Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108
10 June 1908, Düsseldorf
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Anthroposophy's Response to Universal Questions, tr. SOL
17. Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft
17. Friedrich Nietzsche in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Heute darf ich beginnen mit einem eigenen Erlebnis. Es war mir einmal die Gelegenheit gegeben, nachmittags, etwa um zwei Uhr, einen Mann zu besuchen. Dieser liegt auf einem Ruhebett und er scheint zunächst so in die eigenen Gedanken versunken, daß er nicht bemerkt, daß ich und ein anderer eingetreten sind. Er sinnt weiter und scheint nicht die Umstehenden zu beachten. Man kann - und ich bitte, jedes Wort auf die Waagschale zu legen - den Eindruck empfangen, man stehe vor einem Menschen, welcher den ganzen Vormittag intensiv mit schweren Fragen und Problemen beschäftigt war, dann zu Mittag gegessen hat und jetzt diese Zeit benutzt, daß er durch die Seele noch einmal hindurchziehen läßt, was er gearbeitet hat. Man kann den Eindruck empfangen von dieser Persönlichkeit, die bis zur Brust durch eine Decke verhüllt ist, von einem ungemein frischen Menschen, dessen Geistesfrische sich ausdrückt auch in der frischen Gesichtsfarbe. Man kann den Eindruck empfangen einer ganz seltenen Menschenstirne, die eigentlich eine Kombination ist von einer schönen Künstlerstirne und einer Denkerstirne, den Eindruck von einer Persönlichkeit, die vollständig frisch über die großen Menschheitsprobleme nachsinnt. Diese Persönlichkeit, die in dieser Weise den Menschen, der sie sah, hätte beeindrucken können, war in der Zeit, als sie dieses Bild bot, bereits mehr als drei Jahre wahnsinnig. Solche Augenblicke, wie der beschriebene, wechselten mit furchtbaren, aber wir wollen diesen Augenblick festhalten.
[ 1 ] Today I would like to begin with a personal experience. I once had the opportunity to visit a man in the afternoon, around two o’clock. He was lying on a reclining chair and at first seemed so lost in his own thoughts that he did not notice that I and another person had entered the room. He continued to ponder and did not seem to take any notice of those around him. One might—and I ask that you weigh every word carefully—get the impression that one is standing before a person who had been intensely occupied with serious questions and problems all morning, then had lunch, and is now using this time to let what he has been working on pass through his soul once more. One gets the impression of this figure, who is wrapped up to the chest in a blanket, as an extraordinarily fresh person whose mental vitality is also reflected in his fresh complexion. One might get the impression of a truly rare human forehead—which is actually a combination of a beautiful artist’s forehead and a thinker’s forehead—the impression of a person who is contemplating the great problems of humanity with complete freshness. This person, who could have made such an impression on anyone who saw her, had already been insane for more than three years at the time she presented this image. Moments like the one described alternated with terrible ones, but let us hold on to this moment.
[ 2 ] Die Persönlichkeit war Friedrich Nietzsche, den ich vorher nicht sah und nachher nicht mehr sehen konnte. Sie können ermessen, daß ein solcher Anblick vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus an sich etwas tief Bedeutsames ist. Weil eigentlich die Beschreibung dem wahren Tatbestand widerspricht, sagte ich: Man hätte diesen Eindruck empfangen können. Man muß sich ein eigentümliches Phänomen vor Augen halten: daß zwischen dem Inneren und Äußeren ein Widerspruch entsteht. Nietzsche wußte damals nichts mehr von seinem Schaffen. Er wußte nicht, daß er seine Schriften geschrieben, kannte seine Umgebung nicht und was dergleichen mehr ist. Und dennoch lag er so frisch, wie von einem tiefen Gedanken durchdrungen auf dem Ruhebett, und man hätte in sich eine merkwürdige Empfindung davontragen können, die da diejenigen besser verstehen werden, die sich schon längere Zeit mit geistigen Problemen beschäftigt haben, die Empfindung nämlich: Wie kommt es, daß diese Seele immer noch diesen Leib umschwebt?
[ 2 ] The person was Friedrich Nietzsche, whom I had not seen before and could not see afterward. You can appreciate that, from the standpoint of the humanities, such a sight is in itself something deeply significant. Because the description actually contradicts the true facts, I said: One could have had this impression. One must bear in mind a peculiar phenomenon: that a contradiction arises between the inner and the outer. At that time, Nietzsche knew nothing more of his own work. He did not know that he had written his works, was unaware of his surroundings, and so on. And yet there he lay on his bed, looking as fresh as if imbued with a profound thought, and one could have come away with a strange sensation—one that will be better understood by those who have long been engaged with intellectual problems—namely, the sensation: How is it that this soul still hovers around this body?
[ 3 ] Ein tiefes Eingehen auf Nietzsches Persönlichkeit und seine Geistesarbeit kann in gewisser Weise Antwort auf diese Frage geben. In der Tat haben wir in Nietzsche eine ganz eigenartige Persönlichkeit vor uns. Es wird kaum irgendeinem gelingen, in sein Wesen einzudringen, der irgendwie auf dem Standpunkt steht: Entweder nehme ich an oder ich lehne ab -, der nicht selbstlos sich einlassen kann auf das, was diese Persönlichkeit an sich war. Es kann sein, daß gerade Anthroposophen meine Schrift «Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» übelnehmen. Denn es liegt in der Natur unserer Zeit, daß sie sagt: Nun ja, wer so über Nietzsche spricht, der muß auch Nietzscheaner sein. - Ich kann aber sagen: Wäre es mir nicht gelungen, das zur Tatsache zu machen: mich zu vertiefen in eine Persönlichkeit, ohne meine eigenen Erlebnisse zu bedenken, so würde ich heute nicht so davon sprechen, wie ich davon sprechen kann und darf.
[ 3 ] A deep exploration of Nietzsche’s personality and his intellectual work can, in a certain sense, provide an answer to this question. Indeed, Nietzsche is a truly unique personality. Hardly anyone will succeed in penetrating his essence if they take the stance of “I either accept or reject”—if they cannot selflessly engage with what this personality was in and of itself. It may be that anthroposophists, in particular, take offense at my book Friedrich Nietzsche, a Fighter Against His Time. For it is in the nature of our time to say: “Well, anyone who speaks of Nietzsche in this way must also be a Nietzschean.”—But I can say this: If I had not succeeded in making it a reality—that is, in immersing myself in a personality without regard for my own experiences—I would not be speaking of it today as I am able and permitted to do.
[ 4 ] Es gibt einen Standpunkt der unabhängigen Objektivität. Das ist, als ob man das Sprachrohr des anderen Wesens wäre. Bei Friedrich Nietzsche ist diese Art der Betrachtung auch um seiner selbst willen nötig. Es würde wahrscheinlich auf die Persönlichkeit Nietzsches, wenn er heute innerhalb des Gehirnes wahrnehmen könnte, das einen merkwürdigen Eindruck machen, was Nietzsches Anhänger und Gegner schreiben. Beides würde ihn dann höchst merkwürdig berühren. Er würde einen Abscheu haben vor allen seinen Taten. Sein Wort würde ihm vor der Seele stehen: «Was liegt an allen Gläubigen ...; erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.» Und nunmehr, nachdem wir die Empfindung hingestellt haben, die wir an Nietzsches Krankenlager hätten empfangen können, wollen wir versuchen, uns ein Bild von Nietzsche zu machen, wie es durch sich selbst und durch das neuzeitliche Geistesleben erscheint.
[ 4 ] There is a perspective of independent objectivity. It is as if one were the mouthpiece of another being. For Friedrich Nietzsche, this kind of perspective is necessary in and of itself. If Nietzsche were able to perceive things from within his own mind today, what his followers and opponents write would likely make a strange impression on him. Both would strike him as highly peculiar. He would feel revulsion toward all his actions. His own words would stand before his soul: “What is the use of all believers …; only when you have all denied me will I return to you.” And now, having set aside the feeling we might have experienced at Nietzsche’s sickbed, let us try to form a picture of Nietzsche as he appears through himself and through modern intellectual life.
[ 5 ] Ganz anders als mancher andere Geist, stand Nietzsche in dieser Zeit da. Wir erfassen die Eigenart seiner Seele vielleicht am besten dadurch, daß wir sagen, daß vieles, was für andere Menschen Begriff, Vorstellung, Idee, Überzeugung war, für ihn Empfindung, Gefühl, innerstes Erlebnis wurde. Lassen wir vor unsere Seele treten wie im Fluge die Bilder des neuzeitlichen Geisteslebens der letzten fünfzig bis sechzig Jahre, die auch an ihm vorüberzogen. Der Materialismus der fünfziger Jahre, der in fast allen Kulturländern seine Bekenner hatte, sagte: Nichts ist real als die Materie und ihre Bewegung. Daß der Stoff sich so gestaltet, wie wir ihn sehen, bewirkt die Bewegung. Im Gehirn bewirkt die Bewegung den Gedanken. - Wir gedenken der Zeit, da man sagte, daß die Sprache eine Ausbildung der tierischen Laute sei. Wir denken auch daran, daß das Erlebnis und die Empfindung als höhere Instinkte gedacht wurden. Wir denken daran, daß es nicht die schlechtesten Geister waren, die solche Gedanken ausprägten. Die würdigsten, konsequentesten fanden darin sogar eine gewisse Befriedigung. Es war nicht einer, die also gedacht hätte: Ich sehe nicht mit Befriedigung das Herrschen der Materie. Die meisten sagten: Ich finde die höchste Seligkeit in dem Gedanken, daß alles sich auflösen soll. - Daran konnten sich viele berauschen. Wir gedenken der Tatsache, daß darin auch eine Systematik in diese Weltanschauung gekommen ist, und diese dadurch ihre höchste Blüte erreichte.
[ 5 ] Nietzsche stood out during this period in a way quite different from many other thinkers. We can perhaps best grasp the uniqueness of his soul by saying that much of what for other people was a concept, a notion, an idea, or a conviction became, for him, a sensation, a feeling, or an innermost experience. Let us allow the images of modern intellectual life over the last fifty to sixty years—which also passed him by—to flash before our minds. The materialism of the 1850s, which had its adherents in nearly all civilized countries, declared: Nothing is real except matter and its motion. It is motion that causes matter to take the form in which we see it. In the brain, motion gives rise to thought. — We recall the time when it was said that language was a development of animal sounds. We also remember that experience and sensation were regarded as higher instincts. We remember that it was not the least intelligent minds who articulated such ideas. The most dignified and consistent among them even found a certain satisfaction in them. There was not a single one who would have thought: “I do not view the dominion of matter with satisfaction.” Most said: “I find the highest bliss in the thought that everything is destined to dissolve.”—Many could revel in this. We recall the fact that a systematic structure also emerged within this worldview, and that it thereby reached its highest flowering.
[ 6 ] Und dann malen wir uns ein anderes Bild, das Bild der Seelenauffassung eines solchen Menschen, der den Blick auf die großen Ideale der Menschheit richtet, der seinen Blick zurück richtet zu Buddha, Hermes, Pythagoras, Plato, der sich erbauen konnte an der Gestalt des Christus Jesus, des Trägers der menschlichen Geistestaten, des Trägers alles dessen, was das menschliche Herz erhöht. Wir malen uns das Bild eines Menschen, der alles das nachempfinden konnte. Dabei bedenken wir, daß dieser Mensch sich sagte: Ach, alle die Buddhas, Hermes’, Pythagoras’, Platos, sie alle haben doch nur geträumt von hohen geistigen Idealen, von irgend etwas, das sie erheben kann.
[ 6 ] And then let us imagine a different picture—the picture of the conception of the soul held by such a person, one who turns his gaze toward the great ideals of humanity, who looks back to Buddha, Hermes, Pythagoras, and Plato, and who was able to find inspiration in the figure of Christ Jesus, the bearer of human spiritual states, the bearer of all that uplifts the human heart. We imagine a person who was able to empathize with all of this. In doing so, we consider that this person said to himself: “Ah, all those Buddhas, Hermes, Pythagoras, Plato—they were all just dreaming of lofty spiritual ideals, of something that could uplift them.”
[ 7 ] Ich schildere Ihnen nichts Erfundenes. Ich schildere Ihnen die Seele vieler Menschen der sechziger Jahre. Bei Menschen, die vom Materialismus wie überwältigt waren, welche die Ideale für Schaumgebilde hielten, da waren diese Gedanken vorhanden. Und tiefe Tragik lud sich auf die Seelen solcher Menschen. In solch einer Zeit lebte Friedrich Nietzsche als Student, als junger Professor. In solch einer Zeit bildete er sich aus. Keinem der anderen Geister war er verwandt. Ganz anders war sein Typus als der der Zeitgenossen. Geisteswissenschftlich kann man ihn verstehen. Wenn man darauf Rücksicht nimmt, daß der Mensch aus mehreren Leibern besteht, dann kann man wissen, daß schon der junge Nietzsche in bezug auf die Zusammenfügung seines Ätherleibes und physischen Leibes eine Ausnahme machte. Bei Nietzsche war eine viel schwächere Verbindung des Ätherleibes mit dem physischen Leib vorhanden, so daß das, was diese Persönlichkeit innerlich seelisch erlebte, auf eine viel geistigere Art erlebt wurde, viel unabhängiger vom physischen Leibe, als das bei anderen Menschen der Fall ist.
[ 7 ] I am not describing anything made up. I am describing to you the soul of many people of the 1860s. Among people who were, as it were, overwhelmed by materialism, who regarded ideals as mere illusions, these thoughts were present. And a deep tragedy weighed upon the souls of such people. It was during such a time that Friedrich Nietzsche lived as a student and as a young professor. It was during such a time that he developed his thinking. He was unlike any of the other thinkers of his time. His character was entirely different from that of his contemporaries. One can understand him from a spiritual-scientific perspective. If one takes into account that a human being consists of several bodies, then one can see that even the young Nietzsche was an exception in terms of the interplay between his etheric body and his physical body. In Nietzsche’s case, there was a much weaker connection between the etheric body and the physical body, so that what this personality experienced inwardly and emotionally was experienced in a much more spiritual way, much more independently of the physical body than is the case with other people.
[ 8 ] Nun war es zunächst der Student Nietzsche, der in die Welt der Griechen hineingeführt wurde. Für ihn gab es jetzt zwei Strömungen in seinem Seelenleben. Die eine nennen wir etwas Angeborenes, in seinem Karma Liegendes. Diese war ein tief religiöser Zug, das war ein Stimmmungszug seines Wesens, ein Zug, der etwas verehren, zu etwas hinaufschauen muß. Religiöses Fühlen war da; und durch die eigentümliche Art, wie dieser Ätherleib mit dem physischen Leib verbunden war, war das, was dafür Bedingung ist, bei ihm vorhanden: eine ungeheure Empfänglichkeit für das, was zwischen den Zeilen der Bücher und zwischen den Worten der Lehrer zu lesen und zu hören war, was da zu fühlen und zu ahnen war. So bildete sich bei ihm ein Bild der alten Griechenwelt, das seine Seele ganz erfüllte, ein eigenartiges Bild, das mehr im Empfinden lebte als im klaren Vorstellen. Wollen wir es so recht vor unsere Seele stellen, wie es erlebt wurde von dem jungen Nietzsche, so müssen wir ihn und seine Zeit betrachten.
[ 8 ] At first, it was the student Nietzsche who was introduced to the world of the Greeks. For him, there were now two currents in his inner life. We shall call one of them something innate, something inherent in his karma. This was a deeply religious trait, a mood-like quality of his being—a trait that must revere something, that must look up to something. Religious feeling was present; and because of the peculiar way in which this etheric body was connected to the physical body, the prerequisite for this was present in him: an immense receptivity to what could be read between the lines of books and heard between the words of teachers—to what could be felt and sensed there. Thus an image of the ancient Greek world took shape within him that completely filled his soul—a unique image that lived more in feeling than in clear conception. If we are to truly bring this image before our minds as it was experienced by the young Nietzsche, we must consider him and his time.
[ 9 ] Nietzsche stand in einem losen Zusammenhang mit dem Materialismus seiner Zeit. Er konnte ihn verstehen, aber dieser Materialismus war etwas, was ihn kaum berührte. Da sein Ätherleib nur leicht verbunden war mit dem physischen Leibe, so berührte ihn die materialistische Zeit nur etwa so, wie wenn eine schwebende Gestalt mit dem Saume des Kleides kaum die Erde berührt. Nur eines war als dunkles Gefühl bei ihm vorhanden, das Gefühl von der tiefen Unbefriedigung einer solchen Weltanschauung. Das Gefühl, daß ein Mensch, der eine solche Weltanschauung hat, der Öde, der Leere des Lebens gegenübersteht; das war es, was wie ein leiser Anflug seine Seele berührte. Darüber erhob sich das, was als Anschauung über das Griechentum in seiner Seele lebte. Wir verstehen das, wenn wir lernen das zu begreifen, was in seiner Seele gelebt hat. Dieses Bild war nicht so, daß man scharfe Worte wählen darf. Wir wollen versuchen, es so darzustellen, wie es sich uns durch die Geisteswissenschaft zeigen kann.
[ 9 ] Nietzsche had only a loose connection to the materialism of his time. He could understand it, but this materialism was something that hardly affected him. Since his etheric body was only loosely connected to his physical body, the materialistic era affected him only about as much as when a floating figure barely touches the ground with the hem of its garment. Only one thing was present in him as a vague feeling: the sense of deep dissatisfaction with such a worldview. The feeling that a person who holds such a worldview faces the desolation and emptiness of life—that was what touched his soul like a faint breeze. Above this rose what lived in his soul as a vision of Greek civilization. We understand this when we learn to grasp what lived in his soul. This image was not one for which one can choose harsh words. Let us try to portray it as it can be revealed to us through spiritual science.
[ 10 ] Der Geisteswissenschafter blickt ja in eine uralte Menschenentwickelung, von der die Geschichte nichts mehr weiß. Allein das Hellsehen kann in diese Zeiten hineinleuchten, wo die Weisheit ganz anders lebte als später, in die Zeit der Mysterien, wo die Menschen, die dazu reif waren, in die Mysterien eingeweiht wurden und durch die Eingeweihten zu einer Anschauung der Menschheitsentwickelung gebracht worden sind. Wenn wir uns ein Bild von den niederen Mysterien machen wollen, so müssen wir uns einen besonderen Vorgang vor die Seele führen. Nicht so, wie es heute geschieht, geschah diese Einführung oder Belehrung. In etwas ganz anderem bestand das Lernen. Nehmen wir an, daß der Gedanke, den der Mensch heute so trocken faßt, daß geistige Wesen es waren, die ins Materielle herunterstiegen, daß das Materielle aber hinaufstieg und sich entwickelte bis zum gegenwärtigen Menschen, daß dieser Gedanke, der so nüchtern ist, damals in einem bedeutenden Bilde vorgeführt wurde. Man sah förmlich das Herabsteigen des Geistes und das Hinaufsteigen des Materiellen. Das spielte sich buchstäblich ab; und was der Schüler da sah, das war für ihn Weisheit; das war für ihn Wissenschaft, die aber nicht in Begriffe gefaßt, sondern in Anschauung erfühlbar war für ihn. Noch etwas anderes war dabei. Das Bild, das der Schüler sah, war so, daß er davor saß mit großen, frommen Gefühlen. Er erhielt da Weisheit und Religion in einem. Außerdem war das ganze Bild schön. Es war wahrhafte, echte Kunst. Von Kunst, Weisheit, Religion, in eins verbunden, war der Schüler umströmt.
[ 10 ] The scholar of the humanities looks back on an ancient phase of human development of which history knows nothing. Only clairvoyance can shed light on these times, when wisdom was lived quite differently than later, on the era of the Mysteries, when people who were ready for it were initiated into the Mysteries and, through the initiates, were led to a vision of human evolution. If we wish to form a picture of the lower mysteries, we must bring a particular process to mind. This initiation or instruction did not take place as it does today. The learning consisted of something entirely different. Let us suppose that the idea—which people today grasp so dryly—that spiritual beings descended into the material world, while the material world itself ascended and developed into modern humanity; let us suppose that this idea, which is so sober, was presented at that time through a powerful image. One could literally see the descent of the spirit and the ascent of the material. This took place quite literally; and what the student saw there was wisdom for him; it was science for him—not expressed in concepts, but perceptible to him through direct experience. There was something else involved as well. The scene the student witnessed was such that he sat before it filled with deep, devout feelings. There he received wisdom and religion as one. Moreover, the entire scene was beautiful. It was true, genuine art. The student was enveloped by art, wisdom, and religion, all united as one.
[ 11 ] Es ist im Gang der Menschheitsentwickelung begründet, daß das, was vereinigt war, getrennt wurde: Kunst, Wissenschaft und Religion. Denn es hätte keinen Fortschritt in der Menschheitsentwickelung geben können, wenn die Menschen alles dies vereinigt behalten hätten. Damit jedes im einzelnen vervollkommnet wurde, mußte getrennt werden, was früher vereinigt war: Wissenschaft, Kunst und Religion, um später zusammenströmen zu können auf einer höheren Stufe in Vollkommenheit. Das, was sich jetzt in scharfen Konturen zeigt, darüber denken Sie sich einen Schleier gebreitet, so daß eines ins andere übergeht. Und denken Sie, daß sich in dem griechischen Kulturleben ein Nachklang der alten Menschheitsentwickelung auslebt und nur eine dunkle Ahnung, ein Gefühl davon im griechischen Kulturleben zurückgeblieben ist.
[ 11 ] It is inherent in the course of human development that what was once united has been separated: art, science, and religion. For there could have been no progress in human development if people had kept all of these united. In order for each to be perfected individually, what was once united—science, art, and religion—had to be separated, so that they might later converge at a higher level of perfection. Imagine a veil spread over what now appears in sharp contours, so that one blends into the other. And consider that in Greek cultural life, an echo of humanity’s ancient development is playing out, and only a dim inkling, a feeling of it, has remained in Greek cultural life.
[ 12 ] Damit haben Sie das Gefühl, das lebte im jungen Nietzsche; das war der Grundklang seiner Seele. Die Öde des sinnlichen Daseins ist Leid; es zu ertragen, dazu sind uns Kunst, Wissenschaft und Religion gegeben. Über dieses Leid die Erlösung zu breiten, das ist die Grundstimmung seiner Seele. Immer mehr rückte in seinen Gesichtskreis das Bild der griechischen Kunst. Die Kunst wurde ihm zum großen Mittel, das Leben im Sinnlichen zu ertragen. So wuchs er heran. In dieser Stimmung war er als Abiturient. Es ging ihm, wie es bei solchen Naturen der Fall ist: Mit großer Leichtigkeit eignete er sich alles das an, was andere nur mit Schwierigkeiten sich aneignen können. So wurde es für Nietzsche leicht, das äußere Rüstzeug des Philologen sich anzueignen und so Ordnung in seine Grundstimmung hineinzubringen. Dann kam die Zeit, in der er sich immer mehr und mehr vervollkommnete. Jetzt sehen wir, wie ihm allmählich eine Ahnung von dem alten Geisteszusammenhang der verschiedenen Menschheitsströmungen dämmert. Wie ein unbestimmtes Dunkel ahnte er diesen Zusammenhang. Er ahnte ein Höheres, das waltet in den einzelnen Persönlichkeiten. Wenn er sich vertiefte in das wirkliche Griechentum, in dasjenige, was Thales, Anaxagoras, Heraklit gedacht haben, so bildete sich ein merkwürdiger Gedanke bei ihm aus, der ihn so sehr von anderen unterscheidet. Er sagt selber einmal: Wenn ich mich vertiefe in die griechischen Philosophen, dann kann ich das nicht so wie andere machen, wie andere das machen, das ist mir nur ein Mittel. - Jetzt bildet sich bei ihm das heraus, was ihn so von anderen Denkern unterscheidet. Wir können uns das am besten durch ein Beispiel klarmachen. Nehmen wir Thales. Ein gewöhnlicher Gelehrter nimmt die Lehren des Thales auf, aber ihm ist Thales mehr oder weniger ein historisches Beispiel. Er studiert in ihm den Geist der Zeit. Für Nietzsche sind alle die Gedanken dieses Philosophen nur ein Zugang, nur ein Weg zur Seele des Thales selber; leibhaftig, plastisch steht Thales vor ihm. Mit ihm schließt er Freundschaft, er kann mit ihm verkehren, er hat mit ihm ein rein persönliches Freundschaftsverhältnis. Jede Gestalt wird für Nietzsche wirklich, steht mit ihm in wirklichem Bezug. Sehen Sie das an, was er geschrieben, sehen Sie jene Abhandlung an: «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», 1872/73, da werden Sie das finden. Er ist dazu da, durch die Philosophie Freundschaft zu schließen mit denen, die er schildert. Wenn man aber solche intimen Verhältnisse eingeht, dann bedeutet das für Herz und Seele etwas ganz anderes als unsere trockene Wissenschaft. Denken Sie doch, wie öde das ist, was eine gelehrte Geschichte schreibt! Das kann ja nur gelehrte Hypothese sein.
[ 12 ] This gives you a sense of what lived within the young Nietzsche; that was the fundamental tone of his soul. The desolation of sensory existence is suffering; art, science, and religion are given to us to endure it. To spread redemption over this suffering—that is the fundamental mood of his soul. The image of Greek art increasingly came into his field of vision. Art became for him the great means of enduring life in the realm of the senses. This is how he grew up. He was in this frame of mind as a high school graduate. It was as is often the case with such natures: with great ease, he mastered everything that others can master only with difficulty. Thus it was easy for Nietzsche to acquire the external tools of the philologist and thereby bring order to his fundamental disposition. Then came the time when he perfected himself more and more. Now we see how a sense of the ancient spiritual connection between the various currents of humanity gradually dawned on him. He sensed this connection as an indefinite darkness. He sensed a higher power at work within individual personalities. When he delved into authentic Greek thought—into what Thales, Anaxagoras, and Heraclitus had conceived—a remarkable idea took shape within him, one that sets him so distinctly apart from others. He himself once said: “When I delve into the Greek philosophers, I cannot do so in the same way as others; for me, that is merely a means.”—Now what distinguishes him so markedly from other thinkers begins to take shape within him. We can best understand this through an example. Let’s take Thales. An ordinary scholar absorbs Thales’s teachings, but for him, Thales is more or less a historical example. He studies in him the spirit of the times. For Nietzsche, all of this philosopher’s thoughts are merely a point of entry, merely a path to the soul of Thales himself; Thales stands before him in the flesh, vividly and tangibly. He forms a friendship with him; he can interact with him; he has a purely personal, friendly relationship with him. Every figure becomes real for Nietzsche; they stand in a genuine relationship with him. Look at what he wrote; look at that essay: “Philosophy in the Tragic Age of the Greeks,” 1872/73—there you will find it. His purpose is to form friendships, through philosophy, with those he describes. But when one enters into such intimate relationships, it means something entirely different for the heart and soul than our dry science. Just think how dreary the writings of a scholarly historian are! That can only be a scholarly hypothesis.
[ 13 ] Liebe, Leid und Schmerz, die ganze Emotion der Seele, kann sich bei gewöhnlichen Menschen nur ausleben gegenüber den Menschen, die uns umgeben im Alltagsleben. Alles, vom tiefsten Schmerz bis zur höchsten Seligkeit, die ganze Skala der Gefühle konnte bei Nietzsche sich abspielen gegenüber den Seelen, die ihm erstehen aus den grauen Geistestiefen. Auf ganz anderen Gebieten als in der täglichen Umwelt leben die Wesenheiten, zu denen er sich hingezogen fühlt. Das, was gewöhnliche Menschen im Alltagsleben empfinden, das spielt sich bei Nietzsche gegenüber den Freunden ab, die für ihn erstanden sind aus der geistigen Welt. So war für ihn eine geistige Welt verhanden, in der er Leid, Freude und Liebe empfand. Er war immer so etwa wie ein wenig schwebend über der Wirklichkeit, der Sinneswelt. Das ist der große Unterschied, der ihn auszeichnet vor den anderen Menschen seiner Zeit.
[ 13 ] Love, sorrow, and pain—the full range of the soul’s emotions—can, for ordinary people, only be fully expressed toward the people who surround us in everyday life. Everything—from the deepest pain to the highest bliss, the entire spectrum of feelings—could play out in Nietzsche’s experience with the souls that arose for him from the gray depths of the spirit. The beings to whom he felt drawn dwell in realms entirely different from his daily environment. What ordinary people experience in everyday life unfolds for Nietzsche in relation to the friends who have emerged for him from the spiritual world. Thus, a spiritual world existed for him in which he experienced suffering, joy, and love. He was always, as it were, hovering somewhat above reality, the sensory world. That is the great difference that sets him apart from other people of his time.
[ 14 ] Und nun sehen wir einmal, wie dieses Leben sich gestaltete! Wir sehen vor allem seine große Leichtigkeit des Erfassens. Er hat noch nicht seinen Doktor gemacht, da ergeht an die Adresse seines Lehrers Ritschl, des großen Philologen, die Anfrage der Basler Universität, ob er nicht einen Schüler für eine Professur empfehlen könne? Er empfiehlt Nietzsche, und als man in Anbetracht der Jugend Nietzsches fragte, ob er denn wirklich geeignet sei, da schrieb Ritschl: «Nietzsche wird alles können, was er will.» Da wird der junge Gelehrte Professor in Basel. Er wurde zum Doktor ernannt, als er schon Professor war, und zwar ohne Examen, da die Herren, vor denen er das Examen ablegen sollte, sagten: Aber Herr Kollege, wir können Sie doch nicht prüfen. - Diese Dinge gehen ganz verständlich ihren leichten, über der Wirklichkeit schwebenden Gang.
[ 14 ] And now let’s see how this life unfolded! Above all, we see his remarkable ease of comprehension. He hadn’t even earned his doctorate yet when the University of Basel sent a request to his teacher Ritschl, the great philologist, asking if he could recommend a student for a professorship. He recommended Nietzsche, and when, in view of Nietzsche’s youth, they asked whether he was truly qualified, Ritschl wrote: “Nietzsche will be able to do anything he wants.” And so the young scholar became a professor in Basel. He was awarded his doctorate after he had already become a professor—without taking an exam—since the gentlemen before whom he was to take the exam said: “But, colleague, we cannot possibly examine you.”—These things take their easy course, floating above reality, in a perfectly understandable way.
[ 15 ] Da geschieht für ihn ein zweifaches Ereignis. Er lernt kennen den Seeleninhalt eines bereits gestorbenen und eines lebenden Menschen. Er lernt in Schopenhauer eine Seele kennen, die er betrachten kann nicht wie einen Menschen, dessen philosophisches System er anschaut und bewundert, und auf dessen Lehren er schwören möchte, sondern er hat ihm gegenüber eine Empfindung, als ob er zu ihm sagen möchte: «Vater!» Und er lernt kennen Richard Wagner, der merkwürdige Seelenerlebnisse hatte, die sich mit dem, was Nietzsche bei der Betrachtung des Griechentums empfand, berührten. Richard Wagner brauchen wir nur mit ein paar Strichen zu zeichnen. Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß Richard Wagner sagte: Es muß einen Urgrund der Kultur geben, wo die Künste alle vereint waren. - Er selbst hat das große Menschheitsideal empfunden, als Künstler die Künste wiederum zusammenzubringen, zu vereinigen, über sie eine religiöse Weihestimmung zu gießen. - Jetzt denken wir daran, wie in Nietzsche etwas lebendig lebte, das in seine Seele jenen Urzustand der Menschheit zauberte, da die Künste noch vereint waren. Wir denken an seine Worte: Willst du den wahren Menschen schildern, so mußt du darauf Rücksicht nehmen, daß ein Höheres in jedem Menschen lebt. Willst du die wahre Menschheit schildern, so mußt du zu den Gestalten gehen, die über die Sinnlichkeit hinausreichen. - Er war immer so ein wenig schwebend über der Wirklichkeit der Sinneswelt. Dadurch, daß er suchte nach jenem Höheren, dadurch, daß er suchte nach den Gestalten, die über die Sinnlichkeit hinausreichen, wurde er zum «Übermenschen» geführt, zu dem geisterfüllten Übermenschen. So schuf er seine reinen, abgeklärten, mythischen Gestalten.
[ 15 ] A twofold event takes place for him. He comes to know the inner life of a person who has already died and of a living person. In Schopenhauer, he encounters a soul that he cannot regard merely as a person whose philosophical system he examines and admires, and whose teachings he would like to swear by; rather, he feels toward him as if he wanted to say to him: “Father!” And he comes to know Richard Wagner, who had remarkable spiritual experiences that resonated with what Nietzsche felt when contemplating Greek culture. We need only sketch Richard Wagner in a few strokes. We need only recall that Richard Wagner said: There must be a primal source of culture where all the arts were united. - He himself felt the great ideal of humanity: as an artist, to bring the arts together again, to unify them, and to imbue them with a religious sense of consecration. - Now let us consider how something came alive within Nietzsche that conjured into his soul that primordial state of humanity, when the arts were still united. We recall his words: “If you wish to portray the true human being, you must take into account that something higher lives within every human being. If you wish to portray true humanity, you must turn to the forms that transcend the sensual.” - He was always somewhat suspended above the reality of the sensory world. Because he sought that Higher, because he sought the figures that transcend sensuality, he was led to the “Superman,” the spirit-filled Superman. Thus he created his pure, serene, mythical figures.
[ 16 ] In diesem Empfinden wurde er zu der höheren Sprache, zur Musik geleitet, zu der Sprache des Orchesters, das der Ausdruck der Seele werden konnte. Erinnern wir uns an das, was in Richard Wagners Seele lebte: Vor ihm standen die Gestalten Shakespeares und Beethovens. Bei Shakespeare sah er handelnde Gestalten. Er sah Gestalten, deren Handlungen vor sich gehen, wenn sie Seele gefühlt hat, wenn sie Gefühle von Schmerz und Leid und Gefühle von höchster Seligkeit gehabt hat. In Shakespeares Dramen erscheint nach Richard Wagner das Resultat der Seelenerlebnisse der handelnden Personen. Das ist eine Dramatik, die einzig und allein das Innere veräußerlicht veranschaulichen will. Und man kann bei Shakespeare die Erlebnisse der Seele der handelnden Personen ahnen. Daneben erschien ihm das Bild des Symphonikers Beethoven. In der Symphonie erschaute Wagner die Wiedergabe dessen, was in der Seele, in der ganzen Empfindungsskala zwischen Leid und Seligkeit lebt. In der Symphonie lebt sich das Seelenempfinden aus, wird aber nicht Handlung, tritt nicht in den Raum. Einmal schien ihm dieses innere Erleben in der Musik Beethovens sich mit aller Macht veräußerlichen zu wollen, im Schluß der neunten Symphonie. Da will Wagner einsetzen. Er will Beethoven in gewissem Sinne fortsetzen. Er will eine Synthesis, eine Einigung zwischen Shakespeares und Beethovens Kunst herbeiführen. Es war etwas von jener Urmenschheitskultur in Wagner lebendig. Das, was da in ihm als Impuls lebte, das mußte für Nietzsche erscheinen wie die Realisierung seiner bedeutsamsten Träume.
[ 16 ] With this sentiment, he was led to the higher language—to music—to the language of the orchestra, which could become the expression of the soul. Let us recall what lived in Richard Wagner’s soul: before him stood the figures of Shakespeare and Beethoven. In Shakespeare, he saw characters in action. He saw figures whose actions unfolded when their souls were stirred, when they experienced feelings of pain and suffering and feelings of the highest bliss. According to Richard Wagner, Shakespeare’s dramas reveal the result of the characters’ inner experiences. This is a form of drama that seeks solely to externalize and illustrate the inner world. And in Shakespeare, one can sense the inner experiences of the characters. Alongside this, the figure of Beethoven the symphonist appeared to him. In the symphony, Wagner saw the expression of what lives in the soul—the entire spectrum of feeling between suffering and bliss. In the symphony, the soul’s feelings find their full expression, yet they do not become action; they do not enter the physical space. At one point, this inner experience seemed to him to be striving with all its might to manifest itself outwardly in Beethoven’s music—in the finale of the Ninth Symphony. That is where Wagner wanted to step in. He wanted, in a certain sense, to carry on Beethoven’s work. He wanted to bring about a synthesis, a reconciliation between the art of Shakespeare and that of Beethoven. Something of that primordial human culture was alive in Wagner. What lived within him as an impulse must have appeared to Nietzsche as the realization of his most significant dreams.
[ 17 ] Ein anderes Verhältnis verknüpfte Nietzsche mit Schopenhauer. Er las Schopenhauer mit Inbrunst. Wie bei jeder Schule machte er auch bei Schopenhauer seine Vorbehalte. Um so mehr war das Gefühl in ihm rege, zu ihm «Vater» zu sagen. Er hatte zu ihm ein tiefes Verhältnis. Schopenhauer hatte für ihn nicht die Schwere wie Richard Wagner. Er fühlt den läuternden, veredelnden Einfluß Schopenhauers. So sehen wir die Entstehung seines Werkes «Schopenhauer als Erzieher». Das alles entsprang dem Gefühl, zu ihm «Vater» zu sagen. So kann man sich kein Bild denken, das ein lebendigeres Band knüpfen konnte zwischen den Lebenden und den Toten.
[ 17 ] Nietzsche had a different relationship with Schopenhauer. He read Schopenhauer with fervor. As with every school of thought, he also had his reservations about Schopenhauer. This made him all the more eager to call him “Father.” He had a deep connection with him. Schopenhauer did not carry the same weight for him as Richard Wagner did. He felt Schopenhauer’s purifying, ennobling influence. This is how we see the genesis of his work Schopenhauer as Educator. All of this sprang from the feeling of calling him “Father.” One cannot imagine a more vivid bond between the living and the dead.
[ 18 ] Aber etwas war bei Nietzsche als Frage vorhanden, was ihm Schopenhauer nicht aufklärte. Immer drängte sich ihm die Frage über die Kulturzusammenhänge auf. Er hatte intuitiv den Urzustand der Menschheit erfaßt, in dem große einzelne Geister, die Eingeweihten, die Menschen in den Mysterien belehrten und führten. So gelangte er zu dem Begriff des «Übermenschen», der, wie er glaubte, notwendig aus der Geschichte der natürlichen Entwickelung erstehen muß. Das ist sein Begriff des Übermenschen, wie schon der Satz zeigt: «Indem die Natur sich selbst heraushebt zum großen Menschen, erfüllt sie ihr höchstes Ziel, die große Persönlichkeit.» So gliedert sich für ihn Natur und Mensch zusammen. Und jetzt wird alles das, was er erlebt, alles andere als Theorie. Es wird alles ureigenes seelisches Erlebnis. Es wird etwas, wo sein Schmerz, seine Freude, seine Tatenlust emporglüht. Was er sagt, darauf kommt es weniger an, als daß für uns das Gesagte hindeutet auf das, was in seinem Herzen glühte. Und aus dem Ausklingen dessen, was er so in seiner Seele erlebt, geht sein erstes, bedeutsames Werk hervor: «Die Geburt der Tragödie.» Da fällt er geradezu darauf, wie sich aus dem alten Griechentum, aus dem Zustand der vereinten Künste, die griechische Kultur entwickelt hat. Und man darf sagen: Hier klingt etwas an von der tiefen Wahrheit. Er weiß nichts von jener Urkultur, die man durch die Geisteswissenschaft kennenlernt. Er ahnt sie nur. Er glaubt, daß in grotesken, in paradoxen Formen sich die ersten Anfänge der Kunst ausgelebt hätten; in wilden, grotesken Figuren hätten sich die Menschen ergangen. Und er malt das so aus, als ob es sich in einem instinktiven Zustand abgespielt hätte, während diese Kunst der Mysterien doch der höchste Ausdruck des Geistigen war. Wie der Mensch in den Mysterien darinstand, kam Nietzsche so vor, als ob der Mensch sich selbst zum Kunstwerk gemacht hätte, als ob er den Rhythmus der Sterne, das Weltgeschehen im Tanze nachgeahmt hätte, als ob er das Weltgesetz hätte ausdrücken wollen. Aber Nietzsche hielt das alles für instinktives Gefühl. Er wußte nicht, daß die Weltgesetze in den reinsten und edelsten symbolischen Formen von Eingeweihten in den Mysterien den Menschen gegeben wurden. Daher hat alles dies bei Nietzsche jenen wilden Ausdruck. Aber es ist eine Ahnung des Tatsächlichen.
[ 18 ] But there was one question that remained for Nietzsche, one that Schopenhauer did not clarify for him. The question of cultural contexts constantly pressed upon him. He had intuitively grasped the primal state of humanity, in which great individual spirits—the initiates—instructed and guided people in the mysteries. Thus he arrived at the concept of the “Overman,” who, as he believed, must necessarily emerge from the history of natural development. This is his concept of the Overman, as the following statement already shows: “By elevating itself to the great human being, nature fulfills its highest goal: the great personality.” Thus, for him, nature and humanity are united. And now everything he experiences becomes anything but theory. It all becomes a deeply personal spiritual experience. It becomes something in which his pain, his joy, and his zest for action blaze forth. What he says matters less than the fact that, for us, his words point to what glowed in his heart. And from the resonance of what he experienced in his soul in this way emerges his first significant work: The Birth of Tragedy. Here he literally stumbles upon how Greek culture developed from ancient Greece, from the state of the united arts. And one may say: Here something of the deep truth resonates. He knows nothing of that primordial culture that one comes to know through spiritual science. He merely senses it. He believes that the very beginnings of art played themselves out in grotesque, paradoxical forms; that people expressed themselves through wild, grotesque figures. And he depicts this as if it had taken place in an instinctive state, whereas this art of the mysteries was, in fact, the highest expression of the spiritual. The way human beings stood within the mysteries appeared to Nietzsche as if they had made themselves into works of art, as if they had imitated the rhythm of the stars and the events of the world in dance, as if they had sought to express the law of the world. But Nietzsche regarded all of this as instinctive feeling. He did not know that the laws of the universe were given to humanity by initiates in the Mysteries in the purest and noblest symbolic forms. That is why all of this takes on that wild expression in Nietzsche. But it is a glimmer of the reality.
[ 19 ] Wie aber sieht nun Nietzsche die spätere Tragödie an? Er sagte, das sei alles Ausdruck und Frucht einer späteren Zeit; da sei der Mensch schon herausgefallen aus dem Zusammenhang mit der Gottheit; da habe er in seinem Tanz nicht mehr die Gesetzmäßigkeiten der Welt nachgeahmt; er habe das nur im Bilde nachgeahmt. Er sah darin ein abgeklärtes Bild des Ursprünglichen, nicht aber dieses Ursprüngliche selbst. So haben wir schon bei Sophokles eine apollinische Kunst vor uns, die im ruhenden Bilde das Ursprüngliche zum Ausdruck brachte. [Lücken in der Nachschrift.] Und durch Richard Wagner wurde Nietzsche zurückgeführt in das alte dionysische Element. Sie sehen, wie der Ausklang seiner Schrift «Die Geburt der Tragödie» ein Gemisch von Sehnsucht, Ahnung und Wirrnis ist.
[ 19 ] But how, then, does Nietzsche view later tragedy? He said that it was all an expression and product of a later era; by then, man had already lost his connection with the divine; in his dance, he no longer imitated the laws of the world; he imitated them only in image. He saw in it a serene image of the primordial, but not the primordial itself. Thus, even in Sophocles we already encounter an Apollonian art that expressed the primordial through a static image. [Gaps in the postscript.] And through Richard Wagner, Nietzsche was led back to the ancient Dionysian element. You can see how the conclusion of his work The Birth of Tragedy is a mixture of longing, intuition, and confusion.
[ 20 ] Jetzt trat ihm jedoch mehr und mehr die äußere Wirklichkeit gegenüber. Er lernte das, was die moderne Kultur an die Stelle der alten setzte, kennen. Was er in der ersten Periode seines Lebens nicht erkennen konnte, was der moderne Materialismus hervorgebracht hatte, das lernte er jetzt kennen. Und von der Stimmung, die ich beschrieb, daß viele der edelsten Geister geradezu eine Beseligung im Materialismus fanden, das lernte er jetzt in seiner Art etwas kennen. Jetzt vergingen für seinen Blick alle Ideale. Wie «auf Eis gelegt», so sagte er einmal, wurden ihm all diese alten Ideale. Jetzt erschienen sie ihm als ein gesetzmäßiges Übel, entstanden aus der menschlichen Schwäche. Es entstand die Schrift: «Menschliches, Allzumenschliches.»
[ 20 ] Now, however, he was increasingly confronted with external reality. He came to understand what modern culture had put in place of the old. What he had been unable to recognize in the first period of his life—what modern materialism had brought about—he now came to understand. And he now came to understand, in his own way, the sentiment I described—that many of the noblest minds found a veritable bliss in materialism. Now all ideals faded from his view. As if “put on ice,” as he once put it, all these old ideals became to him. Now they appeared to him as a natural evil, arising from human weakness. The work Human, All Too Human was written.
[ 21 ] Jetzt kommt die zweite Periode seines Lebens. Er durchlebte die materialistische Weltanschauung so, daß er, nach seiner Art, sein Herz in sie hineinversenken mußte. Das war sein Schicksal, daß er alles, was er denken wollte, in seine Seele schließen mußte. Und gerade aus dieser Weltanschauung, aus dem Darwinismus, ging ihm etwas wie eine Erlösung auf, das ihn wiederum herausführte aus dem Materialismus. Er sah in darwinistischer Weise auf die Entwickelung der Menschheit. Er sagte sich: Der Mensch hat sich herausentwickelt aus der Tierheit. Doch zog er auch die Konsequenzen dieser Anschauung. Er mußte sie ziehen, weil er klar sehen wollte in bezug auf den Materialismus. Denn er mußte mit ihm leben. So kam er zu dem Schluß: Schaue ich auf die Tiergestalten, so sehe ich in ihnen den Rest einer früheren Kultur. Schaue ich auf den Menschen, so muß ich sagen, er enthält als Möglichkeit den Vollkommenheitszustand der Zukunft. Ich darf den Affen eine Brücke nennen zwischen Mensch und Tier. Was ist also der Mensch? Eine Brücke zwischen dem Tier und dem Übermenschen. So schlummert der Übermensch im Menschen, - Nietzsche fühlte, mußte fühlen, was es heißt, so zu leben, daß das, was werden kann, erscheint. Das war die lyrische Stimmung seines «Zarathustra», in dem Liede vom Übermenschen, dem Liede, das die Zukunft schildert. Gefühl knüpfte ihn an diesen Gedanken, Gefühl war das, was ihn erfüllte.
[ 21 ] Now comes the second period of his life. He lived out the materialistic worldview in such a way that, in his own way, he had to immerse his heart in it. It was his fate that he had to enclose everything he wanted to think within his soul. And it was precisely from this worldview—from Darwinism—that something like a redemption dawned upon him, which in turn led him out of materialism. He viewed the evolution of humanity through a Darwinian lens. He told himself: Human beings have evolved from the animal kingdom. Yet he also drew the consequences of this view. He had to draw them because he wanted to see clearly with regard to materialism. For he had to live with it. Thus he came to the conclusion: When I look at animal forms, I see in them the remnants of an earlier culture. When I look at human beings, I must say that they contain, as a possibility, the state of perfection of the future. I may call the ape a bridge between human beings and animals. What, then, is a human being? A bridge between the animal and the superhuman. Thus the Übermensch slumbers within man—Nietzsche felt, had to feel, what it means to live in such a way that what can become appears. That was the lyrical mood of his Thus Spoke Zarathustra, in the song of the Übermensch, the song that depicts the future. Emotion bound him to this thought; emotion was what filled him.
[ 22 ] Und nun sehen wir, wie sich mit diesem ein anderer Gedanke verknüpft. Alle lyrischen Stimmungen klingen im «Zarathustra» an. Aber Nietzsche hatte keine solchen Anhaltspunkte, wie wir sie in der Theosophie haben. Das gab es für ihn nicht. In seinen Gesichtskreis trat nicht der Reinkarnationsgedanke, der Gedanke, daß der «Übermensch» im Menschen lebt als höheres göttliches Selbst im Menschenleibe. Wir sehen den «Übermenschen» wiederkehren, so daß wir trostvoll die aufsteigende Linie der Entwickelung sehen, nicht die Wiederholung des Gleichen. Nietzsche wußte davon nichts. Doch ist ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem, was er sagte und unserer geisteswissenschaftlichen Anschauung. Mit dem Übermenschen-Gedanken verknüpfte sich jetzt für Nietzsche ein anderer, der Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Der Gedanke zeigte sich merkwürdig und ergab sich für ihn so, daß alle Dinge schon unzählige Male da waren. Der Gedanke war der wahre, ureigene Gedanke Nietzsches. Wie Sie alle denken und empfinden, so haben Sie schon unzählige Male gedacht und empfunden, und so werden Sie unzählige Male denken und empfinden. Dieser Gedanke stellte sich nun mit dem des Übermenschen zusammen. In beide Gedanken mußte er sich hineinfühlen.
[ 22 ] And now we see how another thought is linked to this one. All lyrical moods resonate in Thus Spoke Zarathustra. But Nietzsche had no such points of reference as we have in theosophy. For him, that did not exist. The idea of reincarnation—the notion that the “Overman” lives within the human being as a higher divine self in the human body—did not enter his field of vision. We see the “Overman” returning, so that we can view with hope the upward trajectory of evolution, not the repetition of the same. Nietzsche knew nothing of this. Yet there is a mysterious connection between what he said and our spiritual-scientific perspective. For Nietzsche, the idea of the “Superman” was now linked to another: the idea of the eternal recurrence of the same. This idea struck him as remarkable and presented itself to him in such a way that all things had already existed countless times. This idea was Nietzsche’s true, most essential thought. Just as you all think and feel now, so have you thought and felt countless times before, and so will you think and feel countless times in the future. This idea now merged with that of the Übermensch. He had to immerse himself in both of these ideas.
[ 23 ] Nun denken Sie sich den Organismus von Nietzsche, denken Sie an die Lockerung des Ätherleibes, der jederzeit bereit war, sich vom physischen Leibe zu trennen. Denken Sie sich einen Menschen, der das, was er an Gedanken ausbildet, furchtbar ernst nimmt, und denken Sie sich die Stimmung: Wie ich bin, wie ich fühle, so werde ich ewig sein und fühlen. - Und nun bedenken Sie, wie er die Lockerung seines Ätherleibes empfand. Er empfand sie so, daß er hundert Tage im Jahre die furchtbarsten Kopfschmerzen hatte. Dann können Sie verstehen, wie das sich in seiner Seele belebte: unzählige Male war dies da, unzählige Male wird es wiederkehren. - Da empfinden wir auf der einen Seite den Trost bei dem Gedanken an den Übermenschen, auf der anderen Seite das Trostlose bei dem Gedanken an die ewige Wiederkehr des Gleichen. Und wir verstehen Stimmungsgehalte wie solche: «Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!» Wir fühlen vieles von dem, was mit dem Heimatgefühl verbunden ist. Wir fühlen an der Eigenart Friedrich Nietzsches etwas, was mit dem Schicksal der Weltanschauung des 19. Jahrhunderts zusammenhängt. Er mußte das Gefühl der Heimatlosigkeit empfinden. Es ist ein Zeugnis, wie in einer tiefempfindenden Seele die Weltanschauungen ihrer Zeit leben, und wie in ihr die Sehnsucht aufersteht nach einer geistigen Heimat.
[ 23 ] Now imagine Nietzsche’s organism; think of the loosening of his etheric body, which was always ready to separate itself from the physical body. Imagine a person who takes the thoughts he forms terribly seriously, and imagine the mood: As I am, as I feel, so shall I be and feel for all eternity. — And now consider how he experienced the loosening of his etheric body. He experienced it in such a way that he suffered the most excruciating headaches for a hundred days a year. Then you can understand how this came to life in his soul: this has been here countless times, and it will return countless times. - On the one hand, we find comfort in the thought of the Übermensch; on the other, we find despair in the thought of the eternal recurrence of the same. And we understand sentiments such as: “Blessed is he who still—has a homeland!” We feel much of what is connected with the sense of homeland. In Friedrich Nietzsche’s uniqueness, we sense something connected to the fate of the 19th-century worldview. He must have felt a sense of homelessness. It is a testament to how the worldviews of his time live on in a deeply sensitive soul, and how a longing for a spiritual home arises within it.
[ 24 ] So sehen wir, wie erst durch die Theosophie es möglich wird, zu einer Synthesis von Weisheit, Kunst und Religion zu kommen, die sich zu einer großen Kultur wieder zusammenfügen sollen durch die Geisteswissenschaft. Denken Sie sich den Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen weiterentwickelt, so daß er Reinkarnation bedeutet, wodurch dieser Gedanke erst seinen wahren Gehalt erhält, und Sie erfüllen sich mit der Hoffnung, daß jene Vereinigung von Weisheit, Kunst und Religion neu erstehen wird. Es ist nicht die Wiederkunft des Gleichen, sondern ein stetes Vervollkommnen.
[ 24 ] Thus we see how it is only through theosophy that it becomes possible to arrive at a synthesis of wisdom, art, and religion, which are to be reunited into a great culture through spiritual science. If you take the idea of the eternal recurrence of the same and develop it further so that it signifies reincarnation—through which this idea first attains its true meaning—you will be filled with the hope that this union of wisdom, art, and religion will be reborn. It is not the recurrence of the same, but a constant process of perfection.
[ 25 ] Wir dürfen sagen, eine große Frage erscheint uns in Nietzsches Leben, die Frage: Wie ist es einer wirklich tiefen Seele möglich, in der materialistischen Weltanschauung zu leben? In Nietzsches Seele haben wir eine Seele vor uns, die unfähig war, die Antworten auf die bangen Fragen unserer Kultur zu finden. Es fehlte ihr dasjenige, was wir durch die anthroposophische Weltanschauung finden. Und denken wir uns eine andere Seele, die die Möglichkeit hat, diese Antworten zu finden durch die Anthroposophie, die uns Antworten gibt auf die Fragen, die die tiefsten Seelen empfinden müssen. Die Fragen hat Nietzsche gestellt, beantworten konnte er sie nicht. Sehnsucht hat ihn erfüllt, die Sehnsucht hat ihn zerstört. Er ist der Beweis, daß die großen Probleme, die der Geist aufstellen muß, durch die Anthroposophie beantwortet werden müssen. Nach einem Heilmittel der Sehnsucht geht der Schrei Nietzsches. Und das Heilmittel liegt in der Anthroposophie. Sehnsucht war die Kraft der Seele Nietzsches, die so lebendig blieb, daß sie das Äußere dieser Persönlichkeit so aufrecht erhielt als ein Abdruck innerer Lebendigkeit. Es war, als ob über den Geisttod hinaus die Seele bei dem Leibe bleiben wollte, um noch etwas zu erhaschen von den Antworten, die Nietzsche nicht erreichen konnte, nach denen er lechzte und die ihn schließlich zersprengten. Aus Nietzsches Seele können wir die Notwendigkeit der Anthroposophie fühlen. Stellen wir ihn uns als den großen Fragesteller vor, als den Fragesteller der Menschheitsfragen, deren Beantwortung die Notwendigkeit einer anthroposophischen Geisteswissenschaft bedingt.
[ 25 ] We may say that one major question stands out to us in Nietzsche’s life: How is it possible for a truly profound soul to live within a materialistic worldview? In Nietzsche’s soul, we are faced with a soul that was incapable of finding the answers to the anxious questions of our culture. It lacked what we find through the anthroposophical worldview. And let us imagine another soul that has the possibility of finding these answers through anthroposophy, which gives us answers to the questions that the deepest souls must feel. Nietzsche posed the questions, but he could not answer them. Longing filled him; longing destroyed him. He is proof that the great problems the spirit must pose must be answered through anthroposophy. Nietzsche’s cry seeks a remedy for this longing. And that remedy lies in anthroposophy. Longing was the force of Nietzsche’s soul, which remained so alive that it sustained the outward appearance of this personality as a reflection of inner vitality. It was as if, beyond the death of the spirit, the soul wanted to remain with the body in order to catch a glimpse of the answers that Nietzsche could not attain—answers he yearned for and that ultimately shattered him. From Nietzsche’s soul, we can sense the necessity of anthroposophy. Let us imagine him as the great questioner, the one who posed the questions of humanity, the answers to which necessitate an anthroposophical spiritual science.
