Original Impulses of Spiritual Science
GA 96
29 January 1906, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Original Impulses of Spiritual Science, tr. SOL
1. Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft
1. The Origins of Spiritual Science
[ 1 ] Es zeigt sich immer wieder, wie schwer es unseren Zeitgenossen ist, theosophisches Leben zu verstehen. Deshalb seien einige Gedanken im allgemeinen darüber ausgesprochen. Theosophie ist etwas, von dem sich jeder, der sich zu ihr hingezogen fühlt, die Vorstellung macht, daß sie in bezug auf das geistige Leben seine tiefste Sehnsucht befriedigen müsse. Wollen wir uns aber die theosophische Grundidee, wie sie in der Gegenwart richtig ist, vor die Seele halten, unser ganzes Bewußtsein erfüllen mit dem Gedanken, daß das Geistige etwas Wirkliches ist, dann müssen wir es endlich dazu bringen, daß wir die Würde der Person unseres Nächsten anerkennen. Das Persönliche lassen wir gelten, denn wir würden es uns als Mensch, der eine empfindende Seele im Leibe hat, nicht gestatten, das äußere Persönliche unseres Mitmenschen in absichtlicher Weise zu verletzen, wir würden es uns nicht gestatten, ihn anzugreifen in seiner persönlichen Freiheit. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht, daß wir diese Toleranz ausdehnen auf das Allerinnerste des Menschen, weil wir noch lange nicht — höchstens theoretisch, aber noch nicht praktisch - wissen, daß Empfindung und Gedanke, das Geistige überhaupt, ein Wirkliches ist. Das ist Ihnen allen doch klar. Und auch das ist heute schon allen Menschen klar, daß es etwas höchst Wirkliches, höchst Reales ist, wenn ich jemandem mit meiner Hand einen Schlag versetze. Aber nicht so leicht glauben die Menschen, daß es etwas Wirkliches ist, wenn ich jemandem einen schlechten Gedanken zusende. Das müssen wir uns bewußt machen, daß der schlechte Gedanke, mit dem ich meinem Mitmenschen entgegentrete, der Gedanke der Antipathie, des Hasses, für seine Seele ebenso ist wie ein Schlag für das Gesicht des Menschen. Und eine abträgliche Empfindung, eine Empfindung des Hasses und der Unliebe, mit der ich dem Mitmenschen gegenüberstehe, sie sind wirklich wie die gewöhnliche äußere Verletzung, die man einem Menschen zufügt. Erst wenn man sich dessen bewußt ist, wird man Theosoph.
[ 1 ] Time and again, it becomes apparent how difficult it is for our contemporaries to understand theosophical life. For this reason, let us share a few general thoughts on the matter. Theosophy is something that anyone who feels drawn to it imagines must satisfy their deepest longings with regard to spiritual life. But if we hold before our soul the fundamental theosophical idea—as it is correctly understood today—and fill our entire consciousness with the thought that the spiritual is something real, then we must ultimately come to recognize the dignity of our neighbor as a person. We accept the personal, for as human beings with a sentient soul within us, we would not allow ourselves to intentionally violate the outward personality of our fellow human beings; we would not allow ourselves to infringe upon their personal freedom. But we are not yet—not by a long shot—at the point where we extend this tolerance to the innermost core of the human being, because we are still far from knowing—at most theoretically, but not yet practically—that feeling and thought, the spiritual in general, are real. That is surely clear to all of you. And it is also clear to everyone today that it is something highly real, highly tangible, when I strike someone with my hand. But people do not so readily believe that it is something real when I send a malicious thought toward someone. We must realize that the malicious thought with which I approach my fellow human being—the thought of antipathy, of hatred—is just as much a blow to that person’s soul as a blow to a person’s face. And a harmful feeling—a feeling of hatred and ill will—with which I confront my fellow human being is truly like the ordinary physical injury one inflicts on a person. Only when one is aware of this does one become a theosophist.
[ 2 ] Durchdringen wir uns ganz mit diesem Bewußtsein, sind wir uns klar darüber, daß der Geist in uns selbst eine Wirklichkeit ist, dann haben wir den theosophischen Gedanken erfaßt, und dann folgt für uns etwas, was die eigentliche Konsequenz, die wichtige Folge einer solchen geistigen Auffassung ist. Zunächst werden sich die Menschen einer gebildeten Gesellschaft nicht schlagen, sie werden sich nicht äuBerliche Verletzungen zufügen. Aber mit welchen Gedanken, mit welchen Meinungen die Menschen unserer gebildeten Gesellschaft nebeneinander sitzen, davon brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Sie wissen es. Die Theosophische Gesellschaft hat die Aufgabe, Sympathie und Unverletzlichkeit der Person zum Bewußtsein zu bringen. Wenn in unserer Zeit, wo es den Leuten vorzugsweise darauf ankommt, Meinungen, Ansichten zu haben, sieben Mitmenschen zusammensitzen, dann haben sie dreizehn Meinungen, und infolge der dreizehn Meinungen wollen sie sich am liebsten in dreizehn Parteien spalten. Das ist die Folge der Meinungsverschiedenheit, und an die Stelle dieser Meinungsverschiedenheit hat die theosophische Bewegung im tiefsten Inneren die Bruderschaftsidee zu setzen. Wir begreifen die Theosophie, diese Bruderschaftsidee, erst dann vollständig, wenn wir imstande sind, zusammenzusitzen in einer Bruderschaft bei der größtmöglichen Verschiedenheit der weiteren Gedanken. Wir wollen nicht bloß die Person unseres Nächsten achten und schätzen und ihr so gegenübertreten, daß wir sie in ihrer vollsten Menschenwürde anerkennen, sondern wir wollen ins tiefste Innere der Seele hinein unseren Mitbruder als Seele anerkennen. Dann müssen wir aber mit ihm zusammensitzen und zusammenbleiben, auch wenn die größte Verschiedenheit der Meinungen vorhanden ist. Niemand darf wegen Meinungsverschiedenheit aus der theosophischen Gemeinschaft, aus der theosophischen Bruderschaft austreten. Das gerade ist der Vorzug der Theosophen, daß sie brüderlich zusammenbleiben, auch wenn sie nicht einer Meinung sind. Ehe wir uns nicht brüderlich zusammenfinden, sind wir nicht in der Lage, einen theosophischen Grundgedanken durchzuführen. Dadurch wird es uns erst möglich, heraufzuholen aus den Seelen die tiefsten Geheimnisse, die in ihnen schlummern, die tiefsten Fähigkeiten, die wie schlafend auf dem Grunde unserer Seele leben, wenn wir uns klar darüber sind, daß wir zusammen wirken können mit unseren Mitmenschen, auch dann, wenn wir noch so grundverschiedene Meinungen haben.
[ 2 ] If we fully imbue ourselves with this awareness—if we clearly realize that the spirit within us is a reality—then we have grasped the theosophical idea, and then something follows for us that is the true consequence, the important result of such a spiritual understanding. To begin with, people in a civilized society will not fight; they will not inflict physical harm on one another. But I need not tell you what thoughts and opinions the people of our civilized society hold as they sit side by side. You know it. The Theosophical Society has the task of raising awareness of sympathy and the inviolability of the person. In our time, when people are primarily concerned with having opinions and viewpoints, if seven fellow human beings sit together, they will have thirteen opinions, and as a result of those thirteen opinions, they would prefer to split into thirteen factions. This is the consequence of differences of opinion, and in place of these differences, the Theosophical Movement must instill, in the very depths of the soul, the idea of brotherhood. We will only fully comprehend Theosophy—this idea of brotherhood—when we are able to sit together in brotherhood despite the greatest possible diversity of our broader thoughts. We do not merely wish to respect and value our neighbor as a person and treat them in a way that acknowledges their fullest human dignity; rather, we wish to recognize our fellow brother as a soul deep within the innermost core of the soul. But then we must sit together with him and remain united, even when there is the greatest diversity of opinions. No one may leave the Theosophical Society or the Theosophical Brotherhood because of a difference of opinion. This is precisely the distinction of the Theosophists: that they remain united in brotherhood, even when they do not share the same opinion. Until we come together in brotherhood, we are not in a position to put a fundamental Theosophical idea into practice. Only then will it become possible for us to draw forth from our souls the deepest mysteries that slumber within them, the deepest abilities that lie dormant at the very core of our souls—provided we are clear that we can work together with our fellow human beings, even when our opinions differ fundamentally.
[ 3 ] Nicht umsonst ist, wie ich öfter gesagt habe, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft begründet worden. Die Art und Weise, wie sie das Geistige sucht, unterscheidet sich doch wesentlich von anderen Bestrebungen, die ebenfalls anstreben, Beweise für die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen. Es ist eine große Verschiedenheit in dem Suchen nach dem Ewigen, wie es in der Theosophischen Gesellschaft gefunden wird, und dem Suchen nach dem Ewigen in anderen auf den Geist gerichteten Strömungen. In Wahrheit ist die theosophische Bewegung nichts anderes als die populäre Ausgestaltung der die Welt im geheimen umspannenden okkulten Bruderschaften der verflossenen Jahrtausende. Ich habe schon erwähnt, daß die hervorragendste, die größte Bruderschaft Europas im 14. Jahrhundert begründet worden ist als die Rosenkreuzer-Bruderschaft. Diese Rosenkreuzer-Bruderschaft ist eigentlich die Quelle, die Ausgangsstätte für alle sonstigen Bruderschaften, welche die Kultur Europas erhalten hat. In diesen Bruderschaften wurde streng geheim die okkulte Weisheit gepflegt. Wenn ich Ihnen charakterisieren soll, was die in diesen verschiedenen Bruderschaften vereinigten Menschen erlangen wollten, so müßte ich Ihnen sagen: jene hohen und erhabenen Weisheitslehren und jene Weisheitsarbeit, welche in diesen okkulten Bruderschaften, von denen die RosenkreuzerBruderschaft die hervorragendste war, gepflegt wurden. Die Lehren und Arbeiten, die da gepflegt wurden, brachten den Menschen dahin, daß er sich seines ewigen Wesenskernes bewußt wurde. Sie brachten den Menschen dahin, daß er den Zusammenhang fand mit der höheren Welt, mit den Welten, die über uns liegen, und hinblickte zu der Führung unserer älteren Brüder, zu der Führung derjenigen, die unter uns leben und die eine Stufe erlangt haben, die Sie alle zu einer späteren Zeit erlangen werden. Wir nennen jene die älteren Brüder aus dem Grunde, weil sie, vorauseilend der allgemeinen Entwickelung, diesen hohen Standpunkt früher erlangt haben: also die Gewißheit des ewigen Wesenskernes, die Erweckung desselben, so daß der Mensch das Ewige erschauen kann wie der gewöhnliche Mensch die Sinnenwelt. Um dies zu erreichen, muß er den älteren Brüdern, die überall unter uns leben, nacheifern. Diese älteren Brüder oder Meister, die großen Führer der Menschheit, sind selbst immer die obersten Leiter und obersten Vorsteher der okkulten erhabenen Weisheit gewesen, durch die der Mensch seines ewigen Wesenskernes bewußt wird. Diejenigen, welche sich in eine solche okkulte Bruderschaft aufnehmen lassen wollten, wurden bis in die Mitte des verflossenen 19. Jahrhunderts strengen Prüfungen und Proben unterworfen. Nur derjenige konnte in einer solchen Bruderschaft Aufnahme finden, von dem man sich klar war, daß er durch seinen Charakter eine Garantie abgab, daß die hohe Weisheitslehre niemals zu niedrigen Zwecken mißbraucht werden kann. Ferner mußte er durch seine Intelligenz die Gewähr leisten, daß er das, was ihm in den okkulten Bruderschaften gegeben wurde, in der richtigen Weise und im richtigen Sinne verstand. Nur wenn jemand diese Bedingungen erfüllte, wenn er eine vollständige Garantie abgab, daß er in der Lage und in der notwendigen Stimmung war, um die höchsten Lehren des Lebens entgegenzunehmen, konnte er in eine solche Bruderschaft aufgenommen werden.
[ 3 ] It is not without reason, as I have often said, that the Theosophical Society was founded in the last third of the 19th century. The way in which it seeks the spiritual differs significantly from other endeavors that also aim to obtain proof of human immortality. There is a great difference between the search for the eternal as found in the Theosophical Society and the search for the eternal in other spiritually oriented movements. In truth, the Theosophical movement is nothing other than the popular manifestation of the occult brotherhoods of past millennia that secretly encompass the world. I have already mentioned that the most distinguished, the greatest brotherhood in Europe was founded in the 14th century as the Rosicrucian Brotherhood. This Rosicrucian Brotherhood is, in fact, the source, the point of origin for all other brotherhoods that European culture has preserved. Within these brotherhoods, occult wisdom was cultivated in strict secrecy. If I were to describe to you what the people united in these various brotherhoods sought to attain, I would have to say: those lofty and sublime teachings of wisdom and that work of wisdom which were cultivated in these occult brotherhoods, of which the Rosicrucian Brotherhood was the most outstanding. The teachings and practices cultivated there led people to become aware of their eternal inner core. They led people to find a connection with the higher world—with the worlds that lie above us—and to look to the guidance of our elder brothers, to the guidance of those who live among us and who have attained a level that you will all attain at a later time. We call them the elder brothers because, having gone ahead of general evolution, they attained this high level earlier: namely, the certainty of the eternal core of the being, the awakening of that core, so that a person can perceive the eternal just as an ordinary person perceives the sensory world. To achieve this, one must emulate the elder brothers who live among us everywhere. These elder brothers or Masters—the great guides of humanity—have themselves always been the supreme leaders and supreme guardians of the sublime occult wisdom through which human beings become conscious of their eternal core of being. Until the middle of the 19th century, those who wished to be admitted into such an occult brotherhood were subjected to rigorous examinations and trials. Only those whose character clearly guaranteed that the high teachings of wisdom could never be misused for base purposes were admitted into such a brotherhood. Furthermore, they had to demonstrate through their intelligence that they would understand what was imparted to them in the occult brotherhoods in the correct manner and in the proper sense. Only when someone fulfilled these conditions—when they provided a complete guarantee that they were capable and possessed the necessary disposition to receive the highest teachings of life—could they be admitted into such a brotherhood.
[ 4 ] So wenig die Menschen es auch glauben wollen: Alles wirklich Große, was geschehen ist bis zur Französischen Revolution und bis ins 19. Jahrhundert hinein, ist von diesen okkulten Bruderschaften ausgegangen. Die Menschen wußten gar nicht, wie sie von den Strömen, die von den okkulten Bruderschaften ausgingen, beeinflußt wurden. Soll ich Ihnen eine Szene schildern, wie diese Bruderschaften auf okkulte Weise in der Welt wirkten? Nehmen wir folgende Szene. Ein hochbegabter, wichtiger Mann bekommt etwas unvermittelt den Besuch eines scheinbar unbekannten Menschen. Dieser unbekannte Mensch weiß es dahin zu bringen, daß sich zwischen ihm und jener wichtigen Persönlichkeit, vielleicht einem Staatsmann, ein Gespräch entspinnt. Alles das auf die natürlichste Weise und ganz «zufällig», wobei zufällig unter Anführungszeichen zu setzen ist. Das Gespräch enthält nicht bloß eine beliebige Sache, denn im Laufe des Gespräches werden Dinge gesagt, die sich ganz unvermerkt einleben in das Gemüt, in den Intellekt des Betreffenden, der besucht wird. Von einer solchen Unterredung, die vielleicht nur drei Stunden dauert, geht dann eine völlige Umwandlung des Betreffenden vor sich. So sind — Sie mögen es glauben oder nicht — manche große, bedeutsam auf die Welt wirkende Ideen in die Gemüter hineinverpflanzt worden. So sind in Voltaire die großen Ideen angeregt worden, ohne daß er vielleicht eine Ahnung davon hatte, wem er gegenüberstand als einer scheinbar höchst unbedeutenden Erscheinung, die ihm aber Wichtiges zu sagen hatte. So wurden in Rousseau einige so empfangene Grundgedanken niedergelegt; auch in Lessing.
[ 4 ] As much as people may not want to believe it: Everything truly great that happened up to the French Revolution and well into the 19th century originated with these occult brotherhoods. People had no idea how they were being influenced by the currents emanating from these occult brotherhoods. Shall I describe a scene to illustrate how these brotherhoods worked in the world through occult means? Let’s consider the following scene. A highly gifted, important man suddenly receives a visit from a seemingly unknown person. This unknown person manages to strike up a conversation between himself and that important figure—perhaps a statesman. All of this takes place in the most natural way and entirely “by chance”—though “by chance” should be placed in quotation marks. The conversation is not merely about some random topic, for in the course of the conversation, things are said that, quite imperceptibly, take root in the mind and intellect of the person being visited. Such a conversation—which may last only three hours—then brings about a complete transformation in the person being visited. Thus—believe it or not—many great ideas that have had a significant impact on the world have been planted in people’s minds. Thus, Voltaire’s great ideas were inspired without him perhaps having the slightest inkling of who he was facing—a seemingly highly insignificant figure who nevertheless had something important to say to him. In the same way, some fundamental ideas received in this manner were set down by Rousseau; and by Lessing as well.
[ 5 ] Diese Art und Weise von Wirkungen, die von okkulten Bruderschaften ausgingen, verlöschen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr. Das 19. Jahrhundert war notwendigerweise das Jahrhundert des Materialismus. Die okkulten Bruderschaften hatten sich zurückgezogen. Die großen Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen zogen sich, wie man das mit einem technischen Ausdruck bezeichnet, nach dem Orient zurück. Sie hörten auf, auf das Abendland zu wirken. Nun geschah im Abendlande etwas ganz besonders Wichtiges. Halten wir uns das vor, um uns über die Bedeutung der theosophischen Weltbewegung klar zu werden.
[ 5 ] This kind of influence, which emanated from occult brotherhoods, gradually faded away over the course of the 19th century. The 19th century was, by necessity, the century of materialism. The occult brotherhoods had withdrawn. The great masters of wisdom and harmony of the senses retreated—as the technical term goes—to the Orient. They ceased to exert their influence on the West. Now something particularly important took place in the West. Let us keep this in mind in order to understand the significance of the Theosophical World Movement.
[ 6 ] Es war im Jahre 1841, da erkannten die, welche Mitglieder der verborgensten Gesellschaft waren, daß in Europa Wichtiges vor sich gehen sollte. Es war notwendig, um die Sturmflut des Materialismus einzudämmen, daß man einen Strom von geistigem Leben in die Menschheit hineinleitete. Damals war es, als zunächst unter den Okkultisten selbst eine gewisse Meinungsverschiedenheit sich geltend machte. Die einen sagten: Die Menschheit ist noch nicht reif, geistige Tatsachen und Erfahrungen jetzt schon zu empfangen, wir wollen das System des Schweigens einhalten. - Das waren die konservativen Okkultisten. Dieses System hat viel für sich, denn die Verbreitung okkulter Wahrheiten hat große Gefahren. Die anderen sagten: Die Gefahr des Materialismus ist zu groß, es muß etwas dagegen getan werden -, so daß wenigstens die elementarsten Dinge der Menschheit mitgeteilt werden. Aber — in welcher Form? Die Menschheit hatte vollständig verlernt, den Geist in der wahren Gestalt zu erfassen, verlernt, wirklich sich hinaufzuheben zu den höheren Welten, vollständig verlernt den Begriff davon, so daß es eine solche Welt überhaupt nicht mehr für sie gibt. Wie soll man einer solchen Menschheit, die nur einen Sinn für das Materielle hat, beibringen, daß es etwas Geistiges gibt? Warum war es so notwendig, der Menschheit ein Bewußtsein von der geistigen Welt beizubringen ?
[ 6 ] It was in the year 1841 that those who were members of the most secret society realized that something significant was about to take place in Europe. To stem the tide of materialism, it was necessary to channel a stream of spiritual life into humanity. It was then that a certain disagreement first arose even among the occultists themselves. Some said: Humanity is not yet ready to receive spiritual facts and experiences at this time; let us maintain the system of silence. — These were the conservative occultists. This system has much going for it, for the dissemination of occult truths carries great dangers. Others said: “The danger of materialism is too great; something must be done about it”—so that at least the most elementary truths might be communicated to humanity. But—in what form? Humanity had completely forgotten how to perceive the spirit in its true form, forgotten how to truly elevate itself to the higher worlds, and completely lost the very concept of them, so that such a world no longer exists for them at all. How can one teach such a humanity—which has only a sense for the material—that there is something spiritual? Why was it so necessary to instill in humanity an awareness of the spiritual world?
[ 7 ] Da berühren wir eines der wichtigen Geheimnisse, die in unserer Gegenwart schlummern. Ich habe schon hier und da darauf hingewiesen, warum es eigentlich eine theosophische Bewegung gibt, wozu sie notwendig ist. Wer hineinschauen kann in die geistige Welt, der weiß, daß alles, was äußerlich materiell existiert, seinen geistigen Ursprung hat, aus dem Geistigen stammt. Es gibt nichts Stoffliches, das nicht aus dem Geistigen stammte. So kommt denn auch das, was die Menschen äußerlich als Gesundheit und Krankheit haben, von ihrer Gesinnung, von ihren Gedanken. Es ist durchaus wahr das Sprichwort: Was du heute denkst, das bist du morgen. — Sie müssen sich klar sein, daß, wenn ein Zeitalter schlechte, verdorbene Gedanken hat, die nächste Generation und das nächste Zeitalter dies physisch zu büßen hat. Es ist die Wahrheit des Spruches: Es werden die Sünden der Väter im so und so vielten Gliede sich rächen. Nicht ungestraft haben die Menschen des 19. Jahrhunderts angefangen, so derb materiell zu denken, so wegzuwenden ihren Verstand von jeglichem Geistigen. Was dazumal die Menschen gedacht haben, das wird sich erfüllen. Und wir sind nicht so weit davon entfernt, daß merkwürdige Krankheiten und Epidemien in unserer Menschheit auftreten werden! Was wir Nervosität nennen, wird spätestens in einem halben Jahrhundert schlimme Formen annehmen. So wie es einst Pest und Cholera und im Mittelalter Aussatz gegeben hat, so wird es Epidemien des Seelenlebens geben, Erkrankungen des Nervensystems in epidemischer Form. Das sind die wirklichen Folgen des Umstandes, daß es den Menschen an dem geistigen Lebenskern fehlt. Wo ein Bewußtsein von diesem Lebenskern als Mittelpunkt vorhanden ist, da wird der Mensch gesund unter dem Einfluß einer gesunden, einer wahren, weisen Weltanschauung. Aber der Materialismus leugnet die Seele, leugnet den Geist, höhlt den Menschen aus, weist ihn hin auf seine Peripherie, auf seinen Umkreis. Gesundheit gibt es nur, wenn des Menschen tiefinnerster Wesenskern geistig und wahr ist. Die wirkliche Krankheit, die auf die Aushöhlung des Inneren folgt, das ist die geistige Epidemie, vor der wir stehen.
[ 7 ] Here we touch upon one of the important mysteries that lie dormant in our present age. I have already pointed out here and there why the Theosophical Movement actually exists and why it is necessary. Anyone who can glimpse into the spiritual world knows that everything that exists outwardly in the material realm has its spiritual origin; it stems from the spiritual. There is nothing material that did not originate in the spiritual. Thus, what people experience outwardly as health and illness also stems from their attitude and their thoughts. The proverb is absolutely true: What you think today is what you will be tomorrow. — You must realize that when an age is filled with bad, corrupt thoughts, the next generation and the next age will have to atone for this physically. This is the truth of the saying: “The sins of the fathers will be avenged in the nth generation.” The people of the nineteenth century did not go unpunished for having begun to think in such a crassly materialistic way, turning their minds away from all that is spiritual. What people thought back then will come to pass. And we are not so far removed from the point where strange diseases and epidemics will arise among humanity! What we call nervousness will take on dire forms within half a century at the latest. Just as there was once the plague and cholera, and leprosy in the Middle Ages, so there will be epidemics of the soul, diseases of the nervous system in epidemic form. These are the real consequences of the fact that human beings lack the spiritual core of life. Where there is an awareness of this core of life as the center, there the human being will be healthy under the influence of a healthy, true, and wise worldview. But materialism denies the soul, denies the spirit, hollows out the human being, and directs them toward their periphery, toward their outer circle. Health exists only when the innermost core of a person’s being is spiritual and true. The real illness that follows the hollowing out of the inner self is the spiritual epidemic we are facing.
[ 8 ] Um den Menschen nun ein Bewußtsein von ihrem geistigen Wesenskern zu geben, haben wir eine Theosophische Gesellschaft. Zur Gesundung der Menschheit ist sie vor allen Dingen berufen, und nicht dazu, daß der eine oder der andere dieses oder jenes weiß. Ob Sie wissen, daß es Reinkarnation und Karma gibt - ich meine, ob Sie das bloß wissen —, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß diese Gedanken ganz und gar zum Blut der Seele, zum geistigen Wesenskern werden, denn sie sind gesund. Ob wir sie beweisen oder nicht beweisen, ob wir eine Wissenschaft begründen können, welche strikt in mathematischer Weise Reinkarnation und Karma darlegt, darauf kommt es nicht an. Es gibt nur einen Beweis für die geisteswissenschaftlichen Lehren, und das ist das Leben. Die geisteswissenschaftlichen Lehren werden sich als wahr erweisen, wenn ein gesundes Leben unter ihrem Einfluß entstehen wird. Dies wird der wahre Beweis für die theosophischen Lehren sein. Wer einen Beweis für die Theosophie haben will, muß das Theosophische erleben; dann erweist es sich als wahr. Jeder Schritt und jeder Tag muß uns nach und nach den Beweis für die geisteswissenschaftlichen Lehren bringen.
[ 8 ] We have a Theosophical Society precisely to help people become aware of their spiritual essence. Its primary purpose is the healing of humanity, and not so that one person or another may know this or that. Whether you know that reincarnation and karma exist—I mean, whether you merely know this—is not what matters; what matters is that these ideas become, in their entirety, the very lifeblood of the soul, the spiritual core of one’s being, for they are wholesome. Whether we prove them or not, whether we can establish a science that explains reincarnation and karma strictly in a mathematical way—that is not what matters. There is only one proof for the teachings of spiritual science, and that is life. The teachings of spiritual science will prove to be true when a healthy life arises under their influence. This will be the true proof of the theosophical teachings. Anyone who wants proof of theosophy must experience theosophy; then it will prove to be true. Every step and every day must gradually bring us proof of the teachings of spiritual science.
[ 9 ] Aus diesem Grunde entstand also eine Theosophische Gesellschaft. Aber wie soll man einer materialistischen Menschheit des 19. Jahrhunderts beibringen, daß es einen Geist gibt? Da entstand zunächst die spiritistische Bewegung. Sie entstand gerade deshalb, weil man nicht glaubte, der Menschheit beibringen zu können, daß es etwas Geistiges gibt; man mußte den Geist zeigen, mit Augen sehen. In Stuttgart fragte einer, warum die Theosophie nicht dazu kommen könne, Haeckel handgreiflich den Beweis zu liefern, daß es Geist gibt. Sie sehen, handgreiflich soll man zeigen, was Geist ist! Das versuchte man zunächst durch den Spiritismus. Jahrzehntelang wurde es versucht, bis in die sechziger, siebziger Jahre hinein. Nun ergab sich aber doch eine sehr fatale Tatsache. Diese Tatsache wollen wir uns einmal vor die Seele führen. Sie können daran ersehen, welches der Unterschied ist zwischen der theosophischen Art, sich in die höheren Welten zu erheben, und einer jeden anderen. Wir sprechen hier nicht einen Augenblick über Wahrheit oder Unwahrheit der Erscheinungen des Spiritismus. Es ist klar, daß es Erscheinungen gibt, welche Wesenheiten aus anderen Welten in unsere Welt hineinrufen, so daß auch für diejenigen, welche nur Sinnliches zugeben, ein tatsächlicher Beweis geschaffen werden kann. Über die Torheit sind wir hinaus, daß jemand sagt, es sei viel Schwindel im Spiritismus. Es gibt ja auch falsches Geld, es gibt aber auch richtiges Geld.
[ 9 ] For this reason, the Theosophical Society was founded. But how could one teach the materialistic people of the 19th century that the spirit exists? This is how the spiritualist movement first arose. It arose precisely because people did not believe they could teach humanity that something spiritual exists; the spirit had to be shown, seen with the eyes. In Stuttgart, someone asked why Theosophy could not provide Haeckel with tangible proof that the spirit exists. You see, one is supposed to show tangibly what the spirit is! At first, this was attempted through spiritualism. This was attempted for decades, well into the 1960s and 1970s. But then a very fateful fact came to light. Let us bring this fact to mind. From it you can see the difference between the Theosophical way of ascending into the higher worlds and every other method. We are not speaking here, even for a moment, about the truth or falsity of the phenomena of spiritualism. It is clear that there are phenomena in which beings from other worlds call into our world, so that even for those who acknowledge only the physical realm, actual proof can be provided. We are past the folly of saying that there is a lot of fraud in spiritualism. After all, there is counterfeit money, but there is also genuine money.
[ 10 ] Über die Wahrheitsfrage wollen wir uns aber nicht weiter unterhalten. Was hat aber ein Mensch, der an einer spiritistischen S&ance teilnahm, erfahren? Wir nehmen an - alles andere ist ausgeschlossen -, daß wir es mit wahren Offenbarungen zu tun haben. Wenn man ihm die Erscheinung eines Verstorbenen vorgeführt hat, so hat er einen klaren Beweis von der Unsterblichkeit der Menschenseele erlangt. Er hat einen materiellen Beweis gehabt, er konnte sich überzeugen, daß die Toten noch da sind in irgendeiner Welt und daß sie sogar hineingerufen werden können in unsere Welt. Aber daran zeigt es sich eben, daß es auf das Wissen nicht ankommt, daß das Wissen die Hauptsache nicht ausmacht. Nehmen wir einmal an, Sie alle würden auf diese Weise überzeugt, daß wir einen Verstorbenen durch eine spiritistische Seance hineinbringen in diese Gesellschaft. Sie wüßten dann, daß die menschliche Seele unsterblich ist. Nun ist aber die Frage diese: Hat ein solches Wissen eine wirkliche Bedeutung im höheren Sinne für das wahre höhere menschliche Leben? Das hat man zunächst geglaubt. Man hat geglaubt, man bringe die Leute eine Stufe höher, wenn sie wissen, daß es eine Unsterblichkeit gibt. Aber hier ist der Punkt, wo die geisteswissenschaftliche Weltauffassung ganz bestimmt abweicht von einer solchen, die nur einen klaren, sichtbaren Beweis für die Unsterblichkeit liefert.
[ 10 ] But let’s not dwell any further on the question of truth. What, then, has a person who participated in a spiritualist séance experienced? We assume—since all other possibilities are ruled out—that we are dealing with genuine revelations. If the apparition of a deceased person was shown to them, they have obtained clear proof of the immortality of the human soul. They have had tangible proof; they were able to convince themselves that the dead still exist in some world and that they can even be summoned into our world. But this precisely shows that knowledge is not what matters, that knowledge is not the main point. Let us suppose, for a moment, that you were all convinced in this way that we could bring a deceased person into this society through a spiritualist séance. You would then know that the human soul is immortal. But the question is this: Does such knowledge have any real significance, in a higher sense, for true, higher human life? That is what people initially believed. It was believed that people would be elevated to a higher level if they knew that immortality exists. But this is the point where the spiritual-scientific worldview most definitely diverges from one that merely provides clear, visible proof of immortality.
[ 11 ] Hier eine Art Vergleich: Ich habe ja schon öfter erzählt von allen möglichen höheren Welten, ich habe geschildert, wie es ausschaut in der Astralwelt und wie im Devachan, und Sie wissen, daß der Mensch nach dem Tode zunächst in die Astralwelt und dann in die Devachanwelt einzutreten hat. Nehmen wir nun an, es könnten hier viele sitzen, die sagen: Was uns der erzählt, das können wir nicht glauben, das ist uns zu unwahrscheinlich! — Diejenigen, welche das nicht glauben, weggehen und nicht wiederkommen, würden eigentlich ganz allein ihre Meinung zu beweisen haben. Diejenigen aber, die, trotzdem sie das nicht glauben, wiederkommen, bei denen macht es nichts. Bei denen, die wiederkommen, würde ich sagen: Glaubt mir gar nichts, ihr braucht nichts zu glauben, es kommt nicht darauf an!. Ihr könnt es sogar für Schwindel halten, oder glauben, daß ich euch etwas erzähle, was aus einem möglichst phantastischen Reiche stammt — hört es aber an und nehmt es auf! — Das ist es, worauf es ankommt. Denken Sie sich, ich würde Ihnen die Karte von Kleinasien aufzeichnen. Da könnte einer kommen und erklären: Was der da aufzeichnet an Flüssen und Gebirgen, das ist Unsinn. - Da würde ich ihm sagen: Ich mache mir gar nichts daraus, daß du mir nichts glaubst. Nimm es aber auf, schaue es dir an und behalte es im Gedächtnis. Wenn du dann nach Kleinasien kommst, dann wirst du finden, daß es richtig ist, und du wirst dich dann auskennen. — Das ‚ist die Hauptsache — auch beim Astronomen -, mit der Landkarte in der Hand in die höheren Gebiete zu gehen; das ist das Wesentliche, worauf es ankommt. So verhält es sich auch mit dem Wissen von einer höheren Welt: Wir können nur dann in diese höhere Welt hineinkommen, wenn wir etwas von der Natur dieser höheren Welt in uns aufnehmen. Wenn hier das Astrale geschildert wird, dann müssen Sie etwas aufnehmen von der Art und Weise jener schwingenden und bewegten Welt des Astralen, und wenn von Devachan die Rede ist, so müssen Sie etwas aufnehmen von der Eigenart dieser, der unsrigen so entgegengesetzten Welt. Wenn Sie sich nur verbinden mit diesen Gedanken und sich hinaufleben in diese höheren Gebiete, dann werden Sie ein Gefühl bekommen von dem Zustande des Bewußtseins, den wir haben, wenn die astrale Welt um uns herum ist, von dem Zustande des Bewußtseins, wenn die devachanische Welt um uns herum ist. Wenn Sie nachleben die Zustände, welche der Seher hat, wenn er sich in diese Welten erhebt, dann haben Sie noch etwas anderes, als wenn Sie einen handgreiflichen Beweis davon haben, daß Sie irgend etwas erleben können. Das ist der Unterschied zwischen der geisteswissenschaftlichen Methode und allen anderen Arten, sich Gewißheit vom Geistigen zu verschaffen.
[ 11 ] Here’s a sort of comparison: I’ve often spoken about all kinds of higher worlds; I’ve described what the astral world and Devachan are like, and you know that after death, a person must first enter the astral world and then the world of Devachan. Now let’s suppose there are many here who say: “We can’t believe what he’s telling us—it’s too far-fetched!”—Those who don’t believe it, who walk away and don’t come back, would actually have to prove their point all on their own. But as for those who, even though they don’t believe it, come back—it doesn’t matter. To those who return, I would say: Don’t believe a word of what I say; you don’t have to believe anything—it doesn’t matter! You can even think it’s a hoax, or believe that I’m telling you something that comes from the most fantastical realm imaginable—but listen to it and take it in!—That is what matters. Imagine I were to draw you a map of Asia Minor. Someone might come along and say: “What he’s drawing there—all those rivers and mountains—is nonsense.”—To that I would say: “I don’t care at all that you don’t believe me. But take it in, look at it, and keep it in mind.” When you then come to Asia Minor, you will find that it is correct, and you will then know your way around. — That is the main thing—even for an astronomer—to go into the higher realms with the map in hand; that is the essential point that matters. The same is true of knowledge of a higher world: We can only enter this higher world if we take in something of the nature of that higher world within ourselves. When the astral world is described here, you must take in something of the character of that vibrating and dynamic astral world, and when Devachan is discussed, you must take in something of the nature of that world, which is so opposite to our own. If you simply connect with these thoughts and lift your consciousness up into these higher realms, you will gain a sense of the state of consciousness we experience when the astral world surrounds us, and of the state of consciousness when the Devachanic world surrounds us. If you experience the states that the seer has when he ascends into these worlds, then you have something more than if you simply had tangible proof that you can experience something. That is the difference between the spiritual-scientific method and all other ways of gaining certainty about the spiritual realm.
[ 12 ] Durch die Theosophie versuchen wir uns hinaufzuheben in die höheren Welten, uns fähig zu machen, das Geistige unmittelbar zu empfinden, so daß wir in der physischen Welt schon einen Hauch der höheren Welten empfinden. Die spiritistische Anschauung, die ich vorhin geschildert habe, sucht die geistige Welt herunterzutragen in die physische, sie vor uns hinzustellen, wie wenn sie materiell wäre. Der Theosoph sucht die menschliche Welt hinaufzuheben in die geistige Sphäre. Der Spiritist sagt: Sollen mir die Geister bewiesen werden, so müssen sie zu mir herunterkommen. Sie müssen mich sozusagen kitzeln, dann werden sie mir wahrnehmbar für den Tastsinn. Der 'Theosoph geht zu ihnen hinauf, er sucht sich ihnen zu nähern; er sucht sich in der Seele so zu bilden, daß er das Geistige verstehen kann.
[ 12 ] Through theosophy, we seek to elevate ourselves into the higher worlds, to enable ourselves to perceive the spiritual directly, so that we may already sense a hint of the higher worlds while in the physical world. The spiritualist view, which I described earlier, seeks to bring the spiritual world down into the physical world, to present it to us as if it were material. The theosophist seeks to elevate the human world into the spiritual sphere. The spiritualist says: If the spirits are to be proven to me, they must come down to me. They must, so to speak, tickle me; then they will become perceptible to my sense of touch. The theosophist ascends to them; he seeks to draw near to them; he seeks to cultivate his soul in such a way that he can understand the spiritual.
[ 13 ] Sie können sich einen Begriff davon machen, wenn Sie einen einfachen Vergleich nehmen. Schon bei einigen höheren geistigen Wesenheiten, die im Fleische inkarniert sind, ist es unter den jetzigen Umständen schwer, sich zu ihnen hinaufzuheben. Versetzen Sie sich einmal in die Lage, wenn der Christus Jesus heute in der Gegenwart erschiene! Was glauben Sie, wie viele es gäbe, welche ihn gelten ließen? Ich will gar nicht sagen, daß manche nach der Polizei laufen würden, wenn einer aufträte mit der Prätention, mit der einstmals der Christus Jesus aufgetreten ist. Es hängt aber davon ab, ob die Menschen reif dafür sind, das, was neben ihnen lebt, zu sehen.
[ 13 ] You can get an idea of this by making a simple comparison. Even with some higher spiritual beings who are incarnated in the flesh, it is difficult under the present circumstances to rise to their level. Just imagine what it would be like if Christ Jesus were to appear in our midst today! How many do you think there would be who would accept him? I won’t even go so far as to say that some would run to the police if someone were to appear claiming the same authority that Christ Jesus once claimed. But it depends on whether people are ready to see what lives right beside them.
[ 14 ] Noch ein anderer Vergleich: Eine Sängerin war zum Abendessen eingeladen, sie kam aber etwas zu spät. Ihr Stuhl war leer geblieben zwischen zwei Herren. Der eine war der ihr befreundete Felix Mendelssohn, der andere ein Herr, den sie nicht kannte. Mit Mendelssohn unterhielt sie sich sehr gut, der Herr zu ihrer Linken war sehr artig zu ihr, erwies ihr allerlei Höflichkeiten, die ihr aber zuwider waren. Deshalb fragte sie Mendelssohn: Wer ist denn der dumme Kerl, der neben mir sitzt? - Das ist der berühmte Philosoph Hegel, antwortete Mendelssohn. — Wäre sie eingeladen worden, um Hegel zu sehen, so hätte sie sich sicher anders verhalten. So aber, da sie ahnungslos neben ihm saß, meinte sie, er wäre ein dummer Kerl.
[ 14 ] Here is yet another comparison: A singer had been invited to dinner, but she arrived a little late. Her seat had remained empty between two gentlemen. One was her friend Felix Mendelssohn; the other was a gentleman she did not know. She had a very pleasant conversation with Mendelssohn; the gentleman to her left was very polite to her and showed her all sorts of courtesies, which, however, she found distasteful. So she asked Mendelssohn, “Who is that stupid fellow sitting next to me?” “That’s the famous philosopher Hegel,” Mendelssohn replied. — If she had been invited to see Hegel, she would certainly have behaved differently. But as it was, sitting next to him without a clue, she thought he was a silly fellow.
[ 15 ] Glauben Sie mir, es ist auch durchaus möglich, daß Ihnen eine Meisterpersönlichkeit in den Weg tritt und Sie dieselbe für einen dummen Kerl halten. Diese höheren Individualitäten, wenn sie im Fleische inkarniert sind, kann der Mensch nur erkennen, wenn er sich dazu fähig gemacht hat. Wenn der Christus Jesus heute zu uns herunterstiege und würde sich nicht so zeigen, wie die Leute ihn sich vorstellen, so würden sie ihn nicht erkennen. Das ist es, was Theosophie will, sie will den Menschen entwickeln, umwandeln, ihn fähig machen, die höheren Welten zu erkennen. Und da ist für unser heutiges Kulturbewußtsein eine Schwierigkeit vorhanden. Es kommt darauf an, daß das, was in der höheren Welt lebt, nicht zu uns heruntersteigen soll, sondern daß wir zu ihm hinaufsteigen. Wir sollen uns fähig machen, zu den höheren Welten hinaufzusteigen. Das gibt uns allein die Fähigkeit, wenn wir hier mit dem Tode abgehen, in einer würdigen Weise die höheren Welten zu erreichen. Derjenige kann sich wirklich in Kleinasien auskennen, der die Karte hat, die Karte, die aus dem Leben heraus gebildet ist. Wer hier die Dinge schon kennengelernt hat, die seiner dort warten, der tritt in eine bekannte Welt ein, der weiß, was es da gibt.
[ 15 ] Believe me, it is entirely possible that a Master will cross your path and you will mistake him for a foolish fellow. When these higher individualities are incarnated in the flesh, a person can recognize them only if he has made himself capable of doing so. If Jesus Christ were to descend to us today and did not appear as people imagine him, they would not recognize him. This is what Theosophy seeks: it aims to develop and transform human beings, enabling them to perceive the higher worlds. And this presents a difficulty for our current cultural consciousness. The point is that what lives in the higher world should not descend to us, but rather that we should ascend to it. We must make ourselves capable of ascending to the higher worlds. Only this gives us the ability, when we pass away through death here, to reach the higher worlds in a worthy manner. One can truly be familiar with Asia Minor if one has the map—the map that has been formed out of life itself. Whoever has already become acquainted here with the things that await them there enters a familiar world; they know what is to be found there.
[ 16 ] Das bloße Wissen, daß es eine solche Welt gibt, macht aber gar nicht so viel aus. Hier stehen wir am Rande eines großen Geheimnisses und einer anderen "Tatsache von großer Wichtigkeit, und aus dieser Tatsache heraus haben die europäischen und die amerikanischen Okkultisten in den siebziger Jahren beschlossen, von der spiritistischen Taktik abzugehen und die theosophische Bewegung in die Wege zu leiten. Die große Okkultistenkonferenz, die damals in Wien abgehalten wurde, hat den wichtigen Anstoß zur Änderung der Taktik gegeben.
[ 16 ] The mere knowledge that such a world exists, however, does not really matter all that much. Here we stand on the threshold of a great mystery and another “fact of great importance,” and based on this fact, European and American occultists decided in the 1870s to abandon spiritualist tactics and launch the Theosophical Movement. The great occultists’ conference held in Vienna at that time provided the crucial impetus for this change in tactics.
[ 17 ] Um die spiritistische Bewegung einzuleiten, war es notwendig, daß man bestimmte Prozeduren machte. Diese Prozeduren, die in den gebildeten Ländern gemacht wurden, waren von amerikanischen Okkultisten oder Logen ausgegangen. In diesen Logen beschloß man den spiritistischen Weg. Er bestand darin, daß man bestimmten Zirkeln die Möglichkeit bot, durch eine Art Galvanisation bestimmter Toter, handgreifliche Beweise für die Unsterblichkeit zu geben. Das heißt, es wurden auf dem astralen Plan zunächst die astralen Leichname bestimmter 'Toter hineingeschickt in die spiritistischen Zirkel, in die physische Welt. Sie sollten die Unsterblichkeit beweisen. Man kann nun fragen: Kommt es den Okkultisten der Erde zu, die Toten erscheinen zu lassen? — Gewiß, für den, welcher okkult arbeitet, gibt es die Grenze zwischen tot und lebendig nicht. Er kann die Verstorbenen aufsuchen in der astralen Welt und im Devachan. Wenn er will, so kann er auch wirklich - was ich ja erzählt habe - in spiritistischen Zirkeln den Beweis für die Unsterblichkeit führen. Diese Tatsache bitte ich zu merken und zu beachten. Wer nicht bewandert ist in diesen Dingen, für den konnte es nicht ganz verständlich sein. Für die Okkultisten war es aber anders. Es zeigte sich, daß diese Art, sich von der Unsterblichkeit zu überzeugen, nicht nur wertlos, sondern in gewisser Beziehung außerordentlich schädlich war. Diese Art, ohne daß der Mensch besser wurde, einen handgreiflichen Beweis für die Unsterblichkeit in der Sinneswelt zu erhalten, war nicht allein wertlos, sondern sogar recht schädlich, und zwar aus folgenden Gründen.
[ 17 ] To launch the spiritualist movement, it was necessary to follow certain procedures. These procedures, which were carried out in developed countries, had originated with American occultists or lodges. In these lodges, the decision was made to pursue the spiritualist path. It consisted of offering certain circles the opportunity to provide tangible proof of immortality through a kind of “galvanization” of specific deceased individuals. That is to say, on the astral plane, the astral corpses of certain “deceased” individuals were first sent into the spiritualist circles in the physical world. They were intended to prove immortality. One might now ask: Is it the role of Earth’s occultists to cause the dead to appear? — Certainly, for those who work with the occult, there is no boundary between the dead and the living. They can seek out the deceased in the astral world and in Devachan. If they wish, they can indeed—as I have already recounted—provide proof of immortality in spiritualist circles. I ask you to take note of this fact and bear it in mind. For those who are not well-versed in these matters, it may not have been entirely understandable. For the occultists, however, it was different. It became apparent that this method of convincing oneself of immortality was not only worthless but, in a certain sense, extremely harmful. This method of obtaining tangible proof of immortality in the sensory world without the person becoming a better human being was not only worthless but actually quite harmful, for the following reasons.
[ 18 ] Denken Sie sich, daß die Menschen, die auf diese Art den Beweis von der Unsterblichkeit erlangt haben, abkommen von der Sehnsucht, in die geistige Welt hinaufzuleben; sie waren Materialisten auch in bezug auf die geistige Welt geworden. Ihrem Wissen nach waren sie Spiritualisten, ihren Denkgewohnheiten nach waren sie nichts weiter als Materialisten. Sie glaubten an eine geistige Welt, meinten aber, daß sie mit sinnlichen Mitteln gesehen werden solle und nicht mit geistigen. So erwies es sich, daß die, welche mit solchen materialistischen Denkgewohnheiten nach Kamaloka kamen, noch ungewohnter waren, die Dinge drüben zu erkennen als die Materialisten. Die Materialisten glauben gewöhnlich in einer Traumwelt zu sein; das ist das Gewöhnliche, wenn man herüberkommt. Der Materialist glaubt zu träumen, und er glaubt jeden Moment, er müsse aufwachen. In Kamaloka sieht sich der Mensch: er träumt, er schläft, er will aufwachen.
[ 18 ] Consider that the people who had obtained proof of immortality in this way had strayed from the longing to ascend into the spiritual world; they had become materialists even with regard to the spiritual world. According to their knowledge, they were spiritualists; according to their habits of thought, they were nothing more than materialists. They believed in a spiritual world but thought it should be perceived through the senses rather than through spiritual means. Thus it turned out that those who arrived in Kamaloka with such materialistic habits of thought were even less accustomed to perceiving things on the other side than the materialists themselves. Materialists usually believe they are in a dream world; this is the typical state when one crosses over. The materialist believes he is dreaming, and he believes at every moment that he must wake up. In Kamaloka, a person sees himself: he is dreaming, he is sleeping, he wants to wake up.
[ 19 ] Bei dem, der sich umständlich eine Überzeugung von der geistigen Welt verschafft hat, und der nun bemerkt, daß die geistige Welt doch ganz anders aussieht, ist es nicht bloß so, daß er sich in einer Traumwelt befindet, sondern der Unterschied zwischen dem, was er geglaubt hat, daß die geistige Welt sei, und dem, wie sie ihm jetzt erscheint, wirkt auf ihn wie ein Bleigewicht. Bedenken Sie, daß die Menschen, wenn sie herüberkommen nach Kamaloka, ohnehin schon genug auszustehen haben, besonders wenn sie nicht die Befriedigung ihrer Lüste haben, wie zum Beispiel Feinschmecker, denen diese Befriedigung nur möglich ist, wenn sie ihre Zunge oder ihre Sinne haben, und die haben sie ja nicht mehr; dann ist es ähnlich, wie wenn sie einen brennenden Durst hätten, oder wie wenn sie in einem kochenden Ofen wären. Das ist ein etwas anderes Gefühl als das Gefühl des brennenden Durstes, aber doch so ähnlich. Wenn Sie das alles bedenken, was der Mensch drüben zu erleben hat und was durchgemacht werden muß, so kann man es in die Worte zusammenfassen: Er muß sich angewöhnen, ohne Körper leben zu können. — Das ist für den, der stark am Sinnlichen hängt, schwer. Für den, der sich aus dem Sinnlichen herausgerissen hat, ist es gar nicht so schwierig. Wer nichts getan hat, um seine Seele emporzubringen, nichts getan hat, um seine Seele höher zu entwickeln, der empfindet diesen Unterschied zwischen dem, was geistig ist, und dem, was sinnlich ist, wie einen Gewichtsunterschied, wie ein Bleigewicht, das an ihm hängt. Es ist wirklich wie ein Gewichtsunterschied. Das Geistige bedingt eine ganz andere Art und Weise von Wahrnehmung als das Sinnliche, und nun erwartet der Betreffende, daß das Geistige wieder materiell und konkret sein soll; und dort in der geistigen Welt findet er, daß das Astrale ganz andersgeartet ist. Dann kommt ihm der Unterschied wie ein Gewicht vor, das ihn wieder hineinzieht in die physische Welt. Und das ist das schlimmste.
[ 19 ] For someone who has laboriously convinced himself of the existence of the spiritual world and who now realizes that the spiritual world actually looks quite different, it is not merely that he finds himself in a dream world; rather, the difference between what he believed the spiritual world to be and how it now appears to him weighs on him like a leaden burden. Consider that when people come over to Kamaloka, they already have enough to endure, especially if they cannot satisfy their desires—such as gourmets, for whom such satisfaction is possible only if they have their tongues or their senses, and they no longer have those; then it is similar to having a burning thirst, or to being in a blazing furnace. It is a somewhat different sensation than that of burning thirst, but still quite similar. When you consider all that a person must experience over there and what must be endured, it can be summed up in these words: He must accustom himself to living without a body. — This is difficult for those who are strongly attached to the physical realm. For those who have torn themselves away from the physical realm, it is not nearly as difficult. Those who have done nothing to elevate their souls, who have done nothing to develop their souls to a higher level, perceive this difference between what is spiritual and what is physical as a difference in weight, like a lead weight hanging from them. It really is like a difference in weight. The spiritual requires a completely different mode of perception than the sensual, and yet the person in question expects the spiritual to be material and concrete once again; but there in the spiritual world, he finds that the astral realm is of a completely different nature. Then the difference strikes him as a weight that pulls him back into the physical world. And that is the worst part.
[ 20 ] Aus diesen Gründen sind die Meister der Weisheit abgekommen von jener Art und Weise, wie in den fünfziger, sechziger Jahren und Anfang der siebziger Jahre die höhere Welt zur Gewißheit erhoben werden sollte. Die bisherige Art wurde aufgegeben und man entschied sich für den theosophischen Entwickelungsweg als Zugang zur geistigen Welt. Im wesentlichen führt er zurück auf zwei Grundtatsachen. Die eine ist diese, daß es im eminentesten Sinne notwendig ist, einen geistigen Kern [andere Nachschrift: geistiges Zentrum] zu bilden, um die Menschheit vor dem Hereinbrechen geistiger Epidemien zu bewahren. Die andere ist die, ihr die Möglichkeit zu geben, sich in eine höhere Welt hineinzuleben, sich hinaufzuentwickeln, und nicht die höhere Welt zu sich herunterziehen zu wollen. Nicht die höhere Welt soll zu uns heruntergezerrt werden, sondern wir sollen in die höhere Welt hinaufgehoben werden. Dies im richtigen Sinne erfaßt, gibt eine Idee, eine Empfindung von der eigentlichen Aufgabe der theosophischen Bewegung. In diesem Sinne stellt uns die theosophische Bewegung die Aufgabe, daß wir uns immer höher entwickeln sollen, um in die geistige Welt hineinzuwachsen. Dann, glaube ich, wird uns von selbst die Bruderschaftsidee im eminentesten Sinne zufließen. Wir werden dann nicht mehr auseinanderstreben. Nur so lange gehen die Menschen auseinander, als sie materialistisch auf diesem physischen Plane ganz allein sein wollen. In Wahrheit sind wir nur getrennt, so lange wir auf dem physischen Plane sind. Sobald wir uns hinaufleben in die höhere Welt, merken wir schon die geistige Bruderschaft; die geistige Einheit kommt uns zum Bewußtsein.
[ 20 ] For these reasons, the Masters of Wisdom have departed from the approach taken in the 1950s, 1960s, and early 1970s, which sought to elevate the higher world to a state of certainty. The previous approach was abandoned, and the decision was made to follow the theosophical path of development as a means of accessing the spiritual world. Essentially, it boils down to two fundamental facts. The first is that, in the most eminent sense, it is necessary to form a spiritual core [other postscript: spiritual center] in order to protect humanity from the onset of spiritual epidemics. The other is to give humanity the opportunity to immerse itself in a higher world, to evolve upward, rather than seeking to pull the higher world down to itself. It is not the higher world that should be dragged down to us, but rather we should be lifted up into the higher world. Understood in this proper sense, this conveys an idea, a sense of the true purpose of the Theosophical Movement. In this sense, the Theosophical Movement sets before us the task of developing ever higher so that we may grow into the spiritual world. Then, I believe, the idea of brotherhood in the most exalted sense will flow to us of its own accord. We will then no longer drift apart. People drift apart only as long as they want to be entirely alone on this physical plane in a materialistic sense. In truth, we are separated only as long as we are on the physical plane. As soon as we rise into the higher world, we already perceive spiritual brotherhood; spiritual unity comes into our consciousness.
[ 21 ] Ich habe diese geistige Bruderschaft öfter, wenigstens in Verstandesideen, vor Sie hinzustellen versucht. Sie drückt sich so schön aus in den Worten: Das bist du. - Stellen wir sie uns einmal vor die Seele. Ich habe schon einmal gesagt: Wenn Sie meine Hand abhacken, sie ist in kurzer Zeit nicht mehr meine Hand. Sie kann nur meine Hand sein, wenn sie an meinem Organismus ist, sonst ist sie keine Hand mehr, sie verdorrt. Eine solche Hand sind Sie als Mensch auch am Erdenorganismus. Denken Sie sich einige Meilen von der Erde erhoben: Sie können da nicht als physischer Mensch leben, Sie hören auf als Mensch zu leben. Sie sind bloß ein Glied unserer Erde, wie meine Hand ein Glied meines Körpers ist. Die Illusion, daß Sie selbständige Wesen sind, entsteht nur dadurch, daß Sie herumspazieren auf der Erde, während die Hand angewachsen ist. Das tut aber nichts. Goethe meinte etwas ganz Wirkliches, wenn er vom Erdgeist spricht. Er meint, daß die Erde eine Seele hat, deren Glieder wir sind. Er spricht von etwas Wirklichem, wenn er den Erdgeist sprechen läßt:
[ 21 ] I have often tried to present this spiritual brotherhood to you, at least in conceptual terms. It is so beautifully expressed in the words: “That is you.”—Let us imagine it before our soul. I have said before: If you cut off my hand, it will no longer be my hand in a short time. It can only be my hand as long as it is attached to my organism; otherwise, it is no longer a hand—it withers away. As a human being, you are such a hand attached to the Earth’s organism. Imagine yourself raised a few miles above the Earth: you cannot live there as a physical human being; you cease to live as a human being. You are merely a limb of our Earth, just as my hand is a limb of my body. The illusion that you are independent beings arises solely from the fact that you walk about on Earth while your hand is attached to it. But that doesn’t mean anything. Goethe meant something quite real when he spoke of the Earth Spirit. He meant that the Earth has a soul, of which we are the limbs. He speaks of something real when he has the Earth Spirit say:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
In the floods of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I create at the rushing loom of time
And weave a living garment for the Deity.
[ 22 ] So ist schon der physische Mensch ein Glied des Erdenorganismus und Teil eines Ganzen. Und nun bedenken Sie es geistig und seelisch: da ist es genau so. Wie oft habe ich betont, daß die Menschheit nicht leben könnte, wenn sie sich nicht auf Grund der anderen Reiche weiter entwickelt hätte. Ebenso kann der höher entwickelte Mensch nicht sein ohne den niedriger entwickelten. Ein Geistiges kann nicht sein ohne diejenigen, die zurückgeblieben sind, wie ein Mensch nicht sein kann, ohne daß Tiere zurückgeblieben sind, wie ein Tier nicht ohne Pflanze, eine Pflanze nicht ohne Mineral sein kann. Am schönsten ist dies ausgedrückt im Johannes-Evangelium nach der Fußwaschung: Ich könnte nicht sein ohne euch ... — Die Jünger sind eine Notwendigkeit für Jesus, sie sind sein Mutterboden. Das ist eine große Wahrheit. Wenn Sie in eine Gerichtsstube hineinsehen — ein Richter sitzt am Richtertisch und fühlt sich erhaben über den Angeklagten. Der Richter könnte aber auch nachdenken und sich sagen, daß er vielleicht in einem früheren Leben mit ihm zusammen war und seine Pflicht ihm gegenüber versäumt hat, weshalb der Angeklagte so geworden ist. Wenn sein Karma untersucht würde, so würde sich vielleicht ergeben, daß der Richter eigentlich derjenige sein sollte, der auf der Anklagebank sitzt. Die ganze Menschheit ist ja ein Organismus. Reißen Sie eine einzelne Seele heraus, so kann sie nicht bestehen, sie verdorrt. Ein einheitliches Band schlingt sich um uns alle. Das wird uns klar werden, wenn wir versuchen, uns in diese höhere Welt hineinzuleben, uns wirklich zu erheben und in uns den geistigen Wesenskern zu erleben. Wenn in uns ein geistiger Wesenskern lebt, wird er uns zur Bruderschaft führen. Sie ist schon da auf den höheren Planen. Auf der Erde ist davon nur ein Abbild; ein Bild dessen, was auf den höheren Planen vorhanden ist, ist die Bruderschaft auf unserer Erde. Wir verleugnen das, was schon in ans ist, wenn wir auf der Erde nicht die Bruderschaft unter uns pflegen.
[ 22 ] Thus, even the physical human being is a link in the Earth organism and part of a whole. And now consider this in spiritual and psychological terms: it is exactly the same there. How often have I emphasized that humanity could not exist if it had not continued to develop on the basis of the other kingdoms? Likewise, the more highly developed human being cannot exist without the less highly developed. A spiritual being cannot exist without those who have remained behind, just as a human being cannot exist without animals having remained behind, just as an animal cannot exist without plants, and a plant cannot exist without minerals. This is most beautifully expressed in the Gospel of John after the washing of the feet: “I could not be without you…”—The disciples are a necessity for Jesus; they are his fertile soil. That is a great truth. If you look into a courtroom—a judge sits at the bench and feels superior to the defendant. But the judge could also reflect and tell himself that perhaps in a previous life he was with the defendant and failed in his duty toward him, which is why the defendant has become what he is. If his karma were examined, it might turn out that the judge is actually the one who should be sitting in the dock. After all, all of humanity is one organism. If you tear out a single soul, it cannot survive; it withers away. A single, unifying bond wraps itself around us all. This will become clear to us when we try to immerse ourselves in this higher world, to truly elevate ourselves, and to experience the spiritual core within us. If a spiritual core lives within us, it will lead us to the Brotherhood. It is already there on the higher planes. On Earth, there is only a reflection of this; the Brotherhood on our Earth is an image of what exists on the higher planes. We deny what is already within us when we fail to cultivate the Brotherhood among ourselves on Earth.
[ 23 ] Das ist die tiefere Bedeutung der Bruderschaftsidee. Daher müssen wir immer mehr und mehr versuchen, die theosophischen Gedanken so zu verwirklichen, daß wir bis in die tiefste Seele hinein unseren Mitmenschen verstehen, daß wir bei der größten Verschiedenheit der Meinungen brüderlich miteinander weilen. Das ist die richtige Zusammengehörigkeit, die richtige Bruderschaft, wenn wir nicht verlangen, daß der andere sich mit uns deshalb vertragen soll, weil er dieselbe Meinung hat, sondern wenn wir jedem Menschen das Recht zugestehen, seine eigene Meinung zu haben. Dann wird in dem Zusammenwirken der Gipfel der Weisheit errungen werden. Das ist eine tiefere Auffassung unseres ersten theosophischen Grundsatzes. Fassen wir unsere Idee der Bruderschaft so, daß wir uns sagen: Wir gehören unter allen Umständen zusammen, und wenn jemandes Meinungen auch noch so verschieden von den unseren sind — Meinungsverschiedenheiten können nie ein Grund sein, uns zu trennen. Erst dann verstehen wir uns ganz, wenn wir uns ganz gelten lassen. Freilich sind wir noch weit von dieser Auffassung der theosophischen Bruderschaft entfernt, und nicht früher kann sie wirken, bis in diesem Sinne, in diesem Stile der theosophische Gedanke Wurzel gefaßt hat.
[ 23 ] This is the deeper meaning of the idea of brotherhood. Therefore, we must strive more and more to put theosophical ideas into practice in such a way that we understand our fellow human beings down to the depths of their souls, and that we live together in brotherhood even in the face of the greatest diversity of opinions. That is true unity, true brotherhood—not when we demand that others agree with us simply because they share our views, but when we grant every person the right to hold their own opinion. Then, through our cooperation, the pinnacle of wisdom will be attained. This is a deeper understanding of our first theosophical principle. Let us grasp our idea of brotherhood in such a way that we say to ourselves: We belong together under all circumstances, and no matter how different someone’s opinions may be from our own—differences of opinion can never be a reason to separate us. Only then do we truly understand one another when we fully accept one another. Admittedly, we are still far from this understanding of theosophical brotherhood, and it cannot take effect until the theosophical idea has taken root in this sense and in this spirit.
