Appendix to the Public Lectures
GA 85
27 November 1905, Stuttgart
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
75. Haeckel, die Welträtsel und Theosophie. Die soziale Frage und Theosophie
75. Haeckel, die Welträtsel und Theosophie. Die soziale Frage und Theosophie
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 27. November im Bürgermuseum einen Vortrag über «Haeckel, die Welträtsel und Theosophie». Haeckel ging in seinen Forschungen von der Darwin’schen Abstammungslehre aus. Nachdem er in zahlreichen Werken den inneren Zusammenhang alles Lebendigen nachgewiesen, legte er in seinen «Welträtseln» eine Welt- und Lebensanschauung nieder, welche für viele eine Lösung bedeutsamster Fragen, für andere jedoch nur eine trostlose Theorie bedeutet. Schon Goethe stellte in seinen naturwissenschaftlichen Schriften die Behauptung auf, dass alles Lebende verwandt sei, und was er «mit des Geistes Augen» sah, bewies die Darwin’sche Theorie später in populärer Weise. Dass Haeckel diese Theorie im materialistischen Sinne erfasste, also ganz anders als Darwin selbst, erklärt sich aus der materialistischen Strömung, die schon damals alles Denken beherrschte. So ist es begreiflich, dass, während Goethe aus dieser Verwandtschaft alles Lebenden auf die Einheit des Geistes schloss, Haeckel seinen materialistischen Monismus darauf aufbaute. Aber die Welträtsel löst Haeckel damit nicht. Um das Leben zu erklären, muss man in Goethe’scher Weise tiefer als nur in die Welt der Erscheinungen dringen. Und dahin zeigt die Theosophie den Weg. Sie lehrt, wie der Mensch seine geistigen Organe entwickelt, deren er ebenso bedarf, um die geistige Welt wahrzunehmen, wie er die physischen zur Wahrnehmung seiner physischen Umwelt benötigt. Wenn Haeckel also in genialer Weise die äußere Physiognomie des Weltalls gezeichnet hat, so führt die Theosophie hin zum Erkennen der Weltseele, die diese Physiognomie belebt. So schließt sich die Theosophie in natürlicher Weise an die Wissenschaft an und kann deshalb niemals mit ihr im Widerspruch stehen.
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 27. November im Bürgermuseum einen Vortrag über «Haeckel, die Welträtsel und Theosophie». Haeckel ging in seinen Forschungen von der Darwin’schen Abstammungslehre aus. Nachdem er in zahlreichen Werken den inneren Zusammenhang alles Lebendigen nachgewiesen, legte er in seinen «Welträtseln» eine Welt- und Lebensanschauung nieder, welche für viele eine Lösung bedeutsamster Fragen, für andere jedoch nur eine trostlose Theorie bedeutet. Schon Goethe stellte in seinen naturwissenschaftlichen Schriften die Behauptung auf, dass alles Lebende verwandt sei, und was er «mit des Geistes Augen» sah, bewies die Darwin’sche Theorie später in populärer Weise. Dass Haeckel diese Theorie im materialistischen Sinne erfasste, also ganz anders als Darwin selbst, erklärt sich aus der materialistischen Strömung, die schon damals alles Denken beherrschte. So ist es begreiflich, dass, während Goethe aus dieser Verwandtschaft alles Lebenden auf die Einheit des Geistes schloss, Haeckel seinen materialistischen Monismus darauf aufbaute. Aber die Welträtsel löst Haeckel damit nicht. Um das Leben zu erklären, muss man in Goethe’scher Weise tiefer als nur in die Welt der Erscheinungen dringen. Und dahin zeigt die Theosophie den Weg. Sie lehrt, wie der Mensch seine geistigen Organe entwickelt, deren er ebenso bedarf, um die geistige Welt wahrzunehmen, wie er die physischen zur Wahrnehmung seiner physischen Umwelt benötigt. Wenn Haeckel also in genialer Weise die äußere Physiognomie des Weltalls gezeichnet hat, so führt die Theosophie hin zum Erkennen der Weltseele, die diese Physiognomie belebt. So schließt sich die Theosophie in natürlicher Weise an die Wissenschaft an und kann deshalb niemals mit ihr im Widerspruch stehen.
[ 2 ] Am 28. November sprach derselbe Redner im Bürgermuseum über die soziale Frage und Theosophie. Die soziale Frage beschäftigt sich mit den Beziehungen der Menschen untereinander aufgrund der bestehenden Verhältnisse. Aber es ist zu beachten, dass diese Verhältnisse nicht etwa durch Naturgesetze oder dergleichen entstanden sind, sondern dass die Menschen selbst sie geschaffen haben und also auch die Verantwortung dafür tragen. Noch viel brennender wird dieses Gefühl der Verantwortung durch die theosophische Weltanschauung, die ja das Gesetz von Wiederverkörperung und Karma (das Gesetz von Ursache und Wirkung auf geistigem Gebiet) anerkennt, und damit dem Einzelnen die unabweisbare Pflicht auferlegt, an den bestehenden Verhältnissen mitzuarbeiten. Die Lösung aber der sozialen Frage liegt in der Umwandlung der Arbeit und ihrer Motive. Im Altertum war die Arbeit ein Tribut, der erzwungen wurde, heute ist sie zu einer Ware geworden, die erkauft wird. In der Zukunft muss sie zu einer freien Gabe werden, die den Bedürfnissen der Menschheit entspricht und aus Liebe geleistet wird. Zur Verwirklichung dieses Ideals aber, das im Kleinen hier und dort schon praktisch betätigt wird, muss zuvor eine Umwandlung des geistigen Lebens, eine Erziehung der menschlichen Seelen stattfinden. Und hier setzt wiederum die Theosophie ein, deren Aufgabe es ist, das Wesen der Seele zu erforschen, um sie zu vergeistigen. Der so häufig gegen die Theosophie erhobene Vorwurf, dass sie den Menschen weltfremd mache, ist daher durchaus ungerechtfertigt. Die Mission der Theosophie besteht in der praktischen Mitarbeit an der Verwirklichung der Ideale der Menschheit.
[ 2 ] Am 28. November sprach derselbe Redner im Bürgermuseum über die soziale Frage und Theosophie. Die soziale Frage beschäftigt sich mit den Beziehungen der Menschen untereinander aufgrund der bestehenden Verhältnisse. Aber es ist zu beachten, dass diese Verhältnisse nicht etwa durch Naturgesetze oder dergleichen entstanden sind, sondern dass die Menschen selbst sie geschaffen haben und also auch die Verantwortung dafür tragen. Noch viel brennender wird dieses Gefühl der Verantwortung durch die theosophische Weltanschauung, die ja das Gesetz von Wiederverkörperung und Karma (das Gesetz von Ursache und Wirkung auf geistigem Gebiet) anerkennt, und damit dem Einzelnen die unabweisbare Pflicht auferlegt, an den bestehenden Verhältnissen mitzuarbeiten. Die Lösung aber der sozialen Frage liegt in der Umwandlung der Arbeit und ihrer Motive. Im Altertum war die Arbeit ein Tribut, der erzwungen wurde, heute ist sie zu einer Ware geworden, die erkauft wird. In der Zukunft muss sie zu einer freien Gabe werden, die den Bedürfnissen der Menschheit entspricht und aus Liebe geleistet wird. Zur Verwirklichung dieses Ideals aber, das im Kleinen hier und dort schon praktisch betätigt wird, muss zuvor eine Umwandlung des geistigen Lebens, eine Erziehung der menschlichen Seelen stattfinden. Und hier setzt wiederum die Theosophie ein, deren Aufgabe es ist, das Wesen der Seele zu erforschen, um sie zu vergeistigen. Der so häufig gegen die Theosophie erhobene Vorwurf, dass sie den Menschen weltfremd mache, ist daher durchaus ungerechtfertigt. Die Mission der Theosophie besteht in der praktischen Mitarbeit an der Verwirklichung der Ideale der Menschheit.
