Appendix to the Public Lectures
GA 85
24 January 1901, Dresden
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
47. Goethe und unsere Zeit
47. Goethe und unsere Zeit
[ 1 ] Der zweite volkstümliche Dichter-Abend (Goethe-Abend), der gestern Abend im «Trianon» veranstaltet wurde, erfreute sich eines ganz außerordentlich starken Besuches und legte Zeugnis davon ab, dass auch in den unteren Kreisen das Bedürfnis empfunden wird, mit den Werken unserer klassischen Literatur bekannt zu werden. Das Anfangs vorgenommene Programm musste in letzter Stunde eine Abänderung erfahren, da die für den Abend gewonnene Opernsängerin Martha Kjerda vom Stadttheater in Chemnitz am Erscheinen verhindert war. Zur rechten Zeit trat dafür die Herzogl. Sächs. Kammer-Sängerin Frau Elise de Nys-Kutscherra vom Königl. Theater in Brüssel ein, und das Publikum konnte mit dem Ersatz ganz zufrieden sein. Die Künstlerin leitete den genussreichen Abend mit «Mignons Lied» ein und sang sodann: «Ich liebe Dich und das heitere! Die Trommel gerührt» aus «Egmont», am Schluss des Abends noch den Schmuckwalzer aus «Margarethe» von Gounnod. Der gediegene, seelenvolle Vortrag der Sängerin erntete stürmischen Beifall. Nicht ganz ungeteilt konnte in die Anerkennung der Vorträge des Rezitators Kurt Holm-Berlin eingestimmt werden. Warum wurden wohl die vorgetragenen Goethe’schen Dichtungen nicht auch wortgetreu wiedergegeben? Das musste umso mehr auch denen auffallen, die mit den Werken des großen Dichters weniger bekannt sind und den Text auf den vorliegenden Programms verfolgten. Die Sprache des Vortragenden war wohl zu geziert, daher wenig natürlich und zu überschwänglich, dazu ohne Abwechslung im Dialog. Dagegen verdient Herr Opernsänger Greder vom Stadttheater in Leipzig rühmliche Anerkennung. Künstlerisch schön sang er die Schubert’schen Kompositionen «Prometheus» und «Erlkönig», fand aber unter der allgemeinen Zuhörerschaft noch mehr Verständnis mit dem ergötzlichen Liede von Hugo Wolf: «Ob der Koran von Ewigkeit sei?» und den humoristischen Zugaben.
[ 1 ] Der zweite volkstümliche Dichter-Abend (Goethe-Abend), der gestern Abend im «Trianon» veranstaltet wurde, erfreute sich eines ganz außerordentlich starken Besuches und legte Zeugnis davon ab, dass auch in den unteren Kreisen das Bedürfnis empfunden wird, mit den Werken unserer klassischen Literatur bekannt zu werden. Das Anfangs vorgenommene Programm musste in letzter Stunde eine Abänderung erfahren, da die für den Abend gewonnene Opernsängerin Martha Kjerda vom Stadttheater in Chemnitz am Erscheinen verhindert war. Zur rechten Zeit trat dafür die Herzogl. Sächs. Kammer-Sängerin Frau Elise de Nys-Kutscherra vom Königl. Theater in Brüssel ein, und das Publikum konnte mit dem Ersatz ganz zufrieden sein. Die Künstlerin leitete den genussreichen Abend mit «Mignons Lied» ein und sang sodann: «Ich liebe Dich und das heitere! Die Trommel gerührt» aus «Egmont», am Schluss des Abends noch den Schmuckwalzer aus «Margarethe» von Gounnod. Der gediegene, seelenvolle Vortrag der Sängerin erntete stürmischen Beifall. Nicht ganz ungeteilt konnte in die Anerkennung der Vorträge des Rezitators Kurt Holm-Berlin eingestimmt werden. Warum wurden wohl die vorgetragenen Goethe’schen Dichtungen nicht auch wortgetreu wiedergegeben? Das musste umso mehr auch denen auffallen, die mit den Werken des großen Dichters weniger bekannt sind und den Text auf den vorliegenden Programms verfolgten. Die Sprache des Vortragenden war wohl zu geziert, daher wenig natürlich und zu überschwänglich, dazu ohne Abwechslung im Dialog. Dagegen verdient Herr Opernsänger Greder vom Stadttheater in Leipzig rühmliche Anerkennung. Künstlerisch schön sang er die Schubert’schen Kompositionen «Prometheus» und «Erlkönig», fand aber unter der allgemeinen Zuhörerschaft noch mehr Verständnis mit dem ergötzlichen Liede von Hugo Wolf: «Ob der Koran von Ewigkeit sei?» und den humoristischen Zugaben.
[ 2 ] Diese Vorträge Goethe’scher Dichtungen bildeten die Umrahmung zu den interessanten Ausführungen des Herrn Dr. Rudolf Steiner, Berlin, über «Goethe und unsere Zeit». Goethe äußerte kurz vor dem Tode, dass seine eigene Sache nicht populär werden würde, aber die Zukunft und besonders unsere Zeit haben diesem Ausspruch nicht recht gegeben. Goethe war mit seinen Ansichten und Gefühlen ein Einsamer in seiner Zeit, doch das 19. Jahrhundert hat begriffen, was er im Voraus gefühlt. Nach ihm soll der Mensch seine besten Kräfte aus der Natur saugen, da er ja selbst die Krone der Schöpfung sei. Goethe ist der Dichter der naturgetreuen Weltanschauung und hat schon in seiner Jugend eine besondere Anlage zum Naturempfinden bekundet und sich zu einem naturgemäßen Gottesdienst hingezogen gefühlt. Die ganze religiöse Lebensaufgabe eines Menschen hat der Dichterfürst in seinem Worte: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut» ausgedrückt. Den ganzen Menschen und sein Wesen sucht Goethe im Studium der Natur zu ergründen. Wenn er als Grieche oder Italiener geboren worden wäre, würde ihm vielleicht in seiner eigenen Heimat mehr Verständnis und Anerkennung geworden sein. Naturgemäß brachte ihm darum die Reise nach Italien einige Befriedigung, wie dies auch im «Prometheus» zum Ausdruck kommt. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird die Bedeutung Goethes immer mehr gewürdigt, wie dies auch ganz besonders am 22. März 1882, dem 50. Todestage, und am 28. August 1899, dem 150. Geburtstage des Dichters, zum Ausdruck gekommen ist.
[ 2 ] Diese Vorträge Goethe’scher Dichtungen bildeten die Umrahmung zu den interessanten Ausführungen des Herrn Dr. Rudolf Steiner, Berlin, über «Goethe und unsere Zeit». Goethe äußerte kurz vor dem Tode, dass seine eigene Sache nicht populär werden würde, aber die Zukunft und besonders unsere Zeit haben diesem Ausspruch nicht recht gegeben. Goethe war mit seinen Ansichten und Gefühlen ein Einsamer in seiner Zeit, doch das 19. Jahrhundert hat begriffen, was er im Voraus gefühlt. Nach ihm soll der Mensch seine besten Kräfte aus der Natur saugen, da er ja selbst die Krone der Schöpfung sei. Goethe ist der Dichter der naturgetreuen Weltanschauung und hat schon in seiner Jugend eine besondere Anlage zum Naturempfinden bekundet und sich zu einem naturgemäßen Gottesdienst hingezogen gefühlt. Die ganze religiöse Lebensaufgabe eines Menschen hat der Dichterfürst in seinem Worte: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut» ausgedrückt. Den ganzen Menschen und sein Wesen sucht Goethe im Studium der Natur zu ergründen. Wenn er als Grieche oder Italiener geboren worden wäre, würde ihm vielleicht in seiner eigenen Heimat mehr Verständnis und Anerkennung geworden sein. Naturgemäß brachte ihm darum die Reise nach Italien einige Befriedigung, wie dies auch im «Prometheus» zum Ausdruck kommt. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird die Bedeutung Goethes immer mehr gewürdigt, wie dies auch ganz besonders am 22. März 1882, dem 50. Todestage, und am 28. August 1899, dem 150. Geburtstage des Dichters, zum Ausdruck gekommen ist.
