Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener
und zukünftiger Entwicklungsgeheimnisse des Menschen
GA 93
15 Mai 1905, Berlin
11. Über den Verlorenen und wiederzuerrichtenden Tempel im Zusammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende
[ 1 ] Wir werden uns heute mit einer großen Allegorie auseinandersetzen und einen Gegenstand behandeln, der in den Geheimlehren gewöhnlich genannt wird das Bild oder die Lehre von dem verlorengegangenen und wiederzuerbauenden Tempel. In früheren Vorträgen habe ich auseinandergesetzt, warum man in der Geheimlehre ausgeht von solchen Bildern; heute werden wir sehen, welche Unsumme von Vorstellungen durch dieses Bild eine Abkürzung erhalten. Ich werde dabei auch ein Thema berühren müssen, das von seiten derer, die von Theosophie wenig oder gar nichts wissen, sehr mißverstanden wird. Es gibt Leute, welche nicht verstehen, daß Theosophie und Praxis zusammengehören, daß sie das ganze Leben hindurch zusammen wirken müssen. Ich werde also zu sprechen haben von den Beziehungen zwischen der Theosophie und der ganzen Praxis des Lebens. Denn im Grunde genommen müssen wir bei dem Thema von dem verlorengegangenen und wiederaufzurichtenden Tempel von der alltäglichsten Arbeit mitsprechen.
[ 2 ] Ich werde dabei allerdings in der Lage eines Professors sein, der seine Schüler für einen Tunnelbau vorbereiten will. Wenn man einen Tunnel bauen will, so ist das ja etwas eminent Praktisches. Es kann wohl jemand sagen, ein Tunnel ist leicht zu bauen. Da fängt man einfach an, auf der einen Seite in den Berg hineinzugraben, meißelt das Loch weiter aus, bis man auf der anderen Seite wieder herauskommt. — Daß so etwas zu glauben eine Torheit wäre, das sieht jeder ein. Nur auf anderen Gebieten des Lebens will man das nicht immer einsehen. Wer einen Tunnel bauen will, muß selbstverständlich zunächst einmal die höhere Mathematik beherrschen. Dann lernt man, wie es technisch zu machen ist. Ohne die praktischen Ingenieurwissenschaften, ohne die Kunst des ganzen Nivellements, würde man nicht imstande sein, eine Richtung beim Hineinbauen in den Berg einzuhalten. Dann muß man die Grundbegriffe der Geologie kennen, die verschiedenen Lagerungen der Gesteine, die Richtung der Wasser- und Metalladern im Berge und so weiter. Es wäre eine Torheit zu glauben, daß man ohne diese Vorkenntnisse einen Tunnel zu bauen in der Lage wäre und daß ein gewöhnlicher Maurer einen ganzen Tunnel bauen könnte.
[ 3 ] Eine ebensolche Torheit wäre es, wenn man vom Standpunkt des gewöhnlichen Lebens aus glaubte, an den Bau der menschlichen Gesellschaft herangehen zu können. Diese Torheit wird aber nicht nur von vielen Menschen, sondern auch mit unzähligen Büchern begangen. Jeder glaubt sich heute berufen, zu wissen und bestimmen zu können, wie man die soziale Ordnung, wie man den Staat am besten teformieren könnte. Die kaum etwas gelernt haben, schreiben ausführliche Bücher, wie die beste Gesellschaftsform gestaltet sein soll und fühlen sich dann auch dazu berufen, Reformbewegungen ins Leben zu rufen. So gibt es Reformbewegungen auf allen möglichen Gebieten. Aber alles, was da gemacht wird, ist genau so, wie wenn einer mit Hammer und Meißel einen Tunnel durchstechen wollte. Alles das kommt aus dem Nichtwissen dessen, daß es große Gesetze gibt, welche die Welt beherrschen und aus dem Geistesleben hervorgehen. Das eigentliche Malheur unserer Zeit ist dieses Nichtwissen, daß es für den Bau des menschlichen Staats- und Gesellschaftsorganismus ebenso große Gesetze gibt wie für den Tunnelbau, die man erst kennen muß, um das Nötigste, das Alltäglichste im Gesellschaftsorganismus zu vollbringen. Ebenso wie man beim Tunnelbau erst das Zusammenwirken aller Naturkräfte kennen muß, so muß, wer auch nur daran denken will, mit Sozialreformen anzufangen, die Gesetze des sozialen Zusammenwirkens kennen. Er muß sich beschäftigen mit dem Wirken von Seele auf Seele, und herantreten an den Geist. Daher ist die Theosophie dasjenige, was jeder praktischen Tätigkeit im Leben zugrunde liegen muß. Die Theosophie ist die eigentliche Praxis des Lebens; und erst derjenige, der ausgeht von den theosophischen Prinzipien und von da übergeht in die Praxis des Lebens, kann sich berufen fühlen, im sozialen Leben wirken zu können.
[ 4 ] Daher müßte die Theosophie in alle Zweige des Lebens hineindringen. Staatsmänner, Sozialreformer und so weiter sind nichts ohne die theosophischen Grundlagen, ohne die theosophischen Prinzipien. Daher ist heute alle Arbeit auf diesem Gebiete, alles was heutzutage baut am sozialen Körper, äußerstes Stückwerk, vollkommenes Chaos für den, der die Dinge überschaut. Für einen, der die Sache versteht, nimmt sich das, was die Sozialreformer heute tun, so aus, wie wenn einer Steine behaut, sie aufeinanderhäuft und dann glaubt, daß daraus von selbst ein Haus würde. Erst muß einmal ein Plan von dem Haus gemacht sein. Ebenso ist es aber, wenn man behaupten wollte, daß sich die Dinge im sozialen Leben von selber gestalten. Man kann nicht die Gesellschaft reformieren, ohne die Gesetze der Theosophie zu kennen.
[ 5 ] Diese Gesinnung, welche in Gemäßheit eines Planes arbeitet, nennt man Freimaurerei. Nichts anderes wollten die mittelalterlichen Freimaurer, welche mit der Geistlichkeit verhandelten und Verträge abschlossen, wie man zu bauen hat, nichts anderes wollten sie, als das äußere Leben so zu gestalten, daß es - mit dem gotischen Dom zusammen - ein Abbild des großen geistigen Baues der Welt ist. Nehmen Sie den gotischen Dom. Er zeigt eine Fülle von tausend und abertausend Einzelheiten, ist aber gebaut nach einer Idee, die viel umfassender ist als der Dom an sich. Zur vollen Einheit muß das göttliche Leben hineinströmen, wie das Sonnenlicht durch die farbigen Scheiben in den Raum dringt. Und wenn der mittelalterliche Prediger auf der Kanzel dann so sprach, daß Gotteslicht in die Herzen seiner Zuhörer eindrang, wie das Licht durch die bunten Scheiben in die Kirche dringt, dann standen die Schwingungen, die entstanden durch das Wort des Predigers, im Einklang mit dem großen göttlichen Leben. Und im Dome selbst setzte sich fort das Leben einer solchen Predigt, die aus dem geistigen Leben geboren war. Ebenso sollte das ganze äußere Leben umgestaltet werden zum Tempel der Erde, zum Abbild des ganzen geistigen Baues der Welt.
[ 6 ] Wenn wir noch weiter zurückgehen, dann finden wir, daß gerade diese Denk- und Gesinnungsweise die urälteste des Menschengeschlechts ist. Ein Beispiel sei angeführt, um zu zeigen, wie die Gesinnung beschaffen ist, die ich meine. Unsere Zeit ist die Zeit des chaotischen Zusammenwirkens der Menschen. Jeder will, was er im Sinne hat. Dieser Zeit ging eine andere voran, die der alten Priesterstaaten. Ich habe öfters gesprochen von den Unterrassen unserer fünften Wurzelrasse. Die erste war die alte indische Kultur, die zweite die persisch-medische, die dritte die babylonisch-assyrisch-chaldäischägyptisch-semitische, die vierte die griechisch-lateinische. Wir sind jetzt in der fünften.
[ 7 ] Erst die vierte und fünfte Unterrasse sind gebaut auf die Klugheit des Menschen, des einzelnen Menschen. Ein großes Denkmal für die Überwindung der alten Priesterkultur durch die Klugheit des einzelnen Menschen haben wir in der Kunst: in der Laokoongruppe. In dem Priester Laokoon, von Schlangen umwunden - die Schlangen als Symbol der Klugheit -, ist dargestellt, wie die Weltklugheitskultur überwindet die alte Priesterkultur, in der man andere Ansichten hatte von Wahrheit und Weisheit und von dem, was geschehen soll. Es war die Überwindung der dritten durch die vierte Unterrasse. Noch in einem anderen Symbol wird das dargestellt: in der Sage vom trojanischen Pferd. Die Klugheit des Odysseus hat das trojanische Pferd gebaut, wodurch die trojanische Priesterkultur gestürzt wurde.
[ 8 ] Das Hervorgehen des alten römischen Staates aus der uralten trojanischen Priesterkultur schildert die Sage von Äneas. Dieser war einer der ausgezeichnetsten Verteidiger Trojas, der dann herübergekommen ist nach Italien. Dort wurde von seinen Nachkommen der Grund zum alten Rom gelegt. Sein Sohn Ascanius gründete Alba Longa und es werden nun von der Geschichte vierzehn Könige bis zu Numitor und Amulius aufgeführt. Numitor wird von seinem Bruder Amulius des Thrones beraubt, sein Sohn wird getötet und seine Tochter Rhea Silvia zu einer Priesterin der Vesta bestimmt, damit das Geschlecht des Numitor aussterbe. Und als Rhea Silvia die Zwillinge Romulus und Remus geboren, befiehlt Amulius, sie in den Tiber zu werfen. Die Kinder werden gerettet, von einer Wölfin gesäugt und von dem königlichen Hirten Faustulus auferzogen.
[ 9 ] Von sieben Königen Roms wird dann in der Geschichte gesprochen: Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Martius, Tarquinius Priscus, Servius Tullius, Tarquinius Superbus.
[ 10 ] Diese ersten sieben Könige Roms hatte man früher nach der Darstellung des Livius als reale einzelne Persönlichkeiten angenommen. Heute wissen die Historiker, daß diese sieben Könige niemals existiert haben. Es handelt sich also um eine Sage, aber was dieser zugrunde liegt, davon haben die Geschichtsschreiber keine Ahnung. Die Grundlage der Sage ist folgende:
[ 11 ] Der Priesterstaat Troja gründete eine Kolonie, die Priesterkolonie Alba Longa (Alba = Priestergewand). Es war eine Kolonie für einen Priesterstaat und Amulius ist dessen letzte Priesterdynastie. Von da geht eine jüngere Priesterkultur aus, die dann abgelöst wird durch eine Weltklugheitskultur. Die Geschichte meldet nichts mehr von dieser Priesterkultur. Der Schleier, der sich über die Priesterkultur der ersten römischen Geschichte ausbreitet, wird durch die Theosophie gelüftet. Die sieben römischen Könige stellen nichts anderes dar als die sieben Prinzipien, wie wir sie aus der Theosophie kennen. So wie der menschliche Organismus aus den sieben Gliedern besteht — Sthula-Sharira, Linga-Sharira, Kama-Rupa, Kama-Manas, höheres Manas, Buddhi, ‚Atma -, so dachte man sich auch den gesellschaftlichen Organismus, wie er in der Zeit sich aufbaut, in einer siebengliedrigen Folge. Und nur wenn er nach dem Gesetz der Siebenzahl aufgebaut ist, die aller Natur zugrunde liegt, kann er gedeihen. Der Regenbogen hat auch sieben Farben, rot, orange, gelb, violett, grün, blau, indigo. Ebenso sind es sieben Töne: Prim, Sekund, Terz, Quart, Quint und so weiter und auch die Gewichtszahlen der Atome in der Chemie befolgen die Regelmäßigkeit der Siebenzahl. Und das geht durch die ganze Welt. Deshalb war es selbstverständlich für die Hüter der alten Weisheit, daß auch der Bau der menschlichen Gesellschaft nach einem solchen Gesetz geregelt sein müsse. Sieben Etappen, sieben Glieder, sind diese sieben römischen Könige nach einem ganz genauen Plan. So wurdedamals auch nicht anders eine Geschichtsepoche inauguriert. Es wurde ein Plan aufgestellt, weil man das Gegenteil für einen Unsinn gehalten haben würde, und ein Gesetz darüber geschrieben. Dieser Plan war anfangs wirklich da. Jeder wußte es, daß die Weltgeschichte nach einem ganz genauen Plan gerichtet war. Ein jeder wußte: Wenn ich im dritten Abschnitt der vierten Epoche bin, so habe ich mich nach dem und dem zu richten. — So hatte man noch im alten Rom anfangs einen Priesterstaat mit einem Plan als Grundidee der Kultur, der aufgezeichnet war in den Büchern, die man die Sibyllinischen Bücher nennt. Diese sind nichts anderes als der ursprüngliche Plan, welchem das Gesetz der siebengliedrigen Epoche zugrunde liegt, und in dem im Anfange des römischen Reiches noch nachgesehen wurde, wenn es nötig war.
[ 12 ] Man nahm als Vorbild zum Grundbau den physischen Körper. Das ist nicht so vernunftlos. Heute ist man geneigt, den physischen Körper als etwas Untergeordnetes zu betrachten. Man sieht mit einer gewissen Verächtlichkeit auf das Physische herunter. Das ist aber nicht berechtigt, denn unser physischer Körper ist das Erhabenste an uns. Nehmen Sie ein einziges Stück Knochen. Betrachten Sie nur einmal richtig einen Oberschenkelknochen, so können Sie sehen, wie wunderbar er zusammengesetzt ist. Der beste Ingenieur, der größte Techniker könnte so etwas Vollkommenes nicht herstellen, wenn ihm dieses Problem gestellt würde, wie mit dem geringsten Materialaufwand die größtmöglichste Tragfähigkeit zu erreichen ist. Und so ist der ganze menschliche Körper in der vollkommensten Weise zusammengesetzt. Dieser physische Körper ist wirklich das Vollkommenste, das man sich denken kann. Der Anatom wird auch immer mit größter Bewunderung vom menschlichen Herzen sprechen, das in wunderbarer Weise funktioniert, obwohl der Mensch sein ganzes Leben lang beinahe weiter nichts tut, als Herzgifte zu sich zu nehmen. Vor allem Alkohol, Tee, Kaffee und so weiter üben in unglaublicher Weise Attacken auf dieses Herz aus. Aber so wunderbar ist dieses Herz gebildet, daß es bis ins hohe Alter hinein dem widerstehen kann.
[ 13 ] Der physische Leib, dieser niederste Körper hat also das größte Maß an Vollkommenheit. Unvollkommener dagegen sind die höheren Körper, die es in der Entwickelung der Vollkommenheit noch nicht so weit gebracht haben: der Ätherkörper und der Astralkörper, der fortwährend verstößt gegen unseren physischen Körper durch die Attacken unserer Begierden, Leidenschaften und Wünsche. Dann folgt als viertes das eigentliche Baby, das menschliche Ich, welches als irrendes Irrlicht erst von der Zukunft erwarten muß, in sich solche Gesetze zu bekommen, die ihm eine Richtschnur bieten, wie sie der physische Körper längst schon hat.
[ 14 ] Wenn wir nun einen sozialen Bau gliedern, so muß dasjenige da sein, was den Grundbau fest macht. Daher läßt die Sage Romulus, den ersten römischen König, der das erste Prinzip darstellt, als den Gott Quirinus in den Himmel erhoben werden. Der zweite König, Numa Pompilius, das zweite Prinzip, entspricht der gesellschaftlichen Ordnung; er brachte Gesetze für das allgemeine Leben. Der dritte König, Tullus Hostilius, entspricht den Leidenschaften. Unter ihm beginnt das, was die Attacken gegen die göttliche Natur richtet, was Unfrieden, Streit, Krieg hervorruft, wodurch Rom groß wurde. Unter dem vierten König, Ancus Martius, beginnen die Künste, das, was aus Kama-Manas hervorgeht.
[ 15 ] Nun können die vier niederen Prinzipien nicht aus sich heraus die höheren, das fünfte, sechste und siebente Prinzip erzeugen. Auch das wird in der römischen Geschichte dargestellt. Der fünfte römische König, Tarquinius Priscus, ist nicht aus dem römischen Gliederbau herausgeboren, sondern als etwas Höheres aus der Kultur der Etrusker in die römische Kultur hineinversetzt. Der sechste König, Servius Tullius, entspricht dem sechsten Gliede des menschlichen Zyklusgesetzes, der Buddhi. Ihm ist es möglich, Kama, das sinnlich-physische Korrelat von Buddhi zu regeln. Er stellt den Gesetzeskanon dar. Der siebente König, Tarquinius Superbus, das erhabenste Prinzip, ist der, welcher fallen muß, weil es nicht möglich ist, die Erhabenheit, den Schwung der gesellschaftlichen Ordnung aufrechtzuerhalten.
[ 16 ] In der römischen Geschichte finden wir es ausgedrückt, daß dem Bau des Staates ebenso ein Plan zugrunde liegen muß, wie jedem anderen Bau in der Welt. Daß die Welt ein Tempel ist, daß das gesellschaftliche Leben ebenso gegliedert und organisiert sein muß, auch Säulen haben muß wie ein Tempel und daß die großen Weisen die Säulen dieses Tempels sein müssen: diese Gesinnung ist es, die die uralte Weisheit durchdringt. Das ist keine Weisheit, die man bloß lernt, sondern die man hineinbaut in die menschliche Gesellschaft. Die sieben Prinzipien wurden richtig gehandhabt. Nur wer das ganze Wissen, die ganze Weisheit in sich aufnimmt, kann arbeiten am Bau der Gesellschaft. Wir würden als Theosophen nur wenig leisten, wenn wir es nicht weiter brächten, als den Menschen zu betrachten, wie er sich aus diesen und jenen Gliedern zusammensetzt. Nein, erst dann erfüllen wir unsere Pflicht, wenn wir selbst [im Alltäglichen] ausführen die Prinzipien der Theosophie. Man muß sie handhaben, so daß jeder Handgriff, jede Fingerbewegung, jeder Schritt im Leben Ausdruck, Siegelabdruck des Geistes ist. Dann bauen wir an dem Tempel, der verlorengegangen ist.
[ 17 ] Dazu gehört aber, daß man sich bewußt wird dessen, was ich neulich gesagt habe, wie notwendig es ist, von dem Großen und Umfassenden der Weltgesetze etwas in uns aufzunehmen. In unseren Denkgewohnheiten muß leben die Weisheit, die uns von dem Großen in das Einzelne führt, ebenso wie auch beim Hausbau nicht schon ein Stein auf den anderen gesetzt wird, bevor der ganze Plan des Hauses fertig ist. Diese Forderung muß gestellt werden, wenn unsere Welt nicht ein Chaos sein soll. Wir werden als Theosophen erkennen, daß das Gesetz in der Welt herrschen muß, wenn wir erkennen, daß jeder Schritt, jede Handlung ein Siegelabdruck der geistigen Welt ist. Dann bauen wir an dem Tempel. Das ist die Bedeutung des Tempelbaues: was wir uns vornehmen zu tun, muß gesetzmäßig sein.
[ 18 ] Immer mehr ist der Menschheit verlorengegangen das Wissen, daß der Mensch sich hineinbauen soll in den großen Weltentempel. Menschen können heutzutage geboren werden und sterben, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß sich in uns Gesetze ausleben, daß alles was wir tun, von den Gesetzen der Welt beherrscht wird. Unsere ganze gegenwärtige Zeit ist eine verlorene Zeit, weil die Menschen nicht wissen, daß sie nach Gesetzen zu leben haben. Daher haben die Priesterweisen der alten Zeiten auf Mittel gesonnen, um von den groBen Gesetzen der geistigen Welt etwas hinüberzuretten in die neue Kultur. Es war sozusagen ein Kniff der großen Weisen, daß sie die gesetzmäßige Ordnung in viele Zweige des Lebens hineingeheimnißt haben, ja sogar bis in das Spiel hinein, dessen sich die Menschen bedienen zu ihrer Erholung nach des Tages Last. In den Karten, in den Figuren des Schachspiels und in der Gesetzmäßigkeit, in der man spielt, finden wir einen Abklatsch, wenn auch nur einen schwachen, von dem, was ich die gesetzmäßige Ordnung genannt habe. Wenn Sie sich mit jemandem zum Kartenspiel hinsetzen wollen, so wird es nicht gehen, wenn Sie nicht die Gesetze, die Art und Weise wie man spielt, kennen. Und dieses ist wirklich ein Abklatsch großer Weltgesetze. Was man in der Kabbala die Sephirot nennt, was wir die sieben Prinzipien in ihrer verschiedenen Gestaltung nennen, das finden Sie auch in der Art und Weise, wie die Karten beim Spielen aufeinandergelegt werden müssen. Bis in die Reize des Spiels haben die Weisen die groBen Gesetze hineinzulegen verstanden, damit die Menschen wenigstens spielend einen Abklatsch haben von der Weisheit. Für denjenigen, der wenigstens Karten spielen kann, gehen seine gegenwärtigen Inkarnationen nicht ganz verloren. Das sind so Geheimnisse, wie die großen Weisen in die Räder der Zeitläufe eingreifen. Sagt man den Menschen, daß sie sich nach den großen Gesetzen richten sollen, so tun sie es nicht. Wenn man aber die Gesetze in Dinge hineinlegt, wo sie es gar nicht merken, so kann man manchmal noch einen Tropfen dieser Gesinnung in sie hineingießen. Wenn Sie diese Gesinnung haben, dann bekommen Sie eine Vorstellung davon, was in der großen Allegorie vom verlorenen Tempel symbolisiert ist.
[ 19 ] In den geheimen Orden, zu denen auch der Freimaurerorden gehört, hat man in der Tempellegende etwas geschaffen, was mit diesem verlorengegangenen und wiederaufzurichtenden Tempel zusammenhängt. Die Tempellegende ist sehr tief, aber auch die heutigen Freimaurer haben gewöhnlich keine Ahnung davon. Auch ein Freimaurer wird sich heute von der Mehrzahl der Menschen nicht groß unterscheiden; auch er nimmt gewöhnlich nicht sonderlich viel mit in das neue Leben. Aber wenn er die Tempellegende in sich leben läßt, so nützt es schon viel. Denn wer die Tempellegende aufnimmt, nimmt etwas auf, was sein Denken in einer gewissen Weise gesetzmäßig formt. Und auf das gesetzmäßige Denken kommt es an. Diese Tempellegende ist folgende:
[ 20 ] Einstmals vermählte sich einer der Elohim mit Eva und daraus ging Kain hervor. Ein anderer Elohim, Adonai oder Jehova-Jahve, schuf darauf den Adam. Dieser vermählte sich seinerseits wieder mit Eva und aus dieser Ehe ging Abel hervor. Adonai stiftete Unfrieden zwischen denen, die zur Familie des Kain, und denen, die zur Familie des Abel gehörten, was zur Folge hatte, daß Kain den Abel erschlug. Aber aus der neuen Verbindung des Adam mit Eva ging das SethGeschlecht hervor.
[ 21 ] So haben wir also zweierlei Menschengeschlechter. Die einen sind die ursprünglichen Abkömmlinge des Elohim, die Kainssöhne, man nennt 'sie auch die Söhne des Feuers. Sie sind diejenigen, die die Erde bebauen, aus der unlebendigen Erde heraus schaffen und sie umgestalten durch die Kunst der Menschen. Enoch, einer der Kainsnachkommen, hat den Menschen die Kunst gelehrt, Steine zu behauen, Häuser zu bauen, die Gesellschaft zu organisieren, bürgerliche Gesellschaften zu gründen. Ein anderer der Nachkommen Kains ist Tubal-Kain, der die Metalle bearbeitete. Aus diesem Geschlecht stammte auch der Baumeister Hiram-Abiff.
[ 22 ] Abel war ein Viehhirte. Er hielt an dem fest, was er vorfand und nahm die Welt, wie sie war. Das ist immer schon der Gegensatz zwischen den Menschen. Die einen halten an der Welt fest, wie sie ist, die anderen wollen aus dem Unlebendigen ein neues Lebendiges durch die Kunst formen. Andere Völker haben den Ahnherrn dieser Söhne des Feuers in der Prometheussage hingestellt. Die Söhne des Feuers sind es, welche aus den umfassenden Weltgedanken heraus Weisheit, Schönheit und Güte in die Welt hineinbauen sollen, um die Welt zum Tempel zu gestalten.
[ 23 ] Der König Salomo war ein Abkömmling aus dem Geschlechte des Abel. Er konnte selbst den Tempel nicht bauen; ihm fehlte die Kunst. Deshalb berief er den Baumeister Hiram-Abiff, den Abkömmling aus dem Geschlechte des Kain. Salomo war von göttlicher Schönheit. Und als die Königin von Saba zu ihm kam, glaubte sie ein Bild von Gold und Elfenbein zu sehen. Sie kam, um sich mit ihm zu vermählen.
[ 24 ] Jehova nennt man auch den Gott der Form, den Gott, der das Lebendige zur lebendigen Macht geschaffen hat im Gegensatz zu dem anderen Elohim, der schafft, um aus Leblosem das Lebendige hervorzuzaubern. Wem gehört die Zukunft? — das ist die große Frage der Tempellegende. Würden sich die Menschen nach der Jehova-Religion entwickeln, so würde alles Leben in der Form ersterben. Man nennt das in der okkulten Wissenschaft den Übergang in die achte Sphäre. Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, daß der Mensch selbst das Tote zum Leben erwecken muß. Das geschieht durch die Kainssöhne, durch diejenigen, welche sich nicht auf das verlassen, was vorhanden ist, sondern selbst in Formen schaffen. Die Kainssöhne formen selbst am Bau der Welt.
[ 25 ] Als die Königin von Saba den Tempel sieht und frägt, wer der Baumeister sei, sagt man ihr, es sei Hiram. Und als sie ihn dann sieht, erscheint er ihr sogleich als derjenige, der eigentlich für sie bestimmt ist. Nun wird König Salomo eifersüchtig; ja, er verbindet sich mit drei Gesellen, welche unfähig waren, Meister zu werden, um das größte Meisterwerk Hirams, das «Eherne Meer», zu vereiteln. Ein Guß sollte dieses, sein größtes Meisterwerk hervorbringen. Menschlicher Geist sollte sich mit dem Metall verbinden. Von den drei Gesellen war der eine ein syrischer Bauhandwerker, der zweite ein phönizischer Zimmermann und der dritte ein hebräischer Grubenarbeiter. Die Verschwörung gelingt: sie machten den Guß zunichte, indem sie Wasser zugossen. Es sprühte alles auseinander. Aus Verzweiflung will sich nun der Baumeister selbst in die Glut des Feuers stürzen. Da hörte er eine Stimme aus dem Mittelpunkt der Erde. Sie kam von Kain selbst, der ihm zurief: hier habe er den Hammer der göttlichen Weltenweisheit, mit dem könne das Ganze wieder hergestellt werden. Und Kain gab ihm den Hammer. - Der Geist des Menschen ist dasjenige, was der Mensch hineinbaut in den Astralkörper, wenn er ihn nicht so behält, wie er ihn erhalten hat. —- Diesen Bau soll Hiram jetzt aufrichten. Es wird ihm aber nach dem Leben getrachtet. Das wollen wir das nächste Mal weiter ausführen.
[ 26 ] Bis hierher wollte ich die Legende führen, um zu zeigen, wie in den ursprünglichen okkulten Bruderschaften der Gedanke lebte, daß der Mensch eine Aufgabe hat; die Aufgabe, die leblose Welt aufzubauen und sich nicht zu begnügen mit dem, was schon da ist. Weisheit ist dadurch, daß sie in die leblose Welt einfloß, zur Tat geworden, damit die Welt ein Abglanz der urewigen Geistigkeit sei.
[ 27 ] Weisheit, Schönheit, Stärke sind die drei Grundworte aller Freimaurerei. Die äußere Welt so umzugestalten, daß sie ein Kleid des Geistigen ist, das ist die Aufgabe. Das verstehen heute selbst die Maurer nicht mehr und glauben, daß der Mensch an seinem eigenen Ich arbeiten solle. Sie halten sich für besonders klug, wenn sie sagen, im Mittelalter wären nicht die Werkmaurer die freien Maurer gewesen. Aber gerade die Werkmaurer waren es immer gewesen, denn das äußere Bauwerk sollte ein Abbild des Geistigen werden, des Tempels der Welt, der aus der intuitiven Weisheit aufgebaut werden soll. Dieser Gedanke wurde früher den großen Bauwerken zugrunde gelegt und bis in die Einzelheiten hinein verfolgt.
[ 28 ] An einem Beispiel will ich Ihnen die Überlegenheit der Weisheit über den Verstand zeigen. Nehmen wir einen alten gotischen Dom und beachten wir die wunderbare Akustik. Heute kann man sie nicht mehr nachmachen, weil jenes tiefe Wissen darüber verlorengegangen ist.
[ 29 ] Der berühmte Mörissee in Ägypten ist ebenso ein Wunderwerk des menschlichen Geistes gewesen. Er war nicht ein natürlicher See, sondern künstlich angelegt nach den Intuitionen der Weisen, damit das Wasser, wenn es reichlich floß, aufgespeichert und bei Wassermangel ins ganze Land gesendet werden konnte. Das war ein Wunderwerk der Kanalisation.
[ 30 ] Wenn der Mensch so nach derselben Weisheit schaffen wird, wie die göttlichen Kräfte die Natur geschaffen haben, als sie das Physische in weiser Art aufbauten, dann wird der ’Ternpel aufgebaut. Nicht darauf kommt es an, wieviel wir im einzelnen aus unserer Weisheit heraus zu schaffen vermögen, sondern die Gesinnung müssen wir nur haben, die weiß, daß nur aus der Weisheit der Tempel der Menschheit aufgebaut werden kann.
[ 31 ] Wenn wir heute so durch die Städte gehen, dann ist dort ein Schuhladen, daneben eine Apotheke, neben dieser eine Käsehandlung und neben der Käsehandlung ein Geschäft mit Spazierstöcken. Wenn wir uns nicht just etwas kaufen wollen, was geht uns dann das an? — Wie wenig setzt das äußere Leben einer solchen Stadt fort, was wir fühlen, denken und empfinden! Wie ganz anders war dies im Mittelalter. Wenn da der Mensch durch die Straßen ging, sah er die Fassaden der Häuser im Stile der Gesinnung und dem Charakter der Bewohner gebaut. Jedes Türschloß drückte aus, was der Mensch, seinem Geiste entsprechend, in Liebe geformt hatte. Gehen Sie zum Beispiel durch eine Stadt wie Nürnberg: da finden Sie noch den Grundstock dessen, wie es damals war, und dann nehmen Sie im Gegensatz dazu die moderne Abstraktion, die den Menschen nichts mehr angeht. Das ist die materialistische Zeit und ihr chaotisches Schaffen, zu der man allmählich aus einer früheren spiritualistischen Zeit überging.
[ 32 ] Der Mensch ist herausgeboren aus einer Natur, an der einst die Götter geformt haben, so daß alles sich in den großen Weltenbau, in den großen Tempel, hineinfügte. Es gab einst eine Zeit, in der Sie kein Stück auf dieser Erde hätten ansehen können, ohne sich sagen zu müssen: Göttliche Wesenheiten haben diesen Tempel gebaut bis zu der Stufe, da der physische Körper des Menschen zu Ende gebaut war. Dann nahmen die höheren Prinzipien (die psychischen Kräfte) von ihm Besitz und dadurch kam die Unordnung, das Chaos in die Welt hinein. Wünsche, Begierden, Leidenschaften haben Unordnung in den Tempel der Welt hineingebracht. Erst wenn aus des Menschen Willen heraus wieder Gesetzmäßigkeit sprechen wird, in einer höheren und schöneren Weise wie einstmals die Götter an der Natur geschaffen haben, erst wenn der Mensch den Gott in sich selbst erstehen lassen wird, so daß er wie ein Gott an dem Tempel bauen kann, dann wird er den verlorengegangenen Tempel wiedergewinnen.
[ 33 ] Wenn wir denken würden, daß nur die bauen sollten, die bauen können, so wäre das nicht richtig. Nein, auf die Gesinnung kommt es an, selbst wenn man sehr viel weiß. Hat man aber die Gesinnung, in dieser Richtung zu denken, und geht dann an soziale, an technische und juristische Reformen, dann baut man an dem verlorengegangenen und wiederzuerrichtenden Tempel. Fängt man aber Reformen, und mögen sie noch so gut gemeint sein, ohne diese Gesinnung an, so richtet man nur weiteres Chaos an. Denn der einzelne Stein ist nichts nütze, wenn er nicht in den ganzen Plan hineinpaßt. Reformieren Sie an der Justiz, der Religion oder sonst etwas, solange man nur das Einzelne sieht ohne die Gesinnung zum Ganzen zu haben, ist es nur ein Niederreißen.
[ 34 ] Deshalb ist die Theosophie nicht nur Theorie, sondern Praxis, das Allerpraktischste in der Welt. Zu glauben, daß die Theosophen Einsiedler seien, die nicht an der Welt bauen, ist ein Irrtum. Könnten wir es dazu bringen, daß die Menschen an Sozialreformen auf theosophischer Grundlage herangehen, so würden viele rascher und sicherer alles das erreichen, was sie wollen. Denn ohne daß etwas gegen die Einzelbewegungen gesagt werden soll, im einzelnen getrieben fühen sie doch zu nichts anderem als zu Fanatismus. Alle einzelnen Reformbestrebungen — Friedensapostel, Abstinenzler, Vegetarier, Tierschützler und so weiter — nützen erst, wenn sie alle zusammengehen. Ihr Ideal können sie eigentlich nur in einer großen allgemeinen Bewegung haben, die in der Vereinigung zu dem Alltempel führt.
[ 35 ] Dies ist die Idee, die der Allegorie vom verlorenen und wiederzuerrichtenden Tempel zugrunde liegt.
Notizen aus der Fragenbeantwortung
Frage: Wie war das mit den Kainssöhnen und Abelsöhnen?
[ 36 ] Antwort: Die Kainssöhne sind die unreiferen; die Abelsöhne sind die überreifen. Die Abelsöhne wenden sich zu den höheren Sphären, wenn sie diese Inkarnationen hinter sich haben. Die Abelsöhne sind die Solarpitris; die Kainssöhne sind die reifsten Mondpitris.
Frage: Warum haben sich so viele mystische und maurerische Vereinigungen gebildet?
[ 37 ] Antwort: Alle höhere Arbeit ist nur in einer Vereinigung zu leisten. Die Tafelrunde des Artus hat in der Regel zwölf umfaßt.
Frage: Kennen Sie das Werk von Albert Schäffle?
[ 38 ] Antwort: Albert Schäffle hat ein Werk über Soziologie geschrieben, und die Darstellung, die er gibt, ist viel freimaurerischer, als das, was aus den Freimaurerlogen hervorgeht.
