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The Rudolf Steiner Archive

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Cosmogony
GA 94

1 June 1906, Paris

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Achter Vortrag

Lecture Eight

[ 1 ] Seit den Ursprüngen des Christentums und der Zeit der Apostel hat es die christliche Einweihung immer gegeben, und sie ist stets dieselbe geblieben während des Mittelalters und bis auf unsere Tage, bei den zahlreichen religiösen Orden ebenso wie bei den Rosenkreuzern. Diese Einweihung besteht aus geistigen Übungen, die gleiche und unveränderliche Symptome hervorrufen. Die Gesellschaften, die sie in tiefem Geheimnis verwirklichen, sind der wahre Herd allen spirituellen Lebens wie auch allen religiösen Fortschritts der Menschheit.

[ 1 ] Christian initiation has existed since the origins of Christianity and the time of the Apostles, and it has remained unchanged throughout the Middle Ages and up to the present day, both among the numerous religious orders and among the Rosicrucians. This initiation consists of spiritual exercises that produce the same, unchanging effects. The societies that carry it out in the deepest secrecy are the true cradle of all spiritual life as well as of all religious progress of humanity.

[ 2 ] Die christliche Einweihung ist in gewisser Hinsicht schwieriger als die Einweihung der Antike. Das hängt zusammen mit dem Wesen und der Mission des Christentums, das in die Welt kam zu der Zeit, in welcher der Mensch den tiefsten Abstieg in die Materie vollzog. Dieser Abstieg muß ihm ein neues Bewußtsein verleihen, aber aus dieser Tiefe, aus dieser materiellen Dichte aufzusteigen, fordert von ihm eine größere Anstrengung und macht die Einweihung schwieriger. Deshalb fordert der christliche Meister von seinem Schüler einen höheren Grad von Demut und von Devotion.

[ 2 ] Christian initiation is, in a certain sense, more difficult than the initiation of antiquity. This is connected with the nature and mission of Christianity, which came into the world at a time when humankind was undergoing its deepest descent into matter. This descent must bestow upon him a new consciousness, but rising from this depth, from this material density, demands a greater effort on his part and makes initiation more difficult. For this reason, the Christian master demands a higher degree of humility and devotion from his disciple.

[ 3 ] Die christliche Einweihung hat immer in sieben Stufen bestanden. Vier davon entsprechen vier Stationen des Kalvarienberges. Es sind folgende:

[ 3 ] Christian initiation has always consisted of seven stages. Four of these correspond to the four stations of Calvary. They are as follows:

Erstens: Die Fußwaschung
Zweitens: Die Geißelung
Drittens: Die Dornenkrönung
Viertens: Die Kreuztragung
Fünftens: Der mystische Tod
Sechstens: Die Grablegung
Siebentens: Die Auferstehung

First: The Washing of the Feet
Second: The Scourging
Third: The Crowning with Thorns
Fourth: The Carrying of the Cross
Fifth: The Mystical Death
Sixth: The Burial
Seventh: The Resurrection

[ 4 ] Die Fußwaschung ist eine vorbereitende Übung rein moralischer Natur. Sie bezieht sich auf die Szene, wo Christus vor dem Osterfest den Jüngern die Füße wäscht (Joh.-Ev. 13). «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr, noch der Apostel größer denn der, der ihn gesandt hat.» Die Theologie gibt diesem Akt eine rein moralische Interpretation und sieht darin lediglich ein Beispiel tiefer Demut und absoluter Unterwerfung des Meisters unter seine Schüler und unter sein Wirken. Das sehen auch die Rosenkreuzer darin, aber in einem viel tieferen Sinn, der die Evolution aller Wesen in der Natur einbezieht. Es ist eine Anspielung auf das Gesetz, daß das Obere das Produkt des Unteren ist. Die Pflanze könnte zum Stein sagen: Ich stehe über dir, denn ich habe das Leben, das du nicht hast, aber ohne dich könnte ich nicht existieren, denn aus dir ziehe ich die Säfte, die mich ernähren. —- Und das Tier könnte zur Pflanze sagen: Ich stehe über dir, denn ich habe Empfindung, Leidenschaften, Willensregungen, die du nicht hast, aber ohne die Nahrung, die du mir gibst, ohne deine Blätter, Gräser und Früchte, könnte ich nicht leben. - Und der Mensch müßte zu den Pflanzen sagen: Ich stehe über euch, aber ich verdanke euch den Sauerstoff, den ich atme. Er müßte zu den Tieren sagen: Ich habe eine Seele, die ihr nicht habt, aber wir sind Brüder und Gefährten, und wir ziehen uns empor in der allgemeinen Evolution. - Der esoterische Sinn der Fußwaschung ist also, daß der Christus Jesus, der Messias, der Sohn Gottes, nicht sein könnte ohne die Apostel.

[ 4 ] The washing of feet is a preparatory exercise of a purely moral nature. It refers to the scene in which Christ washes the disciples’ feet before the Passover (Gospel of John 13). “Truly, truly, I say to you: A servant is not greater than his master, nor is an apostle greater than the one who sent him.” Theology gives this act a purely moral interpretation and sees in it merely an example of profound humility and the Master’s absolute submission to his disciples and to his mission. The Rosicrucians also see this in it, but in a much deeper sense that encompasses the evolution of all beings in nature. It is an allusion to the law that the higher is the product of the lower. The plant might say to the stone: “I am above you, for I have life, which you do not have; but without you I could not exist, for from you I draw the sap that nourishes me.” —- And the animal might say to the plant: “I am above you, for I have sensations, passions, and impulses of will that you do not have, but without the food you give me—without your leaves, grasses, and fruits—I could not live.” And man would have to say to the plants: “I am above you, but I owe you the oxygen I breathe.” He would have to say to the animals: “I have a soul that you do not have, but we are brothers and companions, and we are advancing together in the general course of evolution.” — The esoteric meaning of the washing of the feet is therefore that Jesus Christ, the Messiah, the Son of God, could not exist without the Apostles.

[ 5 ] Der Schüler, der über dieses Thema während Monaten und manchmal jahrelang meditiert hat, erlebt die Vision der Fußwaschung auf dem astralen Plan während des Schlafes. Alsdann kann er aufsteigen zum zweiten Grad der christlichen Einweihung:

[ 5 ] The student who has meditated on this subject for months, and sometimes for years, experiences the vision of the washing of the feet on the astral plane while asleep. He can then ascend to the second degree of Christian initiation:

[ 6 ] Die Geißelung: Auf dieser Stufe lernt der Mensch der Geißel des Lebens zu widerstehen. Das Leben bringt uns Leiden aller Art: physische und moralische, intellektuelle und geistige. In dieser Phase empfindet der Schüler das Leben wie eine schreckliche und unaufhörliche Tortur. Er muß sie ertragen mit einem vollkommenen Gleichmut der Seele und stoischem Mut. Er darf keine Furcht mehr kennen, sei sie physischer oder moralischer Art. Ist er furchtlos geworden, dann sieht er im Traum die Szene der Geißelung. Im Verlauf einer anderen Vision sieht er sich selbst anstelle von Christus gegeißelt. Dieses Ereignis ist von bestimmten körperlichen Symptomen begleitet und überträgt sich durch eine Steigerung des ganzen Empfindungsvermögens auf das gesamte Lebens- und Liebegefühl.

[ 6 ] The Scourging: At this stage, the individual learns to withstand the scourge of life. Life brings us suffering of every kind: physical and moral, intellectual and spiritual. In this phase, the student experiences life as a terrible and unceasing ordeal. He must endure it with complete equanimity of soul and stoic courage. He must no longer know fear, whether physical or moral. Once he has become fearless, he sees the scene of the scourging in a dream. In the course of another vision, he sees himself being scourged in place of Christ. This event is accompanied by certain physical symptoms and, through an intensification of the entire sensory faculty, extends to the whole sense of life and love.

[ 7 ] Ein Beispiel dieser in das Verstandesleben übertragenen überscharfen Empfindungsfähigkeit findet sich im Leben Goethes. Nach langen osteologischen Studien über das Skelett des Menschen und das Skelett der Tiere wie auch nach vergleichenden Beobachtungen kam Goethe zum Schluß, daß der Zwischenkieferknochen beim Menschen existieren müsse. Vor ihm leugnete man, daß sich im Oberkiefer des Menschen der Zwischenkieferknochen finden lasse. Er erzählt selbst, daß er einen Freudensprung machte und in eine Art Ekstase geriet, als er entdeckte, daß dieser Knochen tatsächlich im menschlichen Kiefer existiert, sichtbar noch durch eine Naht. Er nennt es selber eines der wundersamsten Ereignisse seines Lebens. Dasselbe Gefühl hatte Goethe während seiner Italienreise, als ihm angesichts der Überreste eines Schöpsenschädels jene andere Idee kam, die noch wunderbarer für die menschliche Evolution war — eine Idee, die man gleicherweise esoterisch und darwinistisch nennen könnte: daß nämlich das menschliche Gehirn, Zentrum der Vernunft - vorgelagert ist ihm das Kleinhirn, Zentrum der Willensbewegungen -, eine Blüte und eine Entfaltung des Rückenmarks ist, wie die Blüte eine Entfaltung und Synthese der Wurzel und des Stengels ist. Wodurch machte Goethe diese wunderbaren Entdeckungen, die ihm allein schon die Unsterblichkeit sichern würden? Gewiß durch seinen hohen Verstand, aber auch durch seine lebendige und tiefe Sympathie mit allen Wesen und mit der ganzen Natur. Diese Empfindsamkeit ist eine Verfeinerung und Erweiterung der Lebens- und Liebeskräfte. Sie entspricht dem zweiten Grad der christlichen Einweihung und ist das Resultat der Prüfung der Geißelung. Der Mensch erwirbt ein Gefühl der Liebe für alle Wesen, das ihn im Inneren der Natur leben läßt.

[ 7 ] An example of this hyper-acute sensibility, transferred into intellectual life, can be found in Goethe’s life. After extensive osteological studies of the human skeleton and the skeletons of animals, as well as comparative observations, Goethe concluded that the intermaxillary bone must exist in humans. Before him, it had been denied that the intermaxillary bone could be found in the human upper jaw. He himself recounts that he leaped for joy and fell into a kind of ecstasy when he discovered that this bone does indeed exist in the human jaw, still visible through a suture. He himself calls it one of the most wondrous events of his life. Goethe experienced the same feeling during his trip to Italy, when, upon seeing the remains of a sheep’s skull, that other idea came to him—one that was even more wondrous for human evolution—an idea that could be called both esoteric and Darwinian: namely, that the human brain, the center of reason—with the cerebellum situated before it, the center of volitional movements—is a blossom and an unfolding of the spinal cord, just as the blossom is an unfolding and synthesis of the root and the stem. How did Goethe make these wondrous discoveries, which alone would secure his immortality? Certainly through his superior intellect, but also through his lively and profound sympathy with all beings and with all of nature. This sensitivity is a refinement and expansion of the forces of life and love. It corresponds to the second degree of Christian initiation and is the result of the trial of scourging. Human beings acquire a feeling of love for all beings that allows them to live within nature.

[ 8 ] Die Dornenkrönung: Hier muß der Mensch lernen, der Welt zu trotzen, moralisch und intellektuell, Verachtung zu ertragen, wenn man das, was ihm am teuersten ist, angreift. Er muß aufrecht bleiben können, wenn alles ihn zu Boden drückt; ja sagen können, wenn alle Welt nein sagt. Das gilt es zu lernen, bevor man weitergeht. Ein neues Symptom bietet sich jetzt dar, die Unterscheidungsgabe oder vielmehr die Fähigkeit, augenblicklich drei Kräfte auseinanderzuhalten, die beim Menschen immer miteinander verbunden sind: Wollen, Fühlen, Denken. Man muß lernen, sie nach Belieben zu trennen oder zu vereinigen. Solange zum Beispiel ein äußeres Ereignis uns vor Begeisterung außer uns bringt, sind wir nicht reif, denn dieser Enthusiasmus, ausgelöst durch das Ereignis, kommt nicht von uns und kann sogar einen erschütternden Einfluß auf uns ausüben, dessen wir nicht Herr sind. Die Begeisterung des Schülers soll ihren Ursprung einzig in den Tiefen des mystischen Lebens finden. Es gilt also leidenschaftslos zu bleiben gegenüber jedem Ereignis, welcher Art es auch sei. Einzig auf diese Weise erlangt man die Freiheit. Diese Trennung zwischen Gefühl, Verstand und Willen ruft im Gehirn eine Veränderung hervor, die charakterisiert ist durch die Dornenkrönung. Damit sie sich gefahrlos vollziehen kann, ist es nötig, daß die Persönlichkeitskräfte genügend geschult und vollkommen ausgeglichen sind. Verhält es sich nicht so, oder hat der Schüler einen schlechten Führer, kann diese Veränderung den Wahnsinn entzünden. Der Wahnsinn beruht nämlich auf nichts anderem als dieser Spaltung, die sich außerhalb des Willens vollzieht, ohne daß die Einheit durch innere Willenskraft wieder hergestellt werden kann. Im Gegensatz dazu übt der Schüler, diese Spaltung verschwinden zu lassen, wenn er es will. Ein Blitz von seinem Willen stellt das Band zwischen den Organen und Funktionen seiner Seele wieder her, während der Riß bei dem Verrückten unheilbar werden und eine Schädigung im Zentralnervensystem herbeiführen kann.

[ 8 ] The Crowning with Thorns: Here, a person must learn to defy the world—morally and intellectually—and to endure contempt when what is most precious to him is attacked. He must be able to remain upright when everything is pressing him down; to say “yes” when the whole world says “no.” This is what must be learned before moving on. A new aspect now presents itself: the power of discernment—or rather, the ability to instantly distinguish between three forces that are always intertwined in human beings: will, feeling, and thought. One must learn to separate or unite them at will. As long as, for example, an external event fills us with such enthusiasm that it sweeps us off our feet, we are not mature, for this enthusiasm, triggered by the event, does not come from within us and can even exert a shattering influence over us that we cannot control. The student’s enthusiasm should find its origin solely in the depths of the mystical life. One must therefore remain dispassionate toward every event, whatever its nature. Only in this way does one attain freedom. This separation between feeling, intellect, and will brings about a transformation in the brain characterized by the crowning with thorns. For this transformation to take place safely, it is necessary that the powers of the personality be sufficiently trained and perfectly balanced. If this is not the case, or if the student has a poor guide, this change can trigger madness. Madness, in fact, is based on nothing other than this split, which takes place outside the will, without the unity being able to be restored through inner willpower. In contrast, the student practices making this split disappear whenever he wishes. A flash of his will restores the bond between the organs and functions of his soul, whereas in the case of the insane person, the rift may become irreparable and cause damage to the central nervous system.

[ 9 ] Im Verlauf der Etappe, die man in der christlichen Einweihung die Dornenkrönung nennt, tritt ein furchteinflößendes Phänomen auf, das die Bezeichnung «Hüter der Schwelle» trägt und das man auch die Erscheinung des Doppelgängers nennen könnte. Das geistige Wesen des Menschen, gebildet aus seinen Willensströmungen, seinen Wünschen und seinen Verstandesfähigkeiten, erscheint alsdann dem Eingeweihten als Bild im Traumbewußtsein. Und dieses Bild ist manchmal abstoßend und Schrecken einflößend, denn es ist ein Ergebnis seiner guten und schlechten Eigenschaften und seines Karma; von diesem allem ist es die bildhafte Personifikation auf dem Astralplan. Das ist der schlimme Fährmann im Totenbuch der Ägypter. Der Mensch muß ihn besiegen, um sein höheres Ich zu finden. Der Hüter der Schwelle, ein Phänomen des hellsichtigen Schauens bis in die ältesten Zeiten hinein, ist der eigentliche Ursprung all der Mythen über den Kampf des Helden mit dem Ungeheuer, des Perseus und des Herakles mit der Hydra, des heiligen Georg und des Siegfried mit dem Drachen.

[ 9 ] During the stage known in Christian initiation as the Crowning with Thorns, a terrifying phenomenon occurs, known as the “Keeper of the Threshold,” which could also be called the appearance of the doppelganger. The human spirit, formed from one’s currents of will, desires, and intellectual faculties, then appears to the initiate as an image in the dream state. And this image is sometimes repulsive and terrifying, for it is the result of the person’s good and bad qualities and their karma; it is the pictorial personification of all this on the astral plane. This is the evil ferryman in the Egyptian Book of the Dead. The person must defeat him in order to find their higher self. The Keeper of the Threshold, a phenomenon of clairvoyant vision dating back to the earliest times, is the true origin of all the myths about the hero’s struggle with the monster—Perseus and Heracles with the Hydra, Saint George and Siegfried with the dragon.

[ 10 ] Der vorzeitige Eintritt der Hellsichtigkeit und die plötzliche Erscheinung des Doppelgängers oder des Hüters der Schwelle kann denjenigen, der nicht alle Vorbereitungen befolgt und alle dem Schüler auferlegten Vorsichtsmaßnahmen wahrgenommen hat, zum Wahnsinn führen.

[ 10 ] The premature onset of clairvoyance and the sudden appearance of the doppelganger or the Keeper of the Threshold can drive to madness those who have not followed all the preparations and taken all the precautions required of the student.

[ 11 ] Die Kreuztragung bezieht sich wiederum symbolisch auf eine seelische Tugend. Diese Tugend, die darin besteht, die Welt gewissermaßen im Bewußtsein zu tragen, wie Atlas die Welt auf seiner Schulter trug, könnte man nennen: das Gefühl der Einswerdung mit der Erde und mit allem, was sie in sich birgt. Man nennt es in der östlichen Einweihung: das Ende des Gefühls der Trennung.

[ 11 ] The bearing of the cross, in turn, symbolically refers to a spiritual virtue. This virtue, which consists in carrying the world, as it were, within one’s consciousness—just as Atlas carried the world on his shoulders—could be called: the feeling of becoming one with the earth and with all that it holds within itself. In Eastern initiation, this is called: the end of the sense of separation.

[ 12 ] Die Menschen, insbesondere der moderne Mensch, identifizieren sich im allgemeinen mit ihrem Körper. Spinoza nennt in seiner «Ethik». die erste fundamentale Idee des Menschen: die Idee des Körpers in Tätigkeit. Der Schüler muß den Gedanken in sich pflegen, daß sein Körper in der Gesamtheit der Dinge nicht wichtiger ist als irgendeinanderer Körper, sei es nun der eines Tieres, ein Tisch oder ein Stück Marmor. Das Ich endet nicht an der Haut: es ist eins mit dem ganzen Weltenleben wie unsere Hand mit dem Ganzen unserer Leiblichkeit. Was wäre die Hand für sich allein? Ein Fetzen! Was wäre der menschliche Körper ohne die Erde, auf der er steht, ohne die Luft, die er atmet? Er würde sterben, denn er ist nur ein kleines Teilchen dieser Erde und ihrer Atmosphäre. Aus diesem Grunde muß der Schüler sich in jedes Wesen versenken und mit dem Geist der Erde einswerden.

[ 12 ] People, especially modern people, generally identify with their bodies. In his Ethics, Spinoza identifies the first fundamental idea of a human being: the idea of the body in action. The student must cultivate within himself the idea that, in the totality of things, his body is no more important than any other body—be it that of an animal, a table, or a piece of marble. The self does not end at the skin: it is one with the whole of life in the world, just as our hand is one with the entirety of our physicality. What would the hand be on its own? A scrap! What would the human body be without the earth on which it stands, without the air it breathes? It would die, for it is only a tiny particle of this earth and its atmosphere. For this reason, the student must immerse himself in every being and become one with the spirit of the earth.

[ 13 ] Wiederum ist es Goethe, der eine grandiose Beschreibung dieser Stufe im ersten Teil seines «Faust» gegeben hat, wo der Erdgeist, den Faust beschwört, ihm erscheint und spricht:

[ 13 ] Once again, it is Goethe who has provided a magnificent description of this stage in the first part of his Faust, where the Earth Spirit, whom Faust summons, appears to him and says:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben;
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

In the torrents of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life;
Thus I work at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.

[ 14 ] Sich mit allen Wesen eins fühlen, bedeutet nicht, seinen Körper verachten, sondern ihn wie einen äußeren Gegenstand tragen, so wie der Christus sein Kreuz trug. Der Geist soll den Leib tragen, wie die Hand den Hammer hält. Alsdann kommen dem Schüler die okkulten Kräfte zum Bewußtsein, die in seinem Körper schlummern. So kann er im Verlauf seiner Meditation die Stigmata auf seiner Haut hervorrufen. Das ist dann das Zeichen, daß er reif ist für die fünfte Stufe, wo sich ihm in einer plötzlichen Erleuchtung enthüllt:

[ 14 ] Feeling at one with all beings does not mean despising one’s body, but rather carrying it as an external object, just as Christ carried his cross. The spirit should carry the body just as the hand holds the hammer. Then the disciple becomes aware of the occult powers that lie dormant within his body. In this way, during the course of his meditation, he can bring about the stigmata on his skin. This is the sign that he is ready for the fifth stage, where the following is revealed to him in a sudden flash of enlightenment:

[ 15 ] Der mystische Tod: Während er den größten Leiden ausgesetzt ist, sagt sich der Schüler: Ich erkenne, daß die ganze Sinneswelt nur eine Illusion ist. Er hat wahrhaftig das Gefühl, zu sterben und in die Finsternis hinunterzusinken. Dann aber sieht er, wie die Finsternisse zerreißen und ein neues Licht erscheint: das Astrallicht erglänzt. Das ist das Zerreißen des Vorhangs im Tempel. Dieses Licht hat nichts gemein mit dem Licht der Sonne. Es sprüht hervor jenseits der Dinge und des Menschen. Die Empfindung, die es verursacht, ähnelt in nichts derjenigen des äußeren Lichtes. Gebrauchen wir, um uns eine Vorstellung davon zu verschaffen, den folgenden Vergleich: Man stelle sich vor, man entferne sich von einer lärmenden Stadt und dringe in einen dichten Wald ein. Nach und nach verstummen die Geräusche, und die Stille wird vollkommen. Schließlich fängt man an zu bemerken, was jenseits der Stille ist, den Nullpunkt zu überschreiten, wo jeder äußere Laut erstorben ist. Der Laut kehrt von der anderen Seite des Lebens für das innere Ohr zurück. So nimmt sich die Erfahrung aus, welche die Seele erlebt, wenn sie in die Astralwelt eindringt. Sie steht in Berührung mit der inneren Eigenschaft der Dinge, die sie kennt - so wie man jenseits der Null in eine wachsende Reihe negativer Zahlen eintritt.

[ 15 ] Mystical death: While subjected to the greatest suffering, the disciple says to himself: “I realize that the entire sensory world is merely an illusion.” He truly feels as if he is dying and sinking into darkness. But then he sees the darkness tear apart and a new light appear: the astral light shines forth. This is the tearing of the veil in the temple. This light has nothing in common with the light of the sun. It bursts forth from beyond things and beyond humanity. The sensation it causes bears no resemblance to that of external light. To get an idea of this, let us use the following comparison: Imagine moving away from a noisy city and entering a dense forest. Gradually, the sounds fade away, and the silence becomes complete. Finally, one begins to perceive what lies beyond the silence—to cross the zero point where every external sound has died away. Sound returns to the inner ear from the other side of life. This is what the experience feels like for the soul as it enters the astral world. It comes into contact with the inner nature of the things it knows—just as one enters a growing sequence of negative numbers beyond zero.

[ 16 ] Man muß alles verloren haben, um alles wieder zu gewinnen, auch seine eigene Existenz. Aber in dem Moment, wo man alles verliert, scheint es, daß man sich selbst abstirbt und außerhalb seiner selbst zu leben beginnt. Das ist der mystische Tod. Hat man ihn hinter sich gebracht, so ist der Zeitpunkt gekommen für:

[ 16 ] One must have lost everything in order to regain everything, even one’s own existence. But at the moment when one loses everything, it seems as though one dies to oneself and begins to live outside of oneself. This is the mystical death. Once one has gone through it, the time has come for:

[ 17 ] Die Grablegung: Da fühlt der Mensch sich durchdrungen von dem Gefühl, daß ihm sein eigener Körper fremd geworden ist und daß er völlig eins ist mit dem Planeten. Er ist mit der Erde verschmolzen und findet sich wieder im Leben des Planeten.

[ 17 ] Burial: At that moment, a person is overcome by the feeling that their own body has become foreign to them and that they are completely one with the planet. They have merged with the Earth and find themselves once again part of the planet’s life.

[ 18 ] Die Auferstehung: Es ist ein unaussprechliches Gefühl, das man unmöglich beschreiben kann, es sei denn als «im Innersten des Heiligtums». Denn für diese letzte Stufe fehlen alle Worte, fehlt jeder Vergleich. Auf dieser Stufe angekommen, empfängt man die Gabe der Heilung. Man muß aber hinzufügen, daß derjenige, der sie erhält, gleichzeitig auch die gegenteilige Fähigkeit erhält: krank zu machen, denn das Negative begleitet stets das Positive. Daher die große Verantwortung, die mit dieser Fähigkeit verbunden ist und die man so charakterisieren kann: das schöpferische Wort entströmt der Seele im Feuer.

[ 18 ] The Resurrection: It is an indescribable feeling that cannot possibly be described except as “in the innermost part of the sanctuary.” For at this final stage, all words fail, and every comparison falls short. Having reached this stage, one receives the gift of healing. However, it must be added that the one who receives it also simultaneously receives the opposite ability: to cause illness, for the negative always accompanies the positive. Hence the great responsibility associated with this ability, which can be characterized as follows: the creative word flows from the soul in fire.