Appendix to the Public Lectures
GA 85
12 March 1906, Stuttgart
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
79. Das christliche Mysterium. Wiederholte Erdenleben als Lösung des Menschenrätsels
79. Das christliche Mysterium. Wiederholte Erdenleben als Lösung des Menschenrätsels
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 12. ds. einen Vortrag über das christliche Mysterium. Unter den großen Weltreligionen nimmt das Christentum einen besonderen Platz ein. In allen anderen Religionen war nicht der Begründer selbst, sondern seine Lehre das bedeutsamste, im Christentum aber steht die Person Jesu Christi im Mittelpunkt seiner Lehren; das vorbildliche Leben des Stifters nachzuleben, das ist es worauf es im Christentum ankommt. Während die anderen großen Lehrer «die Wahrheit» und «den Weg» dahin weisen wollten, wurde diese Wahrheit und dieser Weg in Christus selbst zum «Leben». Dadurch hat sich das, was die Mysterien der vorchristlichen Zeit enthielten, zu einer neuen Form gewandelt. Früher musste der Einzuweihende durch eigenes Schauen Gewissheit über die Wirklichkeit einer übersinnlichen Welt erlangen, und in diesem Schauen errang der Myste den Sieg des Lebens über den Tod. Durch das Leben und Sterben Christi ist das, was der Myste schaute, zum geschichtlichen Ereignis geworden, und fortan kann dieser Sieg von jedem im eigenen Innern ohne Mysterienschule errungen werden. Die 7 Stufen dieser «Nachfolge» sind im Johannes-Evangelium niedergelegt, dessen Inhalt mit geschichtlicher Kritik zu messen keinen Sinn hat. Reif zum Beschreiten dieses Pfades wird die Seele durch Meditation über die einleitenden Worte dieses Evangeliums. Die Theosophie lehrt die Evangelien wieder in rechter Weise zu lesen, denn sie versucht das Christentum der Vergangenheit zu verstehen, das der Gegenwart zu beleben und dadurch ist sie imstande, ein Christentum der Zukunft zu bilden.
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 12. ds. einen Vortrag über das christliche Mysterium. Unter den großen Weltreligionen nimmt das Christentum einen besonderen Platz ein. In allen anderen Religionen war nicht der Begründer selbst, sondern seine Lehre das bedeutsamste, im Christentum aber steht die Person Jesu Christi im Mittelpunkt seiner Lehren; das vorbildliche Leben des Stifters nachzuleben, das ist es worauf es im Christentum ankommt. Während die anderen großen Lehrer «die Wahrheit» und «den Weg» dahin weisen wollten, wurde diese Wahrheit und dieser Weg in Christus selbst zum «Leben». Dadurch hat sich das, was die Mysterien der vorchristlichen Zeit enthielten, zu einer neuen Form gewandelt. Früher musste der Einzuweihende durch eigenes Schauen Gewissheit über die Wirklichkeit einer übersinnlichen Welt erlangen, und in diesem Schauen errang der Myste den Sieg des Lebens über den Tod. Durch das Leben und Sterben Christi ist das, was der Myste schaute, zum geschichtlichen Ereignis geworden, und fortan kann dieser Sieg von jedem im eigenen Innern ohne Mysterienschule errungen werden. Die 7 Stufen dieser «Nachfolge» sind im Johannes-Evangelium niedergelegt, dessen Inhalt mit geschichtlicher Kritik zu messen keinen Sinn hat. Reif zum Beschreiten dieses Pfades wird die Seele durch Meditation über die einleitenden Worte dieses Evangeliums. Die Theosophie lehrt die Evangelien wieder in rechter Weise zu lesen, denn sie versucht das Christentum der Vergangenheit zu verstehen, das der Gegenwart zu beleben und dadurch ist sie imstande, ein Christentum der Zukunft zu bilden.
[ 2 ] Am 13. März hielt derselbe Redner einen Vortrag über «Wiederholte Erdenleben als Lösung des Menschenrätsels». Eines der wichtigsten Welträtsel gibt uns das alltägliche Leben auf; die verschiedenartige und scheinbar ungerechte Verteilung der irdischen Glücksgüter. Eine Hindeutung auf «Gottes unerforschlichen Ratschluss» verschiebt nun die Lösung. Die Wissenschaft tritt dieser Frage überhaupt nicht näher und überweist alles dem Zufall. Und doch liegt in den von der Wissenschaft anerkannten Tatsachen der Weg zu einem logischen Verständnis. Nachdem der Satz feststeht, dass alles Lebendige nur vom Lebendigen stammt, muss man auch zugeben, dass alles Seelisch-Geistige nur vom Seelisch-Geistigen stammen kann. Wie ein Lebewesen nur verstanden wird, wenn man seine Entwicklung von einer niedrigen Stufe zu einer höheren verfolgt, so muss auch einem hochentwickelten Seelenwesen ein unvollkommenes vorangegangen sein, aus dem es sich entwickelt hat. So wird das, was die Theosophie «Reinkarnation» nennt, eine vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus notwendige Vorstellung. Die Theosophie zeigt den Weg, wie man durch die Erweckung des Bewusstseins auf übersinnlichen Daseinsstufen den Lauf eines Seelenlebens durch wiederholte Erdenleben verfolgen kann. Jede Entwicklung vollzieht sich unter dem Gesetze von Ursache und Wirkung, was der Theosoph Karma nennt. Von «Fatalismus» ist hierbei keine Rede, denn eben weil alles sich gesetzmäßig vollzieht, kann der freie Wille des Menschen die Wirkung jeder seiner Taten voraussehen und auf diese Weise bewusst an seiner Entwicklung arbeiten.
[ 2 ] Am 13. März hielt derselbe Redner einen Vortrag über «Wiederholte Erdenleben als Lösung des Menschenrätsels». Eines der wichtigsten Welträtsel gibt uns das alltägliche Leben auf; die verschiedenartige und scheinbar ungerechte Verteilung der irdischen Glücksgüter. Eine Hindeutung auf «Gottes unerforschlichen Ratschluss» verschiebt nun die Lösung. Die Wissenschaft tritt dieser Frage überhaupt nicht näher und überweist alles dem Zufall. Und doch liegt in den von der Wissenschaft anerkannten Tatsachen der Weg zu einem logischen Verständnis. Nachdem der Satz feststeht, dass alles Lebendige nur vom Lebendigen stammt, muss man auch zugeben, dass alles Seelisch-Geistige nur vom Seelisch-Geistigen stammen kann. Wie ein Lebewesen nur verstanden wird, wenn man seine Entwicklung von einer niedrigen Stufe zu einer höheren verfolgt, so muss auch einem hochentwickelten Seelenwesen ein unvollkommenes vorangegangen sein, aus dem es sich entwickelt hat. So wird das, was die Theosophie «Reinkarnation» nennt, eine vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus notwendige Vorstellung. Die Theosophie zeigt den Weg, wie man durch die Erweckung des Bewusstseins auf übersinnlichen Daseinsstufen den Lauf eines Seelenlebens durch wiederholte Erdenleben verfolgen kann. Jede Entwicklung vollzieht sich unter dem Gesetze von Ursache und Wirkung, was der Theosoph Karma nennt. Von «Fatalismus» ist hierbei keine Rede, denn eben weil alles sich gesetzmäßig vollzieht, kann der freie Wille des Menschen die Wirkung jeder seiner Taten voraussehen und auf diese Weise bewusst an seiner Entwicklung arbeiten.
