Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt
im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen
GA 141
14 Januar 1913, Berlin
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Wir haben im Laufe dieses Winters verschiedene Veranstaltungen gemacht, um noch genauer, als es in den Jahren bisher geschehen konnte, das Leben des Menschen, das heißt das Gesamtleben des Menschen zu begreifen, wie es vorgeht auf der einen Seite zwischen Geburt und Tod in der physischen Welt und anderseits zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt. Wir werden noch Verschiedenes über diesen Gegenstand im Verlaufe dieses Winters zu besprechen haben.
[ 2 ] Es wird nun notwendig sein, daß wir uns bemühen, mancherlei Einzelheiten, die zum vollständigen Verständnis dieser Sache beitragen können, zusammenzutragen, und auch manches in einer ganz besonderen Weise zu beleuchten, das wir schon von anderen Seiten her betrachtet haben. Da bitte ich Sie, heute vor allen anderen Dingen sich zu erinnern, wie wir — auch im Sinne der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» den Verlauf des menschlichen physischen Lebens betrachtet haben, wie wir diesen Verlauf dargestellt haben nach Zyklen: einen Zyklus von der Geburt bis ungefähr zum siebenten Jahre oder, sagen wir bis zum Zahnwechsel; einen zweiten Zyklus vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, ungefähr bis ins vierzehnte Jahr; dann einen dritten Zyklus, die Zyklen also von sieben zu sieben Jahren. Es wird Ihnen zwar klar sein, daß auch schon nach dem, was man äußerlich beobachten kann, die Gliederung in Lebenszyklen völlig berechtigt ist; aber auf der anderen Seite kann es doch auch einleuchten, daß im wirklichen Leben des Menschen diese Zyklen ganz genau nicht eingehalten werden, und daß durch andere, tief in das Menschenleben eingreifende Tatsachen diese Zyklen sozusagen durchkreuzt werden. Haben wir doch selbst eine wichtige, tief in das Menschenleben eingreifende Tatsache immer und immer wieder hervorgehoben, welche sozusagen aus dieser Einteilung in Zyklen herausfällt. Das ist jener Zeitpunkt, bis zu dem sich der Mensch in seinem Leben zurückerinnert und von dem an er anfängt, sich eigentlich als ein Ich auch zu wissen und zu fühlen, der Eintritt des Ich-Bewußtseins also, jenes Zeitpunktes, bis zu dem sich der Mensch später gedächtnismäßig zurückerinnert. Diese Tatsache fällt ja nicht immer genau in denselben Zeitpunkt, aber zumeist so etwa in den Zeitraum zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre; da bricht also das Ich-Bewußtsein über den Menschen herein. Und auch für das spätere Lebensalter wird man ein Ähnliches sagen können. Wenn auch nicht in so schroffer Weise etwas in das Menschenleben hereinbricht wie dieses Aufblitzen des Ich-Bewußtseins, so gibt es doch andere Dinge, welche die reine siebenjährige Zyklenperiode im Leben des Menschen gewissermaßen verwischen. Immer aber werden wir angeben können, daß alles das, was so in das Menschenleben hereintritt und gleichsam die Zyklenperiode durchkreuzt, viel unregelmäßiger sich abspielt als die eigentlichen zyklischen Erlebnisse. So wird man kaum zwei Menschen finden, die sich bis zu genau demselben Zeitpunkt zurückerinnern, die also das Aufblitzen des Ich-Bewußtseins in genau derselben Zeit etwa erlebt haben. Allerdings fällt auch nicht der Zahnwechsel bei zwei Menschen genau in denselben Zeitraum. Aber warum dieses letztere nicht der Fall ist, darüber werden wir noch zu sprechen haben.
[ 3 ] Wenn wir die zyklischen Perioden betrachten, die wir früher angeführt haben, und die in meiner Schrift über die Erziehung des Kindes betrachtet sind, so können wir sagen: Diese Perioden haben eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit; sie fangen an sozusagen bei dem Physischsten des Menschen, bei dem Äußerlichsten des Menschen und gehen mehr nach innen. Wir sprechen davon, daß von der Geburt bis zum siebenten Jahre die Entwickelung vorzugsweise dem physischen Leib gewidmet ist, dann dem Ätherleib, weiter dem astralischen Leib, der Empfindungsseele und so weiter. Also es gehen die Entwickelungsfaktoren immer mehr und mehr von dem Äußeren auf das Innere über. Das ist das Eigentümliche dieser siebenjährigen Perioden. |
[ 4 ] Wie ist es nun mit dem, was sich in der gerade erwähnten Weise hineinmischt und diese Lebenszyklen durchkreuzt? Das Aufblitzen des Ich-Bewußtseins in dem ersten Zyklus ist ein sehr Innerliches, ist etwas außerordentlich Innerliches. Betrachten wir, um in dieser Beziehung Klarheit zu schaffen, was sozusagen wie kontrastierend diesem Aufblitzen des Ich-Bewußtseins entgegensteht.
[ 5 ] Da finden wir, wenn wir sinngemäß das menschliche Leben betrachten, daß das Aufhören des Wachstums, das ja auch einmal im Menschenleben eintritt, in einer gewissen Weise sich allerdings mit einer solchen Tatsache vergleichen läßt, die, gleichsam die siebenjährigen Entwickelungsperioden durchkreuzend, sich ins Leben hereinstellt. Nun wollen wir einmal das Aufhören des Wachstumes, das ja sehr spät beim Menschen eintritt, ins Auge fassen, also die Tatsache, daß der Mensch einmal aufhört zu wachsen. Wie stellt sich diese ins menschliche Leben hinein?
[ 6 ] Betrachten wir die erste siebenjährige Periode, so finden wir, daß sie mit dem Zahnwechsel aufhört. Mit diesem Hervorbrechen der Zähne ist sozusagen der letzte Akt desjenigen gegeben, was man das Ausleben des Formprinzipes nennen kann. Die formenden Kräfte des Menschen machen ihren letzten Ansatz, wenn sie die Zähne heraustreiben. Das ist gleichsam der Schlußpunkt im Formgeben des Menschen; denn später tritt eigentlich das Prinzip, das die menschliche Gestalt bildet, nicht mehr in Aktion. Mit dem siebenten Jahre ist das formgebende Prinzip abgeschlossen. Was später auftritt, ist nur ein Größerwerden dessen, was der Form nach schon veranlagt ist. Der Mensch bekommt vom siebenten Jahre ab nicht mehr eine besondere Umformung des Gehirns. Es wächst nur, was schon angelegt ist; aber die eigentliche Form ist in dem Menschen durchaus schon gegeben, das andere ist ein Wachstum. Daher werden wir auch sagen können: Was das Formprinzip ist, das entfaltet seine Wirksamkeit in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen. Das Formprinzip kommt von den Geistern der Form; so daß diese Geister der Form ihre Wirksamkeit im Menschen in den ersten sieben Lebensjahren entfalten. — Ich kann also sagen: Der Mensch ist, wenn er die Welt durch die Geburt betritt, seiner Form nach noch nicht völlig gebildet; sondern das formgebende Prinzip, die Geister der Form, greifen in den ersten sieben Jahren immer noch ein und haben erst nach dem siebenten Jahre den Menschen so weit, daß dann die Form nur zu wachsen braucht. Aber alle Formanlagen sind bis zum siebenten Jahre da, und die zweiten Zähne sind das, was die formgebenden Prinzipien an dem Menschen noch herausbringen. Das ist der Schlußpunkt des Formprinzips. Wenn das Formprinzip weiterwirken würde, so würden die Zähne noch später erscheinen oder später erscheinen müssen.
[ 7 ] Nun können wir die Frage aufwerfen: Ist damit, daß diese Geister der Form bis in das siebente Jahr an dem Menschen bilden, überhaupt alles, was von Formgeistern kommt, für den Menschen abgeschlossen?
[ 8 ] Das ist gerade nicht der Fall, sondern der Mensch wächst dann fort; er wächst und wächst und bildet die Anlage der Form weiter aus. Er würde, wenn nichts weiter eintreten würde, fortwährend wachsen können; er würde immer mehr wachsen können. Denn wenn wir nur die Formprinzipien in Betracht ziehen, die bis zum siebenten Jahre an dem Menschen tätig sind, so ist kein Grund vorhanden, daß sich nicht diese Formen immer weiter vergrößern sollten. Es ist dafür ebensowenig ein Grund vorhanden, wie gegen das Wachsen irgendwelcher anderer Wesenheiten ein Grund vorhanden ist. Der Mensch könnte weiter wachsen, wenn nichts dazukommen würde. Aber es kommt etwas dazu. Wenn nämlich der Mensch sein Wachstum einstellt, so kommen noch einmal Formprinzipien an ihn heran. Die ganze Zeit schleichen sie schon an ihn heran, aber dann vereinigen sie sich völlig mit seinem Organismus, indem sie diesen ergreifen, aber so, daß sie jetzt ein Hindernis bilden und der Organismus nicht weiter wachsen kann. Die Formprinzipien, die bis zum siebenten Jahre wirken, lassen dem Menschen die Elastizität. Dann kommen andere Formprinzipien an den Menschen heran, und diese sind so, daß sie das, was elastisch ist, in eine abgeschlossene Form einfangen und den Menschen am weiteren Wachstum verhindern. Deshalb hört das Wachstum einmal auf. Und da, wo das Wachstum aufhört, wirken jene Formprinzipien, die an den Menschen von außen herantreten. . Immer muß, wenn Formprinzipien wirken, wenn Formen wachsen, für das Aufhören des Wachstums dadurch gesorgt werden, daß wiederum Formprinzipien von der anderen Seite her den ersten entgegenkommen, polarisch ihnen entgegenstreben. So ist es auch beim Menschen. Wenn also der Mensch etwa bis zum siebenten Jahre diese Form ausgebildet hat, die in der Zeichnung als das schraffierte Feld dargestellt ist, so kann diese Form fortwährend wachsen. Bis zum siebenten Jahre haben — innerhalb des schraffierten Teiles — die Formprinzipien gewirkt. Dann kommen andere Formprinzipien entgegen die ersten wirken von innen, die zweiten von außen — und stellen sich dem Menschen entgegen, so daß er nur bis zu der Linie b-b wachsen kann innerhalb des anderen, leichtschraffierten Feldes. Es ist nämlich wirklich so, als wenn der Mensch bis zum siebenten Jahre ein Kleid bekäme, das elastisch ist, und das er fortwährend vergrößern kann. Aber in einem bestimmten Zeitpunkte wird ihm ein solches gegeben, das nicht mehr elastisch ist; das muß er dann anziehen, und darüber kann er nun nicht mehr hinaus.
[ 9 ] Wir können also sagen, daß sich im Menschen Formprinzipien von innen mit Formprinzipien von außen begegnen; die ersteren kommen von den Geistern der Form, und zwar von jenen Geistern der Form, welche eine ganz regelmäßige Entwickelung im Weltall durchgemacht haben. Die Formprinzipien von außen sind nicht von derselben Art, sondern sie rühren von zurückgebliebenen Geistern der Form her, von solchen Geistern der Form, welche einen luziferischen Charakter angenommen haben. Die sind also das, was rein geistig wirkt; während das, was durch das Materielle wirkt, im regelmäßigen Fortgange so wirkt, daß es richtig die Entwickelung durch Saturn, Sonne und Mond durchgemacht hat, regulär auf die Erde gekommen ist und aus dem Körperlichen von innen heraus die Form des Menschen gestaltet. Die unregelmäßigen Geister der Form wirken so, daß sie hinnehmen, was ihnen geboten wird, und in der entsprechenden Weise zurückhalten. So also wird der Mensch in seinem Wachstum aufgehalten durch solche zurückgebliebenen Geister der Form. Die Wesenheiten der höheren Hierarchien haben die mannigfaltigsten Aufgaben. Unter anderem haben wir auch eine Aufgabe damit heute gekennzeichnet.
[ 10 ] Wir haben nun in der verschiedensten Weise schon dargestellt sowohl wie die regulären Hierarchien wirken, und auch, wie die zurückgebliebenen geistigen Wesenheiten aus den verschiedenen Hierarchien wirken. Und wir haben dargestellt, daß durch die Geister der Form — Sie können es selbst in der «Geheimwissenschaft im Umriß » nachlesen — der Mensch eigentlich in die Lage gekommen ist, die Anlage zum Ich zu bekommen. Wir wissen ja, daß durch die Throne der Mensch die physische Anlage, durch die Geister der Weisheit die ätherische Anlage, durch die Geister der Bewegung die astralische Anlage erhalten hat, und daß er also durch die Geister der Form die Anlage zu dem Ich in seinem physischen Leibe erhalten hat. Wenn wir dies ins Auge fassen, so können wir sagen, daß der Mensch in seinem äußeren Ausdruck durch die regulären Geister der Form zu einem Ich-Wesen zunächst hinorganisiert wird, und daß sich dies in seinem ersten Lebenszyklus ausdrückt; dann aber wird er durch die Widersacher dieser Geister der Form, durch die zurückgebliebenen Geister der Form, in seinem Wachstum aufgehalten. Damit haben wir in der Tat den Gegensatz zu demjenigen kennengelernt, was als erstes, als Innerlichstes zugleich beim Menschen auftritt: das Aufblitzen des Ich-Bewußtseins. Das tritt schon in den ersten Jahren auf, das Innerste. Das Äußerste, die Form, wird erst in späteren Jahren aufgehalten; das ist sozusagen ein Schlußakt. Damit haben wir die zwei Evolutionen im Menschen kennengelernt als etwas Entgegengesetztes. Von der einen habe ich gesagt: Sie kommt von außen und geht nach innen, sie ergreift im einundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele und so weiter. — Dann haben wir eine andere Entwickelung der Tatsachen: diese geht von innen nach außen — bis zum Aufhalten des Wachstums der Form. Es geht vom Geistigen ins Körperliche die eine Entwickelung. Die regelmäßige, die vorzugsweise für die Erziehung interessant ist, sie geht von innen nach außen. Die andere, die viel unregelmäßiger, individueller ist, geht von außen nach innen und drückt sich aus, wenn der Mensch ein bestimmtes Alter erreicht hat, in dem Abschluß des Äußerlichsten, des physischen Leibes.
[ 11 ] So haben wir zwei im entgegengesetzten Sinne wirkende Entwickelungslinien im Menschen. Das ist für den Erzieher sehr wichtig zu wissen. Daher ist mit Recht in dem Buche «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft » auf die erste Entwickelungsreihe Rücksicht genommen, die von innen nach außen geht, weil man nur dort erziehen kann. Auf die andere Entwickelungsreihe, die von außen nach innen, kann man überhaupt nicht einwirken: das ist die individuelle Entwickelung. Das ist etwas, was man zwar berücksichtigen kann, was man aber nicht aufhalten kann und woran man nicht viel erziehen kann. Und das zu unterscheiden, woran man erziehen und nicht erziehen kann, ist von der allergrößten Bedeutung.
[ 12 ] Ebenso wie von den zurückgebliebenen Geistern der Form das Aufhalten des Wachstumes herrührt, so rührt von den zurückgebliebenen Geistern des Willens das erste Auftreten des Ich im Menschen her, wie es im ersten Kindheitsalter aufblitzt. Und dazwischen liegen noch mehrere Tatsachen, wo zurückgebliebene Geister der Weisheit, zurückgebliebene Geister der Bewegung wirken.
[ 13 ] Nun kann man das Gesamtleben des Menschen, mit Einschluß des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt, nicht charakterisieren, wenn man nicht alle Faktoren zusammenfaßt, die auf den Menschen Einfluß haben, wenn man nicht weiß, daß sich schon im gewöhnlichen Leben der Einfluß luziferisch gearteter Naturen in der mannigfaltigsten Weise zeigt. Der Einfluß luziferisch gearteter Naturen zeigt sich aber auch in vielem andern im Leben. Und weil wir in diesen Vorträgen versuchen wollen, das Gesamtleben des Menschen sozusagen aus dem Fundament heraus zu verstehen, so wollen wir es nicht scheuen, auch auf etwas weitere Ausholungen uns einzulassen.
[ 14 ] Zunächst sei auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die uns aber zeigen kann, daß auch auf dem physischen Plan, also zwischen Geburt und Tod, das Leben im Verlaufe der Menschheitsevolution sich wesentlich geändert hat. Und wenn wir dies verstehen, so werden wir auch einsehen können, inwiefern sich das Leben zwischen Tod und neuer Geburt geändert hat. Wer heute das Leben verstandesmäßig, aber oberflächlich betrachtet, der kann leicht glauben, daß es in den Hauptsachen immer so gewesen ist wie heute. Es war aber nicht immer so. Und für gewisse Erscheinungen brauchen wir nur wenige Jahrhunderte zurückzugehen und werden finden, daß gewisse Dinge ganz anders waren. So gibt es heute etwas, was für des Menschen Seelenleben zwischen Geburt und Tod unendlich wichtig ist, und was in der heutigen Weise in noch gar nicht lange verflossenen Jahrhunderten nicht vorhanden war. Das ist das, was man heute in den Ausdruck der «öffentlichen Meinung » faßt. Noch im 13. Jahrhundert wäre es ein Unsinn gewesen, so von einer Öffentlichen Meinung zu sprechen, wie wir das heute tun. Man spricht heute viel gegen den Autoritätsglauben. Aber heute ist der Autoritätsglaube viel drückender vorhanden, als er in den so oft geschmähten früheren Jahrhunderten vorhanden gewesen ist. Damals waren gewiß auch Mißstände zu finden; aber einen so blinden Autoritätsglauben hat es nicht gegeben. Die Blindheit des Autoritätsglaubens drückt sich ja in der Regel dadurch aus, daß die Autorität nicht zu fassen ist. Heute wird sich der Mensch sehr bald geschlagen fühlen — ob dieses oder jenes gesagt wird, aus diesen oder jenen Grundlagen —, wenn man sagt: Aber die Wissenschaft hat dieses oder jenes bewiesen. — In früheren Jahrhunderten haben die Menschen mehr gegeben auf Autoritäten, die ihnen leibhaftig entgegengetreten sind. Aber jenes nicht zu fassende Wesen, was damit gemeint wird, daß man sagt: Die Wissenschaft hat das bewiesen —, ist ein sehr fragwürdiges Ding. In dem, was damit bezeichnet wird, liegt etwas, was heute einen Autoritätsglauben begründet gegenüber einem Unfaßbaren, wie er in früheren Jahrhunderten nicht vorhanden gewesen ist. Mit Dingen, von denen in einer gewissen Beziehung, das ist wirklich wahr, der einfachste, primitivste Mensch in früheren Jahrhunderten versucht hat, nach seiner Art ein wenig zu wissen, etwas zu wissen über gesundes und krankes Leben zum Beispiel, werden sich die Menschen heute, in unserer Kultur, meistens recht wenig befassen. Denn wozu braucht heute jemand etwas zu wissen über gesundes und krankes Leben? Das wissen ja die Ärzte, und denen kann man ja die Verwaltung über Gesundheit und Krankheit übertragen! Das ist auch etwas von dem, was heute in das Kapitel hineinfällt: eine unauffindbare, allergrößte Autorität. Aber was stellt sich nicht noch in das Leben zwischen uns allüberall hinein, wovon der Mensch seit frühester Jugend abhängig wird, wodurch sich Urteile, Empfindungsrichtungen in unser Leben, von frühester Jugend angefangen, hereindrängen! Dieses Herumschwirrende, diese zwischen den Menschen lebenden Strömungen bezeichnet man ja gewöhnlich als öffentliche Meinung, von der Philosophen den Satz ausgesprochen haben: Öffentliche Meinungen sind meist private Irrtümer. — Dennoch aber kommt es nicht darauf an, daß man weiß, daß öffentliche Meinungen meist private Irrtümer sind, sondern daß die öffentlichen Meinungen auf das Leben des einzelnen eine ungeheure Macht ausüben. Für das 13. Jahrhundert würde jemand die Geschichte ganz töricht betrachten, wenn er von einer öffentlichen Meinung für das Leben des einzelnen sprechen wollte. Damals gab es einzelne Persönlichkeiten; die übten allerdings eine Autorität aus in bezug auf dieses oder jenes; denen gehorchte man, sei es in praktischen Dingen oder in Dingen der Verwaltung. Aber was die unpersönliche öffentliche Meinung heute geworden ist, das hat es damals nicht gegeben. Wer dies aus den okkulten Tatsachen nicht glauben will, der studiere einmal aus jenen Jahrhunderten — auch noch in späteren Zeiten — zum Beispiel die Geschichte von Florenz, als die Leitung der Stadt übergegangen war auf die Mediceer. Da wird er schen, wie die einzelnen Autoritäten mächtig sind, aber eine öffentliche Meinung war noch nicht vorhanden. Die bildete sich erst heraus in einer Zeit, die vier bis fünf Jahrhunderte gegenüber unserer Zeit zurückliegt, und man kann geradezu von einem Aufkommen der öffentlichen Meinung sprechen. Solche Dinge muß man als Reälitäten ansehen. Es ist eine reale Sphäre, eine Sphäre herumschwirrender Gedanken!
[ 15 ] Woher kommt nun dies, was wir oft wie unkonstatierbar aufnehmen? Was ist diese öffentliche Meinung?
[ 16 ] Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich von solchen geistigen Wesenheiten gesprochen habe, welche den Hierarchien unmittelbar über den Menschen angehören und welche in verschiedener Weise an der Menschenführung beteiligt sind. Sie brauchen nur mein Buch «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» in die Hand zu nehmen, und Sie werden dort manches über solche, den höheren Hierarchien angehörige geistige Wesenheiten finden. Nun wissen wir auch, daß der größte Einschnitt in der irdischen Menschheitsentwickelung der ist, welcher durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Dadurch ist etwas geschehen, was im Grunde genommen schon die Esoterik des Paulus in der wunderbarsten Weise zum Ausdruck bringt. Paulus hat einfach gesprochen, aber der Art, wie er spricht, liegt eine tiefe Esoterik zugrunde. Paulus konnte nicht immer das, was er als ein Eingeweihter wußte, so ohne weiteres sagen: denn erstens wollte er für einen größeren Kreis sprechen und zweitens war es in seiner Zeit nicht möglich, alles, was er wußte, in der Art zu sagen, wie er die Dinge sagen konnte. Aber seiner ganzen Art der Vorstellung liegt tiefe Esoterik zugrunde. Da finden wir zum Beispiel, daß eine tief bedeutsame Tatsache seiner Unterscheidung des «ersten Adam» und des «höheren Adam», des Christus, zugrunde liegt. Von dem ersten Adam stammen in seinem Sinne die verschiedenen Menschengenerationen ab, indem die Leiber von Adam abstammen. Daher werden wir sagen können: Die physische Verbreitung der Menschheit über die Erde hin, in den verschiedenen Perioden, führt zuletzt auf den physischen Leib des Adam — natürlich Adam und Eva zurück. — Dann werden wir fragen: Was liegt zugrunde der physischen Entwickelung der Menschheit von Adam an? — Natürlich Seelenentwickelung! In den physischen Leibern, die von Adam abstammen, leben Seelen drinnen. Diese Seelen, die von dem Weltenraum herabkamen, haben eine gewisse spirituelle Erbschaft, eine Erbschaft an spirituellem Gut mit auf die Erde gebracht. Aber dieses spirituelle Gut ist im Laufe der Zeit einem Niedergang ausgesetzt gewesen. Menschen, die zum Beispiel im 6., 7. Jahrtausend vor der Begründung des Christentums gelebt haben, haben einen intensiveren, weiterreichenden spirituellen Inhalt gehabt als Menschen, die im 1. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha gelebt haben. Das Gut, das die Menschen einmal mitbekommen haben, ist allmählich in der Seele zurückgegangen, versickert. Es kommt ja für das spirituelle Gut besonders das Leben zwischen Tod und neuer Geburt in Betracht. Wir können auch sagen: Wenn wir weit zurückgehen in die Zeit vor dem Mysterium von Golgatha, so finden wir, daß die Menschen nach dem Tode ein reges, durchleuchtetes Seelenleben haben; dann aber wird das Seelenleben immer düsterer und düsterer, immer dunkler und ‚dunkler; die Menschen nehmen immer mehr nur ein dämmerhaftes Seelenleben mit, wenn sie durch den Tod durchgehen. Besonders bei den fortgeschrittensten Völkern, zum Beispiel bei den Griechen, war es tatsächlich so, daß diese Griechen, trotzdem sie das fortgeschrittenste Volk des Erdballs waren, in ihren Weisen, im Sinne des Fortschrittes in der Entwickelung, wohl sagen konnten: «Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten! » Das ist ein Ausspruch, von dem wir wissen, daß er auf das griechische Volk paßte, weil die Griechen ein vollgesättigtes Leben auf dem physischen Plan durchleben konnten; sobald sie aber durch den Tod gegangen waren, war ihr Leben ein schattenhaftes.
[ 17 ] Das ist eine volle Wahrheit, daß dieses spirituelle Leben, das die Menschen mitbekommen haben und das sich nach dem Tode zeigte als ein hellseherischeres oder dämmerhafteres Bewußtsein, heruntergestiegen war zu einem dumpfen Leben. Und besonders im vierten nachatlantischen Zeitraum, dem griechisch-lateinischen, in welchem das Mysterium von Golgatha sich abspielte, war es am dunkelsten schon geworden.
[ 18 ] Das ist das Bedeutsame an der Taufe durch Johannes den Täufer, daß für gewisse Leute, die er taufte, diese eben charakterisierte Tatsache zum Bewußtsein gebracht werden sollte. Die Menschen, die er taufte, tauchte er voll ins Wasser ein. Sein Taufen war ein völliges Untertauchen. Dadurch wurde der Ätherleib solcher Menschen herausgehoben und sie wurden eine kurze Spanne Zeit unter Wasser hellsichtig. Was ihnen Johannes zeigen konnte, war die Tatsache, daß der Mensch im Laufe der Zeiten in bezug auf sein Seelenleben so zurückgegangen ist, daß er nur noch wenig von dem einstigen spirituellen Gut hatte, das er durch die Pforte des Todes durchtragen konnte und das ihm ein hellscherisches Bewußtsein geben konnte. Und dem, der so durch Johannes getauft wurde, dem gab es die Einsicht: Es ist eine Neubelebung des Seelenlebens notwendig. Es mußte etwas Neues in die Seelen einstrahlen, damit sich wieder ein Leben nach dem Tode entwickeln könne. Und dieses Neue ist in die Seelen eingestrahlt durch das Mysterium von Golgatha. Sie brauchen nur den Vortragszyklus «Von Jesus zu Christus» nachzulesen und Sie werden sehen, daß von dem Mysterium von Golgatha ein reiches spirituelles Leben ausgeht, das auf die einzelnen Menschen, die hier auf der Erde eine Beziehung zu dem Mysterium von Golgatha entwickeln, einstrahlt. Und von da aus beleben sich wieder die Seelen.
[ 19 ] Deshalb konnte Paulus sagen: So wie die physischen Menschenkörper von Adam abstammen, so werden immer mehr und mehr die Seeleninhalte der Menschen von dem Christus, von dem zweiten Adam, dem geistigen Adam, abstammen. — Das ist eine tiefe Wahrheit, welche da Paulus in seine einfachen Worte hineingelegt hat. Wäre nämlich das Mysterium von Golgatha nicht gekommen, so würden die Menschen immer mehr und mehr an Seeleninhalt verloren haben und würden entweder nur zu der Sehnsucht gekommen sein, außerhalb des physischen Leibes zu leben, oder würden nur mit Begierden und Wünschen nach einem rein physischen Leben auf der Erde fortleben, würden immer materialistischer und materialistischer werden. Weil alles langsam und allmählich geschieht, so ist heute noch nicht für alle Erdbevölkerung das ursprüngliche spirituelle Gut versiegt; es gibt noch immer Erdenvölker, die etwas von dem alten spirituellen Gut haben, trotzdem sie keine Beziehung zu dem Mysterium von Golgatha gefunden haben. Aber gerade die fortgeschrittensten Völker können nur ein Bewußtsein nach dem Tode in dem Sinne erringen, als sie in die Lage kommen, «in den Christus hineinzusterben», wie der mittlere Teil der Rosenkreuzerformel sagt. So daß tatsächlich dieses Mysterium von Golgatha wie eine Art Durchstrahlung des Seeleninhaltes der Menschen auf der Erde gewirkt hat.
[ 20 ] Wenn wit dies in entsprechender Weise ins Auge fassen, so haben wir mit Bezug auf die Entwickelungslinie des Menschen Verständnis gewonnen für eine ganz bestimmte Frage, für die Frage: Was ist denn da eigentlich noch geschehen, indem sozusagen die Menschen die Fähigkeit bekommen haben, durch das Verständnis des Mysteriums von Golgatha, eigenen, in ihr Ich hineinstrahlenden Seeleninhalt zu bekommen? Wie unterscheidet sich dieser Seeleninhalt von jenem andern, der vor dem Mysterium von Golgatha wie ein altes Erbgut da war? j
[ 21 ] Der Unterschied ist der, daß die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha in einer viel unselbständigeren Weise diesen Seeleninhalt besaßen. Sie waren also in einer viel unmittelbareren Führung der Wesenheiten, welche wir als Angeloi, Archangeloi und so weiter als die Wesenheiten der nächst höheren Hierarchien kennen. Diese Wesenheiten der nächst höheren Hierarchien führten die Menschen viel, viel unselbständiger vor dem Mysterium von Golgatha als nach demselben. Und der Fortschritt wiederum dieser Wesenheiten der höheren Hierarchien — Angeloi, Archangeloi, Archai — besteht darin, daß sie ihrerseits gelernt haben, immer mehr und mehr die Führung des Menschen in einer die Selbständigkeit des Menschen achtenden Weise zu vollbringen. Immer selbständiger und selbständiger sollten die Menschen auf der Erde leben. Das haben die führenden geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien ihrerseits gelernt, und darin besteht ihr Fortschritt.
[ 22 ] Aber auch diese Geister sind so, daß sie zurückbleiben können. Nicht alle Geister, welche an der Führung des Menschen beteiligt waren, haben wirklich durch das Mysterium von Golgatha die Fähigkeit erlangt, in freier Weise Lenker und Leiter der Menschen zu werden. Es sind von diesen Wesenheiten der höheren Hierarchien welche zurückgeblieben, haben luziferischen Charakter angenommen. Und zu dem, was einzelne von ihnen ausleben, gehört zum Beispiel das, was wir heute öffentliche Meinung nennen. Öffentliche Meinung wird nicht bloß von Menschen gemacht, sondern auch von einer gewissen Art auf der untersten Stufe stehender luziferischer Geister, zurückgebliebener Engel, Erzengel. Diese beginnen erst ihre luziferische Laufbahn, sind noch nicht sehr hoch gestiegen in der Rangordnung ‚der luziferischen Geister; aber luziferische Geister sind es. Man kann mit Seherblick verfolgen, wie gewisse Geister der höheren Hierarchien die Entwickelung nach dem Mysterium von Golgatha nicht mitmachen, wie sie sich verhärten in der alten Art der Führung und daher nicht unmittelbar an die Menschen herankommen können. Die, welche die Entwickelung mitgemacht haben, können in einer regulären Weise an den Menschen herankommen; die sie nicht mitgemacht haben, können nicht heran, und sie wirken in einer verschwommenen, durcheinanderflutenden Gedankenmacht der öffentlichen Meinung. Man versteht auch die Funktion der öffentlichen Meinung nur, wenn man weiß, daß sie in dieser Art in die Menschheit hineinkommt.
[ 23 ] So also haben wir unmittelbar unter uns die Erscheinung, daß sich Wesenheiten aus einer regulären Entwickelung herausbegeben und luziferischen Charakter annehmen. Es ist wichtig, daß man das weiß. Denn jene luziferischen Wesenheiten, welche wir schon kennengelernt haben, und die größere Macht haben, sie haben ja auch «im kleinen » begonnen. Das ganze Heer der luziferischen Wesenheiten hat im kleinen begonnen. Allerdings gab es auf dem alten Mond keine öffentliche Meinung, aber etwas, was sich damit vergleichen läßt, gab es auch, eine Art Führung der Menschen. Und wenn wir dieses Heer der luziferischen Geister ins Auge fassen — was wir sonst als luziferische Geister angeführt haben, sind mächtige, bedeutende Wesenheiten, zum Beispiel die, welche Geister der Form sind und an den Menschen so heranschwirren, daß sie sein Wachstum aufhalten —, wenn wir aber von den anderen jetzt sprechen, von dem Heer der luziferischen Geister, so sind das gleichsam erst die Rekruten; aber es beginnt da etwas mit der Karriere der luziferischen Geister, was erst später ganz andere Dimensionen annehmen wird, weil die Geister, die da eingreifen, immer mächtiger und mächtiger werden. Die öffentliche Meinung, welche da an den Menschen herantritt und die gelenkt und geleitet wird von gewissen luziferischen Wesenheiten niederster Natur, die muß, weil sie sozusagen der Mensch aufnimmt zwischen Geburt und Tod, auch ihr Gegengewicht haben in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Das heißt: der Mensch muß, weil er in dem Leben zwischen Geburt und Tod in eine solche Strömung eingefangen wird, wie sie jetzt charakterisiert worden ist, ein entsprechendes Gegengewicht erleben zwischen Tod und neuer Geburt. Denn würde er das nicht erleben, so würde sich das Folgende zutragen.
[ 24 ] Diejenigen Geister, welche da zurückgeblieben sind und die öffentliche Meinung machen, haben gar keine Bedeutung, gar keine Gewalt mehr für das Leben, das der Mensch durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt. Sie haben sich dieser Macht, dort zu wirken, vollständig begeben, weil sie schon hier auf dem physischen Plan wirken, auf geistige Art wirken, und zwar auf eine Art, wie es nur als öffentliche Meinung möglich ist. Von der öffentlichen Meinung kann der Mensch nichts mitnehmen in die geistige Welt. Alles, was er davon mitnehmen wollte, würde sich höchst deplaciert ausnehmen, wenn wir es anwenden würden nach dem Tode. Es muß schon gesagt werden, trotzdem es manchem sehr sonderbar erscheinen wird: alle die öffentlichen Urteile, alles, was den Menschen in bezug auf sein Urteil verhältnismäßig sehr früh einfängt, macht ihm sein Leben im Kamaloka schwierig, wenn er an diesen Dingen hängt und sie ihm lieb geworden sind. Und besonders solche Menschen, welche innerhalb der öffentlichen Meinung glauben, daß man sein eigenes Urteil hat — denn das hat man da nie —, machen sich höchstens ihr Kamaloka schwierig. Aber nach dem Kamaloka hat die öffentliche Meinung gar keine Bedeutung mehr. Und für die Zustände nach dem Tode hat es wahrhaftig nicht den geringsten Wert, ob selbst solche Nuancen der öffentlichen Meinung die Menschen haben wie liberal oder konservativ, radikal oder reaktionär. Das ist etwas, was für die Gliederung der verschiedenen Gruppierung der Menschen keine Bedeutung hat, und was auch nur auf der Erde begründet wird, um die Menschen von dem Fortschritt abzuhalten, den sie machen sollen zur Erhellung des Bewußtseins, das nach dem Tode wirkt. Diese Wesenheiten, die hinter der öffentlichen Meinung stehen, wollten zurückbleiben hinter dem Fortschritt, der durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Für die Erdentwickelung aber wird das Mysterium von Golgatha eine immer größere und größere Bedeutung gewinnen. Und wir müssen uns durchaus klar sein, daß die Zukunft der Erdentwickelung nicht etwa so geschehen kann, daß man diese Dinge — öffentliche Meinung und dergleichen —, die eine Notwendigkeit in der Entwickelung darstellen, verbessern kann. Besser können die Menschen in ihrem Innern werden. Daher muß die Entwickelung immer mehr und mehr in das Innere eingreifen; so daß der Mensch in der Zukunft viel mehr einer öffentlichen Meinung gegenüberstehen wird, aber sein Inneres wird stärker geworden sein. Das kann nur durch die Geisteswissenschaft geschehen. Aber daß der Mensch immer mehr und mehr denjenigen Geistern gewachsen sein kann, die als Rekruten der luziferischen Wesen sich jetzt geltend machen und deren Geltendmachen sich jetzt ausdrückt in der öffentlichen Meinung, das wird nur dadurch möglich sein, daß der Mensch auch zwischen Tod und neuer Geburt etwas durchmacht, was wieder sein Inneres stärker macht, was dasjenige in ihm stärker macht, das unabhängig ist vom Erdenleben. Während er sich gerade durch die öffentliche Meinung vom Erdenleben abhängiger und abhängiger macht, muß er zwischen dem Tode und der neuen Geburt etwas aufnehmen, was ihn im nächsten Erdenleben immer freier und freier von der öffentlichen Meinung macht.
[ 25 ] Damit hängt zusammen, daß gerade in der Zeit, als die öffentliche Meinung heraufkommt und eine Bedeutung gewinnt, begründet wird was hier in unseren Vorträgen in der Weihnachtszeit dargestellt worden ist — das Buddha-Reich auf dem Mars, so daß der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt durchgeht durch das Buddha-Reich auf dem Mars. Christian Rosenkreutz hatte dem Buddha die Mission gegeben, in besonderer Weise auf dem Mars zu wirken. Und das, was hier auf der Erde nicht taugen würde: das Fliehen-Wollen, das LoskommenWollen von den irdischen Verhältnissen, das muß der Mensch durchmachen zwischen Tod und neuer Geburt, während er die Mars-Sphäre durchläuft. Da wird unter anderm das errungen, daß er die Hülle der nur für die Erde taugenden öffentlichen Meinung wieder abstreift. Denn noch viel drückendere Dinge werden in der Zukunft kommen, und noch viel notwendiger wird es sein, das durchzumachen, was der Mensch als Schüler des Buddha auf dem Mars durchmachen kann. Hier auf der Erde können die Menschen nur Schüler des Buddha sein, wenn sie nicht mitwollen mit dem fortgeschrittenen Teil der Erdbevölkerung. Aber zwischen Tod und neuer Geburt entfaltet der Buddha das, was aus seiner Lehre geworden ist, was er hier geltend gemacht hat — daß der Mensch frei werden soll von den Verkörperungen —, als eine Lehre, die nicht dem Leben auf der Erde dient, welches von Verkörperung zu Verkörperung fortgehen soll. Was er damals gab, war mit der Anlage versehen für den Menschen im entkörperten Zustand. Die fortgeschrittene Buddha-Lehre ist die richtige für die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und wie Buddha erschienen ist im astralischen Leibe des Lukas-Jesusknaben, so wiederum führt der Christus selber die Menschen zwischen Tod und neuer Geburt, indem er sie durch die Mars-Sphäre geleitet, damit sie die fortgeschrittene Buddha-Lehre aufnehmen können. So daß die Menschen in der Sphäre des Mars frei werden können von dem, was sie — untauglich für ihren weiteren Fortschritt auf der Erde — durch das Uniformierende der öffentlichen Meinung aufnehmen. Und wenn der Mars tatsächlich in früheren Zeiten bezeichnet wurde als der Planet der kriegerischen Tugenden, so hat allerdings der Buddha nach und nach die Aufgabe, diese kriegerischen Tugenden so im Menschen zu verwandeln, daß sie freien, unabhängigen Sinn in der heute notwendig gewordenen Art begründen. Während der Mensch heute sein Freiheitsgefühl hinzugeben geneigt ist an das, was als öffentliche Meinung die Menschen immer mehr fesseln will, wird er gerade auf dem Mars zwischen Tod und neuer Geburt das Streben haben, sich diesen Fesseln zu entwinden und sie nicht wieder in das Leben der Erde hereinzubringen, wenn er wieder zur neuen Verkörperung kommt.
[ 26 ] In diesem Zusammenhang haben wir etwas, was, wie mir scheint, in der wunderbarsten Weise charakterisiert, wie Weisheit in der Welt waltet, wie alles, was vorschreitet und zurückbleibt, in der Tat zuletzt in der Weltentwickelung so gelenkt wird, daß die Harmonie dieser Weltentwickelung das letzte Resultat doch ist. Der Mensch kann nämlich wirklich nicht, sozusagen in der mittleren Linie, seinen Fortschritt bewirken. Das erlangen ja manche, daß sie einsehen — ich habe es vielleicht auch hier schon erwähnt —, daß man sich nicht einseitig auf den Boden dieses oder jenes Standpunktes stellen kann. Wir sehen allerdings draußen in der Welt Idealisten, Materialisten und andere «isten» in entsprechender Weise auf ihren Standpunkt schwören. Große Geister wie Goethe zum Beispiel tun es nicht; sie suchen den materiellen Verhältnissen durch materielles Denken, dem Geistigen durch idealistisches Denken beizukommen. Wenn dann kleinere Geister dies erfaßt zu haben glauben, so sagen sie: Zwischen zwei verschiedenen Standpunkten liegt die Wahrheit in der Mitte. — Das wäre etwa dasselbe, als wenn sich jemand im praktischen Leben zwischen zwei Stühle setzen wollte. Aber es wird erst die Wahrheit gefunden, wenn man sich nicht in einseitiger Weise auf diesen oder jenen Standpunkt stellt, das heißt, wenn man imstande ist, das, was als Erkenntnisart der Materialismus hat und was als solche der Idealismus hat, in entsprechender Weise anzuwenden. Die Welt kommt nicht dadurch vorwärts, daß man immer die Mitte hält; die Mitte ist in entsprechender Weise dann vorhanden, wenn auch die einzelnen Seiten vorhanden sind, und wenn man sie als Kräfte berücksichtigt. Wenn man zum Beispiel etwas auf einer Waage wiegen will, so braucht man nicht nur das, was in der Mitte der Waage ist, sondern auch die beiden Waageschalen. So muß auch neben dem, was die öffentliche Meinung ist, deren Gegenpol vorhanden sein: die Buddha-Lehre auf dem Mars, die nicht da wäre, wenn die öffentliche Meinung nicht gekommen wäre. Das Lebendige braucht die Polarität, braucht den Gegensatz; man kann nicht nur die einzelnen Gegensätze fortschaffen wollen, sondern das Leben schreitet vor in der Polarität. — Es könnte ja jemand glauben, daß es besser wäre, da der Südpol und der Nordpol der Erde entgegengesetzt sind, es gäbe beide nicht! Wenn sie auch nicht so entgegengesetzt sind, wie jener Professor meinte, von dem es heißt, er habe so schnell seine Bücher geschrieben, daß er nicht dabei nachdenken konnte, und daher sei es passiert, daß er den Satz hinschrieb: Die Kultur konnte sich nur entwickeln in der mittleren Zone der Erde, denn auf dem Nordpol würde die Kultur erfrieren vor Kälte und auf dem Südpol verschmelzen vor Hitze, — aber in anderer Beziehung sind Nordpol und Südpol wirklich polarische Gegensätze, die vorhanden sein müssen, weil nicht durch das Neutrale, sondern durch das Aufrechterhalten und Sich-Harmonisieren der Gegensätze fortgeschritten werden kann. So mußte das, was auf der Erde sich entwickelt, eine Entwickelung durchmachen, die unter das Niveau des Fortschrittes hinuntergeht. Denn die öffentliche Meinung ist weniger wert, als was sich der einzelne als Meinung, wenn er fortschreitet, erringen kann. Sie ist untermenschlich. Diesem Untermenschlichen steht die BuddhaStrömung entgegen, die der Mensch durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt. Beide müssen da sein. Das ist außerordentlich wichtig in der Entwickelung zu berücksichtigen.
[ 27 ] Also es ist wirklich so, daß wir sagen können: Ja, es gibt zurückgebliebene Geister; aber alles, was auf der einen Seite zurückbleibt, was auf der anderen Seite hinausschreitet über die Entwickelung, das alles wird durch die gesamte Weisheit der Welt so gestellt, daß zuletzt die Harmonie herauskommt. Die zurückgebliebenen Geister werden verwendet, um immer den entgegengesetzten Pol zu bezeichnen von weiter vorwärtsgeschrittenen Geistern.
[ 28 ] Wenn wir so das Leben betrachten, dann wird uns klar werden, wie der Mensch gegen die Zukunft der Erdentwickelung hin immer mehr und mehr Anlagen in das Leben hereinbringen wird, welche in anderer Weise sich geltend machen als die rein physischen Anlagen. Und das wird etwas sein, was immer mehr und mehr zeigen wird, daß man auch noch mit anderen Anlagen des Menschen wird zu rechnen haben als mit rein physischen. Physische Anlagen wird man finden — wenn sie auch nach und nach sich erst zeigen —, die bis in das Säuglingsalter zurückverfolgt werden können; aber es wird andere Anlagen allmählich geben, die sich nicht bis ins Säuglingsalter zurück verfolgen lassen, sondern die in einer gewissen deutlichen Weise erst im späteren Menschenalter auftreten. Und das wird eine Eigentümlichkeit der Entwickelung gegen die Zukunft zu sein, daß es immer mehr Menschen geben wird, von denen man wird sagen müssen: Was ist da eigentlich mit dem Menschen in einem bestimmten Lebensalter geschehen? Er ist wie ausgewechselt, wie ein anderer geworden! — Das wird sich immer mehr und mehr zeigen. Es werden sich Anlagen zeigen, die früher ganz und gar nicht veranlagt waren, die erst in einem bestimmten Alter auftreten. Das werden die weitestentwickelten Seelen sein, die etwas wie einen gewissen Bruch im Leben aufweisen — denn, daß der Mensch ein Buddha-Schüler war im Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das zeigt sich nicht sogleich, sondern erst im späteren Lebensalter —, und das wird der Fall sein bei denen, von denen wir sagen können: Bis zu einem gewissen Zeitpunkte konnten wir sie verfolgen, da haben sie ihre individuellen Eigenschaften gezeigt; dann treten ganz neue Richtlinien auf, sie bekamen Verständnis für etwas ganz anderes, als wofür sie vorher Verständnis gezeigt haben. Das werden diejenigen Menschen sein, die auch in der Zukunft viel mehr die Träger des wahren geistigen Fortschrittes sein werden, die vielleicht sogar nur als Leute gelten werden, die sich spät entwickeln, weil man glauben wird: Er war früher eben unentwickelt, deshalb kamen diese Eigenschaften erst spät heraus. — In Wahrheit wird es aber so sein, daß diese Menschen im späteren Leben erst die Eigenschaften hervorbringen, die so ihnen eigen sind, aus dem Grunde, weil sie in früheren Erdeninkarnationen sich die Ursachen gelegt haben, um durchgehen zu können in besonders intensiver Weise durch die Marskultur und sich dort Anlagen erwerben konnten, durch welche sie originell wirken konnten innerhalb der Menschheitsentwickelung, einen neuen Einschlag der Menschheitsentwickelung bringen konnten. Deshalb werden für die eigentliche spirituelle Kultur immer mehr und mehr jene Menschen eintreten, welche sozusagen — ich habe das schon einmal von einem andern Gesichtspunkte aus erörtert — von ihrer Jugend an weniger Anlagen zeigen für einen solchen spirituellen Standpunkt, den sie im späteren Leben einnehmen.
[ 29 ] Und wir sehen jetzt, daß es aus diesem Grunde ist, daß in der rosenkreuzerischen Richtung immer eine Tatsache hervorgehoben worden ist, die wir ja in den verflossenen Zeiten anführen konnten, aber — weil wir nicht so weit in der Charakteristik waren, wie wir jetzt sind — sie nicht begründen konnten. Die, welche im rosenkreuzerischen Sinne das Initiationsprinzip im Abendlande vertraten, haben immer ausdrücklich hervorgehoben, daß es unmöglich ist, für die eigentlichen führenden Individualitäten schon in der Kindheit herauszufinden, daß sie führende Individualitäten sind, weil dies Individualitäten sind, bei denen im angedeuteten Sinne sich eine Art von Bruch im späteren Leben zeigt. — Wenn der Seher heute über den Buddha spricht, so weiß er vor allen Dingen, daß Buddha treulich gehalten hat, was seine Lehre versprochen hat: er hat fortgefahren, für dasjenige im Menschen zu wirken, was nicht unmittelbar nach der physischen Körperlichkeit hin drängt, was daher auch nicht von Anfang an in der physischen Körperlichkeit inkarniert erscheint, sondern erst dann in den Menschen hineingeht, wenn die physische Körperlichkeit eine gewisse Entwickelung durchgemacht hat, wenn sie bis zu einer gewissen Stufe an den Geist herangekommen ist. Dann kommt das, was der Buddha den Menschen gibt. Das tritt dann erst im späteren Lebensalter auf.
[ 30 ] Das müssen wir berücksichtigen, wenn wir die vollständige Entwickelung des Menschenwesens verstehen wollen. Was sich für den einzelnen Menschen daraus ergibt in bezug auf das Leben zwischen Geburt und Tod, davon später.
