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The Apocalypse of John
GA 104

17 June 1908, Nuremberg

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Geisteswissenschaft, Evangelium und Menschheitszukunft

Spiritual Science, the Gospel and the Future of Humanity

[ 1 ] Nürnberg kann im Herbst dieses Jahres eine schöne Jahrhundertfeier begehen. Denn es war im Herbst 1808, als diese Stadt in ihren Mauern einen der größten deutschen Geister aufgenommen hat, einen derjenigen deutschen Geister, von denen freilich heute nicht gerade viel gesprochen wird, dessen Werke noch weniger verstanden werden, der aber für die Zukunft des menschlichen Geisteslebens, wenn er einst verstanden werden wird, sehr viel bedeuten wird. Er ist allerdings schwer zu verstehen, und deshalb mag es einige Zeit dauern, bis die Menschen ihn wieder begreifen werden. Im Herbst 1808 wurde Hegel Direktor des Königlichen Gymnasiums in Nürnberg.

[ 1 ] Nuremberg will celebrate a wonderful centennial this fall. For it was in the fall of 1808 that this city welcomed within its walls one of the greatest German minds—one of those German minds about whom, admittedly, not much is said today, whose works are understood even less, but who, once he is understood, will mean a great deal for the future of human intellectual life. He is, however, difficult to understand, and for that reason it may take some time before people come to understand him again. In the fall of 1808, Hegel became director of the Royal Gymnasium in Nuremberg.

[ 2 ] Hegel hat einen Ausspruch getan, den wir vielleicht gerade heute als einen Richtspruch an die Spitze unserer Betrachtungen setzen dürfen. Hegel sagte: Der tiefste Gedanke ist mit der Gestalt Christi: mit dem Geschichtlichen und Äußerlichen vereinigt, und das ist eben das Große der christlichen Religion, daß sie bei aller dieser Tiefe leicht vom Bewußtsein in äußerlicher Hinsicht aufzufassen ist und zugleich zum tieferen Eindringen auffordert. Sie ist so für jede Stufe der Bildung und befriedigt zugleich die höchsten Anforderungen. — Das sind Worte Hegels, des deutschen Philosophen.

[ 2 ] Hegel made a statement that we might, especially today, place at the forefront of our reflections as a guiding principle. Hegel said: “The deepest thought is united with the figure of Christ—with the historical and the external—and that is precisely the greatness of the Christian religion: that, despite all this depth, it is easily grasped by the consciousness in an external sense, while at the same time inviting deeper penetration. It is thus suitable for every level of education and, at the same time, satisfies the highest demands.” — These are the words of Hegel, the German philosopher.

[ 3 ] Daß die christliche Religion, daß die Verkündigung des Evangeliums für jede Stufe des Bewußtseins begreiflich ist, das hat eine Zeit gelehrt, die fast schon nach Jahrtausenden zu rechnen ist. Daß sie auffordert zu den tiefsten Gedanken, zu dem tiefsten Eindringen in die Weisheitslehren des Menschentums überhaupt, das zu zeigen wird eine der Aufgaben sein der anthroposophischen Geistesströmung, der Geisteswissenschaft, wenn diese in ihrem richtigen Sinn, in ihren innersten Impulsen erfaßt und zum Herrn des menschlichen Lebens gemacht werden wird. Man würde die heutige Betrachtung mißverstehen, wenn man des Glaubens wäre, Anthroposophie oder Geisteswissenschaft sei in irgendeiner Beziehung eine neue Religion, wolle irgendein neues Religionsbekenntnis an die Stelle eines alten setzen. Man möchte sogar, um nur ja nicht mißverstanden zu werden, sagen: Wird einmal Geisteswissenschaft richtig verstanden werden, dann wird man sich klar sein darüber, daß sie als solche zwar die festeste, die sicherste Stütze des religiösen Lebens ist, daß sie selbst aber keine Religion ist, daß sie daher auch keiner Religion jemals als solcher widersprechen wird. Etwas anderes ist es aber, daß sie das Instrument sein kann, das Werkzeug, um die tiefsten Weistümer und Wahrheiten und die ernstesten und lebensvollsten Geheimnisse der Religionen zu erklären und zum Verständnis zu bringen.

[ 3 ] The fact that the Christian religion—that the proclamation of the Gospel—is comprehensible to every level of consciousness has been demonstrated over a period of time that can almost be counted in millennia. To show that it calls us to the deepest thoughts, to the deepest penetration into the wisdom teachings of humanity as a whole—this will be one of the tasks of the anthroposophical spiritual movement, of spiritual science, when it is grasped in its true sense, in its innermost impulses, and made the master of human life. One would misunderstand today’s discussion if one believed that anthroposophy or spiritual science is, in any sense, a new religion, or that it seeks to replace an old religious creed with a new one. In order to avoid any misunderstanding, one might even say: Once spiritual science is properly understood, it will become clear that, while it is indeed the firmest and surest foundation of religious life, it is not itself a religion, and therefore will never contradict any religion as such. It is quite another matter, however, that it can serve as the instrument, the tool, for explaining and bringing to light the deepest wisdom and truths, as well as the most profound and vital mysteries of the religions.

[ 4 ] Es liegt vielleicht etwas fern, wenn man, um das Verhältnis von der Anthroposophie zu den Urkunden dieser oder jener Religion zu schildern — und heute werden wir es mit den religiösen Urkunden des Christentums zu tun haben —, den Vergleich macht: Anthroposophie verhält sich zu den religiösen Urkunden wie die mathematische Lehre zu den Urkunden, welche im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit als mathematische Lehrbücher oder Bücher überhaupt aufgetreten sind. Da haben wir ein altes Buch, das eigentlich nur der mit der Mathematik bewanderte Geschichtsforscher näher ins Auge faßt: die Geometrie des Euklid. Sie enthält zum erstenmal in einer schulmäßigen Weise dasjenige aus der Mathematik und Geometrie, was heute die Kinder in der Schule schon lernen. Wie wenige aber dieser Kinder werden sich dessen bewußt, daß alles das, was sie über parallele Linien, über das Dreieck, über die Winkel und so weiter lernen, in jenem alten Buche steht, daß es da zum erstenmal der Menschheit geschenkt worden ist! Mit Recht erweckt man im Kinde das Bewußtsein, daß man diese Dinge aus sich selbst einsehen kann, daß, wenn der menschliche Geist seine Kräfte in Bewegung setzt und sie anwendet auf die Formen des Raumes, daß er diese Formen einzusehen imstande ist ganz ohne Rücksicht auf jenes alte Buch. Einer aber, der vielleicht gar nichts gewußt hat von diesem Buch und die mathematischen und geometrischen Lehren in sich aufgenommen hat, er wird, wenn er es einmal kennenlernt, es in dem richtigen Sinne würdigen und verstehen. Er wird zu schätzen wissen, was derjenige der Menschheit gegeben hat, der dieses Buch zum erstenmal vor ihren Geist hingestellt hat.

[ 4 ] It may seem a bit of a stretch to draw the following comparison in order to describe the relationship between anthroposophy and the sacred texts of this or that religion—and today we will be dealing with the sacred texts of Christianity: Anthroposophy relates to religious texts in the same way that the study of mathematics relates to the texts that have appeared throughout the course of human history as mathematics textbooks or books in general. There is an old book that is really only examined more closely by historians well-versed in mathematics: Euclid’s Elements. It contains, for the first time in a systematic way, those elements of mathematics and geometry that children learn in school today. But how few of these children realize that everything they learn about parallel lines, triangles, angles, and so on is contained in that ancient book—that it was there that these concepts were first bestowed upon humanity! It is right to instill in children the awareness that they can grasp these things on their own—that when the human mind sets its powers in motion and applies them to the forms of space, it is capable of understanding these forms entirely without reference to that ancient book. But someone who may have known nothing at all about this book and has absorbed the mathematical and geometric teachings on his own will, once he becomes acquainted with it, appreciate and understand it in the proper sense. He will know how to value what was given to humanity by the one who first presented this book to their minds.

[ 5 ] So möchte man das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu den religiösen Urkunden charakterisieren. Die Quellen der Geisteswissenschaft sind so, daß die Geisteswissenschaft auf keinerlei Urkunden, auf keinerlei Überlieferung angewiesen sein soll, wenn sie ihrem richtigen Impulse nach verstanden wird. So wie uns das andere Wissen der Menschheit die Erkenntnis der umliegenden Sinneswelt dadurch verschafft, daß der Mensch seine Kräfte frei gebraucht, so verschaffen uns die tieferliegenden, zunächst in der Menschenseele schlummernden geistigen, übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten die Erkenntnis dessen, was als Übersinnliches, als Unsichtbares allem Sichtbaren zugrunde liegt. Ebenso wie der Mensch, wenn er seine Sinneswerkzeuge gebraucht, imstande ist, das, was sich dem äußeren Sinnesscheine darbietet, wahrzunehmen, wie er imstande ist, das Wahrgenommene mit seinem Verstande zu verbinden und zu verknüpfen, ebenso ist der Mensch, wenn er die durch die Geisteswissenschaft ihm überlieferten Methoden gebraucht, imstande, hinter die Kulissen des sinnlichen Daseins zu schauen, dorthin, wo die geistigen Ursachen liegen, wo die Wesen weben und arbeiten, die das sinnliche Auge nicht sieht, die das sinnliche Ohr nicht hört, wohl aber das übersinnliche. So liegt im freien Gebrauch der menschlichen Kräfte, wenn sie auch bei einem großen Teil der heutigen Menschheit als übersinnliche Kräfte noch schlummern, die Quelle, die unabhängige freie Quelle geistigen Wissens, wie im _ freien Gebrauch der auf die Sinneswelt gerichteten Kräfte die Quelle des äußeren Wissens liegt. Dann aber, wenn auf irgendeine Weise der Mensch sich in den Besitz der Erkenntnisse gesetzt hat, welche ihn einführen in das Übersinnliche hinter dem Sinnlichen, in das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren, wenn er sich davon ein ebensolches Wissen erwirbt, wie es das sinnliche Wissen von den äußeren Gegenständen und Geschehnissen ist, dann mag er, ausgerüstet mit diesem übersinnlichen Wissen, ebenso an die Überlieferung gehen, an die Bücher und Dokumente, an die Urkunden, durch die im Laufe der Entwickelung Kunde zu den Menschen gekommen ist über das übersinnliche Gebiet, wie der Geometer herantritt an die Geometrie des Euklid. Und dann prüft er sie von einem ähnlichen Standpunkt aus, wie der heutige Geometer die Geometrie des Euklid prüft. Dann kann er diese Urkunden ihrem wahren Wert nach schätzen und anerkennen. Und derjenige, der diesen Weg geht, der wirklich ausgerüstet mit den Erkenntnissen der übersinnlichen Welt herantritt an die Urkunden der christlichen Verkündigung, für den verlieren diese Urkunden wahrhaftig nicht an Wert. Ja, im Gegenteil, sie erscheinen in höherem Glanz, als sie erst dem bloß gläubigen Gemüt erschienen sind. Sie zeigen, daß sie tiefere Weistümer enthalten, als der Mensch früher vor der anthroposophischen Erkenntnis geahnt hat.

[ 5 ] This is how one might characterize the relationship between spiritual science and religious texts. The sources of spiritual science are such that, when understood in accordance with its true impulse, spiritual science should not be dependent on any texts or traditions. Just as humanity’s other forms of knowledge provide us with an understanding of the surrounding sensory world through the free use of human faculties, so too do the deeper spiritual and supersensory powers and abilities—which initially lie dormant in the human soul—provide us with an understanding of that which, as the supersensory and invisible, underlies all that is visible. Just as a person, when using their sensory faculties, is able to perceive what presents itself to the outer sensory appearance, and is able to connect and link what is perceived with their intellect, so too is a human being, when employing the methods handed down to them through spiritual science, able to look behind the scenes of sensory existence—to where the spiritual causes lie, where beings weave and work whom the sensory eye does not see and the sensory ear does not hear, but whom the supersensory does. Thus, in the free use of human powers—even if these still lie dormant as supersensory powers in a large part of today’s humanity—lies the source, the independent and free source of spiritual knowledge, just as the source of external knowledge lies in the free use of the powers directed toward the sensory world. But once a person has, in whatever way, acquired the insights that introduce him to the supersensible realm beyond the sensible, to the invisible beyond the visible—once he has gained knowledge of this realm just as he has sensory knowledge of external objects and events—then, equipped with this supersensible knowledge, approach the tradition, the books and documents, the records through which, in the course of human development, knowledge of the supersensible realm has come to people, just as a geometer approaches Euclid’s geometry. And then he examines them from a similar standpoint as today’s geometer examines Euclid’s geometry. Then he can assess and acknowledge these documents according to their true value. And for the one who follows this path—who truly approaches the documents of the Christian proclamation equipped with knowledge of the supersensible world—these documents truly do not lose their value. Indeed, on the contrary, they appear in a greater splendor than they first appeared to the merely believing mind. They reveal that they contain deeper wisdom than human beings had previously suspected before the advent of anthroposophical insight.

[ 6 ] Aber noch über eine Frage müssen wir uns klar werden, damit wir die richtige Stellung gewinnen gegenüber dem Verhältnis der Anthroposophie zu den religiösen Urkunden. Fragen wir uns einmal: Wer ist der bessere Betrachter der Geometrie des Euklid, derjenige, der die Worte des Buches wörtlich übersetzen kann und, ohne erst eingedrungen zu sein in den Geist der Geometrie, den Inhalt des Buches enthüllen will, oder derjenige, welcher erst Geometrie versteht und daher auch die Geometrie in jenem Buch zu finden weiß? — Denken wir uns einen bloßen Philologen gegenüber dem Geometriebuch des Euklid, einen, der nichts verstünde von Geometrie: wieviel Unrichtiges würde da herauskommen, wenn er den Sinn des Buches enthüllen wollte! So haben es viele mit den religiösen Urkunden gemacht, selbst solche, die berufen sein sollten, den wahren Sinn derselben zu ergründen. Sie sind an diese Urkunden herangegangen, ohne daß sie erst, unabhängig von ihrien, etwas wußten von dem, was über das Übersinnliche zu ergründen ist. So haben wir heute recht sorgfältige Erklärungen der religiösen Urkunden, Erklärungen, die alles zusammentragen aus der Zeitgeschichte heraus, wie diese Urkunden zum Beispiel entstanden sind, aber die Erklärungen nehmen sich ebenso aus wie die Erklärungen der Geometrie des Euklid durch einen Nichtgeometer.

[ 6 ] But there is one more question we must clarify in order to adopt the correct stance regarding the relationship between anthroposophy and religious texts. Let us ask ourselves: Who is the better interpreter of Euclid’s geometry—the one who can translate the words of the book literally and, without first having penetrated the spirit of geometry, seeks to reveal the book’s content, or the one who first understands geometry and therefore also knows how to find geometry in that book? — Let us imagine a mere philologist facing Euclid’s book on geometry—one who understands nothing about geometry: how many inaccuracies would result if he sought to reveal the book’s meaning! This is how many have approached the religious texts, even those who were supposed to be called upon to fathom their true meaning. They have approached these texts without first—independently of them—knowing anything about what is to be explored regarding the supernatural. Thus, today we have quite meticulous explanations of religious texts—explanations that draw on all available historical context, such as how these texts came into being—but these explanations come across just as they would if a non-geometer were to explain Euclid’s geometry.

[ 7 ] Erkenntnis der Religion — das wollen wir festhalten — ist etwas, was man nur gewinnen kann, wenn man es mit Hilfe der auf geisteswissenschaftlichem Wege gewonnenen Erkenntnisse betrachtet, obwohl Anthroposophie nur ein Werkzeug des religiösen Lebens sein kann, niemals eine Religion selber. Religion wird charakterisiert am besten durch den Inhalt des menschlichen Herzens, des menschlichen Gemütes, jener Summe von Empfindungen und Gefühlen, durch die der Mensch hinaufschickt das Beste, was er an Empfänglichkeit in seiner Seele hat, zu den übersinnlichen Wesenheiten und Kräften. Von dem Feuer dieses Gemütsinhaltes, von der Stärke dieser Empfindungen, von der Art dieser Gefühle hängt der Charakter der Religion eines Menschen ab, so wie von dem warmen Pulsschlag in unserer Brust, von dem Gefühle für Schönheit es abhängt, wie der Mensch einem Bilde gegenübertritt. Der Inhalt des religiösen Lebens ist gewiß das, was wir die geistige, die übersinnliche Welt nennen. Aber ebensowenig wie ästhetisch-künstlerisches Empfinden dasselbe ist wie das, was wir nennen geistiges Erfassen der inneren künstlerischen Gesetze — obwohl das geistige Erfassen derselben das Kunstverständnis erhöhen wird —, ebensowenig ist jene Weisheit, jene Wissenschaft, welche in die geistigen Welten einführt, und Religion selber das gleiche. Diese Wissenschaft wird das religiöse Empfinden, das religiöse Fühlen ernster, würdiger, größer, umfangreicher machen, aber selber Religion will sie nicht sein, wenn sie im richtigen Sinne verstanden wird, obwohl sie zur Religion führen mag.

[ 7 ] An understanding of religion—let us keep this in mind—is something that can only be attained by viewing it through the lens of insights gained through spiritual science, even though anthroposophy can be only a tool of religious life, never a religion in and of itself. Religion is best characterized by the content of the human heart, the human soul—that sum of sensations and feelings through which a person sends the best of his or her soul’s receptivity upward to the supersensible beings and forces. The character of a person’s religion depends on the fire of this inner life, on the strength of these sensations, and on the nature of these feelings, just as one’s approach to a work of art depends on the warm pulse in our chest and on our sense of beauty. The content of religious life is certainly what we call the spiritual, the supersensible world. But just as aesthetic and artistic sensibility is not the same as what we call the spiritual grasp of the inner artistic laws—although the spiritual grasp of these laws will elevate one’s understanding of art—so too are that wisdom and that science which introduce us to the spiritual worlds not the same as religion itself. This science will make religious sentiment and religious feeling more serious, more dignified, greater, and more comprehensive, but it does not claim to be religion itself, if understood in the proper sense, although it may lead to religion.

[ 8 ] Wenn wir nunmehr von diesem geisteswissenschaftlichen Standpunkt die Kraft und Bedeutung, den Sinn und den Geist der christlichen Religionsverkündigung verstehen wollen, dann müssen wir weit im geistigen Leben ausgreifen. Wir müssen den Blick werfen in Zeiten urferner Vergangenheit, mit anderen Worten, wir müssen zurückgreifen bis in die vorreligiöse Zeit der Menschheit, wir müssen versuchen, die Entstehung der Religion ins Auge zu fassen. Gibt es eine vorreligiöse Zeit der Menschheit? Ja, es war einmal eine Zeit auf der Erde, in der es keine Religion gegeben hat. Auch die Geisteswissenschaft muß eine solche Frage bejahen, obwohl in einem ganz anderen Sinne, als die materialistische Kulturweisheit es tut. Was bedeutet die Religion für die Menschheit? Religion war und wird noch lange für die Menschheit das sein, was schon ihr Wort ausdrückt. Das Wort Religion bedeutet: Verbindung des Menschen mit seinem Göttlichen, mit der geistigen Welt. Und im wesentlichen sind die religiösen Zeiten solche, in denen der Mensch sich nach der Vereinigung mit dem Göttlichen sehnte, sei es aus den Quellen eines Wissens oder aus einer gewissen Empfindung heraus, oder deshalb, weil er fühlte, daß sein Wille nur stark sein kann, wenn er von göttlicher Kraft durchströmt ist. Solche Zeiten, in denen der Mensch sozusagen mehr in sich ahnte, als daß er etwas Äußeres wußte, in denen er die übersinnliche Welt mehr ahnte, denn daß er sie geschaut, daß er sie um sich gehabt hätte, das sind die religiösen Zeiten unserer Erde. Und vor diesen Zeiten gab es andere Zeiten, wo der Mensch ein solch ahnendes, lechzendes Verbinden mit der geistig-übersinnlichen Welt nicht brauchte, deshalb nicht brauchte, weil er von dieser übersinnlichen Welt, von dieser geistigen Welt wußte, wie der Mensch der Gegenwart weiß von den sinnlichen Dingen. Braucht der Mensch überzeugt zu werden, daß es Steine, Bäume, Tiere gibt? Braucht er irgendeine Urkunde, eine Lehre darüber, die ihm bezeugt oder ihn ahnen läßt, daß es Steine, Pflanzen, Tiere gibt? Nein, denn er sieht sie, er erschaut sie um sich herum, und deshalb braucht er eine solche Religion des Sinnlichen nicht. Denken wir uns einen Menschen, der in ganz anderen Welten lebte, mit ganz anderen Sinnesorganen, Erkenntnisorganen ausgerüstet, der nicht die Steine, Pflanzen, Tiere sehen würde, weil sie unsichtbar wären für ihn, denken wir uns einen solchen Menschen, dem durch Schriften oder sonstwie die Kunde gegeben würde von Steinen, Pflanzen, Tieren: Was wäre dasjenige, was für Sie Anschauung, Erfahrung, unmittelbares Wissen ist, was wäre das für ihn? — Religion wäre es für diesen Menschen. Wenn irgendwo in einem Buche stehen würde, es gibt Steine, Pflanzen, Tiere, dann wäre das für diesen Menschen Religion, denn er hat es niemals gesehen.

[ 8 ] If we now wish to understand the power and significance, the meaning and the spirit of the Christian proclamation of the Gospel from this spiritual-scientific perspective, then we must reach far back into spiritual life. We must cast our gaze into times of the distant past; in other words, we must go back to humanity’s pre-religious era, and we must try to grasp the origins of religion. Is there a pre-religious era of humanity? Yes, there was once a time on Earth when there was no religion. Spiritual science, too, must answer such a question in the affirmative, although in a completely different sense than materialistic cultural wisdom does. What does religion mean for humanity? Religion was, and will long remain, for humanity exactly what its very word expresses. The word “religion” means: the connection of the human being with the divine, with the spiritual world. And essentially, religious eras are those in which human beings longed for union with the divine—whether from the sources of knowledge, out of a certain feeling, or because they sensed that their will could only be strong if it were permeated by divine power. Such times—in which human beings, so to speak, sensed more within themselves than they knew of the external world; in which they sensed the supersensible world more than they had seen it or experienced it around them—these are the religious eras of our Earth. And before these times there were other times when human beings did not need such an intuitive, yearning connection with the spiritual-supernatural world—they did not need it because they knew about this supernatural world, this spiritual world, just as people today know about sensory things. Does a person need to be convinced that there are stones, trees, and animals? Do they need some kind of document or teaching that attests to their existence or allows them to sense that stones, plants, and animals exist? No, for they see them; they perceive them all around themselves; and therefore they have no need for such a religion of the sensory realm. Let us imagine a person who lived in entirely different worlds, equipped with entirely different sensory organs and organs of cognition, who would not see stones, plants, or animals because they would be invisible to him; let us imagine such a person who, through writings or by some other means, were given knowledge of stones, plants, and animals: What would that which is for you perception, experience, and direct knowledge be for him? — It would be religion for this person. If it were written somewhere in a book that there are stones, plants, and animals, then that would be religion for this person, for he has never seen them.

[ 9 ] Es gab für den Menschen eine Zeit, wo er inmitten derjenigen geistigen Wesenheiten und Tatsachen schon gelebt hat, von denen ihm heute die Religionen und die Weisheitslehren Kunde tun.

[ 9 ] There was a time when human beings already lived amidst those spiritual beings and realities of which religions and the teachings of wisdom tell us today.

[ 10 ] Das Wort Entwickelung ist heute auf vielen Gebieten der Weltanschauung ein Zauberwort geworden, aber es wird von der äußeren Wissenschaft doch nur angewendet auf äußere, sinnliche Tatsachen. Für denjenigen, der geisteswissenschaftlich die Welt betrachtet, für den ist alles, alles in Entwickelung, vor allen Dingen das menschliche Bewußtsein. Der Zustand des menschlichen Bewußtseins, in dem Sie heute leben, dutch den Sie, wenn Sie des Morgens aufwachen, vermöge Ihrer Sinnesorgane die Sinnenwelt sehen und begreifen, dieser Zustand des Bewußtseins hat sich aus einem anderen entwickelt. In der Geisteswissenschaft nennen wir diesen Bewußtseinszustand das sogenannte helle Tagesbewußtsein. Aber dieses helle Tagesbewußtsein hat sich herausentwickelt aus einem uralten anderen Bewußtsein, das wir das dämmerhafte Bilderbewußtsein der Menschheit nennen. Da kommen wir allerdings auf frühe Entwickelungszustände der Menschheit zurück, von denen eine äußere Anthropologie nichts meldet, aus dem Grunde nicht, weil sie sich nur der sinnlichen Instrumente und der Methoden des Verstandes bedient. Sie glaubt, daß der Mensch Zustände durchgemacht habe in urferner Vergangenheit, die eigentlich dieselben sind, wie sie heute unsere tierischen Wesen durchmachen.

[ 10 ] The word “evolution” has become a magic word in many areas of worldview today, but in the natural sciences it is applied only to external, sensory facts. For those who view the world through the lens of spiritual science, everything—absolutely everything—is in a state of evolution, above all human consciousness. The state of human consciousness in which you live today—in which, when you wake up in the morning, you perceive and comprehend the sensory world through your sense organs—this state of consciousness has evolved from another. In spiritual science, we call this state of consciousness “clear waking consciousness.” But this clear daylight consciousness has evolved from another, very ancient form of consciousness, which we call the twilight pictorial consciousness of humanity. This, of course, takes us back to early stages of human development of which external anthropology makes no mention—not because it fails to recognize them, but because it relies solely on the instruments of the senses and the methods of the intellect. It believes that in the distant past, human beings went through states that are essentially the same as those experienced today by our animal beings.

[ 11 ] In früheren Vorträgen wurde schon darauf hingewiesen, wie wir uns geisteswissenschaftlich das Verhältnis des Menschen zu den tierischen Wesen zu denken haben. Niemals war der Mensch ein solches Wesen wie das heutige Tier es ist. Er stammt nicht von Wesenheiten ab, die so waren wie die heutigen Tiere. Die Entwickelungsformen, aus denen sich der Mensch herausgebildet hat, die würden, wenn wir sie schildern wollten, sich sehr unähnlich den heutigen Tieren erweisen. Die heutigen Tiere sind gleichsam auf früheren Entwickelungsstufen zurückgebliebene Wesenheiten, die diese früheren Entwickelungsstufen konserviert und sie in die Verhärtung gebracht haben. Der Mensch ist über seine früheren Entwickelungsstufen hinausgewachsen, die Tiere sind darunter heruntergewachsen. So sehen wir in der Tierwelt etwas wie zurückgebliebene Brüder der Menschheit, die aber nicht mehr die Form dieser früheren Entwickelungsstufen tragen. Die früheren Entwickelungsstufen verliefen in einer Zeit, wo die Erde andere Lebensbedingungen hatte, in der noch nicht die Elemente so verteilt waren wie heute, wo nicht der Mensch mit einem solchen Körper behaftet war wie heute und doch Mensch war. Er hat warten können, bildlich gesprochen, innerhalb des Entwickelungsganges mit seinem Hereinsteigen in das Fleisch, hat warten können bis zu der Zeit, wo diese fleischliche Materialität so hat werden können, daß er die Kraft des heutigen Geistes entwickeln konnte. Die Tiere haben nicht warten können, sie sind auf früherer Stufe verhärtet worden, haben früher Fleisch angenommen, als es am Platze war. Daher mußten sie zurückbleiben. So werden wir uns vorstellen können, daß der Mensch unter anderen Bedingungen und in anderen Bewußtseinsformen gelebt hat als heute. Wenn wir diese Bewußtseinsformen Tausende und Tausende von Jahren zurückverfolgen, werden wir immer andere finden. Was wir heute logisches Denken nennen, Intellekt und Verstand, das hat sich erst später in der Menschheit entwickelt. Viel stärker waren Kräfte der Menschen, die heute schon im Abnehmen begriffen sind, zum Beispiel das Gedächtnis. Das war in einer früheren Zeit ungeheuer viel mehr entwickelt als heute. Durch die zunehmende Verstandeskultur der Menschheit ist das Gedächtnis wesentlich in den Hintergrund getreten.

[ 11 ] In earlier lectures, we have already pointed out how we must conceive of the relationship between human beings and animal beings from a spiritual-scientific perspective. Human beings were never beings like today’s animals. They do not descend from beings that were like today’s animals. The forms of development from which human beings emerged would, if we were to describe them, prove to be very dissimilar to today’s animals. Today’s animals are, as it were, beings that have remained stuck at earlier stages of development, having preserved these earlier stages and allowed them to become rigid. Human beings have outgrown their earlier stages of development; animals have regressed below them. Thus, in the animal kingdom, we see something like humanity’s “retarded brothers,” who, however, no longer bear the form of these earlier stages of development. Those earlier stages of development took place at a time when the Earth had different living conditions, when the elements were not yet distributed as they are today, and when human beings, though still human, were not yet endowed with bodies such as we have today. Figuratively speaking, within the course of evolution—with his descent into the flesh—he was able to wait until the time when this physical materiality had become such that he could develop the power of today’s spirit. Animals could not wait; they became fixed at an earlier stage, having taken on flesh sooner than was appropriate. Therefore, they had to remain behind. Thus, we can imagine that human beings lived under different conditions and in different forms of consciousness than they do today. If we trace these forms of consciousness back thousands and thousands of years, we will find them constantly changing. What we today call logical thinking, intellect, and reason only developed later in human history. Human faculties that are already in decline today—such as memory—were much stronger in the past. In earlier times, memory was vastly more developed than it is today. As humanity’s culture of reason has increased, memory has receded significantly into the background.

[ 12 ] Wer mit einigermaßen sehenden praktischen Augen in die Welt blickt, kann heüte noch erkennen, daß dasjenige, was so aus der Geisteswissenschaft heraus gesagt wird, nicht in der Luft schwebt. Man könnte sagen: Wenn das wahr ist, dann müßten die heutigen Menschen, die durch irgendeinen Zufall zurückgeblieben sind, zeigen, daß sie gerade im Gedächtnis am wenigsten zurückgeblieben sind. Sie müßten auch zeigen, daß, wenn man bei künstlich zurückgehaltenen Menschen sich bemüht, ihnen Intellektualität beizubringen, das Gedächtnis darunter leidet. Hier in dieser Stadt konnte man einen charakteristischen Fall dieser Art betrachten.

[ 12 ] Anyone who looks at the world with a reasonably clear, practical eye can still see today that what is said in spiritual science does not float in thin air. One could say: If this is true, then people today who have fallen behind for whatever reason should demonstrate that it is precisely in their memory that they have fallen behind the least. They should also demonstrate that, when one attempts to teach intellectual skills to people who have been artificially held back, their memory suffers as a result. Here in this city, one could observe a characteristic case of this kind.

[ 13 ] Der nicht hoch genug zu schätzende Professor Daumer hat diesen Fall gut beobachtet an jenem für viele so rätselhaften Menschen, der einmal auf geheimnisvolle Weise in diese Stadt hier hereinversetzt worden ist, und der auf ebenso geheimnisvolle Weise in Ansbach den Tod gefunden hat; derselbe, von dem ein Schriftsteller sagt, um das Geheimnisvolle seines Lebens anzudeuten, daß, als man ihn hinausgetragen hat, ein Tag war, wo an der einen Seite am Rande des Himmels die Sonne unterging und auf der entgegengesetzten Seite der Mond aufstieg. Sie wissen, daß ich von Kaspar Hauser rede. Wenn Sie absehen von allem Pro und Kontra, das in bezug auf diesen Fall geltend gemacht worden ist, wenn Sie nur auf das sehen, was unter allen Umständen belegt ist, so werden Sie wissen, daß dieser Findling, der einfach einmal da war auf der Straße, der, weil man nicht wußte, woher er gekommen war, das Kind Europas genannt worden ist, daß er nicht lesen, nicht rechnen konnte, als man ihn fand. Er hatte in einem Alter von zwanzig Jahren nichts von dem, was durch den Intellekt erworben wird, aber merkwürdigerweise hatte er ein wunderbares Gedächtnis. Als man anfing ihn zu unterrichten, als die Logik in seine Seele trat, schwand das Gedächtnis. Dieser Übergang im Bewußtsein war auch noch mit etwas anderem verbunden. Eine unbegreifliche, geradezu eingeborene Wahrhaftigkeit war ursprünglich in ihm, und gerade an dieser Wahrhaftigkeit wurde er immer mehr und mehr irre. Je mehr er an der Intellektualität naschen durfte, desto mehr schwand sie dahin.

[ 13 ] Professor Daumer, whose contributions cannot be overestimated, has closely observed this case in the person who remains such a mystery to many—a man who was once mysteriously brought to this very city and who met his death in Ansbach in an equally mysterious manner; the very same man of whom a writer says—to hint at the mystery of his life—that when he was carried out, it was a day when, on one side at the edge of the sky, the sun was setting and, on the opposite side, the moon was rising. You know that I am speaking of Kaspar Hauser. If you set aside all the arguments for and against that have been put forward regarding this case, and focus only on what is proven beyond doubt, you will know that this foundling, who simply appeared one day on the street—and who, because no one knew where he had come from, was called the “Child of Europe”—could neither read nor do arithmetic when he was found. At the age of twenty, he possessed none of the skills acquired through the intellect, yet, strangely enough, he had a marvelous memory. When they began to teach him, when logic entered his soul, his memory faded. This transition in consciousness was also connected to something else. An incomprehensible, almost innate truthfulness was originally within him, and it was precisely this truthfulness that led him further and further astray. The more he was allowed to sample intellectual pursuits, the more it faded away.

[ 14 ] Wir könnten manches studieren, wenn wir in diese Seele uns vertieften, die künstlich zurückgehalten worden war. Und gar nicht so unbegründet ist für denjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, die Volkstradition, die die gelehrten Leute von heute nicht glauben und die da berichtet, daß Kaspar Hauser, als er noch gar nichts wußte, noch gar keine Ahnung davon hatte, daß es Wesen außer ihm von verschiedener Gestalt gebe, daß er da eine merkwürdige Wirkung ausübte, wenn er mit ganz wütenden Tieren zusammengebracht wurde. Die wilden Tiere duckten sich und wurden ganz sanftmütig. Es streömte von ihm etwas aus, was bewirkte, daß solch ein Tier, das jeden anderen zornig anfiel, sanft wurde. Wie gesagt, wir könnten, weil sich solch ein Fall darbietet, der aus der Geisteswissenschaft heraus verstanden werden kann, tief in die Seele dieser merkwürdigen und für viele so rätselhaften Persönlichkeit eindringen, und es würde sich Ihnen ein Fall vormalen, aus dem Sie sehen könnten, daß alles das, was aus dem gewöhnlichen Leben nicht zu erklären ist, durch die Geisteswissenschaft zurückgeführt wird auf geistige Tatsachen. Freilich können solche geistigen Tatsachen nicht durch Spekulation, sondern nur durch geistige Beobachtung gewonnen werden, aber verständlich sind sie für das allseitig umfassende und logische Denken.

[ 14 ] We could learn a great deal if we delved deeply into this soul, which had been artificially confined. And for those grounded in spiritual science, it is not at all unfounded to believe the folk tradition—which today’s scholars do not believe—that reports how Kaspar Hauser, when he knew absolutely nothing, had not the slightest inkling that beings of various forms existed outside himself, exerted a strange influence whenever he was brought into contact with furious animals. The wild animals cowered and became completely docile. Something radiated from him that caused such an animal—which would otherwise attack anyone else with fury—to become gentle. As I said, because such a case presents itself—one that can be understood through spiritual science—we could delve deeply into the soul of this remarkable and, for many, so enigmatic personality, and a case would unfold before you from which you could see that everything that cannot be explained by ordinary life is traced back by spiritual science to spiritual realities. Of course, such spiritual facts cannot be arrived at through speculation, but only through spiritual observation; yet they are comprehensible to all-encompassing and logical thinking.

[ 15 ] Das alles sollte nur gesagt sein, um Ihnen zu zeigen, wie Sie den Weg finden können zu dem Gedanken, daß sich der heutige Bewußtseinszustand herausentwickelt hat aus einem uralten anderen Bewußtseinszustand, in dem der Mensch nicht in einer unmittelbaren Berührung mit den Sinnesgegenständen im heutigen Sinne stand, dafür aber mit den geistigen Tatsachen und Wesen in Beziehung war. Da sah der Mensch nicht die physische Gestalt des anderen, die es ja auch in der heutigen Form damals noch gar nicht gegeben hat. Wenn sich ihm eine andere Wesenheit näherte, stieg in seiner Seele etwas wie ein Traumbild auf. Je nachdem, wie es gestaltet und gefärbt war, zeigte es ihm an, ob die Wesenheit ihm sympathisch oder antipathisch gesinnt war. Ein solches Bewußtsein nahm die geistigen Tatsachen und dadurch die geistige Welt überhaupt wahr. So wie der Mensch heute mit fleischlichen Wesen zusammen ist, so lebte er in jener Zeit, wenn er den Blick auf sich selber richtete und sich selbst Seele und Geist war, unter geistigen Wesenheiten. Sie waren vorhanden für ihn. Er war ein Geist unter Geistern. Wenn er auch nur eine Art Traumbewußtsein hatte, so waren doch die Bilder, die in ihm aufstiegen, in einem lebendigen Verhältnis zu seiner Umgebung. Das war die alte Zeit, in welcher der Mensch noch in einer geistigen Welt lebte, aus der er später heruntergestiegen ist, um sich eine sinnliche Fleischlichkeit zu schaffen für das für ihn passende heutige Bewußtsein. Die Tiere waren schon da als physische Wesenheiten, als der Mensch noch in geistigen Regionen wahrnahm. Der Mensch lebte dazumal unter geistigen Wesen, und ebensowenig wie Sie eines Beweises bedürfen, um überzeugt zu sein vom Dasein des Steines, der Pflanzen, der Tiere, ebensowenig brauchte der Mensch in dieser Urzeit ein irgendwie geartetes Zeugnis, um von geistigen Wesen überzeugt zu sein. Er lebte unter Geistern und Göttern, deshalb brauchte er keine Religion. Das war die vorreligiöse Zeit.

[ 15 ] All this is said simply to show you how you can arrive at the idea that today’s state of consciousness has evolved from another, ancient state of consciousness, in which human beings were not in direct contact with sensory objects as we understand them today, but were instead in relationship with spiritual realities and beings. At that time, human beings did not see the physical form of others—which, after all, did not yet exist in its present form back then. When another being approached them, something like a dream image arose in their soul. Depending on its form and color, it indicated whether the being was sympathetic or unsympathetic toward them. Such a consciousness perceived spiritual realities and, through them, the spiritual world as a whole. Just as human beings today live among physical beings, so did they live in that time—when they directed their gaze inward and were themselves soul and spirit—among spiritual beings. These beings were present to them. They were a spirit among spirits. Even if he possessed only a kind of dream-like consciousness, the images that arose within him were in a living relationship to his surroundings. That was the ancient time when human beings still lived in a spiritual world, from which they later descended to create for themselves a sensory, physical existence suited to their present-day consciousness. Animals already existed as physical beings when human beings still perceived the world from spiritual realms. Human beings lived among spiritual beings in those days, and just as you do not need proof to be convinced of the existence of stones, plants, and animals, so too did human beings in those primeval times need no evidence of any kind to be convinced of the existence of spiritual beings. They lived among spirits and gods; therefore, they had no need for religion. That was the pre-religious era.

[ 16 ] Dann ist der Mensch heruntergestiegen, die frühere Bewußtseinsform hat sich in die heutige verwandelt. Der Mensch sieht nicht mehr im Raume schwebende Farben und Formen, sondern die Farben sind über die Oberflächen der sinnlichen Dinge hingelegt. In demselben Maße, wie der Mensch lernte, seine äußeren Sinne auf die äußere Sinneswelt zu richten, in demselben Maße zog sich diese äußere Sinneswelt wie ein Schleier, wie die große Maja hin über die geistige Welt, und der Mensch mußte durch diese Hülle hindurch Kunde erhalten von der geistigen Welt. Religion wurde notwendig.

[ 16 ] Then humankind descended, and the earlier form of consciousness transformed into the one we have today. Human beings no longer see colors and forms floating in space; rather, the colors are superimposed upon the surfaces of sensible objects. To the same extent that human beings learned to direct their external senses toward the external sensory world, to that same extent did this external sensory world draw over the spiritual world like a veil, like the great Maya, and human beings had to receive knowledge of the spiritual world through this veil. Religion became necessary.

[ 17 ] Es gibt aber auch einen Zustand zwischen der Zeit, die dem teligiösen Bewußtsein vorangeht, und der des eigentlichen religiösen Bewußtseins; es gibt einen solchen Zwischenzustand. Aus ihm heraus stammen die Mythologien, die Sagen, die Geschichten der Völker von den geistigen Welten. Es ist eine Gelehrsamkeit vom grünen Tisch, die nichts von den wirklichen geistigen Vorgängen ahnt, die da behauptet, die Gestalten der nordischen oder deutschen Mythologie, der griechischen Mythologie, alle die Urkunden von den Göttern und Göttertaten seien Erdichtungen der Volksphantasie. Das sind nicht Erdichtungen der Volksphantasie. Das Volk dichtet nicht so, daß es sagt, wenn man einzelne Wolken hinstreichen sieht, das seien Schäfchen. Daß das Volk so dichte, ist eine Dichtung unserer heutigen Gelehrsamkeit, die voll lebhafter Phantasie in solchen Dingen ist. Die Wahrheit ist eine ganz andere. Alles, was in den alten Göttersagen und Geschichten enthalten ist, sind die letzten Überbleibsel, die letzten Erinnerungen aus dem vorreligiösen Bewußtsein. Kunde ist den Menschen geblieben von dem, was sie selbst gesehen haben. Diese Menschen, die Wotan, Thor, Zeus und so weiter beschreiben, sie haben es deshalb getan, weil in ihnen eine Erinnerung daran vorhanden war, daß man solches einmal erlebt hatte. Brocken, zum Teil abgerissene Stücke von dem, was man einst erlebt hatte, das sind die Mythologien.

[ 17 ] However, there is also a state between the time that precedes religious consciousness and that of actual religious consciousness; such an intermediate state does exist. It is from this state that the mythologies, legends, and stories of the peoples about the spiritual worlds originate. It is an armchair scholarship, which has no inkling of the actual spiritual processes, that claims the figures of Norse or German mythology, of Greek mythology, and all the accounts of the gods and their deeds are fabrications of the popular imagination. These are not fabrications of the popular imagination. The people do not imagine things in such a way that they say, when they see individual clouds drifting by, that these are little sheep. That the people imagine things this way is a fabrication of our modern scholarship, which is full of vivid imagination in such matters. The truth is quite different. Everything contained in the ancient myths and stories of the gods are the last remnants, the last memories from pre-religious consciousness. People have retained knowledge of what they themselves have seen. These people, who describe Wotan, Thor, Zeus, and so on, did so because they harbored a memory within them that such things had once been experienced. Fragments—in some cases, torn-off pieces—of what had once been experienced: these are the mythologies.

[ 18 ] Noch in anderer Beziehung war der Zwischenzustand vorhanden. Auch in der Zeit, als die gescheiten Menschen, sagen wir einmal, schon sehr gescheit waren, da gab es noch immer solche, die wenigstens in Ausnahmezuständen — nennen Sie sie Entrücktheit oder auch Verrücktheit, wie Sie wollen — hineinschauen konnten in die geistigen Welten, die noch wahrnehmen konnten, was früher die Menschen in ihrer Mehrheit sahen. Die erzählten, daß sie selbst noch etwas gesehen haben von der geistigen Welt. Das verband sich so mit den Erinnerungen, daß ein lebendiger Glaube lebte in den Völkern. Das war ein Übergangszustand zu dem eigentlich religiösen Zustand.

[ 18 ] This intermediate state existed in yet another respect. Even in the time when intelligent people—let us say—were already very intelligent, there were still those who, at least in exceptional states—call them a state of rapture or even madness, as you will—could glimpse into the spiritual worlds, who could still perceive what the majority of people used to see. They recounted that they themselves had still seen something of the spiritual world. This became so intertwined with memories that a living faith thrived among the peoples. This was a transitional state leading to the truly religious state.

[ 19 ] Und wie wurde der eigentlich religiöse Zustand angebahnt in der Menschheit? Dadurch, daß der Mensch die Mittel und Wege fand, sein Inneres so zu entwickeln, daß er die Welten, aus denen er herausgewachsen ist, die er im dumpfen Bewußtsein einstmals gesehen hatte, wiederum sehen, wiederum schauen kann. Da kommen wir auf ein Kapitel, das für manchen modernen Menschen recht wenig Wahrscheinliches enthält, zu dem Kapitel von den Eingeweihten. Was sind Eingeweihte der Menschheit? Eingeweihte waren diejenigen Menschen, welche ihr eigenes seelisches und geistiges Innere so entfalteten durch gewisse Methoden, daß sie wieder hineinwuchsen in die geistige Welt. Einweihung gibt es! Es schlummern in jeder Seele übersinnliche Kräfte und Fähigkeiten. Es gibt oder kann wenigstens geben für jeden Menschen solch einen großen, gewaltigen Augenblick, wo diese Kräfte erwachen. Diesen Augenblick können wir vor unsere Seele rücken, wenn wir uns vorstellen, wie die andere menschliche Entwickelung war. Sprechen wir mit Goethes Worten, so können wir sagen: Wir schauen zurück in Zeiten ferner Vergangenheit, in denen im heutigen physischen Menschenleibe noch kein solches physisches Auge vorhanden war, kein solches physisches Ohr wie heute. Zurück schauen wir in jene Zeiten, in denen an den Stellen, wo diese Organe jetzt sind, gleichgültige Organe waren, die nicht sehen und hören konnten. Es gab für den physischen Menschen eine Zeit, wo solche blinde Organe zu Leuchtpunkten sich entwickelten, wo sie sich allmählich mehr und mehr entfalteten, bis für sie das Licht auftauchte. Ebenso gab es einen Zeitpunkt, wo des Menschen Ohr so weit war, daß die vorher stumme Welt sich in Tönen und Harmonien offenbarte. — Ebenso wie die Sonne mit ihren Kräften daran arbeitete, seine Augen aus seinem Organismus herauszubilden, ebenso kann der Mensch heute seinem Geiste nach so leben, daß sich die vielfach für ihn heute gleichgültigen geistig-seelischen Organe in ähnlicher Weise entwickeln. Der Augenblick ist möglich, ist für viele schon dagewesen, wo sich ihre Seele und ihr Geist so umbilden, wie sich einmal umgebildet hat die äußere physische Organisation. Neue Augen und neue Ohren entstehen, durch die aus dem geistig finsteren und stummen Umkreis heraus das Licht hineinscheint und die Töne hineinklingen. Entwickelung ist möglich, auch zum Hineinleben in die höheren Welten. Das ist Einweihung. Und in den Mysterienschulen werden ebenso die Methoden dieser Einweihung den Menschen an die Hand gegeben wie in der äußeren Welt die Methoden, sagen wir, des chemischen Laboratoriums oder der biologischen Forschung. Der Unterschied zwischen den Methoden der äußeren Wissenschaft und der Einweihung ist nur, daß die äußere Wissenschaft sich Instrumente und äußere Hilfsapparate zurechtzurichten hat. Für denjenigen aber, der Eingeweihter werden will, gibt es nur ein einziges Instrument, das er ausbilden muß, und das ist er selbst in allen seinen Kräften. So wie im Eisen die magnetische Kraft schlummern kann, so schlummert in der menschlichen Seele die Kraft, einzudringen in die geistige Licht- und Tonwelt. So kam die Zeit, wo nur das Physisch-Sinnliche im Normalen gesehen wurde und wo die Führer der Menschheit aus solchen Eingeweihten bestanden, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten, die Mitteilung machen, Erklärung geben konnten über die Tatsachen der geistigen Welt, in welcher der Mensch früher gelebt hatte.

[ 19 ] And how did the truly religious state actually come about in humanity? It came about because human beings found the means and ways to develop their inner lives in such a way that they could once again see—and behold—the worlds from which they had emerged, the worlds they had once perceived in a dim state of consciousness. This brings us to a topic that may seem quite implausible to some modern people: the topic of the initiates. What are the initiates of humanity? Initiates were those people who, through certain methods, developed their own soul and spirit to such an extent that they grew back into the spiritual world. Initiation does exist! Supersensory powers and abilities lie dormant in every soul. There is—or at least there can be—such a great, momentous moment for every human being when these powers awaken. We can bring this moment before our soul if we imagine what human development was like in the past. To speak in Goethe’s words, we can say: We look back to times in the distant past when the physical human body of today did not yet possess such physical eyes or such physical ears as we have today. We look back to those times when, in the places where these organs are now, there were inert organs that could neither see nor hear. There was a time for physical human beings when such blind organs developed into points of light, gradually unfolding more and more until light appeared to them. Likewise, there was a point in time when the human ear had reached a stage where the previously silent world revealed itself in sounds and harmonies. — Just as the sun worked with its forces to form the eyes from within the human organism, so too can human beings today live in a way that corresponds to their spirit, so that the spiritual and soul organs—which are often indifferent to them today—develop in a similar manner. The moment is possible—and has already come for many—when their soul and spirit are transformed in the same way that their outer physical organization was once transformed. New eyes and new ears arise, through which light shines in and sounds resonate from the spiritually dark and silent surroundings. Development is possible, including living into the higher worlds. This is initiation. And in the mystery schools, the methods of this initiation are provided to people just as, in the outer world, the methods of, say, the chemical laboratory or biological research are provided. The difference between the methods of outer science and those of initiation is only that outer science must make use of instruments and external apparatus. For the one who wishes to become an initiate, however, there is only a single instrument that he must develop, and that is himself in all his powers. Just as magnetic force can lie dormant in iron, so the power to penetrate the spiritual world of light and sound lies dormant in the human soul. Thus came the time when only the physical and sensory were regarded as normal, and when the leaders of humanity consisted of such initiates who could look into the spiritual worlds, who could communicate and provide explanations regarding the realities of the spiritual world in which humanity had once lived.

[ 20 ] Die erste Stufe der Einweihung, wohin führt sie? Wie stellt sie sich dar der menschlichen Seele? Glauben Sie nicht, daß diese Entwickelung nur in philosophischem Spekulieren, im Ausspintisieren von Begriffen, im Verfeinern der Begriffe besteht. Das, was der Mensch an Begriffen hat über die äußere Sinneswelt, das verwandelt sich in dem Menschen, der hineinwächst in die geistige Welt. Es wird so, daß der Mensch jetzt nicht mehr durch scharf konturierte Begriffe begreift, sondern durch Bilder, durch Imaginationen. Denn der Mensch wächst hinein in das geistige, weltschöpfetische Verfahren. So bestimmt und fest umrissen wie die Gegenstände der Sinneswelt sind eben nur diese sinnlichen Gegenstände. Im weltschöpferischen Verfahren haben Sie nicht das Tier mit den festen Umrissen. Da haben Sie etwas wie ein Bild zugrunde gelegt, aus dem die verschiedenen äußeren Gestalten entstehen können, eine lebendige, in sich gegliederte Wirklichkeit. Man muß sich streng auf den Boden des Wortes Goethes stellen: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» In Bildern lernt der Eingeweihte zunächst erkennen und begreifen, lernt er hinaufsteigen in die geistige Welt. Da muß sein Bewußtsein beweglicher werden als dasjenige, das uns dient zum Begreifen der um uns liegenden Sinneswelt. Deshalb nennt man diese Stufe der Entwickelung das imaginative Bewußtsein. Es führt den Menschen wieder hinein in die geistige Welt, aber nicht in dämmerhafter Weise. Dieses zu erringende Weihebewußtsein ist klar und hell, wie es der Mensch im hellen Tagesbewußtsein hat, wie dieses Tagesbewußtsein selbst. Der Mensch wird dadurch bereichert, daß er zu dem Tagesbewußtsein das Bewußtsein der geistigen Welt hinzugewinnt. So lebt er in dem imaginativen Bewußtsein in der ersten Einweihungsstufe. Und was diejenigen, die so eingeweiht waren, in den geistigen Welten erfuhren, davon ist in den Urkunden, in den Dokumenten der Menschheit Mitteilung geschehen, geradeso wie von der niedrigen Wissenschaft der Geometrie durch Euklid der Menschheit Mitteilung gemacht worden ist. Wir wissen, was in diesen Urkunden steht, wir erkennen es, wenn wir zurückgehen auf die Quelle, auf das Schauen der Eingewethten.

[ 20 ] The first stage of initiation—where does it lead? How does it present itself to the human soul? Do not believe that this development consists solely of philosophical speculation, of spinning out concepts, or of refining concepts. The concepts a person has about the external sensory world are transformed within the person who grows into the spiritual world. It comes to pass that the person no longer comprehends through sharply defined concepts, but through images, through imaginations. For the person grows into the spiritual, world-creating process. As definite and clearly defined as the objects of the sensory world are, they are precisely only these sensory objects. In the world-creating process, you do not have the animal with its fixed contours. There, you have taken something like an image as a foundation from which the various external forms can arise—a living, internally structured reality. One must stand firmly on the ground of Goethe’s words: “All that is transitory is but a parable.” It is through images that the initiate first learns to recognize and comprehend; it is through them that he learns to ascend into the spiritual world. Here, his consciousness must become more flexible than the consciousness we use to comprehend the sensory world around us. That is why this stage of development is called the imaginative consciousness. It leads the human being back into the spiritual world, but not in a twilight-like manner. This initiatory consciousness to be attained is clear and bright, just as the human being’s consciousness is in bright daylight, just like this daylight consciousness itself. The human being is enriched by gaining, in addition to daylight consciousness, an awareness of the spiritual world. Thus, in the first stage of initiation, they live in imaginative consciousness. And what those who were thus initiated experienced in the spiritual worlds has been communicated in the records, in the documents of humanity, just as the elementary science of geometry was communicated to humanity by Euclid. We know what is written in these records; we recognize it when we go back to the source, to the vision of the initiates.

[ 21 ] So war es innerhalb der Menschheit bis zu der Erscheinung der größten Wesenheit, die über den Erdball geschritten ist, des Christus Jesus. Mit seiner Erscheinung tritt ein neues Element in die Entwickelung ein. Wenn wir uns klarmachen wollen, worin das wesentlich Neue, das der Menschheit durch den Christus Jesus geschenkt worden ist, besteht, dann müssen wir beachten, daß in allen vorchristlichen Einweihungsstätten der Mensch so eingeweiht wurde, daß ein völliges Herausgehen aus der übrigen menschheitlichen Entwickelung notwendig war, ein Arbeiten an seiner Seele in Stätten des tiefsten Geheimnisses. Und wir müssen uns vor allen Dingen klarmachen, daß noch immer etwas vorhanden war im Bewußtsein des Menschen von einem Überrest, wenn er sich wiederum heraufhob in die geistige Welt, jenes alten, bloß traumhaften Bilderbewußtseins. Der Mensch mußte hinwegeilen aus dieser Welt der Sinne, um in die geistige Welt eintreten zu können. Daß das heute nicht mehr notwendig ist, das wurde herbeigeführt durch die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde. Dadurch, daß das Christus-Prinzip in die Menschheit eingetreten ist, ist das Zentralwesen, das Mittelpunktswesen der geistigen Welt geschichtlich, historisch in einem Menschen einmal auf dieser Erde dagewesen, dasselbe Wesen, nach dem sich gesehnt haben alle diejenigen, die ein religiöses Leben entwickelt haben, die geschaut haben in den Einweihungsstätten, die weggeschritten sind von der sinnlichen Welt, um in die geistige Welt einzutreten. Das Wesen, von dem verkündet worden ist, daß ihm der Mensch als seinem Höchsten gegenübersteht, das ist mit dem Christus Jesus in die Menschheitsgeschichte eingetreten. Und derjenige, der etwas versteht von echter Geisteswissenschaft, weiß, daß alle religiöse Verkündigung vor dem Erscheinen des Christus Jesus eine Vorverkündigung des Christus Jesus ist.

[ 21 ] This was the state of humanity until the appearance of the greatest being who ever walked the earth: Christ Jesus. With his appearance, a new element entered the course of human development. If we wish to understand what constitutes the essentially new element bestowed upon humanity by Jesus Christ, we must note that in all pre-Christian places of initiation, a person was initiated in such a way that a complete withdrawal from the rest of human development was necessary—a working on one’s soul in places of the deepest mystery. And above all, we must realize that there was still something present in human consciousness—a remnant—of that old, purely dreamlike pictorial consciousness whenever a person rose up again into the spiritual world. Human beings had to hasten away from this world of the senses in order to enter the spiritual world. The fact that this is no longer necessary today was brought about by the appearance of Christ Jesus on Earth. Because the Christ principle has entered into humanity, the central being, the focal being of the spiritual world, has historically historically, once existed on this Earth in a human being—the very same Being for whom all those who have developed a religious life have longed, who have gazed into the places of initiation, who have turned away from the sensory world in order to enter the spiritual world. The Being of whom it has been proclaimed that humanity stands before Him as its highest reality—this Being entered human history with Christ Jesus. And anyone who understands anything of genuine spiritual science knows that all religious proclamation prior to the appearance of Christ Jesus is a foreshadowing of Christ Jesus.

[ 22 ] Wenn die alten Eingeweihten von dem Höchsten haben sprechen wollen, was ihnen in der Geisteswelt zugänglich war, was sie haben schauen können als den Urgrund aller Dinge, dann haben sie in den verschiedensten Namen von dem Christus Jesus gesprochen. Wir brauchen uns nur an ein Beispiel, an das Alte Testament zu erinnern, das auch eine Vorherverkündigung ist. Wir erinnern uns daran, wie Moses, als er sein Volk führen sollte, den Auftrag erhielt: Sage deinem Volke, daß das, was du tun sollst, der Herr, der Gott, dir gesagt hat. — Da sagt Moses: Wie werden mir die Leute glauben, wie werde ich ihnen eine Überzeugung beibringen können? Was muß ich sagen, wenn sie mich fragen: Wer hat dich geschickt? — Und es wird ihm der Auftrag: Sage, der «Ich-bin», der hat dich geschickt. — Lesen Sie es nach und vergleichen Sie es, so genau Sie können, mit dem Urtext. Sie werden sehen, um was es sich dabei handelt. Der «Ich-bin», was soll das heißen? Der «Ich-bin» ist der Name für die göttliche Wesenheit, das Christus-Prinzip des Menschen, für die Wesenheit, die der Mensch einem Tropfen, einem Funken nach in sich spürt, wenn er «Ich bin» sagen kann. Der Stein kann nicht «Ich bin» sagen, die Pflanze kann nicht «Ich bin», das Tier kann nicht «Ich bin» sagen. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung dadurch, daß er zu sich «Ich bin» sagen kann, daß er einen Namen sprechen kann, der für keinen anderen gültig ist als für den, der ihn ausspricht. «Ich» können Sie sich nur selbst nennen. Kein anderer kann Sie «Ich» nennen. Hier spricht die Seele mit sich selbst, in jenem Worte, wo hinein nur ein Wesen Zugang hat, das durch keinen äußeren Sinn, auf keinem äußeren Weg zu der Seele kommt. Hier spricht der Gott. Daher wurde der Name «Ich-bin» der Gottheit, welche die Welt erfüllt, gegeben. Sage, der «Ich-bin» hat es dir gesagt! — so sollte Moses seinem Volke sagen.

[ 22 ] When the ancient initiates sought to speak of the Most High—that which was accessible to them in the spiritual world, that which they were able to perceive as the source of all things—they spoke of Christ Jesus by a wide variety of names. We need only recall one example from the Old Testament, which is also a foreshadowing. We remember how Moses, when he was to lead his people, received the command: “Tell your people that what you are to do, the Lord, your God, has told you.” — Then Moses says: “How will the people believe me? How will I be able to convince them?” What am I to say when they ask me, ‘Who sent you?’—And he is given the instruction: ‘Say, “I Am” has sent you.’—Look it up and compare it, as closely as you can, with the original text. You will see what this is all about. “I Am”—what does that mean? The “I Am” is the name for the divine essence, the Christ principle within the human being—for the essence that a person senses within themselves, even if only as a drop or a spark, when they can say, “I am.” A stone cannot say “I am,” a plant cannot say “I am,” and an animal cannot say “I am.” Human beings are the crown of creation because they can say “I am” to themselves, because they can utter a name that applies to no one else but the one who speaks it. You can only call yourself “I.” No one else can call you “I.” Here the soul speaks to itself, in that word to which only a being has access who comes to the soul through no external sense and by no external means. Here God speaks. Therefore, the name “I Am” was given to the Deity who fills the world. “Say, ‘The I Am has told you this!’”—so Moses was to say to his people.

[ 23 ] Nur langsam lernen die Menschen den tiefen Sinn dieses «Ich-bin» völlig verstehen. Nicht gleich haben sich die Menschen als Einzelmenschen gefühlt. Sie können es finden noch im Alten Testament: da fühlten sich die Menschen noch nicht als Einzelmenschen. Auch die Angehörigen der deutschen Stämme, selbst noch in den Zeiten der christlichen Kirche, fühlten sich nicht als Einzelmenschen. Denken Sie zurück an die Cherusker, Teutonen und so weiter, an die deutschen Stämme, in deren Land nun das heutige Deutschland ist. Der einzelne Cherusker fühlte mehr das Stammes-Ich, dem gegenüber er sich als Glied erschien. Der einzelne hätte nicht in der scharfen Weise, wie heute, «Ich bin» gesagt. Er fühlte sich zusammengefügt zum einigen Organismus derjenigen, die blutsverwandt waren.

[ 23 ] People are only slowly learning to fully understand the deep meaning of this “I am.” It was not immediately that people came to see themselves as individuals. You can still find evidence of this in the Old Testament: back then, people did not yet see themselves as individuals. Even the members of the Germanic tribes, even in the days of the Christian Church, did not feel themselves to be individuals. Think back to the Cherusci, the Teutons, and so on—the Germanic tribes whose land is now modern-day Germany. The individual Cheruscan felt more a sense of the tribal “I,” of which he saw himself as a member. An individual would not have said “I am” in the sharp, definitive way we do today. He felt himself to be part of a single organism comprising those who were related by blood.

[ 24 ] Den weitesten Umkreis nimmt diese Blutsverwandtschaft bei den Bekennern des Alten Testaments ein. Der einzelne fühlt sich geborgen im ganzen Volk. Dieses ist für ihn von einem Ich beherrscht. Er weiß es, was es heißt: «Ich und der Vater Abraham sind eins», denn er verfolgt die Blutsverwandtschaft durch die Generationen hinauf bis Abraham. Er weiß sich geborgen, wenn er über sein Einzel-Ich hinausgehen will, in dem Vater Abraham, von dem all das Blut, das der äußere Träger für das gemeinsame Volks-Ich ist, hinunterfließt in die Generationen.

[ 24 ] This blood kinship is most widespread among the followers of the Old Testament. The individual feels secure within the entire people. For him, this people is governed by a single “I.” He knows what it means when it is said, “I and Father Abraham are one,” for he traces this blood kinship through the generations all the way back to Abraham. He knows he is secure when he wishes to transcend his individual self, finding security in Father Abraham, from whom all the blood—which serves as the outward vehicle for the collective national self—flows down through the generations.

[ 25 ] Nun, wenn wir mit dem Ausspruch, der jedem Bekenner des Alten Testamentes ein Hohes bedeutet, vergleichen, was der Christus Jesus hingestellt hat, dann haben wir wie blitzartig beleuchtet den ganzen Fortschritt, der durch die christliche Entwickelung hervorgerufen wurde. «Ehe denn Abraham war, war das «Ich-bin»? Was heißt das: Vor Abraham war das «Ich-bin»? — So ist nämlich die richtige Übersetzung und Interpretation der betreffenden Bibelstelle. Das heißt: Geht zurück durch alle Generationen, ihr findet etwas in euch selbst, in eurer Einzelindividualität, das noch ewiger ist als das, was durch alle blutsverwandten Generationen fließt. Ehe die Ahnherren waren, war das «Ich-bin», jenes Wesen, das in jeden Menschen hineinzieht, von dem jede Menschenseele etwas unmittelbar fühlen kann in sich selbst. Nicht ich und der Vater Abraham, nicht ich und ein zeitlicher Vater, sondern ich und der geistige Vater, der an nichts Vergängliches gebunden ist, wir sind eins. «Ich und der Vater sind eins.» In dem einzelnen Menschen findet sich der Vater. Das göttliche Prinzip lebt in ihm, etwas, was da war, was da ist, was da sein wird.

[ 25 ] Now, if we compare what Christ Jesus accomplished with the saying that holds such great significance for every believer in the Old Testament, then the entire progress brought about by Christian development is illuminated as if by a flash of lightning. “Before Abraham was, was the ‘I Am’? What does that mean: ‘Before Abraham was, was the “I Am”?’—For that is, in fact, the correct translation and interpretation of the relevant Bible passage. It means: Go back through all the generations, and you will find something within yourselves, in your individuality, that is even more eternal than what flows through all the generations bound by blood. Before the forefathers existed, there was the ‘I Am’—that Being which draws into every human being, and of which every human soul can feel something directly within itself. Not I and Father Abraham, not I and a temporal father, but I and the spiritual Father, who is bound to nothing transitory—we are one. “I and the Father are one.” The Father is found within each individual human being. The divine principle lives within him—something that was, that is, and that will be.

[ 26 ] Die Menschen werden, nachdem sie durch fast zwei Jahrtausende eigentlich erst angefangen haben die Kraft dieses Weltenimpulses zu fühlen, in künftigen Zeiten voll erkennen, was dieser Sprung innerhalb der Erdenmission und Erdenentwickelung für den Menschen bedeutet. Dasjenige, was man nur einsehen konnte, wenn man hinwegging über das Einzeldasein, über den einzelnen Menschen, wenn man den Geist eines ganzen Stammes faßte, das war es, was die alten Eingeweihten erreichen wollten.

[ 26 ] Now that, after nearly two millennia, humanity has only just begun to sense the power of this cosmic impulse, people in the future will fully realize what this leap within Earth’s mission and development means for humanity. That which could only be understood by looking beyond the individual existence, beyond the single human being—by grasping the spirit of an entire tribe—was what the ancient initiates sought to achieve.

[ 27 ] Wenn in der gewöhnlichen Welt irgendein Mensch das hörte, so sagte er: Das Ich ist etwas Vergängliches, das anfängt mit der Geburt und aufhört mit dem Tode. — Wurde er aber eingeweiht in das Geheimnis der Mysterien, dann sah er dasjenige, was der andere spürte und empfand, als dasselbe, was durch das Blut der Generationen rollt, was ein wirkliches Wesen ist, dann sah er seinen Stammesgeist. Was nur im geistigen Reich, aber nicht in der äußeren Wirklichkeit erreichbar ist, das konnte er schauen. Einen Gott, der durch das Blut der Generationen rinnt, konnte er schauen. Geistesauge gegenüber Geistesauge vor diesem Gotte stehen, das konnte man nur in den Mysterien.

[ 27 ] If anyone in the ordinary world heard this, he would say: “The ‘I’ is something transient, beginning with birth and ending with death.” — But if he were initiated into the secret of the Mysteries, then he would see what the other person sensed and felt as the very same thing that flows through the blood of generations—that which is a true being—and he would see his ancestral spirit. He could behold what is accessible only in the spiritual realm, but not in external reality. He could behold a god who flows through the blood of generations. To stand before this god, spiritual eye to spiritual eye—that was possible only in the Mysteries.

[ 28 ] Diejenigen, die mit dem vollen Verständnis als seine intimen Schüler um den Christus Jesus waren, sie hatten das Bewußtsein, daß ein Wesen geistig-göttlicher Natur für die äußeren Sinne in einer geschlossenen fleischlich-menschlichen Persönlichkeit vor ihnen stand. Als den ersten empfanden sie den Christus Jesus, als den ersten, der im einzelnen Menschen einen solchen Geist in sich hatte, wie ihn sonst nur zusammengehörige Menschenmassen in sich fühlten und wie er sonst nur in der geistigen Welt für die Eingeweihten zu schauen war. Der Erstling unter den Menschen war er.

[ 28 ] Those who, as his intimate disciples, were with Christ Jesus with full understanding were aware that a being of a spiritual-divine nature stood before them—enclosed within a physical-human personality invisible to the outer senses. They perceived Christ Jesus as the first—the first individual who possessed within himself a spirit of the kind that, otherwise, only cohesive masses of people felt within themselves, and that, otherwise, could only be beheld by the initiated in the spiritual world. He was the first among humankind.

[ 29 ] Je mehr der Mensch individuell wird, desto mehr kann er Liebeträger werden. Wo das Blut die Menschen zusammenkettet, da lieben die Menschen aus dem Grunde, weil sie durch das Blut hingeführt werden zu dem, was sie lieben sollen. Wird dem Menschen die Individualität zuerteilt, hegt und pflegt er den Gottesfunken in sich, dann müssen die Impulse der Liebe, die Wellen der Liebe von Mensch zu Mensch gehen aus freiem Herzen heraus. Und so hat der Mensch mit diesem neuen Impuls das alte Band der Liebe, die an das Blut gebunden ist, bereichert. Die Liebe geht nach und nach über in die geistige Liebe, die von Seele zu Seele fließt, die zuletzt die ganze Menschheit umfassen wird mit einem gemeinschaftlichen Band allgemeiner Bruderliebe. Der Christus Jesus aber ist die Kraft, die lebendige Kraft, durch die, so wie sie in der Geschichte war, wie sie sich äußeren Augen zeigte, zum erstenmal die Menschheit zur Verbrüderung gebracht worden ist. Und die Menschen werden lernen, dieses Band der Bruderliebe als das vollendete, als das vergeistigte Christentum aufzufassen.

[ 29 ] The more a person becomes an individual, the more he can become a bearer of love. Where blood binds people together, they love because the blood leads them to what they are meant to love. When a person is granted individuality and nurtures the divine spark within, then the impulses of love—the waves of love—must flow from person to person from a free heart. And so, with this new impulse, a person has enriched the old bond of love that is bound to blood. Love is gradually transforming into spiritual love, which flows from soul to soul and will ultimately embrace all of humanity with a common bond of universal brotherly love. But Christ Jesus is the power—the living power—through which, just as it was in history and as it appeared to outward eyes, humanity was brought together in brotherhood for the first time. And people will learn to understand this bond of brotherly love as the perfected, spiritualized form of Christianity.

[ 30 ] Man sagt heute leicht: Die Theosophie soll den einheitlichen Wahrheitskern in allen Religionen suchen, denn alle Religionen enthalten ja ganz das gleiche. — Die Menschen, die so sagen, die die Religionen nur vergleichen, um das abstrakt Gleiche zu suchen, verstehen nichts vom Entwickelungsprinzip. Nicht umsonst entwickelt sich die Welt. Wahr ist es, in jeder Religion ist die Wahrheit enthalten, aber indem sie sich von Form zu Form entwickelt, entwickelt sie sich zu höheren Formen. Der Wahrheit nach können Sie allerdings, wenn Sie tief genug forschen wollen, das, was das Christentum an Lehren enthält, in den anderen Religionen auch finden. Neue Lehren hat das Christentum nicht gebracht. Aber das Wesentliche im Christentum liegt nicht in den Lehren. Nehmen Sie die vorchristlichen Religionsstifter. Bei ihnen kommt es darauf an, was sie gelehrt haben. Denken Sie sich, diese Religionsstifter wären unbekannt geblieben; was sie gelehrt haben, das wäre geblieben. Damit hätte die Menschheit genug. Beim Christus Jesus aber kommt es nicht darauf an. Bei ihm kommt es darauf an, daß er da war, daß er im physischen Leibe hier auf dieser Erde gelebt hat. Nicht der Glaube an seine Lehre, sondern an seine Persönlichkeit ist das Ausschlaggebende, daß man hingeschaut hat darauf, daß er der Erstgeborene unter denen war, die da sterben können, bei dem man fragt: Würdest auch du in der Lage, in der ich mich befinde, so fühlen wie ich? Würdest auch du so denken, wie ich nun denke, so wollen, wie ich will? — Das ist das Wichtige, daß er das größte Vorbild als Persönlichkeit ist, bei dem es nicht darauf ankommt, hinzuhören auf seine Lehren, sondern darauf, ihn selbst anzuschauen, wie er es getan hat. Daher sagen die intimen Schüler des Christus Jesus etwas ganz anderes als die Schüler und Jünger anderer Religionsstifter. Diese sagen: Der Herr hat dieses, hat jenes gelehrt. Die Schüler des Christus Jesus aber sagen: Nicht ausgeklügelte Mythen etwa und Lehren sagen wir euch, sondern das sagen wir euch, was unsere Augen selbst gesehen, unsere Ohren selbst gehört haben. Wir haben die Stimme gehört, unsere Hände haben berührt den Quell des Lebens, damit wir Gemeinschaft haben mit euch. — Und Christus Jesus selber sprach: Zeugen sollt ihr mir sein in Jerusalem, in Judäa, bis ans Ende der Welt. — Damit ist etwas sehr Wichtiges gesagt: Zeugen sollt ihr mir sein bis ans Ende der Welt. Das heißt: Es werden immer solche da sein jederzeit, die ebenso wie jene in Judäa und Galiläa aus dem unmittelbaren Wissen heraus sagen können, wer Christus war im Sinne des Evangeliums.

[ 30 ] It is easy to say today: Theosophy should seek the unified core of truth in all religions, for all religions contain exactly the same thing. — People who say this, who compare religions only to seek abstract similarities, understand nothing of the principle of evolution. It is not for nothing that the world evolves. It is true that every religion contains the truth, but as it evolves from one form to another, it develops into higher forms. In terms of truth, however, if you are willing to delve deeply enough, you can find in other religions what Christianity teaches. Christianity did not bring any new teachings. But the essence of Christianity does not lie in its teachings. Consider the pre-Christian founders of religions. For them, what matters is what they taught. Imagine if these founders had remained unknown; what they taught would have endured. That would have been enough for humanity. With Jesus Christ, however, that is not what matters. What matters with him is that he was there, that he lived here on this earth in a physical body. It is not faith in his teachings, but faith in his personality that is decisive—that people looked to him, recognizing that he was the firstborn among those who are subject to death, and asked: “If you were in the situation I am in, would you feel as I do? Would you think as I now think, and will as I will?” — That is what is important: that he is the greatest example as a person, where what matters is not listening to his teachings but looking to him himself, as he did. That is why the intimate disciples of Christ Jesus say something quite different from the disciples and followers of other religious founders. The latter say: “The Lord taught this, he taught that.” But the disciples of Jesus Christ say: “We do not tell you elaborate myths or doctrines, but we tell you what our own eyes have seen and our own ears have heard. We have heard the voice; our hands have touched the Source of Life, so that we may have fellowship with you.” — And Christ Jesus himself said: “You shall be my witnesses in Jerusalem, in Judea, and to the ends of the earth.” — This conveys something very important: “You shall be my witnesses to the ends of the earth.” This means that there will always be those who, just as those in Judea and Galilee did, can speak from direct knowledge about who Christ was in the sense of the Gospel.

[ 31 ] Im Sinne des Evangeliums, was bedeutet das? Nichts anderes, als daß er von Anfang an das Prinzip war, das in allem Schaffen lebte. Er sagt es: Glaubt ihr nicht an mich, so glaubt wenigstens an Moses, denn wenn ihr an Moses glaubt, so glaubt ihr an mich, denn Moses hat von mir gesprochen. — Wir haben es heute schon gesehen, von ihm hat Moses gesprochen, als er hingewiesen hat darauf: Der «Ich-bin» hat es mir gesagt — der «Ich-bin», der aber nur geistig wahrnehmbar war bis dahin. Daß der Christus sichtbar in die Erscheinung, sichtbar in die Welt getreten ist als Mensch unter Menschen, das ist es, was den Unterschied des Christus-Evangeliums ausmacht gegenüber der göttlichen Verkündigung von anderen Religionen. Denn bei diesen war alle geistige Weisheit auf etwas gerichtet, was außerhalb der Welt war. Jetzt, mit Christus Jesus, kam etwas in die Welt, was als Sinneserscheinung selbst begriffen werden sollte. Was empfanden die ersten Jünger als das Ideal ihrer Weisheit? Nicht mehr bloß zu begreifen, wie die Geister im Geisterlande leben, sondern wie das höchste Prinzip in dieser geschichtlichen Persönlichkeit des Christus Jesus hat auf Erden vorhanden sein können.

[ 31 ] In the sense of the Gospel, what does that mean? Nothing other than that from the very beginning, He was the principle that lived in all creation. He says it: “If you do not believe in me, at least believe in Moses; for if you believe in Moses, you believe in me, because Moses spoke of me.” — We have already seen this today: Moses spoke of Him when he pointed out, “The ‘I Am’ has told me”—the “I Am,” who, however, had been perceptible only spiritually until then. The fact that Christ appeared visibly in the world as a human being among human beings—that is what distinguishes the Gospel of Christ from the divine proclamations of other religions. For in those religions, all spiritual wisdom was directed toward something that lay outside the world. Now, with Christ Jesus, something came into the world that was to be grasped as a sensory phenomenon in and of itself. What did the first disciples perceive as the ideal of their wisdom? No longer merely to understand how spirits live in the spirit realm, but how the highest principle could have been present on earth in this historical personality of Christ Jesus.

[ 32 ] Es ist viel leichter, dieser Persönlichkeit die Gottheit abzuleugnen, als so zu empfinden. Darin besteht der Unterschied einer gewissen Lehre der ersten Zeit des Christentums von dem, was man inneres Christentum nennt, der Unterschied zwischen Gnosis und esoterischem Christentum. Die Gnosis erkennt Christus in seiner Göttlichkeit zwar an, aber sie hatte sich nie aufschwingen können bis zu der Anschauung, daß das «Wort» Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, so wie es der Schreiber des Johannes-Evangeliums betont. Er sagt: Nicht nur als etwas, was bloß im Unsichtbaren zu begreifen ist, sollt ihr den Christus Jesus ansehen, sondern als das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. Ihr sollt wissen, daß mit dieser menschlichen Persönlichkeit eine Kraft erschienen ist, die in fernste Zukunft hinein wirken wird, die die wirkliche, geistige Liebe als eine Kraft um den Erdkreis herumspinnen wird, die da wirkt und lebt in allem, das in die Zukunft hinein lebt. — Und übergibt sich der Mensch dieser Kraft, dann wächst er in die geistige Welt hinein, aus der er heruntergestiegen ist. Wieder hinaufsteigen wird er bis dahin, wohinein der Eingeweihte heute schon schauen kann. Abstreifen wird der Mensch das Sinnliche, wenn er in die geistige Welt eindringt.

[ 32 ] It is much easier to deny the divinity of this figure than to feel it in this way. This is the difference between a certain doctrine from the early days of Christianity and what is called “inner Christianity”—the difference between Gnosticism and esoteric Christianity. Gnosticism does indeed acknowledge Christ in his divinity, but it was never able to rise to the realization that the “Word” became flesh and dwelt among us, as the author of the Gospel of John emphasizes. He says: You should not regard Christ Jesus merely as something to be grasped in the invisible realm, but as the Word that became flesh and dwelt among us. You should know that with this human personality a power has appeared that will continue to work into the distant future, that will weave true, spiritual love as a force around the globe, a force that works and lives in everything that lives into the future. — And if a person surrenders to this power, he will grow into the spiritual world from which he descended. He will ascend once more to the realm into which the initiate can already gaze today. A person will shed the sensual as he penetrates the spiritual world.

[ 33 ] Wie der Schüler, der in alten Zeiten eingeweiht wurde, einen Rückblick haben konnte auf die alten, auf die vergangenen Zeiten .des Geisteslebens, so erhalten diejenigen, welche im christlichen Sinne eingeweiht werden, durch die Teilnahme an den Impulsen des Christus Jesus die Fähigkeit zu sehen, was aus dieser unserer Erdenwelt wird, wenn die Menschen im Sinne des Christus-Impulses wirken. Wie man zurückblicken kann auf die früheren Zustände, so kann man, von dem Anfangspunkte der Erscheinung des Christus ausgehend, hinblicken in die fernste Zukunft. Man kann sagen: So wird das Bewußtsein sich wieder verändern, so wird der Mensch stehen im Verhältnis der geistigen zur Sinnenwelt. — Während so die frühere Einweihung eine Einweihung in die Vergangenheit, in uralte Weisheit ist, geht die christliche Einweihung dahin, dem Einzuweihenden die Zukunft zu enthüllen. Das ist das Notwendige, daß der Mensch nicht nur eingeweiht wird für seine Weisheit, für sein Gemüt, sondern daß er eingeweiht wird für seinen Willen. Denn dadurch weiß er, was er tun soll, daß er sich Ziele setzen kann für die Zukunft. Der sinnliche Alltagsmensch setzt sich Ziele für den Nachmittag, für den Abend, den Morgen. Der geistige Mensch vermag aus den geistigen Prinzipien heraus ferne Ziele sich zu setzen, die seinen Willen durchpulsen, seine Kräfte lebendig machen. So der Menschheit Ziele setzen, das heißt im wahren höchsten Sinn, im Sinn des ursprünglichen christlichen Prinzips, das Christentum esoterisch erfassen. So hat es derjenige verstanden, der das große Prinzip der Einweihung des Willens geschrieben hat, der die Apokalypse geschrieben hat. Man versteht die Apokalypse schlecht, wenn man sie nicht versteht als den Impulsgeber für die Zukunft, für das Handeln, für die Tat.

[ 33 ] Just as the initiate of ancient times could look back upon the old, bygone eras of spiritual life, so those who are initiated in the Christian sense gain, through their participation in the impulses of Christ Jesus, the ability to see what will become of our earthly world when people act in accordance with the Christ impulse. Just as one can look back on earlier states, so, starting from the point of Christ’s appearance, one can look forward into the most distant future. One can say: This is how consciousness will change again; this is how human beings will relate to the spiritual world in contrast to the sensory world. — Whereas the earlier initiation was an initiation into the past, into ancient wisdom, the Christian initiation aims to reveal the future to the initiate. It is essential that a person be initiated not only for the sake of their wisdom and their soul, but also for the sake of their will. For through this, he knows what he must do, so that he can set goals for the future. The sensory, everyday person sets goals for the afternoon, for the evening, for the morning. The spiritual person is able, based on spiritual principles, to set distant goals that pulse through his will and enliven his powers. To set goals for humanity in this way means, in the truest and highest sense—in the sense of the original Christian principle—to grasp Christianity esoterically. This is how it was understood by the one who wrote about the great principle of the initiation of the will, the one who wrote the Apocalypse. One misunderstands the Apocalypse if one does not see it as the source of inspiration for the future, for action, for deeds.

[ 34 ] Alle die Dinge, die wir heute an uns vorüberziehen ließen, sie sind aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus zu verstehen. Nur Skizzenhaftes konnte ich heute geben. Wenn man aus der Geisteswissenschaft heraus begreift, was hinter dem Sinnlichen steht, dann sieht man auch hin mit dem Verständnis auf das, was verkündet worden ist in den Evangelien, was verkündet worden ist im apokalyptischen Werk. Und je weiter man geht in dem Eindringen, in der Vertiefung nach den übersinnlichen Welten hin, desto Tieferes wird man in den christlichen Urkunden finden. Mit höherem Glanz, mit tieferem Wahrheitsgehalt und Inhalt erscheinen einem die christlichen Urkunden, wenn man, geschärft mit dem geistigen Blick, wie er gewonnen werden kann mit Hilfe der Anthroposophie, hingeht zu diesen Urkunden. Wahr ist es: Das einfachste Gemüt kann ahnen, welche Wahrheiten im Christentum stecken. Nicht immer aber wird sich das Bewußtsein mit einer Ahnung begnügen können, es wird sich höher entwickeln und wissen, erkennen wollen. Doch auch dann, wenn es sich zu den höchsten Weisheiten erhebt, wird es immer noch tiefe Geheimnisse geben im Christentum. Es ist für das einfachste Gemüt, aber auch für die höchstentwickelte Intellektualität. Der Eingeweihte erlebt es wieder als Bilder. Daher mag das naive Bewußtsein ahnen, welche Wahrheiten darin schlummern, aber der Mensch wird nach Erkenntnis verlangen und nicht nach Glauben, und auch dann wird er im Christentum Befriedigung finden. Er wird im Christentum den vollen befriedigenden Inhalt finden können, wenn ihm durch die Geisteswissenschaft die Erklärungen der Evangelien gegeben werden. Daher wird die Geisteswissenschaft an die Stelle selbst der höchsten alten Philosophien treten. Sie wird Zeugnis ablegen von dem uns eingangs vorgeführten schönen Hegelwort: Der tiefste Gedanke ist mit der Gestalt des Christus Jesus, mit der geschichtlichen und äußerlichen, verknüpft, und jede Art von Bewußtsein — das ist das Große am Christentum — kann der Äußerlichkeit nach dieses Christentum begreifen. Zugleich aber werden die tiefst eindringenden Weisheiten durch das Christentum herausgefordert. Für jede Stufe der Bildung ist das Christentum, aber es kann gerecht werden den höchsten Anforderungen.

[ 34 ] All the things we have touched upon today must be understood from the perspective of anthroposophically oriented spiritual science. I was only able to provide a rough outline today. When one comprehends, from the perspective of spiritual science, what lies behind the sensory world, one then also turns one’s understanding to what has been proclaimed in the Gospels and in the apocalyptic writings. And the further one proceeds in penetrating and delving into the supersensory worlds, the greater depth one will find in the Christian texts. The Christian texts appear to us with greater radiance, deeper truth, and richer content when we approach them with a spiritual gaze—one that can be cultivated through anthroposophy. It is true that even the simplest mind can sense the truths contained within Christianity. But consciousness will not always be able to content itself with a mere inkling; it will develop further and seek to know and understand. Yet even when it rises to the highest wisdom, there will still be profound mysteries within Christianity. This is true for the simplest mind, but also for the most highly developed intellect. The initiate experiences it once again as images. Therefore, while the naive consciousness may sense the truths that lie dormant within, the human being will yearn for knowledge rather than faith, and even then he will find satisfaction in Christianity. He will be able to find the full, satisfying content in Christianity when, through spiritual science, he is given the explanations of the Gospels. Therefore, spiritual science will take the place even of the highest ancient philosophies. It will bear witness to the beautiful words of Hegel presented to us at the outset: The deepest thought is linked to the figure of Christ Jesus—to his historical and outward form—and every kind of consciousness—this is the greatness of Christianity—can grasp Christianity in its outward form. At the same time, however, Christianity challenges us to grasp the most profound wisdom. Christianity is suitable for every level of education, yet it can meet the highest demands.