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The Rudolf Steiner Archive

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Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener
und zukünftiger Entwicklungsgeheimnisse des Menschen
GA 93

22 Mai 1905, Berlin

12. Über Den Verlorenen Und Wiederzuerrichtenden Tempel im Zusammenhang mit der Kreuzesholz- oder Goldenen Legende II

[ 1 ] Noch einige Betrachtungen über den verlorengegangenen Tempel. Als das größte Symbol haben wir den Salomonischen Tempel anzusehen. Es handelt sich zunächst einmal darum, dieses Sinnbild zu verstehen. Aus der Bibel kennen Sie ja den Hergang, wie er entstanden ist. Wir haben es dabei nicht mit bloßen Sinnbildern zu tun, sondern tatsächlich mit äußeren Wahrheiten, in denen aber zugleich eine tiefe weltgeschichtliche Symbolik zum Ausdruck kommt. Und diejenigen, die den Tempel bauten, waren sich bewußt, was sie dabei zum Ausdrucke bringen wollten.

[ 2 ] Warum der Tempel gebaut wurde, wollen wir uns vor Augen führen. Und Sie werden sehen, daß jedes Wort, das die Bibel darüber bringt, ein tief bedeutsames Sinnbild ist. Sie müssen dabei nur daran denken, in welcher Zeit der Bau stattgefunden hat. Halten wir uns vor allem das biblische Wort vor Augen, was der Tempel sein soll. Jahve richtet an David das Wort: «Ein Haus für meinen Namen.» — Also ein Haus für den Namen «Jahve». Und nun machen wir uns klar, was der Name «Jahve» bedeutet.

[ 3 ] Das alte Judentum ist sich zu einer gewissen Zeit über das Heilige des Namens «Jahve» klargeworden. Was heißt das? Das Kind lernt in einer bestimmten Zeit seines Lebens das Wort «Ich» gebrauchen. Vorher betrachtet es sich als eine Sache. So wie es andere Sachen benennt, so benennt es auch sich selbst mit einem objektiven Namen. Erst später lernt es das Wort «Ich» gebrauchen. Für große Geister ist der Augenblick, in dem sie zum ersten Mal im Leben das «Ich» in sich erfahren, sich zum ersten Mal dessen bewußt werden, etwas Bedeutungsvolles. Jean Paul erzählt dieses Geschehnis von sich. Er stand als kleiner Knabe einmal an einer Scheune im Hofe; da erlebte er zum ersten Mal sein Ich. Und so klar und feierlich war ihm dieser Augenblick, daß er davon sagt: «Wie in das verhangene Allerheiligste habe ich da in mein Innerstes hineingeblickt.»

[ 4 ] Die Menschen haben sich durch viele Rassen hindurch entwickelt und haben sich bis zur atlantischen Zeit alle so objektiv aufgefaßt; erst während der atlantischen Rasse entwickelte sich der Mensch dahin, daß er zu sich «Ich» sagen konnte. Die alten Juden haben das in eine Lehre gefaßt.

[ 5 ] Der Mensch ist durch die Reiche der Natur hindurchgegangen. Das Ich-Bewußtsein ging zuletzt in ihm auf. Astral-, Äther- und physischer Leib und das Ich bilden zusammen das pythagoräische Quadrat. Und das Judentum fügte zu diesem das göttliche Selbst hinzu, das von oben herunter zu uns kommt, im Gegensatz zu dem Ich von unten. So war aus dem Viereck ein Fünfeck entstanden. So empfand das Judentum den Herrn seines Volkes, und etwas Heiliges war es daher, den «Namen» auszusprechen. Während andere Namen, wie zum Beispiel Elohim oder Adonai mehr und mehr populär wurden, durfte nur der gesalbte Priester im Allerheiligsten den Namen «Jahve» aussprechen. Zur Zeit Salomos war es, daß das alte Judentum zur Heiligkeit des Jahve-Namens kam, zu diesem «Ich», das im Menschen wohnen kann. Die Aufforderung Jahves an die Menschen müssen wir als eine solche nehmen, die den Menschen selbst zu einem Tempel des heiligen Gottes gemacht wissen wollte. Jetzt haben wir eine neue Auffassung von der Gottheit erhalten, die nämlich: den Gott, der in der Brust des Menschen, im tiefsten Heiligtum des menschlichen Selbst verborgen ist, zum moralischen Gott zu machen. Der menschliche Leib wurde so zu einem großen Sinnbild für das Allerheiligste.

[ 6 ] Und nun sollte ein äußeres Sinnbild errichtet werden, weil der Mensch ein Haus Gottes ist. Ein Symbol, die Versinnbildlichung des eigenen menschlichen Leibes, sollte der Tempel sein. Daher wurden die Bauleute gerufen - Hiram-Abiff -, die die weltlichen Künste verstanden haben, die den Menschen selbst zu einem Gott umgestalten konnten. Zwei Bilder in der Bibel sind damit verbunden: das eine ist die Arche Noah, das andere der Salomonische Tempel. Beide sind in einer Weise dasselbe und doch wieder grundverschieden. Die Arche Noah ist erbaut worden, damit sich der Mensch hinüberretten konnte in den jetzigen Zustand seines Daseins. Vor Noah lebte der Mensch in der atlantischen und lemurischen Zeit. Da hatte er noch nicht das Schiff gebaut, mit dem er über die Wasser des Astralen in das irdische Dasein kommen konnte. Von den Wassern des Astralen ist der Mensch gekommen, die Arche Noah trägt ihn hinüber. Die Arche stellt das Gebäude dar, welches die unbewußten göttlichen Kräfte gebaut hatten. Es gibt Abmessungen, wonach die Maße der Arche übereinstimmen mit den Maßen des menschlichen Körpers und mit den Maßen des Salomonischen Tempels auch wieder.

[ 7 ] Aus der Arche Noah ist der Mensch hinausgewachsen, und nun soll er selbst das höhere Ich mit einem Haus umgeben, das durch seinen Geist, durch seine Weisheit, durch salomonische Weisheit geschaffen worden ist.

[ 8 ] Wir treten ein in den Salomonischen Tempel. Das Tor ist schon charakteristisch. Das Viereck galt als ein altes Symbol. Der Mensch ist nun heute aus dem Zustand der Vierheit in den der Fünfheit getreten als der fünfgliedrige Mensch, der sich seines höheren Selbstes bewußt wird. Der innere göttliche Tempel ist so geformt, daß er den fünfgliedrigen Menschen umschließt. Das Quadrat ist heilig. Das Tor, die Bedachung und die Seitenpfosten geben zusammen ein Fünfeck. Wenn der Mensch erwacht aus der Vierheit, das ist, wenn er in das Innere hineingeht — das Innere ist das Wichtigste des Tempels -, da sieht man eine Art Altar; wir erblicken zwei Cherubim, welche wie zwei schützende Geister über der Bundeslade, dem Allerheiligsten, schweben; denn das fünfte Prinzip, welches noch nicht heruntergestiegen ist, soll von den beiden höheren Wesenheiten - Buddhi und Atma - in Schutz genommen werden. Das ist der Eintritt in die manasische Entwickelung des Menschen.

[ 9 ] Das ganze Innere ist mit Gold ausgekleidet, weil das Gold von jeher das Symbol der Weisheit ist. Nun tritt die Weisheit in das manasische Stadium. Palmblätter finden wir als das Friedenssymbol. Das stellt eine gewisse Epoche des Menschen dar und ist hier als etwas hingestellt, was erst später, im Christentum, zum Ausdruck gekommen ist. Jetzt hatten es die Tempelleiter in sich bewahrt und auf diese Art etwas für später Beschlossenes hier ausgedrückt.

[ 10 ] Später, im Mittelalter, lebte die Idee des Salomonischen Tempels von neuem in den Tempelrittern auf, die den Gedanken des Tempels hinübertragen wollten in das Abendland. Aber man hat die Tempelritter damals nicht verstanden. (Gegen Jacob von Molay, Großmeister.) Wenn wir die Tempelritter verstehen wollen, müssen wir tief in die Geschichte der Menschheit hineinschauen. Was man in den Prozeßakten den Templern vorgeworfen hat, beruht nur auf einem großen Mißverständnis. Die Tempelritter sagten damals: Alles, was wir bisher erlebt haben, ist eine Vorbereitung zu dem, was der Erlöser gewollt hat. Denn sie sagten: Es gibt eine Zukunft des Christentums, eine neue Aufgabe. Und wir haben die Aufgabe, die verschiedenen Sekten des Mittelalters und die Menschen überhaupt auf jenes Zukünftige vorzubereiten, wo das Christentum in einer neuen Klarheit erstehen wird, in dem, was der Erlöser eigentlich gewollt hat. Wir haben das Christentum in der vierten Unterrasse aufgehen sehen, in der fünften wird es sich weiterentwickeln, aber in der sechsten soll es erst die wiederauferstandene Glorie feiern. Das haben wir vorzubereiten. Wir müssen die Seelen der Menschen so lenken, daß ein echtes, wahres, reines Christentum zum Ausdruck kommt, in dem der Name des Höchsten seinen Wohnsitz hat.

[ 11 ] Jerusalem sollte der Mittelpunkt werden und von dort aus das Geheimnis über das Verhältnis des Menschen zu Christus in alle Welt strömen. Was als Symbol in dem Tempel dargestellt war, sollte eine lebendige Wirklichkeit werden. Von den Templern wurde gesagt, und man machte es ihnen zum Vorwurf, daß sie einen gewissen Sternendienst, ebenso einen Sonnendienst errichtet hätten. Dahinter aber liegt ein großes Mysterium. Das Meßopfer war früher nichts anderes als ein großes Mysterium. Die Messe zerfiel in zwei Teile, in die sogenannte kleine Messe, an der alle teilnehmen durften, und war diese zu Ende, und die breite Masse hatte sich entfernt, so erfolgte die große Messe, die nur für diejenigen bestimmt war, die die okkulte Schulung durchmachen wollten, die den «Pfad» betreten wollten. In dieser großen Messe vollzog sich zuerst die Abbetung des Apostolikums; dann wurde gezeigt die Entwickelung des Christentums in der ganzen Welt, und wie das Christentum mit dem großen Gang der Weltentwickelung zusammenhängt.

[ 12 ] Die Tatsachen der Erde waren nicht immer die gleichen wie heute, sondern unsere Erde war einstmals verbunden mit der Sonne und mit dem Monde. Die Sonne hat sich gleichsam abgespalten und unsere Erde dann von außen beschienen; dann hat der Mond sich abgespalten. So war die Erde früher eine ganz andere Art von Wohnplatz für den Menschen. Damals war der Mensch physisch noch ganz anders. Das ganze Leben des Menschen auf der Erde wurde aber anders, als Sonne und Mond sich von der Erde trennten. Da gab es erst Geburt und Tod; da trat erst die Reinkarnation auf; da erst stieg die menschliche Ichheit, die Individualität, in den physischen Körper hinab und reinkarnierte sich in fortlaufender Folge. Das wird einst wieder aufhören. Die Erde wird sich wieder mit der Sonne verbinden, und dann wird der Mensch seine weitere Entwickelung auf der Sonne verleben können. Wir haben so eine gewisse Stufenleiter, wie der Mensch mit der Sonne zusammengeht. Solche Dinge hängen mit dem Fortschreiten der Sonne über das Himmelsgewölbe zusammen.

[ 13 ] Nun wird in der Welt alles, was geschieht, in den folgenden Stadien noch einmal kurz wiederholt. Alles hat sich wiederholt, auch die Entwickelung der Globen in der ersten, zweiten und dritten Wurzelrasse. Dann ereignete sich, daß der Mensch in die Inkarnation stieg. Von der zweiten zur dritten Wurzelrasse hat sich die Sonne abgespalten, in der dritten der Mond. Nun entwickelt sich die Erde von der dritten bis zur sechsten Wurzelrasse, wo dann die Sonne wieder mit der Erde verbunden sein wird. Dann wird eine neue Epoche beginnen, wo der Mensch auf einer viel höheren Stufe angelangt sein und sich nicht mehr inkarnieren wird.

[ 14 ] Als Religion kam diese Lehre über den Gang der Entwickelung in die Welt hinaus in Gestalt der Geschichte von der Arche Noah. Was in der Zukunft geschehen soll, wurde in der Lehre vorausgenommen. Die Vereinigung der Sonne mit der Erde ist vorausverkündet in der Erscheinung des Christus auf der Erde. Mit solchen Lehren und so weiter ist es immer so: einige Zeit lang ist das, was geschieht, eine Wiederholung des Vergangenen. Dann beginnt die Lehre eine Vorverkündigung für die Zukunft zu sein. Die einzelnen Unterrassen hängen nun mit Bezug auf die Entwickelung der Bewußtseinsstufen der Völker zusammen mit dem Gang der Sonne am Himmelsgewölbe. Wenn Sie sich ein Stück des Tierkreises aufzeichnen, so bekommen Sie ein Bild für den Gang der Sonne über das Himmelsgewölbe.

[ 15 ] Sie wissen, daß die Zeit, in welcher die dritte Unterrasse von der vierten abgelöst wurde, mit dem Zeichen des Widders oder des Lammes zusammengebracht wird. Das assyrisch-babylonische Zeitalter faßte das für seine Zeit Bemerkenswerte in dem Stierzeichen zusammen, das vorhergegangene persische Zeitalter wird markiert vom Sternbild der Zwillinge. Und würden wir noch weiter zurückgehen, so würden wir in der Zeit der Sanskritkultur zum Krebs kommen. Diese Zeit, in welcher die Sonne am Tage des Frühlingsanfanges im Krebs aufging, wurde eine Umkehrzeit der Menschheit. Atlantis war versunken und die erste Unterrasse der fünften Wurzelrasse aufgegangen. Diese Umkehr wurde mit dem Krebs bezeichnet. Das nächste Zeitalter beginnt dann, als die Sonne in den Zwillingen aufgeht. Der weitere Gang der Geschichte führt uns in die vorderasiatisch-ägyptische Kultur, als die Sonne im Stier aufgeht. Und als die Sonne noch weiter vorrückt, beginnt die vierte Unterrasse, die die griechische Sage mit dem Widder, mit dem Lamm in Zusammenhang bringt. (Die Jasonsage vom Herüberholen des Widderfelles.) Auch noch in den ersten Zeiten des Christentums wurde der Heiland selbst als Lamm dargestellt. Er nennt sich selbst das Lamm.

[ 16 ] Wir haben die Zeit der ersten bis vierten Unterrasse verfolgt. Die Sonne schritt am Himmel vor, und jetzt, wo wir selbst an einem kritischen Punkt sind, treten wir in das Zeichen der Fische ein. Dann wird die Zeit kommen, in der Zeit der sechsten Unterrasse, wo die Menschen innerlich so gereinigt sein werden, daß sie selbst für das Göttliche ein Tempel sein werden. Dann wird die Sonne in das Zeichen des Wassermanns treten. So geht die Sonne, die eigentlich nur der äußere Ausdruck unseres eigenen geistigen Lebens ist, ihren Gang am Himmelsgewölbe. Wenn die Sonne im Frühlingsanfang im Wassermann aufgehen wird, dann wird sie erst in ihrer vollen Klarheit verstanden werden.

[ 17 ] So verlief die große Messe, bei der die Uneingeweihten entfernt worden waren. Denen, die geblieben waren, legte man dar, daß das Christentum, das als Saat angefangen hat, in der Zukunft noch etwas ganz anderes als Frucht bringen soll und daß mit dem «Wassermann» Johannes gemeint war, der wie ein Senfkorn das Christentum als Saat ausstreute. Aquarius oder Wassermann heißt dasselbe wie Johannes, der mit Wasser taufte, um die Menschen vorzubereiten, daß sie die Feuertaufe des Christus empfangen können. Daß ein «Johannes-Aquarius» kommen wird, der den alten Johannes erst zur Wahrheit machen und einen Christus verkünden wird, der den Tempel wiedererneuert, wenn der große Zeitpunkt gekommen sein wird, wo der Christus neuerdings zur Menschheit sprechen wird, diesen Zeitpunkt dann zu verstehen, das wurde in den Tiefen der Mysterien der Templer gelehrt.

[ 18 ] Und weiter sagten die Templer: Jetzt sind wir an einem Zeitpunkt, wo die Menschen noch nicht reif sind, die große Lehre zu verstehen, noch müssen wir sie auf den Täufer Johannes vorbereiten, der mit Wasser tauft. - Das Kreuz wurde vor den hingestellt, der Templer werden wollte, und ihm wurde gesagt: Du sollst dieses Kreuz jetzt verleugnen, um es später zu verstehen, erst ein Petrus werden, erst wie Petrus, der Fels, der den Herrn verleugnet hat, die Lehre verleugnen. Das wurde als eine Vorschule dem zukünftigen Templer beigebracht. Fassen wir einmal dieses Lernen des Petrus-Stadiums ins Auge.

[ 19 ] Man versteht so wenig in den weiteren Kreisen von dem allem, daß man selbst die Buchstaben am Kreuz nicht in der richtigen Weise zu deuten imstande ist. P/a/o spricht davon, daß die Weltenseele an das Kreuz des Weltenleibes gekreuzigt sei. Das Kreuz symbolisierte die vier Elemente. Das Pflanzen-, Tier- und Menschenreich sind mit den vier Elementen aufgebaut. Am Kreuze steht: Jam = das Wasser — Jakobus; Nour — das Feuer, das sich auf Christus selbst bezieht; Ruach — die Luft, Symbol für Johannes; und das vierte Jabeschah — Erde, Fels, für Petrus. J Jabeschah Petrus: Erde

[ 20 ] Am Kreuze steht also dasselbe, was in den Namen der [drei] Apostel ausgedrückt ist, während mit dem einen Namen «J.N.R.J.» Christus selbst gemeint ist. «Erde» ist das, wohin zunächst das Christentum selbst gebracht werden sollte, zu jenem Tempel, wohin sich der Mensch selbst gebracht hat, um für das Höhere eine Umhüllung zu sein. Aber dieser Tempel ... [Lücke im Text, siehe Hinweise].

[ 21 ] Zweimal «kräht der Hahn», der das Symbol für des Menschen niederes und auch für sein höheres Ich ist. Das erste Mal «kräht der Hahn», wenn der Mensch heruntersteigt und sich im Stofflichen materialisiert; das zweite Mal, wenn er wieder heraufsteigt, wenn er den Christus verstehen gelernt hat, wenn der Wassermann erschienen ist. Das wird in der sechsten Unterrasse sein. Dann wird der Mensch im Geiste begreifen, was er werden soll. Das Ich wird dann eine gewisse Stufe überschritten haben, wenn im höchsten Sinne das verwirklicht ist, was der Salomonische Tempel darstellt, wenn der Mensch selbst ein Tempel für «Jahve» ist.

[ 22 ] Vorher aber hat der Mensch noch drei Stadien der Läuterung durchzumachen. Das Ich ist in einer dreifachen Umhüllung: erstens im Astralkörper, zweitens im Ätherkörper, drittens im physischen Körper. Indem wir im Astralkörper sind, haben wir zum ersten Mal das göttliche Ich verleugnet, beim Ätherkörper zum zweiten Mal, und das dritte Mal beim physischen Körper. Der erste Hahnenschrei ist die dreifache Verleugnung durch die dreifache Umhüllung des Menschen. Und wenn er dann durch die drei Körper hindurchgegangen ist, wenn das Ich seine größte sinnbildliche Verwirklichung in Christus gefunden hat, dann ruft der Hahn zum zweiten Mal.

[ 23 ] Dieses Sich-Hinaufringen zum eigentlichen Verständnis des Christus — erst das Petrus-Stadium durchmachen -, diese tiefen Ideen konnte keiner der Templer, die damals gefoltert wurden, den Richtern klarmachen.

[ 24 ] Die Templer kamen also zuerst dahin, als wenn sie das Kreuz abgeschworen hätten. Nachdem dem Templer dies alles dargestellt worden war, zeigte man ihm eine symbolische Gestalt des göttlichen Wesens in einer ehrwürdigen Mannesgestalt mit einem großen Barte. (Symbol des Vaters.) Wenn die Menschen sich hinaufentwickelt und eigene Führer in den Meistern erhalten haben werden, wenn diejenigen da sein werden, die die Menschen führen können, dann wird vor den Menschen als das Wort des führenden Vaters, der Meister stehen, der die Menschen zum Begreifen des Christus hinführt.

[ 25 ] Und dann wurde den Templern gesagt: wenn sie dies verstanden haben, dann sind sie reif, an dem großen Tempel der Welt mitzubauen. Sie müssen mitwirken daran, alles so einzurichten, daß der große Bau ein Wohnplatz ist für unsere eigentliche tiefere Ichheit, unsere innere Bundeslade.

[ 26 ] Wenn wir das alles überschauen, so haben wir Bilder, die eine große Bedeutung haben. Und derjenige, in dessen Seele diese Bilder Leben gewinnen, wird immer mehr zum Schüler jener großen Meister heranreifen, die diesen Bau des Menschheitstempels vorbereiten. Und solche großen Vorstellungen wirken als Kräfte in unserer Seele, daß wir dadurch die Läuterung durchmachen, die uns zum lebendigen Leben im Geiste führen soll.

[ 27 ] Diesen Zug des Mittelalters, der bei den Tempelrittern erscheint, finden wir auch in zwei Tafelrunden, der des Königs Artus und derjenigen des Heiligen Grals. Das alte Weltliche war in König Artus’ Tafelrunde zu finden, während das eigentlich Geistliche der christlichen Ritterschaften in denjenigen vorbereitet werden sollte, die das Geheimnis des Heiligen Grals hüteten. Merkwürdig ist es, wie objektiv und ruhig die Menschen des Mittelalters über die aufgehende Macht (Frucht) und äußere Form des Christentums gedacht haben.

[ 28 ] Wenn Sie die Lehren der Templer verfolgen, so ist da etwas im Mittelpunkte, was als etwas Weibliches verehrt wurde. Dieses Weibliche nannte man die göttliche Sophia, die göttliche Weisheit. Manas ist das fünfte Prinzip, das geistige Selbst des Menschen, das aufgehen soll, dem ein Tempel errichtet werden sollte. Und wie das Fünfeck vom Eingang des Salomonischen Tempels den fünfgliedrigen Menschen charakterisiert, ebenso charakterisiert dieses Weibliche die Weisheit des Mittelalters. Dante hat mit seiner «Beatrice» nichts anderes als diese Weisheit zur Darstellung bringen wollen. Nur der versteht Dantes «Göttliche Komödie», der sie von dieser Seite betrachtet. Daher finden Sie auch bei Dante dieselben Symbole, die bei den Templern, den christlichen Ritterschaften, den Gralsrittern und so weiter zum Ausdruck kommen. Alles was geschehen soll, wird schon lange vorher von den großen Eingeweihten vorbereitet, die dasjenige, was in der Zukunft geschehen soll, in der Weise sagen, wie es in der Apokalypse geschehen ist, damit die Seelen vorbereitet werden für dieses Geschehen.

[ 29 ] Zweierlei Strömungen haben wir nach der Sage beim Eingang des Menschengeschlechtes in die Welt: Die Kainskinder, die einer der Elohim mit Eva gezeugt, die Kinder der Welt, bei denen wir die groBen Künste und äußeren Wissenschaften finden. Das ist die eine Strömung, die geächtet wurde und dann durch das Christentum geheiligt werden soll, wenn das fünfte Prinzip in die Welt gekommen ist. Die andere Strömung sind die Gotteskinder, die den Menschen gebracht haben bis zur Erfassung des fünften Prinzips. Es sind die, die Adam geschaffen hat. Dann wurden die Kainssöhne aufgerufen, um jetzt dasjenige in einer Hülle einzufassen, was die Gottessöhne, die AbelSeth-Kinder geschaffen hatten.

[ 30 ] In der Bundeslade ist der heilige Name des Jahve geborgen. Aber das, was die Welt umgestalten soll, was für das Allerheiligste die Umhüllung schaffen soll, das soll wieder hergestellt werden durch die Kainssöhne. Gott hat des Menschen Leib geschaffen, darin geht des Menschen Ich auf und zerstört zunächst diesen Tempel. Der Mensch kann sich nur retten, wenn er sich zuerst das Haus baut, das ihn hinüberträgt über die Wasser der Leidenschaften, wenn er sich die Arche Noah baut. Dieses Haus muß der Mensch wieder aufrichten. So baut am Äußeren, was als die Kainskinder in die Welt gekommen ist, und was die Gotteskinder gebracht haben, das baut am Inneren.

[ 31 ] Beim Aufgang unserer Rasse machten sich schon diese zwei Strömungen geltend ... [Lücke im Text, siehe Hinweise].

[ 32 ] Dann erst verstehen wir die Theosophie, wenn wir sie als Testament auffassen, das, was als der Salomonische Tempel aufgezeichnet und was als Zukünftiges zu erwarten ist, vorzubereiten. Vorbereiten sollen wir den neuen Bund anstelle des alten Bundes. Der alte ist der Bund des schöpferischen Gottes, wo das Göttliche am Menschentempel schafft. Der neue ist derjenige, wo der Mensch selbst den Weisheitstempel um das Göttliche herumhüllt, wo er ihn wieder herstellt, damit dieses Ich eine Zuflucht auf dieser Erde findet, wenn es befreit aus der Materie auferstehen wird.

[ 33 ] So tief sind die Symbole, und so war die Erziehung, die die Templer der Menschheit angedeihen lassen wollten. Die Rosenkreuzer sind nichts anderes als die Fortsetzer des Templerordens; sie wollten nichts anderes als die Tempelritter und was auch die Theosophie will: sie alle arbeiten am großen Tempel der Menschheit.