurückhalten, indem wir auch die tote Natur durchforschen mit denjenigen Kräften, bei denen der Mensch mit Recht die innere Aktivität verleugnet, wird durch diese Zurückhaltung die Anlage geschaffen zu einer Weiterbildung dieser menschlichen Seelenkräfte. Gerade so wie der Pflanzenkeim unsichtbar unter der Erde liegt, wenn wir ihn in die Erde gesenkt haben, wie aber aus ihm die Pflanze wird, so versenken wir in die Seele, gerade wenn wir gewissenhafte Naturforscher sind, einen Keim. Und wer ernsthafter Forscher in dieser Beziehung ist, in dem ruht der Keim zur imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Er braucht ihn nur zu entwickeln. Und er kann dann wissen: wie die Naturwissenschaft eine Zeitforderung ist, so ist auch übersinnliche Forschung eine Zeitforderung. Man möchte sagen: Es spricht jeder, der aus dem Geiste der Naturwissenschaft spricht, auch im Geiste übersinnlicher Forschung, nur weiß er es nicht. Und was für viele Menschen heute — auch das wird sich im nächsten Vortrage zeigen — eine unbewußte, tiefinnerste Sehnsuct ist: übersinnliche Forschung will sich aus dem Keim entfalten.

[ 29 ] I am well aware that every one who undertakes to represent anything before the world, no matter what his motive may be, attributes a certain importance to himself by describing this as a “demand of the times.” I have no such purpose, neither shall I have such a purpose in my next lecture; [The second lecture in this brochure.] on the contrary, I should like to show that the demands of the times already exist, and the very endeavor of spiritual science at every step it takes is to satisfy these demands of the times. We may say, then, that the spiritual-scientist whom it is our purpose to discuss here does not propose to be a person who views nature in a dilettante or amateur fashion. On the contrary, he proposes to advance further in true harmony with natural science and with the same genuine conscientiousness. He desires truly exact clairvoyance for the description of a spiritual world. But it is clear to him at the same time that, when we undertake to investigate a human corpse in a laboratory for the purpose of explaining the life which has disappeared from it, or, when we look out into cosmic space with a telescope, we then develop capacities which tend to adapt themselves at first solely to the microscope or telescope, but which possess an inner life and which misrepresent themselves in their existent form. When we dissect a human corpse, we know that it was not nature that made the human being into this bodily form, but that the human soul, which has now vanished, made it. [That is, nature did not create the wonderful human body; it was created by the soul.] We interpret the human soul from what we have here as its physical product, and any one would be irrational who should assume that this molding of the human physical forces and forms had not arisen out of that which preceded the present state of this human being. But everything that we hold in the background while we investigate dead nature with those forces in connection with which we rightly deny our inner activity creates the potentiality, through this very act of holding in reserve, for a further development of the soul forces of the human being. Just as the seed of the plant lies out of sight under the earth when we have laid it in the soil, and yet will become a plant, so do we plant a seed in the soul in the very action of conscientious scientific research. He who is a serious scientist in this sense has within himself the germ of imaginative, inspired, and intuitive knowledge. He needs only to develop the germ. He will then know that, just as natural science is a demand of the times, so is super-sensible research likewise. What I mean to say is that every one who speaks in the spirit of natural science speaks also in the spirit of super-sensible research, only he does not know this. And that which constitutes an unconscious longing in the innermost depths of many persons today—as will be manifest in the next public lecture—is the impulse of super-sensible research to unfold out of its germ.

[ 30 ] Gerade denjenigen gegenüber, die sich dann von einem vermeintlichen naturwissenschaftlichen Standpunkte aus gegen diese Geistesforschung wenden, möchte man schon sagen, obwohl hier nichts Schlimmes damit gemeint ist, man wird an einen allzubekannten Ausspruch des Goetheschen Faust erinnert, den man dann in einer anderen Weise wendet: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» Nun, darüber will ich mich jetzt nicht auslassen. Aber in einer anderen Wendung tritt einem das, was in diesem Ausspruche liegt, entgegen in dem, was als Zeitforderung heute vorhanden ist. Die, welche heute richtig über die Natur sprechen, sie sprechen eigentlich schon unbewußt den «Geist» selbst aus. Und man möchte sagen: Viele sind es, die den Geist niemals bemerken wollen, wenn er spricht, obgleich sie in ihren eigenen Reden ihn fortwährend zum Ausdruck bringen!

[ 30 ] To those very persons, therefore, who oppose this spiritual research from a supposedly scientific standpoint, one would like to say, though not with any bad intention, that this brings to mind an utterance in Goethe's Faust all too well known, but which would be applied in a different sense: The little man would not sense the Devil, Even if he held him by the throat. Now, I do not care to go into that. But what is contained in this expression confronts us in a different application in that which exists today as a demand of the times: that those who speak rightly today about nature are really giving expression, though unconsciously, to the spirit. One would like to say that there are many who do not wish to notice the “spirit” when it speaks, although they are constantly giving expression to the spirit in their own words!

[ 31 ] Der Keim zu übersinnlicher Schauung ist eigentlich heute viel verbreiteter, als man denkt — aber er muß entwickelt werden. Daß er entwickelt werden muß, das lehrt uns wahrhaftig auch der Ernst der Zeit in bezug auf die äußeren Erlebnisse. Wie gesagt, über das einzelne möchte ich das nächste Mal sprechen; aber es darf zum Schluß noch angedeutet werden, daß ja heute draußen in der Welt furchtbar Katastrophales zur ganzen Menschheit eigentlich aus den verschiedensten Zeichen heraus spricht, und daß man gewahr werden kann, wie diesem großen Ernste der Zeit sich Aufgaben entringen werden, an denen die Menschen der allernächsten Zukunft viel, viel werden zu arbeiten haben. Dieser äußere Ernst, mit dem uns heute die Welt, namentlich die Welt der Menschheit anschaut, er deutet auf einen notwendigen inneren Ernst. Und von diesem inneren Ernste, in der Hinlenkung des menschlichen Gemütes auf die eigenen Geisteskräfte des Menschen, die seine eigentlichen Wesenskräfte sind, von diesem Ernste wollte ich heute sprechen. Denn wenn es wahr ist, daß der Mensch gerade die stärksten äußeren Kräfte wird aufwenden müssen gegenüber den ernsten Ereignissen, die ihm über die ganze Erde hin bevorstehen, dann wird er auch einen energischen inneren Mut dazu brauchen. Solche Kräfte und solcher Mut wird aber nur kommen können, wenn der Mensch sich bewußt mit seinem innersten Wesen, nicht nur theoretisch sich ergreifend, sondern praktisch wissend, erfühlen und auch wollen kann. Das kann er nur, wenn er dieses seinWesen als aus jenem Quell stammend erkennt, aus dem es in Wirklichkeit stammt: aus dem Geistesquell; wenn er immer mehr und mehr — nicht nur theoretisch, sondern praktisch erlebend wissen lernt: Der Mensch ist Geist, im Geiste kann er nur seine wirkliche Befriedigung finden, und seine höchsten Kräfte wie sein höchster Mut kann ihm nur aus dem Geist, das heißt aus dem Übersinnlichen kommen!

[ 31 ] The seed of super-sensible perception is really far more widespread today than is supposed, but it must be developed. The fact that it must be developed is really a lesson we may learn from the seriousness of the times as regards external experiences. As I have already said, I should like to go into the details next time; but we may still add in conclusion that the elements of a fearful catastrophe really speak to the whole of humanity today through various indications in the outside world, and that it is possible to realize that tasks at which humanity in the immediate future will have to work with the greatest intensity will struggle to birth out of this great seriousness of the times. This external seriousness with which the world confronts us today, especially the world of humanity, indicates the necessity of an inner seriousness. And it is about this inner seriousness in the guidance of the human heart and mind toward man's own spiritual powers, which constitute the powers of his essential being, that I have wished to speak to you today. For, if it is true that man must apply his most powerful external forces in meeting the serious events awaiting him over the whole world, he will need likewise a powerful inner courage. But such forces and such courage can come into existence only if the human being is able to feel and also to will himself in full consciousness in his innermost being, not merely theoretically conceiving himself but practically knowing himself. This is possible for him only when he comes to know this being of his as coming out of that source from which it does truly come, from the source of the spirit, only when in ever increasing measure, not only theoretically but practically, he learns to know in actual experience that man is spirit, and can find his true satisfaction only in the spirit; that his highest powers and his highest courage can come to him only out of the spirit, out of the super-sensible.