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Appendix to the Public Lectures
GA 85

21 March 1908, Strasbourg

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
  1. Appendix to the Public Lectures, tr. SOL

87. Die Naturwissenschaft am Scheidewege

87. Die Naturwissenschaft am Scheidewege

[ 1 ] Über das Thema «Die Naturwissenschaft am Scheidewege» hielt am Samstagabend im großen Saale der Aubette der bekannte Theosoph Dr. Steiner – Berlin einen von den Zuhörern mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag. In seiner temperamentvollen Weise charakterisierte er das naturwissenschaftliche Glaubensbekenntnis, wie es sich auf dem festen Boden der Tatsachen im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Im Sinne desselben soll die gesamte dem Menschen gegebene Wahrnehmungswelt keine objektive Realität haben, sondern nur die Wirkung der materiellen Vorgänge in der Welt der Atome und ihrer Gruppierung auf die Erkenntnisorgane sein. Farben, Licht zum Beispiel sind nichts an sich, sondern die durch das Organ vermittelten Schwingungen des Äthers. Unter solchen Voraussetzungen hat sich mit Notwendigkeit eine Anschauung ergeben, welche das Unvergängliche, Ewige nur in der «atomistisch » gedachten Materie sieht und alle Seelenvorgänge sich vorstellen muss, wenn sich die Atomkombinationen aufgelöst haben, aus denen sie entspringen. Die Geisteswissenschaft, Theosophie genannt, muss in der «Welt der Atome» nur ein Produkt der Gedankendichtung sehen, dem eine objektive Realität nicht zukommt. Will man von dem, was die Sinne erkennen, zu dem kommen, was der Grund davon ist, dann kann man diesen nur in der geistigen Wirklichkeit suchen; nur von dem Geiste hat der Mensch nicht bloß eine erdichtete Vorstellung, sondern eine unmittelbare Erfahrung, denn der Geist ist im eigenen Innern der Menschen seiner wahren Wesenheit nach zu erkennen. Aus demselben Geiste heraus ist auch die sinnliche Wirklichkeit, die Außenwelt, zu erkennen, denn diese stellt für die Theosophie eine andere Form des Geistes dar, gleichsam einen verdichteten Geist – gleichsam wie Eis dasselbe ist wie Wasser, nur in verdichteter, fester Form. In einem ähnlichen Verhältnisse steht die Geisteswissenschaft dem materialistisch gefärbten naturwissenschaftlichen Glaubensbekenntnis in Bezug auf die Entwicklungsvorgänge des Lebens und der Menschen. Das Letztere will alle höheren Vollkommenheiten der Menschen dadurch begreifen, dass es in ihnen höhere Stufen der niederen Formen und Verrichtungen sieht, die sich bei den unvollkommenen Lebewesen finden. Sprache zum Beispiel soll sein höher gebildetes tierisches Schreien, Denken umgebildetes tierisches Vorstellen und so weiter. Das ganze Werden wird dabei materiell gedacht, sodass also die Ahnherren der Menschen in tierischen Formen der Urzeit zu suchen seien. Die Geisteswissenschaft dagegen zeigt, dass alles Materielle im Menschen nur die Wirkung und Offenbarung des zugrunde liegenden Geistigen ist, und dass der Mensch ein viel komplizierteres Wesen ist, als sich das materialistische Bekenntnis vorstellt. Im Menschen sind vorhanden: Erstens der physische Leib, das gröbste materielle, zweitens der Äther- oder der Lebensleib, welcher dem Leben zugrunde liegt, drittens der Astralleib, welcher dem Bewusstsein, und viertens das Ich, welches dem Selbstbewusstsein zugrunde liegt. Die drei letzteren Glieder des Menschen sind geistiger Art, und das Geistige ist dem Physischen vorausgegangen. Bevor es niedere Tiere gab, war der Mensch als geistiges Wesen vorhanden; er hat sich dadurch bis zu seiner jetzigen Form entwickelt, dass er aus dem Geistigen heraus sich die physische Gestalt gegeben hat. In dem großen Zeitenraume aber blieben immer Wesen auf den verschiedenen Vorstufen zurück, welche der Mensch durchgemacht, und zu seiner Vervollkommnung gewissermaßen von sich abgesondert hat; diese Vorstufen sind die niederen, tierischen Wesen. So ist der Mensch nicht durch Vervollkommnung niederer Wesen entstanden (Darwinismus), sondern diese niederen Wesen sind die in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Brüder der Menschen. Der Mensch ist im Sinne wahrer Geisteswissenschaft der «Erstgeborene» der Erde, wenn auch seine materielle Form am spätesten von allen Naturwesen an den Tag getreten ist. Nun widersprechen diesen geisteswissenschaftlichen Forschungen nicht die naturwissenschaftlichen Tatsachen, sondern allein eine Art Glaubensbekenntnis, das man aus ihnen gemacht hat. Vielmehr drängen die Tatsachen selbst gerade zu der gleichen Anschauung hin, welche die Geisteswissenschaft hat. Das Atom, welches vor kurzer Zeit noch als «ewig und unvergänglich» galt, kann nicht mehr vor den Forschungen der Neuzeit bestehen. Die Erscheinungen am Radium und ähnlichen Stoffen haben den alten Atombegriff geradezu in sich selbst aufgelöst. Und wer sich nicht mehr im Banne der Vorurteile bewegt, sondern die Umwälzung der durch die Tatsachen gegebenen Begriffe erfasst, der sieht die Naturwissenschaften heute schon auf einem Wege, der nur noch einige Schritte weiter verfolgt zu werden braucht, um in die Geisteswissenschaft einzumünden. So aber ist es auch mit der Entwicklungslehre. Die tierischen Vorfahren des Menschen sind unter dem Zwange der Tatsachen aus der Reihe der gegenwärtig lebenden Wesen ganz hinausgerückt, und die neueste Naturwissenschaft steht vor hypothetischen Vorfahren, die weder Geologie noch Paläontologie finden können. Auch hier hat die Naturwissenschaft bereits die Richtung zu den rein geistigen Vorfahren des Menschen. Es wird noch eine Zeit brauchen, dann wird, nicht durch erdichtete Vorstellungen, sondern durch die laute Sprache der Tatsachen, die Versöhnung erfolgen können zwischen Naturund Geisteswissenschaft und damit zwischen Glauben und Wissen. Somit sind wir heute dem Zeitpunkte bedeutend nähergerückt, welchen Schiller vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Hellseherblick herbeigesehnt haben mag, wenn er von seiner Zeit erklärte, «dass Natur- und Geisteswissenschaft noch nicht so entwickelt seien, einen gemeinsamen Weg zu wandeln, sondern noch getrennte Pfade gehen müssten».

[ 1 ] Über das Thema «Die Naturwissenschaft am Scheidewege» hielt am Samstagabend im großen Saale der Aubette der bekannte Theosoph Dr. Steiner – Berlin einen von den Zuhörern mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag. In seiner temperamentvollen Weise charakterisierte er das naturwissenschaftliche Glaubensbekenntnis, wie es sich auf dem festen Boden der Tatsachen im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Im Sinne desselben soll die gesamte dem Menschen gegebene Wahrnehmungswelt keine objektive Realität haben, sondern nur die Wirkung der materiellen Vorgänge in der Welt der Atome und ihrer Gruppierung auf die Erkenntnisorgane sein. Farben, Licht zum Beispiel sind nichts an sich, sondern die durch das Organ vermittelten Schwingungen des Äthers. Unter solchen Voraussetzungen hat sich mit Notwendigkeit eine Anschauung ergeben, welche das Unvergängliche, Ewige nur in der «atomistisch » gedachten Materie sieht und alle Seelenvorgänge sich vorstellen muss, wenn sich die Atomkombinationen aufgelöst haben, aus denen sie entspringen. Die Geisteswissenschaft, Theosophie genannt, muss in der «Welt der Atome» nur ein Produkt der Gedankendichtung sehen, dem eine objektive Realität nicht zukommt. Will man von dem, was die Sinne erkennen, zu dem kommen, was der Grund davon ist, dann kann man diesen nur in der geistigen Wirklichkeit suchen; nur von dem Geiste hat der Mensch nicht bloß eine erdichtete Vorstellung, sondern eine unmittelbare Erfahrung, denn der Geist ist im eigenen Innern der Menschen seiner wahren Wesenheit nach zu erkennen. Aus demselben Geiste heraus ist auch die sinnliche Wirklichkeit, die Außenwelt, zu erkennen, denn diese stellt für die Theosophie eine andere Form des Geistes dar, gleichsam einen verdichteten Geist – gleichsam wie Eis dasselbe ist wie Wasser, nur in verdichteter, fester Form. In einem ähnlichen Verhältnisse steht die Geisteswissenschaft dem materialistisch gefärbten naturwissenschaftlichen Glaubensbekenntnis in Bezug auf die Entwicklungsvorgänge des Lebens und der Menschen. Das Letztere will alle höheren Vollkommenheiten der Menschen dadurch begreifen, dass es in ihnen höhere Stufen der niederen Formen und Verrichtungen sieht, die sich bei den unvollkommenen Lebewesen finden. Sprache zum Beispiel soll sein höher gebildetes tierisches Schreien, Denken umgebildetes tierisches Vorstellen und so weiter. Das ganze Werden wird dabei materiell gedacht, sodass also die Ahnherren der Menschen in tierischen Formen der Urzeit zu suchen seien. Die Geisteswissenschaft dagegen zeigt, dass alles Materielle im Menschen nur die Wirkung und Offenbarung des zugrunde liegenden Geistigen ist, und dass der Mensch ein viel komplizierteres Wesen ist, als sich das materialistische Bekenntnis vorstellt. Im Menschen sind vorhanden: Erstens der physische Leib, das gröbste materielle, zweitens der Äther- oder der Lebensleib, welcher dem Leben zugrunde liegt, drittens der Astralleib, welcher dem Bewusstsein, und viertens das Ich, welches dem Selbstbewusstsein zugrunde liegt. Die drei letzteren Glieder des Menschen sind geistiger Art, und das Geistige ist dem Physischen vorausgegangen. Bevor es niedere Tiere gab, war der Mensch als geistiges Wesen vorhanden; er hat sich dadurch bis zu seiner jetzigen Form entwickelt, dass er aus dem Geistigen heraus sich die physische Gestalt gegeben hat. In dem großen Zeitenraume aber blieben immer Wesen auf den verschiedenen Vorstufen zurück, welche der Mensch durchgemacht, und zu seiner Vervollkommnung gewissermaßen von sich abgesondert hat; diese Vorstufen sind die niederen, tierischen Wesen. So ist der Mensch nicht durch Vervollkommnung niederer Wesen entstanden (Darwinismus), sondern diese niederen Wesen sind die in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Brüder der Menschen. Der Mensch ist im Sinne wahrer Geisteswissenschaft der «Erstgeborene» der Erde, wenn auch seine materielle Form am spätesten von allen Naturwesen an den Tag getreten ist. Nun widersprechen diesen geisteswissenschaftlichen Forschungen nicht die naturwissenschaftlichen Tatsachen, sondern allein eine Art Glaubensbekenntnis, das man aus ihnen gemacht hat. Vielmehr drängen die Tatsachen selbst gerade zu der gleichen Anschauung hin, welche die Geisteswissenschaft hat. Das Atom, welches vor kurzer Zeit noch als «ewig und unvergänglich» galt, kann nicht mehr vor den Forschungen der Neuzeit bestehen. Die Erscheinungen am Radium und ähnlichen Stoffen haben den alten Atombegriff geradezu in sich selbst aufgelöst. Und wer sich nicht mehr im Banne der Vorurteile bewegt, sondern die Umwälzung der durch die Tatsachen gegebenen Begriffe erfasst, der sieht die Naturwissenschaften heute schon auf einem Wege, der nur noch einige Schritte weiter verfolgt zu werden braucht, um in die Geisteswissenschaft einzumünden. So aber ist es auch mit der Entwicklungslehre. Die tierischen Vorfahren des Menschen sind unter dem Zwange der Tatsachen aus der Reihe der gegenwärtig lebenden Wesen ganz hinausgerückt, und die neueste Naturwissenschaft steht vor hypothetischen Vorfahren, die weder Geologie noch Paläontologie finden können. Auch hier hat die Naturwissenschaft bereits die Richtung zu den rein geistigen Vorfahren des Menschen. Es wird noch eine Zeit brauchen, dann wird, nicht durch erdichtete Vorstellungen, sondern durch die laute Sprache der Tatsachen, die Versöhnung erfolgen können zwischen Naturund Geisteswissenschaft und damit zwischen Glauben und Wissen. Somit sind wir heute dem Zeitpunkte bedeutend nähergerückt, welchen Schiller vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Hellseherblick herbeigesehnt haben mag, wenn er von seiner Zeit erklärte, «dass Natur- und Geisteswissenschaft noch nicht so entwickelt seien, einen gemeinsamen Weg zu wandeln, sondern noch getrennte Pfade gehen müssten».