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Kosmologie und menschliche Evolution
Notizen und Ausarbeitungen von Mathilde Scholl
Die Manifestation des Welten-Ich
GA 91

16 September 1906 p.m., Landin

23. Evolution und Involution

[ 1 ] Das Pflanzenreich ist das Symbol für die Evolution. Es ist das eigentliche Reich des Lebens, des zweiten Logos, des Christus-Prinzips. Wie Evolution und Involution im Kosmos und in allen Teilen des Kosmos vor sich gehen, das sehen wir täglich vor uns im Pflanzenreich. Eine Pflanze entwickelt sich vor unseren Augen. Aus dem einen Samenkorn sprießt hervor ein neues Leben, das vorher darin schlummerte. Die Kräfte der Welt umgeben das Samenkorn, Feuchtigkeit, Wärme und Licht wirken darauf ein; darauf antworten die im Samenkorn enthaltenen Lebenskräfte und treten hervor; sie offenbaren sich, sie gehen über aus der Einheit in die Mehrheit, in die Zahl, Immer mehr entfalten sich die verborgenen Kräfte, und es entstehen Blätter und Blüten. So sprießt das Leben der Pflanze vor uns auf. So wird uns das Leben erkennbar in der äußeren Gestalt.

[ 2 ] Bei dieser Ausgestaltung des Lebens und bei diesem Umsetzen des Lebens in die äußere Form tritt dann ein Punkt ein, an dem sich scheinbar die Lebenskraft erschöpft hat, da die Pflanze nicht mehr an Wachstum zunimmt, da sie zunächst in ihrem Wachstum scheinbar stehen bleibt; und darauf [folgend] sehen wir sie sogar welken und absterben, leblos werden. Aber ihr Leben ist nicht verlorengegangen, denn sie hinterlässt den lebensfähigen Samen. Er enthält alles, was notwendig ist, um ein neues Gebilde aus sich erstehen zu lassen. Die Lebenskräfte der erstorbenen Pflanze sind also nicht verschwunden; sie sind vielmehr in den Samen eingezogen. Dort sind alle Lebenskräfte der Pflanze zusammengeströmt, und dort ruhen sie, bis die Zeit kommt, wo sie von Neuem erwachen.

[ 3 ] So spielt sich vor unsern Augen täglich das Geheimnis der Evolution und Involution ab. Wie bei der Pflanze, so können wir die physische Evolution und Involution auch beim Tier und Menschen beobachten. Alle Kräfte des Tieres und des Menschen strömen, nachdem sie in dem Einzelwesen zur Reife gelangt sind, in den Keimen zu neuen physischen Wesen zusammen.

[ 4 ] Erheben wir unseren Blick zu der kosmischen Evolution, so sehen wir auch da, wie Evolution und Involution auseinander folgen. Aus dem Chaos schuf die Gottheit diese Erde. Vorher war die Erde wüst und leer; das heißt, kein Leben offenbarte sich. Der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Er ruhte auf den Lebenskeimen, um sie zur Entfaltung, zum Leben zu erwecken, damit das darin verborgene Leben sich offenbaren könne. Und so erweckte die göttliche Kraft aus den schlummernden Lebenskeimen Gestalt auf Gestalt, so wie auch heute die Sonne den in der Erde ruhenden Samen hervorruft und zum Leben weckt.

[ 5 ] Auch im Kosmos folgen sich Zeiten der Offenbarung, des Lebens, und solche, in denen das Leben sich zurückzieht in sich. Diese großen kosmischen Perioden nennt der indische Weise die «Tage und Nächte Brahmas», sein Aus- und Einatmen; auch in der hebräischen Religionslehre wird von Schöpfungstagen gesprochen. Es sind große, kosmische Perioden der Lebensoffenbarung. Auch da folgt nicht Tag auf Tag ohne Unterbrechung, sondern die Nächte liegen dazwischen, in denen das Leben sich wieder in sich zurückzieht, um mit verstärkter Kraft an einem neuen Tage sich zu offenbaren. Wie in der Mathematik der Prozess des Potenzierens vor sich geht, so entfaltet sich in dem Kosmos und in allem, was lebt, das Leben. Wie dagegen in der Mathematik das Radizieren vorgenommen wird, so strömt auch im Kosmos das Leben wieder zusammen in einen Punkt. Einerseits erkennen wir höchste Offenbarung, Entfaltung, das Übergehen in die Zahl, andererseits höchste Kraftansammlung, Zusammenziehen in einem Punkt, das Überströmen in die Einheit.

[ 6 ] Der Ausdruck für die höchste Kraftentfaltung ist die größte Mannigfaltigkeit; die Möglichkeit der Entfaltung liegt aber in der einen Wurzel, aus der alle Offenbarung hervorgeht, in der Eins, die der Ursprung aller Zahlen ist, obwohl sie selbst nicht Zahl ist. Die Eins ist die Wurzel aller Zahlen; das Unoffenbare ist die Wurzel aller Offenbarung; die Ruhe ist die Wurzel aller Bewegung; das Dunkel ist die Wurzel des Lichtes, das Nichts ist die Wurzel allen Seins. Dass wir Leben beobachten können, ist bedingt durch die Offenbarung, die Entfaltung, das Wachstum um uns her. Dass aber das Leben sich immer erneuert, dass seine Kraft nie versiegt, das ist bedingt durch das Zusammenströmen des Lebens in einem Punkt, das Verlassen der Peripherie und das Sich-Zurückziehen in den Mittelpunkt. Während eines Weltentages, eines Manvantara, lebt das Leben an der Peripherie, während der Zwischenzustände, während des Pralayas lebt das Leben im Zentrum des Kosmos. Während es an der Peripherie lebt, wird es offenbar; im Zentrum verbirgt es sich. Aber während es an der Peripherie die höchste Kraftentfaltung zeigt, besitzt es doch im Zentrum die höchste Kraft. Indem nun das Leben ausströmt, gibt es sich hin; und indem es ins Zentrum einströmt, sammelt es sich wieder, um sich später in erhöhtem Maße erneuern zu können. Gerade dieses Zusammenströmen des Lebens in einem Zentrum, einem Punkt, das bedingt die neuen, höheren Offenbarungsmöglichkeiten. So ruht zuletzt die höchste Kraft in dem Punkt, dem Atom, in das sich alles Leben aus der Offenbarung wieder zurückzieht, in das alle offenbarten Lebenskräfte wieder einströmen. Nicht in den Blättern und Blüten der Pflanze ruht die höchste Kraft sondern in dem Samen, in dem sich die Lebenskräfte konzentriert haben. Entfaltung ist Kraftäußerung, aber Konzentration ist Kraftansammlung. Darin liegt das Geheimnis aller Evolutionsmöglichkeit. Bei jeder Evolution übt das Leben seine Kräfte, entfaltet alle Möglichkeiten der Kraft. Indem es diese wieder in einen Punkt zusammenzicht, entsteht eine viel höhere neue Kraft, die nun alle die entfalteten Kraftmöglichkeiten zu einer größeren Kraft vereinigt. Die ganze Evolution der Erde ist nach diesem Plane eingerichtet und verläuft nach diesem Plane.

[ 7 ] Die Jahreszeiten sind auch eine Hilfe zur Lebenserhaltung. Die eine Jahreszeit ist eine Zeit der Lebensentfaltung, die andere eine Zeit der Lebenskonzentration. Mitten in den Winter hinein fällt das Fest der Lebenskonzentration. In den Frühling fällt das Fest der Lebensentfaltung, des Auferstehens. So wie im Winter die Lebenskeime unter der Erde schlummern, und wie sie im Frühling sich entfalten und aufsprießen, so geht das ganze Weltenleben hindurch durch Perioden des Verborgenseins und der Kraftansammlung, und solche Perioden, wo es sich offenbart.

[ 8 ] Dieses Geheimnis der Evolution und Involution des Lebens erkennen wir in dem ganzen Lebensprozess, der sich vor unsern Augen abspielt in der Welt, Aber es sollte dem Bewusstsein des Menschen noch besonders eingepflanzt werden durch die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde. In ihm strömt das Leben der ganzen Welt zusammen, und von ihm geht es wieder aus. Er enthält alles, was Leben heißt. Dass es in ihm ist, dass das Leben in Christus ruht, und dass es auch von ihm ausgeht, das wurde der Welt bewiesen durch seinen Tod und die Überwindung des Todes in der Auferstehung. Da wiederholte sich der ganze Weltprozess, die ganze Involution und die ganze Evolution, in drei Tagen.

[ 9 ] Christus ist das Welten-Ich, das Weltenleben. Das hat sichtbar unter den Menschen gelebt. An seinem Tode und seiner Auferstehung mussten sie erkennen, dass dieses Weltenleben in Wahrheit nicht vergeht, dass es nur sich zurückzieht in sich, in das Verborgene, um aus dem Verborgenen wieder neu, mit neuer Kraft aufzuerstehen. Der sonst unmerkbar sich abspielende Prozess der Weltinvolution und Weltevolution spielte sich hier vor den Augen der Menschen ab. Auf diesem Gesetze beruhend, erneuert sich das Leben in der Welt fortwährend; im Pflanzen-, Tier- und Menschenreich können wir das beobachten. Aber was da Neues entsteht, sind neue physische Gestalten. Mit unsern Augen sehen wir nur das Wachstum des Physischen.

[ 10 ] Nach denselben Gesetzen, nach denen das physische Leben sich abspielt, nach denselben Gesetzen entwickelt sich auch das geistige Leben. Dass der Geist des Menschen lebt, sich offenbart und an Kraft zunimmt, das beruht darauf, dass alle Kraftentfaltung des Menschen in den einzelnen physischen Inkarnationen, wo sein Leben in der Welt zum Ausdrucke kommt, offenbar wird, wieder einbezogen wird in sein Ich, in dem inneren, geistigen Lebenszentrum. Was Christus für die Welt ist, das ist das Ich für den Menschen. Sein Ich ist ein Teil des Christus, aus seinem Ich gehen alle Kräfte hervor; aber damit sie wachsen und zunehmen können, müssen sie immer wieder in seinem Ich zusammenströmen. Dieses Zusammenströmen der menschlichen Kräfte im Ich geschieht in den Zwischenzeiten zwischen den Inkarnationen. Da sammeln sich die während eines Menschenlebens entfalteten Kräfte und festigen sich, um verstärkt hervorzugehen in einer neuen Inkarnation. Aber wenn der Mensch eine etwas höhere Stufe der Entwicklung erreicht, dann lernt er immer mehr, diesen Prozess auch während des Erdenlebens bewusst vorzunehmen. Er entfaltet seine Kräfte bewusst im Dienste der Welt, und die dadurch gemachten Erfahrungen leitet er bewusst über in sein Ich, in das Zentrum seines Wesens. Sie werden dann schon während des Erdenlebens dem Ich eingepflanzt; er nimmt dadurch die Arbeit vieler Jahre der Zwischenzeit zwischen seinen Inkarnationen voraus, wo dieses Sammeln der entfalteten Kräfte im Ich durch die Hilfe höherer Wesen geschieht.

[ 11 ] Sobald der Mensch anfängt, selbst bewusst während des Lebens in dieser Weise Kräfte zu sammeln und neu zu entfalten, da wächst sein Geist in der Geisteswelt, und er verwandelt immer mehr sein ganzes Wesen in ein unsterbliches. Denn was er selbst seinem Wesen einverleibt, das bleibt ihm als dauernder Bestandteil seines Wesens.

[ 12 ] In den Übungen, die der Yogaschüler macht, lernt er zunächst, seine Gedanken zu konzentrieren. Dadurch gewinnt sein Geist neue Kraft. Aus jeder Gedankenkonzentration gehen wie aus einem Brennpunkt neue Kräfte hervor. So lernt er auch auf einer späteren Stufe, sein Leben zu konzentrieren. Indem er alle Lebenskräfte zusammenzieht aus der Peripherie wie in einen Punkt, erweckt er dort eine höhere Lebenskraft. Und indem er seinen ganzen Willen konzentrieren lernt, da bringt er seinen Willen zum Wachstum.

[ 13 ] Immer stärker wird so der Mensch im Denken, im Leben, im Wollen. Je mehr er alle diese Kräfte einerseits ausstrahlt im Dienste der Welt und sie andererseits zusammenzieht in sein Innerstes, desto mehr wirkt er als Mitarbeiter der Gottheit, weil er sich auf diese Weise immer mehr dem Evolutionsprozess einordnet. Alles, was der Mensch erlebt, kann zu seinem Wachstum verwendet werden. Er muss das Leben an der Peripherie des Daseins mitmachen, um zu wirken und um Erfahrung zu sammeln. Aber er muss immer wieder aus der Peripherie des Daseins seine Gedanken, sein Leben und seinen Willen einströmen lassen in sein Ich und dort mit dem Göttlichen vereinigen und alle Erfahrungen dort vergöttlichen, damit sie als neue, höhere Kräfte aus ihm ausströmen können.

[ 14 ] Der Schüler nimmt dadurch die Arbeit des Devachan voraus, und wenn er sich in dieser Weise ganz dem Evolutionsprozess eingeordnet hat, dann braucht er die Devachan-Zeit nicht mehr zu seiner Umwandlung. Er kann dann dauernd ganz für die Welt leben. Das ist der Prozess, durch den der Mensch sich das Weltenleben einverleibt, durch den er selbst eins mit dem Weltenleben wird; dann wird er selbst das Wort, weil alle seine Kräfte rhythmisch und harmonisch geworden sind.

[ 15 ] Alle an ihn heranflutenden Disharmonien des Lebens lässt er dann in seinem innersten Wesenskern zusammenströmen, und dort wandelt er sie um zur Harmonie, die er in die Welt zurückströmt. Das Böse wandelt er in Gutes um, das Unreine in das Reine, Dunkel in Licht, Leidenschaft in Enthusiasmus, Schmerz in Freude, Hass in Liebe und den Tod in das Leben.

[ 16 ] Zu unserer Weiterentwicklung kommt es also viel weniger darauf an, wo wir leben, wie uns die Menschen entgegentreten, wie die Verhältnisse sind, sondern vielmehr kommt es darauf an, dass wir in jeder Umgebung, in allen Verhältnissen, unter irgendwelchen Menschen, die richtigen Erfahrungen zu sammeln und zu verwerten wissen, dass wir in der richtigen Weise mit all diesen Erfahrungen den Umwandlungsprozess vornehmen, der zu unserm eigenen Wachstum und zur Bereicherung unserer Umgebung, zur Veredlung der Umgebung führt.

[ 17 ] Der Mensch, welcher das in der richtigen Weise versteht, diese geistige Alchimie mit allen Strömungen des Lebens vorzunehmen, die an ihn herantreten, gleichviel, wo er lebt, der wird ein Friedenszentrum für die Welt. Der Umgebung unbewusst, vollzieht sich diese Umwandlung in seinem Innern. Sie wird durch ihn bewahrt vor größeren Disharmonien, vor größerem Schmerz und Leid, weil er da ist. Vielleicht oft missverstanden und verkannt, lernt es ein solcher Mensch doch, alles in Harmonie zu verwandeln und den Schmerz zu verklären zu neuen, höheren Kräften in seinem Innern, die er dann wieder helfend in die Umgebung ausströmt.

[ 18 ] So wurde die Welt immer vor den größten Disharmonien bewahrt durch diejenigen Menschen, welche es gelernt haben, bewusste Mitarbeiter zu werden in dem Wirken der Gottheit, und bewusst sich ganz einzuordnen der Weltentwicklung.

[ 19 ] Der Aufstieg der Menschen ist bedingt in der Umwandlung und Verwertung der Kräfte der Umwelt. Je mehr es der Mensch versteht, alle Kräfte, die an ihn herantreten aus der Umgebung, zu seinen eigenen zu machen, desto höher steigt er. Es sind die in ihm zusammenströmenden Kräfte der Umwelt, die ihn emporheben. So können wir lernen, uns aufzubauen aus den Kräften, die in uns einströmen, aus den Kräften der Natur um uns her, aber in noch höherem Maße aus den Kräften der Menschen um uns her. In der Umwelt, und besonders in den Mitmenschen liegt unsere Zukunft, unser Aufstieg. Durch sie strömen höhere Kräfte in uns ein. Jedes Individuum ist mehr oder weniger der besondere Ausdruck einer bestimmten kosmischen Kraft. Lernen wir, diese Kraft aufzunehmen und in uns zu konzentrieren, so wird sie unser Eigentum, so als ob wir sie selbst vorher ausgebildet hätten. Dass wir unter Menschen leben, hat auch diese große Bedeutung, dass wir aus ihnen Kräfte ansammeln und unserm eigenen Wesen einverleiben. Wer das in der richtigen Weise versteht, der lernt alles in sich vereinigen, was die einzelnen Menschen um ihn her an kosmischen Kräften darstellen. So vereinigte Christus in sich alle individuellen Kräfte, die in seinen zwölf Jüngern zum Ausdruck kamen. Er war als der Dreizehnte das Zentrum, in das alle diese Kräfte einströmten, um daraus als höhere Kraft hervorzugehen. So ist auch die Erde als der Ausdruck des zweiten Logos das Zentrum, welches alle Kräfte der zwölf Tierkreisbilder in sich vereinigt und als Höheres aus diesen Kräften einstmals hervorgehen wird. Im Manvantara geht sie durch sieben, im Pralaya durch fünf Bewusstseinsstufen.

[ 20 ] Wir sind die Bausteine, die zu einem Weltentempel verwendet werden. Aber umso schöner wird dieser Weltentempel werden, je mehr wir es vermögen, uns selbst aus den sämtlichen Kräften der Welt aufzubauen. Wir sollen lernen, die Kräfte der andern Individualitäten in uns aufzunehmen, damit wir wieder diese gesammelten Kräfte zu einer höheren Kraft werden lassen können, um im Verein mit unsern Brüdern sie zum Aufbau immer höherer Wesen zusammenströmen zu lassen. In dieser Weise baut sich der lebendige Weltentempel auf. Um uns her erblicken wir in den Reichen der Natur die Stufen, auf denen wir aufgestiegen sind; in unsern Mitmenschen liegen die Kräfte zu unserm höheren Aufstieg verborgen; und in unsern älteren Brüdern, den Meistern und Führern der Menschheit, da liegt unsere Zukunft, das Ziel, zu dem wir hinstreben sollen.