Appendix to the Public Lectures
GA 85
3 March 1886
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
117. Rezension
117. Review
Deutsche Zeitung, 3. März 1886
Deutsche Zeitung, March 3, 1886
«Faust» von Goethe. Mit Einleitung und fortlaufender Erklärung, herausgegeben von K. J. Schröer. Erster Teil. Zweite, durchaus revidierte Ausgabe.
“Faust” by Goethe. With an introduction and running commentary, edited by K. J. Schröer. Part One. Second, thoroughly revised edition.
[ 1 ] Als vor vier Jahren Schröers Faust-Kommentar erschien, musste sich der Herausgeber selbst gestehen (siehe Vorwort der ersten Auflage), dass ein solches Unternehmen bei dem Umfange der Faust-Literatur ein gewagtes ist. Wer aber mit voller Unbefangenheit an das Buch herantrat, konnte bald zu der Erkenntnis kommen, dass in demselben eine Leistung vorliege, die durch keinen Vorgänger vorweggenommen war. Schröer trat in der GoetheForschung mit völlig neuen Gesichtspunkten auf. Abweichend von allen früheren Erklärern suchte er die leitenden Prinzipien zur Beurteilung des großen Dichters wesentlich in diesem selbst auf. Er stellt sich auf den Standpunkt: Goethe müsse aus sich selbst erklärt werden. Davon ausgehend, kam er zu ganz anderen Ergebnissen als Friedrich Vischer, Düntzer, Marbach, Carriere, Fischer, Löper und andere. Er beleuchtet jede einzelne Erscheinung in dem Schaffen Goethes mit dem Lichte, das von der Totalität Goethe’schen Geistes ausgeht. Was im Einzelnen unverständlich erscheint, wird sogleich erkannt, wenn es mit Goethes ganzer Persönlichkeit und dichterischer Individualität in Zusammenhang gebracht wird. Indem Schröer dieses Prinzip in konsequenter Weise festhält, gelangt er nicht allein zu neuen Aufschlüssen über den idealen Gehalt der Dichtung, sondern auch zu bemerkenswerten Ergebnissen über die Entstehungszeiten der einzelnen Teile derselben. Aus der langen Reihe des hierher Gehörigen heben wir zum Beispiel hervor, dass die Entstehung der Kerkerszene von den früheren Erklärern in das Jahr 1798 verlegt wird (wofür sogar scheinbar eine Stelle in Goethes Briefwechsel mit Schiller spricht); wogegen aus dem Zusammenhange, in dem Schröer dieselbe betrachtet, unbedingt hervorgeht, dass sie zu den ältesten Bestandteilen des «Faust» gehört, die 1769 bis 1775 entstanden sind. So stellte sich denn Schröers Ausgabe als durchaus selbstständig neben ähnlichen Werken hin. Die Berechtigung der Schröer’schen Forschungsart, die er seitdem auch auf die übrigen Dramen Goethes ausgedehnt hat (siehe Josef Kürschners Deutsche Nationalliteratur), mag aus dem Umstande ersehen werden, dass bereits nach der verhältnismäßig kurzen Zeit von vier Jahren die zweite Auflage des Faust-Kommentars nötig wurde, auf die wir hiermit hinweisen möchten. Sie enthält neben vielen Bereicherungen des erklärenden Teiles ein sehr beachtenswertes Vorwort, welches das Verhältnis der Faust-Dichtung zu den Geistesströmungen der Gegenwart behandelt.
[ 1 ] When Schröer’s commentary on Faust was published four years ago, the editor himself had to admit (see the preface to the first edition) that such an undertaking was a risky one, given the sheer volume of Faust scholarship. But anyone who approached the book with complete impartiality could soon come to the realization that it represented an achievement that had not been anticipated by any predecessor. Schröer introduced entirely new perspectives to Goethe scholarship. Unlike all earlier interpreters, he sought the guiding principles for evaluating the great poet primarily within the poet himself. He takes the position that Goethe must be explained from within himself. Proceeding from this premise, he arrived at conclusions quite different from those of Friedrich Vischer, Düntzer, Marbach, Carrière, Fischer, Löper, and others. He illuminates every single aspect of Goethe’s work with the light emanating from the totality of Goethe’s spirit. What may seem incomprehensible in isolation is immediately understood when placed in the context of Goethe’s entire personality and poetic individuality. By consistently adhering to this principle, Schröer arrives not only at new insights into the ideal content of the poetry but also at remarkable conclusions regarding the dates of composition of its individual parts. From the long list of such findings, we highlight, for example, that earlier commentators have dated the composition of the dungeon scene to the year 1798 (a view seemingly supported by a passage in Goethe’s correspondence with Schiller); whereas from the context in which Schröer examines it, it is absolutely clear that it belongs to the oldest components of Faust, which were written between 1769 and 1775. Thus, Schröer’s edition established itself as thoroughly independent alongside similar works. The validity of Schröer’s research method—which he has since extended to Goethe’s other plays (see Josef Kürschner’s Deutsche Nationalliteratur)—can be seen from the fact that, after a relatively short period of four years, a second edition of the Faust commentary became necessary, to which we would like to draw attention here. In addition to numerous enhancements to the explanatory section, it contains a highly noteworthy preface that addresses the relationship between the Faust epic and contemporary intellectual currents.
Rudolf Steiner
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