Theosophie und Okkultismus
GA 90c
13 November 1903, Berlin
14. Mysterien und Geheimschulen, Vegetarismus, Pythagoras, Nahrung und Temperament
[ 1 ] Unsere heutige Zeit steht unter dem Zeichen der Reform. Überall Reformbewegungen, Reformbestrebungen. Unzufrieden mit dem Bestehenden, Althergebrachten und unbefriedigt von den gemachten Erfahrungen, suchen die Menschen etwas Neues herauszugestalten, herauszubilden und in irgendetwas anderem ihr Heil zu suchen. Und das muss so sein; denn alles im Weltall, das große Ganze, alle Kulturen, der einzelne Mensch, alles ist im Werden, im Entwickeln begriffen, es gibt keinen Stillstand.
[ 2 ] Wie groß und gewaltig sind oft die Ideen der einzelnen Reformstifter, aber wie verzerrt und ins Extreme geführt werden sie von der großen Menge. Nehmen wir einmal eine unserer hervorragendsten Reformbewegungen heraus. Es gibt eine Bewegung, die noch in keiner Kulturepoche zu bemerken war, [die auf manchen sehr befremdend wirkt:] es ist die «Frauenbewegung».
[ 3 ] Der Drang zur Betätigung an den großen Aufgaben der Kultur und des sozialen Lebens treibt die Frau dazu, nach Wertschätzung und Gleichberechtigung mit dem Manne zu ringen. Auch die Zeitverhältnisse zwingen die Frau dazu. Sie will nicht mehr in kleinerem Kreise walten, gefesselt an unbefriedigende Verhältnisse oder einsam in der Welt stehend, ohne fördernde Arbeit, ohne eine Lebensaufgabe. Nein, sie will mitarbeiten am Kulturleben, auf eigenen Füßen stehend, mit den gleichen Rechten wie der Mann. Das wunderbare Ideal einer Hausfrau, das Schiller in seiner «Glocke» so schön uns zeigt: «Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau», ist eben für die große Mehrheit unserer weiblichen Welt kein Ideal mehr.
[ 4 ] Aber wie missverstanden und ins Extreme führend ist dieser Drang nach Selbstständigkeit und Freiheit. Weil die Frau noch nicht erfasst hat, dass nicht allein das Selbstbewusstsein im Berufsleben die Frau frei und selbstständig macht, oder das willkürliche Handeln in die Sphäre der Freiheit fällt, sondern dass wir vor allen Dingen in unserem Innern selbstständig und frei werden müssen, dass erst die Durcharbeitung unseres ganzen Seelenlebens, die Veredlung und Läuterung unseres Charakters das Weib zum selbstständigen freien Wesen macht. Mögen dann die äußeren Verhältnisse sein wie sie wollen, das hat keinen großen Einfluss. Die Errungenschaft der inneren Selbstständigkeit gibt der Frau dann auch das Anrecht auf äußere Freiheit und Selbstständigkeit; und erst dann kann sie eine Mitarbeiterin des Mannes werden, aber nicht seine Rivalin. Um zu dieser wahren inneren Selbstständigkeit zu gelangen, den Weg dazu kann uns nur die Geisteswissenschaft zeigen, alles andere Freiheitsstreben führt zu keinem hohen Ziel.
[ 5 ] Gehen wir in ein anderes Gebiet, in das der Naturheilkunde. Man hat gefunden, dass die vielen Erkrankungen der heutigen Zeit zurückzuführen sind auf das jetzige Kulturleben. Der Kampf ums Dasein lässt den Menschen kaum zur Ruhe, noch viel weniger zur Gesundung kommen. Man glaubt, weil eben unsere Vorfahren so ganz in der Natur lebten, in frischer Luft, unbeengt von der Kleidung, [bei einfacher Ernährung], das wäre ausschlaggebend gewesen für ihre Gesundheit. Und weil die medizinische Wissenschaft in manchen Fällen nicht mehr das Richtige findet, so glaubt man, dass ein «Zurück zur Natur», ein Leben mit der Natur das Gesündeste wäre. Man nimmt Erde, Wasser, Luft und Wärme und wendet sie, wo es ist, in allen erdenklichen Fällen an.
[ 6 ] Aber dabei bedenkt man nicht, dass der Mensch ein individuelles Wesen ist, das nicht mehr mit allen Elementen Verwandtschaft hat. Bei manchem sind Sonnenbäder ganz und gar nicht angebracht, bei einem anderen können Wasserkuren von größtem Schaden sein. Wenn einmal vom geheimwissenschaftlichen Standpunkt aus dem Menschen Gesundheit werden soll, dann wird individuell vorgegangen werden müssen. Da wird jeder das zur Heilung bekommen, was seiner innersten Natur, seinem Temperament, seinem ganzen Charakter, seinem geistigen Aufbau zuträglich ist.
[ 7 ] Der Mensch aber steht stets doch in engstem Zusammenhang mit den ewigen Gesetzen und nur nach diesen kann eine vollständige Heilung desselben, eine vollständige Harmonie des Menschen mit seinem physischen und psychischen Organismus hergestellt werden. Es gibt für den Menschen kein «Zurück zur Natur» in dem Sinne, als er in der Natur das Höchste zu sehen glaubt, sondern nur noch ein «Durch die Natur zum Geist».
[ 8 ] Hand in Hand mit der Naturheilmethode geht gewöhnlich der Vegetarismus. Man ist überzeugt, dass in der tierischen Nahrung etwas enthalten sei, das nicht gesundheitsfördernd wirkt, man glaubt, dass es für den Menschen zuträglicher wäre, Pflanzenkost zu genießen, und man geht so weit, dass man sogar Milch, und die daraus bereiteten Käse und dergleichen, nicht zur Ernährung geeignet hält. Überall her nimmt man die pflanzlichen Erzeugnisse, um rechte Abwechslung und einen ganzen Ersatz für die Fleischnahrung zu bekommen. Diese Lebensweise ist zwar sehr bekömmlich, aber ob jeder das auf lange Zeit durchführen kann, das ist eine andere Frage. Denn vegetarisches Leben ohne geistiges Streben führt unweigerlich zur Krankheit. Man sagt, [dass der Vegetarismus in Griechenland Jahrhunderte vor Christus bekannt gewesen sei, und] dass der große Weise des Altertums, Pythagoras, der Stifter des Vegetarismus sei. Da muss man doch fragen: Wer war denn Pythagoras und warum lebte er denn vegetarisch? Und damit gelangen wir in das Gebiet der Geheimschulen, der Mysterien.
[ 9 ] Zu allen Zeiten und zerstreut über alle Weltteile hat es von jeher Geheimschulen gegeben, deren Mitglieder sich befleißigten durch strenge Selbstzucht, durch fleißiges Studium, durch Meditation in das verborgene Sein der Welt zu gelangen, hinter den Schleier des Vergänglichen zu schauen. In Griechenland war es besonders Pythagoras, einer der großen Eingeweihten, der in diesem Sinne wirkte. Er hatte Schüler um sich versammelt, die er durch vorangegangene strenge Proben in die Mysterien einführte. Zugleich damit wurden von ihm auch strenge Diätvorschriften erlassen. Berauschende Getränke waren ganz verpönt. Ebenso war der Genuss von Fleisch und von Bohnengemüse streng untersagt. Auch in späteren Zeiten wurden in allen Geheimschulen für die Lebensweise der Schüler Vorschriften gegeben. Denn der Schüler soll lernen, die Nahrung nach den Grundsätzen der geistigen Erkenntnis zu wählen. Er muss wissen, dass in dem, was er als Nahrung zu sich nimmt, die Kraft gewisser Wesenheiten liegt. Und wenn der Mensch zum Herrscher seines Organismus werden will, so muss er seine Nahrung bewusst wählen.
[ 10 ] Wenn man erst begreift, welche Wesenheiten durch diese oder jene Nahrung angezogen werden, dann erkennt man auch, welche Bedeutung die Ernährung hat. In den früheren Zeiten, da kannte man auch in den großen Religionsgemeinschaften, zum Beispiel in der jüdischen und in der katholischen Religion, die Wirkung der Nahrungsmittel. Ein Zuwiderhandeln gegen die Vorschriften wurde mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft.
[ 11 ] Auch im Brahmanismus war die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern dem Vishnu geweiht. Diejenigen, welche sich seine Diener nannten, feierten diese Zeit durch Enthaltsamkeit zum Beispiel von allen Hülsenfrüchten, des Öles, Fleisches, Salzes und berauschender Getränke. Man hatte in jener Zeit noch das lebendige Gefühl des Zusammenhanges des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos, und man forderte von jedem erwachsenen Gliede der Gemeinschaft, dass es zu ganz bestimmten Zeiten sich aufnahmefähiger mache für gewisse geistige Kräfte, damit es mit der ganzen Natur eine Wiedergeburt und Auferstehung feiere. Es waren dies die Zeiten vor Weihnachten und vor Ostern.
[ 12 ] Nun wollen wir einmal betrachten, was die Nahrung eigentlich ist. Fast keinem Gebiet bringt man so großes Interesse entgegen, wie der Ernährung; denn die Anforderungen, die die heutige Zeit an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen stellt, bedingt es, sich gut [und kräftig] zu ernähren. Wir sehen, dass wir der Nahrung bedürfen, um unseren Körper zu erhalten. Durch die Nahrung führen wir unserem Körper aufbauende und erhaltende Kräfte zu. Nach dem äußeren wissenschaftlichen Standpunkt ist die Nahrung eine Energie-Zufuhr. Die Geheimwissenschaft sagt aber: In der ganzen Natur manifestiert sich die Dreiheit. Jedes Ding besteht aus Form, Leben und Bewusstsein.
[ 13 ] Alles in der Natur ist belebt und durchgeistigt. Wir entnehmen unsere Nahrung dem Tier- und Pflanzenreich. Das Tier hat seinen physischen [Leib], [seinen] ätherischen [Leib] und [seinen] Astralleib auf der physischen Welt, das Gruppen-Ich der Tiere ist auf dem Astralplan. Wenn das Tier tot ist, dann ist die Wirkung der tierischen Natur noch nicht aufgehoben; denn das Prinzip des Tieres wirkt nach dem Tode des Tieres weiter.
[ 14 ] Ebenso ist es bei der Pflanze. Die Pflanze hat ihren physischen und ätherischen Leib auf dem physischen Plan, ihren Astralleib in der Astralwelt, das Ich der Pflanze ist im Devachan. Das Prinzip, das in der Pflanze wirkt, wird auch nach der Zubereitung der Pflanze wirksam sein. Aber die Nahrungswirkung erstreckt sich nicht nur auf den physischen und Lebensleib, sondern auch auf die anderen Lebensteile des Menschen.
[ 15 ] Und nun wollen wir einmal im Zusammenhang mit unserem geistigen Streben über die Ernährung sprechen. Wohl werden Meditations- und Konzentrations-Übungen die Hauptsache sein, [doch wird es nicht so unwesentlich sein, wie der Strebende sich ernährt], wenn die Bearbeitung des Astralleibes beginnt.
[ 16 ] Vor allen Dingen ist es wichtig, Alkohol in jeder Form zu meiden, sogar die mit Alkohol gefüllten Süßigkeiten sind von sehr schädlicher Wirkung. Alkohol und geistige Übungen führen auf die schlimmsten Pfade! Von wissenschaftlichem Standpunkt ist ja schon der schlimme Einfluss auf die Gehirnfunktion nachgewiesen; wie viel mehr sollte ein Mensch, der sein ganzes Streben auf das Geistige richtet, sich eines Genusses enthalten, der das Erkennen des Geistigen vollständig ausschließt.
[ 17 ] Der Genuss von Fleisch und Fisch ist nicht ratsam. Im Fleisch genießt der Mensch die ganze Tierleidenschaft mit, und im Fisch genießt er das ganze Weltenkama [...] mit.
[ 18 ] Pilze sind ungemein schädlich. Sie enthalten hemmende Mondenkraft, und alles, was auf dem Mond entstanden ist, bedeutet Erstarrung. Ebenso sind Hülsenfrüchte nicht sehr ratsam, wegen des zu großen Stickstoffgehalts. Stickstoff verunreinigt den Ätherkör per.
[ 19 ] Wir wollen einmal einige der gröbsten niederen Eigenschaften herausgreifen und in Zusammenhang bringen mit den verschiedenen Nährstoffen. Wenn ein Mensch große Selbstständigkeit besitzt, und sehr zum Egoismus neigt, der sollte wenig konzentrierten Zucker genießen; denn Zucker fördert die Selbstständigkeit. Ist dagegen jemand ohne inneren und äußeren Halt und glaubt, immer der Anlehnung und Stütze bedürfen zu müssen, der sollte reichlich Zucker genießen, um selbstständiger zu werden. Wird jemand sehr vom [Zorn] beherrscht, der sollte viel Gewürze in den Speisen, ganz besonders Salz und Pfeffer, meiden. Wenn jemand sehr zu Bequemlichkeit und Trägheit veranlagt ist, der meide besonders stickstoffhaltige Nahrung, er wähle vielmehr Obst und Gemüse als Nahrung.
[ 20 ] Will sich jemand an das schwierige Problem wagen, an die Beherrschung der Geschlechtsleidenschaft - derjenigen Leidenschaft, die in niederer Art ausgeführt den Menschen unter das Tier herabwürdigt, umgewandelt aber ihn seiner Göttlichkeit am nächsten bringt -, der sollte so wenig als möglich eiweißreiche Nahrung genießen. Bei zu reichlichem Genusse von Eiweißstoffen wird das Überhandnehmen der Fortpflanzungsstoffe hervorgerufen, und damit wird die Beherrschung der Geschlechtsleidenschaft sehr erschwert.
[ 21 ] Neigt jemand zu Neid, Missgunst und Hinterlist, für den sind Gurken, Kürbisse und all die Rankengewächse nicht zuträglich. Auch beim Früchtegenuss muss man etwas vorsichtig sein. Menschen, die sehr zu Gefühlsschwärmerei neigen, sollten keine Melonen genießen. Der süße, berauschende Duft [dieser Frucht] verdunkelt jedes klare Verstandesbewusstsein. Auch sehr reichlicher Apfelgenuss ist nicht für jeden vorteilhaft. Bei gewissen Menschen steigert er die Herrschsucht und führt oft zu Rohheit und Brutalität. Kirschen und Erdbeeren sind ihres hohen Eisengehaltes wegen nicht jedem bekömmlich. Zuträglicher sind schon Bananen, Datteln und Feigen.
[ 22 ] Auch bei den Nüssen kann man eine bestimmte Auswahl treffen. Will sich jemand einer denkerischen Schulung unterziehen, dann braucht er vor allen Dingen einen gut gebauten, gesunden Gehirnapparat. Selten liefern die Eltern in der heutigen Zeit ihren Kindern solch gut gebautes Gehirn, und da bedarf es der Nachhilfsmittel, um den Gehirnapparat zu stärken, und da ist es vor allen Dingen die Haselnuss, die die Substanz liefert zum Aufbau des Gehirns. Alle anderen Nussarten sind weniger wertvoll. Erdnüsse sind überhaupt zu meiden.
[ 23 ] Was nun die Fette anbelangt, so sollen wir der aus der Milch bereiteten Butter den Vorzug geben. Auch Haselnussbutter wäre noch anzuraten.
[ 24 ] Nun kämen wir zu den Genussmitteln: Kaffee und Tee. Kaffeegenuss unterstützt das logische Denken. Aber von Kaffeegenuss allein werden wir noch keine logisch denkenden Menschen; denn da gehört noch mehr dazu. Wenn bei Menschen, bei denen das denkerische Prinzip nicht vorherrscht, wie das häufig bei Frauen der Fall ist, da führt der zu reichliche Kaffeegenuss zu Hysterie. Teegenuss erzeugt gute Einfälle. Man kann aber seine guten Einfälle auch durch besondere Übungen erhalten.
[ 25 ] Während der Zeit des geistigen Strebens ist es ganz besonders nötig, dass der Mensch recht mäßig lebe! «Mäßigkeit läutert die Gefühle, erweckt die Fähigkeit, erheitert das Gemüt und stärkt das Gedächtnis. Die Seele wird durch dieselbe fast ihrer irdischen Last enthoben und genießt dadurch eine höhere Freiheit», sagt schon ein alter Weiser.
[ 26 ] Würde der Mensch viel und oft essen, er könnte keinen fruchtbringenden Gedanken erzeugen. Denn nimmt die Verdauung sehr viel Kraft in Anspruch, dann bleiben keine Kräfte für die Denktätigkeit. Gerade Menschen, welche die Welt mit den Produkten ihres Geistes erfüllten, haben bei sehr spärlicher Kost gelebt. Schiller, Shakespeare und viele andere Dichter, denen wir herrliche Werke verdanken, haben sich durch schwere Entbehrung hindurchgearbeitet. Der Geist ist niemals so klar als nach langem Fasten. Auch in der Geschichte religiöser Orden und in den Lebensbeschreibungen der Heiligen findet man zahlreiche Beispiele von den Wirkungen eines enthaltsamen Lebens. Die größten Heiligen lebten nur von Früchten, Brot und Wasser, und kein wunderwirkender Heiliger wäre bekannt, der bei einem opulenten Mahl göttliche Kräfte in Wirksamkeit sehen ließ. Auch all die großen Weisen des Altertums waren bekannt durch ihre Mäßigkeit.
[ 27 ] Wenn nun der Mensch weiter geht in seinem geistigem Streben, wenn in das Ich immer mehr die Gesetze des Wahren und Guten einfließen, wenn die Strahlen der großen Geistessonne immer mehr das Ich durchfluten und durchleuchten, dann beginnt die bewusste Durcharbeitung des Lebens- oder Ätherleibes.
[ 28 ] Die urewige Wesenheit des Menschen, das was von Verkörperung zu Verkörperung geht, das lebt sich in jeder neuen Verkörperung so aus, dass es eine gewisse Wechselwirkung der vier Glieder (physischer, ätherischer, astralischer Leib und Ich) der menschlichen Natur hervorruft, und aus dem, wie diese [vier] Glieder zusammenwirken, entsteht das Temperament des Menschen. Je nachdem sich das eine oder andere dieser Glieder besonders hervortut, je nachdem tritt uns der Mensch mit diesem oder jenem Temperament entgegen. Ob die Kräfte des einen oder anderen vorherrschen und über die anderen ein Übergewicht haben, davon hängt die eigentümliche Färbung der Menschennatur ab, das, was wir die eigentümliche Färbung des Temperaments nennen. Man unterscheidet vier Haupttemperamente: das cholerische, sanguinische, phlegmatische und melancholische Temperament. Dieselben sind bei den einzelnen Menschen in der mannigfaltigsten Weise gemischt, sodass man nur davon sprechen kann, dass dieses oder jenes bei einem Menschen vorherrscht. Wenn nun der Mensch an sich arbeitet, dann bringt er Harmonie, Ordnung, Gleichmäßigkeit in diese Temperamente. Wohl werden bei der Bearbeitung der Temperamente geistige Übungen die Hauptsache sein, doch wird es auch hier nicht unwesentlich sein, wie der Mensch sich ernährt.
[ 29 ] Wenn bei einem Menschen das physische Prinzip vorherrscht, so wird dies oft eine Art Hindernis in der Entwicklung. Der Mensch muss aber Herr seines physischen Leibes sein, wenn er ihn gebrauchen will. Der Mensch ist nicht fähig, sein Instrument vollständig zu gebrauchen, sodass die anderen Prinzipien eine Hemmung erfahren und Disharmonie entsteht zwischen dem physischen Leib und den anderen Gliedern.
[ 30 ] Wenn nun der Melancholiker an sich arbeitet, dann soll er nur Nahrung genießen, die ganz nahe der Sonne wächst. Nahrung, die weit weg von der Erde gedeiht, die an der vollen Sonnenkraft gereift ist, und das wäre Obstnahrung. So wie durch geistige Übungen die geistige Sonne einen Menschen durchglüht und durchleuchtet, so sollte im Physischen durch die Sonnenkräfte, die in der Obstnahrung enthalten sind, das Verfestigende und Erstarrende im Melancholiker durchsetzt und durchwebt werden.
[ 31 ] Beim Phlegmatiker, wo der Ätherleib vorherrschend ist, der die einzelnen Funktionen im Gleichgewicht hält, wo das in sich begrenzte Innenleben das innere Behagen erzeugt, und der Mensch in diesem inneren Behagen vorzugsweise lebt, sodass er sich so recht wohlfühlt, wenn in seinem Organismus alles in Ordnung ist, und gar nicht geneigt ist, sein inneres Interesse nach außen zu richten oder gar ein starkes Wollen zu entwickeln: Solch ein Mensch sollte Nahrung zu sich nehmen, die nicht unter der Erde wächst. Ganz besonders nicht die Nahrungsmittel, deren Gedeihen oft zwei Jahre in Anspruch nimmt bis sie an die Oberfläche kommen, zum Beispiel Schwarzwurzeln sollte ein Phlegmatiker nicht genießen. Das Samenkorn dieser Pflanze braucht so lange, bis es sich den äußeren Kräften erschließt und auch beim Phlegmatiker muss manches umgearbeitet sein, bis er tätigen Anteil nimmt an der Außenwelt. Das Prinzip dieser Pflanze würde nur seine innere Behaglichkeit noch vermehren.
[ 32 ] Beim Sanguiniker, wo das Vorherrschen des Astralleibes da ist, wo der Mensch Interesse hat für einen Gegenstand, ihn aber bald wieder fallen lässt, wo das Schnellentflammtsein und das rasche Übergehen zu einem anderen Gegenstand sich zeigt, sollten sogar Wurzelgemüse als Nahrung gewählt werden. Man könnte beinahe sagen, ein Sanguiniker muss sogar durch die Nahrung an das Physische gefesselt werden, sonst könnte ihn seine Leichtbeweglichkeit zu weit führen. Also hier sind Gemüse, die unter der Erde gedeihen, sogar anzuraten.
[ 33 ] Wenn das Ich das Vorherrschende ist, wenn das Ich mit seinen Kräften besonders wirkt, und die anderen Glieder der menschlichen Natur beherrscht, dann entsteht das cholerische Temperament. Der Choleriker muss sich vor allen Dingen vor erhitzenden und erregenden Speisen hüten. Alles Reizende und stark Gewürzte ist für ihn von größtem Schaden.
[ 34 ] Man sollte wohl annehmen, dass bei einer Höherentwicklung das Temperament keine große Rolle mehr spielt und dass auch die Ernährung keinen Einfluss mehr hat. Auf der Meisterschaftsstufe ist das wohl der Fall, denn der Meister bedarf keiner festen Nahrung, ebenso wird ihn das Temperament nicht mehr beeinflussen oder beherrschen. Aber er wird die Temperamente benützen zur Wirksamkeit in der physischen Welt. Das cholerische Temperament nimmt er zur Ausübung seiner magischen Handlungen; die Ereignisse und Begebenheiten der physischen Welt lässt er vorüberziehen wie ein Sanguiniker; im Lebensgenuss wird er sich verhalten wie ein Phlegmatiker; und über seinen geistigen Erkenntnissen wird er brüten wie ein Melancholiker. Bis wir aber dahin gelangen, hat es noch eine kleine Weile Zeit!
[ 35 ] Wir sollten versuchen, unser ganzes Leben in Einklang zu bringen mit unserem geistigen Streben. Nicht nur eine kleine Zeit des Tages unseren Idealen gemäß leben, sondern uns unsere Beschäftigungen danach einteilen, unsere Aufgabe in dem Sinne wählen, und selbst unsere Ernährung so regeln und dahin streben, ein harmonischer und in sich feststehender Mensch zu werden, um sich dann im Leben nach besten Kräften betätigen zu können. Das Leben schenkt uns nichts, es muss alles errungen werden.
[ 36 ] Hierher gehört das schöne Goethe’sche Wort:
«Ein ernstes Wollen,
Ein beharrlich Streben,
Führt einzig Dich ans Ziel.
Der Zweck kein bloßer Zufall ist es,
Und das Leben gibt nur,
Was Du ihm gabst, zurück.»
