Appendix to the Public Lectures
GA 85
3 June 1919, Reutlingen
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
102. Die sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirklichung
102. Die sozialen Forderungen der Gegenwart und ihre praktische Verwirklichung
[ 1 ] Der Vortrag von Dr. Rudolf Steiner, Wien, über «Die sozialen Forderungen der Gegenwart» ist auch in unserer Stadt großem Interesse begegnet: denn der Saal der «Bundeshalle» vermochte die Angehörigen aller Stände und Berufe und beider Geschlechter gestern Abend kaum zu fassen – ein erfreuliches Zeichen der Anteilnahme weitester Volkskreise an den großen Fragen dieser schwersten aller Zeiten. In Dr. Steiner lernte man den Verkündiger eines aufs erste Ansehen hin neuen Evangeliums kennen, das nach ihm selbst die einzige Rettung aus dem heutigen Chaos darstellt und für das er eintritt mit einer Überzeugung, die ihm zugegebenermaßen eingegeben ist von heißer Liebe zu dem Volk als solchem und von bitterster Sorge um dessen künftiges Schicksal, aber das in die reale Wirklichkeit übergeleitet, entkleidet allen bestechenden Schmuckes – und das ist meist das Erste, wenn Ideen in Wirklichkeit umgesetzt werden – nichts ist als der reine Kommunismus, der hinwiederum bedeutet die Revolutionierung der Demokratie, jener Grundlage, auf der das deutsche Volk heute sein neues Dasein aufzubauen daran ist. Dr. Steiner fordert die Lösung der sozialen Frage in einem Umfange, [der] sich misst an der Größe der Weltkriegskatastrophe, eine Lösung der sozialen Frage, die allein es vermag, das Proletariat aus einem nach ihm menschenunwürdigen Zustande herauszuheben. Die soziale Frage sei nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern sie gliedere sich in drei gesonderte, vielmehr voneinander zu sondernde Komplexe, nämlich in erstens die Geistesfrage, zweitens die Rechts- oder politische Frage und drittens die wirtschaftliche Frage. Das geistige Leben sei bisher das Gut einer oberschichtigen Minderheit gewesen, gezeugt vom Staat, der es wiederum nur für sich arbeiten ließ, während es der großen Masse wesens- und lebensfremd blieb. Hierin Wandel zu schaffen, sei das einzige Mittel die Loslösung des Geisteslebens und seiner Grundlage, der Schule im Ganzen, vom Staate, seine freie Selbstverwaltung ohne Aufsicht des Staates. Der zweite Teil der sozialen Frage, die Rechtsfrage, müsse mit ihrer Lösung bringen das gleiche Recht für alle, und der dritte Teil, die Wirtschaftsfrage, die ebenfalls vom Staate vollständig loszulösende Vergesellschaftung, Vergenossenschaftlichung der Produktion, die Beseitigung des erblichen Privatbesitzes, die Ersetzung des proletarischen Lohnverhältnisses als des Restes des alten Sklaventums, der Betrachtung der Arbeit als verkäufliche und käufliche Ware durch die gleichberechtigte Teilhaberschaft des Arbeiters an der Produktion. Im Geistesleben Freiheit, im Rechtsleben Gleichheit, im Wirtschaftsleben Brüderlichkeit! – so deutete der Redner zum Schluss den Dreiklang der großen Französischen Revolution auf die heutige deutsche, es als dringend notwendig bezeichnend, dass eine solche Lösung der sozialen Frage als einer Menschheitsfrage möglichst schnell erfolge, denn es könnte dazu sehr bald zu spät sein. […]
[ 1 ] Der Vortrag von Dr. Rudolf Steiner, Wien, über «Die sozialen Forderungen der Gegenwart» ist auch in unserer Stadt großem Interesse begegnet: denn der Saal der «Bundeshalle» vermochte die Angehörigen aller Stände und Berufe und beider Geschlechter gestern Abend kaum zu fassen – ein erfreuliches Zeichen der Anteilnahme weitester Volkskreise an den großen Fragen dieser schwersten aller Zeiten. In Dr. Steiner lernte man den Verkündiger eines aufs erste Ansehen hin neuen Evangeliums kennen, das nach ihm selbst die einzige Rettung aus dem heutigen Chaos darstellt und für das er eintritt mit einer Überzeugung, die ihm zugegebenermaßen eingegeben ist von heißer Liebe zu dem Volk als solchem und von bitterster Sorge um dessen künftiges Schicksal, aber das in die reale Wirklichkeit übergeleitet, entkleidet allen bestechenden Schmuckes – und das ist meist das Erste, wenn Ideen in Wirklichkeit umgesetzt werden – nichts ist als der reine Kommunismus, der hinwiederum bedeutet die Revolutionierung der Demokratie, jener Grundlage, auf der das deutsche Volk heute sein neues Dasein aufzubauen daran ist. Dr. Steiner fordert die Lösung der sozialen Frage in einem Umfange, [der] sich misst an der Größe der Weltkriegskatastrophe, eine Lösung der sozialen Frage, die allein es vermag, das Proletariat aus einem nach ihm menschenunwürdigen Zustande herauszuheben. Die soziale Frage sei nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern sie gliedere sich in drei gesonderte, vielmehr voneinander zu sondernde Komplexe, nämlich in erstens die Geistesfrage, zweitens die Rechts- oder politische Frage und drittens die wirtschaftliche Frage. Das geistige Leben sei bisher das Gut einer oberschichtigen Minderheit gewesen, gezeugt vom Staat, der es wiederum nur für sich arbeiten ließ, während es der großen Masse wesens- und lebensfremd blieb. Hierin Wandel zu schaffen, sei das einzige Mittel die Loslösung des Geisteslebens und seiner Grundlage, der Schule im Ganzen, vom Staate, seine freie Selbstverwaltung ohne Aufsicht des Staates. Der zweite Teil der sozialen Frage, die Rechtsfrage, müsse mit ihrer Lösung bringen das gleiche Recht für alle, und der dritte Teil, die Wirtschaftsfrage, die ebenfalls vom Staate vollständig loszulösende Vergesellschaftung, Vergenossenschaftlichung der Produktion, die Beseitigung des erblichen Privatbesitzes, die Ersetzung des proletarischen Lohnverhältnisses als des Restes des alten Sklaventums, der Betrachtung der Arbeit als verkäufliche und käufliche Ware durch die gleichberechtigte Teilhaberschaft des Arbeiters an der Produktion. Im Geistesleben Freiheit, im Rechtsleben Gleichheit, im Wirtschaftsleben Brüderlichkeit! – so deutete der Redner zum Schluss den Dreiklang der großen Französischen Revolution auf die heutige deutsche, es als dringend notwendig bezeichnend, dass eine solche Lösung der sozialen Frage als einer Menschheitsfrage möglichst schnell erfolge, denn es könnte dazu sehr bald zu spät sein. […]
