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The Rudolf Steiner Archive

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Theosophie und Okkultismus
GA 90c

16 Oktober 1903, Berlin

10. Weltgerechtigkeit, Weisheitsvoller Weltenplan, das Pringstfestsymbol

[ 1 ] Es liegen die Fragen vor:

— Ob in den äußeren Welterscheinungen ein planmäßiger Zusammenhang einzusehen ist?
— Ob man einen planmäßigen Zusammenhang annehmen kann?
— Ob die Ereignisse der Erscheinungen in einem planvollen Zusam menhang sind?
— Ob in der Welt Weisheit oder Zufall herrscht?

[ 2 ] (Es wird [bei den Fragestellungen] dabei erinnert an Krieg, Erdbeben, an das Herabfallen eines Ziegelsteines auf den Kopf eines Passanten und so weiter.)

[ 3 ] Zum Teil scheinen die Dinge in der Welt recht weise eingerichtet zu sein. Der Mensch wird sich unterrichten müssen über den Plan des Ganzen. Die Weltordnung scheint gemischt zu sein aus Harmonie und Disharmonie. [Ich habe das letzte Mal ein Beispiel gewählt:] Am Ufer eines Flusses steht ein Mann. Er ist voller Mitleid und Wohlwollen, sieht in dem Fluss einen ertrinkenden Mann, springt ins Wasser und rettet ihn, geht aber infolge einer Erkältung [später] zu Grunde. Dazu ein zweiter Fall: Aus Rachegefühl stößt ein Mensch einen anderen ins Wasser [und fällt dabei selbst ins Wasser]. Auch er erkältet sich und stirbt [an den Folgen]. Wir können den großen gewaltigen Plan zwar nachdenken, aber der Philosoph Baumann kann sich nicht entschließen, sich zur theosophischen Weltanschauung zu bekennen.

[ 4 ] Denken Sie sich doch einmal, ob wir Weisheit finden könnten in der Welt, wenn sie nicht [bereits] darinnen läge? Die Gesetze der Mathematik können [von einem Menschen] im Zimmer, rein für sich, abseits von aller Welt studiert werden. Wir finden da [beim mathematischen Studium], dass sich die Weltkörper nach den Gesetzen der Ellipse bewegen, die wir im Zimmer erforscht haben.

[ 5 ] Von der Welt des tierischen und pflanzlichen Lebens steigen wir herauf zur Welt des Menschen. Dann erscheint es aber, als ob jeder seine eigenen Wege gehen müsste, ohne jeden Plan. Also scheint die Welt gemischt aus weisheitsvoller Ordnung und Chaos. Aber selbst in dem Chaos können wir eine so wunderbare Weisheit finden, dass wir staunend dastehen. Sehen Sie sich einen Biber-Bau an. Er ist angelegt mit einer ungeheuren Kunstfähigkeit. Ein Ingenieur könnte den Bau nicht besser machen. Oberhalb seiner Behausung legt der Biber Dämme an. Sie sind nicht immer gleich, sie richten sich stets nach dem Lauf des Flusses. In der Gesamtheit erscheint es wie ein Chaos, aber im Einzelnen ist es Weisheit; die Dämme sind gesetzmäßig angelegt und erbaut.

[ 6 ] Was bedeutet nun ein Gesetz? Die Statistik lehrt uns eine ganz bestimmte Regelmäßigkeit in der äußeren Welt: Auf sechshundertfünfzig Franzosen kommt ein Verbrecher, eine bestimmte Anzahl von Personen stirbt nach zehn Jahren. Auf die Gesetzmäßigkeit der Todesfälle gründet die Lebensversicherung ihre Berechnungen. Eine solche Ordnung müsste bedrückend wirken. Aber trotzdem eine Gesetzmäßigkeit im Ganzen wahrnehmbar ist, unterliegt der Einzelne diesem Gesetze nicht. Es ist dem also keine fatalistische Auffassung beizulegen.

[ 7 ] Hier liegt ein wichtiges Geheimnis des Daseins vor. Was ich hiermit angedeutet habe, hängt auch mit dem fünften Weltgeheimnis zusammen [, von dem ich andeutungsweise schon gesprochen habe].

[ 8 ] Ist vielleicht auch in der scheinbaren Unweisheit Weisheit vorhanden? Sie ist vielleicht nur deshalb nicht vorhanden, weil wir sie noch nicht durchschaut haben. Niemals darf der Mensch annehmen, dass er einen Abschluss erreicht hat. Es ist ein ewiges Entwickeln. Was wir heute noch nicht einsehen, das werden wir vielleicht morgen einsehen.

[ 9 ] Warum finden wir in der äußeren leblosen Natur leicht die Gesetzmäßigkeit? Es ist eine Natur, die noch nicht heraufentwickelt ist zu der Mannigfaltigkeit im Menschenleben. Je weiter die Entwicklung fortgeschritten ist, desto tiefer ist die Gesetzmäßigkeit und desto schwerer ist sie zu verstehen. Ich habe Ihnen Beispiele für planmäßige Gesetzmäßigkeiten gezeigt. Ich habe Ihnen das gezeigt an dem Biber-Bau. Die Biber haben nicht menschlichen Verstand. Aber eine wirkungsfähige Vernunft ist auch für die Tiere da. Wenn Sie den Tierkörper durchforschen, finden Sie nicht wie im Menschen die Seele. Eine solche einzelne Seele finden Sie im Tiere nicht. Die Tierseele müssen Sie im Nichtphysischen suchen. Das Verhältnis ist dem ähnlich wie es zwischen Hand und Gehirn ist. In der Hand ist keine seelische Vernunft, wohl aber im Gehirn. So verhält es sich auch bei den Tieren.

[ 10 ] Was beim Menschen im Menschen, in der Seele wohnt, das steht beim Tier hinter demselben. Ein Gelehrter sagte: Wenn ich in den Welten und Sternen ein Nervensystem finden würde, würde ich an eine Seele glauben, sonst aber nicht. Das ist gerade der Unterschied: Beim Menschen kann die Seele in den Nerven leben; sonst lebt die Seele über der physischen Welt. Deshalb ist es für die physische Betrachtung nicht möglich, überall den Zusammenhang wahrzunehmen.

[ 11 ] Dazu gehört es auch, dass Rachsucht und Mitleid in gewisser Beziehung die gleichen Folgen nach sich ziehen. Es liegen aber die Ursachen in den höheren geistigen Sphären. Würden einmal die Ursachen aus den höheren Welten hereinfallen in die physische Welt, so würden sie uns als eine weisheitsvolle Sache erscheinen müssen. Wer auf der Welt wirkt, muss hinhorchen auf einen, der tiefer [als er selbst] in die Welt hineinblickt. Dabei gibt es Stufenfolgen. [Es baut sich wie selbstverständlich eine echte Hierarchie auf.]

[ 12 ] Wir können eine Gesetzmäßigkeit nur so weit schen, einsehen, als wir entwickelt sind. Dass Weltenweisheit vorhanden ist, das geht aus der heutigen Betrachtung hervor. Wenn aber diese da ist, so müssen wir bestrebt sein, alles zu tun, was im Sinne dieser Weltenweisheit liegt. Nicht eine bestimmte Marschroute soll damit angedeutet sein, sondern freie Entschließung. Was sich die göttliche Weisheit bei den Tieren vorbehalten hat, nämlich sie zu dirigieren, dessen hat sie sich bei den Menschen begeben. Das ist das Herabsteigen der Feuerzungen, das Herabsteigen des Geistes in jedes Menschenwesen: Das Pfingstfest. Jede Zunge dirigiert eine Tierordnung. Das Tier braucht sich nur der Weisheit zu überlassen, welche es leitet. Der Mensch muss seine Weisheit dadurch zum Ausdruck bringen, dass er sich mit den weltweisen Mächten berät.

[ 13 ] Wir müssen hinhorchen [auf die weisen Weltmächte]. Wir sind nicht da, um über den göttlichen Weltenplan zu grübeln [oder um] einfach zu glauben, sondern wir sind dazu da, selbst weisheitsvoll zu wirken, die verborgene Weisheit in uns aufzunehmen und in dieselbe einzudringen. Durch die menschliche Entwicklung wird die verborgene Weisheit offenbar: Durch das Handeln des Menschen, durch sein Wirken.